Endlose Bewegung

In farblichem Dreiklang fließen blaue, grüne und weiße Wellenbewegungen horizontal durch das Bild. Es hält eine Momentaufnehme fest, den Ausschnitt eines größeren Ganzen, von etwas örtlich und zeitlich Grenzenlosem oder Unendlichem. Die sanften Bewegungen erinnern bewegte See, sie eröffnen eine Vogelperspektive in die Weite einer immensen Hügellandschaft mit wechselnden Erhebungen und Niederungen. Darüber hinaus lassen die hellen Bereiche Luftströmungen spüren, den unsichtbaren Wind, der bewegt, kommt und davonzieht.

Im Bild ist ein stetes, wechselseitiges Auf und Ab zu sehen. Die Wasserwogen, Hügel oder Windstöße erzählen vom Atem der Natur, der sich im Wasser, auf dem Land wie in der Luft gleichermaßen in einem Auf und Ab zeigt, das dem Heben und Senken unseres Brustkorbes ähnlich ist.

Dieses unentwegte Auf und Ab mag andeuten, dass Leben bedeutet in Bewegung zu bleiben, nicht stehen bleiben zu können. Es spricht die unbedingte Offenheit für Veränderung an. Und doch geht aus dem Bild keine Unruhe hervor. Denn es sind kraftvolle und gleichmäßige Bewegungen, ruhige und beruhigende. Bei der Betrachtung spürt man auf einmal das eigene Ein- und Ausatmen. Und man merkt, dass man Teil eines unfassbar größeren Ganzen ist, das „genauso“ atmet und in Bewegung ist in seiner Lebendigkeit.

Und noch etwas Wunderbares wohnt diesem Bild inne. Je länger man es betrachtet, umso mehr lässt es einen zwei weitere Tiefendimensionen des Lebens spüren. Die unterste „Welle“ bildet so etwas wie einen klaren, nicht zu trübenden Grundstrom, der in der Tiefe einer jeden Existenz fließt und sie am Leben erhält. Die endlose Weite, die sich nach allen Seiten über das Bild hinaus in unsere Zeit und Welt ergießt, vermag hingegen die zeitliche Größe unseres Lebens anzusprechen. Denn trotz aller normalen körperlichen und geistigen Begrenzungen erscheinen uns das Leben und die Möglichkeiten, die es mit sich bringt, so lange grenzenlos, bis wir ernsthaft daran gehindert werden, diese Möglichkeiten wahrzunehmen.

Doch auch dann werden Lebensbewegung und -qualität nicht gemindert, nur gewandelt. Denn der christliche Glaube lässt über alle irdischen Grenzen, Behinderungen und Tode hinaus hoffen und vertraut darauf, dass das Leben durch die Größe Gottes auch nach dem irdischen Ende seinen Schwung und Atem nicht verliert. Die Verheißung geht sogar weit darüber hinaus: Das Leben wird durch die Liebe Gottes in ganz neue Dimensionen übergeführt. Dimensionen, die wie in unserem Bild, unsere Wahrnehmung und Vorstellung übersteigen, weil sie sich außerhalb unseres „irdischen Lebensrahmens“ befinden.

Metapher zu Leben und Tod

Luftballone erinnern mit ihren leuchtenden Farben und ihrer Leichtigkeit an kindliche Freude und ausgelassenes Leben. Wir verbinden sie mit Jahrmarktstimmung oder einem Fest. Solche farbigen Luftballone während der Fastenzeit in einer Kirche anzutreffen, erscheint auf den ersten Blick deplatziert. Ob sie aus der Faschings- oder Karnevalszeit oder von einem Kindergottesdienst hängen geblieben sind? Auffallend viele violette Ballone verweisen allerdings auf die vorösterliche Zeit der Besinnung und Umkehr.

In wolkenähnlichen Gebilden hängen, ja schweben die Ballone über dem Altar und verdecken das barocke Hochaltarbild. Was für ein Kontrast zur bestehenden Einrichtung: Hier leuchtend bunte, dort gedämpfte Farben, die einen erfüllt Leichtigkeit, die anderen bodenständige Schwere. Die Luftigkeit steht im Gegensatz zum fassbaren Material des Hochaltars, ebenso sind den beiden die Zeit und damit die Vergänglichkeit ganz unterschiedlich eingeschrieben.

Die Ballone stechen ins Auge, fordern zur Betrachtung heraus. Noch sind sie prall mit Luft gefüllt, glänzen und leuchten verzaubert im Licht. Sie vermitteln das Bild von erfülltem Leben. Aus Erfahrung wissen wir, dass ein winziger Nadelstich oder eine Berührung dieses aufgeblasene Wunderwerk zum Platzen bringen kann. Dann ist die Luft weg – ein paar Plastikfetzen bleiben übrig. Im besseren Fall entweicht ihre Luft langsam, lässt die dünne Plastikhaut schrumpfen und Falten bilden. Der Ballon wird dadurch immer kleiner, seine Farben matter, er unansehnlicher. (Detailbild)

Parallelen zum menschlichen Leben werden offensichtlich. Straffe Haut, glänzendes Aussehen sind auch bei uns ein Thema. Früher oder später durchziehen Falten die individuelle Schönheit und das sichtliche Nachlassen der Körperkräfte lässt das Alter spüren. Nach und nach bleibt die Luft weg, die Atemreserven für große Leistungen schwinden. Langsamtreten ist angesagt, Haushalten mit den verbleibenden Kräften. Nicht nur im Alter. Unsere Leistungsgesellschaft fordert von uns oft derart viel, dass wir uns bis zur Erschöpfung verausgaben.

Dann kann es uns wie den Ballonen gehen und wir machen die Erfahrung, dass unser Leben oft an einem seidenen Faden hängt. So bringen die vielfarbigen Luftballone auf ungewöhnliche Weise unsere zerbrechlichen und vergänglichen Lebensbedingungen ins Blickfeld. Im Verlauf der Fastenzeit zeigen sie verkürzt den Lebenslauf des erfüllten Lebens, dem zu Beginn noch große Sprünge möglich sind, dann jedoch immer mehr die Luft ausgeht. Die Installation macht klar, dass dies ein ganz individueller Prozess ist. Und sie betont durch ihre Platzierung im Chorbereich, dass Schrumpfen und Kleinwerden nicht nur Verlust bedeutet, sondern auch Gewinn. Denn nun entstehen Durchsichten auf das Dahinterliegende, das vorher Verborgene, den Hintergrund.