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Katharina Lehmann, Osterkerze für St. Paul in München, 2026
© Katharina Lehmann

Netzwerk der Liebe

Ungewöhnlich modern begegnet uns die Osterkerze in der Kirche St. Paul in München. Sie ist umhüllt von einem Gewebe, das es in sich hat. Wie ein Spitzenkleid umgibt das Netz in mehreren Schichten den roten Kern, der durch die Zwischenräume überall hindurchblitzt, aber an fünf großen Freilegungen intensiv und eindrücklich sichtbar wird.

Im Gegensatz zu den traditionellen Osterkerzen verleiht der rote Kern der Kerze eine warme Mitte, die an das Herz, das durch es pulsierende Blut und an das Leben insgesamt denken lässt. Er thematisiert gleichzeitig die Liebe als zentrale Botschaft Jesu. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Symbolisch und doch einleuchtend bringt die das rote Wachs verzehrende Flamme Jesu unendliche Liebe und seine Hingabe für uns bis in den Tod hinein zum Leuchten.

Das Gewebe umgibt den Kern, der symbolisch für Jesus steht, wie ein Mantel. Es kann somit auch für die Kirche stehen, für all die Menschen, die Jesus nachfolgen und ein Netzwerk des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe bilden, das sich in Solidarität und Nächstenliebe entfaltet und das Leben in all seinen Erscheinungsformen schützt und fördert. Wie der Glaubensweg vieler Menschen ist diese Wachshaut in mehreren Etappen entstanden, bis sie zum „Kleid“ der Osterkerze wurde. Zuerst entstand am Boden des leeren Kirchenschiffs bei einem „Infinite Walk“ der Künstlerin Katharina Lehmann eine organische Gewebestruktur aus einem kilometerlangen, sich immer wieder berührenden, überlagernden, kreuzenden, Verdichtungen schaffenden und Freiräume lassenden Faden. Von der Hand der Künstlerin geführt folgt er jeder ihrer Bewegungen und übersetzt so ihr Ein- und Ausatmen, Schreiten und Innehalten in ein von ihrer Zeit und ihrem Leben gezeichnetes Liniengeflecht. Dieses wurde anschließend in einem mehrstufigen Verfahren in Wachs übertragen.

An mehreren Stellen haben die weiße Lebensstruktur und das rote „Herz“ durch äußere Einwirkung massive Einschnitte erlitten. Das fehlende Gewebe und die Aushöhlungen muten wie tiefe Fleischwunden an und deuten einerseits auf die fünf Wunden Christi. Andererseits verweisen sie auf die Verletzlichkeit allen Lebens und des Zusammenlebens von Menschen untereinander und mit der Natur. Der verletzte Kern der Osterkerze lässt auch an die Verletzlichkeit Gottes denken, seine tiefe Betroffenheit über das menschliche Handeln und sein durch und durch barmherziges Handeln an uns aus der Fülle seiner Liebe heraus, so wie sie auch in Jesus Christus offenbar wurde. (vgl. das „Benediktus“ in Lk 1,68-79 oder Jesu Worte in Joh 15,9 – siehe oben) Dadurch sind Wunden auch Orte des heilenden und heilmachenden Wirkens Gottes mitten unter uns. In unseren leiblichen und seelischen Verwundungen, in den gewaltsamen Verletzungen, die Natur und Gesellschaft durch zerstörerische Kräfte in dieser Welt erleiden, liegt die Chance, Gott als rettende und heilende Macht mitten in unserem Leben und unserer gesellschaftlichen Verbundenheit zu erfahren. Diese Osterkerze symbolisiert Jesus Christus, den Auferstandenen, in der Einheit mit seinem Vater und dem Heiligen Geist als Networker der Liebe und des Lebens. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5), durch seine Auferstehung leuchtet uns die Hoffnung auf das ewige Leben in der Gemeinschaft mit ihm.

Flyer der Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising zur Osterkerze

Patrik Scherrer, 07.05.2026

Katharina Lehmann

Osterkerze für St. Paul in München
Entstehungsjahr: 2026
rotes und weißes Wachs
© Katharina Lehmann

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