Von Gottes Gegenwart erleuchtet erkennen

Kraftvoll umreißt die gelbe Linie eine menschliche Kopfform und lässt sie aus dem blau-grünen Grund hervortreten. Die Form ist nach oben geöffnet, wodurch die beiden geschwungenen Linien auch wie grafisch vereinfachte – den Kopf umfassende – Hände gesehen werden können. Nur das rechte Auge ist mit Bleistift ausgearbeitet und mit einem gelben Strich konturiert und hervorgehoben. Der Mund ist lediglich angedeutet. Alle anderen Gesichtsmerkmale sind weggelassen worden, um die Botschaft klarer zum Ausdruck zu bringen. Die Signatur am linken unteren Bildrand gleicht einem achtlos weggeworfenen Auge. Offensichtlich ist das zweite, für das räumliche Sehen wichtige Auge für den Prozess des geistigen Sehens unbedeutend.

Dafür bricht von der oberen rechten Ecke ein weißliches Objekt in die Bildfläche und den Kopf dieses Menschen ein. Die kantige Form lässt an einen keilförmig behauenen Stein denken, der, ohne die Schädeldecke zu verletzen, ins geistige Bewusstsein tritt, die eigenen Vorstellungen durchbricht und ins Geistige überführt. Die stilisierte Dreidimensionalität der Form kann auch als lichtes Buch gesehen werden, dessen Inhalte in den Geist des Menschen übergehen. Die weiße Farbe, die lebendige Offenheit der Form und die von oben hereinbrechende Bewegung erinnern auch an die Taube als Symbol für den Heiligen Geist.

Begeisterung? Oder geht es mehr um den Geist der Erkenntnis, um den Geist, der uns mit Gedankenblitzen mehr als nur das Sichtbare sehen lässt? Tut es nicht grundsätzlich und immer not, über die vordergründige Begrenzung hinauszusehen, die Wirklichkeit in ihren Höhen und Tiefen auszuloten und auch die geistige Dimension ins Auge zu fassen? Letztlich bis in die Seele zu blicken?  Der jugendliche Gesichtsausdruck und die wache Kopfstellung lassen spüren, wie dieser Mensch etwas Unsichtbares entdeckt hat und nun mit dem geistigen  Auge zu erkennen und mit dem Verstand zu „begreifen“ versucht.

Der fokussiert suchende und gleichzeitig die gesichtete Wirklichkeit abtastende Blick fasziniert. Der aufmerksam nach oben gerichtete Blick wirkt wie durch ein Fernrohr in die Weite gerichtet und gleichzeitig wie ein Röntgenblick, wie ein die Wirklichkeit durchdringendes Schauen, das auch unsichtbare Welten wahrnimmt und zu fassen versucht.  Die weichen, die Kopfform querenden Pinselstriche mögen für diese unsichtbaren und doch gegenwärtigen Welten stehen, die wie Gedanken durch den Kopf gehen und den Hintergrund wie das Wasser eines unergründlichen Sees erscheinen lassen.

Die gelben Linien elektrisieren. Es geht darum, nicht nur mit dem äußeren Auge zu erkennen, sondern die Wahrheit auch mit dem inneren, geistigen Auge zu sehen und anzunehmen, bis sich Gott im “Auge als Spiegel der Seele” wie ein Lichtpunkt widerspiegelt. Wer IHN in sein Leben aufnimmt und Jesus in allen Menschen erkennt, der ist ein von Gott wie von einem Keil Gezeichneter und gleichzeitig ein von Gottes Gegenwart Leuchtender.

„Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.“
(Eph 1,17-19)

Lebenslinien

Ordnung und Chaos begegnen sich in dieser Zeichnung gleichermaßen. Der helle Grund weist gewebte oder zumindest gleichmäßig verdichtete Strukturen auf, während einzelne Fäden sich nach vorne und nach oben in freier Bewegung davon ablösen.

Die durchaus konkreten Linien wirken andeutend, raumschaffend, durchlässig. Der faserige Strich deutet einen Faden an und lässt ein textiles Gewebe erkennen. Soll damit eine textile Verwicklung oder vielmehr eine sich in Freiheit entwickelnde Bewegung gezeigt werden? Eine sich in die Freiheit hinausbewegende Entwicklung? Aus dem festen Grundgewebe hinaus in haltlosen Freiraum? Eigene Wege suchend, eigene Bewegungen, eigene Farben und Strukturen? – Die Möglichkeit besteht.

Der Ausreißer hinterlässt im Grundgewebe eine Lücke, eine Ausdünnung oder Schwachstelle. Darüber erhebt sich der sich lösende und immer dunkler werdende Strich in freier Bewegung … und hinterlässt eine chaotische, ungeordnete, nicht einzuordnende Spur. So wird der Ausreißer zum Außenseiter, zu einem schwarzen Schaf. Der Ausbruch hat einen Schaden angerichtet, beim einen wie dem anderen.

Aber der Faden scheint nicht getrennt zu sein. Da besteht noch eine Verbundenheit mit dem Ursprung oder der Herkunft. Eine Nabelschnur zur „Mutter“ oder dem „Vater“. Es ist eine aus dem festen Gefüge ausgebrochene Lebenslinie, die eigene Wege sucht, eigene Bereiche erkundet, Welten entdeckt und sich da einbringt.

Entwicklungen und Veränderungen im familiären Sozialgefüge können hier gesehen werden. Eltern geben eine Lebensgrundlage. Doch Kinder brauchen eine fast grenzenlose Ungebundenheit und Freiheit von ihren Eltern, um ihren eigenen Lebensentwurf gestalten zu können. Im Bild kann das so gedeutet werden, dass zum Betrachter hin und am oberen Bildrand Freiräume sind, also „Luft nach oben“ besteht. Ist das Loslassen der Eltern nicht ein Vertrauensbeweis in ihre Kinder und deren Fähigkeiten, der diesen über Raum und Zeit hinweg wieder Verbundenheit und Halt gibt?

Die Arbeit von Karl Schleinkofer mutet wie eine grafische Darstellung des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn an, der mit dem Einverständnis seines Vaters und seinem ganzen Erbe in die Ferne gezogen ist und später, als dieses verbraucht war, als Armer wieder zum Vater zurückkehrte, weil doch eine Verbundenheit geblieben ist.

Ebenso kann durch die Hervorhebung einzelner Fäden in der Zeichnung sehr schön ein Grundprinzip unseres Glaubens meditiert werden: Der Glaube bildet im Leben des Gläubigen eine haltgebende Grundlage, die ihm ermöglicht, individuell seiner Berufung nachzugehen und diese in das Gesamtgefüge der Gesellschaft einzubringen. Die Linienführung macht deutlich, dass es ein Suchprozess und damit kein einfacher Weg ist, der auch dunkle und schmerzvolle Zeiten kennt. Die Interaktion der verschiedenen Linien machen aber auch deutlich, dass gerade dadurch eine Tiefe und Spannung ins Bild kamen, die dem „Lebens-Bild“ wie einem guten Essen eine besondere Würze geben.

Diese und viele unveröffentlichte Arbeiten von Karl Schleinkofer waren im Februar 2020 im Museum Moderner Kunst Wörlen in Passau in der Ausstellung “Arnulf Rainer und Karl Schleinkofer” zu sehen.

zu Gott führen

Das Gesicht eines alten Mannes begegnet uns in der Mitte des Bildes. Hell tauchen von unten nach oben immer breiter werdend sein Kinn, seine Nase, seine Augen, seine Stirn und vor allem sein Turban aus dem blauen Farbenspiel auf. Übergroß erscheint das Gesicht inmitten der vielen Menschen, die von unten her aus dem Dunkel zum Licht aufzusteigen scheinen. Ob dieser Mann für sie eine zentrale Bedeutung einnimmt?

Der Turban lässt vermuten, dass der Mann aus dem Mittleren Osten stammt oder wegen der Herkunft der Künstlerin sogar aus Afghanistan. Mit großen Augen blickt er aus dem Bild heraus, fragend, durchdringend, Zeit und Raum überwindend. Wer ist der Mann mit diesem geheimnisvollen Blick? Er mutet wie eine charismatische Führerpersönlichkeit an, inmitten der vielen Leute wie ein Menschensammler oder -fischer.

Da Blau die dominierende Farbe der Menschenmenge zwischen Schwarz und Weiß ist, könnte sie symbolisch für den Glauben und die Treue stehen. Die von unten nach oben aufsteigenden Menschen würden also Menschen darstellen, die zum Glauben kommen und ihm bis ans Lebensende treu bleiben. Davon ausgehend lässt sich in dem Männergesicht Abraham sehen, dem Gott eine Nachkommenschaft so zahlreich wie die Sterne am Himmel verheißen hat (Gen 15,5). Weil er geglaubt hat, sind viele durch ihn zum Glauben gelangt und wird er „Vater des Glaubens“ genannt (Mt 3,9). Denn „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Erkennt also: Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams.“ (Gal 4,6-7)

Das Gesicht könnte aber auch dasjenige von Moses sein, der sein Volk durch das Rote Meer aus der Gefangenschaft bei den Ägyptern in die Freiheit geführt hat. Die blaue Farbe stünde dann für das Meer zu beiden Seiten des durchziehenden Volkes.

Nochmals einige Generationen später könnte das Gesicht auch Jesus gehören. Auch er vermochte aus seiner innigen Verbindung mit dem Vater heraus zu seiner Zeit und bis heute unzählige Menschen für den Glauben an Gott zu begeistern und ihnen einen Weg zu weisen in eine lebendige Gemeinschaft mit ihm. In Bezug auf Jesus könnte die blaue Farbe auch für die Taufe stehen, für das Mit-Jesus-Sterben und -Auferstehen zum neuen ewigen Leben.

Wem auch immer dieses Gesicht gehört, es mag uns Betrachtern Ansporn sein, transparent auf Gott hin zu sein, eben ein Mann oder eine Frau Gottes. Dies ist eine Art und Weise, in der sich Gott in unserer Zeit offenbart und Menschen Gott in ihrer Nähe erleben können, in ihrem Leben, hier und jetzt.

Fisch-Konserven-Kreuz

Ein Kreuz, geformt aus 96 Fischkonserven (53 senkrecht, 43 waagrecht), liegt am Boden. Ordentlich stehen die Dosen in Dreierreihen nebeneinander, vereinzelt nur zu zweit oder aber auch zu viert. Die Kombination der bunten Dosen mit dem Kreuz befremdet. Irgendwie wollen das kommerzialisierte Konsumgut Fisch und die strenge Kreuzform ästhetisch nicht zusammenpassen. Wollte der Künstler ein Mahnmal schaffen für den rücksichtslosen Umgang des Menschen mit seiner Umwelt? Themen wie Überfischung, Tierquälerei oder Fischsterben durch verschmutzte Gewässer infolge menschlicher Profitgier und Marktinteressen  kommen in den Sinn. Doch was vermag uns das Fischkonservenkreuz darüber hinaus sagen? Was gibt es für inhaltliche Berührungspunkte oder sogar Parallelen zwischen den Fischen und dem Kreuz?

„Konserve“ Kreuz
Die Fische sind gefangen genommen und getötet worden, um den Menschen als Nahrung zu dienen. In den Blechdosen werden sie unverderblich gemacht, konserviert, und bleiben damit über eine längere Zeit haltbar. Dadurch können sie über große Distanzen transportiert und fast überall auf der Erde verkauft und verzehrt werden, ohne dass der Fisch geschmacklich oder gesundheitsgefährdend sich verändern würde.

Hier werden Parallelen zum Leidensweg Jesu sichtbar und seinen Worten beim letzten Abendmahl: „Nehmt und esst, das ist mein Leib. Trinkt, das ist mein Blut.“ (Mt 26,26-28) Auch wenn dem Kreuz wie den Konserven Folter und Tod anhaften (Jesus und die Fische), so tragen beide das Leben in sich. Jesus gibt sich den Seinen, „damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben“ (Joh 10,10b). Wer von den Fischen isst, dessen Leben wird gestärkt. So macht diese Arbeit deutlich, dass auch das Kreuz eine „Konserve“ ist. Denn gerade das lateinische Kreuz ist untrennbar mit dem Leiden und dem Tod Jesu verbunden. Es trägt diese Botschaft unverderblich durch Zeit und Raum, nachösterlich verbunden mit Jesu Auferstehung von den Toten und seine Rückkehr zum Vater.

„Konserve“ Bibel
Die konservierten Fische lassen zudem eine Parallele zur Bibel zu. Denn auch das Wort Gottes ist konserviert. In seiner geschriebenen Form ist es haltbar gemacht, leicht transportierbar und für alle zugänglich. Auch Gottes Wort ist Nahrung, im Gegensatz zum Fisch allerdings für Geist und Seele. Intuitiv würde man Gottes Wort vielleicht mehr mit dem Kerzenlicht vergleichen, das man unerschöpflich teilen kann, ohne dass jemanden einen Verlust erleidet. Beim Fisch kann nicht auf gleiche Weise geteilt werden. Allerdings hat Jesus mit fünf Broten und zwei Fischen mehr als fünftausend Menschen gespeist und es blieben zwölf Körbe übrig (Mt 14,13-21), so dass auch Brot und Fisch als Symbole für sein grenzenloses lebenstärkendes Geben gesehen werden können.

Die Frage liegt nahe: Lässt sich im Kreuz nicht auch die Form eines Menschen sehen, der mit ausgebreiteten Armen am Boden liegt, und sich ganz dem Betrachter hingibt? Der sie in seiner ungewöhnlichen Erscheinung lockt, wie Moses am brennenden Dornbusch näher zu treten? Der einlädt, das Kreuz und durch es IHN zu schauen? Der sich dadurch als Gebender offenbart und sie einlädt, von ihm zu nehmen und zu essen?

„Konserve“ Fisch
So wie das Kreuz bis in unsere Zeit DAS Bekenntniszeichen für Christen ist, muss es der Fisch für die Christen der ersten Jahrhunderte gewesen sein. Er war DAS Erkennungszeichen für die Christen in der Verfolgung. Denn das griechische Wort für Fisch, ἰχθύς (ichthýs), enthält ein stichwortartiges Glaubensbekenntnis, in dem jeder Buchstabe auf eine Eigenschaft Jesu hinweist:

  • I – Jesus (Iēsoũs)
  • Χ – Christus  (Χριστὸς/Christòs , der Gesalbte)
  • Θ – Gottes (Θεού, theoú)
  • Υ – Sohn (Υἱὸς)
  • Σ – Erlöser (Σωτήρ, sotér)

Die eine Person zeichnete einen Bogen in den Sand, eine zweite Person ergänzte das Symbol so mit einem Gegenbogen, dass eine Fischform entstand. Damit zeigte er sich als Bruder oder Schwester im Glauben an Christus.

Die Konservendosen könnten ein modernes Glaubensbekenntnis sein. Sie enthalten Fische aus der ganzen Welt. Womit in dieser Kreuzform die ganze Welt zeichenhaft versammelt wurde. Jesus hat seine Jünger zu Menschenfischern berufen. Er hat ihnen den Auftrag gegeben, sein Wort  zu allen Völkern zu tragen, damit alle zum Glauben an den Vater, ihn und den Heiligen Geist kommen und in diesem Glauben eins werden. Dieser Auftrag lässt sich nicht konservieren. Nur leben. Weshalb jeder Gläubige zu jeder Zeit berufen ist, auf seine ihm eigene Art und Weise Zeugnis von seinem Glauben abzulegen – in einem lebendigen Glaubenszeugnis!

Glühen für Gott

Ein Menschenkopf zeigt sich von der Seite gemalt im Profil. Hals, Kinn, Nase, Stirn und Auge sind zu erkennen. Allerdings sind weder Mund noch Ohren oder Haare zu sehen. Auch die Farben entsprechen nicht der Realität. Alles an diesem Menschenkopf ist nur zeichenhaft gemalt, deutet aber auf einen tieferen Sinnzusammenhang. Diesbezüglich kann dieser Kopf für jeden Menschen stehen, für jede Frau, für jeden Mann. Und es geht offensichtlich nicht um äußere, sondern um innere Wirklichkeiten.

An der Stelle des Auges ist eine blaue, mandelförmige Erscheinung zu erkennen. Farblich korrespondiert sie mit dem Zeichen des Kreuzes im Nacken und den partiellen Umrisslinien auf der linken Seite des Kopfes. Zwei gelbe Linien kreuzen das Auge und verstärken die Dynamik des Bildes von rechts unten nach links oben, vom hellblauen Kreisfragment zur lichten Goldfläche über der Stirn. Denn durch die gelben Linien wird die Mandelform zur Sammellinse, bei der sich parallele Lichtstrahlen in einem Punkt hinter der Linse, dem Brennpunkt, sammeln. Vom Kreuz ausgehend, wird so unser Blick zur leuchtenden Goldfläche gelenkt. Anscheinend ist es das Kreuz im Nacken, das die Sehweise des Gläubigen verändert und die vor ihm liegende Herrlichkeit überhaupt sichtbar werden lässt.

Der leicht nach hinten geneigte Kopf und der sich durch die roten und rötlichen Farben ergebende Viertelkreis unterstützen und verstärken diese Blickrichtung. Dadurch wird das hellblaue Kreissegment kräftemäßig zu einem starken Element, das an den Himmel erinnert und in den helleren Punkten sogar Sternbilder erahnen lässt. Ob es als himmlische Kraft gedeutet werden darf, als Nackenstütze des Glaubens, die Halt gibt und gleichzeitig sanft die Blickrichtung weist?

Erfüllt von den Farben des Feuers und der Glut, wird der Menschenkopf zu einem Lichtbogen. Vom Feuer durchdrungen und beseelt, vom Licht erfüllt, Hell und Dunkel in sich tragend, scheint er voller Spannkraft für Gott zu glühen. Seine Stirn berührt dabei die goldene Fläche und das Licht. Beides sind Symbole für Gott und spirituellen Reichtum, den wir erstreben. „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28), schreibt der Psalmist als Quintessenz seiner Überlegungen und Gebete. Dieser Mensch ist Gott ganz nahe. Er darf es sein mit seinen leuchtenden und mit seinen stumpfen Seiten, mit seinem vorausschauenden wie auch mit seinem reflektierend rückwärts gerichteten Blick (dunkle Silhouette in hellrotem Trapez).

Alles in allem überwiegt seine Begeisterung, sein Glühen für Gott. Beinahe meint man ein Lächeln dort zu sehen, wo gar keine Lippen sind. Gottes Geist schenkt Erkenntnis und Leben in Fülle.

Entscheidung gefragt

Am 18. Oktober 2009 wurden im Grossmünster von Zürich neue Fenster geweiht. Der Künstler Sigmar Polke hat sie gestaltet. Zwischen sieben in gedämpfter Buntheit leuchtenden Fenstern aus geschnittenen Achatsteinen und fünf Gestalten aus dem Alten Testament fällt eines, das der Künstler „Der Menschensohn“ benennt, aus dem Rahmen. Nicht nur, weil es keine bekannte Figur darstellt, ungewöhnlich ist auch die weiß-schwarze Farbgebung und die Gestaltung als oszillierendes Wechselbild.

Seit vielen Jahren arbeitet Sigmar Polke jahrhundertealte, meist bekannte Bilder auf dem Computer so um, dass sie zu modernen Schöpfungen werden. Hier veränderte und vervielfachte er das Wechselbild von menschlichen Profilen und Kelchen und brachte es in einen neuen Kontext ein.

So zeigen sich in dem Rundbogenfenster nun auf vier Ebenen scherenschnittähnliche schwarze menschliche Profile, die sich gegenseitig anschauen. In der vertikalen Mitte fügen sie sich zu Janusköpfen, dem Symbol der Zwiespältigkeit. Zwischen den Gesichtern flutet mal schmaler, mal breiter, weißes Licht, das über den Rand des obersten Gefäßes, einem geheimnisvollen Kelch mit weit ausladender dunkler Schale, nach unten zu strömen scheint.

Und plötzlich eine Veränderung: wo eben noch schwarze Gesichter im Profil waren, sind nun weiße Kelche zu sehen, Kelche in verschiedenen Größen und Formen. Und so wechselt das Bild zwischen Kelchen und Menschen in einer geheimnisvollen Interaktion. Erstaunlicherweise wird der singuläre Kelch im Rundbogen kaum von dieser Oszillation berührt.

Was kann der Künstler mit seiner Darstellung für eine Botschaft vermitteln wollen? Und warum der Titel Menschensohn?

In der Frühzeit der hebräischen Bibel war der Menschensohn einfach Einer oder Jemand unter den vielen Menschen. Später wurde das Wort für den ersehnten transzendenten Heilbringer gebraucht, bis sich im neuen Testament Jesus an mehreren Stellen mit diesem Begriff identifizierte. Im gleichen Sinn gebraucht Sigmar Polke das Wort Menschensohn und symbolisiert den Heilbringer oder das Heil mit dem Kelch (Jesus wird in der katholischen Messfeier „Kelch des Heiles“ genannt). Das Wort Heil hat aber durch seinen Missbrauch im Nationalsozialismus an Bedeutung und Überzeugungskraft verloren. Es ist beschädigt worden. Weisheit, Wahrheit, Liebe bieten sich an für das, was vom Kelch ausgehend, wie reines Licht zwischen den Menschenköpfen fließt. Wir sprechen auch von der Schale der Weisheit. Es lohnt sich, im Zusammenhang mit dem Fenster im biblischen Buch der Weisheit den überwältigenden Hymnus auf die Weisheit (7,22 – 8,1) zu lesen: ein Text voller poetischer Schönheit und Wahrheit. Auch als Wahrheit und als Liebe lässt sich das Licht deuten, das zwischen den Menschen fließt und ihr Leben hell machen kann. Sie geben dem menschlichen Geist einen weisen und gütigen Charakter. Der Künstler bringt dies mit den im Profil dargestellten Köpfen zum Ausdruck. Durch das göttliche Licht erhalten wir die Möglichkeit, es aufzunehmen und unserer Seele und unserem Geist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Profil zu geben, welches insbesondere in der Begegnung mit dem Nächsten heilsam zum Tragen kommt.

Majestätisch steht der von Licht umflutete und in erhabenes Grau getauchte Kelch über den Menschenköpfen. Als Heilbringer steht er fest und unveränderlich. Aber sein Angebot verursacht im Menschen ein Schwingen und Pendeln zwischen Annahme und Verwerfung, zwischen Hosiannah und „Kreuzige ihn“, zwischen Dunkel und Licht, weil es die Wahrheit ans Licht bringt. – Damit ist Gottes Heil in unsere Zwiespältigkeit, aber auch in unsere Freiheit hinein gegeben. An ihm scheiden sich nicht nur die Geister, auch wir Menschen. Entweder wird sein Wort und seine Herkunft geglaubt, oder sie werden abgelehnt.

Unfassbarer Halt

Im Pfarreizentrum der Katholischen Kirchgemeinde in Wil finden sich an öffentlich zugänglichen Stellen wie Korridore und Treppenhaus 100 Wörter wie Gefühle, Amore, Krieg, Wow, Zweifel oder wie im Bild Halt in die Ziegelsteinwände gemeißelt. Die Worte treten kaum in Erscheinung (Detailbild). Sie sind einfach aus dem Ziegelstein herausgehauen, fallen nur durch das Spiel von Licht und Schatten auf. Schlicht und zurückhaltend sind sie präsent, laden zum Entdecken ein, zur Sinnsuche. Wer ihnen folgt, muss sich im Haus bewegen, unterschiedliche Standpunkte einnehmen. Dem einen Besucher mögen sie geheimnisvoll erscheinen, dem anderen vielleicht unverständlich. Begegnungen werden sich ergeben, vielleicht Gespräche über die Bedeutung dieser eigenartigen Wörtersammlung.

Denn nirgends steht geschrieben, dass diese Worte anlässlich des Totalumbaus des Hauses 2008-09 aus einer Umfrage bei den Gläubigen hervorgegangen sind. 584 Personen zwischen acht und 92 Jahren haben mit 1146 Begriffen auf die Frage geantwortet: „Welche zwei Worte sind für Sie / Dich im Zusammenhang mit GLAUBEN die wichtigsten?“ Es wurden sehr persönliche Begriffe gesucht, die viel mit der entsprechenden Person zu tun haben. Dabei wurden 65 Begriffe 652 mal erwähnt. Ausgewählt wurden:

Wasser Glück Trost Hilfe individuell fromm Gott Liebe Brot Zukunft Amore Engel Vertrauen Kraft Hoffnung Jesus Kirche Leere Geborgenheit Gebet Gemeinschaft Leben Sicherheit Licht Zuversicht Frieden Religion Zweifel Halt Familie Freude Ruhe Bibel Wärme Himmel ewig Geschenk Krieg schwer Luce Geist Stütze Maria Freunde Schatten Geld Weg Humor Kleider Herz Salz Verità Weg Gefühle Kontakt Angst Krampf Geheimnis Fest Treue Ziel Rückhalt Erfahrung viel Fanatismus Lügen forza Glut Spass via – offen Variationen Wow Schmerz Beweis Erde Kunst Corazón Vater Quelle Ewigkeit leicht Tod Macht Augen Suche Freundschaft Leid nichts Sinn Schönheit Heimat gleich Freiheit Mut Amen Stärke ? Kritik

Stellvertretend für alle anderen Wörter sehen wir im Bild das Wort Halt. Es lässt an Halt, Stopp, Anhalten, Innehalten, Aushalten usw. denken. Gleichzeitig mag die Frage nach dem Halt und Haltgebenden im Leben sich stellen … Sinnsuche. Was bedeutet der Glaube für mich? Woraus besteht er? Worauf ruht er, was gibt ihm Halt?

So wie die Wörter im ganzen Haus verteilt sind, so haben viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen den Glauben an Gott. Ohne sie würde das Gebäude des Glaubens zusammenbrechen. Sie tragen es.

Zentraler Mittelpunkt ist Jesus, den der Künstler im großen Saal in Spiegelkontur so dargestellt hat, dass sich die Anwesenden in ihm spiegeln und wiederfinden können.

Mit einer zwölffarbigen Wand im Café wird an die Apostel erinnert, welche als Zeugen den Glauben an Jesus in die Welt hinausgetragen haben. Die einzelnen Farben finden sich an den Decken der Versammlungsräume wieder.

Die Gemeindemitglieder sind die heutigen Glaubenszeugen. Dadurch, dass sie ihre persönlichen Glaubenserfahrungen in die Gestaltung des Pfarreizentrums einbringen konnten, kommt zum Ausdruck, dass jeder Einzelne wesentlicher „Teil“ dieser Glaubensgemeinschaft ist. Sie sind unverzichtbare Bausteine dieses Hauses, das glaubenden Menschen offen steht, Menschen, die sich von Gott gehalten und geführt erleben, Menschen, die aus einer inneren Haltung heraus bewusst einander Halt sein wollen. Wie die im Haus verteilten Wörter wirkt jeder auf seine Weise und an seinem Ort. Kein menschliches Wesen kann ihr Wirken mit einem Blick erfassen. Es braucht viele Begegnungen und Erfahrungen, um die Vielfalt und Tiefe des Glaubens in seiner Fülle kennen zu lernen. Von außen mag die Ausstrahlung dieser Glaubensgemeinschaft spürbar sein. Wer jedoch ihr Leben kennen lernen will, der muss sich auf sie einlassen, hineingehen, sich mitten unter sie begeben. So wird er den Glauben von innen kennen lernen, seine Faszination und sein Halt gebendes Wesen in direktem Kontakt gleichsam berühren können. Auch wenn die Größe des Glaubens letztlich unfassbar bleibt.

Abraham

Einsam stünde dieser Mensch in der leeren Wüsten- oder Steppenlandschaft, wäre ihm am Himmel nicht der Mond zugewandt und ginge am Boden nicht ein Flammenteppich von ihm aus, würde er nicht links und rechts von Symbolen flankiert.

Geerdet ragt dieser Mensch mit seiner aufrechten Haltung in den Himmel hinein. Doch sein Geist scheint von den himmlischen Sphären derart berührt und inspiriert, dass er sich in der Weite der Landschaft nicht mehr allein erfährt. Da ist ein Du, das ihn wie der der blau-rote Mantel umgibt und segnet. Ein personales Du, das zu ihm spricht und ihm das Potential eines Weizenkorns offenbart. Ein Du, das ihn mit Leben erfüllt und wie ein brennendes Feuer führt.

Er scheint in Gedanken versunken vorwärtszuschreiten. Was er in der Begegnung mit seinem Gott erfahren hat, bewegt ihn vom Kopf übers Herz bis zu den Füssen und weist ihm seinen Weg. Vielleicht denkt er gerade über die Verheißung nach, dass er, der Kinderlose, Vater einer unzählig großen Menschenmenge werden wird. Ob das Flammenmotiv zu seinen Füßen auf diese Vielzahl hinweisen will? Wie ein Feuer breitet es sich, von ihm ausgehend, wegweisend vor ihm aus. Unwillkürlich mag der eine oder andere auch an den brennenden Dornbusch denken, in dem sich der gleiche Gott in einer anderen Zeit dem Moses in der Wüste offenbart und erfahrbar gemacht hat.

Abraham hat der Zusage Gottes Vertrauen geschenkt, trotz des Unfassbaren. Er hat das Gehörte als Wahrheit geglaubt und danach gehandelt. Das hat ihn zum Vater aller Glaubenden gemacht und lässt die Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen sich auf ihn berufen. Deshalb steht er im Bild in der Mitte von Menora, Halbmond und Kreuz, der Symbole für das Judentum, den Islam und die Christenheit. Er schreitet vor dem nächtlichen Himmel, der als Zeichen für Gott gedeutet werden darf, der ihn gesandt hat, im Vertrauen zu gehen.

Abraham schreitet auch vor unseren Augen – als Vorbild des Glaubens und als Gesegneter mit einer großen Ausstrahlung. Umgeben von den Symbolen der drei großen monotheistischen Weltreligionen, ihre Glaubensgemeinschaften und -traditionen gleichsam im Rücken habend, scheint er uns zu ermutigen, auch in der heutigen Zeit, ja heute – im Hören und Vertrauen auf Gottes Stimme in uns – aufzubrechen, uns von alten Bindungen zu lösen und unseren Weg in die Zukunft zu gehen. Um unsererseits zu einem Glaubenszeugen für Gott und einem Segen für eine Vielzahl von Menschen zu werden.

Metaphern Licht und Farbe

Was für ein Glasfenster! Kein figürliches Motiv ist wahrnehmbar, nur Tausende schillernder Farbquadrate, die so gleichmäßig über die ganze Fläche verstreut sind, dass kaum eine Ansammlung ähnlicher Farben auszumachen ist. Auf 19 m Höhe und 9 m Breite verteilen sich 11500 Glasquadrate mit einer Seitenlänge von 9,6 x 9,6 cm, eingepasst in 460 kleinere und größere Flächen des dunklen gotischen Maßwerks. Jeder Teil des Fensters erscheint so gleichbedeutend wie der andere, es gibt keine wichtigen oder unwichtigen Bereiche. Licht und die Farben können wie in einem Duett ihre volle Kraft entfalten und den Betrachter weit unter sich beeindrucken.

Was für ein Gegensatz zu den anderen großen und bunt bemalten Fenstern im ehrwürdigen Dom zu Köln – den erzählenden von biblischen Begebenheiten, denen mit Personendarstellungen oder mit ornamentalem Schmuck. Was für ein Unterschied zum vorhergehenden Fenster, durch das viel zu helles, blasses Licht in den Dom eingeströmt war. Das Provisorium war entstanden, weil im 2. Weltkrieg die Gläser wie die Pläne zerstört wurden und das Südquerhaus-Fenster deshalb nicht rekonstruiert werden konnte.

Und nun überwältigt die Farbenfülle: rot, blau, grün, gelb, schwarz, weiß … Je nach Sonneneinfall strahlt und leuchtet das Glasfenster, spielen die Farben miteinander, bei verhangenem Himmel wirkt es verhalten, und die einzelnen Farbquadrate sind auf sich allein gestellt. Ein Bild des Lebens? Das Leben ist doch bunt und zufällig – bei oberflächlicher Betrachtung nur dies.

Aber woher kommt dieser Eindruck von Harmonie, der das Fenster in der Tiefe eint? Kann es daher kommen, dass der Künstler nicht etwas grundsätzlich Neues schuf, sondern alle in den vielen Fenstern des Doms vorkommenden Farben sammelte, daraus 72 verschiedene Farbtöne auswählte und sie durch ein Computerprogramm zusammenfügen ließ? Anschließend korrigierte er an manchen Stellen die Zusammenstellung von Hand. So ergab sich eine Mischung aus dem vom Computer vorgegebenen „Zufall“ und dem Gestaltungswillen des Künstlers. So hat er althergebrachte und vorhandene Elemente aus dem unmittelbaren Umfeld in die Gestaltung des neuen Fensters einfließen lassen. Rührt das nicht an unser aller Lebensstruktur? Vieles ist vorgegeben durch Gene, Herkunft, Umfeld, Zeitumstände und vieles mehr. Aber die Freiheit ermöglicht auch Korrekturen, Eigenes einzubringen, sich zu entscheiden und etwas Vorgegebenes zu verändern.

Eine weitere dem Glasfenster zugrundeliegende Idee sorgt für Ruhe in der Vielfalt: Gerhard Richter gestaltete zuerst die eine Hälfte der Fläche und übertrug sie dann auf die andere Seite. Hier und dort schimmert diese grundlegende Symmetrie erkennbar durch. Ergänzende Ähnlichkeit und dennoch unverwechselbare Eigenständigkeit. Ob darin ein Hinweis auf die harmonische paarweise Existenzform gesehen werden kann, die das Leben erhält und trägt?

Als Drittes spielt das von außen eindringenden Licht eine maßgebliche Rolle in dem Kunstwerk, von dem Gerhard Richter sagt, er sei nicht sein „Schöpfer“, sondern nur „an seiner Schöpfung beteiligt … weil es eine Wirklichkeit veranschaulicht, die wir weder sehen noch beschreiben können“. Bewusst oder unbewusst nahm der Künstler dabei die mittelalterliche Vorstellung auf, das Licht sei Abbild – nicht nur Symbol – der göttlichen Allmacht. Damit öffnet das Fenster die Richtung zu einer in die Transzendenz führenden Lebensperspektive, die undogmatisch von Gottes vielgestaltiger und -farbiger Gegenwart in den Menschen unserer Zeit verkündet. Jeder Mensch, der das ihm innewohnende Licht auf seine Weise lebt und es für die anderen sichtbar bezeugt, gleicht einem unverwechsel- und unverzichtbaren Glasquadrat in diesem umfassenden und integrativen Fenster.

Das Bild vom Triforium bei vollem Lichteinfall
veranschaulicht dies auf faszinierende Weise und hierbei ist der Künstler selbst nur mittelbar der Verursacher. Die Farben und die Formen haben ihren Rahmen verlassen und sich “auf den Weg gemacht“: Dunkles zu erhellen, farblos Graues zu beleben und fröhlich zu machen, einen neuen Raum zu erfüllen, – auch wenn sich dabei ihre ursprüngliche Form verändert. Erfüllen sie nicht – mit heutigen Stilmitteln ausgedrückt – genau das, was Jesus in Gleichnissen gefordert hat: dass der Sauerteig nicht in der Schüssel bleiben, sondern hinaus quellen soll in die Weite; dass das Licht nicht unter dem Scheffel der Sicherheit und Geborgenheit an seinem Platz bleiben, sondern ebenfalls in die Weite hinaus leuchten soll.

Mögen viele den von diesem Fenster ausgehenden Impulsen nachspüren, um vielleicht Hinweise auf den eigenen Platz im Leben und die eigenen Aufgaben zu erkennen. Möge es zum Nachdenken einladen, mit welcher Farbe ich in diesem großen Gesamt, das durchaus auch Bild der Kirche zu sein vermag, Seine Liebe und Sein Licht in diese Welt hineinstrahlen kann.

So verbindet das Glasfenster von Gerhard Richter, das 20 m über dem Boden „schwebt“, sowohl Vergangenheit und Gegenwart, Zufall und bewusstes Tun, als materielle Wirklichkeit und geistige Transzendenz. Unorthodox erfrischend präsentiert es sich als Zeichen der Hoffnung und als meditative Wegweisung in unserer Zeit. Seit langem seien sich Kirche und Kunst nicht mehr so nahe gekommen, meint ein Betrachter.

Beim Verlag Kölner Dom sind vom Glasfenster drei Postkarten und ein Buch erhältlich: Gerhard Richter – Zufall. Das Kölner DOMFENSTER und 4900 FARBEN. Mit Beiträgen von Stephan Diederich, Barbara Schock-Werner, Hubertus Butin, Birgit Pelzer. Text deutsch und englisch,144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, fadengeheftet. Verlag Kölner Dom / Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2007, ISBN 978-3-86560-298-5, Preis 34,00 €.

Leuchtendes Kreuz

Wie ein einfaches Gewand mag einem die rote Fläche erscheinen. Durchsetzt mit schwarzen Bereichen vermittelt sie den Eindruck eines gebrauchten Kleidungsstücks. Unten und seitlich wird sie vom Bildrand beschnitten, oben kann der leichte Einschnitt in der Mitte als Kragen gedeutet werden.

Doch das von oben eindringende Licht und der lebendige Pinselduktus verleihen dieser T-förmigen Fläche etwas Körperhaftes, Menschliches. Das weißgelbe Licht, das von außerhalb in das Bild hineinfließt, sich in das Gewand und über das Gewand bis zur helleren Mitte ergießt, befindet sich an der Stelle des Kopfes. In der Art und Weise wie es den dunkleren Hintergrund überdeckt erscheint es als erleuchtetes Gesicht, das leicht zur Seite geneigt Vergeistigung und Transzendenz ausstrahlt.

Dieses weißgelbe Gebilde hat etwas Hinweisendes und zugleich Mitteilendes an sich: aus der Höhe kommend deutet es auf den Brustbereich des Gewandes hin. Die dort leuchtende Kreuzform mit einem Herz in seiner Mitte mag andeuten, dass die Herzmitte des Menschen nicht nur anatomische Bedeutung hat, sondern ebenfalls spirituelles Aufnahmeorgan für Immaterielles und Transzendentes ist.

Links neben dem Licht können zwei weitere Kopfformen gedeutet werden: eine weiß Schraffierte links, eine weitere in violetter Farbe in der Mitte. Ob dadurch in dem ganz von Licht erfüllten oder verhüllten, zur Seite geneigten Kopf das letzte Stadium einer Entwicklung gesehen werden soll? Nun ist es vollbracht. Was sein musste, ist geschehen. Alles an ihm ist von den vergangenen Stunden, Tagen und Wochen gezeichnet.

Die T-Form lässt eine Person mit ausgebreiteten Armen wahrnehmen: einen Menschen, dessen Innerstes von einem Licht erfüllt ist, das auch Schmerz und Kreuz aufhellen kann. Und sie bringt im feurigen Rot die Begeisterung dieses Menschen zum Ausdruck, die weder durch das Leid noch den Tod gebrochen werden konnte. Ein Heiliger?

Vor dem unbestimmbar grauen Hintergrund nimmt das starke Rot eine klare Position ein, legt ein deutliches Bekenntnis zum Leben ab, trotz der in der schwarzen Farbe erkennbaren Bedrängnis. Wie ein Blick in sein Innerstes offenbart sich das leuchtende Kreuz als zentrale Kraftquelle. In der Art und Weise wie es das kleine Herz umgibt ist es auch Schutz und erweiterter Lebensraum. Damit könnte zum Ausdruck kommen, dass der vom Herzen ausgehende Glaube die tragende und alles verwandelnde Kraft ist.

So sehr das Bild als symbolische Darstellung für den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gedeutet werden kann, ist es vor allem Ausdruck für jeden Christen, dessen Gedanken und dessen Tun von unfassbarem Licht umgeben sind. Ihm wohnt eine zum Guten wandelnde Kraft inne, die wie bei Jesus zum Vorbild für viele wird, sich für die Liebe und das Leben einzusetzen, Zeit und Leben für den anderen hinzugeben. Damit alle das Leben haben und es in möglichst großer Fülle erfahren dürfen.

Glaubensfrage

Der erste Blick auf das Bild mag verwirren. Das Auge sucht nach Halt und irrt doch vielmehr in der Vielfalt von Strichen und unbekannten Formen wie in einem Labyrinth umher.

Im Großen und Ganzen erscheint das Bild hell und freundlich. Der weiße, leicht ins Gelbliche changierende Hintergrund deutet einen undefinierten Raum an und lässt den einzelnen Formen und Gestalten viel Platz und Bewegungsfreiheit. Mal stärker, mal schwächer durchziehen die roten und blauen Linien die Bildfläche, keine Tiefe oder Perspektive gebend, die einzelnen Elemente wie Adern verbindend und zu einem Ganzen zusammenfügend, ihm aber auch ein fragiles Erscheinungsbild verleihend.

Unter den beiden kräftig blauen Farbeinbrüchen am oberen Bildrand erscheint – auch durch die sich gegen den „ transzendenten Himmel“ abzeichnende Silhouette – das Liniengewirr wie eine großer Organismus. Sein „Herzstück“ ist ein klar umschriebenes Gebilde, das mit seinen dicken Begrenzungen Festigkeit und Unumstößlichkeit vermittelt. Man kann diese Form als Gebäude sehen und mit Berücksichtigung des angedeuteten Turmes auch als Kirche. Das himmlische Blau scheint wie ein Segen einen Teil des Daches zu bilden. Anstelle aber beide Gebäudeteile zu bedecken, ragt es seitlich weit über das Kirchengebäude hinaus, um einem kleinen Haus und weiter unten auch menschlichen Gestalten Schutz zu geben. Das stimmt nachdenklich … Andererseits kann die Bildmitte auch als aufgeschlagenes Buch gesehen werden. Seine Größe und Position geben ihm eine zentrale Bedeutung, die vielen kleinen weißen Rechtecke, die wie verkleinerte Seiten oder „Flugblätter“ durch das Bild flattern und an manchen Stellen haften, vermitteln den Eindruck, dass sein Inhalt für alle wichtig ist,

Rund um diesen Mittelpunkt herum ist ein vielfältiges Leben zu beobachten. Vor allem im unteren Bildabschnitt sind mehrere menschliche Gestalten und ihre mögliche Beziehung zur Mitte angedeutet. Links außen begegnen wir zwei eher “stacheligen” Gestalten, von denen sich eine abkehrt, die andere dem zentralen Objekt zuwendet. Daneben sitzt ebenerdig eine junge Frau in einen Text versunken vor einem stelenartigen Gebilde, das ebenso einen Menschen mit erhobenen Armen darstellen könnte. Von hinten scheint sie das Böse mit ausgestrecktem Bein treten zu wollen. Das Böse, weil anstelle eines Oberkörpers ein Dreizack den Eindruck der Bosheit verstärkt. Ganz rechts steht einer mit ausgestrecktem Arm da. Er scheint gebunden oder gefesselt zu sein. So könnte er einen Verletzten oder Kranken darstellen, der wieder aufstehen kann und nun dankbar auf seine Kraftquelle hinweist, sie vielleicht sogar zu berühren versucht.

Ob die verschiedenen Gestalten stellvertretend für uns stehen, die wir jeder anders mit einer unumstößlichen Wahrheit in unserer Mitte umgehen? Wird in diesem Bild nicht unsere Lebenssituation dargestellt? Unsere Existenz in einer vielfach verwirrenden Welt, in der wir uns zurechtfinden müssen und nach Ordnung suchen?

Jeder, der bewusst lebt, sucht sich einen Platz, der seinem Wesen und seinen Möglichkeiten entspricht. Er muss sich fragen, wie er sein Umfeld wahrnimmt und wie er wahrgenommen wird, ob er auch verwirrte Dinge lösen und ihnen einordnend einen Sinn abgewinnen kann. Er muss im Wahrgenommenen seine Wahrheit herausspüren oder -hören, das, was ihm wichtig, was ihm Lebensmitte und Kraftquelle ist. Letztlich geht es um das oder den, woran zu glauben sich lohnt auf der Suche nach Orientierung, Ordnung und Halt in dieser verwirrenden Welt. Die im zentralen Gebäude angedeutete Gemeinschaft, die im aufgeschlagenen Buch signalisierte Frohbotschaft stellen zwei Angebote dar, in denen Antworten auf Glaubensfragen gefunden werden können.

Glühendes Zeugnis

Ein Dutzend feuerrote Glasröhren verstellt den Blick nach draußen. In den unterschiedlich langen, handgeformten Zylindern begegnet uns ein Kunstwerk, das schwer einzuordnen ist. So sehr es wie ein Glasbild wirkt, das nur einen Teil der Fensterfläche beansprucht, ist es durch seine räumliche Tiefe als eine Skulptur anzusehen, die seitlich von zwei flachen, vergoldeten und mit feinen Farbspuren verzierten Glasstreifen begrenzt wird.

Im Übergangsbereich von innen nach draußen platziert, wird der Blick an dem Ort auf eine Wirklichkeit gelenkt, wo wir sonst völlige Klarsicht wertschätzen. Durch die Skulptur wird eine Realität sichtbar gemacht, die wir sonst kaum wahrnehmen, die aber sowohl das Innen mit dem Außen als auch durch seine vertikale Anordnung das Unten mit dem Oben verbindet. So sehr diese sichtbar gemachte Wirklichkeit als Wand erscheint, die in unterschiedlicher Höhe und im oberen Bereich mit größeren Abständen angeordneten Glaszylinder verleihen dem Kunstwerk eine dynamische, nach oben strebende Lebendigkeit.

Die leuchtende Farbe, die Transparenz des Glases, die leicht bewegten Formen und vor allem das je nach Tageszeit und Wetter wechselnde Licht tragen dazu bei, dass sich die Skulptur ständig verändert, in immer neuem Licht sich zu bewegen scheint. Die unterschiedlich intensiv leuchtenden Röhren erinnern an ein Feuer mit hoch auflodernden Flammen und an die große Hitze, welche die vom Feuer erfassten Gegenstände durchglüht. Wie bei einem Kamin- oder Lagerfeuer wird so ein angenehmes Licht und eine wohltuende Wärme im Raum erzeugt.

Mit diesem stilisierten Feuer will die Künstlerin in erster Linie dem hl. Forian eine Referenz erweisen, der als Beschützer vor dem Feuer verehrt wird und dem diese Kirche geweiht ist, in der sich die Skulptur befindet. Die vergoldeten Seitenbegrenzungen könnten darauf hinweisen, dass Gott, auf die Fürbitte des Heiligen hin, dem sich leicht ausbreitenden und schwer zu kontrollierenden Feuer Einhalt gebietet, Grenzen setzt.

Die Skulptur vermag aber auch in offener Form auf die Gestalt des Heiligen selbst hinzuweisen. Könnten die feurig roten Glasröhren nicht ein abstraktes Bild für ihn sein, das etwas von seiner inneren Haltung weitergeben kann? Erzählt es nicht von einem Menschen, der vom göttlichen Licht derart durchdrungen und beseelt wird, dass sein ganzes Wesen zu glühen oder zu brennen scheint? Legt es nicht Zeugnis von der Glaubenskraft eines Menschen ab, der, wie es die Seitenbänder andeuten, von Gott auch seitlich gehalten und gestützt, ganz transparent auf den ihn Erfüllenden hin geworden ist?

Begeisterung wird da spürbar, vom Heiligen Geist erfülltes Leben. Erinnerungen an die Erzählungen vom Pfingstfest in Jerusalem werden geweckt. – Wünschen wir nicht jedem auf den dreieinigen Gott getauften Menschen diese Gnade?

Weltumfassend

Ein von Kinderhand gezeichneter Kopf befindet sich in der Mitte des Bildes. Halbrund geformt und mit einem kurzen Zick-Zack-Haarschnitt versehen, schauen die ganz oben im Gesicht angeordneten Punktaugen zum Himmel, der in einem vertikalen blauen Band angedeutet ist. Der große u-förmige Mund gibt dem Knabengesicht ein fröhliches, aber auch spitzbübisches Aussehen. Selbstsicherheit geht von ihm aus, wie es auch die erhobenen Arme signalisieren. Ihm scheint die ganze Welt zu gehören. Er steckt voller Kraft, Zuversicht und Tatendrang, die Welt zu erkunden. Er scheint sich glücklich bewusst zu werden, dass er mit geistigen und seelischen Fähigkeiten gesegnet ist, die ihm ermöglichen, die Welt zu erforschen und gleichsam zu umfassen.

Der Künstler hat den in der Kinderzeichnung nur mit Strichen angedeuteten Körper des Knaben mit dem Ausschnitt einer alten Landkarte in Verbindung gebracht. Die Welt, die er mit seinem Wissen und mit seinen Gefühlen „umfasst“, trägt er bereits ins sich. Allerdings scheint sie noch verborgen zu sein, denn wie ein Fluss durchquert eine große Wasserwelle das Bild. Das Kind steht jedoch bereits in diesem die Welten verbindenden Wasser. Es wird durch das Wasser mit den fernen Kontinenten verbunden, wie in einem Boot zu ihnen hingetragen …

Aber – erfährt der Junge dieses weltumspannende Gefühl wirklich oder träumt er alles nur? Denn das hellblaue Feld über seinem Kopf könnte auch andeuten, dass er visionär oder in seiner Fantasie in andere „Welten“ sieht. Andererseits scheinen auch die erhobenen Hände den dunklen und begrenzenden Lebensrahmen nicht nur fernzuhalten, sondern auch zu durchbrechen. – Wie dem auch sei, in diesem Kind steckt die Kraft, neue Lebensräume zu erschließen!

Ob es der Glaube ist, der ihm diese Kraft gibt? Der Glaube an Gott und an seine eigenen Fähigkeiten? Wir wissen es nicht. Aber die in ihm steckende Kraft macht seine Lebenswelt hell, froh und weit. – Wünschen wir uns das nicht alle?

In Verbindung mit dem Bild mag vielleicht das im Epheserbrief überlieferte Gebet des Apostels Paulus am besten unserer Herzensbewegung Wort zu verschaffen: „Ich [Paulus] … bitte, er [Gott Vater] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt. Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.” (Eph 3,14-19)

Glauben

Geheimnisvoll verbirgt und offenbart diese mehrteilige Arbeit Wesentliches des christlichen Glaubens. Die Heiligkeit des einen dreieinigen Gottes ist aus der Anordnung und Farbgebung der einzelnen Teile herauszuspüren.

In ehrfurchtsvoller Distanz, fernab von allen an Menschen und die Schöpfung erinnernden Symbolen „schwebt“ zentral auf einem blauen Grund ein goldener Ring: Symbol für den einen ewigen Gott, seine Herrlichkeit, seine Liebe, seinen Bund mit den Menschen. Dieses Mittelfeld lebt durch die diagonale Schattierung, die an einen Nachthimmel denken lässt. So unbegreifbar Gott auch ist, dem Gläubigen offenbart er sich als naher Gott – und nicht nur in dunklen Zeiten – als sinnstiftendes und Orientierung gebendes Licht (vgl. Ps 23; Joh 8,12 u.a.).

Die Seitenflügel sind symmetrisch aufgebaut. Das untere Drittel bedecken abstrakte Formen, die mit pastoser Farbe aufgetragen worden sind. Sie vermitteln Chaos, Unruhe und geschäftiges Treiben und verweisen damit auf das vielgestaltige Leben auf der Erde. Über diesen bunten Andeutungen sehen wir eine feurig rote, ruhigere Fläche mit symbolischen Hinweisen.

Links ist eine Schale zu erkennen, in der ein Feuer brennt. „IGNIS – Feuer“ steht seitenverkehrt daneben, wie von hinten auf die Leinwand geschrieben. Darf es als Feuer des Glaubens gelesen werden, als Zeichen für den Glauben, der von den Gläubigen im Credo gemeinsam bezeugt und gleichsam über ihren Köpfen hoch und heilig gehalten wird?

Daneben ein Hinweis auf Lukas 10,22 oder / und 23: „… niemand weiß, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.’ Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: ‚Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.’“ Die torähnliche Form ∏ darüber mag Jesu Wort in Erinnerung rufen, das er über sich gesagt hat: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden … und Weide finden.“ (Joh 10,9)

Unser Glaube basiert auf der Offenbarung durch Jesus Christus, der durch den Heiligen Geist Mensch geworden ist. Die Menschwerdung hat der Künstler auf dem rechten Seitenflügel in einem rosafarbenen „Lichtstrahl“ dargestellt, der nach unten immer stärker wird. In der oberen Hälfte wird er kaum wahrnehmbar durch einen schwachen Schriftzug gekreuzt und dadurch zum Kreuz. INCARNATUS ist von rechts nach links zu entziffern. Nur weil Gottes Sohn Mensch wurde und sich als solcher offenbarte, konnte er Anstoß erregen und gekreuzigt werden. Daran erinnern auch die beiden als Pendant zum Torbogen auf der linken Seiten stehenden Nägel.

Im Unterbau dieses „Flügelaltars“ verweisen sieben Fackeln auf die sieben goldenen Leuchter, die der Seher Johannes als Symbole für den Glauben der sieben Gemeinden in der heutigen Westtürkei sah (Offb 1,12 sowie die ermahnenden Worte an die Gemeinden in den Kapiteln 2-3). Sie brennen wie Kerzen vor dem Allerheiligsten – Seine einzigartige und heilige Gegenwart bezeugend. Diese Tafel ist vom Wort „EST – ist/sein“ geprägt. Es kann in Verbindung mit dem obigen INCARNATUS als INCARNATUS EST gelesen werden, betonend, dass er durch den Heiligen Geist in Maria Fleisch angenommen und Mensch geworden ist (Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et homo factus est).

Dieses EST kann aber ebenso auf uns und unseren Glauben bezogen werden. Erst wo der Glaube in uns Gestalt annimmt, Christus durch den Heiligen Geist in UNS Fleisch angenommen hat (Gal 2,20) und wir durch die lebendige Gottesbeziehung wahrhaftig Menschen geworden sind, gelangen wir doch zum wirklichen Sein und Leben. Die vielen X in den bunten Formen der Seitenflügel könnten ebenfalls dies bedeuten: Christi Menschwerdung vollendet sich dort, wo Menschen den christlichen Glauben annehmen und sich auf den einen dreifaltigen Gott taufen lassen. Christi Menschwerdung vollendet sich dort, wo Menschen aus dem Glauben heraus und in der Kraft des Heiligen Geistes wie Jesus Christus leben und handeln.

 > geschlossener Zustand

Den ganzen 5-teiligen Missa-Zyklus finden Sie im 57-seitigen Buch „Missa“ von Uwe Appold abgebildet (Juli 2005, ISBN 3761619731, Euro 15,-).

Vertrauen – Verwandlung

Die Thematik dieses Bildes ist mit den römischen Schriftzeichen LK XXIII, XLVI und den großen Buchstaben PATER, IN MANUS TUAS eigentlich klar auf die Leinwand geschrieben. Sie verweisen auf die letzten Worte Jesu im Lukasevangelium: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46).

Doch weder ein Kreuz noch ein Gekreuzigter sind zu sehen. Stattdessen eine lichtvolle Erscheinung, die aus einer rechteckigen Form in einen wie von Flammen erfüllten Himmel aufzusteigen scheint. Ebenso erregen eine gelbe Senkrechte im unteren Bereich, ein roter Balken am oberen Bildrand, zwei gemalte Nägel, zwei spiegelverkehrt geschriebene Worte sowie zwei am rechten Bildrand gezeichnete Kreuze die Aufmerksamkeit. Die verschiedenen Zeichen sind in eine fast rechteckige Form eingebettet, deren Seiten im oberen Teil leicht hervorstehen und dadurch ein T-förmiges Kreuz andeuten. Es geht also wohl um die Kreuzigung.

Erinnert die fleischfarbene pastose Form rechts unten nicht an einen menschlichen Körper, der durch einen roten Punkt als Verwundeter gekennzeichnet ist? Die violette Farbe lässt noch das Leiden spüren, dem er ausgesetzt ist. Aber seine Form lässt an einen Baumstumpf denken, dem Zeugen und Überbleibsel eines einst mächtigen Baumes. Alles Leben ist aus ihm gewichen, so scheint es. Doch in Anlehnung an das Heilswort von Jesaja 11,1 wächst zärtlich etwas Neues, etwas wie ein Trieb oder auch ein Gebäude aus diesem Baumstumpf hervor. Dieses nur bei genauem Hinschauen Sichtbare ist von einer wunderbaren Lichterscheinung umgeben und in eine nochmals neue Gestalt überführt. Eine Andeutung auf die Kirche, die aus ihm entstanden ist?

Es ist, als würde der Körper den Worten folgen, die Jesus voll Vertrauen am Kreuz gebetet hat und die sich bereits im feurigen Rot des Himmels verlieren. Die väterliche Liebe ist der Halt, an dem sich Jesus festhält. Dafür könnte der rote Balken stehen, der das Bild am oberen Bildrand horizontal durchquert. Unmittelbar darunter steht mit PATER, IN MANUS TUAS der Anfang der letzten Worte, die Jesus aus der größten menschlichen Tiefe gleich einem Rettungsanker betend zu seinem Vater im Himmel hinaufgeworfen hat: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Das Vertrauen erschließt sich aus dem zweiten Teil dieses Psalmverses (31,6), in dem es heißt: „… du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ Der lanzenförmige Lichtstrahl, der nach unten immer stärker wird, mag die erlösende Gnade Gottes darstellen, assoziiert aber auch einen leuchtenden Hirtenstab, der dem gegeben wird, der durch die dunkle und verlassene Schlucht gehen muss: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps 23,4) Oder leuchtet in dieser gelben Linie gar als Zeichen des Sieges das verherrlichte Kreuz auf, dessen Querbalken mehr erahnbar als sichtbar ist?

Auch die zwei rostigen Nägel, die zur Hälfte über einem Kreis liegen und sich durch ihren Schatten geheimnisvoll von der Leinwand abheben, scheinen über die Kreuzigung hinausweisen zu wollen. Ihre leichte Krümmung lässt ein J und ein C in ihnen erkennen, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Oberhalb und unterhalb von ihnen sind ebenso mysteriös „tse“ und „mudrev“ der Leinwand eingeschrieben, was spiegelverkehrt als EST VERBUM lesbar ist. Diese Botschaft ist uns von der „anderen Seite“ gegeben und sichtbar gemacht worden. Jesus IST das WORT, das von Anfang an bei Gott war und in die Welt gekommen war, um allen Menschen Licht zu sein (Joh 1,2-3.9).

Auch wenn Jesus nach den letzten Worten den Geist ausgehaucht hatte, der ihm von Beginn seiner Menschwerdung und explizit bei seiner Taufe gegeben war (Lk 3,22), bleibt sein Wort bestehen. So luftig und transparent die Farben aufgetragen sind, so lebendig und feurig werden sie – wie er selbst gesagt hat – weiterwirken: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“ (Joh 5,24)

> weitere Informationen zum Zyklus “Sieben Kreuze zu den letzten Worten”

Glaubensbekenntnis

Linien und Farben, die sich zu Zeichen formen. Wie durch ein farbiges Kirchenfenster hindurch sehen wir in der Mitte einen großen roten Fisch. Zwei Hände sind ihm zugedreht. Ichthys nennt der Künstler Michael Blum sein Bild – zu griechisch „Fisch“ – und weist damit auf die Kurzform eines Glaubensbekenntnisses der ersten Christen hin. Die Anfangsbuchstaben von Iesus Christos theou hyios soter ergaben Ichthys. Die einfache Fischform war ihr Geheimzeichen, mit dem sie sich gegenseitig zu erkennen gaben, und gleichzeitig Bekenntnis, dass Jesus Christus Gottes Sohn und ihr Retter ist.

Zentral wie diese beiden Aussagen im christlichen Glauben stehen, nimmt der Fisch die Bildmitte ein. Zum Teil ist er auf ein weißes aufgeklebtes Stück Tuch gemalt, welches die Altardecke in Erinnerung ruft. Die untere Linie des Fisches teilt zusammen mit einer blauen Senkrechten ein goldenes Rechteck. – Symbol für die irdische Gegenwart Gottes in Jesus Christus, der sich im Sakrament der Eucharistie immer wieder neu den Menschen mitteilend schenkt? Rechts darunter ist auch ein weinroter Kelch zu entdecken, durch eine weiße Linie hervorgehoben

Anamnese – Erinnerung geschieht hier, die über den in der Kirche als gemeinschaftsbildenden und -erhaltenden Gottesdienst hinausgeht: Das biblische Geschehen, wo Jesus „die sieben Brote und die Fische nahm, das Dankgebet sprach, die Brote brach und sie den Jüngern gab, und die Jünger verteilten sie an die Leute“ (Mt 15,36), wird im Geiste gegenwärtig.

Sanft führt der Künstler mit seiner Bildsprache an das Geheimnis des Glaubens heran: Am oberen Bildrand sehen wir das Auge Gottes im durch einen blauen Strich abgegrenzten „Himmel“. Gott teilt sich in dreifacher Form mit: Rechts ist die nach unten weisende Hand das Zeichen, dass Gott zu uns Menschen spricht, Weisungen und Richtlinien für unser Leben gibt. In der Mitte symbolisieren sieben rote Tropfen oder Flammen die Gaben des Heiligen Geistes, die uns befähigen, Gott zu erkennen, ihn zu lieben und seine Gebote der Liebe umzusetzen. Links das Wasserband als Zeichen für Jesus, das Wasser ewigen Lebens (Joh 4,14), das vom Himmel geschenkt wird. Den Worten Jesajas „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen!„ wird hier auf dreifache Weise Gestalt verliehen.

Die untere, nach oben offene Hand scheint die weiteren Worte Jesajas zu verkörpern: „Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich der Herr, will es vollbringen“ (Jes 45,8). Gott selbst vollbringt im Gläubigen die tastende Annäherung an das unbegreifliche Geheimnis der Gemeinschaft mit IHM! Er will unsere Herzen und Hände öffnen – für seine Liebe, sein Wort, die Not der Menschen!

Transparent, kaum wahrnehmbar ragen drei Stoffapplikationen über den Bildrand hinaus. Sie kommen mir wie einladende Brücken zur Welt vor, über die neue Zugänge zum Glauben wie zur Welt möglich sind. Und über allen Gläubigen, die sich hier um ihren Herrn und Retter versammeln, steht fein und segnend ein blaues Kreuz – wie jenes Wasserkreuz, das Katholiken beim Betreten und Verlassen einer Kirche in Erinnerung an ihre Taufe mit dem Weihwasser über sich machen. Als „Gezeichnete“ sollen sie wie die ersten Christen ihren Glauben in „ihrer Welt“ bekennen – in dem sie ihrerseits Zeichen setzen.

Der ungläubige Thomas

In der lieblichen Donau-Landschaft stößt der Wanderer bei Bissingen auf den Stationenweg von Franz Hämmerle, der mehr Auferstehungs- weg als Kreuzweg ist. 11 Steinskulpturen laden den Betrachter zur Auseinandersetzung mit dem Geheimnis des christlichen Glaubens ein. Beginnend mit dem gebeugten Schmerzensmann führt der Leidens- weg zur Kelter, zur Begegnung mit Veronika und zu den weinenden Frauen, dem dreimaligen Fall und schließlich zum Lamm unterm Kreuz. Am eigenen Leib erfährt dann der Wanderer und Beter im Weitergehen, dass auf das Kreuz und den Tod Ostern folgt, die Begegnung in Emmaus, die Erfahrung des ungläubigen Thomas, der reiche Fischfang, ja die endzeitliche Völkerwallfahrt (Jes 59; 66) zum erhöhten Herrn begonnen hat.

Mitten in dieser Welt sind diese Skulpturen Zeugen einer anderen Welt. Sie sind Tor zur Welt des Glaubens, zur Begegnung mit Gott. In der Skulptur vom ungläubigen Thomas (Joh 20,24-29) kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck.

Hinter einem massiven Mahltisch mit Fischen ragen zwei „Felsen“ auf, zwei Welten symbolisierend. Davor zwei sich zugewandte Menschen. Der linke Mann ist mehr verborgen als sichtbar. Nur sein Gesicht und ein Arm sind deutlich zu erkennen. Es muss der Auferstandene sein, der Thomas wie den anderen Jüngern erscheint und den Gruß entbietet: „Friede sei mit euch!“.

Ihm gegenüber steht Thomas. Er steht mit dem ganzen Oberkörper frei vor dem Felsen und damit ganz in unserer Welt. Gebannt ist sein Gesicht Jesus zugewandt. Seine linke Hand liegt auf dem Mahltisch mit den Fischen, während die Rechte zum Gruß erhoben ist und tastend versucht, die Leere zwischen ihm und Jesus zu überwinden. Spiegelbildlich zur Hand Jesu verharrt sie, schweigend das Unglaubliche auslotend. Die Spannung zwischen beiden ist zu spüren, auch das staunende Erkennen, welches seinen Ausdruck in den Augen von Thomas findet: „Mein Herr und mein Gott!“ Im Glauben überwindet er alle abgründigen Hindernisse, legt er seine Hand in Jesu Seite und berührt er seine Wunden.

Symbolisch geschieht eine ähnliche Begegnung zwischen der linken Hand von Thomas und den Fischen. Auf die Fische hinweisend, deren griechisches Schriftbild ein verschlüsseltes Glaubensbekenntnis der frühen Christen war, scheint sie zu bekennen: „Jesus Christus, Sohn Gottes, Retter“ (Die Anfangsbuch- staben von Jesous – Christos – theou – hysios – soter ergeben zusammen das Wort ichtys = Fisch).

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Katharina von Alexandrien – Zeugnis für den Glauben

Ein dreiteiliges Bild in warmen Gelbtönen offenbart sich unseren Augen. Auf einem kostbaren Damaststoff präsentieren sich uns von rechts nach links eine reichgewandete Frau mit einem Schwert, ein aufgeschnittener Tierkörper und eine monstranz- ähnliche Goldschmiedearbeit. Alle drei Darstellungen zeigen sich durch den teilweise grauen Hintergrund, der allerdings von hellen gelben Elementen aufgebrochen ist, als fototechnische Reproduktionen. Die Künstlerin malt in Verbundenheit mit der Bildtradition, Altes hervorholend und durch neue Anordnung aktualisierend.

Die Seitenflügel dieses „Triptyk“ sind mir von ihrer Form her vertraut. In der Frau erkenne ich am Attribut des am Boden liegenden zerbrochenen Rades die heilige Katharina von Alexandrien (Ägypten). Der Legende nach war sie eine bildhübsche, gescheite Königstochter, die ihr Leben Christus geweiht hatte. Weder durch gelehrte Überzeugungskunst noch durch grausame Folterungen ließ sie sich von ihrem Glauben an Gott abbringen. Im Gegenteil, ein Gegner nach dem andern trat durch ihr Zeugnis zum christlichen Glauben über, zuletzt auch die Kaiserin. Vor Wut ließ Kaiser Maxentius darauf Katharina die Brüste abreißen und sie dann enthaupten.

Der lateinische Text am unteren Bildrand nimmt darauf Bezug: Erubuit fucito olim facro ubere Virgo, Hinc pudor atg; dolor praemia bina ferent. – Als ihr einst die heilige Brust abgeschnitten worden war, errötete die Jungfrau vor Scham; daher brachten ihre Scham und ihr Schmerz zweifachen Lohn. In der Darstellung ist Katharina heil geblieben. Zeichen für die Integrität ihres Glaubens? Schamhaft blickt sie auf das Schwert, mit dem sie enthauptet worden war. Ihr Unteram und ihre Hand weisen auf das Fleischstück in der Mitte, das ein Symbol für den „tierischen“ leiblichen Schmerz sein mag, den sie bei den Folterungen durchmachen musste.

Faszinierend finde ich die Lichtgestalt, die sich links vom Kadaver befindet, diesen überragt und sich von der ohnedies farblich hervorgehobenen Fläche absetzt. Verweist sie uns durch ihre Transzendenz auf die Verklärung des Leibes bei der Auferstehung? – Der erste Lohn?

In der Verlängerung von Katharinas Arm nimmt im Gerippe des Fleischstücks eine divergierende Linie ihren Anfang, die das Geschehen rechts mit der Goldschmiedearbeit auf der linken Seite verbindet. In dem monstranzähnlichen Reliquiar werden die leiblichen Überreste von Heiligen aufbewahrt und den Gläubigen gezeigt (monstrare) für die persönliche Verehrung. – Der zweite Lohn?

Das Reliquiar zeigt uns auf seiner Schauseite im zentralen Medaillon David, der König Saul zur Erheiterung die Harfe spielt und dazu Loblieder von Jahwe singt. Reliquien wie jene von Katharina von Alexandrien sind so etwas wie ein Lobpreis Gottes und für alle, die sie schauen und von ihr hören, eine Ermutigung auf dem Lebens- und Glaubensweg.

Das aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Bild erinnert mich nicht nur an den Glaubensmut von Katharina von Alexandrien, sondern ermutigt auch mich, Stück für Stück durch die verwirrende Vielschichtigkeit unseres Glaubens hindurch allen Prüfungen standzuhalten. Ewiges Leben ist dem verheißen, der vertraut, dass Gott allezeit mit ihm ist und ihn nie verlässt. Schöne und kunstvoll gemalte dekorative Elemente, die durch ihre betonte Vergoldung unseren Blick auf sich ziehen, verdeutlichen das. Letztlich geht es nicht um das Vordergründige, Sichtbare, sondern um das Hintergründige, das allem innewohnende unsichtbar Grundgebende, das uns einen beständigen Halt gibt.

Ausführliches Interview mit Lilian Moreno Sánchez anlässlich ihrer Ausstellung zum “Aschermittwoch der Künstler” 2013 in Hildesheim