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Elisabeth Bala, Schreiten, 2000
© Elisabeth Bala

Schreitender

Turmartig erhebt sich die grün-blaue Figur in der Bildmitte. Die einfachen Formen mögen spontane Assoziationen zu einem Pfosten oder einem stilisierten Baum auslösen. Doch die zwei Füße im Seitenprofil lassen die Gestalt eindeutig einem Menschen gleichen, auch wenn keine Arme oder eine klare Kopfform zu sehen sind. Aber verjüngt sich die Körpergestalt nicht in der Halsgegend und weitet sie sich nicht im Bereich des Kopfes, so dass eben doch eine Kopfform ausgemacht werden kann? Und könnte nicht die blaue Farbe einem Gesicht zugeordnet, die verwaschene runde Form daneben als Auge, die Unschärfe links unten im blauen Bereich als Mund gedeutet werden?

Auch die Farbgebung der solitären Gestalt verweist auf den Menschen. Grün mag hier symbolisch für die irdische Herkunft stehen, für das dynamische Wachstum, für das emporstrebende Leben. Dieser Mensch steht in seinem Saft, ist voller Leben. Die blaue Farbe hingegen deutet auf seine geistige Kraft hin, mit der er fähig ist, das sinnlich Wahrnehmbare durch seine Intelligenz zu durchdringen.

Aber durch die gestalterische Vereinfachung konzentriert sich alles in den beiden Füßen, scheint alle Energie in sie zu fließen bzw. von ihnen auszugehen. Der vordere Fuß befindet vollflächig auf dem Boden, der hintere ist leicht angewinkelt. Spannungsvoll zieht eine Bogenlinie von der Ferse bis zum Scheitel. Eine unsichtbare Kraft scheint sich ihm in den Rücken zu pressen und ihn voranzutreiben.

Beinbewegung wie Körperhaltung zeigen also an, dass dieser Mensch in Bewegung ist und von rechts nach links schreitet. Den Kopf hat er dabei leicht in den Nacken gelegt, die Haare sind wie von einem heftigen Gegenwind zerzaust nach hinten geweht. Dieser Mensch scheint ein Ziel vor Augen zu haben. Gleichzeitig kämpft er gegen die Kräfte von hinten und von vorne, um nicht schneller oder langsamer, sondern in seinem eigenen Tempo voranzukommen. So achtet er mit angespanntem Leib auf jeden Schritt, so scheint er als vorsichtig Schreitender jeden Schritt zu bedenken.

Nach der Betrachtung der solitären Figur sind nun noch die roten Bildelemente zu erforschen. Die dickere Diagonale gleicht mit seiner auslaufenden, spitzen Form einem Speer oder einem Lichtstrahl, welcher die Figur durchdringt. Ist er ein von der Liebe getroffener und gleichzeitig beflügelter? Denn die vier gleichfarbigen Linien, die rechtwinklig zur Diagonalen von der Körpermitte nach hinten abstehen, muten wie Federn oder wie Pfeile im Köcher an, haben aber auch ein flügelähnliches Aussehen.

Assoziativ dazu kann die rote Diagonale als Bogen gesehen werden, den der Schreitende locker in der Hand hält, bevor er ihn zum Schießen auf Augenhöhe hochnimmt. Bei dieser These wäre der Schreitende Jäger und Opfer zugleich, weil die Waffe an ihm selbst zeigt, was durch seinen Schuss demnächst geschehen wird. Auch die rote Farbe würde zu dieser Thematik passen, die stolze Haltung, das hoch aufgerichtete Haar, das wie eine Krone wirkt.

Eine ganz andere Deutung ergibt sich, wenn die rote Diagonale als Stange gesehen wird, die der Schreitende auf Beckenhöhe trägt. Könnte es nicht auch sein, dass er eine Balancestange trägt, um sein Gleichgewicht zu halten? Könnte die geringe Schrittlänge nicht auch darauf hindeuten, dass er sich gar nicht auf dem Boden, sondern auf einem Seil befindet, im „luftleeren“, haltlosen Raum, wie es der neutrale Hintergrund andeutet? Dass er deshalb die Balancestange braucht, um das Gleichgewicht zu halten und nicht herunter zu fallen? Auch hier könnten die vier Linien hinter ihm die Stabilität geben oder ihn beflügeln.

Der Schreitende lässt unterschiedliche Zugänge oder Deutungen zu. Wie diese auch aussehen mögen, regt er an, über unser Schreiten nachzudenken. Wie selbstverständlich bewegen wir uns doch in der Regel vorwärts. Doch welche Kräfte drängen uns, so dass wir schneller als gewollt laufen? Welche Kräfte oder Ereignisse bieten uns Widerstand und hindern uns am Vorwärtskommen? Sind wir Jäger oder Gejagte? Was hilft uns, Gleichgewicht und innere Ruhe zu behalten? Gerade in schwierigen Zeiten oder auf unwegsamen Passagen, bei denen ich mir – auf mich allein gestellt – wie auf einem Hochseil vorkomme, bei denen ich mich Schritt für Schritt vorwärts tasten muss und es oftmals „mehr ein Zögern denn ein Schreiten ist“? Das Aquarell regt auch zum Nachdenken an, welche Menschen, welche Fähigkeiten und Erlebnisse als „Balancierstange“ helfen, das Gleichgewicht zu halten und langsam, aber konzentriert vorwärts schreiten zu können.

Patrik Scherrer, 10.11.2012

Elisabeth Bala

Schreiten
Entstehungsjahr: 2000
aus der Serie "Es ist mehr ein Zögern denn ein Schreiten"
21 x 31 cm, Aquarell auf Transparentpapier
© Elisabeth Bala

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