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Olya Kravchenko, Hoffnung auf einen "klaren" Himmel, 2025
© Olya Kravchenko

Theophanie

Im Schutz der halbrunden Türöffnung birgt sich dicht gedrängt eine Menschengruppe. Frontal dem Betrachter zugewandt sitzt Maria mit dem Jesuskind auf ihrem Schoß. Jesus ist in Eiform dargestellt, wie ein Kokon von Binden umwickelt. Maria hält ihn mit beiden Händen und ist ihm mit ernstem Gesichtsausdruck zugewandt. Rechts hinter ihr erfährt sie Zuneigung und Halt durch Josef. Auf der anderen Seite stehen dicht gedrängt die drei Weisen, die dem Stern gefolgt sind. Dieser schwebt als Pendant zum Engel über der Krippe und weist mit der Spitze seines Schweifs wie der Engel mit der Schalmei auf Maria und das neugeborene Kind.

Mittig über dem Schutzraum erhebt sich ein vollkommener Kreis. Als Symbol für Gott ist er vergoldet. Innenliegend befindet sich ein blauer Kreis als Symbol für den Himmel. Dieser ist allerdings waagrecht gestreift als wäre er durch Schleierwolken oder Kondensstreifen von Flugzeugen mit Feuerspuren von Raketen gestört. Auf Jesus gerichtete dunkle Pfeile und unterschiedlich große Kugeln – steinhart, weißgrau, teils orange glühend – auf Kopfhöhe und über den Boden verstreut, verstärken das bedrohliche Szenario dieser neuinterpretierten, dreidimensionalen Ikone der ukrainischen Künstlerin.

In dieser gefahrvollen Umgebung präsentiert Maria ihren Neugeborenen als Gottes Sohn. Die Heiligenscheine werden von Gott ausgehend über den Kopf Mariens bis zu Jesus herabsteigend kleiner. Maria zeigt Jesus in der Haltung der „Sedes Sapientiae“ – dem „Stuhl der Weisheit“. Sie bildet den Thron für den neugeborenen König und hebt ihn so in der Bilddynamik ganz nach vorne. Obwohl oben Gottes Herrlichkeit durch den Kriegshimmel getrübt oder gar verhüllt ist, wird seine Herrlichkeit in Jesus Christus offenbar. Seine eiförmig gewickelte Gestalt lässt auch an den Tod und die Auferstehung Jesu denken, durch die er zu unserem Retter geworden ist und uns den Himmel geöffnet hat. Das klingt auch in der Ankündigung des Engels an, der zu den Hirten spricht: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ (Lk 2,11)

Josef und die drei Könige treten deshalb im Vergleich mit anderen Krippendarstellungen ganz ungewohnt in den Hintergrund zurück. Damit geben sie uns die Gelegenheit vor Jesus zu treten, ihn zu ehren, anzubeten und ihm unsere Geschenke zu überreichen. Auch wenn – oder gerade weil – der Himmel verhüllt ist, erschien Gott in unserer Mitte. Er will uns nahe sein, uns trösten, ermutigen und stärken, insbesondere in den schweren Tagen und Zeiten unseres Lebens.

Die Krippe von Olya Kravchenko ist bis zum 25. Januar 2026 in der 85. Telgter Krippenkunst Ausstellung “Hoffnung” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

Patrik Scherrer, 06.01.2026

Olya Kravchenko

Hoffnung auf einen "klaren" Himmel
Entstehungsjahr: 2025
Sperrholz mit Temperafarbe bemalt, vergoldet, 33 x 27 x 10,5 cm, Foto: Stephan Kube, Greven @ Olya Kravchenko
© Olya Kravchenko
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