Wortgebäude oder Gotteswort
Filigran entsteht aus unzählig vielen Buchstaben ein Buchstabenturm. In der verdichteten linken Seite kann das ABC von oben nach unten gelesen werden. Der Turm symbolisiert die Grundlage unserer Sprache, das Fundament unserer Kommunikation.
Zerbrechlich fein steht das Menschenwerk zwischen zwei Mächten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In der rechten oberen Ecke deutet ein kleines, goldenes Quadrat auf Gott. Das Wort „Logos“ ist ihm als Entäußerung zugeordnet. Auf der anderen Seite des Turmes steht gleichsam als Widersacher zu Gott und seinem Logos eine braune Gestalt mit einem „gottähnlichen“, rechteckigen Kopf. Doch seine aufrecht stehende Gestalt ist den Menschen ähnlich. Er ist ein dunkler Riese, eine unheimliche Macht, die mit weit aufgerissenem Mund das Menschenwerk massiv bedrängt und zum Zweikampf herausfordert. Vor der gewaltigen Präsenz scheint der Turm zurückzuweichen. Dennoch steht das fragile Buchstabengebilde mit angewinkelten Armen und hohem Kamm ihm furchtlos gegenüber. Erhebt das wortgewaltige Machwerk vielleicht sogar ein Buchstabenschwert, um sich zu verteidigen?
Rechts unten führen fünf kleine Figuren wie Marionettenspieler gemeinsam ein kranähnliches Instrument, das mit einer Sicherheitsnadel am Logos befestigt ist und die über diese Umlenkrolle an der Spitze des Turmes operativ tätig sind. Eigenartig wie ihre Körper und Stricke als einzige im Bild Schatten werfen. Unvorstellbar und fast absurd mutet es an, dass sie aus so großer Distanz ihr Instrument effizient führen können, zu fragil ist es und zu wenig kontrollierbar. Dennoch springen und tanzen sie – was an den Tanz um das goldene Kalb erinnert (Ex 32,1-6). Die Israeliten hatten bei ihrer Wanderung durch die Wüste in Abwesenheit ihres Führers Mose einen Ersatzgott geschaffen, dem sie huldigten.
Heute wird die Künstliche Intelligenz (KI) wie ein Gott gefeiert, die alles verändern und uns in ein neues Zeitalter führen wird. Sie baut auf dem gesammelten, digitalen Wissen der Menschheit auf und wird von wenigen Menschen gesteuert. Ein gigantischer Turmbau globalen Ausmaßes. Vielleicht bekämpft der dunkle Riese den Buchstabenturm nicht, sondern gibt ihm vielmehr als starker Partner Rückendeckung, damit das Wissensgebilde wie er, aber in anderer Form, als Widersacher Gottes wirken kann.
Wie auf flüchtigen, weißen Spielflächen bewegen sich zu Füßen des Turms weitere Kohorten von Menschen, nicht in Freiheit, sondern gruppenweise im Gleichschritt. Die Wiederkehr des ewig Gleichen? Links neben der fünfköpfigen Steuergruppe ist verschiedenes Baustellenequipment zu erkennen. Auf einem, in den Boden gerammten Pfosten steht „Sinn“. Ohne Fragezeichen. Aber allein durch die Gegenwart dieses Wortes wird die Sinnfrage gestellt. Die alles entscheidende Frage, wozu dieses gigantische und kaum zu steuernde Werk letztlich dient und ob das alles für den Menschen gut ist. So klein und unscheinbar die Symbole für Gott und seinen Logos sind, letztlich wird das sinngebende, mit göttlicher Weisheit erfüllte, schöpferisch wirksam werdende Wort Gottes darüber entscheiden, was sinnstiftend und gut ist.
Weitere Arbeiten von Christoph Feuerstein zum Thema sind bis zum 29. Juli 2026 in der Ausstellung „Sündenfälle als Realitätsverlust“ im Edith-Stein-Haus in Heidelberg zu sehen.





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