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Gerda Lepke
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Verrat, Gefangennahme, Reue , 2010

Öl auf Leinwand, 130 x 170 cm, © VG Bild-Kunst
 
Schwäche und Stärke

Skizzenhaft angedeutet treten uns in diesem Gemälde vier Gestalten entgegen. Eine flüchtige und doch schicksalshafte Begegnung wird hier suggeriert, bei der wir genauso Zuschauer sind wie die beiden Gestalten an den seitlichen Bildrändern. (Detailbild) Die Pfeilspitze und die helmartige Kopfbedeckung lassen bei der rechten Person einen Soldaten sehen, während der argwöhnisch wachsame Blick und das markante Profil in seinem Gegenüber eher eine richterliche Autorität vermuten lassen. Sie verkörpern Wächter und Zeuge einer Szene, welche die Künstlerin mit unruhig kurzen Strichen in der Bildmitte verdichtet hat.

Die zentralen Figuren sind symmetrisch angeordnet und einander zugeneigt. Sie bilden die untere Hälfte einer gleichschenkligen Dreieckskomposition, deren Spitze sich außerhalb des Bildes befindet. Es ist, als wären in diesem Moment nicht nur diese beiden Personen schicksalshaft miteinander verbunden, sondern noch ein unsichtbarer Dritter, auf den diese Begegnung letztlich hinausläuft.

Doch wer sind diese beiden Personen, in denen sich das Bildgeschehen konzentriert? Die rechte ist mit dem frontalen Gesicht markanter gezeichnet als die linke Gestalt, deren Körper mehr als Schatten besteht und deren geneigter Kopf relativ klein erscheint. Sie ist die Hauptperson, um sie dreht sich alles. So, wie die Haare das Haupt umgeben und ein unbeschreiblicher Friede aus den ebenmäßigen Zügen des Antlitzes hervorgeht, darf sie als Jesus gedeutet werden.

Ergeben lässt er geschehen, was geschieht, seine Hände im Schoß untätig übereinander gelegt. Dass er von einem seiner Jünger verraten wird, ist nicht sein Wille, sondern der seines Vaters. Ein spannungsvolles Feld trennt und verbindet die beiden gleichzeitig. Ein Spalt, der Unnahbarkeit und Unüberwindbarkeit signalisiert, andererseits im knisternden, igelförmigen Gebilde zwischen dem Kopf des Judas und dem Mund Jesu das Ungeheure zum Ausdruck bringt, das mit dem verräterischen Kuss geschehen ist.

Das Bild lässt offen, ob der Kuss noch erfolgt oder schon geschehen ist. Neigt Judas seinen Kopf in der Absicht, Jesus zu küssen oder ist dies vielmehr eine erste verlegene Reaktion der Reue? Insofern etwa eine Geste der Trauer und möglicherweise gar Bitte um Vergebung? Die Künstlerin zeigt uns sensibel die Schwachheit eines Menschen, der der Verlockung des Geldes nicht widerstehen konnte und dafür seinen Freund verraten hat. Gelbe Farbspuren und die an die 30 Silberlinge erinnernden, teils nummerierten runden Formen umgeben (Detailbild) und kreuzen seine Gestalt, sie fesselnd, antreibend, von ihm Besitz ergreifend. Seine Gier zieht Jesus mit ins Verderben. Noch steht Jesus stark da. Doch sein Leidensweg hat begonnen. Zwischen seinen Händen und dem Soldaten ist schon die Gefangennahme ersichtlich, in Verbindung mit Jesu Rücken auch das Kreuz, das er bald zu tragen hat.

So sehr sich Judas Jesus zuneigt, er erfährt keine Gnade. Er bleibt einsam in seiner Tat. Er ist als Schatten seiner selbst dargestellt, als jemand, der sich selbst und seinen besten Freund verloren hat. So hält uns das Bild wie ein Spiegel vor Augen, wie Leid zwischen den Menschen entsteht und was für einen Schmerz sie dabei aushalten müssen. Dabei mischen sich betrachtende Empfindung und selbstgemachte Erfahrungen. Einige Charakterzüge von Judas sind uns viel vertrauter als wir es wahr haben wollen …

Zur virtuellen Ausstellung bei rpi-virtuell

Patrik Scherrer 09.10.2010


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