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Heinz Mack, Ohne Titel, 2025
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Spectrum Mundi – Spectrum Dei

Leicht über der horizontalen Mitte entfaltet sich das Farbspektrum über die ganze Bildbreite. Die länglichen Farbflächen mit beidseitig spitzen Ausformungen erscheinen wie die Abwicklung eines fünfzehnseitigen Quarzsteines, durch den sich das rein-weiße Licht in seiner Farbenfülle offenbart. Die Konturen sind unscharf gemalt, wodurch fließende Übergänge von einer Farbe zur anderen entstehen. Wie bei einem doppelten Regenbogen leuchtet über der intensiven Farbreihe ein zweiter Farbreigen in zarten Pastelltönen. Als lichter Abglanz hinterfängt er die vordere Reihe und verstärkt deren Wirkung. Auch unten wird das Farbspektrum von einem schwachen Abbild der Zacken begleitet, allerdings um die Breite eines halben Farbfeldes versetzt.

Dadurch, dass sich die hellste Farbe in der Mitte befindet und die anderen Farben nach außen dunkler werden, entsteht die räumliche Wirkung eines Halbkreises oder eines Umfangen-Werdens: Das hellgelbe Feld erscheint am kleinsten und entferntesten, auch wenn es flächenmäßig zu den größten Feldern gehört, während in der Gesamtschau das blaue und rote Feld ganz außen größer und näher beim Betrachter zu sein scheinen. Die gezackte Rahmung, welche die Farbentfaltung oben und unten begleitet, verstärkt die Erhabenheit der vielfarbigen Erscheinung.

Der Farbbogen kann in seiner schlichten Schönheit für sich alleine stehen und braucht keine weitere Bedeutung zu haben. Da er jedoch transzendent angelegt ist und wie hier zentral im Chor der St. Matthäus-Kirche in Berlin präsentiert wird, ist er auch Träger einer spirituellen Botschaft. Mit den feinen Unregelmäßigkeiten und den leuchtenden Farben ist er voller Lebendigkeit. Die verschiedenfarbigen Waben wirken wie einzelne Menschenleben in einer bunten Gesellschaft. Die Waben könnten auch als Wohnungen gesehen werden, die ganze Farbreihe gar als abstraktes Bild für das himmlische Jerusalem (Offb 21,10-11a). Eine Stadt, in der es keine Lampe mehr braucht, weil sie durch Gott selbst leuchtet (vgl. Offb 21,23). So, wie die Spektralfarben leuchten, die in ihrer Abfolge und Leuchtkraft nichts mit den Erdfarben zu tun haben, zeugen sie wie die nicht körperhaften Farben des Lichtes vom reinen, immateriellen Licht.

Da bei einem stark vereinfachten Blick auf den Farbverlauf von links nach rechts die Primärfarben Blau, Gelb und Rot hervortreten, kann von ihnen aus zudem über das dreifaltige Wesen Gottes nachgedacht werden. Einerseits ist Gott der mit sich selbst identische und immer derselbe. Er ist „das Licht“ (1 Joh 1,5). Andererseits sind im Licht alle Farben enthalten und können durch ein Prisma sichtbar gemacht werden, genauso wie sich Gott im Verlauf der Heilsgeschichte in unterschiedlichen Formen offenbart hat:

Zunächst als Schöpfer, als der Allmächtige, als Vater, aber auch als der, der sich im Alten Testament oft in der Dunkelheit verbirgt. Für ihn leuchten die blauen, dunklen Farben am linken Rand des Bildes. Über eine Phase der Hoffnung auf den Erlöser, das Warten des Volkes Israel auf den Messias (grüner Übergang) offenbart er sich zentral in Jesus Christus. „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis.“ (Joh 8,12) In den gelben Farben strahlt sein Leben von der Geburt bis zu seiner Auferstehung. Zuletzt äußert sich Gott in Form des Geistes, der Liebe und ist besonders dort sicht- und spürbar anwesend, wo sich das Handeln liebevoll dem Nächsten zuwendet. Im feurigen Rot am rechten Bildrand flammt Gottes liebende und versöhnende Leidenschaft für seine Schöpfung und insbesondere den Menschen auf. In diesem linearen Verlauf schwebt Gottes vollkommenes Wesen gleichsam zwischen Zeit und Ewigkeit und „verzahnt“ sich mit der Wirklichkeit.

Diese und weitere chromatische Konstellationen aus dem Zyklus „Spectrum Mundi“ sind bis zum 13. September 2026 in der Kirche St. Matthäus in Berlin zu sehen (Gesamtansicht).

Patrik Scherrer, 12.09.2026

Heinz Mack

Ohne Titel
Entstehungsjahr: 2025
Chromatische Konstellation aus dem 24 teiligen Werkzyklus »Spectrum Mundi«,
Foto Leo Seidel, © VG Bild-Kunst, Bonn
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

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