Licht in der Welt sein

Die Schlichtheit der übergroßen, brennenden Kerze auf dem schmalen Bildträger überrascht in der barocken Kirche. In marianisches Blau gekleidet bildet die Kerze einen warmen Kontrast zur feingliedrigen Formenfülle des Kirchenraumes, in dem sie sich optisch in die Mitte zwischen die Säulen des Hochaltars einreiht und diese über das Hochaltarbild hinausgehend überragt.

Schlank wie eine Säule steht sie mitten im Kirchenraum, mit ihrer Flamme Licht und Wärme ausstrahlend, alle Aufmerksamkeit auf sich fokussierend, die Gedanken beruhigend, sammelnd und zum Gebet erhebend.

Die überdimensionale Kerze erinnert an das Bibelwort: „Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.“ (Mt 5,15) Hier bildet die Kerze selbst den Leuchtkörper für das Licht. Selbstverständlich gegenwärtig wie Jesus steht und brennt sie in der Mitte der Gemeinde: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) So wie Jesus für alle Menschen da war und ihnen Orientierung, Zuversicht und Lebenskraft gab, so sollen auch wir für unsere Mitmenschen Licht und Halt sein.

Im Symbol der schlichten Kerze – nicht in der festlichen Osterkerze – ist er allen Gläubigen leuchtendes Vorbild der selbstverzehrenden Hingabe, der Caritas. Und er berief uns in seine Nachfolge mit den Worten: „Ihr seid das Licht der Welt.“ (Mt 5,14) So wie sein Leben leuchtete und eine Ausstrahlung hatte, soll unser Licht vor den Menschen leuchten, damit sie unsere guten Taten sehen und unseren Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5,16). Wo wir als Christen handeln, wo wir wie Christus handeln, werden wir die Menschen an Gott erinnern, an sein lebenspendendes Licht, seine unendliche Liebe, seine unfassbare Güte und Barmherzigkeit.

 

Ein himmlisches Angebot

Eine blaue Fläche verdeckt den barocken Hochaltar und erfordert einen Wechsel der Sehgewohnheiten. Durch das zeitweise Verhüllen des Gewohnten sollen die Gläubigen die Chance zu einer Neuentdeckung und einer neuen Sicht auf Gott erhalten und damit eine Umkehr zu Ihm. Das hängende Fastentuch eröffnet mit seiner blauen Farbe einen universellen Blick in die unergründlichen Weiten des Himmels oder Tiefen des Meeres. Seine halbtransparente Struktur lässt spielerische Lichteffekte zu und vermag damit an die Bedeutung von lebendigem Wassers für das Leben hinzuweisen.

Von oben senkt sich mittig ein intensiveres blaues Band in die Tiefe und breitet sich zwischen den beiden seitlichen Heiligenfiguren horizontal aus. In diesem auf dem Kopf stehenden T (Tau oder Kreuz) zieht ein helles Tondo den Blick auf das in einem Rosenstrauch sitzende nackte Jesuskind.  Auf der rechten Seite ist es von drei Rosenblüten umgeben: einer großen, voll aufgeblühten, darüber einer großen Knospe und Jesus selbst hält einen von der voll aufgeblühten Rose ausgehenden Stiel mit einer verschlossenen Knospe wie ein Zepter vor seinem Körper. Die drei Rosenblüten symbolisieren die Dreifaltigkeit. Das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ (GL 334/EG 30) ist ein Zugang zu diesem ungewöhnlichen Fastentuch. „aus Gottes ew‘gem Rat hat sie ein Kind geboren …“ heißt es in der zweiten Strophe und so sieht man das Jesuskind als Menschensohn zwischen der symbolischen Darstellung von Gott Vater in der aufgeblühten Rose und der haltgebenden Hand Mariens. Ebenso passt die dritte Strophe: „ Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis, wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet uns von Sünd und Tod.“

In mir begann die zweite Strophe des Liedes „zu Bethlehem geboren“ von Friedrich Spee (GL 239/EG 32) bei der Betrachtung des Fastentuches zu singen. Denn die große blaue Fläche und das leuchtende Tondo fokussieren den Blick auf Jesus und auf seine Position in meinem Leben: So klang in mir: „In seine Lieb versenken will ich mich ganz hinab; mein Herz will ich ihm schenken und alles was ich hab. Eia, eja, und alles was ich hab.“ Erschrocken über die weihnachtlichen Klänge kam ich aber zur Erkenntnis, dass es in der Fastenzeit gerade darum geht: Den vielleicht aus den Augen und aus dem Alltag verlorenen Gott wiederzufinden und ihm den Platz in meinem Leben wiederzugeben, der ihm als „höchsten Gut“ gebührt. Dem war sich Friedrich Spee bewusst, wenn er in der fünften  Strophe formuliert: „Dazu dein Gnad mir gebe, bitt ich aus Herzensgrund, dass dir allein ich lebe jetzt und zu aller Stund. Eia, eia, jetzt und zu aller Stund“.

Diese gnadenvolle Veränderung soll mein/unser ganzes Leben durchwirken und es zur Ehre Gottes verändern, damit es wie die goldenen Strahlen von seiner Präsenz in meinem/unserem Leben kündet. Um anzudeuten, dass so eine Veränderung meist unsichtbar, aber doch durch ein vielfältiges, heilsames Wirken in konkreten menschlichen Beziehungen, Handlungen und Gesten geschieht, hat die Künstlerin auf der Rückseite des Fastentuches in der Höhe des Tondos mit goldenen Umrisslinien neun bewegte Hände in zwei Gruppen dargestellt: gebende, helfende, empfangende, darreichende, betende, bewahrende, beschützende und segnende Hände. – Eine Einladung, dem Mitmenschen wie Jesus zu begegnen, sie wie sie sind anzunehmen, ihnen Freiheit und Lebensfülle schenkend, sie an der Hand nehmend oder ihnen segnend die Hände aufzulegen zur Stärkung in allen Lebenslagen – aus der Verbundenheit mit Gott und Ihm in jedem Mitmenschen.

 

Das Fastentuch ist bis zum 14. April 2022 in der Stadtpfarrkirche St. Jakob in Villach (A) im Original zu sehen. Auf der Website der Pfarrei können Sie eine andere, sehr lesenswerte Betrachtung von Herrn Pfarrer Dr. Richard Pirker lesen.

Das Geheimnis verhüllt andeuten

Fastentücher verhüllen in den Kirchen von alters her die Hochaltäre und damit das Allerheiligste. Im übertragenen Sinn nehmen sie die Sicht auf Gott und machen den Gläubigen zunächst mal haltlos, weil ihm die vertrauten Anhaltspunkte und -bilder genommen worden sind. Damit wird der Gläubige wieder zu einem Suchenden. Zu einem Suchenden nach Anhaltspunkten und Zeichen der Gegenwart Gottes. Durch das Bilderfasten rückt das Gewohnte vorübergehend in den Hintergrund und macht den Blick frei für Neues, für noch nicht da Gewesenes, ja sogar nie da Gewesenes. So trägt das Verhüllen durch Tücher dazu bei, seinen Glauben zu prüfen und Gott als Suchender neu in seinem Leben zu entdecken und zu erfahren.

Das Fastentuch von Lisa Huber beeindruckt durch seine Größe und helle Erscheinung (Gesamtansicht im Dom Klagenfurt). In der Mitte sind in elf Dreierreihen 33 gleich große Rechtecke aufgenäht. Sie beinhalten grafische Zeichnungen, die sich durch ihre abstrakten Linien und Flächen zur freien Interpretation anbieten. Links und rechts werden sie von drei hochformatigen Stofffeldern flankiert, die in ihrer Liniensprache ebenso mehr andeuten als definieren. Und doch verweist das Feld oben links auf König David, der als Psalmendichter oft mit der Harfe dargestellt wird. Unten links wird Abraham als der Stammvater der drei monotheistischen Religionen gezeigt, wie er sich über seinen liegenden Sohn Isaak beugt und ihn Gott opfern will. Im rechten Feld weisen beschwingte Linien auf Jakobs Kampf mit dem Engel hin. Im singulären Rechteck unten rechts sind hingegen Zitate des ersten und letzten Verses von Psalm 90 in der Rosenberg-Buber-Übersetzung zu sehen: „Mein Herr, du bist, du Hag uns gewesen in Geschlecht um Geschlecht. Das Tun unsrer Hände richte auf über uns, das Tun unsrer Hände, richte es auf.“ Diese 37 Applikationen heben sich durch ihre weiße Farbe vom blau-grauen Hintergrund ab, auf dem sich breitere Linien in zartem Rosa abzeichnen. Zwischen den 33 Bildfeldern sind zudem waagrechte und senkrechte rote Fäden zu erkennen, die am unteren Ende auf dem Boden in zwei Häufchen auslaufen.

Mit diesen vielen Andeutungen wird dem gläubigen Betrachter ein Weg zu Gott angeboten, auf dem er immer wieder Neues über Gott entdecken kann. So lässt die Zahl der 33 zentralen Bildelemente an die vermutete Lebenszeit Jesu denken, gleichzeitig steht sie für Vollkommenheit, für die Fülle des Lebens. Die roten Fäden, die zwischen den Feldern hindurch zum Boden führen, wirken wie Blutgerinnsel und erinnern das am Kreuz vergossene Blut Jesu, das sich am Boden sammelt. Als drittes Element verweisen die rosafarbenen Linien, die im Hintergrund durchschimmern, auf Jesus und sagen mit dem Alpha und dem Omega, dass er der Anfang und die Vollendung alles Geschaffenen ist (vgl. Offb 21,6). Das Omega ist mit seinen Rundungen gut erkennbar, das Alpha ist schmaler geformt und im oberen Teil erhöht. Sie werden erst in der österlichen Zeit, wenn das Tuch gedreht wird, zusammen mit den herunterhängenden „Fäden des Lebens“ vollständig sichtbar werden. Auf dem blauen Stoff der Rückseite, der symbolisch das Wasser des Lebens, die Taufe und damit verbundenen Heilszusagen darstellt, bringen die Silberfäden die Anknüpfungspunkte und Verbindungen zum Alpha und Omega zum Ausdruck, die „Re-ligio“ der auf seinen Namen Getauften (Silberfäden).

Mit den Darstellungen zu Abraham, Jakob und David kommt weiter der gelebte Glauben von drei Persönlichkeiten des ersten Testaments zur Sprache. Sie erzählen vom Glauben an die Führung Gottes, vom handfesten Kampf mit Gott und seinen Folgen als auch von der Zwiesprache mit Gott in Psalmen und Gebeten. Die drei glaubensstarken Männer lassen spüren, dass Gott nah ist und überraschend konkret erlebbar sein kann.

Die Darstellungen auf den 33 zentralen Feldern bilden dazu eine Art Kontrastprogramm, obwohl sie vom Psalm 90 inspiriert sind und auf ihn verweisen. In dem Mose zugeschriebenen Psalm bringt der Beter die Vergänglichkeit des Menschen vor Gott zur Sprache. Im ersten Teil macht er dies anklagend (V. 3-10), dann um Zuwendung, Huld und Gnade bittend (V. 13-17), damit wenigstens das Werk der Hände gedeihen möge. Doch die Darstellungen sind so abstrakt, dass sie sich dem Betrachter auf der Suche nach Gott fürs Erste rätselhaft und sperrig in den Weg stellen. Wohl mag man neben Davids Harfe eine Strichliste erkennen, die an das Zählen erinnert, vielleicht an die im Psalm 90 angesprochenen Lebensjahre . Alle anderen Felder erfordern jedoch einen persönlichen Zugang, der durch Parallelen zu Erlebnissen im eigenen Leben entsteht. Durch die leeren Felder mag man so auf Zeiten der Leere oder von Abwesenheiten stoßen. Die verschiedenen Zeichen dagegen können wie verdichtete Sinnbilder Situationen aus unserem Leben in Erinnerung rufen und sie vor Gott bringen. Gegebenheiten und Erlebnisse, die wir in ihrer Komplexität an Eindrücken und Gefühlen vielleicht selbst nicht richtig in Worte zu fassen vermögen.

So lädt das Fastentuch zum Verweilen vor Gott und zum Darbringen unseres eigenen Lebens ein. Inmitten des Betens und Glaubens großer Vorbilder lädt es zur geistigen Schau des Lebens Jesu als auch des eigenen Lebens ein, um in den rätselhaften Erinnerungsfragmenten die geheimnisvolle Gegenwart Gottes und die Fülle seiner Liebe zu entdecken.

In Reichweite

Was Du als selbstverständlich betrachtest,
ist für mich ausser Reichweite
Was ich säe,
wird im Keim erstickt – durch eine unzähmbar gewordene Natur
und durch die ungleiche Verteilung

Wir hoffen weiter – auf Gerechtigkeit
Du kennst keinen Hunger
Ich harre im Hunger aus
Was Du isst,
säe und ernte ich und gebe es weg
Dir fällt die Auswahl schwer,
während ich keine habe
Mit dem, was ich verdiene, kann ich kaum meine Kinder ernähren
Das Ungleichgewicht bleibt bestehen
In der Sättigung erstarkt,
im Hunger schwach
Werden wir uns je wehren können?
Gibt es Gerechtigkeit?
Übersättigung – Unterernährung

Wir hungern weiter

Worin bestünde die Gerechtigkeit?
Ich verdiene an meiner Ernte soviel,
dass ich leben kann
Auf Ausgleich hoffen und auf Morgen vertrösten
Wo verbirgt sich die Klage für das Unterlassene?

Wer hungert, erfährt Gerechtigkeit

Im Teilen zwischen Dir und mir entstünde Hoffnung
Und die Möglichkeit einer fruchtbaren Zukunft

Text: Michèle Brandenberg, Zug/Basel
Bild: Sr. Gielia Degonda, Kloster Ingenbohl

Heilfasten des Sehens

Großflächig hängt die Stoffskulptur im Chorbereich dieser Kirche. Naturfarbern und unbemalt. Das Bildprogramm entfaltet sich nicht durch eines oder mehrere Bilder wie bei anderen Fastentüchern, sondern über das Material, die Verarbeitung und Hängung des Gewebes.

Wie ein Kleidungsstück zum Trocknen ist das Fastentuch über eine horizontale Stange gelegt. Akkurat. Durch die Doppelung des Gewebes wird die konische Form deutlich – oben ist das Gewebe weiter, unten enger.

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass Stoffsteifen spiralig zu einem Schlauch zusammengenäht worden sind. An beiden Enden steht ein Stoffzipfel vor (Detailbild). Die Stoffstreifen sind unten schmal geschnitten und werden nach oben immer breiter. Spiralförmig aneinandergenäht, symbolisieren sie einen Weg, ein Wachstum, das klein angefangen hat und immer größer und weiter wird. Sie lassen an das Leben denken, seinen Anfang und sein Ende, die lange Zeit der Entwicklung dazwischen, welche dem Leben seine so schlichte Form gegeben hat.

Die Stoffstreifen lassen durch ihr Material wie ihre Breite auch an die Leinenbinden denken, mit denen der Leichnam Jesu im Grab umwickelt war (Joh 20,5-7). Nun hängen sie zusammengenäht als abgestreiftes Gewand über dem Stab, aufgehängt wie die nicht mehr benötigte Körperhülle nach einer Verwandlung. Noch meint man die menschliche Gestalt, die das Kleid getragen hat, in der Stoffskulptur wahrzunehmen: Gerade auch, weil die oberen beiden Stoffschichten die Fortsetzung des unten sichtbaren schmaleren Teils als hohe vertikale Erscheinung durchscheinen lassen. Die „Waagrechten“ deuten unten die Füße an, darüber die Hände an herabhängenden Armen, oben den Schulterbereich.

Aber die Hülle ist leer. Und die mehrfachen Stoffschichten entziehen den menschlichen Blicken auch die dahinterliegende Kreuzigungsgruppe. Wir sind auf Entzug gesetzt. Wir sehen nichts von ihm, verharren in der Betrachtung all dessen, was er durchgemacht hat, und dürfen durch das weiße Leinengewand doch die Auferstehung des Totgeglaubten erahnen.

Visueller Entzug ist Fasten für die Augen. Wir sollen zur Ruhe kommen, gerade in der heutigen Bilderflut. Die Stoffskulptur gibt Raum zur Einkehr, zur Besinnung auf die vielen Erfahrungen und Erlebnisse, die uns bewegt und geprägt haben. Vor unserem inneren Auge bildet sie so etwas wie eine weiße Leinwand, auf die wir alles in uns Verborgene, Unausgesprochene, Dunkle und Schwere projizieren dürfen. – Damit es durch ihn und mit ihm verwandelt werde, heil werde, zu neuem Leben. Was verwickelt war, möge sich entwirren, das Verbundene entbunden werden, das Festgehaltene sich wieder befreien.

Claudia Merx gewann mit dieser Arbeit beim Wettbewerb ARS LITURGICA 2012 – Gestaltung eines Fastentuchs, den 1. Platz. Zur gleichnamigen Ausstellung der besten Entwürfe im Kardinal-Hengsbach-Haus, Essen vom 15. Mai bis zum 21. Juli 2013 erschien ein Katalog mit hervorragenden Beiträgen sowie die Präsentation der 15 besten Arbeiten. Der Katalog kann für 8 Euro beim Liturgischen Institut in Trier erworben werden.

Pressebericht zur Ausstellung FASTENTUCH MODERN vom 11. November 2013 bis 26. Januar 2014 im Textilmuseum Krefeld.

Erfahrungsräume des Glaubens

Ungewohnt frei hängt die Leinwand im Raum (Detailbild). Kein Rahmen und kein Glas trennt den Betrachter vom Kunstwerk. Vielmehr trennt die Leinwand selbst den Raum wie ein Flächenvorhang. Damit signalisiert die Arbeit einen Zugang, bei dem der Betrachter entweder betrachtend davor bleiben oder sich in den Raum dahinter begeben kann. Es gibt kein Dazwischen.

Das auf die Leinwand gemalte Motiv zeigt keine festen, eindeutigen, sondern geschichtete, durchscheinende, andeutende Flächen (Detailbild). Graublauschwarz dominiert das Bildformat in ganzer Höhe und halber Breite eine Kreuzform. Dem rechten Querbalken nach ist die Senkrechte aber nicht nur zur Hälfte, sondern in ganzer Breite abgebildet. So hängt das Kreuz frei schwebend dem Luftstrom ausgesetzt am Kircheneingang und tritt mannshoch dem Betrachter gegenüber. Den rechten Arm wie zum Empfang ausgebreitet. Das ihn teilweise überlagernde rote Feld kompensiert durch seine formale Ähnlichkeit den fehlenden Kreuzarm und verstärkt in seiner nach außen nachlassenden Farbintensität die vom Kreuz ausgehende Ausstrahlung, die sicher auch als Herzenswärme gedeutet werden darf. Wer diesem Kreuz begegnet, darf trotz des eingeschriebenen Leids auf Zuneigung und Liebe hoffen.

Und wer sich auf die Auseinandersetzung mit diesem Kreuz einlässt, den erwarten – wie es die an Menschenkörper und -köpfe erinnernden Schattierungen im obersten Viertel wie in der unteren Hälfte andeuten – ganz unterschiedliche Begegnungs- und Erfahrungs-räume.

Unten links gibt warmes, hinter dem Kreuz hervorleuchtendes Licht den Schatten einer stehenden Person frei, welche wartet, nachdenkt, aber nicht den Schritt auf das Kreuz zu und in es hinein zu wagen scheint. Ist es, weil sie die durch die Spachteltechnik erzeugten Spuren, die undeutlichen Schatten menschlicher und tierischer Köpfe nicht zu deuten vermag? Oder ist es ihr zu dunkel oder chaotisch, einfach zu unklar, wohinein sie da genommen wird, wenn sie gehen würde?

Wie als Gegenüber zum Zaudernden ist im oberen Bildbereich der Kopf einer Person zu sehen, die gerade dabei ist, sich in den Kreuzraum hinein zu begeben. Die offenen Augen und der Farbwechsel suggerieren, dass sie sich auf eine andere Wirklichkeit einlässt. Die blaue Farbe und der Kopf deuten an, dass diese Wirklichkeit mit geistigen und himmlischen Werten verbunden ist und sich im Glauben erschließt. Das lässt die dargestellten Augen Zuversicht ausstrahlen.

So vermag das Kreuztuch von Gottes und des Menschen Kreuzweg zu erzählen. Von Gottes Leid, dass er die Menschen bedingungslos liebt, sie diese Liebe aber nicht vorbehaltlos annehmen. Von der menschlichen Zerrissenheit erzählen die Eindrücke auf diesem modernen „Schweißtuch der Veronika“, weil unser Verstand nach Sicherheit und Gewissheit strebt, sich die ganze Wirklichkeit und nachhaltiges, erfüllendes Glück aber nur dem erschließen, der im Glauben und Vertrauen in einen Anderen lebt. Denn nicht allein das, was mit den Augen gesehen, mit den Händen gegriffen und mit dem Verstand begriffen wird, zählt, sondern das mit dem Herzen Gefühlte und damit im und durch das Leben und Handeln Gott Geantwortete- und damit auch Verantwortete.

Wesentliches

Isoliert vom barocken Umfeld der Klosterkirche Engelberg mag die große violette Fläche mit den paar weißen Strichen asketisch anmuten. Wenn wir uns jedoch vergegenwärtigen, dass diese Arbeit als großes Fastentuch den zentralen Hochaltar verdeckt und somit inmitten der bewegten Barockarchitektur mit ihren Zeichen einen starken Kontrapunkt setzt, dann erhält die Arbeit ein ganz anderes Gewicht. Sie lenkt in den von visuellen Reizen verwirrten und ermüdeten Blick auf das Wesentliche und schenkt ihm Momente der Ruhe. (Innenansicht der Klosterkirche)

Violett ist von alters her die Farbe der Advents- und Fastenzeit. Als Farbe zwischen Rot und Blau vermag sie das „Ringen des Geistes mit dem Fleisch und die Zerknirschung des Herzens auszudrücken.“ (G. Kranz) Violett ist damit der gefühlte farbliche Ausdruck für Leiden, Trauer, Umkehr und Buße. In der randlosen Fläche steht sie auch für das Ewige und im Hochformat des Bildes für die Verbindung zwischen Gott und Mensch.

Die im oberen Drittel angeordneten weißen Striche lassen den Betrachter aufblicken. Der möglicherweise gesenkte Kopf wird gehoben, der Blick in die Höhe gelenkt. Die fünf Linien gruppieren sich zu einem symbolischen Zeichen, das sich auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren lässt.

In ihrer waagrechten und senkrechten Anordnung können sie ein Kreuz andeuten. Die Fünfzahl der Linien mag an die Wundmale Christi denken lassen. (Detailansicht)

Als weiße Spuren zeichnen die Linien aber auch Wege mit Unterbrechungen und Abzweigungen. Wege, die horizontal wie vertikal gegangen werden können. Wege, die links und rechts über die Grenzen des Tuches hinausweisen. Wege, die mit ihren Kurven und Brüchen unseren Lebenswegen gleichen. Die verlaufen auch nicht immer gerade. Oft genug ist Innehalten, Besinnung und Umkehr gefordert, gilt es, einen Neuanfang zu wagen. Und oft erkennen wir erst aus Distanz und unter Einbezug der Fehlstellen, dass unser Leben doch ein Ganzes ergibt.

Die gewellten Linien lassen Bewegung spüren, Bewegung, wie sie der Luft innewohnt oder auch im Wellenspiel des Wassers zu beobachten ist. Leicht schwebt so das Leben über der das Leiden andeutenden Grundfläche. Zusammen mit der weißen Farbe klingt damit bereits etwas von der Auferstehung an, bricht wie durch Risse im Grundgewebe das österliche Licht des neuen Lebens hervor.