Heiliger (Frei-)Raum

Auf der Wiese neben der Michaelskirche in Gräfelfing bei München wurde mit Baumscheiben aus einem Pappelstamm ein großes lateinisches Kreuz ausgelegt. 13 x 3 Schreiben in der Länge, 9 x 3 Scheiben in der Breite. Seine Ausrichtung ist geostet. Dadurch liegt es nicht parallel zu den Grundstückgrenzen, sondern quer. So wird das Kreuz mit der aufgehenden Sonne verbunden und vermag auf eine andere, unsichtbare Wirklichkeit zu verweisen.

Die dünnen Baumscheiben künden zuerst aber von einem Baum, der über Jahrzehnte gelebt hat. In der Erde verwurzelt hat er seinen Halt gefunden, um hoch in den Himmel zu wachsen. Nun liegt sein Stamm in Scheiben geschnitten und als Kreuz ausgebreitet auf der Wiese, auf dem Boden. Man könnte meinen, dass alles Leben aus dem Holz gewichen ist und das Scheibenfeldkreuz nur noch vom Tod des einst stolzen Baumes und von den Qualen des Zersägens zu erzählen vermag.

Doch das Zusammenwirken von Erde und Himmel auf die sich im Zwischenraum Befindlichen geht weiter. Von der Erde stieg kontinuierlich die kühle Feuchtigkeit ins Holz, während vom Himmel abwechselnd Licht, mehr oder weniger große Wärme und Regen auf die Holzscheiben einwirkten. Zuerst wurde die Ringspannung so groß, dass eine Scheibe nach der anderen bis in die Mitte barst und einen V-förmigen Ausschnitt freigab. Dann begannen sich die Scheiben zu verbiegen und zu verformen. So kam neues Leben in das Holz. Es wurde gleichsam von außen dazu bewegt. Spielerisch, ohne menschliches Zutun. Sie erwecken den Eindruck eines Tanzes, als würden sie sich drehen.

Allerdings sind auch diese spannungsvollen Bewegungen begrenzt und vergänglich. Denn eines Tages werden die Scheiben entfernt und es wird nur die Zeichnung des Kreuzes im Gras übrigbleiben: gelblich weiße Grashalme, die nach Licht hungern. Und es wird wieder eine Weile dauern, dann werden auch diese Markierungen nur noch Erinnerung sein, weil wieder Gras darüber gewachsen ist.

Das mit Baumscheiben markierte Kreuz eröffnet somit einen Freiraum, der anschaulich anregt, über das Leben und die jeder Zeit eigene Schönheit nachzudenken. In den Bewegungen des Wachsens und Vergehens wird die Vergänglichkeit sichtbar und in ihrer Einzigartigkeit kostbar und schön. Unsichtbar vermag die Kreuzform zudem auf die Kraft von Glaube, Hoffnung und Liebe in unserm Leben hinzuweisen: auf die göttlichen Ressourcen, in allen Situationen des Lebens das Gute und damit das Heilige zu suchen und darin zu bestehen. Über die Zeit und die Vergänglichkeit hinaus … in IHM … und in Ewigkeit.

Diese Arbeit 2018 ist im Rahmen der Ausstellung Glaube – Hoffnung – Liebe. Kunst an sakralen Orten bei der Michaelskirche in Gräfelfing bei München entstanden. Hier finden Sie umfassende Informationen zur Ausstellung.

Endlose Bewegung

In farblichem Dreiklang fließen blaue, grüne und weiße Wellenbewegungen horizontal durch das Bild. Es hält eine Momentaufnehme fest, den Ausschnitt eines größeren Ganzen, von etwas örtlich und zeitlich Grenzenlosem oder Unendlichem. Die sanften Bewegungen erinnern bewegte See, sie eröffnen eine Vogelperspektive in die Weite einer immensen Hügellandschaft mit wechselnden Erhebungen und Niederungen. Darüber hinaus lassen die hellen Bereiche Luftströmungen spüren, den unsichtbaren Wind, der bewegt, kommt und davonzieht.

Im Bild ist ein stetes, wechselseitiges Auf und Ab zu sehen. Die Wasserwogen, Hügel oder Windstöße erzählen vom Atem der Natur, der sich im Wasser, auf dem Land wie in der Luft gleichermaßen in einem Auf und Ab zeigt, das dem Heben und Senken unseres Brustkorbes ähnlich ist.

Dieses unentwegte Auf und Ab mag andeuten, dass Leben bedeutet in Bewegung zu bleiben, nicht stehen bleiben zu können. Es spricht die unbedingte Offenheit für Veränderung an. Und doch geht aus dem Bild keine Unruhe hervor. Denn es sind kraftvolle und gleichmäßige Bewegungen, ruhige und beruhigende. Bei der Betrachtung spürt man auf einmal das eigene Ein- und Ausatmen. Und man merkt, dass man Teil eines unfassbar größeren Ganzen ist, das „genauso“ atmet und in Bewegung ist in seiner Lebendigkeit.

Und noch etwas Wunderbares wohnt diesem Bild inne. Je länger man es betrachtet, umso mehr lässt es einen zwei weitere Tiefendimensionen des Lebens spüren. Die unterste „Welle“ bildet so etwas wie einen klaren, nicht zu trübenden Grundstrom, der in der Tiefe einer jeden Existenz fließt und sie am Leben erhält. Die endlose Weite, die sich nach allen Seiten über das Bild hinaus in unsere Zeit und Welt ergießt, vermag hingegen die zeitliche Größe unseres Lebens anzusprechen. Denn trotz aller normalen körperlichen und geistigen Begrenzungen erscheinen uns das Leben und die Möglichkeiten, die es mit sich bringt, so lange grenzenlos, bis wir ernsthaft daran gehindert werden, diese Möglichkeiten wahrzunehmen.

Doch auch dann werden Lebensbewegung und -qualität nicht gemindert, nur gewandelt. Denn der christliche Glaube lässt über alle irdischen Grenzen, Behinderungen und Tode hinaus hoffen und vertraut darauf, dass das Leben durch die Größe Gottes auch nach dem irdischen Ende seinen Schwung und Atem nicht verliert. Die Verheißung geht sogar weit darüber hinaus: Das Leben wird durch die Liebe Gottes in ganz neue Dimensionen übergeführt. Dimensionen, die wie in unserem Bild, unsere Wahrnehmung und Vorstellung übersteigen, weil sie sich außerhalb unseres „irdischen Lebensrahmens“ befinden.

Ein Licht strahlt auf

Eine Vielzahl an Blautönen verleiht diesem Bild eine faszinierende Stimmung. Wolkenartig gehen sie ineinander über, zu den Bildrändern hin dunkler werdend, im unteren Bereich die schattigen Umrisse einer menschlichen Gestalt in sich bergend, nach oben geradezu vor der hellen Lichterscheinung zurückweichend.

Das Bild lebt von diesem Gegensatz, bei dem sich Hell und Dunkel nicht feindlich gegenüberstehen, sondern durchdringen. So sind in jedem Bildteil Farbnuancen aus anderen Bereichen zu finden. Am stärksten kommt dies im dialogischen Gegenüber des hellen Zentralbereichs und der zu einer Schale geformten Kreatur am unteren Bildrand zum Ausdruck. Gekrümmt und armselig liegt die menschenähnliche Gestalt am Boden. Sie ist nicht viel mehr als ein Schatten in der Nacht. Ihre Konturen sind vage, nur das Gesicht vermeint man wahrzunehmen. Der Kopf erscheint erhoben, die rechte Hand ans Ohr gelegt, um besser hören und sehen zu können. Alles an ihr ist auf die Lichterscheinung über ihr ausgerichtet Diese bildet ein Dreieck, in dessen Innerem ganz Unterschiedliches gesehen werden kann, da sich die Helligkeit zur Mitte hin verdichtet und nach unten eine auslaufende Struktur aufweist, wie sie Regenböen eigen ist. Unaufdringlich wird mit diesen Symbolen göttliches Wirken angedeutet. So kann im Dreieck der dreieinige Gott gesehen werden, der sich vom Himmel her dem in der Dunkelheit darbenden Menschen zuneigt und ihn mit der blauen Spitze ganz zärtlich zu berühren scheint, um ihn nicht zu verletzen und doch aufzuwecken. In der hellsten Stelle der Lichterscheinung ist zudem eine senkrecht stehende menschliche Gestalt zu erkennen. Sie scheint die Arme ausgebreitet zu haben und nur mit einem Lendenschurz bekleidet zu sein. Ist es der Gekreuzigte, Jesus, der sich im Licht dem in der Dunkelheit liegenden Menschen offenbart? Oder darf in der Erscheinung auch ein Engel gesehen werden, der vom Licht aus der Höhe umgeben auf die Erde niedersteigt? Die violetten Wolkenfetzen lassen zudem an einen dritten Austausch zwischen den beiden denken, an etwas, das auf den Liegenden herunterfällt.

All das lässt in dem Bild etwas Adventliches sehen. Dabei kann der Liegende als das Volk Israel, das seinen Retter erwartet, oder als Maria, die Auserwählte, gedeutet werden. Schon der Prophet Jesaja (9,11) kündigte an: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

Durch das aufstrahlende Licht ist dieser Mensch fortan nicht mehr allein. Der Retter kommt und bringt Licht in die Dunkelheit, Leben in die Unbeweglichkeit. Schon … und doch noch nicht. Aber das Licht ist in Sicht und erste Berührungen und heilende Begegnungen finden statt. Die größte Sehnsucht ist gestillt, das ungewisse Warten macht einer absehbaren Erwartung Platz.

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist”

Ein Bilderpaar. Im Dialog durch die gleichen Querformate, die ähnlichen Farben und die angeschnittenen, schwarzen T-Formen. Und dann sind da noch diese Linien oder Schläuche, welche die zwei runderen Formen – oben wie ein Schatten, unten wie ein Infusionsbeutel – mit den harten geometrischen Formen verbinden. Was letztere wohl bedeuten mögen? Sie haben nichts wirklich Gegenständliches an sich. Sie sind vielmehr wie Bild-Ausschnitte, in denen die Farbe und das Leben fehlen.

Im oberen Bild fällt die rote Gestalt auf, die aus der schwarzen Fläche auf den Betrachter zuzuschreiten scheint. Die Arme waagrecht angewinkelt, die Hände zu einem lauten Ruf an den Mund gelegt, damit dieser auch in weiter Ferne noch gehört wird. Links über ihm, geheimnisvoll wie eine Signatur, vier sorgsam als Rhombus gesetzte Punkte.

Der Mensch – wie mit Blut gemalt, wie ein letzter Blutstropfen. Die T-Form als Kreuz des Todes wirkt bedrohlich, furchteinflößend. Das Herz ist außerhalb – nur noch ein Schatten, dem das Leben entflieht. Was wohl die letzten Worte dieses Mannes am Kreuz sind? Der Künstler zitiert in seiner Bildunterschrift das letzte Wort Jesu: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Im unteren Bild ist die angeschnittene T-Form ganz am rechten Rand. Im Verhältnis zum Infusionsbeutel wirkt sie klein und eher wie die Silhouette eines Stuhles. Bedrohung geht auch von ihm aus. Kein Mensch ist zu sehen. Der am Boden liegende Beutel verheißt nichts Gutes. Im Kontext gelesen kommt der Verdacht auf, dass hier keine heilbringende Lösung verabreicht worden ist, sondern ein Beruhigungs- oder Betäubungsmittel, das letztlich zum Tod geführt hat. Auch dieses Bild ist aus den letzten Worten eines zum Tode Verurteilten entstanden. Worte, die sich an denen von Jesus orientieren, aber knapp 2000 Jahre später und an einem ganz anderen Ort ausgesprochen wurden. So sagte Jose Gutierrez am 18. November 1997: “Now Father, into They hands I commit my spirit.” (Siehe: www.tdcj.state.tx.us/stat/executedoffenders.htm – hier sind alle 464 seit 1982 in Texas Hingerichteten aufgelistet).

Nikolaus Mohr hat damit nicht nur die sieben letzten Worte Jesu malerisch umgesetzt, sondern sie auch den letzten Worten von zum Tod Verurteilten gegenüber gestellt. Dadurch sind sieben Bildpaare entstanden, die zum Nachdenken einladen: „über den Wert des Lebens ebenso wie des Sterbens, den Sinn und Unsinn von Todesstrafe und zuletzt über die Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu: wenn gilt, was er selbst von sich und seinem Leben sagt, dann starb er nicht nur für uns: er starb für alle, auch für die, die ihr Leben verwirkt haben und von uns aufgegeben, fallen gelassen oder gar zum Tod verurteilt werden. Mich tröstet in diesem Moment und rüttelt zugleich auf, wenn Jesus sagt: Ich bin gekommen zu suchen, was verloren ist. Oder: nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Oder: im Himmel herrscht mehr Freude über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren. Mehr noch tröstet mich aber die Bedeutung, des von Christen bekannten und ausgesprochenen Wortes: hinabgestiegen in das Reich des Todes …“ (Engelbert Paulus)

Der verheißene Nachfolger

Ein gewaltiges, in mehreren Schichten aufgetragenes Geschehen scheint das Bildformat sprengen zu wollen: Im Vordergrund ein feuriges Wolkenband, das diagonal die Bildfläche durchzieht. Dahinter eine weiße Kreuzform, die mächtig die ganze Höhe und Breite des Papiers einnimmt. Noch hebt sie sich mit harten Kanten vom blauen Hintergrund ab oder wird von diesem rechts unten teilweise umfangen. Noch steht sie in ihrer gedrungenen Form, die auch einen stehenden Menschen in ihr sehen lässt, da.

Doch das Kreuz hat seine Macht verloren. Bereits hat Licht seine Oberfläche erfasst und die schwarze Dunkelheit an den Rand gedrängt. Gleichzeitig werden durch das Feuerband die schwarzen Überreste in seiner Mitte verglüht, die Kreuzgestalt in die zweite Reihe geschoben und in einen linken unteren und einen rechten oberen Teil aufgelöst.

So sind von diesem Kreuz nur noch Fragmente da, die allerdings durch unser Auge noch als Ganzes wahrnehmbar sind. Doch die Feuerbahn durchkreuzt es und lässt uns die neue Wirklichkeit bereits spüren: die göttliche Kraft, die bereits alles Dunkle und Schwere vom Kreuz genommen und es auferstehungsleicht gemacht hatte. Erich Krian schreibt dazu: „Das lässt uns das Kreuz als erneuerbare Freude begreifen. Das anfänglich Unmögliche bricht auf. Das anfänglich Unglaubliche schafft stillen Glauben.“

Das Feuerband lässt uns die Kraft des Heiligen Geistes wahrnehmen, welche die Welt durchweht und verändert. Sie erscheint in einer zeitlichen Reihenfolge zum Kreuz, ja in der Nachfolge, wie Jesus sie in seinen Abschiedsworten angesprochen hat (vgl. Joh 14,16-27).

Und das Feuerband lässt erahnen, wie kraftvoll Gott das im Zeichen des Kreuzes wie gescheitert aussehende Wirken seines Sohnes fortsetzt. Blockierte Herzen werden zu neuem Leben erweckt und fassen Zuversicht, blinde Augen sehen alles in neuem Licht, stumme Zungen bewegen sich und die ganze Welt, weil sie mit begeisterten Worten das Unerhörte verkünden.

Göttliche Zuwendung

Solche Bilder sind uns von Mandalas her bekannt. Man kann sie drehen wie man will, sie sind von allen Seiten gleich aufgebaut und haben einen klaren Mittelpunkt. Das ruhige grüne Passepartout, in den vier Ecken mit einem stilisierten Blumenmotiv gehalten, führt den Blick wie durch ein Fenster hindurch auf ein rotierendes Gebilde, das aus zwölf Händen und sie verbindenden Linien besteht.

Die Hände kommen von außen, aus dem blauen Hintergrund, und erinnern dadurch an frühchristliche Malereien, in denen Gott und seine Zuwendung zu den Menschen durch eine aus den Wolken ragende Hand dargestellt wurde. Hier wie dort ist die Handhaltung eine segnende. Hier sind die Umrisse der Hand zudem aus Gold: ein traditionelles Zeichen für Gottes Herrlichkeit, unterstrichen durch die goldgestreiften Ärmel eines roten Festgewandes. Gold kann für Macht und Herrschaft gesehen werden, das Rot für sorgende und bergende Liebe.

Gottes Hände rotieren geradezu um das Geschaffene. Sie sind unaufhörlich in Bewegung: segnend, schöpferisch, behütend. Ist das nicht wohltuend zu sehen, wie alles aus Gott Hervorgegangene auch von ihm umgeben ist und gehalten wird? Wir Menschen dürfen uns zusammen mit allem Geschaffenen in diesem Focus von Gottes Aufmerksamkeit und Handeln wissen.

Doch ist das unsere erlebte Realität ? Ist das nicht eher eine Wunschvorstellung? Persönliches Leid, Krankheit, Armut, Verständigungsschwierigkeiten unter Einzelnen, Völkern und Religionen, Naturkatastrophen und, und, und … Gibt es nicht genug Gründe, an Gottes Allmacht und Liebe zu zweifeln?

„Gott ist Vater, Gott ist gut, gut ist alles, was er tut“, wurde früher den Kindern mit auf den Lebensweg gegeben. Und dann ging das Leben weiter und überrollte diesen wohlgesetzten, gutgemeinten Kinderspruch, denn er widerspricht zunächst der Lebenserfahrung – wenn er nicht von Anfang an eingebettet ist in ein grünes Passepartout der Hoffnung und des Glaubens. Der Hoffnung, dass Einer eine Regie führt, die wir zwar meistens nicht verstehen; des Glaubens, dass es einen Plan gibt, den nur Gott kennt.

Der Künstler stellt uns diese Gedanken in dem fein gezeichneten Gespinst im Kreis der zwölf Hände vor Augen, das aus einer Vielzahl von geometrischen Formen besteht: wohltuenden Bogen und vielerlei eckigen und kantigen Fragmenten, die für sich allein gesehen sinnlos erscheinen. Doch zusammengefasst ergeben sie ein durchdachtes, harmonisches Gebilde von großer Schönheit.

Wenn es gelingt, diesen Plan zu erhoffen, kann diese Hoffnung zu einem „doppelten Boden“ im Leben führen oder zu einem Netz, das im Absturz hält und trägt. Rainer Maria Rilke hat das in seinem Herbstgedicht von den fallenden Blättern so ausgedrückt: „… und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“. Das stärkt den Glauben und lässt die vielen sich kreuzenden Linien gar zu einem bergenden Gewölbe werden, voll unfassbarer Gnade und Fülle.

Lichtblick

Umgeben von einem dunklen Rahmen, öffnet sich unserem Blick in der Bildmitte ein helles Fenster. Es scheint nicht sehr groß zu sein, denn die weiße Taube, die sich mit dem grünen Zweig im Schnabel auf dem Fenstersims niedergelassen hat, füllt fast das ganze Fenster aus.

Die dunkelblaue Farbe suggeriert umgebende Dunkelheit und Nacht. Von den fünf Menschen sind nur schattenhafte Köpfe und Silhouetten auszumachen. Die beiden Personen, die sich unter dem Fenster befinden, lassen durch die vier hellen Senkrechten und den engen Bildraum zudem an Gefangene denken, die eingesperrt und niedergedrückt sind. Seltsam, wie der Künstler ihre Augen, Nasen und Münder stilisiert mit einem Kreuz-Zeichen angedeutet hat.

Soll es ihre „Religio“, ihre Rückbindung an Gott zum Ausdruck bringen, die ihnen Zugehörigkeit und Schutz verheißt? Denken wir nur an die Riten von Taufe, Firmung, Konfirmation oder Krankensalbung … Trotzdem bleiben viele Fragen und Zweifel. Wer kann Katastrophen wie eine Sintflut, einen Tsunami und anderes mehr verstehen? Helfen kann da nur ein unsagbares Vertrauen. In diesem Vertrauen haben sie die Taube ausgesandt und, um sicher zu gehen – denn Zweifel bohren tief – eine zweite.

Nun ist sie in ihre Mitte zurückgekehrt – mit dem Zeichen des Zweiges. Die Dunkelheit hat einen Lichtblick erhalten, der sich auf den Köpfen der wartenden Menschen bereits spiegelt. Durch das Licht wird das Zeichen auf ihren Köpfen sichtbar, das in der Bibel bei Menschen verwendet wird, die aus ihrem Glauben, aus ihrer innigen Beziehung zu Gott, der Schöpfung und den Mitmenschen heraus in Zeiten der Dekadenz einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bewahren. So heißt es von Noach: „Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging seinen Weg mit Gott.“ (Gen 6,9) Deshalb wurde er von Gott beauftragt, zur Rettung des Menschengeschlechts und der Tiere ein großes Schiff zu bauen, auf dem er mit seiner Familie und den Tieren die Zeit der Sintflut überleben konnte. Das Aquarell vermittelt den Augenblick, in dem die Taube das zweite Mal nach der Erkundung nach Land erfolgreich mit dem frischen Olivenzweig als Zeichen für das Wiederaufblühen der Natur zurückkehrte. „Jetzt wusste Noach, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand.“ (Gen 8,11)

Im blauen Hintergrund könnte aufgrund dieser Begebenheit ebenfalls das alles vernichtende Wasser der Sintflut gesehen werden. Auch den Geretteten steht das Wasser bis zum Hals. Was sie allerdings über Wasser hält, ist ihre Verbundenheit mit dem Licht, das im Fenster wie ein Floß, wie eine rettende Insel in ihrer Mitte schwimmt. Ihr Vertrauen hat ihnen eine neue Zukunft, neue Aufgaben und sicher auch neue Leiden gegeben. Hoffnungsvolle Zuversicht und Liebe erfüllt und verbindet sie mit dem unbegreiflichen Gott. Und dieses gläubige Festhalten am gerechten Denken und Handeln verhindert, dass sie sich in unwürdige Machenschaften verstricken, die ihnen und anderen Unheil und Tod bringen. – Ermutigung und Lichtblick für uns!

Das besprochene Aquarell stammt aus: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers mit Bildern von Andreas Felger
/ Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart, 1.664 Seiten, 171 ganzseitige Aquarelle und 104 teils farbige Skizzen, Format 17,3 x 24,5 cm

Seit vielen Jahrzehnten widmet Andreas Felger einen wesentlichen Teil seines künstlerischen Schaffens der Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Seine Bilder sind Ausdruck gelebten Glaubens, wiederholter Meditation und Durchdringung. Seine Aquarelle und Skizzen sprechen eine spirituelle Sprache. Konkrete Darstellungen wechseln mit abstrakten Motiven, schaffen meditative Momente, eröffnen andere Sichtweisen und neue Zugänge zur Heiligen Schrift. Die Begegnung und der Dialog zwischen Mensch und Gott werden in seinen Bildern anschaulich und berühren die Sinne.

Auflehnung / Rebellion

Was für ein Ereignis hat wohl diese Person in die Knie gezwungen, sie an den Rand der Verzweiflung, hin zum Protest und zum Widerstand getrieben?

Alles schreit an und in diesem Menschen: sein zerklüfteter, von Leid gezeichneter Körper, die erhobenen Arme mit den zu Fäusten geballten Händen, sein nach hinten gelehnter Kopf mit dem geöffneten Mund. Den Oberkörper leicht nach links gedreht, wendet er sich nach oben, einem unsichtbaren Gegenüber zu.

Die Frage bleibt: was hat ihn so zugerichtet, dass er mit seinem ganzen Wesen aufbegehrt? Ist die Ursache seines Leidens vielleicht genauso unsichtbar wie sein Gegenüber? Sind sie vielleicht sogar identisch? Vermutlich verstehen wir die Gefühle der knienden Person am besten, wenn wir uns in sie hineinversetzen.

Dann spüren wir unsere Ohnmacht gegenüber ungreifbaren Mächten: Schicksalsschlägen, Krankheiten, Ungerechtigkeiten, Zwängen. Dann können wir nachempfinden, wie die vielgestaltigen Verletzungen, Einschränkungen, Vorschriften bis zum Zusammenbrechen belasten können und uns nicht nur nahe, sondern unter die Haut und an die Substanz gehen.

Eine Grenze scheint erreicht zu sein. Die übriggebliebene Lebensenergie flammt in den expressiv gestalteten Körperteilen wie Feuerzungen auf. Geballte Kraft begleitet den Aufschrei. Genau diesen Moment hat der Künstler in der Skulptur eingefangen. So hört der Schrei nicht mehr auf. Es gibt zu viel offenkundiges und verborgenes Leid in dieser Welt, als dass dieser Schrei des Protestes irgendwann verstummen könnte.

Und trotzdem – die Gestalt drückt nicht nur Verzweiflung und Anklage aus. Das demütige Knien, der aufgerichtete Rücken, der nach oben gewandte Kopf – können das nicht Zeichen für eine Spur von Hoffnung sein? Ist nicht mitten im Aufbegehren ein Innehalten festzustellen?

Ob es die Beachtung ist, die diesen stellvertretenden Menschen aufhorchen läßt? Spiegelbild unserer selbst, weist er uns auf die unsichtbaren Mächte hin, diese verzehrenden, aber auch AUFBAUENDEN Kräfte, die in und um uns kämpfen und die wir nur zu gut in uns spüren. So er ermutigt uns, ihnen nachzugehen und nicht aufzugeben …

Kontakt

Auf der großen Bildtafel begegnet uns eine Fülle von in Blautönen gehaltenen Einzelszenen. Was stellen sie dar? Durch die verschwommenen Formen bleibt das auf den 96 quadratischen Fotografien Gezeigte geheimnisvoll verhüllt oder entrückt. Distanz! Doch trotz aller Unschärfe weisen die weichen Schattierungen auf menschliche Körperteile hin, die stark vergrößert, sehr nahe und nur ausschnittweise fotografiert wurden. Nähe! Diese Detailaufnahmen sind wie Teile eines rätselhaften Puzzles, in welchem der Mensch in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen angedeutet wird. Alle zusammen ergeben ein ungewöhnliches Ganzes, das mit dem Betrachter Kontakt aufnimmt, mit ihm ins Gespräch kommt.

In der Spitalkirche, in der das Bild hängt, ist das etwas ganz Wichtiges. Menschen, die sich hier einfinden, machen meist eine leidvolle Phase durch. Jede Krankheit und jede Operation birgt in sich viel Ungewissheit und Angst. Das geschliffene Acrylglas spiegelt die Unklarheit des Danach. Die Hoffnung auf Gesundung und Heilung ist da. Doch ohne Durchblick braucht es viel Zuversicht und Vertrauen in die Ärzte, die PflegerInnen und die Medizin, ein gläubiges Schauen über das jetzt Sichtbare hinaus. Die Blautöne des Bildes mögen die Zwiesprache mit dem Himmel eröffnen, das Gebet zu Gott erleichtern.

Der nach Halt suchende Blick vermag mit der Zeit auf den Fotos Nahaufnahmen von Händen zu entdecken. Tatsächlich hat der Künstler Hände von Ungeborenen bis zu Sterbenden ins Blickfeld gebracht. Hände, die berühren, Verbundenheit zeigen, streicheln, beten, helfen, arbeiten, trösten, schützen …

Neben den Augen hängen unsere Handlungen wesentlich von unseren Händen ab. Mit den vergrößerten Bildausschnitten und Handteilen werden einzelne Schicksale stellvertretend hervorgehoben und gleichzeitig in ein großes Ganzes eingebettet. So reihen sich Einzelschicksale, die sich ähnlich sind, aneinander, neben- und übereinander. Eine mit Krankheit und Tod ringende Schicksalsgemeinschaft findet sich in diesem Raum und vor diesem Bild zusammen, um in Gemeinschaft mit Jesus Christus, der Leid und Tod überwunden hat, Kraft zu schöpfen.

„Kommt alle zu mir, die ihr Euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“, verkündigte Jesus (Mt 11,28). Er hatte keine Berührungsängste und legte den Kranken seine göttlichen Hände auf (8,15; 9,25), sie rettend (14,31), heilend (4,23; 9,29), segnend (19,13-15).

Über die Momentaufnahmen der Hände hat der Künstler mit malerischen und zeichnerischen Mitteln eine zweite, diesmal dynamische Ebene gelegt. In einer leichten Aufwärtsbewegung durchquert diese künstlerische Intervention das Bild von links nach rechts. Mit dem blauen Rechteck und der weißen, nach rechts auslaufenden Übermalung ist auf der linken Seite ein starker Akzent gesetzt, der auf der rechten Seite von ansteigenden Linien aufgenommen und fortgesetzt wird. Weiße Farbspritzer begleiten diese Bewegung, die Zeit und Krankheit, den operativen Eingriff und heilende Prozesse zur Sprache bringen. Übrig bleiben Narben und Einschränkungen, die das wiedergewonnene Leben zeichnen, aber nicht mehr wie vorher zudecken. Das tröstet und stärkt die Hoffnung, bald selbst wieder handeln zu können.

Leid und Flucht

Die Farben des Bildes scheinen sich von den beiden rechten Ecken her zur Mitte und nach rechts hin zu verdunkeln. Der lichterfüllte Sand verfärbt sich von oben und von unten her glühend rot, um dann von einer aschgrauen Schicht überdeckt zu werden. Darin sind schwarze Gestalten unterwegs, gerade noch als Menschen erkennbar. Im harten Gegensatz zu den dunklen Menschengruppen leuchtet am oberen Bildrand ein halb verdecktes rundes Licht. Ob es für die Sonne steht, welche das Land einst in warmen Farben leuchten ließ, bevor sie durch die Flammen und den Rauch eines anderen Feuers verdeckt wurde?

Unheil ist aus dem Bild herauszuspüren. Als Betrachter fragen wir uns unwillkürlich, was geschehen ist, dass eine solche Finsternis das Land bedeckt und die Menschen zur Flucht bewegt. Die Farben assoziieren Wüste, Hitze, brennendes Land und verbrannte Erde. Krieg lässt sich erahnen und lässt an die vielen Konflikte in Nahost denken, in denen immer und immer wieder Heimat zerstört und Menschen in Angst und Finsternis gehüllt werden. In Gruppen sind sie in der Sehnsucht nach neuer Sicherheit und Heimat unterwegs.

Von den Menschen sind nur Silhouetten übrig geblieben. Als Schatten geistern sie durch das zerstörte Land, als „verkohlte“ Gestalten, bei denen mit der Umwelt zusammen auch vieles im seelischen Bereich verbrannt und zerstört worden ist.

Das Bild strahlt Trauer aus, aber nicht Trost- und Hoffnungslosigkeit. Denn noch leuchtet die Sonne. Aber sie hat keine Kraft, die Menschen in der Finsternis zu erreichen. Das Bild erinnert auch an das Volk Israel, von dem wiederholt berichtet wird, dass es in Dunkelheit und Finsternis lebt, aber über ihnen ein Licht aufstrahlt (vgl. Jes 9,1; 60,2).

Auch das große Kreuz, das verborgen als Symbol des Leidens und Sterbens über das ganze Bild gelegt ist, spricht die Hoffnung an. Die von Leid und Not betroffenen Menschen sind nicht allein. Jesus Christus hat sich durch sein eigenes Leiden mit ihnen solidarisiert und ist ihnen auf ihrem kreuzwegähnlichen Auszug aus der „heiligen“ Stadt nahe. Er trägt ihre Angst und ihr Leiden mit. Hebt sich im Bereich des linken Randes nicht schemenhaft ein schwarzer runder Kopf vom grauen Hintergrund ab und lassen sich darunter nicht die ausgebreiteten Arme und der Leib des Gekreuzigten sehen? Sein Sieg über Sünde und Tod lassen das warme Rot im Hintergrund in einem ganz anderen Licht sehen: als Künder des neuen Lebens, als Verheißung des neuen Tages, der neuen Zeit nach diesem Schrecken und dieser Not.

Geborgenheit

Das Bild ist vertikal in einen weißen und einen rot-schwarzen Teil gegliedert. Beide Seiten lesen sich von oben nach unten: Links durch einige geschriebene Worte, rechts durch drei gleichgroße Rechtecke, die sich von oben nach unten aufhellen, als würden sie immer mehr von der sie umgebenden Farbe durchdrungen werden.

Der Schriftzug „Von guten Mächten wunderbar“ scheint wie von weit her auf der Leinwand aufzutauchen, um dann nach „wunderbar“ wortlos in eine lichtvoll gestaltete Fläche überzugehen. Ähnlich wie bei Jesus am Kreuz (Mt 27,46) sind hier nur die ersten Worte des tröstenden Liedes wiedergegeben, das Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager kurz vor seinem Tod geschrieben hat. Der Kehrvers allein zeugt schon von einem unerschütterlichen Glauben, einer tröstenden Gewissheit, dass Gott seine Treuen durch alle Not hindurch beschützt.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Es macht den Eindruck, als hätte die wunderbare Offenbarung der Größe Gottes im Elend des deutschen Theologen, als hätte dieser bis in unsere Zeit hinein ungebrochene Krafterweis aus der Höhe die Künstlerin so in Staunen versetzt, dass keine weiteren Worte mehr nötig waren. Eine zeit- und raumlose Fläche öffnet sich dem Schauenden und offenbart gleichsam das Licht, in dem Bonhoeffer den Text verfasst hat. Damit rückt die Künstlerin seine Situation in die Nähe der Steinigung des Stephanus, der nach seiner Rede und kurz vor seiner Steinigung rief: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,56) Die angedeuteten Gestalten in der belebten hellen Fläche könnten Hinweise auf diese Parallele sein!

Was die Künstlerin mit den drei Rechtecken wohl zum Ausdruck bringen will? Spiegelt sich in ihnen die Schwere des bevorstehenden Todes? Weist die rote Farbe auf das Blut der Märtyrer hin, das sie aus Treue zu Gott vergossen haben und in deren Fußstapfen Bonhoeffer tritt? Oder vermitteln die schwarzen Rechtecke letztlich die gleiche Botschaft wie die linke Bildhälfte, nur auf eine andere Weise? Durch ihre rechteckige, klar definierte Form können die dunklen Flächen für den betenden Menschen stehen.

So dunkel es in ihm am Anfang auch war, durch das Singen des Liedes scheint der fast undurchdringliche und dadurch schwere Anblick des Todes immer leichter und transparenter zu werden. Durch seine wachsende Zuversicht in die Nähe und die Güte Gottes wurde es in ihm immer heller, wird im warmen Rot unter allem Unverständlichen tröstend die Liebe Gottes in ihm sichtbar. Er erfährt die guten Mächte sowohl als ihn umgebende wie als ihn erfüllende, haltgebende Kraft! Und je tiefer er sich in die Liebe Gottes hineinfallen lässt, um so mehr darf er wie der Psalmist die wunderbare Größe der göttlichen Liebe erfahren: „Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen.“ (Ps 139,5-6)