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Texte zu Kunst und Glaube

Begegnung von Kunst und Kirche

“Mein Bild von Gott”
„Reichenauer Künstlertage" diskutieren über Kirchenräume, Lebensgefühle und Glauben
>>> Hier geht es zum lesenswerten Bericht von Jürgen Springer (CiG 47/2006)
 

Kunst und christ-
licher Glauben

Was haben Kunst und Kreativität mit christlichem Glauben zu tun?
>>> Link zur ermutigenden Betrachtung von Beat Rink, Leiter der internat. Musikerarbeit “Crescendo” (www.crescedo.org)
 

religiöse Qualität

„Kunst kann in jeder Form eine religiöse Qualität annehmen, wo sie den großen Fragen unserer Existenz begegnet, den fundamentalen Themen, die dem Leben den Sinn geben. Dadurch werden sie zu einem Weg tiefer innerer Reflexion und Spiritualität.“
Papst Benedikt XVI. am 21.11.2009 in seiner Ansprache an 270 geladene KünstlerInnen
 

Symbolkraft

“Im übrigen ist nichts schwerer zu begreifen als ein symbolisches Kunstwerk. Ein Symbol wächst über den, der es gebraucht, stets hinaus und lässt ihn tatsächlich mehr ausdrücken ...” Albert Camus                                                                                                     

Kraft der Kunst

"Die Kunst kann für einen Maler viele Dimensionen, viele Perspektiven haben. Für mich liegt die wahre Bedeutung eines Kunstwerks in seiner Kraft, unser individuelles Bewusstsein so zu verändern, dass wir, und wenn nur für einen Augenblick, eine höhere Realität wahrnehmen können. Dies ist die wahre Bedeutung der Kunst. Sie hilft, die Welt zu interpretieren und zu verstehen. Natürlich hat die Kunst noch andere Werte, rein ästhetische oder ethische zum Beispiel. Sie hat auch etwas mit Gesellschaftskritik und politischer Stellungnahme zu tun."
Antoni Tàpies
 

fragwürdige Bilder

“Eine religiöse Welt braucht aber die Kunst, um das Geheimnis, um das es bei ihr geht, geheimnisbezogen auszudrücken - in Form von Sinnbildern und Symbolen, die Nachdenklichkeit, Erstauen, Entzücken, aber auch Schrecken auslösen. Doch ein solcher Ausdruck gilt immer nur bedingt und darf niemals festgehalten werden. Bilder sind immer fragwürdig.”
P. Friedhelm Mennekes im Gespräch mit Brigitta Lenz im Buch “Zwischen Freiheit und Bindung, Köln 2008, S. 106
 

Kirche und Kunst

“Das Gemeinsame von Kunst und Kirche wäre dann, dass beide Systeme im Menschen Bewegung und Prozesse in Gang setzen können.”

“Die Kirche hat einen zu begrenzten Anspruch an die Kunst. Sie will Vertrautes, einen kontrollierten Ausdruck, den Effekt der Bestätigung oder der Wiedererkennbarkeit. Sie will, dass die Kunst etwas darstellen soll. Die Kunst hat aber nichts darzustellen. Sie soll keine programmatischen Inhalte ausdrücken. Mein Eindruck ist, dass die Kirche nicht mehr genügend Sehkraft hat. Sie ist des Sehens müde und sieht auf eine enge, ängstliche Weise.” (S. 110)

“Kunst und Kirche sind getrennte Welten und müssen es bleiben. Sie dürfen sich gegenseitig keine Vorschriften machen. Sie müssen einander herausfordern und die punktuelle Begegnung zu einem beglückenden Augenblick machen. Nur wenn sie sich auf diese Herausforderung einlassen, können Prozesse ablaufen, an deren Ende für beide Seiten neue Sichten stehen.” (S. 116)
P. Friedhelm Mennekes im Gespräch mit Brigitta Lenz im Buch “Zwischen Freiheit und Bindung, Köln 2008
 

Das Entschei-
dende ist im Unsichtbaren

“Die im Stillen verborgene Intensität: Materie, Licht, Klang, ausgedehnt in Raum und Zeit, evozieren die Wahrnehmung, das Denken, den Geist jenseits der Wirklichkeit. Die Erschaffung eines Kunstwerkes bedeutet, diese Elemente in eine Selbstdarstellung zu bringen, sie zu übersetzen. Die sogenannte Wirklichkeit ist nur die Spitze des Eisberges. Das Entscheidende liegt im Unsichtbaren. Es verbirgt sich gerade im Banalen, in den stillen Dingen des Alltags.”  Noriyuki Haraguchi 
                                               

Auseinander- setzung

„Kunst und Religion habe ich immer getrennt. Das ist mir ganz wesentlich. (...) Sie (die Kunst) ist autonom geworden. Seither gibt es einen ziemlichen Bruch zwischen Kirche und Kunst. Dieser Bruch wird deutlich, indem man in eine Kirche geht und feststellt, dass es dort weiterhin keine Kunst gibt (...) Kunst ist kein Einrichtungsgegenstand. Kunst ist für mich ein Gegenstand der Auseinandersetzung, nicht der Schmückung.“
P. Friedhelm Mennekes SJ
 

 

Zitat von Gregor dem Großen: "wir sollen aus der Darstellung eines Gemäldes lernen, was wir anbeten sollen." Im gleichen Geist Johannes Paul II.: "Um die Botschaft weiter zu geben, die ihr von Christus anvertraut wurde, braucht die Kirche die Kunst. Denn die Kirche soll ... die Welt Gottes wahrnehmbar, ja, so weit als möglich, faszinierend machen." (9)

"Die Künstler jeder Epoche haben die herausragenden Ereignisse des Heilsmysteriums den Gläubigen zum Betrauchten und Bestaunen dargeboten und sie im Glanz der Farbe und in der Vollkommenheit der Schönheit zur Darstellung gebracht."

"Dies ist ein Zeichen dafür, dass das sakrale Bild in der visuelen Kultur von heute viel mehr als das Wort auszudrücken vermag, weil es in seiner Lebendigkeit die Botschaft des Evangeliums äußerst wirksam zur Sprache bringt und weitergibt." Benedikt XVI. (Einführung zum Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche)

 

Weg der Sinnfindung

Religiös inspirierte Bilder sollten nicht wohlfeil abbilden, sondern die Betrachtenden auf die Suche nach inneren Bildern schicken und ihnen so zur Begegnung mit dem sich offfenbarenden Gott verhelfen. Dies schließt Konflikte und Abgründe keineswegs aus. Im Gegenteil. Angesichts der verlogenen Vertröstungen, die uns in unserer gegenwärtigen Gesellschaft und Kultur von allen Seiten multimedial entgegengeschleudert werden, ist solche Selbstbegegnung wohl der ehrlichste und zukunftsträchtigste Weg, um sich der Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen.
Albert Gerhards in: Herbert Falken, Kunstpreis der Stadt Düren 2007, S. 27
 

Qualitätsbildende Elemente, die den Kirchenraum und die Kunstwerke auszeichnen:

1. Man wird berührt.
2. Ein Werk hat Innovationswert.
3. Menschliche Werte werden neu gesehen und definiert.
4. Etwas für die Zeit Neues und Bedeutendes.
5. Die Freiheit der Künstler-Autonomie.
Ludwig Mödl, Der Funke im Stein. Ein Gespräch zu “Kunst und Kirche”, München 1999, 49-50
 

Kunst
und Ver-
kündigung

Der Kirche liegt die pastorale Erschließung ihres Kunstschatzes besonders am Herzen. Denn sie weiß wohl, dass ihr die Vermittlung von Kunst für die Weitergabe aller Aspekte, der ihr von Christus anvertrauten Botschaft, besonders nützlich sein kann.
Papst Johannes Paul II. im Oktober 2002 vor den Teilnehmern der 4. Vollversammlung der Kommission für die Kulturgüter der Kirche
 

Kunst und Gott:
Unbegreiflich!

Kunst könnte viele neue Freunde gewinnen, wenn endlich der Irrtum beseitigt würde, sie müsste so klar verstanden werden wie das Schild „Halteverbot“. Betrachten wir also die Kunst als schwer begreiflich bis unbegreiflich. Letzteres hat sie mit Gott gemeinsam, wobei wir uns stets dessen bewusst sein sollten, dass nicht alles, was unbegreiflich ist, von Gott stammt.
Manfred Rommel, dialog 2007, S. 23
 

Dreifache Aufgabe der spirituellen Theologie

Der spirituellen Theologie wächst heute eine dreifache Aufgabe zu:
Erstens müssen wir im Umfeld der Reproduktionskunst und der Fernsehwelt die Bedeutung des Schauens für die Menschen von heute neu bedenken und nicht anpassend, sondern kritisch eine neue “Schaukultur” fördern. Dazu müssen wir zweitens mit denen zusammenarbeiten, die als Künstler mit der Sprache der Bilder die Tiefen der Wirklichkeit darzustellen suchen und dabei auch die transzendierende Wirklichkeit tangieren, und wir müssen drittens unseren so verharmlosenden Gebrauch von “Dekorationskunst” kritisch überprüfen. Wir müssen deshalb Bilder der Andacht heute kritisch hinterfragen und unsere Sehgewohnheiten auf die Qualität der “energeia” und “evidentia” hinführen, um so die Wahrheit von Bildern und Zeichen neu entdecken zu können.

Ludwig Mödl, Die Spiritualität des Schauens, in: “Spiegel des Heiligen”, Regensburg 2003, S. 30
 

Erfahrbar-
keit von geistigen Wirklich-
keiten

Geistige Wirklichkeiten sind uns Menschen nur über die Sinne vermittelbar. Vermittlung ist ein kreativer und dynamischer Prozess, der den Menschen als gestaltendes Wesen herausfordert. Das es kein Menschsein ohne Gestaltung gibt, legt Günter Rombold seinen Ausführungen (LThK 6 1997, 533-535) zugrunde. Das bedeutet: Die sehbaren, hörbaren, riechbaren oder fassbaren Dinge bezeichnen dort, wo sie zu Vehikeln geistiger Aussagen werden, in ihrer begrifflichen Fassung mehr als nur die sie umschreibenden Inhalte. Sei weisen über sich hinaus und werden als Bilder, Metaphern oder Begriffe zu Trägern nichtsinnenhafter Wirklichkeiten. Auch für die religiösen Wahrheiten trifft dies zu. Ästhetik als die Ausdrucksform von Wirklichkeit gehört wesentlich zur Kultur und damit auch zur Religion. Religion braucht Sprache (gesprochen und geschrieben), Musik, Architektur und bildende Kunst, um sich vermitteln zu können. Sie braucht die Ausdrucksformen der je gegenwärtigen Zeit, um Transzendentes zu vermitteln. Das gilt auch für heute. Günter Rombold formuliert: “Transzendenz in der modernen Kunst? ... Versteht man ... darunter, dass Kunst transzendiert, dass sie hinweist auf das Unbedingte, das unsere bedingte Existenz trägt, dass sie nach diesem letzten Geheimnis fragt, es auch in Frage stellt, dass sie in immer neuen Anläufen das Ganze der Welt deutet, je stets neu und anders entwirft, dann ist Transzendenz ein Focus auch moderner Kunst.” (G. Rombold, Der Streit um das Bild. Zum Verhältnis moderner Kunst und Religion, Stuttgart 1988, 268) Die sich wandelnden Formen dieser Kunst- und Darstellungsgattungen hängen damit zusammen, dass je andere Erfahrungswelten des Menschen andere Ausdrucksformen hervorbringen, um die erahnte Geistigkeit hinter den Dingen neu vermitteln zu können. Auch altbekannte Wahrheiten brauchen neue Aussageformen, sollen sie in ihrem Wahrheitsgehalt verstehbar bleiben, da sich die Erfahrungsräume der Menschen verändern. Neue Formen künden andererseits vom allzeit wirkenden Geist. Sie geben andere Anteile der Geisteswelt und der unfassbaren “Überwelt” kund. Eine lebendige Religion braucht deshalb neben den Traditionsformen, die in langen Generationsketten Bewährtes aufbewahren, innovative Elemente sinnenhaft erfassbarer Räume, Bilder, Klangfolgen, Worte und Begriffe. Nur so kann die geistig-geistliche Wirklichkeit in den dauernd sich ändernden Situationen des Menschenlebens spürbar und darstellbar bleiben.
Ludwig Mödl, Kunst der Gegenwart im Blickfeld der Pastoral, in: “Spiegel des Heiligen”, Regensburg 2003, 233
 

 

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Paul Klee
                                                                                                                                                                                                      

Kunst zielt
auf Austausch

Kunst macht nicht sichtbar, sondern sie muss durchlässig sein, damit anderes sichtbar wird. Kunst ist wie ein Schleier, durch den hindurch wir das dahinter Liegende erkennen können. Sie ist gleichsam eine osmotische Zellwand, die den Austausch zur Transzendenz hin möglich macht. Kunst zielt auf diesen Austausch.
Theo Sundermeier, Aufbruch zum Glauben. Die Botschaft der Glasfenster von Johannes Schreiter, Frankfurt, 2005, S. 8
 

Kunst in der Kirche soll
bewegen

Neues müssen sie [die Künstler] schaffen, und diesem Neuem muss eine Kraft innewohnen, die geistige Wirklichkeiten in die Seelen der Menschen “einbrennt”. (239)

Kunst in der Kirche soll bewegen. Dies wird sie nur erreichen, wenn sie durch ihre Form und ihre Vielsprachigkeit immer wieder Überraschendes im Rezipienten erzeugt. Ob es ein provokantes Bild ist, eine abstrakte Plastik oder eine auf die Grundformen reduziertes Formgebilde - es soll  die Beschauer befähigen, das im [Kirchen-] Raum Geschehende tiefer zu erfassen und sich auch vom Gesamten des Raumes ergreifen zu lassen. (Spiegel des Heiligen, 240) Im Sakralraum sollen die Menschen - durch irgendwelche sinnenhaften Gegebenheiten angestoßen - die Ahnung von einer jenseitigen Wirklichkeit erspüren. Zugleich soll ihnen dieses Gefühl des “Mehrwertes”, das sich in allem und jedem präsentieren kann, den Lebensmut stärken und sie nach oben und zur Seite hin öffnen. (242)

Die Anstossgedanken der Künstler erscheinen nicht selten alltäglich banal, oftmals bestehen sie aus kaum wahrnehmbaren Kleinigkeiten, hier und da kommen sie sogar als skurrile oder verquere Spiele daher. Aber das Nichsagbare, das sich dann als Formung von “Wirklichkeit mit Mehrwert” zeigt, kommt in der anderen Form des Bildes in die Erfahrungswelt der Rezepienten. Es geht immer um diesen “Mehrwert”, der nicht andres beschreibbar ist, als dass er sich sinnenhaft in einer neuen Form präsentiert. (241)

Moderne Kunstwerke wollen im Beschauer etwas bewegen. Deshalb sprechen sie ihn direkt an. Das Signal kann vom Betrachter in unterschiedlicher Weise aufgenommen, rezipiert und innerlich verarbeitet werden. Ein Bild kann affizieren. Der Mensch weiss zunächst gar nicht, was es ist, das ihn anzieht. Eine spezielle Eingangsweise kann sich sogar durch erstmalige Ablehnung anbahnen. Das klingt paradox. Aber wer ein Bild ablehnt, tut dies meist deshalb, weil das Thema in ihm schon besetzt ist und ihn eine neue Form verunsichert. So herrscht bei ihm das Vorurteil, welches durch das Bild zunächst bestärkt, langfristig aber möglicherweise zersetzt wird. Dies ist zunächst nicht leicht aufzubrechen; dann er empfindet die neue Form als Provokation, und diese erzeugt zunächst meist einen Kontrasteffekt, so dass ein Mensch sich sperrt. Aber bei einem guten Kunstwerk ist es so, dass es, wenn es nur kurz durch einen Spalt in die Seele eingestrahlt ist, dort einen Prozess auslöst, der im Laufe der Zeit Erlebnisse, Ängste oder Hoffnungen mit dieser Form in Zusammenhang bringt. Das Kunstwerk wird vertraut - nicht im Sinne von Gewöhnung, sondern in gegenteiligen Sinn: Es wird zum Anschauungspunkt für sich ordnende Seelenkräfte. Ja, es kann den Charakter eines “Symbols” erhalten im Sinne eines “externalisierten Selbstobjektes”. Kunstwerke sind offen, um in jedem Beschauer das ihm Zuträgliche anzustoßen und zu bewirken. (vgl. U. Eco, Das offene Kunstwerk, Frankfurt a.M. 1977) 241f)
Ludwig Mödl, Kunst der Gegenwart im Blickfeld der Pastoral, in: “Spiegel des Heiligen”, Regensburg 2003
 

Sprache der Bilder

Wir können (...) Bilder „lesen“, wie wir ein Buch lesen, obwohl wir dies wahrscheinlich gar nicht sagen würden. Wir „lesen“ ein Buch, aber Bilder „betrachten“ wir, wir lassen sie auf uns wirken, ihre Formen und Farben, und dann „verstehen“ wir sie aus unserer inneren Erwartungshaltung heraus, d.h. wir „wollen“ bestimmte Formen erkennen, auch wenn uns dies erschwert wird. Aber wenn wir sie nicht finden, dann konstruieren wir diese Formen. Es ist das Recht des Betrachters, bestimmte Formen oder Formelemente so zu ordnen, dass sie für ihn „etwas“ darstellen. Diese Formelemente haben, genau wie die Schriftzeichen unserer Schriftsprache, eine von Regeln bestimmte Anordnung ihrer Elemente, und zwar so, dass sie, genau wie ein Satz in der Sprache, Sinn übermitteln.
Allerdings folgt diese nichtsprachliche Syntax nicht den Regeln der sprachlichen Zeichen. Während ich die Wörter in dem Satz „Das Gesicht ist rot“ nacheinander anordnen muss, sind die entsprechenden nichtsprachlichen Zeichen im Bild, die Linien, Halbkreise, Striche und Punkte nicht hintereinander angeordnet, und sie sind als solche zugleich in bestimmten Farben an einer bestimmten Stelle des Bildes realisiert. Die Syntax eines Bildes ist also nicht linear, sondern simultan, die Wahrnehmung der nichtsprachlichen Zeichen erfolgt gleichzeitig. Farbe und Form sind im selben Augenblick wahrnehmbar, und damit wird mehr Information gegeben als durch das sprachliche Zeichen. Hinzu kommt ihre Mehrdeutigkeit, durch die sie mehrere Funktionen erfüllen können. Ein Strich, ein Kreis, ein Punkt kann in den verschiedenen Zeichenkombinationen ganz unterschiedliche Bedeutungen haben.
So erzählen diese Bilder auch verschiedene Geschichten. Sie sind jeweils die Geschichte dessen, der das Bild betrachtet, und sie sind unabhängig von dem, was der Künstler gemeint hat oder erzählen wollte. Der Betrachter erzählt „seine“ Geschichte zu diesem Bild, und sie deckt sich nie völlig mit der Geschichte eines anderen Betrachters. Ein Bild ist keine unbewegliche Größe, sondern das Ergebnis der Wahrnehmung, abhängig von unserer Stimmung, unserer Absicht, abhängig von Zeit und Ort und Umgebung, abhängig auch von unserem Wissen, unseren Gesprächen mit anderen, vor allem aber von unserer eigenen Geschichte und unseren Erfahrung mit Engeln, die unser Sehen und Verstehen bestimmen. Es sind immer „unsere“ Engel, die wir sehen.
Prof. Dr. Edeltraud Bülow (Michael Blum und Erich Purk, Ein Engel für dich. © Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 2002, S. 46
 

Sinnfindung

“Für mich haben Religion bzw. Theologie und Kunst etwas gemeinsam: Beide sind offene Systeme, die ihre Grundlage in Symbolen haben. Genauso wie jeder religiöse Mensch in seiner Suche nach dem Transzendenten seinen eigenen, individuellen Weg findet, so betrachtet jeder Mensch ein Kunstwerk anders. Sinn konstituiert sich in dieser Begegnung zwischen dem Menschen und dem Transzendenten einerseits und der Kunst andererseits jeweils individuell und anders.”
Christian Boltanski in: Friedhelm Mennekes, Begeisterung und Zweifel. Regensburg 2003, S. 49
 

Gute Kunst

“Gute Kunst ist für mich christliche. Nehmen wir die Fotgrafin Nan Goldin. Sie wählt ein Motiv aus, das bei oberflächlicher Betrachtung lächerlich erscheinen mag. Ihre Fotografie macht etwas Wunderbares daraus. Sie betrachtet das Motiv mit den Augen einer Liebenden, und wenn jemand einen anderen liebt, wird dieser unabhängig von seinem äusseren Erscheinungsbild schön. Nan Goldin ist zwar Jüdin, aber in ihrer Kunst offenbart sie mit ihrem Werk etwas zutiefst Christliches.”
Christian Boltanski in: Friedhelm Mennekes, Begeisterung und Zweifel. Regensburg 2003, S. 53
 

Eigenleben der Bilder

“Bilder haben heute eine vierte Dimension; ihnen wird Leben eingehaucht; sie haben ein Eigenleben; ihr Wesen verändert sich mit unserer eigenen Wahrnehmung und Vorstellung. Sie entstehen, wachsen, verwandeln sich, gehen zu Grunde. (...) Der wahre Ort des Kunstwerks ist nicht auf dem Bildschirm, an der Wand oder im Raum (...), sondern in der Seele und im Herzen des Menschen, der es betrachtet. Dies ist der Ort, an dem alle Bilder lebendig sind.”  Bill Viola in: Friedhelm Mennekes, Begeisterung und Zweifel. Regensburg 2003, 139
 

Kunst, Wahr-
nehmung,
Realität

Kunst gibt dem Betrachter keine direkte Information, sondern verweist ihn auf sich selbst - auf Gedanken und Gefühle, die bei ihm hervorgerufen werden. Diese mögen dann zu einer veränderten Wahrnehmung der Realität führen. Joseph Beuys
                                                                                                                                                                                              

Künstler

Künstler leben zwischen Himmel und Erde. Sie sind nicht ganz von drüben und nicht ganz von hier. Sie müssen ihr Fach erlernen, meistern, beherrschen. Aber was mit ihnen passiert, das haben sie  - meistens - nicht im Griff: wie Stromleitungen sind sie, wie Stromkabel, suchend, kämpfend mit sich und ihrer, unserer Zeit. In ihren Werken, in ihren Bildern spiegelt sich auch wieder, was uns bewegt, und sie vermitteln jenen Hauch der Ewigkeit, nach dem wir alle suchen, auch wenn wir unsere Sehnsucht tief begraben haben: unendlich geliebt zu werden und unendlich zu lieben. Künstler vermitteln uns Kenntnis von uns selber, wie es um uns steht.
Sr. Nike Vennekens in: Dimension des Religiösen in der Kunst der Gegenwart. Kunstkreis Coppenburg e.V. 2004, S. 31
 

Künstler

Bilder der Kunst erinnern daran, dass auch Künstler Schöpfer sind. Mit ihren Werken in Bildern und Tönen (und Worten) leiten sie zum bewussten Wahrnehmen an, stellen neue Sichtweisen auf unsere Welt vor Augen, regen zum eigenen Sehen von Schöpfung an. Sie halten in all ihrem Schaffen Schöpfungsträume lebendig und formen sie mit ihrer Ausdruckskraft neu, ringen und trotzen sie der Wirklichkeit ab. Manchmal geschieht das im Gestalten klassischer Schönheit, manchmal auch in einem verzweifelten Gestalten angesichts des Bedrückenden.
In diesem Sinne sind Glaube und Kunst eng aufeinander bezogen. Glaube braucht Bilder des Vertrauens und der Hoffnung, erinnernde und zukunftswendende Schöpfungsbilder im weiten Sinne. Künstler schaffen Bilder von und in unserer Welt, in denen sie zum Wahrnehmen und Deuten, zum Staunen und Nachdenken, zu neuen Sichtweisen anregen. Freilich lässt sich der Glaube nicht in bestimmten Bildern einfangen, und Kunst bleibt den religiösen Überlieferungen gegenüber selbstständig. Aber im Betrachtenden, Sehenden und Hörenden selbst kann jeweils beides zusammenfinden, können Bilder und Musik (und Dichtung) zum Ausdruck des Glaubens werden. (Frieder Harz)
M.-L- Goecke-Seischab, Frieder Harz, Christliche Bilder verstehen, München 2004, S. 46
 

Bilder der Hoffnung

Bilder der Kunst können (so) ein Schlüssel zu neuen Sichtweisen des Glaubens sein, wo überlieferte theologische Denkmuster nicht mehr überzeugen. Sie können den Anschluss an die Fragen und Zweifel heutiger Menschen herstellen und mit ihnen nach neuen Antworten des Glaubens Ausschau halten. Sie verweigern den bloßen Rückzug auf den göttlichen Heilsplan und öffnen Zugang zu Worten und Bildern der Hoffnung, dass Gott Neues schaffen wird, so tastend und unfertig all die Versuche auch bleiben werden, dieses Neue zu benennen und zu beschreiben. (Frieder Harz)
M.-L- Goecke-Seischab, Frieder Harz, Christliche Bilder verstehen, München 2004, S. 129
 

Kunst als
Gast

„Von Angesicht zu Angesicht im Gegenüber zur Gegenwart gebotener Bedeutung, die wir einen Text nennen (oder ein Gemälde oder eine Symphonie), streben wir danach, seine Sprache zu hören. Wie wir auch die des auserwählten Freundes hören wollen, der zu uns kommt. ... Es gibt Werke der Literatur, der Kunst, der Musik, die verschlossen bleiben oder selbst der entgegenkommendsten Wahrnehmung nur oberflächlich zugänglich sind. Kurz, im Impuls zu Rezeption und Aufnahme verkörpert sich ein anfänglicher fundamentaler Akt des Vertrauens. Er birgt das Risiko von Enttäuschung oder noch Schlimmerem in sich. Wie wir bemerken werden, konnte der Gast despotisch oder gehässig werden. Doch ohne das Wagnis der Bewillkommnung lässt sich keine Türe öffnen, wenn die Freiheit anklopft.“
George Steiner, Von realer Gegenwart: Hat unser Sprechen Inhalt? München 1990, S. 206

Zeitgenössische bildende Kunst als Gast im Unterricht – das ist das Orientierungsmodell, das wir den Unterrichtenden der Fächer Religion, Ethik oder Philosophie gerne nahe legen würden. Und so wie George Steiner es beschreibt, ist diese Umgangsform ja selbst schon ein unmittelbar inhaltliches Moment der genannten Unterrichtsfächer: Es geht um den einzuübenden Umgang mit dem Unbekannten und dem Fremden, um das Lernen des Vertrautmachens und Vertrautwerdens. Was er hier vorschlägt, ist, das Kunstwerk wie einen unbekannten Gast, einen Fremden zu empfangen und willkommen zu heißen, ihn im vorsichtigen Gespräch zu fragen, wo er herkommt, wohin er möchte und welche Geschichten er zu erzählen hat.“
Andreas Mertin, Karin Wendt, Mit zeitgenössischer Kunst unterrichten, Göttingen 2004, S. 89
 

Bilder und Religions-
verlust

„Man kann die marginale Rolle, die Bilder heute in der Frömmigkeit, der Liturgie und der Theologie spielen, auch als Folge eines Verlustes an „Religion“ begreifen, aber vielleicht auch als eine URSACHE dieses Verlustes. Wenn dem Glauben die Bilder abhanden kommen, werden davon vielleicht Theologen und Dogma nicht berührt, aber der Glaube bleibt – bildlich gesprochen – ohne Nahrung und hungert aus.“
Herbert Fendrich: Glauben. Und Sehen, Münster 2004, S. 18
 

 

„Kunst ist das Sprechen von Geheimen durch Geheimes.“    Wassily Kandinsky
                                                                                                                                                                                      

 

„Gott ist weder dies noch das. Wer da glaubt, dass er Gott erkannt habe, und dabei irgendetwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht.“
Meister Eckart

 

Der Mensch, der etwas von Gott erfahren will, braucht visuell und akustisch beruhigte Räume. Uns muss das „Hören und Sehen vergehen“, damit Gott zu uns sprechen kann. Herbert Fendrich: Glauben. Und Sehen, Münster 2004, S. 50
                                                                                                                        

 

„Kunst ist Sehnsucht nach Gott.“ Alexej Jawlensky
                                                                                                                                                                                        

Bilder
öffnen
Horizonte

Die schöne Anschaulichkeit, die sie [die Bilder] bieten, ist verführerisch und missverständlich, begünstigt ein bloß oberflächliches Hinsehen; andererseits können Bilder Horizonte eröffnen, ermöglichen Ein-Sicht und Erkenntnis, werfen Fragen auf und verstellen vorschnelle Antworten. Wer Bilder sieht, darf seinen Augen nicht trauen. Auf jeden Fall nicht nur.
Herbert Fendrich:Glauben. Und Sehen, Münster 2004, S. 4
 

Kunst und Kirche

In der Kunst der Moderne ist der Blick auf das, was die religiöse Überlieferung des Christentums beschäftigt, sichtlich zurückgetreten, aber nicht vollends abhanden gekommen. Doch es geschieht auf eigene Rechnung und Gefahr. Aus binnenkirchlicher Perspektive liegt es nahe, solche Kunst, sofern man sie nicht geradewegs im Stand der Blasphemie und Häresie behaften will, als eine Art Exil anzusehen, aus dem das Zerstreute heimzuholen und in den alten vertrauten Zusammenhang wieder einzugemeinden ist. Aber das Exil ist hier die unaufgebbare Bedingung der Freiheit. Diese Freiheit anzuerkennen, heißt für die Theologie, die jeweils besondere Distanz eines Bildes zur Glaubenswelt des kirchlichen Christentums nicht zu unterlaufen, als ob dort doch schließlich, nur mit anderen, nunmehr modernen Mitteln dargestellt würde, was als Aussage des Glaubens eigentlich natürlich schon bekannt ist. Es heißt, sich mit Aufmerksamkeit der Welt eines neuen Bildes stellen. Darin liegt die Chance, eine neue, möglicherweise befremdliche, vielleicht aber auch erfreuliche Entdeckung zu machen, eine Entdeckung, die der Theologie - und den Christen - zu denken gibt, sie weiterbringt über den status quo ihrer seit langem angesammelten Erkenntnisbestände hinaus.
Alex Stock, Gesicht - bekannt und fremd. Neue Wege zu Christus durch Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts, München 1991, S. 9
 

Der Sinn künstler-
ischer Arbeit

“Der Sinn künstlerischerArbeit besteht zu einem großen Teil darin, für das sinnlich nicht in Erscheinung-Tretende, unsere Welt jedoch ständig Wandelnde, die Kraft nämlich, Symbole und Zeichen zu finden. Zeichen, mit denen wir die Angst vor dem Ausgeliefertsein an das Unaufhaltsame entmachten können und darüber hinaus zeichen, mit denen das rein Denkbare für den Erlebnisraum des sinnlich Wahrnehmbaren ohne Substanzverlust erschlossen werden kann.”
Johannes Schreiter in einem Vortrag an der Hochschule für Bildende Künste, Frankfurt/M., 1978
 

 

„Es sind die Fragen, die die Augen öffnen.“ Gottfried Böhm

 

"Der Maler soll nicht nur malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht." Caspar David Friedrich

 

“Kunst ist weder Imageprodukt noch Feigenblatt, sie ist vor allem eine geistige Dividende, ein Angebot, sich auf andere Weise mit zeitgenössischen Themen auseinanderzusetzen.”
Ariane Grigoteilt / Kunstsammlung der Deutschen Bank im Interview mit der Kunstzeitung 103 / März 2005, S. 7
 

 

“Die Kirche braucht die Kunst ... Sie braucht die Kunst, um besser zu wissen, was im Menschen ist: in jenem Menschen, dem sie das Evangelium zu verkünden hat.” Papst Johannes Paul II.
 

prophetisch -kritische Sprengkraft der Bilder

“Die Stärke der Kunst ist es, den Finger auf die Wunden des Gegenwärtigen zu legen, Fragen und Wünsche, auch Sehnsüchte aufzudecken.” Handreichungen der Deutschen Bischofskonferenz: “Liturgie und Bild”, 1996

 

“Kunst schafft Bilder des Lebens, der Welt im Ganzen wie im Einzelnen, ohne das Rätsel des Lebens zu lösen.”
Bischof Dr. Gebhard Fürst im Rahmen der Pressekonferenz zum Aschermittwoch der Künstler am 5. März 2003

Staunen

“Wahrnehmung des Göttlichen beginnt mit Staunen. Es ist das Ergebnis dessen, was der Mensch aus einem höherem Nichtbegreifen macht. Das größte Hindernis für die Wahrnehmung ist unsere Anpassung an konventionelle Begriffe, an geistige Klischees. Staunen oder radikales Sich-Wundern, der Zustand des Nicht-angepasst-Seins an Worte und Begriffe ist deshalb Voraussetzung für echte Wahrnehmung des Seienden.”
A. J. Heschel (jüd. Philosoph und Theologe 1907-72), Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums (1955),
Neukirchen-Vluyn 1980, S. 37.

Dialog

Die Kunst kann den Menschen nicht retten, aber mit den Mitteln der Kunst wird ein Dialog möglich, welcher zu einem den Menschen bewahrenden Handeln aufruft. Günther Uecker

 

“Künstler helfen Gott bei der Erschaffung der Welt.” Markus Lüpertz

 

„Kunst und Musik sind in der Kirche Möglichkeiten, die Existenz Gottes auf eine Art und Weise wahrzunehmen, die jenseits von mathematischem Beweis und rationaler Erkenntnis liegen und dennoch sehr real von einer Wirklichkeit erzählen, die zu unserem Leben unlösbar dazugehört." Dominik M. Meiering
                                                                                          

 

"Kunst feiert. Kunst entgrenzt und öffnet Türen zu einem Überfluss von Gedanken und Gefühl. Kunst ist eine Schwester des Festes. Ein Glaube ohne Feste steht im Verdacht, der Gnade nicht zu glauben. Ein Beschenkter kann seine Arbeit ruhen lassen und feiern. Kunst-Pausen sind Oasen, Stationen auf dem Weg zu dem einen grossen Fest." Oliver Kohler
 

 

Kunst meint wesentlich Sichtbarmachen geistiger Lebensbereiche des Menschen, Sichtbarmachen wichtiger Themen menschlichen Daseins – Gefühle, Sinne, Farben, Formen. In Werken der Kunst spiegelt sich die jeweilige Zeit, aber auch die jeweilige Person wider. Kunst hat damit auch von vornherein historische Dimension. Kunst entspringt aus subjektiver Zeit, an subjektiven Orten, erlebt von subjektiv geprägten Menschen. Und doch erreicht ein Werk der Kunst aus diesen Subjektivitäten heraus, in der Summe von Zeit, Schöpfer und Rezipient eine über den Augenblick hinausreichende, in das Ewige sich wagende Objektivität. Kunst hat so auch mit Schöpfung zu tun und ist im allerweitesten dem christlichen Schöpfungsgedanken zumindest verwandt. Kunst geht in der Sichtbarmachung von Dingen jenseits der wirklichen Wahrnehmung weit über Profan-Erlebbares hinaus. Kunst verändert Wahrnehmbarkeiten, ist sinnesverändernd, erregend. Kunst ist immer Medium einer Botschaft.
Dr. Norbert Jocher in “Raum - Kunst - Liturgie, 2007, S. 9-10
                                                          

Verhältnis von Kunst & Religion

Kunst und Religion kommen darin überein, dass sie die Welt, wie sie der Mensch sieht, auf den Kopf stellen. So ist er gezwungen, sie von innen her zu begreifen und dabei ebenso sich, wie seinen Gott zu berühren.
Anish Kapoor über das Verhältnis von Kunst und Religion

 

Weitere Textzitate folgen !

 

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