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Nina Gamsachurdia, Rizom, 2016
© Nina Gamsachurdia

Kraftort

Das Dargestellte ist nicht einfach einzuordnen. Eigentlich gar nicht. Es durchquert das Bild in der horizontalen Mitte wie ein Wurm. Gleichzeitig „hängt“ das schlauchartige Gebilde irgendwie in der Luft, weil es sich mit seiner pastosen Verdickung nirgendwo in unserem Lebensraum verorten lässt.

Seine Gestalt ist nicht schön, vielleicht sogar unansehnlich. Es befremdet durch seine Andersartigkeit und fasziniert gleichzeitig durch seine glänzenden Farben. Inmitten der grauen Umgebung vermitteln sie etwas Wertvolles, ja Kostbares. Die vielen Äderungen, die von der Mitte ausgehend wie ein Wurzelgeflecht das ganze Bild durchziehen, verstärken den Eindruck, dass diese ungewöhnliche Mitte eine Art Kraftort bildet, von dem Leben ausgeht. Ein Kraftort mit dem Potential des Ungeschaffenen und Ursprünglichen. Organisch und voller Energie durchdringt seine Kraft die Umgebung, bricht sie auf und bereitet sie als Nährboden für das neue Leben. Die feinen Wurzeln und deren Farben lassen die Verwandlung in etwas ganz Neues erahnen. Etwas Neues, das einer Neuschöpfung wie am Anfang der Welt gleichkommt.

Die Künstlerin hat ihre Arbeit nach dem altgriechischen Wort ῥίζωμα rhizoma – „Eingewurzeltes“ benannt. Es bezeichnet in der Botanik eine meist unterirdische horizontale Sproßenachse, das vielen krautigen Pflanzen der vegetativen Vermehrung und Speicherung von Reservestoffen dient. Ihre wurzelähnliche Gestalt ist von Verdickungen – den Nodien – gekennzeichnet, wie z.B. beim Ingwer. Charakteristisch für Rhizome ist zudem, dass sie auch in kürzere Stücke geteilt alle genetischen Informationen beinhalten, damit aus ihren Knospen wieder ganze Pflanzen wachsen können.

Vieles in dieser Arbeit lässt an Jesus denken. An seine Ankündigung durch den Propheten Jesaia:

„Wer hat geglaubt, was wir gehört haben? Der Arm des HERRN – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,1-5)

Die Arbeit lässt auch über unsere Abstammung als Christen nachdenken, über unsere Verwurzelung in Jesus selbst. Das Rhizom erinnert an das Licht der Kerze, das beim Weitergeben nicht weniger wird. Das Rhizom trägt auch geteilt alle Informationen in sich, um an einem neuen Ort wieder Wurzel zu fassen und Frucht zu bringen. Das Symbol des Rhizom und die kostbare Ausführung mit Edelsteinpigmenten lassen den einzigartigen Auftrag aller Getauften spüren, aus der unverbrüchlichen Verbindung mit ihm seine Worte und sein Handeln in der Welt sichtbar und erlebbar machen zu lassen. Und so zu einer Ikone von Gottes lebensspendender Gegenwart werden.

Vom 25. Februar bis 8. April 2018 sind zahlreiche Arbeiten von Nina Gamsachurdia im Begegnungshaus des Klosters Kappel am Albis in der Nähe von Zürich ausgestellt. Unter dem Titel Pneuma – Die vergessene Atemseele der Malerei stehen ihre Arbeiten im Dialog mit ostchristlichen Ikonen.

Patrik Scherrer, 14.02.2018

Nina Gamsachurdia

Rizom
Entstehungsjahr: 2016
120 X 90 cm, Edelsteinpigmente (Lapislazuli, Jade, Jaspis, Perlenweiss, Rhodochrosit, Malachit, Zinnober) Rot-und Weissgold, auf Holzgrund
© Nina Gamsachurdia
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