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Rainer Eisch, elo_07, 2017
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Gestaltwerdung des Geistigen

Ein Kristallmeer scheint im Raum zu schweben und aus dem Bild auf den Betrachter zu fliegen. So dicht und undurchlässig sich die kristalline Fläche im unteren Teil des Bildes gibt, oben bricht sie auf und lässt den Blick auf einen vergoldeten Urgrund zu. Gleichzeitig können kleine Kristalle ausgemacht werden, welche dem Bild eine außerordentliche Tiefenwirkung verleihen.

Die Raumtiefe wird durch die Farbe der kristallinen Formen gesteigert. In den dunklen Kristallen erscheint die Farbe verdichtet, was sie aus der Maße hervorhebt. Dies führt dazu, dass der Endpunkt des Bildes nicht die Spitzen der kristallinen Formen sind, sondern der Betrachter. Der dreifache (!) Rahmen intensiviert den Eindruck, wie durch ein Fenster hindurch in eine andere Welt zu schauen und Zeuge der Gestaltwerdung von etwas Kostbarem zu sein.

Der Goldgrund – technisch gesehen ist er als Letztes auf das am Computer generierte Bild aufgetragen worden – erinnert an mittelalterliche Heiligenbilder und byzantinische  Ikonen, bei denen das Gold symbolisch für Gottes Gegenwart und Erhabenheit steht. So vermittelt das Gold auch in der Arbeit von Rainer Eisch einen kostbaren Urgrund und Ausgangspunkt. Von ihm ausgehend materialisiert und verdichtet sich das Geistige in einer neuen Gestalt, die wie ihr Ursprung von unvergleichlicher Schönheit und großem Wert ist.

Hier wird die biblische Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1-2,2) auf eine andere symbolische Weise erzählt. Dabei ist Gott vordergründig der lichte abstrakte Grund, aus dem sich eine wunderbare, kaum zu begreifende Ordnung herauskristallisiert, deren Ziel der Mensch ist. Eine Ordnung, die in diesem Falle im Computer aus fast nichts geschaffen wurde, nämlich einem Schwarm von unendlich vielen Triakisikosaedern (aus der Familie der Catalanischen Körper), einem komplexen Polyeder aus 60 gleichschenkligen Dreiecken. Damit ist das Gold paradoxerweise das einzig Echte in dieser künstlichen Kristallwelt.

Immer wieder neu lässt diese Arbeit die Gedanken um das Wunderbare und Unfassbare kreisen, das wie aus kosmischer Ferne zu uns kommt und von uns bildhaft eingegrenzt versucht wird fassbar und begreiflich zu machen. Gedanken über die Undarstellbarkeit und die Größe Gottes, der von Anfang an diese Welt in einer bestaunenswerten Genialität erschaffen hat – allein und mit und durch uns Menschen.

Diese Arbeit war vom 12.9. bis 10.11.2018 in der Ausstellung Über das Geistige in der Kunst – 100 Jahre nach Kandinsky und Malewitsch in der DG in München zu sehen. Weitere Werke dieses Künstlers sind in der gleichnamigen Partnerausstellung bis zum 10.03.2019 im Museum für Moderne Kunst in Ingolstadt ausgestellt.

Patrik Scherrer, 10.11.2018

Rainer Eisch

elo_07
Entstehungsjahr: 2017
Fine Art Print mit Blattvergoldung in Rahmen 72 x 52 cm, Foto: Rainer Eisch
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019

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