Heiliger Berg
Erhaben steht der schneebedeckte Berg auf einem Gebirgszug, der nebulös dargestellt nur erahnt werden kann. Auch darunter sind keine eindeutigen Konturen auszumachen. Da sich die Landschaft in den Farbfragmenten quasi auflöst, ist der Berg das einzige konkrete Gebilde. Als massive und beständige Erhebung thront er über dem vergänglichen Chaos, andererseits scheint er auf den lichtdurchfluteten Nebelwogen zu schweben. Während die Landschaft unterhalb des Berges verborgen ist, wirkt er selbst in seiner deutlich sichtbaren Gestalt wie eine Offenbarung.
Der Berg hat in seiner Erscheinung etwas Heiliges, seine weiße Gestalt lässt an ewigen Schnee denken. Seine Form erinnert an ein großes Zelt, einen majestätischen Wohnsitz. Bernd Zimmer hat mit dem Kailash den heiligsten Berg der Tibeter und Buddhisten auf mystische Weise ins Bild gebracht. Zu Deutsch bedeutet Kailash „kostbares Schneejuwel“, weil seine Spitze, die ganzjährig mit Schnee bedeckt ist, eine auffallend symmetrische Form besitzt und einem Kristall gleicht. Der Berg ist bis heute unbestiegen und damit von Menschen unberührt.
Ähnlich den vier Flüssen, die dem Garten Eden (Gen 2,10) entspringen, liegt der Kailash im Zentrum des Quellgebietes vier großer Flüsse: im Norden der Indus, im Osten der Brahmaputra, im Westen der Satluj, ein Zufluss des Indus, und im Süden der Karnali, ein Zufluss des Ganges. Diese Flüsse haben einen maßgeblichen Anteil an der Wasserversorgung Indiens, was viel zur religiösen Bedeutung des Kailash beiträgt.
Unabhängig davon hat der Berg an sich auch im biblischen Denken eine außerordentliche Bedeutung. Insbesondere der Berg Zion galt den Israeliten als der Ort, an dem Gott mitten unter seinem Volk wohnt (vgl. Ps 74,2). Zion steht für einen Ort des Vertrauens und der Sicherheit. Wer auf Gott vertraut, steht so fest „wie der Zionsberg: Niemals wankt er, er bleibt in Ewigkeit“ (Ps 125,1). Und Psalm 128,5 besingt den Berg Zion als Quelle des Segens: Von Zion gehen die Hilfe und das Gesetz aus, welche für das Gottesvolk zum Segen und zum lebenslangen Glück werden. Im Wallfahrtspsalm 121 kommen diese drei Aspekte konzentriert zur Sprache. Sie werden bis heute in der Nachdichtung von Franz A. Herzog im Kirchenlied „Mein Auge schaut den Berg hinan“ (GL 550) besungen:
Mein Auge schaut den Berg hinan,
dort kommt mir Hilfe her;
von Gott wird mir die Hilfe nahn,
der Land erschuf und Meer.
Getrost! dein Fuß geht nimmer fehl,
dein Hüter kennt nicht Ruh;
nicht schließt dein Wächter, Israel,
sein Aug im Schlafe zu.
Der Herr, dein Schutz und Schatten, hält
an deiner Rechten Wacht,
dass tags die Sonne dich nicht quält
und nicht der Mond bei Nacht.
Gott lässt kein Übel dir geschehn,
dein Leben ist geweiht.
Er schützt dein Kommen und dein Gehn
jetzt und in Ewigkeit.
Kailash und andere aktuelle Werke von Bernd Zimmer sind bis zum 13. November 2026 in der Galerie Jahn in Landshut ausgestellt.





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