Steh auf …

In dieser textilen Arbeit sprechen den Betrachter eine Fülle von Worten gleichzeitig an. Die meisten sind mit Bleistift geschrieben, einige aber auch mit schwarzem oder goldgelbem Garn gestickt und dadurch betont hervorgehoben. All diese Worte wetteifern um die Aufmerksamkeit des Betrachters, so dass dieser zwischen den verschiedenen Aussagen hin- und hergerissen ist und Zeit braucht, einen ruhigen und geordneten Überblick zu erhalten.

Das quadratische Seidengewebe präsentiert sich als Lebensbild: vielschichtig, mehrdeutig, verbindungsreich. Eindeutige Transparenz steht im Wechsel mit mehrschichtiger Intransparenz oder Verdunkelung, freie Stellen stehen im Dialog mit den durch die Schrift oder Stickerei verdichteten Bereichen. Die Wörter und Sätze lassen den Betrachter teilhaben an einem sehr persönlichen Dialog zwischen einem nicht genauer definierten ICH und einem DU. Aus den neun mal neun Wortblöcken geht hervor, dass es sich bei den „Meine“-Aussagen um menschliche Lebens- und Grenzerfahrungen an Körper, Geist und Seele handelt: Unfähigkeiten, Unbeweglichkeiten, Ängste, Zweifel, Abgründe und Leiden. Diese Belastungen machen unfrei, fesseln und machen zum Gefangenen im eigenen Ich. Da braucht es immer wieder einen Mit-Menschen (oder auch einen von außerhalb des eigenen Ichs kommenden Impuls), der sagt: “Steh auf, ich bin da, ich höre dir zu, ich stehe dir bei, mache dir Mut und schenke dir Hoffnung. Hab Vertrauen, dass es gut wird, ich helfe dir, Schweres abzulegen, damit du wieder aufstehen kannst. Steh auf – Talita kum!“ (Elisabeth Paul) 28 mal leuchtet dieses „DU“ dem Betrachter entgegen, umgeben von den ebenfalls goldgelb hervorgehobenen Mutmachern: STEH AUF, TALITA KUM, ICH BIN DA, TALITA KUM.

Die 81 Wortbilder bieten vielfache Dialogmöglichkeiten. Man kann sie horizontal Zeile für Zeile, Wort für Wort im Wechsel von MEINE und DU lesen, aber auch vertikal Spalte für Spalte, diagonal oder in freier Folge. Hervorgehobene bzw. dunkel vertiefte Worte bilden stichwortartig eine weitere Lesevariante zu den goldgelb erhöhten DU-Wörtern. Spielerisch lässt sich auch der „Anfang“ links oben im Bezug zum „Ende“ rechts unten lesen. Dann stehen MEINEN GESCHLOSSENEN TÜREN im ersten Feld dem DU ÖFFNEST MEINE AUGEN im letzten Feld gegenüber und der FURCHT VOR DEM MORGEN im zweitletzten Feld antwortet ein DU BIST ZUKUNFT, DU BIST ZUKUNFT im zweiten Feld links oben.

Diese Beispiele wollen eine Einladung sein, das Lebensgewebe in alle Richtungen zu erkunden und zu erspüren, durch welche Äußerungen man mehr angesprochen wird. Vielleicht ist es ja auch die kreuzförmige Leseart, bei der MEINE ZWEIFEL MEINE im Zentrum und an den Kreuzenden vier Aussagen des Vertrauens gegenüberstehen: MEINE UNERFÜLLTEN TRÄUME TRÄUMEN – DU HILFST MIR WENN ICH IN NOT BIN DU HILFST DU – DU DEINE HAND MEIN LEBEN – DU ZEIGST MIR DEN HIMMEL. Beim Durchstreifen und Ausloten des eigenen ICHs wird man sowohl über die Wort- oder Satzdoppelungen stolpern als auch die Gruppe der Aussagen mit positiven Wörtern erstaunt wahrnehmen und auf sich wirken lassen: Meine Abhängigkeiten LÖSEN – Meine Vergangenheit ANNEHMEN – Meine Seele BEWAHREN meine Seele – Meine unerfüllten Träume TRÄUMEN. Immer wieder wird man die zentrale Erfahrung machen, dass jemand für mich da ist (ICH BIN DA) und mir befreienden Zuspruch schenkt (STEH AUF).

Ein sehr bewegter Hintergrund spiegelt auf seine Weise unser Angewiesen-Sein auf menschlichen und göttlichen Beistand angesichts der eigenen Zerrissen- und Verlorenheiten. Neun Handkonturen stehen für die hilfesuchenden Hände vieler Menschen als auch die ihnen dargebotenen Hände der Mit-Menschen. Eine weitere Strukturierung bilden senkrechte Striche hinter den Ich-Aussagen. Sie wirken wie ein Auf und Ab des Lebens, wie ein Gefängnis und stehen für Unbeweglichkeit und Erstarrungen. Dagegen sind die Felder hinter den DU-Aussagen und ausnahmsweise hinter der Mitte leer und frei gelassen. Sie deuten Freiheit und Leben an.

Die Künstlerin hat die Arbeit für die Ausstellung „Talita kum – steh auf“ im Kloster Hegne geschaffen. Der Bericht der Heilung der Tochter des Jairus (Lk 8,41-56) bildet den Hintergrund für die künstlerische Arbeit, die Rückkehr ihres Lebensatems, ihr Aufstehen, Umhergehen und Essen waren real erfahrbare Beweise für das außerordentliche Geschehen. Dieser Geist des Wortes, der Geist der Auferstehung und des Lebens atmet in der textilen Arbeit aus Kette und Schuss. Er atmet pulsierend in jeder helfenden Hand und spricht durch jedes gute Wort. Er atmet belebend im Dialog zwischen den menschlichen Endlichkeiten und dem Vertrauen in den Gott des Lebens. Er atmet in unserem Ein- und Ausatmen, im Auf- und Ab unseres Brustkorbes – als Geschenk Gottes an alle Lebewesen.

 

Geisteskraft

Eine eruptive Stichflamme bestimmt dieses Bild. Sie bricht aus dem dunklen kantigen Teil des Bildes hervor und gestaltet lebendig die Bildmitte. Sie ist der helle Mittelpunkt im dunkleren Umfeld. Sie ist das Licht in der Nacht, die unbändige Kraft in der lähmenden Kälte der Erstarrung.

Der abstrakte Aufbau des Bildes lässt keine zeitliche oder örtliche Zuordnung des Geschehens zu. Einzigartig und gleichzeitig unendlich steht es im Raum des sich stetig erneuernden Geschaffenen.

Es ist eine Urkraft zu spüren, die wie bei einem Vulkanausbruch aus der Tiefe kommend gewaltige Massen zu bewegen und zu verändern vermag. Mit den warmen Gelb- und Rottönen wird eine kraftvolle Energie angedeutet, das verdeckte Licht lässt ahnen, dass sie im Verborgenen agiert und der große Widerschein verweist auf ihre übergroße Wirkung.

Das Bild erinnert an Auferstehungsbilder, in denen sich Christus in hellem Glanz aus dem Grab erhebt. Vielleicht soll in dieser Assoziation aufleuchten, dass Jesus nach der Auferweckung von den Toten seinen Jüngern den „Heiligen Geist“ geschenkt hat (Joh 20,22), und „die Verheißung“ seines Vaters in Erinnerung rufen, dass „die Kraft aus der Höhe“ sie erfüllen wird (Lk 24,49). Schemenhaft und subjektiv meint man eine formatfüllende rundliche Form zu erkennen, die oben links eine Doppelung aufweist. Ob in diesen beiden “Köpfen” Vater und Sohn gesehen werden dürfen, die uns aus ihrer göttlichen Einheit heraus ihren Geist senden, damit wir mit ihnen eins werden? – So gesehen erscheint das Bild wie eine moderne Dreifaltigkeitsdarstellung!

Gleichzeitig darf das Licht in der Bildmitte mystisch spirituell auf uns gedeutet werden:  Der Heilige Geist ist ein Geschenk Gottes an alle Menschen, um aus einer intensiven Verbindung mit Gott unsere Beziehungen zu Ihm, den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung zu gestalten. So ist es der Heilige Geist, der in dieser Verbundenheit in unseren Geistesblitzen aufleuchtet und der überall wirkt, wo wir geistesgegenwärtig seinen Impulsen folgend handeln. Der Heilige Geist stärkt unsere Begabungen, er brennt in unserer Leidenschaft und befeuert unser Engagement für das Gute.

Wie das Magma im Innern der Erde glüht der Heilige Geist in uns. Wir sind wie Vulkane, durch die seine erneuernde Lebenskraft fruchtbar in unsere Lebenswelten einfließen will. Das geschieht die meiste Zeit still und unbemerkt, doch es gibt auch gewaltige Ausbrüche und Manifestationen, bei denen große Veränderungen und Wandlungen bewirkt werden. Die schöpferische und erneuernde Kraft des Heiligen Geistes wird oft unterschätzt. Sie vermag Welten zu bewegen und in einem stetigen Prozess zu erneuern. Die gleiche Kraft Gottes ist in uns aktiv, belebt und erneuert uns unablässig. Sie ermutigt, stärkt, tröstet und fördert unseren Geist und unsere Kräfte in einem uns angemessenen Maß. Zum einen durch den Glauben, dann durch die Hoffnung, vor allem aber durch die Liebe.

 

1. Der Geist des Herrn erfüllt das All
mit Sturm und Feuersgluten;
er krönt mit Jubel Berg und Tal,
er lässt die Wasser fluten.
Ganz überströmt von Glanz und Licht,
erhebt die Schöpfung ihr Gesicht,
frohlockend: Halleluja.

2. Der Geist des Herrn erweckt den Geist
in Sehern und Propheten,
der das Erbarmen Gottes weist
und Heil in tiefsten Nöten.
Seht, aus der Nacht Verheißung blüht;
die Hoffnung hebt sich wie ein Lied
und jubelt: Halleluja.

3. Der Geist des Herrn treibt Gottes Sohn,
die Erde zu erlösen;
er stirbt, erhöht am Kreuzesthron,
und bricht die Macht des Bösen.
Als Sieger fährt er jauchzend heim
und ruft den Geist, dass jeder Keim
aufbreche: Halleluja.

4. Der Geist des Herrn durchweht die Welt
gewaltig und unbändig;
wohin sein Feueratem fällt,
wird Gottes Reich lebendig.
Da schreitet Christus durch die Zeit
in seiner Kirche Pilgerkleid,
Gott lobend: Halleluja.

Maria Luise Thurmair, GL 347 / EG 554

Link zu allen Pfingstbildern der Künstlerin

Pfingstfeuer – Geistes-Gegenwart

Raumfüllend und menschenbewegend durchweht ein feuriges Geschehen das Bild. Es wird von einer Person am unteren Bildrand wie von einem Docht gehalten. Diese Person steht zwischen Leben und Tod, denn links liegen Menschen in der bogenförmig angelegten Dunkelheit, rechts stehen die Menschen als Auferstandene in einem Bereich, in dem sich das Dunkle bereits aufzulösen beginnt. Der Mann steht schief, aber stark zwischen diesen beiden Existenzformen. Die gelbe und die rote Farbe zeichnen ihn als Auferstandenen, als alle überragenden Mann des Lichts und der Liebe, als Vermittler zwischen Himmel und Erde.

Über seinem Haupt steht eine weitere malerisch nur angedeutete Menschengruppe dicht beisammen. Sie bildet im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen eine neue Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die durch einen gemeinsamen Geist geeint zusammensteht in guten und in schlechten Zeiten. Das über diesen Menschen lodernde Feuer tragen sie wie einen in Flammen stehenden hohen Hut. Die vom Wind angetriebene Feuersbrunst brennt lichterloh und scheint wie ein tobender Waldbrand alles zu verzehren. Das kraftvolle Rot und Gelb zeugt von der ungeheuren Dynamik des Geschehens, doch dazwischen sind blaue und grüne Stellen auszumachen: Zeichen der Hoffnung, des Wachstums, der Verwandlung und des Neuanfangs.

„Wenn der Geist sich regt“, wird uns Menschen eine Kraft zugesprochen, die das Menschenmögliche übersteigt und in göttliche Dimensionen führt. Durch den Titel verbindet die Künstlerin ihr Bild mit dem jungen geistlichen Lied von Norbert Weidinger:

Wenn der Geist sich regt, der Leben schafft,
unverständlich noch, doch voller Kraft.
Überwindet mutig die Distanz,
stehet auf und reicht die Hand zum Tanz.

Kv: Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche,
zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche.

Öffnet Herz und Ohren weit dem neuen Klang,
schöpfet Mut für euren Glauben, seid nicht bang.

Wenn der Geist sich regt und Feuer legt
und verbrennen will, was ihr noch pflegt,
gebt ihm Raum, errichtet nichts, was trennt
Feuer warf er auf die Erde, dass es brennt.

Wenn der Geist sich regt, ein Sturm aufzieht,
in die Segel bläst, reißt alles mit,
springt ins Boot und helft dem Steuermann,
dass mit voller Kraft es vorwärts gehen kann.

Das Lied fordert zu einer Erneuerungsbewegung auf, welche bereit ist, das Alte zurückzulassen, um mit dem Steuermann Jesus zu neuen Ufern aufzubrechen. So kann das feurige Geistgeschehen auch als Segel des bogenförmigen Bootes gesehen werden, in dem Jesus Mast und Steuermann zugleich ist. Wir sind aufgerufen, zu ihm ins Boot zu springen, ihm zu helfen, indem wir uns Gottes Geist öffnen und dank seiner Geistes-Gegenwart in bislang verfahrenen Lagen situativ das Richtige tun. So kann Gott durch uns wirken und Großes vollbringen. So kann Gott das Wirken seines Sohnes durch uns fortsetzen (vgl. Joh 14,26), weiter an seiner Kirche bauen und über sie hinaus von seiner Geistes-Gegenwart Zeugnis ablegen.

Feuer vom Himmel

Beinahe tanzend fallen die Flammenzungen von links oben ins Bild hinein. Wie aus der Ferne kommend werden sie zur rechten unteren Ecke hin immer größer. Fröhlich bewegt konzentrieren sie sich wie ein Feuer und bilden gleichzeitig einen Ruhepunkt.

Das Herabkommen der Flammen spielt sich vor einem Hintergrund mit verschiedenen Blautönen ab. Seine mysteriöse Erscheinung lässt sich weder dem Himmel, dem Meer, noch der Nacht zuordnen. Mehrere Bildebenen verstärken auf der linken Bildhälfte die Tiefenwirkung. Hier streben im Vordergrund transparente blaue Flammen bis auf die Höhe der gelbroten Flammentreppe auf und überlagern diese leicht, darüber steigen rauchartig mehrere Aufhellungen nach oben. Rechts sind die Flammen unverdeckt und scheinen so ganz beim Betrachter zu sein.

Dieser vom Himmel niedersteigende Flammenreigen erinnert auf seine Weise an das Pfingstereignis in Jerusalem. „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Auf dem Bild sind keine Menschen gemalt. So können sich die Feuerzungen nicht allein auf das Pfingstfest vor langer Zeit beziehen, sondern auch uns im hier und jetzt betreffen. Zu jedem Betrachter des Bildes kommt gleichsam der Sturm der Feuerzungen, auf jede und jeden von uns soll sich eine Flamme niederlassen.

Die Flammen vom Himmel können als sichtbares Geschenk göttlicher Weisheit und Begeisterung gedeutet werden. Sie sind Ausdruck der Erleuchtung und des Erkennens, was geschehen war. „Es ist mir ein Licht aufgegangen!“

Eine Flamme ist zudem ein äußeres Zeichen für das innere Verstehen und die Gabe, diese Erkenntnis anderen verständlich machen zu können. Denn das Pfingstwunder realisierte sich nicht nur, dass die Jünger andere Sprachen sprechen konnten, sondern auch, indem diese Sprachen verstanden wurden.

Schließlich kann eine Flamme über jeder Person als Ausdruck der Begeisterung für die Sache Jesu gedeutet werden. Als sichtbares Zeichen, dass wir für das Anliegen Jesu brennen und uns mit Feuer und Flamme dafür einsetzen.

Erfüllt von Heiligem Geist

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Erdscholle. Sie sind bis auf ein Feigenblatt, das ihre Genitalien bedeckt, nackt. Beide sind orange leuchtend dargestellt, die Frau etwas größer als der Mann, einander zugewandt. Sie stehen vor einem mit dichten Linien bewegten Hintergrund, der sich rechts hinter der Frau einen Spalt öffnet und denjenigen offenbart, der reines Licht ist. Die Frau tritt gleichsam als fleischgewordene Idee aus dieser Öffnung heraus, als Konkretisierung des geistigen Vorbildes.

So zeigt die Arbeit die ersten beiden Menschen, Adam und Eva, nach ihrer Erschaffung durch Gott und nach dem Sündenfall (vgl. Gen 3,7). Sie stehen nicht im Garten Eden, nicht im Paradies, sondern auf einem Stück Land, das überall sein könnte. Als dritter Protagonist tritt bei dieser Darstellung der Hintergrund machtvoll in Erscheinung. Es sind fließende Linien voller Dynamik und Leben, die sich in gelben, roten und braunen Farbfeldern über die beiden zu ergießen scheinen, wobei der dunkelrote Bereich durchaus als Symbol für die Dreifaltigkeit gedeutet werden kann.

Es ist ein übernatürliches, kraftvolles Geschehen, das wohl mit Wind und Licht zu tun hat, viel mehr aber auch Umgebendes, Belebendes, Durchdringendes, Befähigendes, Erfüllendes und Bewegendes zum Ausdruck bringt. Wirkmächtig wird hier Gott als Creator spiritus, als Schöpfergeist dargestellt, der den Menschen durch seinen Geist erschaffen und auch von Anfang an mit ihm beschenkt hat.

In der orangen Farbe leuchten Adam und Eva in der Glut innerer Erleuchtung, die von der Erkenntnis ihrer Nacktheit und Schuld über die Wahrnehmung von Gott bis zur Furcht vor ihm geht infolge einer sensibleren Differenzierung von Gut und Böse. Wie auch immer offenbart sich Gott durch seinen Geist in ihnen. Eingehüllt in einen Gnadensturm fließenden Lichts wird ihnen ihre Unvollkommenheit und Hilfsbedürftigkeit bewusst. Auch darin sind sie ganz unsere Ureltern. Wer weiß, wie sie damals zu Gott gebetet haben. Uns sind heute so wunderbare Worte wie jene des Gebetes „Veni creator spiritus“ gegeben, mit denen wir um die Fülle der göttlichen Geisteskraft bitten können. Das Bild wird dann zu einer Visualisierung der Verheißung für uns, mit welcher Kraft Gott in uns und um uns wirken kann, wenn wir ihn darum bitten:

Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein,
besuch das Herz der Kinder dein:
Die deine Macht erschaffen hat,
erfülle nun mit deiner Gnad.

Der du der Tröster wirst genannt,
vom höchsten Gott ein Gnadenpfand,
du Lebensbrunn, Licht, Lieb und Glut,
der Seele Salbung, höchstes Gut.

O Schatz, der siebenfältig ziert,
o Finger Gottes, der uns führt,
Geschenk, vom Vater zugesagt,
du, der die Zungen reden macht.

Zünd an in uns des Lichtes Schein,
gieß Liebe in die Herzen ein,
stärk unsres Leibs Gebrechlichkeit
mit deiner Kraft zu jeder Zeit.

Treib weit von uns des Feinds Gewalt,
in deinem Frieden uns erhalt,
dass wir, geführt von deinem Licht,
in Sünd und Elend fallen nicht.

Gib, dass durch dich den Vater wir
und auch den Sohn erkennen hier
und dass als Geist von beiden dich
wir allzeit glauben festiglich.

Dem Vater Lob im höchsten Thron
und seinem auferstandnen Sohn,
dem Tröster auch sei Lob geweiht
jetzt und in alle Ewigkeit.

Pfingststurm

Ein farbenmächtiger Lichteinfall erfüllt dieses Bild. Es ist eine so außergewöhnliche Lichterscheinung, dass sie nur im Vergleich zu bekannten Objekten in unserem Leben beschrieben werden kann, ähnlich wie das Pfingstereignis in Jerusalem. Wie ein himmlischer Wasserfall ergießt sich das orangefarbene Licht in die Tiefe. Farblich mutet es wie eine Vulkaneruption an. Dampfartig weitet sich das ursprünglich weiße Licht, wandelt sich zu einer orangen, dann roten und letztlich violett-braunen Erscheinung. Es ist eine Himmelsglut über einem nachtschwarzen Grund, der nur im oberen Bereich einen nachtblauen Übergang aufweist.

Doch Licht und Dunkelheit stehen sich nicht einfach gegenüber. Das farbige Licht ergießt sich so in die Dunkelheit hinein, als solle diese vom Licht durchdrungen und aufgebrochen werden. Was diese Dunkelheit wohl bezeichnen mag? Für wen mag sie wohl stehen? Unwillkürlich erinnert sie vielleicht an ein Wort des Propheten Jesaja, in dem er vom Volk spricht, das im Dunkel lebt, im Land der Finsternis (9,1). Er verheißt einen starken Retter durch den Gottessohn, der auch „wunderbarer Ratgeber“ und „Fürst des Friedens“ genannt werden wird (9,5).

Und obwohl Jesus in die Welt gekommen war und die Jünger ihn begleitet haben, finden sie sich nach seinem gewaltsamen Tod gleichsam in der Dunkelheit wieder: verängstigt, zurückgezogen, entmutigt. Ihrem Lebensprojekt war die Grundlage entzogen worden, wie sollte es ohne ihn auch weiter gehen? Sie tappten im Dunkeln bzw. warteten auf Erleuchtung.

Das Einzige, was sie retten konnte, war eine überwältigende Begeisterung, die sie aus ihrer Passivität herausriss. Der Heilige Geist wird hier nicht als Taube oder als Feuerzungen gezeigt (vgl. Apg 2,3), sondern als „Kraft des Höchsten“ (Lk 1,35), wie er auch Maria verheißen wurde. Vom oberen Bildrand ausgehend entfaltet sich das weiße Licht in immer neuen Farben, so als wolle es jeden Menschen auf seine Weise berühren und an der Gemeinschaft mit Gott teilhaben lassen.

Diese glühende Lichterscheinung ist machtvoll, verängstigt aber nicht wie eine dunkle Gewitterwolke oder ein zerstörerischer Sturm. Sie lässt spüren, dass Gottes Geist gewaltlos zu uns kommt, als Licht, das unsere menschlichen Dunkelheiten und Schwächen heimsucht und sanft durchdringt, erleuchtet und zum Guten wandelt. Die Jünger haben seine Kraft in ihrem Innern erfahren, in der Befähigung, furchtlos aufzutreten und mit ihrer Rede von Jesus die Menschen so zu berühren, dass jeder sich in seiner Sprache angesprochen fühlte (Apg 2,6).

Pfingsten ist damit das Fest, an dem nicht mehr der einzelne erleuchtet wurde, sondern eine Gruppe, dann iele, dann Tausende … Der Geist Gottes kam nicht mehr nur zu den Auserwählten seines Volkes, sondern unabhängig von Herkunft oder Religion zu jedem, der sich ihm öffnete. Das war noch sensationeller als die Ausgießung des Heiligen Geistes auf seine Jünger. Denn damit ergoss sich Gottes Licht und Weisheit in die „Dunkelheit“ der Ungläubigen, die aber voller Sehnsucht auf seine Berührung und Erfüllung gewartet haben, und machte sie durch die Taufe zu Kindern Gottes (Apg 2,41).

Gott ist die erbarmende Weite.
Unendliches Ich.
Mein Du.
Feuer, Feuer. Licht. Nacht. Schon in der Nacht Licht.
Brausen. Anprall des Gegenwärtigen.
Mein Lager.
Mein Weg, mein Geschehen, meine Heilung.
Mein Sehen.
Mein Schlucken.
Meine Begegnung.
Meine Stunde, mein Jetzt und mein Tag. Du, mein Gott.
Das Tiefe Erstaunen und Wundern. Verwandlung.
Ich glaube genau so war es mit Petrus. Den der Herr ansah und rief.
Wie verrückt folgte ihm Petrus,
folgten die andern.
Alles verlassend: Kinder, Frauen und die Profession, das tägliche Brot.
Von allem weg.
So folgte Paulus blindsehend dem Licht.
Mensch, wer ist Jesus?
Der Mensch,
Gottda.
Sie gehen ihm nach in die Hitze, ins Gottglühen, in ihr Menschinnen,
in den Geistwind, in den Atemhauch Anfang, in die Nacht Ölberg,
zum Schrecken des leeren Grabes, zum Mahl,
in den Pfingststurm, ins Wort.
Bis er kommt.

„Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

(Josef Roßmaier zu Peter und Paul 2014,aus “Tagweis – stückweis”, S. 108, Josef Fink Verlag, 2014)

Glühen für Gott

Ein Menschenkopf zeigt sich von der Seite gemalt im Profil. Hals, Kinn, Nase, Stirn und Auge sind zu erkennen. Allerdings sind weder Mund noch Ohren oder Haare zu sehen. Auch die Farben entsprechen nicht der Realität. Alles an diesem Menschenkopf ist nur zeichenhaft gemalt, deutet aber auf einen tieferen Sinnzusammenhang. Diesbezüglich kann dieser Kopf für jeden Menschen stehen, für jede Frau, für jeden Mann. Und es geht offensichtlich nicht um äußere, sondern um innere Wirklichkeiten.

An der Stelle des Auges ist eine blaue, mandelförmige Erscheinung zu erkennen. Farblich korrespondiert sie mit dem Zeichen des Kreuzes im Nacken und den partiellen Umrisslinien auf der linken Seite des Kopfes. Zwei gelbe Linien kreuzen das Auge und verstärken die Dynamik des Bildes von rechts unten nach links oben, vom hellblauen Kreisfragment zur lichten Goldfläche über der Stirn. Denn durch die gelben Linien wird die Mandelform zur Sammellinse, bei der sich parallele Lichtstrahlen in einem Punkt hinter der Linse, dem Brennpunkt, sammeln. Vom Kreuz ausgehend, wird so unser Blick zur leuchtenden Goldfläche gelenkt. Anscheinend ist es das Kreuz im Nacken, das die Sehweise des Gläubigen verändert und die vor ihm liegende Herrlichkeit überhaupt sichtbar werden lässt.

Der leicht nach hinten geneigte Kopf und der sich durch die roten und rötlichen Farben ergebende Viertelkreis unterstützen und verstärken diese Blickrichtung. Dadurch wird das hellblaue Kreissegment kräftemäßig zu einem starken Element, das an den Himmel erinnert und in den helleren Punkten sogar Sternbilder erahnen lässt. Ob es als himmlische Kraft gedeutet werden darf, als Nackenstütze des Glaubens, die Halt gibt und gleichzeitig sanft die Blickrichtung weist?

Erfüllt von den Farben des Feuers und der Glut, wird der Menschenkopf zu einem Lichtbogen. Vom Feuer durchdrungen und beseelt, vom Licht erfüllt, Hell und Dunkel in sich tragend, scheint er voller Spannkraft für Gott zu glühen. Seine Stirn berührt dabei die goldene Fläche und das Licht. Beides sind Symbole für Gott und spirituellen Reichtum, den wir erstreben. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28), schreibt der Psalmist als Quintessenz seiner Überlegungen und Gebete. Dieser Mensch ist Gott ganz nahe. Er darf es sein mit seinen leuchtenden und mit seinen stumpfen Seiten, mit seinem vorausschauenden wie auch mit seinem reflektierend rückwärts gerichteten Blick (dunkle Silhouette in hellrotem Trapez).

Alles in allem überwiegt seine Begeisterung, sein Glühen für Gott. Beinahe meint man ein Lächeln dort zu sehen, wo gar keine Lippen sind. Gottes Geist schenkt Erkenntnis und Leben in Fülle.

Kreative Vollendung der Schöpfung

Ein Spritzer Wassertropfen durchzieht und prägt dieses Glasfenster in warmem Goldgelb. Beschwingt fallen sie in einem sanften Doppelbogen aus dem weißen oberen Bereich auf die aufragende weiße Figur in der Mitte des Fensters. Flächenmäßig sind beide etwa gleich groß. Von der Form her unterscheiden sie sich jedoch deutlich. So sind der oberen Fläche weiche, runde Formen eigen, während bei der Unteren gerade und eckige Umrisslinien vorherrschen. Die obere Fläche hat durch ihre wolkenartige Erscheinung zudem einen schwebenden Charakter, während die untere wie eine Skulptur auf einem rot-braun marmorierten Sockel geerdet ist.

Dazwischen oder dahinter das Goldgelb, das einen warmen, wohltuenden Hintergrund bildet. Die Farbe und ihre Transparenz, die verschiedenen Schattierungen und Einschlüsse erinnern an Bernstein und strahlen etwas Kostbares, Erhabenes aus. Durch die weiße Ecke rechts unten und die Verbindung zur weißen Mitte hin entwickelt das Gelb jedoch eine eigenständige Aktivität. Die Ausformung zu einem kopfähnlichen Gebilde, das sich von oben her wie ein Torbogen über die weiße Mitte beugt, verbindet sich rechts, ja verzahnt sich hier geradezu mit der konturierten Silhouette der weißen Figur. Der Eindruck einer intimen Berührung entsteht, die von einer Umarmung über einen Kuss bis zur belebenden “Beatmung” gehen kann. Genau lässt es sich nicht sagen, da die Ausformung bei der zentralen Figur zu vage oder unvollendet ist.

Diese weiße aufragende Figur steht also im Mittelpunkt des Geschehens. Auf einem Sockel exponiert, wird sie gleichzeitig von einem goldgelben Lebensraum umgeben und von Wassertropfen beregnet. Letztere sind als einzige Elemente nicht flächig dargestellt, sondern haben einen grünen Inhalt, der Leben signalisiert. Sie sind genauso weich ausgeformt wie der „Himmel“, aus dem sie kommen. Die Tropfen sind so als Lebensträger wahrnehmbar, als Übermittler eines belebenden Inhaltes aus der Höhe, eines Inhaltes, der „weich“ macht, beweglich, empfänglich, eben menschlich. Noch ist keine Reaktion bei der zentralen Figur auszumachen. Weder durch die Umarmung, die „Beatmung“ noch durch die Ausgießung des kostbaren Nasses. Der Pfingstgeist ist spürbar, auch wenn kein pfingstliches Rot im Fenster einen Akzent in diese Richtung setzt. Die Figur zeigt sich noch unmenschlich hart und starr.

Doch die sie umgebenden und auf sie herabkommenden Kräfte sind gegenwärtig und spürbar am wirken. Jeden Moment muss das Wunder der Verwandlung geschehen. Das Wunder, dass die bildlich zu Stein erstarrten Jünger aus ihrer Lähmung erlöst wieder zu freien Menschen werden. Das Wunder, dass ihr geistloses Entsetzen von allen Seiten mit Heiligem Geist erfüllt wird und sie Einsicht erhalten in den göttlichen Plan, Verständnis für alles, was Jesus gesagt hatte und was mit ihm in den turbulenten letzten Tagen geschehen war. Das Wunder, dass sie aus ihrer enttäuschten Zurückgezogenheit heraustreten und von ihrer Begeisterung Zeugnis ablegen.

Das Fenster lässt vermuten, dass, wenn es einmal passiert ist, ein stetiger Kontakt, eine bleibende Verbindung bestehen bleibt. Die zu erwartende Begeisterung wird einen anhaltenden Charakter haben, wird nicht aufhören. Die Begabung wird eine Verbindung erstellen, die von Lebensmitte zu Lebensmitte geht. Sie wird eine Kommunikation in beide Richtungen sicherstellen, so dass das Gesagte gehört, das Gefühlte wahrgenommen, das Gezeigte gesehen und danach gehandelt wird.

Noch zeigt das Fenster in der Mitte einen entstellten Menschenkopf. Niemand möchte so dastehen, so aussehen. Insofern vermag das Glasfenster den Wunsch im Betrachter zu wecken, dass Gottes Geist doch alle übergießen, umarmen und bleibend beatmen möge, damit niemand eine solch unmenschliche Entstellung erleiden muss, sondern sich eines mit Heiligem Geist erfüllten Lebens erfreuen kann.

Ansicht im Kirchenraum

Weitere Bilder zu den Kirchenfenstern auf der Website der Künstlerin

Dreifache Kraft Gottes

Klein steht der Mensch in diesem gewaltigen Farbenraum. Er ist in ein schlichtes graues Gewand gekleidet und hat sein Haupt nach vorne geneigt. Ein Pilger? Ihm gegenüber quert eine graublaue Senkrechte wie eine Mauer das Bild. Er scheint nicht weiter zu kommen, am Anschlag zu sein, aufgeben zu müssen, zu resignieren. S-förmige Bogenlinien deuten an, dass er sich auf einem Weg befindet – und da diese vom unteren Bildrand ausgehen, steht die Person symbolisch auch für uns Betrachtende und lädt uns ein, diese ausweglose Situationen mit ihm zu teilen.

So verloren dieser Mensch im Bild steht, er ist nicht allein. Er steht nicht im Dunkeln, sondern in einem Licht, das seinen Anfang in der rechten oberen Ecke nimmt. Von hier aus wirkt eine dreifache Aktivität in das Bild hinein. Zum einen der Lichtstrahl selbst, dann ein dynamischer Farbbogen, und schließlich ein Kreuz, das mit seinen Armen das Bild in der Waagrechten durchquert.

Es steht still im Hintergrund. Mit seiner weißen Präsenz gibt es Halt und Ordnung. Der alles überspannende Kreuzesarm wirkt beschützend. Es erinnert an den Tod Jesu, an seine Ohnmacht angesichts des Todes und wie er nur in Verbundenheit mit seinem Vater stark sein konnte. In Verbindung mit dem Leiden und der Auferstehung Jesu sind auch der Lichtstrahl und der Farbbogen zu lesen.

Der Lichtstrahl steht für das die innere Dunkelheit erhellende Wort Gottes. Gott spricht! Wenn ich von mir absehe und mich ihm zuwende, kann ich seine Stimme in mir hören, die Worte, die er mir in der Stille zuspricht, wahrnehmen. Sein Wort kleidet in Licht und öffnet die Sinne für neue Möglichkeiten und Wege. Es offenbart die liebende Gegenwart Gottes, die in der roten U-Form uns Menschen umgibt und Geborgenheit schenkt, es lässt die Hoffnung durch das warme gelbe Licht der Auferstehung spüren und neben dem Unüberwindbaren auch die lichte Öffnung in der Bildmitte erkennen.

Neben dem Kreuz (Jesus) und dem Wort Gottes (Vater) ermutigt und stärkt der sich ins Bild hineingießende Farbbogen (Hl. Geist) den im Bild stehenden Menschen. Oben schwach erkennbar, entfaltet der luftige Farbbogen nach unten immer mehr seine spritzige Farbkraft und durchdringt dabei den Menschen und gibt ihm durch die unterfangende Bewegung gleichzeitig Standfestigkeit.

So offenbart sich uns ein dreifaltiges Geschehen, das in dem, der sich und Gott seine Schwäche eingesteht, seine Kraft und Macht entfaltet. Ein pfingstliches Geschehen. Welch ein Anlass, ein Fest zu feiern.

Großformatige Wandkalender, Postkartenkalender und Karten mit Motiven von Eberhard Münch sind im Buchhandel oder direkt beim adeo Verlag erhältlich:
www.adeo-verlag.de

Der verheißene Nachfolger

Ein gewaltiges, in mehreren Schichten aufgetragenes Geschehen scheint das Bildformat sprengen zu wollen: Im Vordergrund ein feuriges Wolkenband, das diagonal die Bildfläche durchzieht. Dahinter eine weiße Kreuzform, die mächtig die ganze Höhe und Breite des Papiers einnimmt. Noch hebt sie sich mit harten Kanten vom blauen Hintergrund ab oder wird von diesem rechts unten teilweise umfangen. Noch steht sie in ihrer gedrungenen Form, die auch einen stehenden Menschen in ihr sehen lässt, da.

Doch das Kreuz hat seine Macht verloren. Bereits hat Licht seine Oberfläche erfasst und die schwarze Dunkelheit an den Rand gedrängt. Gleichzeitig werden durch das Feuerband die schwarzen Überreste in seiner Mitte verglüht, die Kreuzgestalt in die zweite Reihe geschoben und in einen linken unteren und einen rechten oberen Teil aufgelöst.

So sind von diesem Kreuz nur noch Fragmente da, die allerdings durch unser Auge noch als Ganzes wahrnehmbar sind. Doch die Feuerbahn durchkreuzt es und lässt uns die neue Wirklichkeit bereits spüren: die göttliche Kraft, die bereits alles Dunkle und Schwere vom Kreuz genommen und es auferstehungsleicht gemacht hatte. Erich Krian schreibt dazu: „Das lässt uns das Kreuz als erneuerbare Freude begreifen. Das anfänglich Unmögliche bricht auf. Das anfänglich Unglaubliche schafft stillen Glauben.“

Das Feuerband lässt uns die Kraft des Heiligen Geistes wahrnehmen, welche die Welt durchweht und verändert. Sie erscheint in einer zeitlichen Reihenfolge zum Kreuz, ja in der Nachfolge, wie Jesus sie in seinen Abschiedsworten angesprochen hat (vgl. Joh 14,16-27).

Und das Feuerband lässt erahnen, wie kraftvoll Gott das im Zeichen des Kreuzes wie gescheitert aussehende Wirken seines Sohnes fortsetzt. Blockierte Herzen werden zu neuem Leben erweckt und fassen Zuversicht, blinde Augen sehen alles in neuem Licht, stumme Zungen bewegen sich und die ganze Welt, weil sie mit begeisterten Worten das Unerhörte verkünden.

Gottes Geist als Beistand

Ein farbstarkes Bild, voller Bewegung und Lebendigkeit, dessen Inhalt sich wesentlich von der Beachtung der Farbgebung her erschließt. Dreiviertel des Bildraums sind von Farbspielen in feurigem Rot mit gelben und weißlichen Einschüben erfüllt. Ein Sturm wirbelt wie bei einer Feuersbrunst Gegenstände hoch in die sich herabstürzenden glühenden Luftmassen. Aber dieses Schauspiel wirkt nicht beängstigend und zerstörerisch, sondern im Gegenteil machtvoll, wie ein gewaltiger Impuls die Menschen erfassend und berührend, die im Blau des unteren Viertels nach vorne streben. Hier unten scheint die Bühne des Geschehens zu sein, hier unten scheint sich eine Veränderung zu vollziehen. Denn ähnlich wie bei einem Prisma teilt sich das Feuerrot, das von oben kommt, in mehrere Farben: leuchtendes Gelb, welches das Blau von unten stellenweise aufhellt oder sich mit ihm zu zartem Grün verbindet, das Rot, das mit dem Blau als kräftiges Violett erscheint. Jede der zwölf Personen erfährt eine Veränderung durch die Zugabe einer neuen Farbe zur bisherigen.

Es ist ein geistiges Schauspiel, bei dem sich Jenseits und Diesseits verbinden, das die Künstlerin überzeugend und respektvoll dargestellt hat. Sie folgt der Erzählung der Apostelgeschichte, dass die elf Apostel, zusammen mit Jesu Mutter von Gottes Geist erfüllt werden, wie er es ihnen versprochen hat. Sie wirken, als würden sie sich nun aufmachen, jeder auf seine Weise, nicht als wollten sie fliehen, eher als würden sie gesandt. Vor allem einer, der im violetten Gewand links neben Maria, ist wie zum Aufbruch gegürtet. Ihn scheint von oben ein besonderer Impuls direkt zu treffen. Petrus?

Aus der Beschäftigung mit dem Bild entstehen Fragen. War das Ereignis, das wir jedes Jahr an Pfingsten feiern, einmalig? Kann es heute noch lebendig wirken? Kann es sich wiederholen? Nur als kosmisches Ereignis oder auf verschiedene Weise? In seinen Abschiedsreden hat Jesus Gottes Geist für die Zukunft versprochen, um das jeweils Andere und Neue zu finden, das sie braucht …
Pfingsten kann demnach nicht nur ein Fest des Erinnerns sein. Es hat seine Aktualität, aber die muss sowohl entdeckt als auch angenommen werden.

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Begeisterter Aufbruch

Kann eine Osterbegegnung bereits ein Pfingstereignis sein? Das Bild von Manfred Hartmann suggeriert es und lässt die Emmaus-Erzählung (Lk 24,13-35) in einem neuen Licht sehen. Sein Bild ist horizontal in eine dunkle und eine helle Hälfte zweigeteilt. In ihrer Anordnung erinnern sie unwillkürlich an Tod und Auferstehung. Zwei Tage ruhte Jesus im Grab. Am dritten Tag erstand er von den Toten. Ob deswegen der Bildträger dreigeteilt ist?

Aus der Dunkelheit des Todes und des Grabes ragt das Kreuz weit nach oben. Es trägt keine Merkmale der Folter mehr. Hell und freundlich scheint in seiner Mitte eine aufgehende Sonne zu leuchten, die beiden Kreuzarme können freundschaftlich die beiden gelben Menschengestalten umarmen: Erscheinung des Auferstandenen inmitten der beiden Jünger! Wie er den Lobpreis sprach und das Brot brach, haben sie ihn erkannt. Ihm zugeneigt, sind die beiden dargestellten Jünger der äußeren Form des Brotes ähnlich geworden. Wie zwei Klammern ( ) umgeben sie das geteilte Brot. Sie sind auch von der warmen Farbe des Brotes erfüllt, Jesus endgültig gleichförmig und gleichfarbig geworden, können sie nun nach Jerusalem zurückkehren und bezeugen, dass Jesus sie auf ihrer Reise begleitet hat und sie ihn als Auferstandenen, als Lebenden erkannt haben.

Im Nachhinein haben sie erst das Brennen ihrer Herzen deuten können, das ihnen die Gegenwart Jesu signalisiert hatte.. Allein sie weilten in der Dunkelheit der Erkenntnis. Ihre dunklen, von Traurigkeit und Niedergeschlagenheit erfüllten Gestalten sind links unten neben dem Herz und in der Mitte der rechten Bildtafel zu erkennen. Wie Jesus vor einigen Tagen von der Dunkelheit des Grabes umschlossen war, so waren ihre Herzen von den unbegreiflichen Eindrücken der vergangenen Tage umgeben und brauchten einen äußeren Impuls, um zu erkennen und von neuem lichterloh für die Sache Jesu zu brennen.

So sehr das Bild im Gesamtaufbau sich von unten nach oben entwickelt, von der Dunkelheit zum Licht, so kann gleichzeitig eine Kreisbewegung im Uhrzeigersinn beobachtet werden, die ihren Anfang rechts unten, in der kleinsten Bildtafel, hat. Zwischen den beiden roten Flächen können auf der einen Jüngergestalt auch die Umrisse einer Schrifttafel gesehen werden, welche an die Darstellungen der beiden Gesetzestafeln des Mose erinnert. Sie könnte auf Jesus verweisen, der von Mose und den Propheten ausgehend, den ihn begleitenden Jüngern dargelegt hatte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. Die linke rote Fläche mag deswegen pfeilförmig in den oberen Teil hineinragen. Andererseits können die beiden Flächen auch als die Herzen der Jünger gedeutet werden, zweigeteilt, uneinig, unförmig. Und es wäre dann die in dieser symbolischen Steintafel verborgene geheimnisvolle Gegenwart Jesu, welche die Jünger unsichtbar zusammenhalten würde. Durch seine Worte werden sie unterwegs immer mehr zu einer neuen Einheit geformt und mit neuem Leben erfüllt, demjenigen des Auferstandenen. Wie im linken unteren Bildteil dargestellt, brennt diese neue Lebensfülle ähnlich der einem Samenkorn innewohnenden Kraft alle einengenden Grenzen durch und eröffnet dadurch neue Erkenntnisse und daraus resultierende neue Handlungsweisen, die sich ganz am Auferstandenen orientieren.

Vom Geist des Auferstandenen befreit und von Gottes Geist bewegt, werden sie von nun an immer wieder von diesem prägenden Ereignis erzählen und sie werden in der Nachfolge Jesu selbst das Brot in die Hand nehmen, den Lobpreis sprechen und das Brot brechen, um allen Menschen seine hingebende Gegenwart zu offenbaren und lichtvolle, begeisterte Gemeinschaft mit ihm zu ermöglichen.

Leidenschaftliche Bewegung

Ein geheimnisvolles Bild! Dunkelrote Bereiche überwiegen und würden das Bild recht düster machen, wären da nicht helle Bereiche, die hier und dort wie glühende Kohle aus dem Untergrund aufleuchten, und die feinen weißen Striche, die Oberfläche und Bewegung vermitteln.

Aufgrund dieser haarartigen Struktur lässt der Filmausschnitt (ganzes Video) trotz seiner farblichen Verfremdung an ein Kornfeld denken, das vom Wind hin und her bewegt wird. Selbst aus dem festgehaltenen Eindruck ist die unaufhörliche Bewegung noch herauszuspüren, die im Video das Bildformat leben lässt. So abstrakt der Bildausschnitt aus einem größeren Ganzen des Videos und auch des Kornfeldes wirkt, er behält die Charakteristika des Gesamten und vermag zumindest andeutungsweise von ihm zu erzählen.

In eine mysteriöse und verhüllende Dunkelheit gekleidet, bringt das vom Wind bewegte Kornfeld etwas zum Ausdruck, was wir üblicherweise nicht so bewusst wahrnehmen. Eine unsichtbare und von der Mächtigkeit her auch unfassbare Kraft trifft auf Millionen von Ähren. Fest in der Erde verwurzelt, wachsen sie mit eigener Kraft dem Himmel entgegen, wo sie auf den Wind treffen, sich von ihm bewegen und biegen lassen.

Könnte das Kornfeld nicht ein Gleichnis für uns Menschen sein, die auf der Erde und von ihr leben? Und der Wind Symbol für die Kraft Gottes, die uns umgibt, umwirbt und bewegen möchte? Bewegung, die nicht äußerlich bleiben, sondern gerade durch das stetige Hin- und Herwogen in uns eingehen und zu einem verinnerlichten Bestandteil von uns werden möchte?

Im Video nimmt das wie aus der Tiefe aufleuchtende rote Licht noch stärker als im Bild an der Bewegung der Ährenspitzen teil. Da sind es Wogen von feurigem Licht, die das Bild-Feld in alle Richtungen durchziehen, die aus dem Nichts in unfassbarer Intensität aufleuchten, um sich nach einem flüchtigen Augenblick gleich wieder aufzulösen.

Ein faszinierendes Schauspiel unbeschreiblicher Schönheit, das an die überwältigende Kraft der Liebe denken lässt, an Leidenschaft und Begeisterung, die mehr oder weniger intensiv unser Leben durchziehen und es zum Glühen bringen. Wie im Leben möchte man die beglückenden Erfahrungen festhalten, in ihnen verweilen, und vermag es doch nicht.

Dem Geduldigen wird allerdings die Gewissheit und die Freude geschenkt, dass solche unglaublich dichten Lebensphasen wiederkehren – unverhofft, zärtlich bewegend, überwältigend, beglückend – und durch die Erfahrung wie durch die Erwartung wesentlich dazu beitragen, dunkle oder haltlose, schwierige, leere Zeiten auszuhalten.

Glühendes Zeugnis

Ein Dutzend feuerrote Glasröhren verstellt den Blick nach draußen. In den unterschiedlich langen, handgeformten Zylindern begegnet uns ein Kunstwerk, das schwer einzuordnen ist. So sehr es wie ein Glasbild wirkt, das nur einen Teil der Fensterfläche beansprucht, ist es durch seine räumliche Tiefe als eine Skulptur anzusehen, die seitlich von zwei flachen, vergoldeten und mit feinen Farbspuren verzierten Glasstreifen begrenzt wird.

Im Übergangsbereich von innen nach draußen platziert, wird der Blick an dem Ort auf eine Wirklichkeit gelenkt, wo wir sonst völlige Klarsicht wertschätzen. Durch die Skulptur wird eine Realität sichtbar gemacht, die wir sonst kaum wahrnehmen, die aber sowohl das Innen mit dem Außen als auch durch seine vertikale Anordnung das Unten mit dem Oben verbindet. So sehr diese sichtbar gemachte Wirklichkeit als Wand erscheint, die in unterschiedlicher Höhe und im oberen Bereich mit größeren Abständen angeordneten Glaszylinder verleihen dem Kunstwerk eine dynamische, nach oben strebende Lebendigkeit.

Die leuchtende Farbe, die Transparenz des Glases, die leicht bewegten Formen und vor allem das je nach Tageszeit und Wetter wechselnde Licht tragen dazu bei, dass sich die Skulptur ständig verändert, in immer neuem Licht sich zu bewegen scheint. Die unterschiedlich intensiv leuchtenden Röhren erinnern an ein Feuer mit hoch auflodernden Flammen und an die große Hitze, welche die vom Feuer erfassten Gegenstände durchglüht. Wie bei einem Kamin- oder Lagerfeuer wird so ein angenehmes Licht und eine wohltuende Wärme im Raum erzeugt.

Mit diesem stilisierten Feuer will die Künstlerin in erster Linie dem hl. Forian eine Referenz erweisen, der als Beschützer vor dem Feuer verehrt wird und dem diese Kirche geweiht ist, in der sich die Skulptur befindet. Die vergoldeten Seitenbegrenzungen könnten darauf hinweisen, dass Gott, auf die Fürbitte des Heiligen hin, dem sich leicht ausbreitenden und schwer zu kontrollierenden Feuer Einhalt gebietet, Grenzen setzt.

Die Skulptur vermag aber auch in offener Form auf die Gestalt des Heiligen selbst hinzuweisen. Könnten die feurig roten Glasröhren nicht ein abstraktes Bild für ihn sein, das etwas von seiner inneren Haltung weitergeben kann? Erzählt es nicht von einem Menschen, der vom göttlichen Licht derart durchdrungen und beseelt wird, dass sein ganzes Wesen zu glühen oder zu brennen scheint? Legt es nicht Zeugnis von der Glaubenskraft eines Menschen ab, der, wie es die Seitenbänder andeuten, von Gott auch seitlich gehalten und gestützt, ganz transparent auf den ihn Erfüllenden hin geworden ist?

Begeisterung wird da spürbar, vom Heiligen Geist erfülltes Leben. Erinnerungen an die Erzählungen vom Pfingstfest in Jerusalem werden geweckt. – Wünschen wir nicht jedem auf den dreieinigen Gott getauften Menschen diese Gnade?

Veränderungen

„Aus dem Dunkel bricht ein glühender Feuerball hervor und verströmt ein intensiv leuchtendes Licht. Wie von einer schützenden Schale wird das lodernde Feuer halbkreisförmig umfangen. Reliefartig hebt sich die Farbe vom Bildgrund ab und kommt auf den Betrachter zu. Dieser Eindruck steht im Wechsel mit einer Sogwirkung, die den Blick in die Tiefe des Bildraumes lenkt. Helmut Schober versteht seine Malerei als Darstellung von Energie und Licht, deren Erscheinungen er in immer neuen Facetten Ausdruck verleiht. So erinnert der glühende Feuerball an kochendes vulkanisches Gestein, das sich als Lava ergießt. Vorstellbar ist jedoch auch ein kosmisches Ereignis in den unendlichen Dimensionen des Weltalls. Entsteht hier vor unseren Augen ein Gestirn aus leuchtenden Gas- und Staubwolken, dessen Licht in den umliegenden dunklen Weltraum hineinstrahlt?

‚Der Geist des Herrn’, heißt es in einem Kirchenlied (GL 249), ‚erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten’ – diese spirituelle Vorstellung nimmt vor der Malerei von Helmut Schober Gestalt an und lässt das Gedachte zum lebendigen Bild werden. Evokationen an Licht- und Feuererscheinungen, wie sie in der Bibel geschildert werden, schließen sich an: das Pfingstwunder, die Ausschüttung des Heiligen Geistes, der auf die Apostel herabkam und ihr Leben durch Mut und Glaubensstärke veränderte (vgl. Apg 2). Auf dynamische Vorgänge spielt auch der Bildtitel ‚Veränderungen’ an. Diese werden als Prozesse des Glühens, des Aufbrechens und des Verschmelzens visualisiert, offenbaren in der Betrachtung jedoch das Potential einer spirituellen Tiefe, die über das Sichtbare hinausführt.“

Die Betrachtung von Frau Sabine Sander-Fell (IM DIALOG, Zeitgenössische Kunst in Pax Christi Krefeld, 2004, S. 46-47) auf der spirituellen Ebene fortführend, kann das halbkreisförmige Rund auch als großes C gelesen werden, das auf Christus Jesus hinweist, der die ganze Schöpfung umfängt, trägt, bewahrt (vgl. Kol 1,15-20). Wie ein Herz leuchtet die rote Erscheinung in der Mitte dieses göttlich-menschlichen Lebensraumes: Geschützt und doch mit Öffnungen versehen, damit sein feuriger Lebensatem aus der Tiefe aufsteigen und sich über die ganze Welt ausbreiten kann. Die roten Schattierungen, die wie Wellen über die Bildoberfläche wogen, deuten auf die Wärme der göttlichen Liebesglut hin, die als heißer Atem die erloschenen Glaubensfeuer sorgsam wieder zu entfachen und zu beleben vermag.

Dieser glühend roten Mitte wohnt eine gewaltige Kraft inne. Es erinnert an die zerstörerische Macht des Feuers, an die Explosionen und Kriege, die unsere Welt und unsere Herzen erschüttern und auch das Ende der Welt ins Blickfeld rücken. So gesehen kann das Bild bedrohlich wirken und Angst machen. Es kann aber auch die Bitte um den göttlichen Beistand auslösen, „den Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht“ (Jes 11,2), damit wir mit Mensch und Umwelt richtig umgehen können und es eben nicht zu einer Katastrophe kommt.

Übrigens: Je dunkler der Raum wird, in dem das Bild hängt, um so mehr leuchtet die rote Farbe! Ob auch darin ein Bild für den Heiligen Geist gesehen werden darf, der in unserer Mitte um so mehr aufleuchtet, als uns die Lebenssituation bedrückt und einengt? Das Bild veranschaulicht gewissermaßen, wie Gott mit der schöpferischen Kraft seines Geistes, die Veraltetes auseinanderfallen und Neues entstehen lässt, in den Menschen gegenwärtig ist, sie von innen her verändert, aufbrechen und neue Wege beschreiten lässt. – Weil sie Seine Kraft und Führung erfahren, aber auch die Geborgenheit in Ihm.

Die Broschüre IM DIALOG, Zeitgenössische Kunst in Pax Christi Krefeld mit vielen Abbildungen und hervorragenden Beschreibungen zu den 33 Kunstwerken kann für Euro 3,50 + Porto im Pfarrbüro bestellt werden: pfarrbuero@pax-christi-gemeinde-krefeld.de

Geist-Ausgießung

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle [Apostel] am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Das Geschenk des Heiligen Geistes drückte sich bei den Aposteln durch Reden in fremden Sprachen aus. In seinen 160 Blätter umfassenden „Bibelübermalungen“ bringt Arnulf Rainer das Pfingstereignis ganz anders zum Ausdruck: Er übermalte nicht wie bei den anderen Blättern Vorlagen aus der Kunstgeschichte, sondern brachte drei völlig eigenständige Bilder hervor. Es ist, als wollte er damit die besondere Kraft des Heiligen Geistes noch mehr hervorheben. Eines dieser Blätter sei hier vorgestellt.

Der Ausgangspunkt des Bildes ist am oberen Rand. Alle Linien und Farben brechen dort mit konzentrierter Urgewalt hervor, um sich dann orkanartig und wie vor Lebensfülle wellenförmig hin- und herwindend auf die Erde zu ergießen. Der überirdische Strom erinnert mich an die Verheißung des Propheten Joel, dass Gott am Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes „wunderbare Zeichen wirken [wird] am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen“ (3,3).

Für den Propheten sind diese Zeichen wunderbar, weil sie Befreiung bedeuten. Rot verweist einerseits auf das Blut Christi, durch das er uns von unseren Sünden erlöst (Offb 1,5) und für Gott erkauft hat (5,9). Andererseits weisen Rot und Gelb auf die feurige Kraft des Heiligen Geistes hin. Gottes Geist ist Wärme und Licht, der die Wahrheit an den Tag bringen wird (vgl. Jes 32,15-17; Joh 16,13), er ist die in unsere Herzen ausgegossene Liebe Gottes (Röm 5,5b), in der er uns belebend durchglüht und zu gutem Denken und Tun anfeuert und begeistert.

Links und rechts ist dieser stürmische Flammenregen von sanften Farbtönen begleitet, die diesem Bogen etwas friedvolles geben. Parallelen zum Regenbogen tauchen auf, den Gott als Zeichen des Bundes „in die Wolken“ gesetzt hat (vgl. Gen 9,8-17). Brach nicht mit Pfingsten ähnlich wie nach der Sintflut etwas ganz Neues an? Gott schenkte allen Menschen seinen Heiligen Geist! Nicht nur denen, die im Hauptstrom stehen, nein, auch denen im Abseits, wie mir das Bild tröstlich zu verstehen gibt.

Das Bild weckt in mir die Sehnsucht, mich unter diesen pfingstlichen Gnadenstrom zu stellen und mich wieder neu von Gottes Liebe, Licht, Gerechtigkeit und Frieden durchströmen und erfüllen zu lassen – um ganz Mensch zu werden, Mensch nach seinem Abbild (Gen 1,27)!

Lebendiger Kirchenraum

Mit seinem Chorbild lehnt sich Dietrich Stalmann an die gotischen Altarretabel an, deren Flügel unterschiedlich bemalt und entsprechend dem Kirchenjahr auf- oder zugeklappt waren. Mit seiner Kirchenjahresstele verfolgt der Künstler dasselbe Ziel. Die Bilder wollen in das Zeitgeschehen einbezogen werden, sie wollen Veränderung mitmachen, durch die Veränderung immer wieder neu ansprechen.

Die Kirchenjahresstele wird aus einem senkrechten Element gebildet, in das der liturgischen Zeit entsprechend drei verschiedenfarbige Tafeln eingesetzt werden können. Violett in der Advents- und Fastenzeit, Gelb in den Festzeiten, Grün im restlichen Jahreskreis. Ohne Bilder vermittelt sie gerade in der Fastenzeit eine befreiende Leere, die zum Denken anregt. Der Bildentzug signalisiert Buße, Einkehr, Umkehr. Zusammen mit der waagrechten Stahlschiene für die Aufnahme der Bilder erinnert die Stele entfernt an ein Kreuz.

Waagrecht können drei Bildtafeln der Stele vorgehängt werden: Georg, Maria, der Engel Gabriel. Wahlweise allein, zu zweit oder zu dritt. Der hl. Georg als Kirchenpatron übers Jahr auf der grünen Stele, Maria und der Engel in der Adventszeit auf der violetten oder an Marienfesten auf der gelben Stele. Mit allen drei Bildtafeln entfaltet die Kirchenjahresstele ihre Vollgestalt und kündet mit ihrer dynamischen Farb- und Formgebung von der Geistigkeit des Glaubens. Glauben ist etwas Unfassbares. Genauso wie Gott immer der ganz Andere sein wird. Doch durchweht nicht Gottes Geist die ganze Schöpfung und hilft ihr in der Erkenntnis Gottes? (vgl. „Der Geist des Herrn erfüllt das All …“ Kath. Gesangsbuch der Schweiz, 232) Brennt nicht seine Liebe in unseren Herzen? (Röm 5,5)

Mein Blick geht in das unendliche Feuer der Liebe Gottes, lässt mich die Weite Gottes erfahren (Ps  36,6) und etwas von der explosiven Kraft des christlichen Glaubens spüren.

Erst im Nähertreten sind die vom Heiligen Geist erfassten Gestalten von Maria, Georg und dem Engel zu erkennen. Georg als Kirchenpatron in der Mitte. Mit der Lanze den Drachen tötend ist er uns Vorbild im ehrenhaften und mutigen Kampf gegen das Böse. Wie er der Legende nach damals die Königstochter vor dem Tod bewahrt hat, mag er auch heute helfen, die Kirche Christi zu beschützen.

Maria wird gerade vom Engel besucht. Ganz ins Blau des Glaubens gehüllt, neigt sie sich von der göttlichen Botschaft überwältigt nach hinten. Was soll mit mir geschehen? Was hat Gott mit mir vor? Sinnfragen des Lebens klingen in ihrer Haltung an, die gerade in der Begegnung mit Gott noch spürbarer werden. Der Engel ist von grünen Farben umgeben – der Farbe des Lebens. Mit der Botschaft, dass sie den Sohn Gottes empfangen wird, bringt der Engel ihr keimendes Leben, Hoffnung für alle Menschen, die wie Maria glauben, dass sich Gottes Wort an ihr erfüllt. Jeden Tag und in jeder „Jahreszeit“ des Lebens wieder neu und anders – in der Kraft des Unfassbaren, alles durchdringenden und heiligenden Geistes Gottes.