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Jens Henning, Schattendasein, 2020
© Jens Henning

Das Wesentliche schauen

Was für eine Überraschung! Bei dieser Krippendarstellung gibt es in Wirklichkeit keine Krippe, kein Jesuskind, keine Maria und keinen Joseph, auch keine Besucher wie Hirten oder Könige. Diese „Krippe“ besteht nur aus Elektroschrott, aus Platinen, Schaltern, einer Spule, abgerissenen Kabeln etc. Vermutlich stammen sie aus einem Computer. Die einzelnen Teile sind so angeordnet, dass die chaotisch wirkende Zusammenstellung durch das Licht einer Lampe aus einem bestimmten Winkel Schatten an die Wand werfen. Überwölbt vom hellen Lichtkegel ist der Schattenwurf einer Futterkrippe zu sehen, aus der Stroh heraushängt und in der ein Säugling liegt. Von ihm sind der Kopf, eine Hand und ein Fuß zu sehen. Am Boden wirft das Licht die Silhouette einer Kerze oder einer Babytrinkflasche und rechts daneben den Griff einer Schaufel in einem Eimer an die Wand.

Welch ein Kontrastprogramm: Im Vordergrund türmt sich eine Ansammlung von ausgedientem Elektroschrott, während die frohe Weihnachtsbotschaft im Hintergrund ein Schattendasein fristet. Normalerweise halten wir das Schattenbild für einen trügerischen Schein und das dazugehörende dreidimensionale Objekt für die wahre Realität. Hier ist es umgekehrt: Das Schattenbild vermittelt das Wesentliche. Durch das genau ausgerichtete Licht wird das sonderbare Chaos in eine frohe Botschaft verwandelt. Nur durch das Licht wird in der Installation auf irritierende und faszinierende Weise das weihnachtliche Wunder der Menschwerdung sichtbar.

Das Kunstwerk ist eine Art Gleichnis: Auch wir Menschen sind für die Entdeckung und das Erkennen des Gottessohnes auf Licht angewiesen, ob es nun ein Stern, ein Engel, ein Geistesblitz oder eine innere Erleuchtung ist. Ohne diese Befähigung könnten wir nicht mit dem geistigen Auge über das Vordergründige einer Ansammlung von Konsumgütern oder auch eines süßen Kindleins in der Krippe hinwegsehen und seine irdische Gegenwart so durchdringen, dass wir in ihm Gottes Sohn und unseren Heiland schauen und verehren.

Wie die Elektroteile früher im Rechner des Computers Bilder auf den Bildschirm zauberten, so projiziert das Licht nun ein Schattenbild an die Wand. Ebenso soll Gott in uns aufleuchten und durch uns als Mensch geboren werden, damit ER für alle auf vielfältige Weise sichtbar und erlebbar wird. Wie in dieser Installation ereignet sich das weihnachtliche Geschehen immer wieder wunderbar und gleichzeitig unspektakulär im Stillen – ohne die kleinste Beachtung durch Dritte wie Hirten, Könige oder die Eltern. Und doch erneuert und verändert jedes noch so unscheinbare weihnachtliche Geschehen, in dem Gott sichtbar Mensch wird, wesentlich das Antlitz der Erde.

 

I M M A N U – E L

Ins Zeitendunkel ist die Nacht entschwunden,
In der ein Stern erstrahlte – klar und hell,
In der sich Erd‘ und Himmel neu verbunden,
In der geboren ward Immanu-El.

Zwar vieles könnte heut‘ nicht mehr geschehen:
Dass Hirten hör‘n der Engel Lobgesang,
Dass heil‘ge Könige zum Himmel sehen
Und folgen dann des neuen Sternes Gang.

Doch in der Flucht der Zeit bleibt unverloren
Das Ewige, das uns erschien in jener Nacht.
Von neuem wird das WORT in dir geboren,
Das einst im Stalle ward zur Welt gebracht.

Ja! Gott mit uns – nicht dort, in Himmelszelten
Und nicht in Sturmeswehn, in Feuer nicht und Streit,
Und nicht in Fernen unerforschter Welten,
Und nicht im Nebel der Vergangenheit.

Nein: hier und jetzt: im eitlen Weltgetriebe,
Im trüben Lebensfluss, im Alltagstrott
Tönt uns die Botschaft von der ew‘gen Liebe:
Besiegt sind Not und Tod – mit uns ist Gott.
Wladimir Solowjow (1853-1900)

Jens Henning hat mit seiner Krippe den diesjährigen Bischof-Heinrich-Tenhumberg-Preis gewonnen. Seine Krippe ist bis zum 13. Januar 2022 in der 81. Telgter Krippenausstellung “Geheimnis der Heiligen Nacht 2.0” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

Patrik Scherrer, 24.12.2021

Jens Henning

Schattendasein
Entstehungsjahr: 2020
Skulptur und Lichtinstallation, Metallschrott beleuchtet, 120 x 40 x 40 cm
© Jens Henning

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