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Manfred Scharpf, Salvator mundi, 2019
© Manfred Scharpf

Erlöser der Welt

Zweifach und dem Betrachter frontal zugewandt wird der segnende Christus in diesem Diptychon dargestellt. Jesus ist in beiden Bildern nach dem berühmten Vorbild des Salvator Mundi von Leonardo da Vinci um 1500 wiedergegeben, allerdings in Grisaille-Technik und mit deutlichen Veränderungen. Im Vergleich zum Original – bei dem Jesus in idealer Gestalt als Licht und Erlöser der Welt aus dem dunklen Hintergrund heraustritt – hat Manfred Scharpf gerade die Hintergründe am stärksten verändert und dadurch Christus als Salvator Mundi, als Erlöser der Welt, in neue Zusammenhänge gestellt.

In jedem Bild sind in Variationen die gleichen acht Elemente dargestellt: Christus, der Hintergrund, die Doppelkugeln in seiner Hand, das Weinglas bzw. der Kelch auf der linken Seite, der Brustschmuck, die Seifenblasen, die Klaviatur der Farben als Basis des Bildes und die Zeichen der Zerstörung und des Aufbruchs. Die meisten Elemente sind komplementär, also gegensätzlich, aber sich ergänzend dargestellt. Sie erzählen unterschiedliche Geschichten, zielen aber auf das Gleiche. Im Vergleich der Unterschiede entsteht die Frage nach deren Bedeutung. Durch die Nebeneinanderstellung der beiden Varianten erweitert sich der Dialog zwischen den nicht abschließend zu entschlüsselnden Symbolen.

Links wirkt der Erlöser gealtert. Vor allem im Halsbereich ist ein Netz von Sprüngen und Rissen zu beobachten, die auf den Verfall des Originalbildes verweisen. An den Stellen, die auf dem nicht restaurierten Originalbild von Da Vinci größere Fehlstellen aufwiesen, sind bei Manfred Scharpf gemalte Verletzungen und Durchbrüche der Leinwand zu sehen. Sie sind mit dem kostbaren Pigment Lapislazuli gefüllt und deuten auf einen dahinterliegenden Himmel. Jesus wird mit einer traubenbehangenen Krone dargestellt, eingewachsen in das Astwerk einer Weinrebe. So erscheint er als Dionysos, der griechische Gott des Weines, der schöpferischen Naturkraft und der Ekstase. Die Darstellung erinnert aber auch an die Worte Jesu: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15,5) Dieser Satz tönt wie eine Mahnung, dass Jesus als Salvator Mundi nur die erlösen kann, die mit ihm in enger und lebendiger Beziehung leben. So wie Jesus mit dem Ast- und Blattwerk verwachsen in den Hintergrund rückt, verstärkt die Distanzierung die Aussage, dass er im Lebensalltag vieler Menschen keine große Rolle mehr spielt.

Dagegen ist der Messkelch im blauen Kreis nach vorne ins Blickfeld gerückt wie ein Markenzeichen. In der Kugel in der Hand des Erlösers ist er schwach angedeutet und steht schief. In der schwebenden Kugel steht der Kelch jedoch gerade und leuchtet farbintensiv. Neben dem Brustschmuck in Form eines gebrochenen und mit einem Nagel durchbohrten Herzens vermag der Kelch an die Worte Jesu beim letzten Abendmahl zu erinnern: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! […] Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22,19-20) Erlösung ereignet sich gerade in der Kommunion mit Jesus in der Gestalt von Brot und Wein. Die Heilkraft des Kelches wird durch die Struktur eines aufgeschnittenen Achats verstärkt, der den Ruf eines Heilsteins hat (vgl. Hildegard von Bingen) und die Form eines Omega zeichnet, des letzten Buchstabens im griechischen Alphabet. „Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (Offb 21,6) Damit geht es im Abendmahl um mehr als um eine Grals-Mystik, – in der der Kelch als wunderkräftiges, heiliges Gefäß, als Gral, beschrieben wird, – denn Jesus schenkt uns Erlösung durch die Spende seiner ewigen Lebenskraft.

Auch im rechten Bild ist der Hintergrund stark gegliedert. Die Natur ist durch menschliche Bauten vollständig verdrängt worden. In der Bildmitte trennt eine Mauer aus Goldbarren die Welt der Menschen mit Atomkraftwerken, religiösen Bauten und Hochhäusern, die wie rauchende Fabrikschlote wirken, von der göttlichen Welt. Die Geld- und Profitgier beutet die Ressourcen der Schöpfung schonungslos aus, mit der Folge, dass die Schönheit der ursprünglichen Schöpfung völlig verunstaltet und verschwunden ist.

Jesus als Erlöser ist durch die Mauer klar von dieser Menschenwelt getrennt und dadurch in den Vordergrund gerückt. Seine segnende Hand erscheint mit dem erhobenen Zeigfinger in diesem Kontext mahnend. Auch die schwebenden Seifenblasen mahnen, dass die „Blase“ schnell platzen und sich der scheinbare Reichtum in Nichts auflösen kann. Auch aus dieser Darstellung kann Jesus gehört werden, wie er sagt: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen! Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. […] Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zum einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,19-21.24)

In diesem Bild wird in der farbigen Glaskugel die Natur in der Gestalt eines Weinstocks hervorgehoben. Er wirkt wie eine Antithese oder Vision zur zerstörten Natur im Hintergrund. Der Weinstock verweist auf den Ursprung und erinnert an die bereits zitierten Worte, dass ER der Weinstock und wir die Reben sind und wir von IHM getrennt nichts Dauerhaftes zustande bringen. Die Trauben, die Jesus wie nebensächlich auf dem Zeigefinder seiner segnenden Hand balanciert, verstärken diese Aussage. Sie befinden sich an einem zentralen Ort in diesem fein pointierten „Denk-mal“. Als rundes, natürliches und mit Leben gefülltes und dadurch göttliches Element bilden sie einen formalen Gegensatz zu den eckig-künstlichen Goldbarren. Ihnen scheint eine große Sprengkraft innezuwohnen, denn an dieser Stelle beginnt die Mauer instabil zu werden und die Gold-Ziegelsteine in der Mauer des irdischen Paradieses beginnen herunterzufallen. Diesbezüglich wiederholt und verdichtet sich das linke Bild in diesem Rondo.

Es bleibt die Reflexion der fallenden Gefäße und des roten Scheins im Hintergrund des rechten Bildes. Während das Weinglas mit den grünen Trauben unauffällig dargestellt ist, spritzt aus dem Kelch im rechten Bild eine rote Flüssigkeit heraus. Ist es das Blut, das Jesus für uns vergossen hat und das mit roten Tropfen im linken Brustschmuck bereits angedeutet wird? Oder deutet der fallende Kelch auf die versäumte Chance, das Heilsangebot Jesu anzunehmen und durch ihn Erlösung von allen Gebundenheiten zu erhalten, die unfrei und krank machen und zum Tode führen? Die rote Farbe findet sich hinter Jesus ganz oben im Bild zwischen den Häusern am Horizont wieder. Zum einen als diffuser, indirekter Schein eines verborgenen Brandes oder einer sonnenähnlichen Lichtquelle, zum anderen als tropfenartige rote Punkte, die an Jesu Wort erinnern: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. […] Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung. […] Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr sofort: Es gibt Regen. Und so geschieht es. Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Und es geschieht. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12,49a.5.54-57)

Das Diptychon thematisiert also zum einen unseren rauschartigen, egoistischen und die Welt ausbeutenden Lebensstil und zum anderen die entscheidende Kernfrage, ob wir Christus bzw. dem Salvator Mundi die Rettung und Erlösung der Welt noch zutrauen. Wenn nicht, dann muss der Mensch mit seinen beschränkten Fähigkeiten und Möglichkeiten permanent versuchen die Welt „selbst zu retten“ – mit den fatalen Folgen, die wir allenthalben sehen. Wenn ja, dann müsste jede und jeder einzelne von uns sehr viel demütiger sein und Gott einen Platz in seinem Leben geben, der Erlösung und damit Veränderung von innen heraus bewirkt.

Patrik Scherrer, 20.02.2021

Manfred Scharpf

Salvator mundi
Entstehungsjahr: 2019
Tempera, Öl auf Holz
© Manfred Scharpf

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