durch seine Wunden sind wir geheilt

Die Installation zeigt eine kniende, betende Jesusfigur vor sieben modernen Bildern mit Körperteilen von Kopf bis Fuß. Jesus ist allein im Raum. Seine Verlassenheit erinnert an sein einsames Gebet auf dem Ölberg vor seinem Leidensweg. Die Skulptur von Franz-Xaver Reich aus dem 19. Jahrhundert und die Bilder von Nikolaus Mohr aus dem 21. Jahrhundert verdeutlichen nicht nur einen Bruch zwischen den Zeiten, sondern auch Jesu Blick in die Zukunft. Von Traurigkeit und Angst ergriffen schaut er das Leiden, das ihm bevorsteht und weshalb er den Vater bittet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ (Mt 26,39)

Die expressiv-modernen Bilder mit den deformierten Körperteilen visualisieren in Ausschnitten – weil im Ganzen unfassbar – die Brutalität und Rohheit menschlicher Gewalt bei den Tätern und die unerträglichen Qualen und Schmerzen bei den Opfern. Jesus betrachtet sein bevorstehendes Leiden und gleichzeitig das Leiden aller Menschen, die wie er durch das Leiden bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden sind und so Unmenschliches durchmachen mussten: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten“, heißt es bei Jesaja 53,2-3. „ Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.  Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.“ Doch durch Jesus wird deutlich, dass Gott nicht wegschaut. In Jesus ist Gott da. Er sieht die Not und betet für die Misshandelten (weitere Ansicht).

Gott hat unablässig unser Leiden und das Leiden Jesu vor Augen. Gott lässt niemanden allein. Er geht auch unseren Leidensweg in Jesus mit. Ja, Gott geht noch weiter: Er sucht die Erlösung von allem Bösen, die Heilung unserer Wunden. Dafür hat Jesus „unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm,  durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5)

Deshalb werden seit dem Mittelalter seine Wundmale meditiert und verehrt: Sein von der Dornenkrone zerkratzter und blutender Kopf, seine von Nägeln durchbohrten Hände und Füße, die vom dreimaligen Fall unter der Last des Kreuzes zerschundenen Knie, die mit der Lanze geöffnete Seite und das durchbohrte Herz, aus denen Blut und Wasser floss, als auch die Seitenwunde, in die der ungläubige Thomas seine Hand hineinlegte und zum Glauben kam.

Die Installation ist eine Aufforderung mit Jesus innezuhalten und zu beten. Aktuell insbesondere für die Kriegsopfer in der Ukraine, aber weiterhin für alle Leidtragenden durch Krankheit, Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit in der ganzen Welt. So wie Jesus sich nach dem betrachtenden Gebet in das Leiden hineingab, so sollen auch wir nach der “Rück- und Absprache mit Gott” unser eigenes Leid tapfer ertragen, aber auch uns unter die Leidenden begeben und ihnen bei der Heilung ihrer Wunden aller Art zur Seite stehen.

Die Installation ist bis zum 17. April 2022 im Stadtmuseum Hüfingen zu sehen.

ER reißt die Welt empor

Immer wieder lodern Diskussionen auf, ob das christliche Symbol des Kreuzes in öffentlichen Räumen präsent sein soll beziehungsweise sein darf? Vor allem Kreuze mit Kruzifixus, also mit einer Darstellung des Leibes Christi am Kreuz, stehen im Verdacht, Leid und Gewalt zu verherrlichen. Der Kärntner Künstler Werner Hofmeister hat sich mit einer neuen Arbeit wieder einmal diesem großen Thema gestellt.

Hofmeister hat die Kopie eines Christuskorpus aus dem 17. Jahrhundert – das Original aus der Pfarrkirche Maria Hilf in Ebenthal ist in der Schatzkammer Gurk zu bestaunen – mit einer Zugabe ergänzt, wie es für sein Werk typisch ist. Die nach oben gestreckten Arme sind nicht mehr an einem Kreuz fixiert. Die durchbohrten Hände halten eine Stange, an deren Enden jeweils in einer mandelförmigen Gloriole ein Buchstabe zu sehen ist: auf der einen Seite ein A, auf der anderen ein O. Der erste und der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet, gemeint sind hier wohl Anfang und Ende der Welt. Gleich schweren Gewichten sie werden von Christus gehalten und in die Höhe gestemmt. Die Verbindungsstange, der zeitliche Ablauf alles Irdischen, bildet den Querbalken eines imaginären Kreuzes. Diese Horizontale steht für die weltbezogene Ausrichtung des geheimnisvollen Geschehens am Kreuz. Die vertikale Verbindung von unten und oben, von Erde (Unterwelt) und Himmel, ist hier nicht ein in die Erde gerammter Pfahl, sondern der Corpus Christi selbst. Jesus Christus verbindet Himmel und Erde, er ist „der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen“, wie im 1. Brief an Timotheus zu lesen ist.

In seiner ursprünglichen Form ist dieser Christuskorpus eine Momentaufnahme der Todesstunde Jesu. Sein Haupt ist nach unten geneigt, seine Seite mit der Lanze durchbohrt, deutlich zu sehen sind auch die Drei-Nagel-Wunden. In seiner Be- und Überarbeitung legt der Künstler nun dem Gekreuzigten die ganze Welt in seine Hände. Er zeigt, dass der Tod Jesu am Kreuz nicht das Ende von allem ist, sondern der Beginn der Rettung von allem aus der Macht des Todes.

Jesus der Retter reißt die Welt empor
Im Johannesevangelium lesen wir von der Anziehungskraft des am Kreuz Erhöhten, zu dem wir emporblicken. Und im Credo beten und bekennen Christen: „ … gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, …“  Die heilsame Aktionsfolge der Heiligen Drei Tage, diese Ab- und Aufwärtsbewegung ist auch in Hofmeisters Arbeit gut zu erkennen. Das Werk heißt bezeichnenderweise „ER-reißt-die-Welt-empor“ und weckt assoziativ Erinnerungen an Darstellungen christlicher Kunst, wo Jesus Christus Adam und Eva, also die Menschheit überhaupt, an den Händen fasst und aus dem Reich der Dunkelheit und des Todes herausreißt und emporhebt in die neue Dimension des ewigen Lebens bei Gott. Jesus Christus wird mit vielen Namen angesprochen und verehrt. Er ist ein Freund, Heiland und Arzt, Retter und Erlöser, er ist auch einer, der uns Menschen herausreißt aus den Bedrängnissen und Notlagen des Lebens.

Der Sieg des Lebens über den Tod
Diese neue Arbeit von Werner Hofmeister, die im goldenen Licht der Auferstehung glänzt, ist ein österlicher Blick auf das Kreuz und eine Hoffnungsbotschaft an die Betrachter. „Tod, wo ist dein Sieg? / Tod, wo ist dein Stachel?“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief. Das Ostergeschehen von Tod und Auferstehung verwandelt das dürre Holz des Kreuzes in einen Lebensbaum. Frühe christliche Kreuzesdarstellungen, wie z. B. das bekannte große Lebensbaum-Kreuz in der römischen Kirche San Clemente, stellen den österlichen Sieg des Lebens über den Tod beeindruckend dar. Aus dem toten Holz des Kreuzes ist ein blühender und Früchte tragender Lebensbaum geworden.

„ER-reißt-die-Welt-empor“ von Werner Hofmeister ist eine beeindruckende zeitgenössische Kreuzesdarstellung, die zugleich den Tod Jesu am Karfreitag und den endgültigen Tod seines Todes am Osterfest zum Ausdruck bringt. Das Marterholz wird zum Siegeszeichen. Der leblos Hängende wird zum kraftvoll Stehenden, zum Hoffnungsträger der ganzen Welt von A bis Z.

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Erstveröffentlichung am 30.03.2018 auf der Website der Internetredaktion der Diözese Gurk. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

unsichtbar

Kreuzlos hängt der Mensch an der Wand. Und doch sind sein Körper und seine Haltung durch und durch vom Kreuz gezeichnet. Seine ausgebreiteten Arme, die erhobenen Hände und die unnatürlich nach innen gedrehten Beine und Füße erzählen von der qualvollen Hängung am römischen Folterinstrument. Die Wundmale lassen den Schmerz spüren, das knappe Lendentuch an die Entblößung denken, der er ausgesetzt war, die feine Dornenkrone mag den Spott und die Verhöhnung vergegenwärtigen.

Mit geneigtem Kopf hängt Jesus an der weißen Wand. Er ist als Mensch von heute dargestellt. Sein Gesicht ist nicht idealisiert oder schmerzverzerrt. Ruhig und gefasst hält er den Schmerz aus, erduldet er als Knecht Gottes das ihm zugefügte Leid und trägt damit das Leid aller Menschen. Jetzt und zu jeder Zeit.

In diesem Gekreuzigten können sich alle wiederfinden, denen in irgendeiner Form Leid widerfährt. Denn da ist einer, der mitleidet unter den unzähligen unsichtbaren Kreuzen, die so viele belasten und in den Tod treiben. Kreuze, die sich durch Krankheiten und körperliche Gebrechen im Körper selbst manifestieren. Kreuze, die durch Ungerechtigkeit oder Gewalt jeglicher Form entstehen und das Leben zur Qual machen. Unsichtbar sind sie da, die Freiheit einschränkend, die Lebenskraft und -freude raubend.

Exponiert hängt Jesus da. Verlassen, allein und haltlos mutet er an. Und doch wird er von Dem, der unsichtbar alles und jedes Lebewesen in seinen Händen und seinem Herzen hält, gehalten. Das macht Mut, auf ihn zu schauen, der in der Einsamkeit der Gottverlassenheit dennoch voll und ganz seinem Vater vertraute, als er seinen Geist in dessen Hände legte. Er zeigte uns vorbildlich, dass Gott jeden von uns hält und stützt, auch wenn wir Gott nicht sehen oder spüren.

Glaubenszeugnis

Das Bildgeschehen gruppiert sich um eine breite rötliche Senkrechte, auf der im oberen Drittel der Gekreuzigte schwebt. Er ist vom Kreuzbalken abgenommen und wird optisch nur von diesem starken Band gehalten, das für die Liebe Gottes steht, die bis in die menschlichen Abgründe geht und dort mit den Menschen leidet (violette Verfärbung am unteren Ende). Dadurch und in Verbindung mit dem Holz des Corpus Christi ist das Leiden durchaus gegenwärtig. Viel stärker jedoch wirken durch die Abwesenheit des Kreuzes, die Freistellung der Hände und die erhöhte Position der Skulptur die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu auf den Betrachter.

Im gelben Licht wird seine Himmelfahrt von Engeln begleitet. Sie schweben auf der intensiv-roten Linie, die von ganz unten in die Höhe führt und durch ihr Pendant diagonal gegenüber (links neben Jesus) auch mit Gott Vater in Verbindung gebracht werden darf, der seinen Sohn von den Toten auferweckt und zu sich geholt hat. Die Gestalt der gelben Fläche lässt zudem an einen Baum, durch Jesus an einen goldenen Lebensbaum denken oder auch an einen Kelch, in dem sein Blut aufgefangen und zu seinem Gedächtnis und zur Vergebung der Sünden zum Trinken gegeben wird.

Von Jesus, der seinen Kopf den Engeln zuneigt, geht die Bildbewegung über die Engel auf der Zwischenhöhe auf die andere Seite hinunter zu den Menschen. Das waagrechte Element dieser Figurengruppe bildet das Gegengewicht zum Geschehen auf der anderen Seite. In Blau gemalt bedeutet, in der Farbe des Glaubens dargestellt zu sein, des Wassers, in dem sie getauft wurden, dem Himmel, in den Jesus sie aufzunehmen versprochen hat. Sie sind als Pilgernde unterwegs, als Menschen auf dem Weg zu Gott, bereit in seinen Strahl der Liebe einzutreten, von seiner Barmherzigkeit umarmt und wie Christus erhoben zu werden. Spiegelbild der im Kirchenraum versammelten Gemeinde.

Dieses Bildgeschehen richtet auf und ermutigt. Es gibt die Bewegung der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu wieder, in der er ganz der den Menschen Zugewandte bleibt und ihre Sehnsüchte aufnimmt. Es ist kein endgültiges Entschwinden oder sich Verabschieden, sondern die Wandlung seiner Gegenwart durch die Kraft des Heiligen Geistes. Dieser ist im Bild nicht explizit zu sehen, aber in der von Jesus ausgehenden Abwärtsbewegung, welche in die vertikale Menschengruppe einmündet, spürbar am wirken.

Im Weiteren macht die Bildkomposition deutlich, dass Gott in seiner unverbrüchlichen Liebe hinter seinem Sohn steht … und auch hinter allen Menschen, die an ihn glauben (Gesamtansicht).

Zahlreiche weitere Arbeiten in Kirchen finden sich im Buch Zeitgemäße Wand- und Deckenfassungen für Sakralbauten, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg, 2015, 304 Stein, > 350 Abb., 19,80 Euro.

getroffen – betroffen

Zwölf Dart-Pfeile sind auf eine Figur des Gekreuzigten geworfen worden, neun haben seinen Körper getroffen und „nageln“ ihn auf dem weißen Untergrund fest. Die Pfeile erscheinen im Vergleich größer als die Figur des Gekreuzigten. Übermächtig an Größe und an Zahl dominieren sie das Geschehen – und wären doch nur ein Geschicklichkeitsspiel, wenn sie nicht Jesus als Ziel gehabt hätten.

So wird eine Hinrichtungsart aus der Zeit der Römer ins Zentrum eines harmlosen Wurfspiels unserer Zeit gestellt und eine Grausamkeit geschaffen, bei der man gar nicht richtig hinschauen kann. – Es tut weh, den Leib Jesu von diesen Pfeilen durchbohrt zu sehen, es schmerzt richtig, ihn an Händen, Füssen und anderen Körperstellen getroffen und festgenagelt zu sehen. – Vielleicht braucht es diese Verfremdung und dieses in-einen-neuen-Kontext-Stellen der Kreuzigung Jesu, um durch Gefühle wie Empörung, Entrüstung, Abscheu, etc. Betroffenheit und eine Re-Aktion auszulösen.

Denn „man wirft nicht mit Dartpfeilen auf einen religiösen Gegenstand wie die Figur des gekreuzigten Jesu. So etwas macht man nicht. Das ist pietätlos.“ – Aber trifft es nicht den Kern einer jeden Kreuzigung, einer jeden mutwilligen Tötung von Menschen, dass damit das Recht auf Leben genommen wird, dass damit das 5. Gebot mit Füßen getreten wird, nicht zu töten?

Zwölf rote Pfeile hat der Künstler für seine Arbeit verwendet. Symbolische zwölf, weil diese Menge eine erhabene Zahl darstellt, eine Fülle, die von alters her alles und alle impliziert. Jeder von uns ist durch seine Unvollkommenheit und Fehler ein potentieller Pfeil, der Jesus und mit ihm Gott trifft und verletzt. Die rote Farbe der Flights, wie die kreuzförmigen Flugstabilisatoren der Pfeile heißen, mag als Hinweis auf das leidenschaftliche Engagement gedeutet werden, wenn es um die Verteidigung eigener Meinungen, Rechte oder auch des eigenen Lebens geht. Man sieht dann oft nur noch „rot“ und handelt aus dem Affekt.

Die künstlerische Arbeit lässt darüber nachdenken, mit was für „Pfeilen“ wir um uns schießen. Mit welchen Worten und Haltungen verletzen wir Menschen in unseren Lebensbereichen, nageln wir sie fest und machen wir sie damit vielleicht handlungsunfähig? Denn alles, was wir wie auch immer den Geringsten unter uns zukommen lassen, machen wir für Jesus oder gegen ihn (vgl. Mt 25,40.45) – und treffen ihn damit – wie mit Pfeilen.

WARUM? – Vielschichtige Erinnerung

Viele unterschiedliche Elemente verschmelzen in dieser Arbeit zu einem Bild. Neben- und übereinander angeordnet erzählen sie in vierzehn Stationen von Leiderfahrungen unter Chiles Militärdiktatur, welche die Künstlerin in Beziehung zum Leidensweg Jesu setzt. LEMA ist die Referenz an den Aufschrei Jesu am Kreuz: „Eli, eli, lema sabachthani?“ – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das WARUM ließ die chilenische Künstlerin betroffene Frauen vor Ort besuchen und im Gespräch mit ihnen nach Erinnerungen suchen. Die vierzehn Arbeiten verstehen sich denn auch als Beitrag zum Prozess des Erinnerns, als Hilfestellung das Geschehene aufzuarbeiten. Dafür hat die Künstlerin Bilder, Farben, Linien und Materialien zu einer vielschichtigen Symbolik verdichtet.

Für den Bildgrund nähte Moreno Sánchez Bettlaken der chilenischen Frauen mit Krankentüchern aus Deutschland zusammen. Damit verwendete sie Stoffe, die von den Berührungen jener, die sie genutzt haben, geprägt wurden. Photographien des Tanzstückes „Paradise Twice“ bedecken die Bettlaken und verstärken das Geschehene. Sie zeigen Menschen, die loslassen müssen, deren Geliebter entzogen worden ist. Handschriftliche Namen erinnern an das konkrete Leid und den Schmerz vieler Frauen, deren Männer, Söhne und Väter 1973 von den Militärs entführt, gefoltert und getötet wurden und die erst 37 Jahre später erfuhren, was mit ihnen geschehen war. Gleichsam als Gegenpart zum Namen sind oben Teile des Motivs mit Goldfarbe nachgemalt worden: Erinnerung, die heilsam, wertvoll und kostbar werden konnte.

Im rechten Teil werden die Farben der Tanzszene in einer photographischen Reproduktion eines historischen Messgewandes intensiviert wieder aufgenommen. Das Kreuz, auf dem zentral „IHS“ steht, der Kurzform von Jesus, wird so mit den menschlichen Kreuzwegen unserer Zeit in Verbindung gebracht; das Messgewand steht so stellvertretend für die christliche Liturgie, in der für die Leidenden und die Verstorbenen gebetet wird. Der Druck wird von der Röntgenaufnahme eines menschlichen Brustkorbes überlagert. Das weiße, nahezu transparente Knochengerüst mit teils schwarzen Konturen erinnert an die Toten, an Knochen, die man den trauernden Frauen Jahrzehnte danach überreicht hatte. Auch der große braune Fleck – entstanden durch verschüttetes Leinöl – weist auf eine frühere Gegenwart und jetzige Abwesenheit eines Körpers hin. Krankentuch, Kreuz, Messgewand, Knochen und Fleck bilden eine geistige Gegenwart, die wie in einem Gottesdienst durch das geschaffene kollektive Gedenken ein Vergessen verunmöglicht.

Quer über das Bild steht mit unterschiedlichen Buchstabenabständen geschrieben: „T e n g o que s o b r e v i v i r.“ – „Ich muss überleben.“ Ein Wort, das von Lebenswille zeugt und von der chilenischen Schriftstellerin Diamela Eltit den leidtragenden Frauen in den Mund gelegt wurde und die konventionellen Bezeichnungen der Kreuzwegstationen ersetzt. Zwei feine gerade Linien, die auf der einen oder anderen Seite zusammenlaufen und an denen sich die Farben in Abstufungen brechen, verstärken subtil das jeweilige Bildthema. Sie sind nicht zu verwechseln mit dem Schnittmuster, welches jeweils die vorderste Person der Figurengruppe überlagert und eine Art Gegenpol zur Radiographie darstellen. Beide sind unsichtbare und doch essentielle Form- und Gestaltgeber, die Knochen für den menschlichen Leib, das Schnittmuster für das ihn umgebende Kleid.

So leben die vierzehn Arbeiten von der ihnen innewohnende Bedeutungsdichte. Sie sind primär Gedächtnis des in Chile geschehenen Gräuels. Darüber hinaus verweisen sie „auf ein Allgemeines, im traurigsten Sinne. Denn auch für die jüngste Zeitgeschichte und die Gegenwart gilt, dass überall auf der Welt Menschen verschwinden, dass gefoltert und getötet wird [z.B. Syrien]. Den Prozess des Bewusstwerdens, der Trauer und der Heilung will Lilian Moreno Sánchez durch ihre Kunst befördern. Das Eigentümliche dabei ist, dass dies geschieht durch das Wunder schöner Bilder.“ (Petra Giloy-Hirtz in ihrem Beitrag „LEMA. Identität und Gedächtnis“ im Buch LEMA, Kunstverlag Josef Fink, 2014, S. 13)

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Gekreuzigt – auferstanden – in den Himmel aufgefahren

Eine nackte männliche Person befindet sich im Schoß einer Frau mit blauem Gewand. Er schaut zu ihr hoch, während sie dem Betrachter in die Augen schaut. Ihre beiden großen Hände sind nach vorne gekehrt. Sie sind leer, als wollte sie damit sagen: Seht, das ist mein geliebter Sohn!

Auch ohne die traditionelle Ikonografie lassen sich in den beiden Personen Maria und Jesus erkennen. Sie, die ihn in der Geburt einst in die Welt entlassen hat, muss ihn nun erneut loslassen – in den Tod. Dabei liegt er nicht wie in bekannten Pietà-Darstellungen horizontal über ihren Knien, sondern steht in seiner Mutter. Der Künstler hat Jesus ganz materiell in ihren Mutterschoss zurückkehren lassen, so dass er nicht nur durch ihren Mantel, sondern auch durch ihren Körper geschützt wird. So wird Maria gleichzeitig als Schutzmantelmadonna wiedergegeben. Jesus war der Erste, der ihren Schutz erfahren durfte. Nackt wie er geboren wurde, liegt er nun wieder in ihrem Schoß, an ihrem Herzen.

Durch seine senkrechte Gestalt ist seine Auferstehung vorweggenommmen, auch wenn sein Körper mit Mariens loslassenden Händen zusammen noch auf das Kreuz und seinen Tod hinweisen. Deutlich sind seine Wundmale an den Füssen zu sehen.

Seine Gestalt ist eher jämmerlich zu bezeichnen. Sie erinnert an den im Buch Jesaja beschriebenen Gottesknecht (Jes 42,1-4; Jes 49,1-6; Jes 50,4-11; Jes 52,13-53,12), aber auch an von Krankheit, Not und Sterben gezeichnete Körper.

Damit kann sich jeder Mensch in Elend und Not in Jesu Gestalt wiederfinden und darf sich von Maria in seiner Not und gegebenenfalls auch in seinem Sterben gehalten und geborgen fühlen.

So sehr der blaue Mantel das Zeichen Mariens ist, wird die blaue Farbe in dieser Darstellung auch zur Farbe des Himmels. Maria wird zur Himmelspforte, durch die Jesus mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird. Maria wird dadurch auch zum Sinnbild für den barmherzigen Vater selbst, der seinen toten Sohn in sich aufnimmt, um ihm an seinem Herzen und zu seiner Rechten neues, ewiges, herrliches Leben zu geben.

MARIA

Ohnmächtig
vor Trauer

Machtlos
gegenüber dem Tod

Loslassen
wie bei der Geburt

Lassen
was unfassbar ist

GOTT

 

Marianne Oettl

Kreuzauflegung

Glühende gelb-rote Farben füllen das Bild aus. Als einzige konkrete Form erhebt sich ein Tau-Kreuz in die Höhe. Seine Flächen heben sich aufgehellt – unten schwach, oben stärker – vom abstrakten Hintergrund ab. Wie ein Nagel senkt es sich in den gelben Bereich ein und wird dort gleichsam eins mit der Andeutung eines Menschen, dessen nach links gewendetes Gesicht nach und nach zu erkennen ist.

Gebückt und in sich gekehrt scheint er vorwärts zu schreiten, in sich eine glühende Energie tragend. Sie geht von seinem Nacken aus, auf dem das im Verhältnis zum Menschen kleine Kreuz aufliegt. Hier wird die Last des Kreuzes angedeutet, vielmehr aber die Veränderung im Kreuzträger. Entgegen den Erwartungen ist er – ebenso wie das Kreuz – nicht dunkel dargestellt, sondern als Lichtgestalt, die gleichsam als Mittelpunkt durch die ihn umgebende Feuersbrunst an Erregungen, Aggressionen und vernichtenden Emotionen geht.

In ihm leuchtet etwas Göttliches auf. Jesus wurde das Kreuz wegen der Menschen und von Ihnen aufgelegt, aber nur, weil es Gott zuließ. So kommt das Kreuz in dieser Darstellung mehr von oben als aus irgendeiner Menschenhand. Von der Auferstehung her gesehen wurde klar, dass die Hingabe Jesu bis in die Abgründe des Kreuzestodes zu Gottes Plan gehörte, um die Sünde des von ihm so sehr geliebten Menschen zu sühnen und zu tilgen. So darf das Kreuz als Not wendendes Mittel zu unserem Heil gesehen werden, als göttliches Instrument, das seinen Sohn so tief erniedrigte, dass er – auch am Kreuz erhöht – von ganz Unten die ganze Menschheit zu erlösen vermochte.

In unserem Bild scheint eine Feuersbrunst den Menschensohn zu umgeben, er musste förmlich durch die Hölle gehen. Wiederum stellt sich die Frage nach dem Licht, das er in sich trägt. Was ist das für eine Kraft, die glühender wirkt als sein Umfeld? Was ist das für eine Kraft, die ihm gleichsam über das Kreuz, das er wie eine Antenne zu Gott trägt, zufließt? Ob die warmen Farben mit dem Heiligen Geist in Zusammenhang gebracht werden dürfen, dem göttlichen Beistand par excellence? Damit Jesus das unerträgliche Leid aushält und auch in der größten Gottverlassenheit nicht aufgibt?

Von Jesus ausgehend ist das Bild offen für die mannigfaltigen „Kreuzauflegungen“ im Leben von uns Menschen, seien es unheilvolle Naturkatastrophen, Unfälle, Beziehungsdramen und anderes mehr. So gesehen nimmt der „Kreuzweg Jesu“ kein Ende. Aber dadurch, dass Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, ermutigt er alle, trotz der unsäglichen Schmerzen, trotz des schweren Leids nicht aufzugeben. Denn Gott ist dreifaltig in ihm, neben ihm, über ihm. Tod und Auferstehung Jesu lehren uns, dass Gott in seiner Weisheit alles zu einem guten Ende führt, auch wenn es in unseren Augen gar nicht so aussieht.

 

Klein wird der Mensch unterm Kreuz,
es ist aus mit dem aufrechten Gang,
mit seinem guten Gesicht, er ist geschafft
vom Geißeln, von Dornen gerissen,
man machte ihn schwach, er fällt ein.
Nun noch das Kreuz auf den Buckel
gezwungen, ihm pfeift der Atem durchs Blut
der Schmerz färbt das Holz in die Augen,
er sieht blutrot und verschwommen,
ein paar weiße Blitze und die leeren Gesichter
der Schinder. Man treibt ihn auf den Weg.
Nie hatte er so schwer getragen.

Ich weiß nicht, was er noch sieht unter
den Lidern, im wundgeschwellten Gesicht,
im Feuer der Schmerzen, mit den Dornen
im Kopf, unterm Kreuz,
taumelnd, als der Weg ihm beginnt.
Niemand nimmt sowas auf sich.
Doch es liegt schon auf ihm.
Er schaut blutädrig den Schrecken,
der ihn ausquält zum hitzig gleißenden Tod,
in die Kälte aus Hass.
Was denkt er im verklumpenden Fleisch?
Ein paar Stunden noch in seiner Stunde.
der Blick Schrei, der bald bricht.
Ein Gebet?
Vater.

Es muss sein, sagte er einmal den Jüngern.
Warum?
Was soll das?

Es ist über ihm. Vater.
Mein Gott.

(Josef Rossmaier)

Der 12-teilige Kreuzweg sowie eine Auswahl großformatiger Gemälde aus dem Jahr 2014 sind zusammen mit den eindrucksvollen Worten von Josef Rossmaier im 40-seitigen Katalog „Jacques Gassmann, Weg und Nachweg“, Sonderheft 7 des Diözesanmuseums Regensburg unter der ISBN 978-3-9817126-0-5 erschienen. 

An Gott hängen

An einem Balkengerüst hängen drei längliche, menschengroße Körper. Der linke Körper hat die Gestalt eines zusammengerollten, braunen Blattes, während sein Pendant auf der rechten Seite eine Mischung aus einer Muschel und einer Schmetterlingspuppe darstellt. Die Oberflächen beider Körper sind mit großer Sorgfalt gestaltet worden. Beim gerollten Blatt winden sich braune Linien spiralförmig um seinen bronzefarbenen Körper, bei der Muschel oder dem Kokon ist die silbern erscheinende Außenhaut mit einem wunderbar feinen Muster überzogen, während die Innenseite fleischfarben ausgestaltet ist. Damit strahlen die beiden Hüllen trotz ihrer prekären Lage eine natürliche Schönheit und Kostbarkeit aus.

Der mittlere Körper hebt sich in mehrfacher Hinsicht von den beiden äußeren Figuren ab. Zum einen hängt er an einem Strick, während die anderen mit einer Schnur an einem Fleischerhaken hängen. Zum anderen handelt es sich bei diesem Körper eindeutig um eine menschliche Gestalt, die vollständig in ein weißes Tuch eingewickelt einen Leichnam vermuten lässt. An verschiedenen Stellen sind im weißen Leinen rote Flecken erkennbar. Da sie dort sind, wo sich Hände, Füße, Seite und Stirn befinden, weist das durchsickernde Blut auf ein Opfer einer Kreuzigung und noch mehr auf einen mit Dornen Gekrönten hin: Jesus.

Die Balkenkonstruktion lässt auf den ersten Blick an eine ganz normale Hinrichtung durch Erhängen denken. Weil niemand an oder auf das Holzgerüst genagelt ist, tritt die Kreuzform in den Hintergrund bzw. wird erst auf den zweiten Blick sichtbar. Dadurch kann in dieser erweiterten Kreuzform durch die zwei senkrechten Balken ein Triptychon gesehen werden, das einerseits traditionell Leiden, Tod und Auferstehung Jesu zum Inhalt hat, gleichzeitig aber auch die Kreuzigung Jesu zwischen den beiden Verbrechern rechts und links anklingen lässt.

Die Installation parallelisiert den Kreuzestod Jesu mit anderen Sterberealitäten. Links als Folge des Alters, rechts als Sterbeerfahrungen im Leben jedes Einzelnen, wo immer wieder Wandlungsprozesse wie bei einer Raupe notwendig sind, wenn wichtige Phasen im Leben zu Ende gehen und eine Umorientierung notwendig machen. Oft führt das zu einer Zeit des Rückzugs, einer Abkapselung, während derer die Trauer verarbeitet und (Über-)Lebensstrategien und neuer Lebensmut gefunden werden müssen.

Durch die Radikalität dieser Erfahrungen, die wir nicht steuern oder aufhalten können, sind wir besonders in solchen Situationen, genau wie Jesus, ganz auf Gott angewiesen. Auf ihm ruht unsere Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, das Leben nicht genommen, nur gewandelt wird und eine neue Gestalt erhält.

Der Titel der Arbeit entstammt dem 9. Vers des 63. Psalms, der lautet „Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest.“ Mit diesen Worten bringt der Betende sein Ur-Vertrauen in Gottes Nähe und Kraft zum Ausdruck. Durch den starken Glauben hat sich der Beter wie ein Kind an die Hand seines Vaters gehängt. Und Gottes Hand hält ihn so fest, dass er, was auch geschieht, nie von ihr losgerissen oder verloren gehen wird. – Ob der dicke Strick als „Hand“ Gottes gedeutet werden darf? Der Strick geht ja nicht um den Hals, er hält den eingebundenen Körper in der Schwebe. Die bisherige Gestalt ist bereits verborgen, die Kommende noch nicht sichtbar. – Aber meine Seele hängt an dir, Du mein Gott!

Die Installation war 2015 im Rahmen des Concentration-Projektes in der Dreifaltigkeitskirche in Konstanz zu sehen (Ansicht 1; Ansicht 2). 

Gegen das Vergessen

In dieser Wandnische der Rosenkranzkirche in Osnabrück ranken vier rote, flammen- oder wurmähnliche Formen zum Glasfenster hoch. Allen ist eine horizontale Basis eigen, aus der längliche Formen hervorgehen, die an liegende, sitzende, kniende Menschen erinnern, die sich nach Licht sehnen. Man erhält den Eindruck in einem Keller zu sitzen, in Gefangenschaft.

Die Konturen und Oberflächen dieser unförmigen Gestalten sind ganz unterschiedlich gestaltet und verweisen auf vielfältige äußere Einwirkungen. Da gibt es tiefe Einschnitte, die an Verletzungen mit einem Messer, aber auch an einschneidende und unvergessliche Erlebnisse erinnern können. Andernorts ist die Oberfläche wie von Bombensplittern zerfetzt aufgebrochen, die Ränder wie nach einer Explosion ausgefranst. Dann wieder findet man abgetrennte Glieder oder Bereiche, die sich aufzulösen scheinen. So sind überall Verletzungen zu sehen und Beschädigung des menschlichen Lebens und des Lebensumfeldes zu spüren.

Dazwischen finden sich mit Goldfarbe geschriebene Vor- und Nachnamen. Sie erinnern an das Schicksal von zwölf niederländischen und italienischen Zwangsarbeitern, denen beim Bombenangriff der Alliierten am 16. Februar 1945 auf Grund ihrer nicht-arischen Herkunft der Zutritt zum Bunker am Schinkelberg in Osnabrück verwehrt worden war. Darauf waren sie in den Keller der Rosenkranzkirche geflüchtet, die jedoch durch einen Volltreffer total zerstört wurde, so dass alle Zwölf darin den Tod fanden.

Im Zuge der Renovierungsarbeiten und Umbaumaßnahmen 2013/2014 sollte das Mahnmal, das schon 2003 unter der Leitung des damaligen Religionslehrers der Gesamtschule Schinkel, Heinrich Munk, durch eine Schülergruppe gestaltet worden war, erneuert werden. Wiederum nahm sich eine Schülergruppe der Gesamtschule Schinkel dieser Aufgabe an. Der Kunstkurs entwickelte Konzepte für die Neugestaltung und unterbreitete dem Bauausschuss der Gemeinde vier Vorschläge. Dieser entschied sich für den Entwurf, bei dem das Rosenmuster der Kirchenfenster blutig rot an den Wänden fortgesetzt wurde.

Für die Überarbeitung und Ausführung des Entwurfs wurde der Künstler Tobias Kammerer beauftragt. Unter seiner Anleitung konnten die Schülerinnen des Kunstkurses in einer Projektwoche ihren Entwurf selbst auf die Wand übertragen (Bild 1, Bild 2, Bild 3). Während die einen an der Wand direkt arbeiteten, bereiteten andere die Schablonen für die Namen der zwölf Opfer vor, wiederum andere kümmerten sich um die Dokumentation der Arbeit, machten einen Flyer zur Gedenkstätte oder sorgten für das leibliche Wohl der Arbeitsgruppe.

Von den alten Glasfenstern mit dem Thema der schmerzhaften Rosenkranzgeheimnisse ausgehend zeichnet sich die Malerei weiter. Die Farbe Rot steht für den Schmerz, den diese Leute erlitten, gleichzeitig verweist sie auf das Martyrium Christi. Die roten Farbfelder erinnern an die Zerbombung Osnabrücks und das Flammenmeer jener Tage. Das Kreuz in der Wandmitte stand seit 1914 am Hochaltar über den Tabernakel. Es wurde nach dem Bombenangriff in den Trümmern wiedergefunden und als Assoziation zu den Opfern dort angebracht. Die in Gold gemalten Namen der Opfer bilden eine Farb- und Symbolverwandtschaft zu der Auferstehungsthematik an der Chorwand.

Am 19. Januar 2015 wurde den Schülerinnen des Kunstkurses für die Realisierung dieser Gedenkstätte der zweite Platz des Niedersächsischen Schülerfriedenspreises verliehen.

Persönlich hat mich beeindruckt, dass die damalige Arbeits- und Lebensgemeinschaft der Zwangsarbeiter in Osnabrück durch dieses Projekt bereichsübergreifend (Schule/Kirche und Schülerinnen/Künstler) und auf seine Weise in unserer Zeit fortgesetzt wurde. Es wird damit eindrücklich gezeigt, dass Gemeinschaft einem Geist entstammt und eine verbindende Kraft bildet, die keine Grenzen kennt.

Ad Manus

Zwei Bildflächen stehen zueinander im Verhältnis von ein Drittel zu zwei Drittel. Dadurch befinden sie sich miteinander im Dialog. Doch was eint, was verbindet sie in ihrer doch sehr gegensätzlichen Sprache?

Der aus dem Dunkel aufragende Arm und die am Querbalken festgeschlagene Hand verbinden das rechte Bild unwillkürlich mit der Kreuzigung Jesu Christi. Auch wenn vom restlichen Körper nichts sichtbar ist. Wie bei einem Ertrinkenden ragt die weiße Hand aus der Nacht des Grauens. Die Finger sind weit gespreizt, als suchten sie Halt, als wollten sie erfasst werden. Es ist die rechte Hand. Die Hand des Grußes. Aus dem Nichts taucht sie auf, das Leben andeutend, im Wunder der Hand sich konkretisierend, entfaltend und gleich wieder im Tod verlierend. Denn steil fällt der Arm nach rechts ab. Wer hier hängt, der hängt tief, in undurchdringlicher Nacht versunken.

Diesem farblosen Bild hat der Künstler ein schmales, hohes Bild gegenübergestellt. Es ist vertikal im goldenen Schnitt unterteilt, unten schwarz, oben goldfarben. Abstrakt antwortet es auf die einsame Hand, unten die Dunkelheit aufgreifend, oben eine neue Dimension andeutend. Mit feinen weißen Linien versetzt, strahlt die schwarze Fläche Ruhe aus. Soll damit die Ruhe und Erschöpfung nach dem Kampf angedeutet werden?

Wolkenartig bewegt erhebt sich darüber die einzige farbliche Betonung. Eine aufsteigende Dynamik ist spürbar, Licht, das noch nicht direkt sichtbar ist, doch durch eine Wolkenschicht durchscheint. Auferstehung wird angedeutet, Aufnahme in den Himmel, Verklärung des Leidens. Ist parallel zur Hand, im Verlangen der Finger, nicht ein lichter Abglanz von ihr wahrnehmbar, gleichsam im Herzen der goldenen Erscheinung? – Die Hoffnung, der Trost, dass alles menschliche Leiden Gott nicht unberührt lässt, sondern im Innersten zutiefst bewegt und dadurch in seine Herrlichkeit überführt.

Grundlage für dieses Diptychon ist eine siebenteilige musikalische Komposition über das Leiden Jesu durch Dietrich Buxtehude (1637-1707). In seinem Passionszyklus „Membra Jesu nostri patientis sanctissima“ (1980) folgt er den von Schmerzen geprägten Körperteilen des Gekreuzigten, beginnend bei den Extremitäten, den Füßen (Detailbild), aufsteigend zu den Knien und Händen, dann den Oberkörper betrachtend, zuerst die Seite, dann die Brust, vertiefend das Herz. Zuletzt schaut er ins Antlitz Jesu, in das gekrönte Haupt voll Blut und Wunden.

Für die sieben mehrstrophigen Hymnen bediente er sich einer der beliebtesten Passionsdichtungen jener Zeit, der „Rhythmica oratio“ von Arnulf von Löwen. In der Betrachtung der Hände heißt es:

Was sind das für Wunden
mitten auf deinen Händen?
Sei gegrüßt, guter Hirte,
erschöpft im Todeskampf,
der du durch das Holz gemartert bist
und an das Holz geschlagen bist
mit angespannten heiligen Händen.
Ihr heiligen Hände, ich umfasse euch,
Dank sage ich den so großen Schlägen,
den harten Nägeln,
den heiligen Blutstropfen,
mit Tränen küsse ich euch.
Von deinem Blut benetzt
übergebe ich mich dir ganz,
diese deine heiligen Hände
sollen mich beschützen, Jesus Christus,
in den letzten Gefahren.
Was sind das für Wunden … (Wiederholung)

So wie Dietrich Buxtehude den betrachtenden Worten von Arnulf von Löwen die unsichtbare musikalische Dimension beigefügt hat, so hat Johann P. Reuter den konkreten Körperteilen eine abstrakte Größe gegenübergestellt. Damit setzt er auf seine Weise das zeitlich Vergängliche in Beziehung zum Unvergänglichen: Das Greifbare versus das Unbegreifliche, die Temperauntermalung versus den Goldgrund, die Endlichkeit versus die Unendlichkeit, den Tod versus das ewige Leben.

Palmsonntag

Braun glänzend – wie aus flüssiger Milchschokolade – präsentiert sich die Figurengruppe aus acht stehenden Figuren, einem Reiter mit seinem Pferd und einem Gekreuzigten. Sie befinden sich in einem ebenfalls braunen Umfeld, in dem der Boden etwas dunkler, der Hintergrund – auch durch die sonnenähnliche Lichterscheinung – etwas heller gestaltet ist. Kabel verbinden die einzelnen Figuren, die alle in der gleichen Gestalt und Haltung dargestellt sind. Mit parallelen Beinen, senkrechtem Oberkörper, aufgerichtetem Kopf und seitlich erhobenen Armen stehen, sitzen oder hängen sie im Bild. Weder ihre Füße, Hände noch ihre Gesichter sind im Detail herausgearbeitet.

Die abstrahierten Menschenfiguren machen den Eindruck, zu einem Spielzeugsortiment zu gehören. Jemand hat sie so aufgestellt, dass die acht Stehenden mit exakt gleichen Abständen zueinander eine Kette oder die Art Spalier bilden. Der Reiter ist an ihnen vorbeigeritten, wie vor einer Ehrengarde. Im Hinblick auf den Gekreuzigten … ein letztes Geleit?

Ebenso befremdlich wie die im anhaltslosen Raum verlorene Figurengruppe wirken die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen. Im Vergleich zu den starren, uniformen Figuren sind sie erstaunlich beweglich und individuell gestaltet. Sie scheinen weder in der Bewegung noch in der Befestigung einem erkennbaren Schema zu folgen (Draufsicht). Auffallend ist allerdings, dass das Kabel in gleicher Weise durch die Brust des Reiters hindurchgeht wie gleich darauf durch die Brust und das Herz des Gekreuzigten. Dann senkt es sich in eine rechteckige Grube, die aus dieser Perspektive nur am Lichtschein schwach erkennbar ist, in einer anderen Ansicht aber als energiegeladener Gegenpool zur Sonne in Szene gesetzt wurde. Ein zweites Kabel steigt dieser Vertiefung auf und führt zur Figur ganz links.

Das Kabel bildet also einen Kreislauf. Es ist ein Band, das durch alles geht und dadurch eine starke Verbundenheit schafft. Es bringt die gleichförmigen Figuren zueinander in Beziehung und deutet eine Abfolge an, die ohne diese Verbindung nicht ersichtlich wäre: Ein Vorher und ein Nachher, ein ungläubiges Mittun und ein gläubiges Verstehen, ein Zujubeln Jesu beim Einzug in Jerusalem, dem die furchtbare Kreuzigung, der Tod und die Grablegung folgen, als auch ein neues Sehen, Verstehen und Erleben der Ereignisse nach der Auferstehung. Ob es Zufall oder Absicht ist, dass – zumindest in dieser Ansicht – vier Kabelpartien Parallelen aufweisen und gebündelt in die Richtung der erleuchteten Grube, des leeren Grabes weisen?

Aus ihm steigen zwei Kabel auf, die wie zwei Stromkabel direkt als auch durch den Gekreuzigten den Reiter hindurch die so starre Figurengruppe bzw. fast die ganze Figurenreihe „elektrisieren“ oder mit „Leben“ versorgen. Denn die zweite Figur von links (Detailbild) ist nicht mit den anderen verbunden, obwohl sie genau so dasteht wie die anderen. Was der Künstler damit wohl andeuten möchte? Sieht er diese isolierte Figur im Zusammenhang mit Judas, der auch am Abendmahl teilgenommen hatte, obwohl er Jesus gleich danach verraten hat? Oder soll sie andeuten, dass der Glaube an Jesus letztlich ein Geschenk ist, eine Gnade, die nicht jeder annehmen kann?

Unabhängig davon ist die Offenheit oder Mehrdeutigkeit bemerkenswert, die durch die Gleichförmigkeit der Figuren entsteht. So sind alle Figuren vom Kreuz gezeichnete Gekreuzigte, die Freistehenden aber zugleich vom Kreuz gelöste und erlöste Menschen in einer neuen Freiheit und Wirklichkeit. Haben sie Jesus beim Einzug in Jerusalem noch mit erhobenen Armen jubelnd „König Israels“ zugerufen (Joh 12,13), so können ihre ausgestreckten Arme nach seiner Auferweckung ihre Freude zum Ausdruck bringen, dass er der Auferstandene ist, der Herr des Lebens, Gottes Sohn. In Bezug auf die Figur, die nicht mit Jesus und den anderen verbunden ist, könnte die Gleichförmigkeit ihrerGestalt und ihr Platz in der Reihe darauf hinweisen, dass bei allen Menschen das Potential und die Möglichkeit des Glaubens an Jesus vorhanden ist.

So sehr die Figuren mit einem Spiel, mit spielerischer Oberflächlichkeit und Beliebigkeit in Verbindung gebracht werden können, sie stehen gerade in ihrer Anonymität für ALLE Menschen. Die Zahl Acht setzt sich aus der Sieben und der Eins zusammen, wobei die Sieben als Summe von drei und vier für Fülle und Vollendung, für die Vereinigung des Geistigen und des Irdischen steht, während die Zahl Acht auf den „achten Schöpfungstag“ hinweist, die Auferstehung Christi und die Neuschöpfung des Menschen durch IHN.

Die erhobenen Arme des Reiters bringen deshalb auch nicht seine Reitkunst zum Ausdruck, sondern formen die Vorgestalt des Gekreuzigten und bringen seine Bereitschaft, das Kommende anzunehmen und zugleich die vorweggenommene Freude des Sieges über den Tod zum Ausdruck. In seiner ganz eigenen Darstellung vermag dieses am Computer hergestellte Bild also trotz seiner befremdlichen Erscheinung Wesentliches des Einzugs Jesu in Jerusalem darzustellen und seine Bedeutung im Licht der darauffolgenden Ereignisse zu entfalten. Deswegen hat die braune Farbe auch weniger mit Schokolade, als vielmehr mit der Erde und dem Sterben zu tun. Eine grüne Version des Bildes zeigt denn auch, wie österlich befreit die Figurengruppe in der Farbe des frühlingshaften pflanzlichen Lebens und ohne die lebenserhaltende „Nabelschnur“ wirken kann.

Hilferuf in der Verstrickung

Eine menschliche Figur liegt im Vordergrund, den Blick und den linken Arm nach oben richtend (Totalansicht). Sie ist in seilartige Fäden eingewickelt, verstrickt in einer langen Schnur, die gewunden von einem übergroßen Garnknäuel zu ihr führt. Dieses Seil scheint ihre Freiheit nach und nach eingeschränkt, dann gefesselt und schließlich zu Fall gebracht zu haben. Nun wirkt es, als sei es der Person gerade noch gelungen, den linken Arm zu befreien, um Hilfe vom Himmel zu erflehen.

Bei der Frage nach der Person geben einerseits die Wundmale an Händen und Füßen als auch die Körperhaltung den Hinweis, dass es sich um Jesus handelt, dessen Körper aus einer Kreuzigungsdarstellung (Detailbild) ausgeschnitten und um 90° nach links gedreht aufgeklebt wurde. In liegender Position und umwickelt von dem seilartigen Garn, wirkt sein Körper gefangen und gestrauchelt, aber lebend.

Hinter ihm stehen sich zwei runde Formen gegenüber. Links von seinem Arm befindet sich eine rote Schüssel mit einem Tuch. Es hängt so über den Schüsselrand, dass sein rechter Zipfel nach rechts weist und dort in leicht aufsteigender Linie über die Schnur zum Fadenknäuel führt. Jesu Arm geht mittendurch, gleichsam Freiraum ringend.

In der Grauzeichnung mutet Jesus wie ein Sterbender aus einem antiken Theater an. Dramatisch liegt er darnieder, Kopf und Arm zu einem letzten Hilfeschrei erhoben. Seine Verfolger haben ihn zu Fall gebracht mit all den Fäden, die sie gegen ihn gesponnen haben (vgl. Mt 26,4). Endlich haben sie den unbequemen Störenfried in ihre Gewalt gebracht, bald wird er nicht mehr gegen sie und ihre Verhaltensvorstellungen reden können.

Offensichtlich ein Sieg. Aber die Verbindung zu der durch den Wollknäuel symbolisierten Personengruppe ist nicht gekappt. Auch wenn sie es nicht wollen, werden sie mit ihm verbunden bleiben, ob sie nun aktiv seinen Tod gefordert oder sich wie Pilatus der Verantwortung entziehend die Hände in Unschuld gewaschen haben (Mt 27,14). Die rote Schüssel mit dem Tuch kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie verweist aber genauso auf die Fußwaschung vor dem letzten Abendmahl (Joh 13,1-20; vgl. Lk 24,26f), mit der Jesus seinen Jüngern nochmals den Unterschied zwischen Dienen und Herrschen eindrücklich vorgelebt und ersteres als richtungsweisendes Beispiel gegeben hat.

Schließlich soll noch die auffallende rote Farbe der Waschschüssel auf ihre Bedeutung befragt werden. Unwillkürlich lässt sie an das Blut denken, das bei Jesu Folterung und Kreuzigung geflossen ist. Doch in der Chronologie des Geschehens kann sie bei der Fußwaschung zuerst als Zeichen der Liebe, der ganzheitlichen Zuwendung und Hingabe gedeutet werden (Joh, 13,1). Erst mit dem Gebet in Getsemane, bei dem sein Schweiß aus Angst wie Blut zur Erde tropfte (Lk 22,44), erhält die rote Farbe die Bedeutung des Blutes. Und was in Getsemane tropfenförmig seinen Anfang nahm, wird am Kreuz durch den Lanzenstich des Soldaten als Blut und Wasser aus seiner Brust herausfließen (Joh 19,34).

Viele Aspekt der Arbeit verweist so auf die Zeit des Leidens und Sterbens Jesus. Aber ob man das Kunstwerkt ohne die Titelangabe mit Getsemane in Verbindung bringen würde? Jesus ist allein dargestellt, ohne die Jünger. Aber fühlte er sich neben den schlafenden Jüngern nicht auch allein? Auch ist Jesus weder in einem Garten noch in einer traditionellen Gebetshaltung dargestellt. Aber könnte das handgeschöpfte Papier mit seiner faserigen Struktur und dem natürlichen Büttenrand symbolisch nicht für den Garten stehen, der erhobene Kopf, die ausgestreckte Hand für sein Gebet? In dieser freien Leseweise von Jesu Gebet auf dem Ölberg könnten denn die folgenden Psalmverse auch Teil des Gebetes Jesu gewesen sein:

Mich umfingen die Fesseln des Todes
mich erschreckten die Fluten des Verderbens.
In meiner Not rief ich zum Herrn
und schrie zu meinem Gott.
Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.
Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich,
denn er hatte an mir Gefallen.
(Ps 18,5.7.17.20)

Entbindung

Der eiförmige Körper ist in zwei Teile auseinandergebrochen, als wäre ihm gerade ein Lebewesen entschlüpft. Dieser Eindruck wird durch die zwischen Öffnung und Deckel am Boden liegenden Binden verstärkt. Nun liegen Schalen und Binden verlassen da. Niemand ist zu sehen. Die hinterlassenen Teile bezeugen jedoch ein Geschehen der Verwundung, der Verwandlung und auch der Offenbarung. Denn was einst verborgen war, ist nun erkennbar, auch wenn niemand zu sehen ist.

Von Verwundungen erzählen die verschiedenen Narben und die blutrote Stelle im Verband. Sie sind offensichtlich zu verschiedenen Zeiten zugefügt worden, denn zwei sind vernarbt, wobei bei der einen noch die Fäden, mit der die Wunde zugenäht worden ist, zu sehen sind, und die blutende Wunde so frisch ist, dass sie durch die Kompresse blutet (weitere Ansicht). Ebenso ist eine sechsstellige blaue Zahl zu sehen. Ob sie auch mit einer Verletzung zu tun hat? Möglich ist es schon, denn nur eine Zahl zu sein oder abgestempelt zu werden ist nichts Angenehmes, auch wenn für uns Zahlencodes auf Eiern sehr vertraut sind.

Doch geht es hier nur um einen geschlüpften Vogel? Die Hohlform gleicht wohl einem Vogelei, ist mit einem Durchmesser von 34 cm allerdings sehr groß. Die wächserne Oberfläche erinnert zudem in Farbe und Aussehen an menschliche Haut. Auch den Verband bringen wir eher mit einem Menschen in Zusammenhang als mit einem Ei.

So sprechen die aufgebrochene Schale und die abgelösten Binden das Thema „Geburt“ an. Das Ei ist verlassen, der Verband teilweise gelöst worden. Letzterer schützte wohl primär den verletzten Körper, verweist sekundär jedoch auf die Ent-Bindung des Kindes von seiner Mutter bei der Geburt. Entbindung meint ja im übertragenen Sinn das Lösen von Bindungen, die neues Leben verhindern.

Spontan mag man an die Auferweckung des Lazarus denken, von dem es in Joh 11,44 heißt: „Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!“

Auch Jesu Auferstehung wird parallel zu den biblischen Berichten aufgenommen. Die Künstlerin schreibt dazu: „Die leere Hülle zeigt noch die Spuren erlittener Gewalt und entspricht gleichzeitig dem leeren Grab. Die Binden wurden wie beim Leichnam Jesu von außen gelöst. Der Raum, in dem das Leben herangereift ist, wurde gesprengt und verlassen.“ An die Stelle von Dunkelheit und Gefangenschaft sind Licht und Bewegungsfreiheit getreten, weil Gott ihn nicht verlassen hat, weil er Ihm nahe geblieben war.

verBUNDen

Die Holzfigur von Jesus am Kreuz wurde 2011 in der evangelischen Stadtkirche in Tuttlingen im Rahmen der Ausstellung „malhalten“ von der Künstlerin mit weißen Stoffbinden umwickelt. Die Gestalt des Gekreuzigten ist noch deutlich sichtbar, sie befindet sich auch noch am Kreuz und in der gewohnten Umgebung (Ansicht im Kirchenraum). Aber durch den Verband wurde sein geschundener Körper verhüllt und damit den Blicken der Betrachter entzogen. Manch einer mag durch diese Veränderung erschreckt reagieren und vielleicht auch an Blasphemie denken.

Doch die Künstlerin veränderte durch ihre Intervention die Botschaft des Kreuzes nicht. Was nach Verfremdung ausschaut, ist in vielen Kirchen ein traditioneller Brauch während der Fastenzeit. Vor allem in katholischen Regionen werden die Kreuze mit einem violetten Tuch verhüllt, den Blicken der Gläubigen entzogen, damit sie nach dem „Bilderfasten“ das Kreuz und seine Botschaft mit neuen Augen sehen können.

Allerdings hat Margaret Marquardt die Verhüllung variiert, in dem sie dem Kreuz nicht nur ein „Fastentuch“ vorgehängt hat, sondern sich dem Corpus Christi zugewendet hat. Mit den Mullbinden hat sie den „Leib Jesu“ wie einen Verletzten verbunden (Detailansicht). Dadurch, dass kein Körperteil mehr zu sehen ist, erscheint er sogar als Schwerverletzter. Der Körper wird durch den Verband nicht nur geschützt, sondern auch stabilisiert. Die Verbindungen zum und mit dem Kreuz geben ihm wie bei jemandem mit einem Arm- oder Beinbruch zusätzlichen Halt.

Die Stoffbinden erzählen auch, dass sich jemand der Verlassenheit des Gekreuzigten angenommen hat. Durch die Intervention der Künstlerin wurde dem Gekreuzigten Zuwendung und Fürsorge zuteil. Er erhielt ein notdürftiges, sauberes „Kleid“, das seine Blöße bedeckt. Die Hautfarbe ist dem Weiß der Mullbinden gewichen und signalisiert Heilung. Heilung der körperlichen Wunden im Besonderen, doch auch umfassende Heilung aller verletzten Beziehungen. Arnold Stadler schreibt dazu in seinem Buch zur Arbeit von Margaret Marquardt (S.19): „Das Heile ist das Ganze. Verbinden ist immer Heilen. Ein Joint Venture aus Jenseitigem und Diesseitigem, aus Oben und Unten, Göttlichem und Menschlichem, Heilem und Heilungsbedürftigem, von Innen und Außen, hier und dort. Dem Heilsverlangen des Menschen und der ganzen Schöpfung entspricht das Heilsangebot des Kreuzes, das von der Künstlerin gesehen und einbezogen wird in ihr Heilskonzept. Der Lichtstrahl [der vor dem Kreuz vertikal den Kirchraum quert] vergegenwärtigt den Vorrang des Gnadenhaften vor dem Machbaren des Heils und des Heilens. In diesem Licht ist auch der Lichtstrahl zu sehen.“

Als rotes Band flankiert dieser „Lichtstrahl“ die Verhüllung, mit seiner Farbe an das Blut erinnernd, das pulsierende Leben, die Macht der Liebe. Eingespannt als Installation zwischen Kirchendecke und Boden, kommt es doch klar von oben herab, göttliche Verbundenheit mit seinem Sohn und durch ihn mit allen Menschen symbolisierend. Es bringt grundsätzlich den Bund, die Verbundenheit zwischen Gott und den Menschen zur Sprache. Im Zusammenhang mit dem Gekreuzigten wird insbesondere seine Wirkmächtigkeit bei allen Verachteten, Leidenden und Sterbenden sichtbar. (Detailansicht)

Das weiße Verbandsmaterial verweist über das menschliche Erbarmen hinaus auf das Erbarmen Gottes. Er ist und bleibt allen Menschen nahe, selbst in ihrer größten Verlassenheit. Der verbundene Körper verbirgt und offenbart gleichzeitig sein geheimes Wirken. Dies wird auch in der Ähnlichkeit des Verbundenen mit dem Kokon einer Raupe deutlich, in dessen Verborgenheit sie in einen Schmetterling verwandelt wird und sich ihr eine vollständig neue Lebensdimension eröffnet.

So deutet der Verband die anstehende Verwandlung an. Der Körper ist noch da, aber verborgen, nur in einer äußeren Form sichtbar. Der Verbundene stellt gewissermaßen eine Karsamstagsexistenz (vgl. Hans-Ulrich Wiese) dar, die Zeit – und den Zustand – zwischen Tod und Auferstehung charakterisierend, in der das Vergangene verhüllt und das Kommende angedeutet, aber noch nicht offenbar ist.

Dieser Arbeit von Margaret Marquardt hat Arnold Stadler ein Buch gewidmet. Es trägt den Titel: Da steht ein großes JA vor mir. Es ist 2013 im Verlag Jung und Jung erschienen und umfasst 104 Seiten sowie 14 farbige Abbildungen. ISBN-10: 3990270397.

Gegeißelt, geschunden, geschlagen

Kreuz und quer überziehen blutrote Farbstriche die Bildfläche. Es sieht aus, als wäre das Bild heftig geschlagen und verletzt worden. Gepeitscht, gegeißelt, wie derjenige, der auf ihm dargestellt ist. Blutrote Striemen bedeuten harte, schnelle Schläge, die die Haut haben platzen lassen. Schläge, die tief ins Fleisch hinein verletzt haben und das Blut herausspritzen lassen. Von den seelische Verletzungen, die das Herz direkt treffen, ganz zu schweigen.

Furchtbar steht das blutige Geschehen vor unseren Augen – und verdeckt mit seiner unmenschlichen Gewalt fast gänzlich den, den es getroffen hat. Nur die Füße und Beine und der obere Teil des Kopfes des Misshandelten sind zu sehen. Ansonsten hat sich die Gewalt breit gemacht und Seinen Platz eingenommen. Die Peitschenschläge sind förmlich zu spüren.

Wie ein geschundenes Herz steht die Bluttat zwischen dem Betrachter und dem Gegeißelten. Sie versperren die Sicht auf Jesus, entrücken ihn und lassen die höhnische Frage der Diener im Palast des Pilatus aktuell werden: „Sag uns, wer hat dich geschlagen?“ (Mt 26,67)

So wie das Geschehen vor unseren Augen steht, mögen Zweifel aufsteigen. Habe ich ihn in einem unkontrollierten Augenblick vielleicht auch geschlagen? Vielleicht nicht ihn, wahrscheinlich auch nicht mit einer Peitsche, aber einen anderen unschuldigen Menschen? Mit der mir eigenen Gewalt – Macht, Worte, Druck, Aggression, usw. – sein Leben in ein „Blutbad“ verwandelt?

Unerträglich groß haben sich die blutroten Striemen über dem Gepeinigten aufgebaut. Ist das, was er zu erleiden und auszuhalten hat, als Mensch noch zu ertragen? Andererseits haben sich die Verwundungen wie ein Schutzschild vor dem Gegeißelten aufgebaut. Durch die Wunden scheint er unnahbar, unzugänglich. Doch nicht er hat sich von mir entfernt, sondern durch mein und unser Vergehen haben wir uns von ihm getrennt.

Vertikale Farbläufe gliedern wie Blutgerinnsel oder Tränen den unteren Teil des Bildes. Sie künden von nicht aufhörenden Verletzungen durch Verachtung und Gewalt, sie künden von der Ohnmacht der Geschlagenen, von der stillen Trauer der Leidenden und all derer, die mit ihnen leiden.

„Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen“, heißt es bei Jesaja 53,4 vom Gottesknecht. Genauso muten die vielen auf die Leinwand gepeitschten Farbstriche an: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ Und ein paar Verse weiter heißt es: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf.“ So steht auch der Mensch im Bild hinter dem Peitschenregen und hält standhaft aus. Hält aus im Vertrauen auf Gott, dass Er ihm in der Folter Stand verleihe, ihn in der Folter fest halte.

Etwas von diesem Vertrauen, dass Gott ihn nicht verlassen hat, sondern durch alles Leiden hindurch begleitet und auch retten wird, scheint unauffällig in den sich zu einem Farbfeld verdichteten Peitschenhieben auf. Sie lassen nicht nur die maßlose Gewalt sehen, sondern im blutenden Herz auch zwei Flügel. Flügel, welche das Leid nicht unsichtbar machen, aber durch die Hoffnung auf Erlösung und Auferstehung leichter und erträglicher machen.

 

„Wer hat unserer Kunde geglaubt?
Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.“ (Jesaja 53)

Alle Bilder der Passion 2012

Aufgerufen mitzuwirken

Zwei Hände strecken sich dem Licht entgegen. Sie sind offen, bereit zu geben, vor allem aber zu empfangen. Nur mit Strichen dargestellt wirken sie transparent wie geistige Wesen. Sie erscheinen im Einklang mit dem Licht, ganz auf es ausgerichtet, ganz von ihm durchdrungen. Insbesondere die beiden weißen Lichtbündel treffen auf die Hände, berühren sie, enden in ihrer Durchdringung.

Die Armansätze führen mit einem Unterbruch zu einem amorphen Gebilde, das sowohl die Schulter eines Menschen als auch die Teilansicht einer etwas unförmigen Weltkugel sein kann. Im ersten Fall schaut der Betrachter jemandem über die Schulter. Da kein Kopf zu sehen ist, kann die Schulter im Bild aber auch zur Schulter des Betrachters werden, die beiden ausgestreckten Hände zu seinen eigenen. – Ein eigenartiges Gefühl, seine Hände vergeistigt im Licht zu spüren, von den beiden Lichtstrahlen quasi stigmatisiert. Aber vielleicht ist es auch ein schönes, beglückendes Gefühl, so angesprochen und befähigt zu werden.

Im zweiten Fall wirken die Hände als Ausdruck der ganzen Welt. In den asketisch-knöchrigen Fingern wie auch der Handhaltung liegen ein Bedürfnis, eine Geste des Bittens um Führung, um Erfüllung. Von der materialistischen Welt her gedacht, könnte man meinen, dass sich die Hände ins Nichts hinausstrecken. Doch die Farben Gelb und Orange umgeben und erfüllen die Hände mit einer Wärme und Festigkeit aus einer anderen Welt, die Halt und Zuversicht schenken.

Nach zehn dunkel gestalteten Kreuzwegbildern (ganzer Kreuzweg auf der Website der Künstlerin) bildet dieses Bild das erste von vier in warmen Gelbtönen gemalten Bildern, in denen die Hände eine zentrale Rolle spielen. Unwillkürlich mag einem dazu das Lied von Julie von Hausmann in den Sinn kommen: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich! Ich mag allein nicht gehen nicht einen Schritt; wo Du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit!“ Doch es geht nicht nur um den letzten, schwersten Weg durch den Tod hindurch. Die Bilder wollen den Betrachter jetzt anregen, seine von Gott erhaltenen Fähigkeiten aktiv für die Gestaltung seines Lebens und seiner Um- und Mitwelt einzusetzen. Diesbezüglich ist die ambivalente Gestaltung der „Schulter“ gelungen, denn es sind meine Hände, ich bin es, der oder die sich für das Gute in der Welt einsetzen soll. Letztlich sind wir alle angesprochen mitzuwirken. Wir alle sind von Gott aufgerufen, in der Nachfolge Christi unseren Beitrag zur Gestaltung der Welt zu leisten.

Unterm Kreuz

Mächtig durchqueren die beiden Kreuzbalken das quadratische Bildformat. Sie durchkreuzen es geradezu, so als sollten sie kundtun: No way – kein Durchkommen hier. Dabei sind sie ganz leicht gemalt, fast Ton in Ton mit dem Hintergrund. Auch die Kanten des Kreuzes sind oftmals mehr angedeutet als sichtbar. So erscheint es nicht wirklich schwer und doch ist das ungeheure Gewicht in den intensiver werdenden Farben und der Verdichtung der Striche in der unteren Bildhälfte zu spüren.

Der andere Strichduktus lässt vage Gestalten und Gesichter wahrnehmen. Auf der linken Seite sind die Umrisse eines größeren Kopfes und seiner Haare auszumachen. Man mag an einen geneigten Jesuskopf denken. Allerdings bleibt die Gesichtspartie leer bzw. erscheint sie wie von heftigen diagonalen Strichen zerstört. Dafür tauchen darunter geradezu verstörend fratzenhafte Gesichter mit starrem Blick aus der Dunkelheit auf. Hinzu kommt, dass von rechts her ein diabolisches Ziegenkopfgesicht mit weit geöffneten Augen auf dieses traumhafte Geschehen im gerade erwähnten Kopf blickt. Zwischen den beiden Köpfen vermag man zeitweise auch den Kopf und den Oberkörper eines Jugendlichen zu sehen, wenn sich sein Kopf bei längerem Hinschauen nicht wie bei einem Vexierbild in das rechte Auge eines noch größeren Gesichtes verwandelt, das oben durch zwei angedeutete Hände, die aber genauso gut Haarsträhnen sein können, begrenzt wird.

„Was ist hier los? Was geht hier vor?“, mag der eine oder andere sich erschreckt fragen. Auf diese Weise mitten in das Geschehen unter dem Kreuz hineingezogen, meint man in den intensiven Farben den fieberhaften Zustand und die Anstrengung des unter dem Kreuz Leidenden zu spüren. In den vielen Gesichtern werden seine Ängste, seine Auseinandersetzungen und Versuchungen sichtbar. Hier werden dem Betrachter auf subtile Art und Weise die psychischen Leiden des zum Tode Verurteilten bewusst gemacht. Die bedrängende Nähe all dieser Geister ist schrecklich. Offensichtlich gibt es kein Entrinnen, keinen Ausweg. Zwar taucht immer wieder der auf den Leidenden zulaufende Jugendliche auf, aber er kommt gegen die Übermacht des Bösen nicht an. Nach kurzer Zeit entschwindet er wieder den Blicken des Betrachters und man fühlt sich wieder in die Not des unter dem Kreuz Gefangenen zurückgeworfen. Ein nicht enden wollender Albtraum.

Sehnsucht nach Hoffnung mag sich breit machen. Überm Kreuz ist das Bild lichter und wie ein Halluzinierender meint man weitere Gesichter zu erkennen, freundlichere, und einen Lichtstreifen am Horizont. Aber gehören die Gesichter tatsächlich zu Hilfe eilenden Engeln? Ist das Licht ein wahrer Hoffnungsschimmer? Oder gaukelt die irrelaufende Fantasie des Gefolterten ihm all das vor, um wenigstens einen Funken Hoffnung zu haben, dass er in dieser ausweglosen Bedrängnis nicht ganz allein ist?

Dann, irgendwann, vielleicht auch schon früher, die Wahrnehmung eines noch ganz anderen Gesichtes im Kopf des Leidenden. Es zeigt sich von der Seite. Mehr oder weniger auf der unteren Kante des nach rechts aufsteigenden Kreuzbalkens (ein Symbol des aufstrebenden Lebens) lässt sich das Profil eines Gesichtes erkennen: die Stirn geht in einem Bogen in die Nase über, weiter unten die geschlossenen Lippen, ein Kinn. Die Augen sind nur ein Strich. Eine Ruhe geht von ihm aus … wie bei einem Schlafenden. Ganz in sich gekehrt, eins mit dem Kreuz, strahlt dieses Gesicht eine innere Kraft aus, die von außen gar nichts berühren, geschweige denn zerstören kann. Stark istdiese totale körperliche Auslieferung, noch stärker die das Leiden und den nahen Tod überwindende geistige Kraft, die der selige Ausdruck dieses Gesichtes ausstrahlt.

Impulse fürs Leben

Zwei Bilder stehen an die Wand gelehnt auf dem Boden. Sie befinden sich an der Stirnseite des Andachtsraumes im Reichstagsgebäude in Berlin. Die beiden Bildtafeln bilden mit fünf weiteren Tafeln (Ansicht 1, Ansicht 2, Ansicht 3) den visuell prägenden Schmuck dieses überkonfessionellen Andachtsraumes von Günther Uecker, in dem er zu meditativem Nachdenken anregt und Wesentliches zum Verhältnis der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam zur Sprache bringt.

Die abgebildeten beiden Tafeln sind dem Christentum zugeordnet. Mit den Nägeln und den mit Leinen auf den weiß-braunen Hintergrund applizierten Kreuzen lassen sie an den Kreuzestod Jesu denken. Doch wieso so viele Nägel, wieso zwei Kreuze? Stehen sie etwa für das Leiden und den Schmerz vieler? All derer, die genau wie die Nägel geschlagen wurden? Zusammen bilden sie auf den Kreuzen aus Leinen, das früher auch als Verbandsmaterial und als Leichentuch verwendet wurde, einen Körper, der sowohl geschunden als auch voll innerer Dynamik und Schönheit ist. Durch die Bewegung der Nägel liegt ein eigenartiger Schwung in ihnen (Detailansicht). Durch die Verdichtung der Nägel nach oben und die erhöhte Position der Kreuze wohnt ihnen trotz ihrer schweren Last etwas Leichtes inne, scheinen sie wie Blätter über der graubraunen Sandflächen in der Luft zu tanzen.

Schweben sie nicht über dem Materiellen und Schweren, über dem Dunklen und Belastenden im mit weißen Farbflächen versehenen Bereich? Beide zeigen zudem eine von links unten nach rechts oben strebende dynamische Bewegung. In diesen Kreuztafeln steckt hoffnungsvolles Leben. Was wohl der Grund dafür sein mag? Ob er letztlich im Zwischenraum liegt, der nicht nur in der Fotomontage, sondern auch im Andachtsraum der Breite einer Tafel entspricht? Der leere Platz als Sinn-Bild für denjenigen, der zwischen zwei Schächern gekreuzigt worden ist, aber als Erster von den Toten auferweckt wurde? Ja, denn wir glauben, dass Jesus alle Leiden auf sich genommen und getragen hat, damit alle durch ihn Erlösung erlangen. Sein neuer Platz ist unmittelbar vor diesem leeren Platz auf dem Altar.

Die beiden Bildtafeln erinnern also ganz konkret an die Kreuzigung auf Golgata, zeigen bildlich aber nur die Kreuze der beiden Schächer. Ein Ort für meditatives Nachdenken. Wo stehe ich? Was bewirke ich? Welche Ungerechtigkeiten, ja Verbrechen können aus meinen Entscheidungen und Handlungen entstehen und vielen Menschen unsägliches Leid und großen Schmerz zufügen? An diesem Ort mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen stellen die Bildtafeln eine starke Erinnerung dar, ja einen steten “Nagel im Fleisch” (2Kor 12,7) der Politiker, ihre Interessen und ihre Macht gut zu bedenken, ihre Entscheidungen gut abzuwägen, damit sie für den Nächsten nicht Tod, sondern Leben und zwar möglichst gutes Leben bedeuten.

Als weiterführende Literatur zum Andachtsraum finden Sie hier einen empfehlenswerten Bericht von Dr. Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundentages, aus der Zeitschrift kunst und kirche 2/2010 (mit freundlicher Genehmigung des Autors und Dr. Johannes Stückelberger). Zum Bericht (1,4 MB PDF).

Das weiße Hemd

Durch den Besuch der choreographierten Version der Matthäus-Passion von John Neumeier in Hamburg inspiriert, hat Andreas Felger dieses Bild gemalt. So hat das Erste der „Ballette der weißen Hemden“, wie John Neumeier seine Inszenierungen der Matthäus-Passion (1980), des Magnificats (1987), des Mozart-Requiems (1991), des Messias (1999) und des Weihnachtsoratoriums (2007) gerne bezeichnet, eindrückliche Spuren im Werk eines anderen Künstlers hinterlassen.

Nur ein Gegenstand ist auf der roten Bildfläche dargestellt: ein stilisiertes weißes Hemd. Der Halsausschnitt ist mit einem halbrunden Strich angedeutet, darunter zwei Knöpfe zum Schließen der Öffnung. Es erinnert an ein einfaches Gewand und gleichzeitig an ein Kreuz.

Erhöht, ja erhaben thront es in der roten Fläche, ganz wenig nach rechts aus der Mitte gerückt. Mit diesem einfachen, aber symbolhaltigen Bildaufbau lässt Andreas Felger ganz verschiedene Sichtweisen zu. Die weite rote Fläche und das zentrale Kreuzmotiv lassen beim ersten Blick vielleicht an eine Schweizer Fahne denken. Doch dann macht das einsame weiße Hemd im roten Umfeld nachdenklich. Unschuld und Blut kommen zur Sprache. Fragen gehen durch den Kopf. Wen es wohl getroffen hat? Was mag wohl der Träger des Hemdes erlebt haben, dass es blutig rot befleckt ist? Befleckt mit der gleichen roten Farbe, welche auch sein Umfeld aufwühlt? Oder bildet die rote Fläche vielmehr einen weiten Mantel, der seine Einsamkeit kleidet und seine Erniedrigung königlich erhöht?

Wir wissen es nicht. Jeder ist aufgefordert, seinen Zugang zum Dargestellten zu finden. Aus dem leuchtenden Rot spricht die von Blut gezeichnete menschliche Leidenschaft gegen den Einzelnen genauso wie die von der Liebe bewegte göttliche Zuwendung für den Einzelnen. Gerade in der angedeuteten Situation der Anklage, in der im Kreuz bereits das Schicksal des Angeklagten aufleuchtet, ist auch im Rot die beruhigende Gegenwart Gottes zu spüren.

So wird Er, der Unschuldige, mit seinem Tod alle, die sich auf irgendeine Art und Weise schuldig gemacht haben, sühnen. Das weiße Hemd bringt zum Ausdruck, dass der Mensch gewordene Gottessohn gerade wegen seiner Reinheit die Blutschuld der ganzen Welt zu tragen vermag. Denn das Gewicht der roten Fläche scheint dem zarten Hemd nichts anhaben zu können. Schwebt es nicht gleichsam über dem roten Feld? Sieht es nicht so aus, als sei in die Komposition auch die Auferstehung eingeschrieben, die Hoffnung und der Glaube, dass Er alle Lebenden, Verletzten und Blutenden zu sich zieht, um sie zu erlösen?