Gedanken- und Resonanzraum

Kunst vermag Gedankenräume zu schaffen, die frei sind von jeglichem funktionellen oder alltäglich zweckgebundenen Wollen, Kunst kann Resonanzraum sein für unsere Fragen und unsere Gedanken. Sie ist, wie schon Max Reinhardt konstatierte, ein “Lebensmittel”.

Sabrina Faulstich

Authentizität berührt

“Kunst kann nur berühren, wenn sie authentisch ist und aus dem Innern des Künstlers kommt.”

Hanna Gagel, So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase, Berlin 2005, S. 221

Öffnung und Konzentration

“Um eine Form der Öffnung geht es immer. Künstlerisches Tun ist ein permanentes Erweitern des weltlichen Raumes, seine Ausreizung und Relativierung. Ja, die beiden Ansätze, das Spirituelle und das Ästhetische bewirken eine Öffnung, aber ebenso wichtig ist, dass sie auch eine Konzentration auf das unmittelbar Vorhandene forcieren. Sie befreien von der Zerstreuung, verhelfen zur Genauigkeit, zur Achtsamkeit. Das müssen wir lernen.”

Bischof Hermann Glettler im Gespräch mit Leo Zogmayer, in “das münster” 1/2021, S. 66

Widerstandskämpfer und Fluchthelfer

“Sind Kunst und Religion nicht beides zugleich – einerseits die berufenen Widerstandskämpfer gegen die vielfältigen Entstellungen und Banalisierungen des Lebens und andererseits die beglückendsten Fluchthelfer, um raus zu kommen? Raus aus einem persönlichen Elend oder raus aus einer Welt, deren Ungerechtigkeit unerträglich geworden ist?”

Bischof Hermann Glettler im Gespräch mit Leo Zogmayer, in “das münster” 1/2021, S. 65

sensibler machen

“Die Kunst schließt Wirklichkeiten auf, indem sie uns sensibel macht für die Empfindungen anderer, offen für neue Weisen, die Welt zu erfahren.”

Michael Hauskeller, Was ist Kunst?, in: Scheidewege 29, 1999/2000, S. 206

Blick des Künstlers

“Die Wirklichkeit ist so vielgestaltig, dass wir sie überhaupt nicht kopieren können. Jede Darstellung ist eine Auswahl: wenn sie etwas wiedergibt, dann den Blick, den der Künstler auf die Welt geworfen hat und an dem er uns nun teilhaben lässt. Ein Künstler stell niemals etwas dar (wenn er etwas darstellt), ohne es zugleich als etwas darzustellen. Er zeigt uns dann nicht die Welt, sondern er lehrt uns, sie in bestimmter Weise neu zu sehen.”

Michael Hauskeller, Was ist Kunst?, in: Scheidewege 29, 1999/2000, S. 200

Bereicherung

“Ein neues Bild ist ein einmaliges Ereignis, eine Geburt, die das Weltbild, wie es der Menschengeist erfasst, um eine neue Form bereichert.”

Henri Matisse

als Spielfeld freigegeben

“Egal, was ihr in der Kunst macht, wir als Kirche, wir als religiöse Menschen stehen hinter euch, weil die Kunst ein Bereich ist, den Gott uns als Spielfeld freigegeben hat.”

Andreas Mertin

Hände, Kopf und Herz

“Wer mit seinen Händen arbeitet, ist ein Arbeiter. Wer mit seinen Händen und mit seinem Kopf arbeitet, ist ein Handwerker. Wer mit seinen Händen, seinem Kopf und seinem Herzen arbeitet, ist ein Künstler.”

Franz von Assisi (1182-1226)

weil die Kunst das alles kann, muss sie es auch tun

“Schließlich ist die Kunst gerade nicht an die Wirklichkeit gebunden und kann etwas imaginieren, sich etwas Verrücktes ausdenken. Die Kunst kann gegen etwas opponieren und genau das Gegenteil von dem tun, was sonst so gemacht wird. Sie kann mit Traditionen brechen, sie kann Dinge auf die Spitze treiben, sich Hals über Kopf hoffnungslos verstricken und Sachen neu entschieden gegen den Strich bürsten. Sie kann Grenzen ausloten und sprengen. Sie kann steile, steinige Wege verfolgen und Abgründe untersuchen. Sie kann radikale Experimente wagen und Unglaubliches erforschen. Und weil die Kunst das alles kann, muss sie es auch tun. Das ist sogar zwingend notwendig. Sie muss ihre Möglichkeiten voll nutzen, sonst ist sie alles andere als intensiv, sonst ist sie langweilig und überflüssig.”

Wolfram Völcker, Was ist Qualität. In: Was kostet Kunst, 2011, S. 132f.

das Unglaubliche, das noch nie Gesehene

“Den Betrachter des Kunstwerkes interessiert nämlich nicht das, was er schon weiß, sondern das Unbekannte, das Unglaubliche, das noch nie Gesehene, die Sensation, die dieses eigene Wesen übersteigt oder in verdichteter Form neu sichtbar werden lässt.”

Wolfram Völcker, Was ist Qualität. In: Was kostet Kunst, 2011, S. 132

Forderung nach Unmöglichem

“Die Kunst ist eine in Form gebrachte Forderung nach Unmöglichem.”

Albert Camus, Mensch in der Revolte

Echo für den suchenden Menschen

“Die Gegenwartskunst könnte eine Hilfe für die Kirche sein, die Relevanz des Glaubens für die Gegenwart zurück zu erobern. Damit mehr Menschen anzusprechen. Kunst kann ein Echo für den suchenden Menschen schaffen, ähnlich wie es vielleicht manchen Gläubigen im Gottesdienst geht.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn,, in “Alte und neue Kunst”, Band 51-2020, S.21

Religion und Kunst sind Gegenpole

“Religion und Kunst sind Gegenpole zum Optimierungswahn unserer Gesellschaft. Auch können beide keine einfachen Antworten oder Lösungsvorschläge bieten. Ich weiß auch nicht, ob es den Begriff der christlichen Kunst überhaupt noch braucht. Ob man nicht anerkennen muss, dass jede politische oder kritische Kunst dem Auftrag der Kirche entspricht? Eine enge Zusammenarbeit würde also naheliegen.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

automatische Anregungen

“Kunst braucht der Kirche keine Anregungen zu liefern, sie tut es automatisch, wenn sie politisch wird, Missstände anklagt und sichtbar macht. Sie beschäftigt sich zudem mit Themen wie Liebe, Hass, Trauer, Angst, Hoffnung, etc. Es gilt also, das Misstrauen abzulegen.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

gemeinsame Vermittlung von Kunst und Religion

“Weder Glaube noch Kunstverständnis fällt vom Himmel. Beides beginnt mit der Beschäftigung damit. Kirchenbesuche waren in vielen Familien noch zu meiner Kindheit obligatorisch. In Bildungsfamilien werden heute die Kids nicht mehr zum Gottesdienst mitgenommen, sondern zu Museumsbesuchen genötigt. Kunst braucht den Schutz von Museen, sowie Glaube den Schutz von Kirche benötigt. In den zahlreichen Diözesanmuseen wird die gemeinsame Vermittlung von Kunst und Religion als Chance gesehen.”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

Zulassen von Vielfalt

“Die Katholische Kirche hat immer mit Bildern und Symbolen gearbeitet – und das ist auch eine Stärke. Wenn ein gläubiger Mensch sich mit einem Kunstwerk auseinandersetzt, wird er etwas anderes entdecken als ein nicht gläubiger Mensch. So viele Menschen wie es gibt, so viele unterschiedliche Berührungspunkte gibt es zwischen Menschen und Kunstwerken. Vielleicht ist die Antwort das Zulassen von Vielfalt, vielleicht müssen wir mehr wagen, mehr ausprobieren?”

Carmen Matery-Meding, Diözesanbaumeisterin Paderborn

malen, was er in sich sieht

“Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.”

Caspar David Friedrich

erzähltes Bild, gehörtes Bild, lebendes Bild

“Jesus spricht in Bildern, er nimmt seine Hörer in die Bilder hinein und lässt sie so Worte, Antworten finden. Wieder wird der Blick auf die Verkündigung” gerichtet. Welchen Platz nehmen wir in diesem Bild ein? Sind wir heute nicht auch Verkündende, gerufen, wie der Engel gesandt, Kunde von Gott zu bringen? Ist dies zu anspruchsvoll, zu fromm oder weltfremd? Ist es gewagt zu fragen, ob wir nicht doch einen anderen Part in diesem Bild haben könnten, eine Maria zu sein, Christus in uns wachsen zu lassen, ihn heute in die Welt zu bringen, Mutter Jesu 1991 zu sein? Lassen wir es zu, in dieses Bild einzusteigen, auszusteigen aus der passiven Rolle des konsumierenden Adressaten in die lebendige Darstellung der Verkündigung, erzähltes Bild, gehörtes Bild, lebendes Bild?”

Eindringlichkeit des Leisen und Barmherzigkeit des Einfachen

„Wenn sich Kunst überhaupt noch Dimensionen unserer Welt zur Verfügung stellen möchte, die nicht schon mehr als genug durch andere Akteure abgedeckt sind, dann bleiben tatsächlich nur noch die eben genannten Biotopen Stille, Ordnung und Sinn. Die Eindringlichkeit des Leisen und die Barmherzigkeit des Einfachen wären Beiträge von zutiefst therapeutischer Tragweite. Hier würden wir mit Qualitäten aufwarten, die zudem keinerlei Verschleiß unterliegen. Solange es Menschen gibt, werden diese beiden unscheinbaren Medikamente nie zu entbehren sein.“

Johannes Schreiter im Vortrag in Schloss Holte-Stukenbrock, TGK GmbH, 6. Mai 2000