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Tobias Eder, Palmsonntag, 2012
© Tobias Eder

Palmsonntag

Braun glänzend – wie aus flüssiger Milchschokolade – präsentiert sich die Figurengruppe aus acht stehenden Figuren, einem Reiter mit seinem Pferd und einem Gekreuzigten. Sie befinden sich in einem ebenfalls braunen Umfeld, in dem der Boden etwas dunkler, der Hintergrund – auch durch die sonnenähnliche Lichterscheinung – etwas heller gestaltet ist. Kabel verbinden die einzelnen Figuren, die alle in der gleichen Gestalt und Haltung dargestellt sind. Mit parallelen Beinen, senkrechtem Oberkörper, aufgerichtetem Kopf und seitlich erhobenen Armen stehen, sitzen oder hängen sie im Bild. Weder ihre Füße, Hände noch ihre Gesichter sind im Detail herausgearbeitet.

Die abstrahierten Menschenfiguren machen den Eindruck, zu einem Spielzeugsortiment zu gehören. Jemand hat sie so aufgestellt, dass die acht Stehenden mit exakt gleichen Abständen zueinander eine Kette oder die Art Spalier bilden. Der Reiter ist an ihnen vorbeigeritten, wie vor einer Ehrengarde. Im Hinblick auf den Gekreuzigten … ein letztes Geleit?

Ebenso befremdlich wie die im anhaltslosen Raum verlorene Figurengruppe wirken die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen. Im Vergleich zu den starren, uniformen Figuren sind sie erstaunlich beweglich und individuell gestaltet. Sie scheinen weder in der Bewegung noch in der Befestigung einem erkennbaren Schema zu folgen (Draufsicht). Auffallend ist allerdings, dass das Kabel in gleicher Weise durch die Brust des Reiters hindurchgeht wie gleich darauf durch die Brust und das Herz des Gekreuzigten. Dann senkt es sich in eine rechteckige Grube, die aus dieser Perspektive nur am Lichtschein schwach erkennbar ist, in einer anderen Ansicht aber als energiegeladener Gegenpool zur Sonne in Szene gesetzt wurde. Ein zweites Kabel steigt dieser Vertiefung auf und führt zur Figur ganz links.

Das Kabel bildet also einen Kreislauf. Es ist ein Band, das durch alles geht und dadurch eine starke Verbundenheit schafft. Es bringt die gleichförmigen Figuren zueinander in Beziehung und deutet eine Abfolge an, die ohne diese Verbindung nicht ersichtlich wäre: Ein Vorher und ein Nachher, ein ungläubiges Mittun und ein gläubiges Verstehen, ein Zujubeln Jesu beim Einzug in Jerusalem, dem die furchtbare Kreuzigung, der Tod und die Grablegung folgen, als auch ein neues Sehen, Verstehen und Erleben der Ereignisse nach der Auferstehung. Ob es Zufall oder Absicht ist, dass – zumindest in dieser Ansicht – vier Kabelpartien Parallelen aufweisen und gebündelt in die Richtung der erleuchteten Grube, des leeren Grabes weisen?

Aus ihm steigen zwei Kabel auf, die wie zwei Stromkabel direkt als auch durch den Gekreuzigten den Reiter hindurch die so starre Figurengruppe bzw. fast die ganze Figurenreihe „elektrisieren“ oder mit „Leben“ versorgen. Denn die zweite Figur von links (Detailbild) ist nicht mit den anderen verbunden, obwohl sie genau so dasteht wie die anderen. Was der Künstler damit wohl andeuten möchte? Sieht er diese isolierte Figur im Zusammenhang mit Judas, der auch am Abendmahl teilgenommen hatte, obwohl er Jesus gleich danach verraten hat? Oder soll sie andeuten, dass der Glaube an Jesus letztlich ein Geschenk ist, eine Gnade, die nicht jeder annehmen kann?

Unabhängig davon ist die Offenheit oder Mehrdeutigkeit bemerkenswert, die durch die Gleichförmigkeit der Figuren entsteht. So sind alle Figuren vom Kreuz gezeichnete Gekreuzigte, die Freistehenden aber zugleich vom Kreuz gelöste und erlöste Menschen in einer neuen Freiheit und Wirklichkeit. Haben sie Jesus beim Einzug in Jerusalem noch mit erhobenen Armen jubelnd „König Israels“ zugerufen (Joh 12,13), so können ihre ausgestreckten Arme nach seiner Auferweckung ihre Freude zum Ausdruck bringen, dass er der Auferstandene ist, der Herr des Lebens, Gottes Sohn. In Bezug auf die Figur, die nicht mit Jesus und den anderen verbunden ist, könnte die Gleichförmigkeit ihrerGestalt und ihr Platz in der Reihe darauf hinweisen, dass bei allen Menschen das Potential und die Möglichkeit des Glaubens an Jesus vorhanden ist.

So sehr die Figuren mit einem Spiel, mit spielerischer Oberflächlichkeit und Beliebigkeit in Verbindung gebracht werden können, sie stehen gerade in ihrer Anonymität für ALLE Menschen. Die Zahl Acht setzt sich aus der Sieben und der Eins zusammen, wobei die Sieben als Summe von drei und vier für Fülle und Vollendung, für die Vereinigung des Geistigen und des Irdischen steht, während die Zahl Acht auf den „achten Schöpfungstag“ hinweist, die Auferstehung Christi und die Neuschöpfung des Menschen durch IHN.

Die erhobenen Arme des Reiters bringen deshalb auch nicht seine Reitkunst zum Ausdruck, sondern formen die Vorgestalt des Gekreuzigten und bringen seine Bereitschaft, das Kommende anzunehmen und zugleich die vorweggenommene Freude des Sieges über den Tod zum Ausdruck. In seiner ganz eigenen Darstellung vermag dieses am Computer hergestellte Bild also trotz seiner befremdlichen Erscheinung Wesentliches des Einzugs Jesu in Jerusalem darzustellen und seine Bedeutung im Licht der darauffolgenden Ereignisse zu entfalten. Deswegen hat die braune Farbe auch weniger mit Schokolade, als vielmehr mit der Erde und dem Sterben zu tun. Eine grüne Version des Bildes zeigt denn auch, wie österlich befreit die Figurengruppe in der Farbe des frühlingshaften pflanzlichen Lebens und ohne die lebenserhaltende „Nabelschnur“ wirken kann.

Patrik Scherrer, 12.04.2014

Tobias Eder

TOBIAS EDER
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Palmsonntag
Entstehungsjahr: 2012
Digitalfoto, 10 x 20 cm, 800 dpi
© Tobias Eder

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