attraktiver Kirchenraum

„Für die Künstler [ist] (…)die Aussicht attraktiv, mit ihren Arbeiten im Kirchenraum präsent zu sein. Dies ist nicht verwunderlich, ist der Kirchenraum doch ein Raum, an dem die ganze Fülle des Lebens erfahrbar wird: In den Kirchenraum tragen Menschen ihre kühnsten Erwartungen ebenso wie ihre erloschenen Hoffnungen oder auch ihre Langeweile. Im Kirchenraum äußern sie ihre Freude ebenso wie ihre Angst und ihre Trauer. Der Kirchenraum ist zudem ein Raum, der ohne Ansehen der Person für alle offen ist. In ihm begegnen sich Menschen, die andernorts aneinander vorbeilaufen. Trotz der teilweise prekären Situation, in der die Kirchen sich in mancher Hinsicht befinden, haben sie beispielsweise in ihren Räumen etwas bewahrt, was es sonst in der modernen Gesellschaft nicht gibt: einen Ort, der für jedermann offen ist und an dem jeder sich den Höhen und Tiefen seines Lebens stellen kann. Allein das schon macht den Kirchenraum zu einem auratischen Ort.“

Regina Radlbeck-Ossmann, Kunst und Religion – zwei Schwestern. Zwei Zugänge zu Transzendenz und Religion, in: Regina Radlbeck-Ossmann/Wulf Diepenbrock, Meisterwerk, Lebenskunst, Spiritualität. Vier Werke Emil Noldes in der Begegnung von Kunst und Religion, Halle-Wittenberg, 2012, S. 51.

Erwartungen an die Kunst

Die souveräne Beherrschung einer zeitgenössischen Ästhetik ist zweifellos das Metier, in dem die Kunst zuhause ist. Allein schon diese Kompetenz macht die Kunst für die Religion interessant. Die Erwartungen, welche die Religion an die Kunst richtet, gehen jedoch darüber hinaus. Kunst hat spätestens seit der Renaissance immer auch mit Erkenntnis zu tun. Sie will Dinge auf neue Weise zeigen, dabei deren Oberfläche durchdringen und gerade dadurch das Verborgene sichtbar machen. In eben dieser intensivierten Sinnlichkeit wird die Kunst für die Religion zu einer unschätzbaren Partnerin. Niemand geht heute noch davon aus, dass die Religion die fertigen Antworten entwickelt und die Kunst diese nur noch schick zu verpacken hat. Die Kunst darf und muss heute eindeutig mehr sein als nur die Werbegrafikerin der kirchlichen Verkündigung. Die Religion billigt der Kunst zu, dass sie über einen eigenen Zugang zum Lebensgefühl ihrer Zeit verfügt und die Suche nach einer tragfähigen Sinnantwort deshalb durch eigene Erkenntnisse bereichern kann.

Regina Radlbeck-Ossmann, Kunst und Religion – zwei Schwestern. Zwei Zugänge zu Transzendenz und Religion, in: Regina Radlbeck-Ossmann/Wulf Diepenbrock, Meisterwerk, Lebenskunst, Spiritualität. Vier Werke Emil Noldes in der Begegnung von Kunst und Religion, Halle-Wittenberg, 2012, S. 50.

Kunst und Religion – zwei Schwestern

Die Kunst ist weder Tochter noch Sohn der Religion, sie ist kein bloßer Ableger, sondern verfügt über eine eigenständige Kompetenz und eine eigenständige Identität. Die gemeinsame Geschichte von Kunst und Religion ist deshalb am ehesten als eine Geschichte zweier Schwestern zu lesen, von denen eine sich im Laufe der Zeit aus der langen Bevormundung durch die andere löst und selbständig wird.

Regina Radlbeck-Ossmann, Kunst und Religion – zwei Schwestern. Zwei Zugänge zu Transzendenz und Religion, in: Regina Radlbeck-Ossmann/Wulf Diepenbrock, Meisterwerk, Lebenskunst, Spiritualität. Vier Werke Emil Noldes in der Begegnung von Kunst und Religion, Halle-Wittenberg, 2012, S. 42.

Transzendenzerfahrungen ermöglichen

Kunst und Religion besagen zu allen Zeiten ihren Wert darin, dass sie den Menschen über sich hinausführten, ihm also in einem ursprünglichen Sinn Transzendenzerfahrungen ermöglichten.

Regina Radlbeck-Ossmann, Kunst und Religion – zwei Schwestern. Zwei Zugänge zu Transzendenz und Religion, in: Regina Radlbeck-Ossmann/Wulf Diepenbrock, Meisterwerk, Lebenskunst, Spiritualität. Vier Werke Emil Noldes in der Begegnung von Kunst und Religion, Halle-Wittenberg, 2012, S. 37.

Bewältigung des Außeralltäglichen

Kunst und Religion dienen zu keinem Zeitpunkt der Geschichte dazu, die bloße physische Existenz zu sichern. In ihnen geht es stets um die Bewältigung des Außeralltäglichen. Bemerkenswert ist, dass dieser Beitrag weder in Zeiten gedeihlicher Entwicklung noch in Zeiten extremen Mangels oder zugespitzter Bedrohung jemals infrage gestellt worden ist. Bemerkenswert ist weiterhin, dass Kunst und Religion ihren Beitrag stets in enger Bezogenheit aufeinander erbracht haben.

Regina Radlbeck-Ossmann, Kunst und Religion – zwei Schwestern. Zwei Zugänge zu Transzendenz und Religion, in: Regina Radlbeck-Ossmann/Wulf Diepenbrock, Meisterwerk, Lebenskunst, Spiritualität. Vier Werke Emil Noldes in der Begegnung von Kunst und Religion, Halle-Wittenberg, 2012, S. 36f.

neue Erfahrungsräume öffnen

„Die lebendige Begegnung mit der Kunst kann ganz besonders im Zusammenklang mit der Wirksamkeit sakraler Orte vieles anstoßen, überkommene Sichtweisen infrage stellen und neue Erfahrungsräume öffnen.“

Ingrild Gardill, 2018

jede Zeit braucht neue kulturelle Äußerungen

„Wir brauchen alle Künste, denn wir können vom Göttlichen nicht anders sprechen denn in menschlichen Worten und können es nicht anders darstellen als in Tönen, Bewegungen, Bildern und Räumen. Dabei dürfen wir uns nicht beschränken auf die tradierten Formen, sondern müssen, bei aller Ehrfurcht ihnen gegenüber, neben diesen die Formen der Zeitgenossenschaft einbringen, da jede Zeit neue Weisen kultureller Äußerungen […] braucht.“

Ludwig Mödl, Autonome Kunst und Kirche, in: Klerusblatt 94, Heft 11, 2014, S. 242.

nur das Geistige kann lebendig machen

„Das Geistige ist etwas Konstitutionelles für die Kunst. Wenn Kunst Unsichtbares sichtbar macht, kann es nur das Geistige sein, das auch lebendig macht. Es bedarf eines großen Einfühlvermögens und Kreativität zu erspüren, was hinter den Dingen steckt und welche Möglichkeiten sich dabei erschließen.“

Franz Hämmerle, Künstler

Kunst verschärft die soziale Aufmerksamkeit

Kunst schafft trotz ihrer Diversität in den ästhetischen Konzepten und ihrer unbezähmbaren Widersprüchlichkeit meist eine Sensibilisierung für jene  Menschen, die aus dem gesellschaftlichen System hinausgedrängt werden, bzw. schon zur Gruppe der Wohlstandsverlierer und in irgendeiner Weise Marginalisierten gehören. […] Kunst verschärft grundsätzlich die soziale Aufmerksamkeit, die zu einem sozialen Engagement drängt.

Bischof Hermann Glettler in „Über Verflüssigung, Kunst und Kirche“, www.feinschwarz.net, 5. Januar 2018

Beitrag zur Visionsarbeit für eine tolerante, menschenwürdige Zukunft

Kunst stimuliert mit ihrer öffentlichen Präsenz einen Diskurs über Werte und Leitbilder heutiger Gesellschaft und leistet diversitätssensibel einen unschätzbaren Beitrag zur Visionsarbeit für eine tolerante, menschenwürdige Zukunft der Gesamtgesellschaft.

Bischof Hermann Glettler in „Über Verflüssigung, Kunst und Kirche“, www.feinschwarz.net, 5. Januar 2018

Beitrag zu größerer Lebendigkeit

Der kursorische Blick auf die Moderne zeigt, dass eine radikale Selbst-Infragestellung zum eigentlichen Entwicklungsfaktor von Kunst geworden ist und keineswegs zu deren finalen Liquidierung geführt hat. Beobachtete Verflüssigungsimpulse im Selbstverständnis von Kunst haben sich als notwendiger Ausgleich gegenüber systembedingten Erstarrungen erwiesen. Übertragen auf ein kirchlisches Selbstverständnis könnte dies bedeuten, dass aktuell zu beobachtende Verflüssigungstendenzen auch einen Beitrag zu größerer Lebendigkeit darstellen können. Verflüssigung bedeutet ein Plus an Beweglichkeit und Formbarkeit, ein Plus an situationsgerechter Einstellung auf gesellschaftliche Veränderungen und ein Plus an Präsenz an Orten, die vom Evangelium her ein Anliegen der Kirche sein müssen.

Bischof Hermann Glettler in „Über Verflüssigung, Kunst und Kirche“, www.feinschwarz.net, 5. Januar 2018

verdichtetes Leben

„Kunst ist verdichtetes Leben. Kunst ist poetisch verarbeitetes Zusammentreffen von Wahrnehmungen, Gedanken, Materialien, Fähigkeiten und Zeiten.“

Patrik Scherrer

ein Moment der Verführung

„Wer heute mit Bildern arbeitet, muss auch mit dem Moment der Verführung arbeiten. Der Betrachter muss sich auf das Bild einlassen, um mittels Kontemplation und Irritation zum Zweifel und von da aus zum kreativen Umgang zu kommen.

Thomas Florschuetz, 2000

dem Unvergänglichen Gestalt geben

„Es ist die Mission des Künstlers, dem Unvergänglichen der Natur Gestalt zu geben, ihre innere Schönheit zu enthüllen. Der Künstler kündet von der Natur, indem er sie sichtbar macht.; (…). Er zeigt uns eine vergrößerte, eine vereinfachte Natur, befreit von allen Details, die nichts sagen. Er zeigt uns ein Werk nach den Maßen seiner Erfahrung, seines Herzens und seines Geistes.“

Ferdinand Hodler, Über die Kunst, 1897/1908

evolutionäre Kraft

„Die Kunst ist nach meiner Meinung die einzige evolutionäre Kraft. Das heißt, nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich Verhältnisse verändern. Und ich glaube, viele Menschen spüren, dass das Menschliche, (…), in der Kunst am meisten weiterentwickelt werden kann.“

Joseph Beuys

bewusst herbeigeführte Kommunikationsstörung

„Zeitgenössische Kunst ist oft so etwas wie eine bewusst herbeigeführte Kommunikationsstörung und gerade dadurch Ausdruck des Wunsches nach besserem Verständnis und besserer Kommunikation.“

Peter F. Schmid, Universitätsdozent für Pastoraltheologie in Graz, 2004

offene Tür

„Gute Kunst erkennt man an ihrer offenen Tür. Daran, dass sie den Betrachter rein lässt, wenn der Interesse an der Arbeit zeigt. Daran, dass sie es schafft, ihren Kern zu transportieren. Also ein Gefühl auszulösen, einen Gedanken, eine Frage, eine Ahnung wenigstens. Gute Kunst muss ohne Erklärung funktionieren. Ob sie sich ganz erschließt hängt, immer auch vom Betrachter ab. Ob sie sich erschließen will, allein vom Künstler.“

Ronald Gerber / kopfkompass.de

unabhängige Größe

„Der Mensch mit Blick auf seine Wahrnehmung ist nicht  Herr im eigenen Haus. Was er geschaffen hat, kommt ihm als unabhängige Größe entgegen. Das muss selbst der Künstler eingestehen.“

Horst Bredekamp, Kunst und Kirche 02/2017, S.6

zu einer tieferen Wirklichkeit finden

„Die Kunst braucht daher die Kirche auch, um ihre eigenen Qualitäten besser wahrnehmen zu lernen. Die Kunst braucht die Kirche, da sie einen weiten Echoraum bietet, in welchem das Tun der Kunst auf eine einzigartige Weise den Bezug zu einer tiefen Wirklichkeit findet.“

Gustav Schörghofer SJ, Braucht die Kunst die Kirche? Editorial in: Stimmen der Zeit, Heft 7, Juli 2017, S. 433-434

den Sinn weiten, schärfen und verwirren

„Es ist wichtig Bilder zu haben, die einen lange begleiten, tagtäglich den Sinn weiten, schärfen und verwirren. Das ist zum Glück kein Privileg der sehr Wohlhabenden, das ist etwas für jeden Mann und jede Frau.“

Dr. Johann Hindrich Claussen, Kulturbeauftragter der EKD, in: reFORM, Zweiter Kunstpreis der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 2016, S.12.