Das weiße Hemd

Durch den Besuch der choreographierten Version der Matthäus-Passion von John Neumeier in Hamburg inspiriert, hat Andreas Felger dieses Bild gemalt. So hat das Erste der „Ballette der weißen Hemden“, wie John Neumeier seine Inszenierungen der Matthäus-Passion (1980), des Magnificats (1987), des Mozart-Requiems (1991), des Messias (1999) und des Weihnachtsoratoriums (2007) gerne bezeichnet, eindrückliche Spuren im Werk eines anderen Künstlers hinterlassen.

Nur ein Gegenstand ist auf der roten Bildfläche dargestellt: ein stilisiertes weißes Hemd. Der Halsausschnitt ist mit einem halbrunden Strich angedeutet, darunter zwei Knöpfe zum Schließen der Öffnung. Es erinnert an ein einfaches Gewand und gleichzeitig an ein Kreuz.

Erhöht, ja erhaben thront es in der roten Fläche, ganz wenig nach rechts aus der Mitte gerückt. Mit diesem einfachen, aber symbolhaltigen Bildaufbau lässt Andreas Felger ganz verschiedene Sichtweisen zu. Die weite rote Fläche und das zentrale Kreuzmotiv lassen beim ersten Blick vielleicht an eine Schweizer Fahne denken. Doch dann macht das einsame weiße Hemd im roten Umfeld nachdenklich. Unschuld und Blut kommen zur Sprache. Fragen gehen durch den Kopf. Wen es wohl getroffen hat? Was mag wohl der Träger des Hemdes erlebt haben, dass es blutig rot befleckt ist? Befleckt mit der gleichen roten Farbe, welche auch sein Umfeld aufwühlt? Oder bildet die rote Fläche vielmehr einen weiten Mantel, der seine Einsamkeit kleidet und seine Erniedrigung königlich erhöht?

Wir wissen es nicht. Jeder ist aufgefordert, seinen Zugang zum Dargestellten zu finden. Aus dem leuchtenden Rot spricht die von Blut gezeichnete menschliche Leidenschaft gegen den Einzelnen genauso wie die von der Liebe bewegte göttliche Zuwendung für den Einzelnen. Gerade in der angedeuteten Situation der Anklage, in der im Kreuz bereits das Schicksal des Angeklagten aufleuchtet, ist auch im Rot die beruhigende Gegenwart Gottes zu spüren.

So wird Er, der Unschuldige, mit seinem Tod alle, die sich auf irgendeine Art und Weise schuldig gemacht haben, sühnen. Das weiße Hemd bringt zum Ausdruck, dass der Mensch gewordene Gottessohn gerade wegen seiner Reinheit die Blutschuld der ganzen Welt zu tragen vermag. Denn das Gewicht der roten Fläche scheint dem zarten Hemd nichts anhaben zu können. Schwebt es nicht gleichsam über dem roten Feld? Sieht es nicht so aus, als sei in die Komposition auch die Auferstehung eingeschrieben, die Hoffnung und der Glaube, dass Er alle Lebenden, Verletzten und Blutenden zu sich zieht, um sie zu erlösen?

Unschuldig?

Eine schwarze Seifenschale. Sie wäre nichts Spektakuläres, hätte sie nicht den weißen Aufdruck „UNSCHULD“ auf dem Deckel und wäre das gleiche Wort nicht in die Seife eingelassen. Damit erhalten die Seife und ihre Schale über den alltäglichen Gebrauchswert hinaus eine ethische Bedeutung. Die Schuldfrage wird aufgeworfen, die Rechtfertigung und die Reinigung angesprochen.

Auch wenn Pilatus mit seiner bedeutsamen Geste des Händewaschens für alle sichtbar seine Unschuld zum Ausdruck gebracht hat bei der Verurteilung von Jesus (Mt 27,24) und auch der Psalmist betet: „Gott sei mir gnädig nach Deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen. Wasch meine Schuld von mir ab, und mach mich rein von meiner Sünde.“ (Ps 51,3-4), so stellt sich doch angesichts dieser Seifenschale neu die Frage: Kann Schuld so einfach wie Schmutz abgewaschen werden?

Die weiße Schrift suggeriert, dass unter der schwarzen Schale – Symbol für die Schuld, die Sünde und alles, was verborgen gehalten werden will –, die Unschuld, die Wahrheit und Reinheit zu finden ist. Das Verlangen ist groß und des Psalmisten Gebet ist Ausdruck für die Sehnsucht vieler Menschen.

Wer die Seifenschale öffnet, streift bildlich gesehen bereits dieses belastende Dunkle der Schuld ab. Ihm zeigt sich (aber auch nur das erste Mal) die unberührte „jungfräuliche“ Seife. Wer mit Schuld beladen ist, kann sich wohl die Hände waschen, den Schmutz und den üblen Geruch abwaschen. Durch die Duftstoffe in der Seife werden auch seine Hände wieder gut riechen. Aber die Seife selbst wird ihre Unschuld verlieren durch des Benutzers Unreinheit.

Wer darf dann diese Seife benutzen? Nur diejenigen, die tatsächlich ohne Schuld sind, die Unschuldigen, die ein reines Herz haben ? Oder geht es dem Künstler bei diesem Kunstwerk gar nicht darum, dass jemand die Seife benutzt? – Kunstwerke sind doch unantastbare Ausstellungsobjekte und keine Gebrauchsgegenstände!

Aus eigener Kraft oder mit einem Stück Seife kann keine Schuld in Unschuld gewandelt werden. Der Psalmist wendet sich deswegen an Gott und sein grenzenloses Erbarmen (s. a. Ps 36,6). Er weiß, nur bei Gott ist Vergebung in Fülle. Und er weiß auch, dass Schuld nicht außen am Menschen anhaftet, sondern das Herz verschmutzt. Deshalb betet er: „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ (Ps 51,12)

In dem Sinne kann diese Seifenschale eine Ermutigung sein, in Zeiten der Versuchung ein reines Herz zu bewahren, um Gott nicht aus den Augen (Mt 5,8) – und durch ihn die wahren Werte mitmenschlichen Umgangs nicht zu verlieren.