Stuhl der Weisheit

Aus einem Berg geschredderter Papiere ragt ein Stuhl heraus. Er ist über und über mit Rechnungen beklebt, so als bestünde er selbst aus lauter Rechnungen. Der Stuhl ist dem Betrachter zugeneigt, in Schieflage und leert wie die Kipper-Mulde eines Lastwagens – sich dabei aber auflösend – einen riesigen Haufen Schnipsel über seine Kante auf den Boden. Dieser Stuhl ist ein Schuldenvernichter. Wer sich ihm anvertraut, bleibt nicht auf seinen Schulden sitzen, sondern wird entschuldet und entschuldigt.

Der Anblick der vielen Rechnungen rückt unwillkürlich geschuldete Geldwerte in den Vordergrund. Doch diese können bei Zahlungsunfähigkeit nicht einfach vernichtet werden, weil dafür Leistungen erbracht worden sind. Ganz anders verhält es sich bei unantastbaren Menschenrechten wie der Würde des Menschen oder der Meinungs- und Bewegungsfreiheit (vgl. Art. 1 Grundgesetz). Wer durch Unachtsamkeit oder mit Absicht für die menschliche Gemeinschaft grundlegende Werte verletzt, lädt Schuld auf sich und kann diese Verfehlung nicht mit Geld wieder gutmachen. Denn diese moralischen Werte sind unbezahlbar.

Zu viele Schulden belasten unser Leben und bringen es, wie den Stuhl, in eine Schieflage. Schulden und Zahlungsunfähigkeit können so erdrückend sein, dass sie vielen Betroffenen schon lange vor dem Lebensende die Lebenskraft rauben. Damit wir wieder ins Leben zurückfinden und neu anfangen können, sind wir auf Schuldennachlass, auf Schuldenvergebung und -tilgung, auf Entschuldung angewiesen. Der in Schieflage geratene Stuhl vermittelt aber auch, dass ein Aussitzen der Probleme nicht möglich ist. Es wird Zeit aufzustehen, für begangene Fehler und angehäufte Schulden gerade zu stehen und das Leben so weit es geht verantwortlich in die Hand zu nehmen.

Der Titel der Skulptur spielt auf die Beichtpraxis in der katholischen Kirche an, bei der man durch das Schuldbekenntnis und die folgende Vergebung buchstäblich nicht länger auf seiner Schuld sitzen bleibt, weil alle „offenen Rechnungen“ wie im Schredder vernichtet werden.

Doch der Stuhl in der Skulptur ist kein kirchlicher Beichtstuhl, sondern ein einfacher Esszimmer- oder Küchenstuhl. Ein erster Schritt zur Veränderung kann ein bekennendes Gespräch über die belastenden Umstände mit einem Menschen des Vertrauens am Esszimmer- oder Küchentisch sein. Ein Gespräch mit jemandem, der mich annimmt wie ich bin, der mir zuhört und mich vielleicht mit einem guten Rat motiviert, den Weg zu ändern oder auch den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, der aber weder auf- noch abrechnet. Der schlichte Stuhl ruft in Erinnerung, dass die Vergebung in einer gesunden Fehlerkultur in allen Situationen des Alltags und durch uns geschenkt werden kann. Im Wissen um unsere Schwächen ermutigt Jesus beide Seiten: „Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will umkehren!, so sollst du ihm vergeben.“ (Lk 17,4)

Das „Beichtgespräch“ mit dem Betroffenen und die Vergebung der Schuld durch die Annahme der Bitte um Entschuldigung sind ein Ort des Neuanfangs, der Re-création. Was geschehen ist, wird nicht mehr aufgerechnet. Alles belastende Material ist unkenntlich vernichtet und alle Zähler sind auf null gestellt. Entlastet und erleichtert kann der Entschuldigte als erneuerter Mensch von vorne beginnen.

Ohne eine tagtägliche Vergebungspraxis wäre das nicht möglich. Verzeihen und Vergeben gehören nicht zu den Menschenrechten, sind aber für ein gutes dauerhaftes Miteinander unentbehrlich. Gott hat uns damit ein weises und Frieden förderndes Instrument auf den Weg gegeben – voller Güte, Barmherzigkeit und Weisheit. Wer wie Gott handelt, der macht den „Beichtstuhl” zu einem „Stuhl der Weisheit“,  zum „sedes sapientiae“, zu einer Quelle des Lebens.

Psalm 130

Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir:
Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.
Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?
Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.
Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf meinen Herrn
mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen.
Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Werke von Carola Faller-Barris und Thomas Lauer waren bis zum 18. Oktober 2020 in der „Kunst am Berg“-Ausstellung „Wann reißt der Himmel auf?“ in der Feldbergkirche im Schwarzwald zu sehen.

Netzwerk der Liebe

Raumhoch erhebt sich hinter dem überlebensgroßen barocken Kruzifixus eine goldfarbene Gitterskulptur. Transparent steigt das moderne Retabel im Chorraum der katholischen Pfarrkirche St. Laurentius im oberbayerischen Mühldorf am Inn vom halbrunden Altar auf und verbindet so das in der Eucharistie gefeierte Sakrament mit dem darüber hängenden Kreuz. Dabei nimmt die Skulptur die halbrunden Formen ihrer Umgebung auf und verbindet so den sich im Halbkreis vom Boden erhebenden Altar mit dem sich vom Himmel senkenden Chorbogen und den dahinterliegenden Wiederholungen im Deckengemälde und im Stuckbogen.

Die Gitterskulptur besteht aus einem unregelmäßigen Netz von Verbindungen, so dass das Licht des barocken Chorfensters es dennoch durchdringen und einen lichten Heiligenschein für den Gekreuzigten bilden kann. Das goldfarbene Netz bildet einen anders leuchtenden Bereich der Ausstrahlung Jesu, der viele Möglichkeiten der Betrachtung und der Deutung offen lässt.

Spontan mag die großflächige Netzskulptur in Verbindung mit Jesus an ein Fischernetz erinnern und an die Berufung der ersten Jünger, die Fischer waren und ihre Netze auswarfen: “Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. ” (Mk 1,17). Oder es erinnert an die Erzählungen von den wunderbaren Fischfängen, in denen die Jünger der Auffordung Jesu geglaubt hatten, ihre Netze trotz vieler vergeblicher Versuche nochmals auszuwerfen und dann einen übergroßen Fang ins Boot ziehen konnten (Lk 5,1-11; Joh 21,1-14). Das Retabel stellt damit eine andauernde Einladung zur Nachfolge Jesu dar. Es visualisiert den Auftrag an alle Gläubigen, Menschenfischer zu sein, uns für das Wohl der Menschen einzusetzen und sie dadurch für Gott zu begeistern.

Formal knüpft das Netzgebilde an die Faltenstruktur des Lendentuchs Jesu an. Darüber hinaus bildet es einen von Jesus  ausgehenden heiligen Bereich, der sich aus dem ihn umflutenden Licht heraus in den Verknüpfungen konkretisiert und materialisiert. Es bildet eine Art “Heiligen Schein”, der uns den Weg von der Erleuchtung oder Begeisterung zur aktiven Handlung aufweist. Es ist ein transparenter Prozess, bei dem Begegnungen und Verknüpfungen eine wesentliche Rolle spielen. Das Netzgebilde verdeutlicht Jesu Auftrag (wie er damals) in unserer Zeit “Networker” zu sein, soziale Netzknüpfer. Netzwerker der Liebe zu sein, die an einer haltgebenden und stabilen Struktur für alle Menschen arbeiten.

In dem Sinne bietet die große Netzskulptur unendlich viele Anknüpfungspunkte für alle Sinn- und Haltsuchenden. Gerade die Verbindungen zwischen den einzelnen “Knoten” bieten von unten bis oben perfekte Griffe, um sich in der Not festzuhalten und im Verlaufe des geistlichen Lebens vielleicht auch hochzuziehen. So kann sie als Rettungsinsel für alle Verlorenen und Hilfesuchenden gesehen werden wie auch als geistliche Kletterwand, bei der die Gnade wie die Liebe gleichermaßen wichtig sind.

In der Mitte ist das Retabel dünn ausgebildet. Zu beiden Seiten hin vervielfachen und verdichten sich die Verknüpfungen und verstärken so den konkaven Effekt. So kann die Netzskulptur auch als große geöffnete Schriftrolle gesehen werden, die den Gekreuzigten als das Licht der Welt offenbart, als das Lamm Gottes, das die Schuld der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29). Beide Metaphern reihen sich nahtlos in das bereits Erarbeitete ein. Denn an das Lichtwort “Ich bin das Licht der Welt.” in Joh 8,12 fügt Jesus hinzu: “Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.” Und wer wie Jesus in Liebe gerade den Menschen in Not und Elend begegnet, ihnen hilft, die Not zu wenden und sie für ein Leben danach aufbaut, der handelt barmherzig wie Gott (vgl. Lk 6,36) und beteiligt sich auf seine Weise, die Schuld der Welt zu reduzieren.

Zusammenfassend kann der das Kreuz hinterfangende Netzkörper als Symbol für das Wirken Jesu gesehen werden, als eine Visualisierung der von ihm ausgehenden Liebe für alle Menschen. Die einzelnen Netzstäbe sind wie Arme, die einander halten und so ein Netzwerk bilden, das andere aufzufangen und einzubinden vermag. Es bildet ein Netzwerk der Liebe, dessen Mittelpunkt und Ausgangspunkt Jesus ist. Es bildet ein Netzwerk der Liebe, das uns stets Vorbild, Ermutigung und Erinnerung ist.

Da ist es gut, dass die verbindende Netzstruktur der Liebe sich in der Kirche und über das Gebäude hinaus  fortsetzt: Geometrischer geprägt auf den Türen des Tabernakels im rechten Seitenschiff, amorpher zu finden in der unregelmäßigen Putzstruktur der Säulen und in dem durch das Südfenster (das sich über dem im rechten Seitenschiff freistehenden Tabernakel befindet) gerade in der Nacht nach außen leuchtenden ewigen Licht, das nonverbal die Botschaft Jesu und der Kirche verkündet: Du bist nicht allein. Ich bin auch wach. Du kannst jederzeit zu mir kommen. Ich bin gerne für Dich da!

Zweiwerdung

Eine junge Frau mit kurzen Haaren und ein Mädchen mit zu Zöpfen gebundenen Haaren umarmen sich gegenseitig. Die Begegnung lebt von den gebogenen Körpern, der doppelten Verbindung der Arme und dem intensiven Blickaustausch.

Die schlanken, nur mit drei Beinen den Boden berührenden Gestalten verstärken diese Bewegungen. Die dünnen Beine und Arme verleihen den beiden Frauen etwas Feines und Tänzerisches, etwas Kostbares und doch auch Zerbrechliches. Die dynamische Begegnung strahlt etwas Temporäres und Vergängliches aus. Durch den engen Körperkontakt im Bauch- und Hüftbereich wird die eine Zeit lang währende enge Verbundenheit von Mutter und Kind zum Ausdruck gebracht. Doch durch den nach hinten gebogenen Oberkörper und Kopf wird auch ein Auseinanderwachsen angedeutet.

„Zweiwerdung“ nennt die Künstlerin deshalb diese Skulptur. Von Seiten der Tochter ist es nach wie vor ein Aufschauen zu ihrer Mutter. Sie hängt noch an ihr, doch signalisiert der die linke Schulter umfassende linke Arm gleichzeitig eine kollegiale Geste. So wie die beiden Zöpfe in der Luft schweben, könnte das Überbringen einer freudigen Nachricht vorangegangen sein. Der kurzen innigen Verbindung folgt fast unmittelbar das Auseinandergehen. Es folgt ein Auf-Distanz-Gehen zur Mutter, in dem sie von dieser zum einen mit der rechten Hand noch gehalten oder sogar fest an sich gepresst festgehalten wird, zum anderen mit der linken Hand bereits losgelassen wird.

Der Blickkontakt zwischen den beiden Frauen ist ungewöhnlich stark. Es ist ein gegenseitiges Anschauen, das Bände spricht. Unsichtbar, intensiv, gegenwärtig. Sie schauen sich von unten nach oben und von oben nach unten an – und doch auf Augenhöhe. Ernst, liebevoll, ruhig auf der einen Seite, spielerisch, dankbar, ungestüm auf der anderen Seite. Es könnte ein Wiedersehen sein, doch vielmehr klingt ein Abschied an, die Absicht, sich von der Mutter zu lösen und eigene Wege gehen zu wollen. Die Beziehung wird sich wandeln, doch das Wissen um den Ursprung und die gemeinsame Geschichte werden den weiteren Lebensweg beider Frauen prägen.

Ob es verwegen ist, sich die Beziehung zu Gott auch so herzlich vorzustellen? Ihn umarmend, an seinem Hals hängend? Seine mütterliche, lebensspendende Nähe so intensiv zu spüren, in stetigem Blickkontakt und Austausch mit ihm zu stehen, sein Auge wohlwollend und zutrauend auf mir ruhend zu wissen, mich haltend und doch ermutigend freigebend, um eigene Wege gehen zu können? Und wie Mütter ein Leben lang für ihre Kinder da sind, sagt auch Gott seinen Kindern Rettung und Schutz zu, gerade weil sie an ihm hängen. „Weil er an mir hängt, will ich ihn retten. Ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er zu mir, gebe ich ihm Antwort. In der Bedrängnis bin ich bei ihm, ich reiße ihn heraus.“ (Ps 91,14f)

auferstehen

Drei Stelen mit bunten Aufsätzen bilden eine Figurengruppe. Ihre Anordnung erinnert an die Kreuzigung, doch ist nicht eindeutig, ob die seitlichen Stelen an die beiden Verbrecher erinnern sollen oder an Maria und Johannes, die unter dem Kreuz standen. Es sind ja keine Kreuzarme zu sehen, die Stelen sind rein vertikal ausgerichtet. Das Kreuz findet sich nur in einem tiefen Einschnitt im Sockel der rechten Stele. Ein weiteres Kreuz wird durch die längere mittlere Stele in Verbindung mit dem eingesetzten Rechteck im Pfosten und den beiden Schalen auf gleicher Höhe angedeutet. Das Kreuz ist da, aber entmachtet – gewandelt vom Todbringenden zum Lebenspendenden.

Der Künstler bringt das zur Sprache, indem er Fundstücke von alten Balken für den unteren Teil der Stelen verwendet und im oberen und obersten Bereich kleinteilige Dreiecke zu neuen Formen schichtet. So entstehen bei den seitlichen Stelen beredte Oberkörper, die einander zugewandt im Dialog zu sein scheinen. Die mittlere Stele ist diesbezüglich ruhiger aufgebaut. Sie wird von einer bunten Krone aus unterschiedlich bemalten Dreiecken gekrönt.

Jedes Teilelement scheint eine andere Geschichte zu erzählen. Sie hatten einst eine andere Verwendung und wurden dann entsorgt oder weggeworfen. Der Künstler hat sie als Fundstücke aufgegriffen und ihnen in der Skulptur eine neue Aufgabe gegeben. Im neuen Miteinander sind sie durch den Künstler zu einem neuen Leben erweckt worden. Das Verachtete, Zerschlagene und Fragmentierte wurde durch den künstlerischen Prozess zu etwas Bedeutungsvollem erhoben. So stehen sie gezeichnet von der Vorgeschichte in neuer Gestalt da.

Die mittlere erhöhte Stele strahlt etwas Königliches aus. Die weißen kleinteiligen Holzstücke unter der Krone lassen mit einem gewissen Abstand ein Augenpaar unter einem weißen Haarstreifen erkennen, im helleren vertikalen Holzstück darunter eine Nase, im Rechteck noch weiter unter einen Mund. Im Philipperbrief (2,8-9) heißt es von Jesus: „er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen.“ In der Mitte thront der Auferstandene als König, als Sieger über den Tod. Die verwendeten Holzstücke erzählen von Erniedrigung und Auferstehung, von Tod und neuem Leben.

Den bunten Dreiklang vervollständigen die zwei farbigen Schalen zuoberst auf den seitlichen Stelen. Die linke Schale ist dünn und leicht geformt. Innen ist sie bunt mit Dreiecksformen bemalt, die eine Verbindung zur Krone herstellen. Die rechte Schale ist aus massivem Holz geschnitzt. Innen ist sie unbehandelt, dafür ist sie außen strukturiert mit Farben bemalt. So unterschiedlich die beiden Schalen aufgebaut und verziert sind, so haben sie doch einen ähnlichen Durchmesser und befinden sie sich auf gleicher Höhe.

Was wäre, wenn die beiden Stelen nicht einzelne Figuren darstellten, sondern die Arme und Hände eines Königs, der die Schalen wie die Krone als Attribute seiner neuen Würde tröge? Sie könnten für seine Offenheit stehen, für seine Bereitschaft, alles auf sich zu nehmen, damit wir es leichter haben (vgl. Mt 11,28), alles für uns zu geben, damit wir in Fülle am Leben teilhaben können (vgl. Joh 10,10). Seine Einladung lautet: Auferstehen. Mit ihm und durch ihn in allen möglichen Situationen immer wieder neu ins Leben auferweckt und aufgestellt zu werden.

Fortschritt

Ein Mensch – tendenziell eine Frau – verlässt mit einem großen Schritt eine quadratische Platte. Sie trägt einen langen Mantel mit großen Taschen und einem breiten Kragen gegen die Nässe. Einzig der mit krausem Haar bedeckte Kopf ragt ungeschützt und andersförmig aus der geradezu geometrisch geformten Gestalt heraus. Obwohl der Blick nach innen gerichtet ist, deutet die Kopfhaltung eine Sicht in die Ferne.

Es ist spürbar, dass etwas Fernes diesen Menschen aus seinem gewohnten Bereich herausholt und ihn bewusst den Schritt ins Niemandsland machen lässt. Was dem einen ein Wagnis, ist dem anderen ein ganz normales Bedürfnis. Neuland beschreiten, neue, unsichtbare Wege gehen. Wege sind zuerst immer ein Weggehen, ein Verlassen des Bekannten, Vertrauten und Gewohnten, vielleicht sogar der Heimat. Etwas Verlassen bedeutet zuerst immer einmal in die Fremde ziehen und zu einem Fremden zu werden.

Die quadratische Platte deutet das Verlassen der Erdenbühne an. Es sieht wie ein Übergang ins Nichts, ins Niemandsland, ins Ungewisse aus. Doch in der menschlichen Gestalt ist eine innere Gewissheit zu spüren, diesen Schritt gehen zu müssen. Aufrecht geht sie den Schritt von der sichtbaren Welt in die unsichtbare Welt. Dieser alles verändernde Schritt ist bei ihr nicht mit Angst oder einem Zögern verbunden, sondern mit einer geheimnisvollen Gelassenheit und Selbstverständlichkeit.

Es muss nicht immer der letzte Schritt sein. Wer sich weiterentwickeln will, muss Fort-Schritte machen. Wer Neues kennenlernen will, muss seinen Blick visionär auf das Zukünftige ausrichten. Er oder sie muss bereit sein, lieb gewonnenes zurückzulassen bzw. es als verinnerlichte Erfahrungen, eben Erinnerungen und Beziehungen, mit auf die Reise zu nehmen. Ohne Rucksack, ohne Gepäck oder Proviant. Es geht um mehr. Es geht um die Reise in das unfassbare Jenseits. Es ist kein Schritt ins Nichts, sondern in die unendliche Weite Gottes. Seine unsichtbare Gegenwart hält die Gestalt aufrecht, sein Geist führt.

Die schreitende Gestalt erinnert an die Weisung Gottes an Abram: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen. Da ging Abram, wie der Herr ihm gesagt hatte.“ (Gen 12,1-4a)

Auch hier ist der Fortschritt eine positiv bewertete Weiterentwicklung, ein innovativer, also erneuernder Prozess, der mit Gottes Hilfe das Leben in einer neuen Dimension erleben lässt.

Unter dem Ausstellungstitel “bewegt, beflügelt, bewahrt” waren Werke von Annette Zappe in natura vom 05.06. – 13.09.2020 im Münster und im Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn ausgeststellt.  >>> Flyer

… dazwischen …

Ein erdfarbener Kreis aus feinster Asche markiert einen beachtenswerten Ort. In ihm findet sich der Fußabdruck eines Menschen. Es ist ein golden leuchtender Freiraum in der Wüste, eine kostbare Hinterlassenschaft, eine fast unvergängliche Spur inmitten der alles beherrschenden Endlichkeit im irdischen Kreislauf. Wie eine staubige Aura umgibt die Asche die beiden goldenen Fußabdrücke, die Zeugen einer königlichen Existenz, eines wunderbaren Lebens. Sie erinnern an die Vergänglichkeit unseres Menschseins, von dem nur Asche und Fußabdrücke übrigbleiben.

Die Gegenüberstellung von Asche und Fußabdrücken bildet ein memento mori und regt an, über den Tod hinauszudenken. Was werde ich der Nachwelt hinterlassen? Etwas Leuchtendes, zu Bewahrendes – oder etwas Verbranntes, Zerstörtes? Leben oder Tod? Wie auch immer hinterlassen wir mit unserem luxuriösen Lebensstil auf der Erde Fußabdrücke, Schritt für Schritt zerstörte Erde, ausgebeutete Natur, Asche!

War das unser Ziel? Glanz und Herrlichkeit auf Kosten der Mitmenschen und des die Erde bevölkernden Lebens? Quo vadis? Wo wollen wir hin in Zeiten des Klimawandels und der sich zuspitzenden Umweltzerstörung?

Umkehr tut Not, Umkehr, wie Jesus sie den Menschen zugerufen hat, die ihm nachfolgten: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Eine radikale Lebenswende, die sich auf der Grundlage des Glaubens an den dreieinigen Gott im praktischen Leben auswirken muss. Dass die Fußabdrücke vom Altar wegführen und nicht auf ihn zu, deutet auf die vollzogene Wende hin. Eine von Gott herbeigeführte und bewirkte Wandlung des Lebens, weil die meisten von uns aus eigener Kraft nicht fähig sind, sich demütig klein zu machen und auf die anderen und die Natur Rücksicht zu nehmen.

„Bedenke Mensch, dass du aus Staub bist und zu Staub zurückkehrst“ wird den Gläubigen bei der Zeichnung mit der Asche am Aschermittwoch zugesprochen. „Geburt, Tod, dazwischen“ nennt der Künstler sein Werk. Geburt und Tod liegen nicht in unserer Hand, aber das „Dazwischen“. Nutzen wir es! Denn so vergänglich es auch ist, dieses Dazwischen ist das Leben und der Glanz der Ewigkeit.

Geht es nicht das ganze Leben hindurch darum, für andere Leben zu sein, ihnen Lebenswerte zu vermitteln? Das, was das Leben einzigartig, besonders und kostbar macht? Ist es da nicht naheliegend, in Jesu Fußspuren zu treten, seinem Lebenswandel zu folgen und als Abbild von IHM in meiner Zeit Vorbild ewigen Lebens zu sein?

ASCHENGOLD

Immer gibts Asche, es brennt ja in der Welt, die Welt brennt.
Sie wird also Asche und was nicht brennt, fällt zu Staub.
Aus Staub ist der Mensch und wird wieder zu Staub.
Und verweht. Dann, irgendwann, wie eben Staub.
Selbst wenn er glänzte im Gold.
Er verstaubt und verascht, Tod wird nicht Gold.
Aus Asche wird niemals das Gold.
Goldleer auch jene vom Mensch.
Der ist dann wertlos, heißt es sehr schnell.
Auch wenn er viel galt zu seiner Zeit
und im Fleisch voller Geist.

Man sagt, er ist Asche und Staub. Trotz massenhaft Gold.

Aber vielleicht liegt in der Asche noch Gold?
Und man scharrt´s aus.
Und hat Gold.
Und hat dennoch verspielt.
Man hat ja nur zeitkurz das Gold: Nur bis Asche aus Tod.

Denn keiner ist Gold. Wer wär schon goldwert und goldlang?

Gold ist brandzäh. Es bleibt liegen im Brand,
es hält die Glut aus,
es übersteht und glänzt auf und gilt neu,
es ist nicht zur Asche verhitzt.
Nicht Asche das Gold.
Es zeigt Spuren von dem, was einst war, das zur Asche verdarb.
Es bleibt Gold.

Gold verascht nicht. Und vergeht doch, es verbleicht.
Am Ende ist Nichts. Auch Gold nicht mehr da.
Selber weg. Ohne Spur. Wie verzischt.

Weg? Alles weg? Selbst das Gold und sein Wert. Und der Mensch?
Mehr wert als jegliches Gold ist der Mensch, heißt es auch:
Der Mensch, der viel eher verglüht als das Gold:
Er gilt mehr. Er ist Mensch und er lebt. Der Mensch liebt.
Er macht was aus Gold. Und verascht doch. Der Mensch stirbt.
Er ist tot – wie auch Gold.
Er ist nicht einmal Gold. Asche ist er. Und Asche wird nicht zu Gold.
Gold hält viel aus und glänzt lang. Es ist aber tot und verliert mal den Wert.

Doch der goldleere, tote Mensch lebt. Er bleibt anders als Gold. Noch im Tod.
Er ersteht. Verwandelt ist er in GOTT. Er setzt Spuren in aschigen Staub:
Gottes Spuren und Bild und Realität.

(Josef Roßmaier)

Leben pur

Auf einem welligen Grund schlängeln sich Linien hin und her. Mal bewegen sie sich als hervorgehobene Streifen über die Oberfläche, mal sind sie als Vertiefungen in die Oberfläche gearbeitet. So fließen die Bänder in einem endlosen Fluss von links oben nach rechts unten diagonal durch das Kunstwerk. Lustig mäandriert der Wasserlauf vor sich hin, überschneiden und unterlaufen sich Linien, begegnen und verschränken sich, um dann wieder auseinanderzugehen und den eigenen Weg zu finden. Quirlig verspielt fließt das Wasser, das es offensichtlich abbildet. Es ist ein lebensfrohes Miteinander voller Bewegung. Alles ist im Fluss, nirgendwo ist eine Behinderung ersichtlich. “Panta rhei”, alles fließt (Heraklit).

Wie die Betrachtung eines Bergbaches ermöglicht auch dieses Relief das Nachdenken über den Fluss des Lebens. Vom ersten bis zum letzten Herzschlag bedeutet Leben ein unentwegtes In-Bewegung-Sein. Das Leben gleicht offensichtlich keiner geraden Linie, die man übersichtlich abschreiten könnte, sondern vielmehr einem Schlängelpfad mit unvorhersehbaren Wendungen und Überraschungen. Das Leben ist ein großes Miteinander voller Begegnungen und Verflechtungen.

Das Relief zeigt ein idealisiertes Bild des Lebens, einen Ausschnitt oder eine Momentaufnahme von großer Schönheit und Harmonie. Wir alle wissen, dass es nicht immer so ist.

Aus der Beschäftigung mit dem Wasser und der Auseinandersetzung mit dem Lauf und der Bewegung des Wassers sind bei der Künstlerin sieben Reliefs entstanden. Dabei ist sie nicht nur neben den Flüssen hergelaufen, sondern hat sich mental in sie hineinbegeben, ist geschwommen, „flüssig geworden, um den Fluss zu fühlen“. Daraus ist der Titel „SWIM“ für die außerordentlichen Reliefs entstanden, die über den Lauf des Wassers hinaus Wesentliches unseres eigenen Lebens thematisieren. In der gleichzeitigen Betrachtung von Fluss und Mensch verdeutlichen sie zudem die vielfältige Bedeutung des Wassers für unser Leben. Die Reliefs erzählen vom Durst nach Wasser, wie Wasser den Boden unsicher macht, einem den sicheren Stand nehmen kann und zum Schwimmen zwingt. Sie erzählen von Verengungen, durch die man hindurchgeschleust wird, von Wasserfällen, über die es hinuntergeht, von Stürmen, die Unruhe ins Wasser des Lebens bringen. Und in einem letzten Relief wird mit einem Kreissymbol die Sehnsucht visualisiert, „man könne einen Mittelpunkt erreichen! Aber der Fluss erreicht sein Ziel erst, wenn er im Meer ankommt. Er verschwindet in dieser enormen Oberfläche. Und da ist wohl der Mittelpunkt; man berührt ihn, aber er hat keine Dauer. Er ist da und dort und wieder da. Er bewegt sich. Er ist lebendig wie wir selbst.“ (Maja Thommen)

Göttliche Kraft

Ein kreisrundes Relief (Tondo) schwebt in einem quadratisch gefassten Bildraum. Das rote Objekt wird von einem schmalen grünen Schein umgeben. Seine Oberfläche ist zum einen mit einer Quadratstruktur, zum anderen mit grauen Schattierungen gestaltet. Gegensätze sind hier harmonisch vereint und mit einer Spannung erfüllt worden, wie sie dem Leben eigen sind.

So erscheint das Tondo geometrisch rund, obwohl der Rand unregelmäßig gestaltet ist. Er hebt und senkt sich leicht und bewegt sich wie bei einem Blumenblatt organisch frei einer zugrundeliegenden Kreisform folgend. Diese freie Lebendigkeit durchwirkt das ganze Tondo. Es gibt gerade Kanten und Strukturen bei den Quadraten auf der Oberfläche, aber das Tondo selbst ist eine aus fast unendlich vielen kleinen Bewegungen heraus durch und durch bewegte Form, die dadurch belebend, ja fast lebendig wirkt.

Die rote Farbe verstärkt diese vitalen und kraftvollen Grundbewegungen. Es ist ein warmes Rot, das nicht heiß oder verbrennend wirkt, sondern das wie ein Feuer Wärme ausstrahlt und Geborgenheit schenkt. Das intensive Rot mag an das Feuer der Liebe zu erinnern, aber es kann auch das in unseren Körpern pulsierende Blut versinnbildlichen. Das Rot ist kraftvoll, tragend, ausdauernd, ruhend, zurückhaltend. Es ist ein Rot der Mitte, ein Farbton der zentriert, Kraft gibt und gut tut.

Seine Oberfläche bedecken geheimnisvolle Quadratreihen, die geradlinig das Rund queren. Wie eine Erscheinung treten sie mal stärker, mal schwächer aus dem wolkigen grau-roten Grund hervor. In der Kreisform, die keinen Anfang und kein Ende aufweist und deshalb gerne als Symbol für die Ewigkeit und für Gott verwendet wird, können die Vierecke als Zeichen für das Irdische gedeutet werden: Die Erde hat vier Himmelsrichtungen, sie besteht von alters her aus den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft. Während das Quadrat, welches das Tondo umgibt, auf der einen Seite liegend ruht, stehen die Quadrate im Tondo durch ihre diagonale Anordnung dynamisch auf einer Ecke, aber wirken durch ihre Gruppierung doch fest gefügt. So kann das „unendliche göttliche Leben“ mitten in der irdisch gefassten Welt gesehen werden. Gleichzeitig nimmt die feurige Mitte „Elemente der Welt“ in sich auf und scheint sie im „Feuer der Liebe“ zu reinigen und zu beleben.

Als zweites bzw. neben der Farbe drittes gestalterisches Element überziehen silbrig-graue Schattierungen die Schauseite des Objekts. Aus der Nähe zeigen sie sich als ein Netz von Bleistiftstrichen, das sich über die ganze Fläche spannt und in sie so eingezeichnet bzw. mit Graphit eingraviert wurde, dass die Oberfläche einen hautähnlichen Charakter erhält. Mit jedem Bleistiftstrich wurde dem Objekt von Menschenhand Zeit eingeschrieben, mit jedem Srich alterte die einst glatte Oberfläche und wurde mehr und mehr zu einer Außenhaut, die vom Leben und der mit Tätigkeiten erfüllten Lebenszeit kündet.

Faszinierend bleibt der grüne Schein rund um das Tondo herum. – Ist er gemalt? Verbirgt sich hinter dem Tondo eine grüne Lampe? Was soll er aussagen? Ist er so etwas wie ein „Heiligenschein“? Oder könnte er auch ein Schatten sein? – Weil die grüne Farbe im Farbkreis die Komplementärfarbe von Rot bildet, kann diese uns auf die Spur bringen, dass die Rückseite des Objekts mit einer leuchtend grünen Farbe bemalt ist. Durch den Abstand zur Rückwand vermag das seitlich eindringende Licht die grüne Farbe auf dem weißen Hintergrund zu reflektieren – und so über das Kreisrund hinaus einen immateriellen „Schein“ zu bilden, der auf etwas Unsichtbares, Heiliges verweist.

Ob das künstlerisch gestaltete Kreisrund nun als Symbol für den Heiligen Geist gesehen wird, bleibt dem Betrachter überlassen. Doch so, wie das Objekt durch die kreative Bearbeitung der Künstlerin gestaltet und mit Leben erfüllt wurde, und wie die Kreisform mit den Vierecken im Dialog steht, verweist das Tondo auf eine schöpferisch wirkende, lebensspendende göttliche Kraft.

Verstärkung

Von einem einfachen roten Hocker sind zwei Beine abgesägt worden. Ohne sie ist der Hocker als Sitzgelegenheit unbrauchbar. Doch bei einem Stuhlbein wurde in Form einer Jesusfigur ein Ersatzstück eingefügt, sodass der Stuhl auf drei Beinen doch ganz ordentlich stehen kann.

Die aufgetürmten Betonsteine belegen zudem, dass der Stuhl auch unter großer Belastung zu bestehen vermag.  Es sieht ganz danach aus, als könnte der Stuhl durch den Beistand von Jesus übermenschliche Lasten tragen. Belastungen, die wir gerne als „Kreuz“ bezeichnen, wie es die aufgetürmten Steinplatten andeuten.

Jesus gleicht darin einem Atlant, einer männlichen Figur, die in der Architektur manchmal verwendet wurde, um mit gebeugtem Rücken und erhobenen Armen bauliche Lasten zu stemmen. Da die Jesusfigur die Last jedoch mit aufrechter Körperhaltung und direkt mit dem Kopf abfängt, steht sie dem weiblichen Pendant zum Atlant, der Karyatide, näher.

Jesus hält alles im Gleichgewicht. Er ist der Ausgleichende, Aushaltende, die Stützenhilfe. Vor dem Hintergrund seines Lebens wird klar, dass der rote Hocker ein Symbol für uns Menschen ist. Hat sich Jesus nicht überall dort dazwischen gestellt, wo Menschen und Gesetze unmenschlich geworden sind? Er ist derjenige, der uns aufrichtet, er ist unsere Stütze, damit wir nicht umfallen, der Entlastende und Lastenträger, wo etwas zu schwer wird. Er ist unser Verstärker, damit wir die Belastungen aus- und durchhalten können, der Lückenfüller, wo wir einen Verlust erfahren haben und uns etwas oder jemand fehlt.

Die Jesusfigur hat wie vor Freude die Arme weit ausgebreitet. Doch die ausgebreiteten Arme der Figur stammen vom Kreuz, vom Leid, das ihm widerfahren ist. Da er die unmenschliche Last mit seinen Beinen, dem Oberkörper und dem Kopf trägt, sind seine Arme frei, um die Einladung auszusprechen:  „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28) Jesus bleibt der Diener der Menschen, der Unterstützer beim Tragen all unserer Lasten. Er ist in dieser Arbeit der tatkräftige Beistand, der sich dort einbringt, wo Not ist.

„Dazwischen“ nennt der Künstler sein Werk. Damit lädt er ein, aus einer ungewohnten Perspektive die Vermittlerrolle Jesu neu zu betrachten und zu bedenken. Und nicht zuletzt befindet sich auch der Hocker zwischen Boden und Steinblöcken … und braucht Verstärkung, um trotz aller Belastungen, denen er ausgesetzt ist, standzuhalten.

Zwischen den Zeilen

In einer aufgeschlagenen Bibel mit schwarz-weißen Reproduktionen von Zeichnungen des französischen Künstlers Gustave Doré (deutsche Ausgabe von 1865) entfaltet sich ein überraschendes Geschehen. In einem geschaffenen Freiraum werden reliefartig aus den Buchseiten geschnittene Figuren sichtbar, die links drei Kronen tragende Köpfe zeigen, die auf eine bescheidene Hütte zugehen, rechts zwei stehende Personen – Maria und Josef – mit dem göttlichen Kind in ihrer Mitte. Wie es die Seitenzahlen und –überschriften andeuten, sind die Seiten in die Mitte der Bibel verlegt und die entsprechenden Textzitate (Mt 2; Lk 2) aufgeklebt worden.

Vor dem dunklen Hintergrund mit den detailgetreuen Darstellungen (links „Der Engel zeigt Johannes Jerusalem“, Offb 21,10; rechts „Geburt Jesu/ Anbetung der Hirten“, Lk 2,16) wirken die aus dem Papier herausgeschnittenen und nur mit den passenden Bibelzitaten „texturierten“ Figuren sehr schlicht. Einen farblich-flächigen Kontrast bildet jedoch die dezente Vergoldung der Kronen, des Fensters und der Tür der Hütte sowie des Kinderkopfes. Gehalten werden diese zeitgenössischen Darstellungen durch den Seitenrand, der zugleich Bildrahmen und Raumbegrenzung ist.

Diese Darstellung macht auf das einschneidende Ereignis der Geburt Jesu in der Geschichte zwischen Gott und den Menschen aufmerksam. Sein Kommen in unsere Welt markiert nach dem christlichen Verständnis eine Zeitenwende, weshalb seine Geburt den Anfang der westlichen Zeitrechnung bildet.

Der Werktitel deutet zudem an, dass die Geburt „zwischen den Zeilen“ des Zeitgeschehens stattfand, so dass nur die wachsamen Weisen und Hirten zu Jesus fanden. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Nur jene, die mit wachsamem und aufrichtigem Herzen Jesus suchen, werden in ihm auch das Licht der Welt erblicken.

In Bezug auf das Werk selbst kann der Titel auch als Geburtsdarstellung „zwischen den Seiten“ verstanden werden, weil sie sich zwischen den Seiten und in den Seiten der Bibel befindet.

Wie auch immer tritt das weihnachtliche Geschehen aus der Tiefe und dem Dunkel des Buchinnern nach vorne ins Licht der Gegenwart und damit in das Leben des Lesers und Betrachters. Auch wenn der Text durch die künstlerische Intervention beschnitten wurde, verbindet diese das Wort Gottes in ganz besonderer Weise mit den biblischen Gestalten. Ihre weiße Gestalt bildet letztlich eine Projektionsfläche für alle Menschen, die Gottes Wort in sich aufnehmen, ihm Wohnung geben und sich von ihm leiten lassen. In ihnen wird Gottes Gegenwart groß und für alle wachsamen Zeitgenossen ein sichtbares Licht werden.

Diese Arbeit entstand im Rahmen des vom Diözesanmuseum Freising ausgeschriebenen Krippenwettbewerbs und wurde bis 14. Januar 2018 mit 88 weiteren Arbeiten in der Karmeliterkirche in München gezeigt und ist im Ausstellungskatalog “Schöne Bescherung: Krippen 89/89 Kreative” abgebildet.

Heilsame Achtsamkeit

Das unsichtbar an der Wand befestigte Objekt mit den Holzstrukturen lässt zuerst an ein Fundstück aus dem Wald denken, an ein „object trouvé“, das weiß angemalt worden ist. Seine schwebende Position und die gerundeten Formen geben ihm etwas Engelhaftes, ja Transzendentes.

Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass das Objekt aus einer Art Papiermaché geformt ist und hinten als Stabilisierung mit Gipsmullbinden ausgekleidet ist, die nun eine Art Mantel bilden. Das Objekt stellt damit ein Abdruck einer Stelle am Baumstamm dar, an der durch höhere Gewalt ein Ast abgebrochen ist. Es ist das Negativ, das durch einen temporären Verband der verletzten Stelle entstanden ist. Es ist das Resultat der künstlerischen Aufmerksamkeit, die bei einem Spaziergang die schwarze Stelle an einem vom Blitz getroffenen Ahorn entdeckt hat und der Vision, dass an diesem Ort etwas Neues entstehen kann.

Umgeben von den engen Jahrringen erhält die Mitte der Skulptur eine Aura, welche die zentrale Hervorhebung verstärkt und sie dem Betrachter entgegenwölbt. So als solle auch er durch die vom Blitz getroffene Stelle berührt werden. Vergegenwärtigt man sich die Gegenüberstellung, erfährt man sich als Betrachter plötzlich in der Position des Baumes. Man wird selbst zum Betroffenen und kann seiner eigenen „Blitzeinschläge“ und Verletzungen gewahr werden.

Das Negativ der Brandwunde ist durch die weiße Farbe transzendiert, der Verlust des Astes hat durch die künstlerische „Verarztung“ der verletzten Stelle ein neues Gegenüber erhalten. Beide bringen eine heilsame Aufmerksamkeit zum Ausdruck, welche das Dasein des Ahorns übersteigt. Die skulpturale Abbildung erinnert an Berührungsreliquien in der Katholischen Kirche, an Gegenstände, die mit dem Heiligen in Berührung kamen oder gekommen sein sollen. Diese Arbeit ist insofern mit dem Heiligen in Berührung gekommen, als Blitze auf Grund ihrer Stärke und Schnelligkeit unberührbar sind und nur über die Einschlagstelle und Verletzung die unfassbare Kraft erfahren werden kann. Über das Negativbild ist das Numinose sozusagen zum Objekt geworden. So kann das Kunstwerk als „Berührungsreliquie“ bezeichnet werden, weil es einerseits die Naturgewalt spüren lässt, andererseits die heilsame Kraft der Aufmerksamkeit und Zuwendung. Beides lässt uns auf je eigene Weise die Größe Gottes und seine Gegenwart unter uns erleben.

Niemand wird sie benutzen – oder doch?

Buch um Buch stapeln sich über 130 Bibeln in schwindelerregende Höhe. Jedes Buch liegt leicht versetzt über dem anderen, so dass sich eine dynamische Treppe ergibt, die zuerst nach hinten, dann nach links oben führt, um dann noch weiter nach hinten anzusteigen.

Von verschiedenen Seiten gesehen ist es ein sehr schiefer Turm, der sich in die Höhe schraubt. Er gleicht einer suchenden Bewegung, die sich mal nach links, dann wieder nach rechts in die Höhe wagt. Symbolisch steht die Bücherskulptur für den Menschen in seiner Gottessuche. Die Büchertreppe hat kein Zwischenpodest, auf dem zwischendurch eine Pause eingelegt werden könnte. Schritt um Schritt geht es weiter. Ohne Geländer, ohne Absturzsicherung. Was für ein Wagnis! Was braucht es für einen Glauben, sich auf so einen Weg einzulassen und zu hoffen, dass er trägt und vor allem nicht ins nirgendwo, sondern zu Gott führt.

Die Installation von Jochen Höller führt vor Augen, dass das Wort Gottes eine Stiege zum Himmel, zu Gott selbst ist. Das Wort Gottes ist eine Tritthilfe in ungeahnte Höhen und göttliche Welten. Es hilft sich zu erheben, Gott zu suchen und ihm zu vertrauen. Es hilft, sich auf den Weg zu machen.

Die Arbeit führt aber auch vor Augen, dass niemand diese Bibeln, die bislang schon nicht benutzt worden sind, benutzen wird. Ins Kunstwerk integriert, können sie nicht mehr geöffnet werden. Doch die Bibel muss ein offenes Buch sein, sonst kann Gottes Wort nicht lebendig werden. Die Bibel muss ein offenes Buch sein, damit Gottes Wort wirken kann, damit die göttliche Weisung zu den Menschen gelangen kann, damit die Menschen nicht nur menschlich miteinander umgehen, sondern göttlich.

Durch ihre Dynamik und Symbolkraft passt die Skulptur wunderbar in die 2004 von den Architekten Ulrich und Ilse Maria Königs in Burgweinting erbaute Kirche, „die sich öffnet zum Himmel und Geborgenheit gibt auf Erden”.

Jochen Höller hat mit der Skulptur seiner Himmelsleiter Mitte Mai 2018 beim Wettbewerb des Katholischen Bibelwerks Austria gemeinsam mit dem Bibelwerk Linz „Transformiert statt ausrangiert“ den 1. Preis gewonnen! “Die Schlichtheit und die spirituelle Gesamtaussage des Kunstwerks sowie die Professionalität der Umsetzung haben die Jury überzeugt”, heißt es in der Begründung.

Die Bücherskulptur war im Sommer 2018 in der Katholischen Kirche St. Franziskus in Regensburg-Burgweinting installiert.

ER reißt die Welt empor

Immer wieder lodern Diskussionen auf, ob das christliche Symbol des Kreuzes in öffentlichen Räumen präsent sein soll beziehungsweise sein darf? Vor allem Kreuze mit Kruzifixus, also mit einer Darstellung des Leibes Christi am Kreuz, stehen im Verdacht, Leid und Gewalt zu verherrlichen. Der Kärntner Künstler Werner Hofmeister hat sich mit einer neuen Arbeit wieder einmal diesem großen Thema gestellt.

Hofmeister hat die Kopie eines Christuskorpus aus dem 17. Jahrhundert – das Original aus der Pfarrkirche Maria Hilf in Ebenthal ist in der Schatzkammer Gurk zu bestaunen – mit einer Zugabe ergänzt, wie es für sein Werk typisch ist. Die nach oben gestreckten Arme sind nicht mehr an einem Kreuz fixiert. Die durchbohrten Hände halten eine Stange, an deren Enden jeweils in einer mandelförmigen Gloriole ein Buchstabe zu sehen ist: auf der einen Seite ein A, auf der anderen ein O. Der erste und der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet, gemeint sind hier wohl Anfang und Ende der Welt. Gleich schweren Gewichten sie werden von Christus gehalten und in die Höhe gestemmt. Die Verbindungsstange, der zeitliche Ablauf alles Irdischen, bildet den Querbalken eines imaginären Kreuzes. Diese Horizontale steht für die weltbezogene Ausrichtung des geheimnisvollen Geschehens am Kreuz. Die vertikale Verbindung von unten und oben, von Erde (Unterwelt) und Himmel, ist hier nicht ein in die Erde gerammter Pfahl, sondern der Corpus Christi selbst. Jesus Christus verbindet Himmel und Erde, er ist „der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen“, wie im 1. Brief an Timotheus zu lesen ist.

In seiner ursprünglichen Form ist dieser Christuskorpus eine Momentaufnahme der Todesstunde Jesu. Sein Haupt ist nach unten geneigt, seine Seite mit der Lanze durchbohrt, deutlich zu sehen sind auch die Drei-Nagel-Wunden. In seiner Be- und Überarbeitung legt der Künstler nun dem Gekreuzigten die ganze Welt in seine Hände. Er zeigt, dass der Tod Jesu am Kreuz nicht das Ende von allem ist, sondern der Beginn der Rettung von allem aus der Macht des Todes.

Jesus der Retter reißt die Welt empor
Im Johannesevangelium lesen wir von der Anziehungskraft des am Kreuz Erhöhten, zu dem wir emporblicken. Und im Credo beten und bekennen Christen: „ … gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, …“  Die heilsame Aktionsfolge der Heiligen Drei Tage, diese Ab- und Aufwärtsbewegung ist auch in Hofmeisters Arbeit gut zu erkennen. Das Werk heißt bezeichnenderweise „ER-reißt-die-Welt-empor“ und weckt assoziativ Erinnerungen an Darstellungen christlicher Kunst, wo Jesus Christus Adam und Eva, also die Menschheit überhaupt, an den Händen fasst und aus dem Reich der Dunkelheit und des Todes herausreißt und emporhebt in die neue Dimension des ewigen Lebens bei Gott. Jesus Christus wird mit vielen Namen angesprochen und verehrt. Er ist ein Freund, Heiland und Arzt, Retter und Erlöser, er ist auch einer, der uns Menschen herausreißt aus den Bedrängnissen und Notlagen des Lebens.

Der Sieg des Lebens über den Tod
Diese neue Arbeit von Werner Hofmeister, die im goldenen Licht der Auferstehung glänzt, ist ein österlicher Blick auf das Kreuz und eine Hoffnungsbotschaft an die Betrachter. „Tod, wo ist dein Sieg? / Tod, wo ist dein Stachel?“, schreibt Paulus im 1. Korintherbrief. Das Ostergeschehen von Tod und Auferstehung verwandelt das dürre Holz des Kreuzes in einen Lebensbaum. Frühe christliche Kreuzesdarstellungen, wie z. B. das bekannte große Lebensbaum-Kreuz in der römischen Kirche San Clemente, stellen den österlichen Sieg des Lebens über den Tod beeindruckend dar. Aus dem toten Holz des Kreuzes ist ein blühender und Früchte tragender Lebensbaum geworden.

„ER-reißt-die-Welt-empor“ von Werner Hofmeister ist eine beeindruckende zeitgenössische Kreuzesdarstellung, die zugleich den Tod Jesu am Karfreitag und den endgültigen Tod seines Todes am Osterfest zum Ausdruck bringt. Das Marterholz wird zum Siegeszeichen. Der leblos Hängende wird zum kraftvoll Stehenden, zum Hoffnungsträger der ganzen Welt von A bis Z.

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Erstveröffentlichung am 30.03.2018 auf der Website der Internetredaktion der Diözese Gurk. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

dazwischen

Zwischen Stoffbahnen, die längs um ihn gewickelt sind, liegt entspannt der muskulöse Körper eines Mannes. Von der Seite ist er an seinen Hand- und Fußwunden als Gekreuzigter erkennbar, als Jesus. Er wird hier als Verstorbener in seiner Grabesruhe dargestellt, zum einen respektvoll verhüllt, zum anderen doch so viel offenbarend, dass seine Person zweifelsfrei identifiziert werden kann.

Straff zieht sich das Tuch auf der Oberseite von Kopf bis Fuß über den leblosen Körper. Bis auf die Stirn, die Nase und die Augenhöhlen zeichnen sich keine Körperdetails im Tuch ab. Nur das Gesicht scheint leicht durch, so als sähe es durch das dünne Leinen hindurch die nahe Auferweckung.

Damit wird angedeutet, dass der Verstorbene nicht nur zwischen den Stoffbahnen liegt, sondern sich auch zwischen Tod und Auferstehung befindet. Dass das über den Leichnam gelegte Tuch gestreckt ist, mag ein Zufall sein, aber es vermittelt auch die Spannung zwischen tot und noch nicht auferweckt. Es lässt erahnen, dass das Leben noch nicht zu Ende ist. Denn da ist eine stille Kraft am Werk, die alles zu ändern vermag.

Eine weitere Dimension des Kunstwerkes erschließt sich nicht aus der Betrachtung, sondern aus seiner Geschichte. Denn das Holz stammt vom alten Dachstuhl des Klosters Wettenhausen zwischen Ulm und Augsburg. Das Holz ist vielleicht in der Zeit der Romanik gewachsen und in der späten Gotik oder im frühen Barock geschlagen worden und hat dann über Jahrhunderte den Dachstuhl verstärkt. Bei der letzten Renovierung des Dachstuhls sind wurmstichige und morsche Teile entfernt, aber gelagert worden, so dass der Bildhauer Franz Hämmerle die alten Balkenteile wieder verwenden und aus ihnen etwas Neues schaffen konnte zu Gunsten des heutigen Klosters. Dadurch erzählt auch das Holz vom Tod und der Auferweckung zu neuem Leben, von der langen Wartezeit dazwischen, von der wunderbaren Verwandlung der äußeren Gestalt in ein unbeschreiblich schöneres und größeres Mehr, das uns nach unserem Tod durch die Auferweckung erwartet.

unsichtbar

Kreuzlos hängt der Mensch an der Wand. Und doch sind sein Körper und seine Haltung durch und durch vom Kreuz gezeichnet. Seine ausgebreiteten Arme, die erhobenen Hände und die unnatürlich nach innen gedrehten Beine und Füße erzählen von der qualvollen Hängung am römischen Folterinstrument. Die Wundmale lassen den Schmerz spüren, das knappe Lendentuch an die Entblößung denken, der er ausgesetzt war, die feine Dornenkrone mag den Spott und die Verhöhnung vergegenwärtigen.

Mit geneigtem Kopf hängt Jesus an der weißen Wand. Er ist als Mensch von heute dargestellt. Sein Gesicht ist nicht idealisiert oder schmerzverzerrt. Ruhig und gefasst hält er den Schmerz aus, erduldet er als Knecht Gottes das ihm zugefügte Leid und trägt damit das Leid aller Menschen. Jetzt und zu jeder Zeit.

In diesem Gekreuzigten können sich alle wiederfinden, denen in irgendeiner Form Leid widerfährt. Denn da ist einer, der mitleidet unter den unzähligen unsichtbaren Kreuzen, die so viele belasten und in den Tod treiben. Kreuze, die sich durch Krankheiten und körperliche Gebrechen im Körper selbst manifestieren. Kreuze, die durch Ungerechtigkeit oder Gewalt jeglicher Form entstehen und das Leben zur Qual machen. Unsichtbar sind sie da, die Freiheit einschränkend, die Lebenskraft und -freude raubend.

Exponiert hängt Jesus da. Verlassen, allein und haltlos mutet er an. Und doch wird er von Dem, der unsichtbar alles und jedes Lebewesen in seinen Händen und seinem Herzen hält, gehalten. Das macht Mut, auf ihn zu schauen, der in der Einsamkeit der Gottverlassenheit dennoch voll und ganz seinem Vater vertraute, als er seinen Geist in dessen Hände legte. Er zeigte uns vorbildlich, dass Gott jeden von uns hält und stützt, auch wenn wir Gott nicht sehen oder spüren.

Knotenlöser gesucht

Eine Ansammlung verschiedener Seile bildet ein wirres Durcheinander. Sie sind ineinander verschlungen, haben sich zu diesem großen Knäuel verfangen, sind in diesem gefangen. Ihre unterschiedlichen Durchmesser, Strukturen, Windungen und aufgedrehten Stellen vermitteln zusammen mit dem Drunter und Drüber der Seile einen lebendigen, ja kämpferischen Eindruck. Dr. Barbara Renftle schreibt über sie: „Augustins Verschlingungen und unentwirrbare Stahlseilknäuel bergen eine magische Kraft, die auf ein ungeahntes Potential an Energie schließen lässt, sollten sich diese Verstrickungen entfesseln lassen.“ (geschlängelt, 2017, S, 27)

Doch die Stahlseile, mit denen große Lasten bewegt oder gehalten wurden, sind so ineinander gearbeitet, dass sie ihre eigentliche Aufgabe nicht mehr erfüllen können. Sie symbolisieren Verwirrung, Chaos, Durcheinander. Sie bilden eine Art Endstation, weil ein Entwirren oder Ordnen der Seile aussichtslos erscheint. Sie haben sich zu stark ineinander verfangen und verknotet. Äußere Faktoren wie Wärme und Druck mögen ihren Teil dazu beigetragen haben.

Die Seile mögen an den gordischen Knoten erinnern, der nach der griechischen Sage am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios die Deichsel des Wagens untrennbar mit dem Zugjoch verband, bis er von Alexander dem Großen mit dem Schwert durchschlagen wurde. Doch während der gordische Knoten aus ordentlich miteinander verknüpften Seilen entstand und eine Aufgabe erfüllte, erinnert der vorliegende, ebenfalls kunstvolle Knoten aus wirr ineinander gearbeiteten Seilen eher an das Drunter und Drüber in einem Schlangennest. Der Titel der Plastik verweist auch auf die berühmte hellenistische Laokoongruppe in den Vatikanischen Museen in Rom, welche den Todeskampf des trojanischen Priesters Laokoon und seiner Söhne mit zwei Schlangen zeigt.

Dieses ineinander Verschlungene, diese Verknotungen mögen für sich schön sein. Doch Knoten, die sich von allein und an falschen Stellen bilden, bereiten uns Schwierigkeiten und Probleme. Allein schon eine Schnur oder ein Kabel zu entwirren fordert von uns viel Geduld, Zeit und Geschicklichkeit. Sehr schnell gelangen wir bei Knoten aller Art an unsere Grenzen und sind auf Fachkräfte angewiesen, die sich darauf spezialisiert haben, die Knotenbildungen in unseren verschiedensten Lebensbereichen zu lösen und zu entfernen. Denn schwierige Probleme sind wie ein gordischer Knoten und können nur mit außerordentlichen Mitteln überwunden werden.

Da wir Menschen immer wieder in Situationen geraten, aus denen wir selbst nicht mehr herauskommen oder die wir selbst nicht wieder gut machen können, tut es gut, gerade im spirituellen Bereich einen dreifachen Beistand zu wissen. Ein Beistand, der einem präventiv hilft, Notlagen zu vermeiden und auch in der Not und aus der Not hilft. Gottes Wort ist Weisheit und Leben, es schenkt Klarheit und Orientierung auf allen Wegen. In Jesus hat Gott uns sein wahres Wesen offenbart und uns von den Fesseln der Sünde und der Schuld befreit. Der Heilige Geist führt von innen heraus und warnt geistesgegenwärtig vor Gefahren und führt aus dem Gefahrenbereich heraus. Er ist der Entfesslungskünstler und Knotenlöser par excellence, wie uns der Pfingstbericht (Apg 2,1ff) und auch die Befreiung des Paulus und des Silas aus dem Gefängnis (Apg 16,26) übermitteln. Bitten wir ihn, unsere Knoten und Verstrickungen immer wieder neu zu lösen, damit wir als stets neu Befreite von seiner Gegenwart und Größe Zeugnis ablegen können.

“Stadtgeschehen”

Ein fast alltägliches Stadtgeschehen wird in dieser Steinarbeit in Szene gesetzt. Den Hintergrund bilden mit einfachen Rechtecken wiedergegebene Häuser. Die Steinbauten vermitteln einen südlichen, nahöstlichen Charakter. Die Silhouette der Münchner Frauenkirche entreißt die dicht gedrängten Bauten jedoch der Anonymität und verortet sie in die bayerische Hauptstadt.

Auf dem freien Platz davor gehen Menschen geschäftig wirkend in alle Richtungen. Nur auf der linken Seite – weit abseits im Hintergrund und gleichsam als Kontrapunkt und Ruhepol zu allen anderen – sitzt eine Person mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und hält in ihren Armen ein großes Bündel, wahrscheinlich ein Kind. Neben ihr steht eine zweite Person, deren  Körperhaltung Zuwendung und Beistand vermittelt. Sie sind die einzigen Personen auf dem Relief, die deutlich eine Beziehung zueinander zeigen, die füreinander da sind. In dieser schlichten Krippenszene, bei der die Beine der sitzenden Maria selbst das Gestell des Futtertrogs nachbilden, sind gleichzeitig Verlorenheit in der Gesellschaft als auch Wärme durch das innerliche und äußerliche Zueinander von Maria und Josef zum Neugeborenen zu spüren.

Das Desinteresse der nicht ganz detailliert ausgearbeiteten Menschen am Neugeborenen ist erschreckend. Sie meiden die kleine Menschengruppe geradezu. Sie gehen von ihnen weg, als wollten sie nichts mit ihnen zu tun haben. Dieser Eindruck wird durch die mauerartigen Häuser verstärkt. Sie verorten das Geschehen weniger auf einem zentralen Platz als vielmehr vor den Toren der Stadt.

Das traute Paar im Abseits! Das traute Paar als randständige Obdachlose, für die nicht nur in der Herberge kein Platz mehr ist, sondern an keinem Ort in der Stadt. Weder in einem heruntergekommenen Stall noch in einem Menschenherzen. Sie werden von ihrer Umgebung nicht wahrgenommen, weil alle etwas Unsichtbarem nachgehen bzw. etwas Wichtigeres zu tun haben. Die Heilige Familie ist nicht wirklich ausgestoßen, aber die Ignoranz der Mitmenschen macht sie gleichsam zu Unsichtbaren, Nichtexistierenden. Das ist paradox und tragisch zugleich.

Dieses fast alltägliche Stadtgeschehen tut weh. Aber es spornt an, einander wieder vermehrt Zuwendung und Beachtung zukommen zu lassen, um der Vereinsamung entgegenzuwirken. Wo uns das gelingt, wird es wieder warm werden und Gott selbst wird sich in Frieden und Glück dazu schenken.

Diese Arbeit entstand im Rahmen eines vom Diözesanmuseum Freising ausgeschriebenen Krippenwettbewerbs und war von Ende 2017/Anfang 2018 mit 88 weiteren Arbeiten in der Karmeliterkirche in München ausgestellt. 

Himmelszelt voller Gnade

Zwei weiße Hände von porzellanartiger Beschaffenheit ragen nebeneinander aus der Wand. Sie halten zwei Stricknadeln, die durch einen Draht verbunden sind, der die Maschen hält. Gestrickt wird mit zwei verschiedenfarbigen Fäden: einem mit Gold durchwirkten blauen Faden, der, wie die Hände, aus der Wand kommt, und einem dickeren roten Faden, der unten einem Fadengewirr entspringt. In dieses verstrickt sind menschliche Figuren in unterschiedlichen Körperhaltungen: still betend, im Fadenmeer versinkend oder verzweifelt sich an einem nach oben führenden Faden festhaltend, usw.

Die weißen Hände stricken eine Art Zelt, das auf seiner Außenseite blau und auf der Innenseite rot ist und dem Mantel entspricht, mit dem in traditionellen Darstellungen Maria gekleidet ist. Dabei symbolisiert das Blau den Himmel und Rot die Erde. Entsprechend entspringt der Faden für die blaue Außenseite dem Jenseits, hier ausgedrückt durch sein kontinuierliches Hervortreten aus der Wand. Demgegenüber werden die Menschen, die sich in ihrer Not an Maria wenden, durch die strickende Tätigkeit mit dem roten Faden nach oben und aus ihrer Misere gezogen, gleichzeitig wächst dadurch der Mantel in Richtung Erde und kommt ihnen schützend entgegen.

Maria wird hier nicht als Mensch mit individuellen Zügen dargestellt, sondern allein durch ihre strickenden Hände. Mit dieser typisch weiblichen Tätigkeit verbindet sie irdische Not mit himmlischem Erbarmen und fertigt damit einen weiten Mantel für die Bedürftigen. Wie ein Himmelszelt schwebt er über ihnen, beschützend, wärmend, Gottes Zuneigung und Liebe vermittelnd. Beeindruckend wird die Wandlung sichtbar, die Maria durch ihre Mittlerfunktion bewirkt. Die Menschen, die in der verwirrenden Not oder dem Chaos unterzugehen drohen, erhalten durch sie neue Hoffnung. Sie werden aufgerichtet und ihr zerstörerisches Leid wird gewandelt in den behütenden, Ruhe und Ordnung gebenden Innenmantel eingearbeitet, was sie gestärkt durchs Leben gehen lässt. Dadurch erhält der Schutzmantel Marias im Gegensatz zu traditionellen Darstellungen eine größere Eigenständigkeit, gleichzeitig wird Marias Mittlerfunktion zwischen Himmel und Erde, die bei der Marienfrömmigkeit eine große Rolle spielt, besonders deutlich.

Schiffbruch der Barmherzigkeit

Ein halbes Ruderboot liegt auf vier Rundhölzern, als ob es gerade auf ihnen nach einem Schiffbruch an Land gezogen worden wäre. Es sind keine Menschen zu sehen, nur wenige Objekte, die ihre frühere Anwesenheit bezeugen. Wer um das Boot herumgehen kann, findet eine Schwimmweste, eine schwarze Puppe, einen Teddybär, einen Geldschein und eine Muschel, die wie ein Aschenbecher auf dem Bootsrand liegt. Alle erzählen nachvollziehbar von Menschen, die eine Zeit auf diesem Boot verbracht haben, von Erwachsenen und Kindern, die mit wenigen Habseligkeiten die Überfahrt in ein Land der Verheißung gewagt hatten, um sich vor Not und Verfolgung in Sicherheit zu bringen.

Doch das Boot ist leer. Es hinterlässt nur Fragen zu seinen Passagieren: Wo sind sie nun? Wer und wie viele waren es? Woher kamen sie? Konnten sie sich retten nach dem Schiffbruch? Oder sind sie ertrunken? Übrig geblieben ist nur ein Steinkreuz mit dem Gekreuzigten. Mitten im Boot mutet es befremdend an. War es vor dem Unglück schon da oder erst danach? Wie ein abgebrochener Segelmast ragt das Kreuz in die Höhe. Ein erbärmlicher Anblick. Jesus ist hier so fremd wie die Fremden. So ist er, der Gekreuzigte, mit den Gescheiterten solidarisch .

Die fehlenden Extremitäten von Jesus sind durch Metallstücke ersetzt, was ihm noch stärker eine geschundene und bedürftige Gestalt gibt. Der linke Unterschenkel ist mit einem Winkeleisen angedeutet, der linke Arm bildet eine Stange, die mit einer Kette ans Kreuz gekettet ist, sein rechter Arm wird aus einem Stahlträger geformt. Auch das Kreuz hat verschiedene „Ecken ab“. Zudem steht auf dem Schriftband über Jesus nicht I.N.R.I., sondern „STATUS QUO“ (= bestehender aktueller Zustand). Wie um klar zu stellen, dass es nun so ist, obwohl die Flüchtlinge alles daran gesetzt haben, um der Bedrohung und Verfolgung zu entkommen und in ein Land mit besseren Lebensmöglichkeiten zu gelangen..

Die Flüchtlinge haben milde Umstände erwartet, damit ihnen die Flucht gelingt: ein ruhiges Meer, Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Sie haben auf Barmherzigkeit gehofft. Sie haben gehofft, dass die Barmherzigkeit sie wie das Boot auf dem Wasser trage und sicher ans Ziel bringe. Vielleicht steht deshalb „BARMHERZIG“ in roter Schrift auf dem blauen Bootsrand und in ägyptischer Schrift als Name des Bootes am Rumpf.

Damit wird angedeutet, dass es weniger um die Barmherzigkeit an sich geht als vielmehr um eine barmherzige Haltung und ein entsprechendes Handeln daraus. Die Motivation dafür resultiert für den gläubigen Menschen aus der biblischen Vermittlung und Selbsterfahrung, dass Gott ein barmherzig Handelnder ist, in der Gegenwart genauso wie in der Vergangenheit (vgl. Ex 34,6 par). Wir leben durch die Liebe und Barmherzigkeit Gottes und in ihnen. Sie sind die Grundlage unseres und eines jeden Lebens. In der Haltung und in den Situationen, in denen wir uns selbst für das Leben des Nächsten einsetzen, treten wir in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes ein, handeln wir wie ER und mit IHM zu seiner Verherrlichung. Wo oder wann das nicht geschieht, erleidet seine und unsere Barmherzigkeit „Schiffbruch“. Durch das Kunstwerk wird deutlich, dass bei unbarmherzigem Handeln etwas ganz Wesentliches und Tragendes zwischen den Menschen zu Bruch geht, das man mit Vertrauen und Solidarität beschreiben könnte. Es ruft mahnend in Erinnerung, dass dabei nicht nur der Notleidende unter Umständen mit dem Leben bezahlen muss, sondern auch der Wohlhabende an Menschlichkeit verliert.

Die Installation war im Rahmen des Projektes “Da-Sein in Kunst und Kirche” in der Kirche St. Franziskus in Regensburg-Burgweinting zu sehen.

“Thron”

Dünn und krumm streben die Beine dieses Stuhls in die Höhe. Ohne Größenvergleich meint man in der Abbildung einen Hochsitz aus dornigen Ästen vor sich zu haben. Die großen Dornen laden zum Erklimmen des Hochsitzes ein, gleichzeitig warnen sie, es nicht zu tun. Für die langen schmalen Beine – die an Dalís Elefantenbeine (z.B. in „Versuchung des hl. Antonius“, 1946) erinnern – verwendete der Künstler als Vorbilder aus der Natur Robinienäste, für den Sitz Brombeeräste.

Die Betrachtung der wirklichen Skulptur und im räumlichen Kontext zeigt, dass der Stuhl mit seiner fragilen und stacheligen Konstruktion trotz seiner Höhe von 97 cm auch wegen der fehlenden und viel zu kleinen Sitzfläche nie zum Sitzen gedacht war. Auf einem Sockel erhöht, spricht der Stuhl das menschliche Streben an, mal ganz oben zu sitzen und den Überblick zu haben. Vielleicht auch den Wunsch, mal höher zu sitzen als andere und da oben über den anderen zu thronen. Die Beine bringen die mühsamen Aufstiege auf der Karriereleiter zum Ausdruck. Die kleine Sitzfläche wiederum mag ein Lied davon zu singen, wie unbequem und einsam es da oben sein kann und dass der bewehrte Platz in der Höhe sicher aussieht, aber auf Dauer nicht zu halten ist.

Auf dem Sockel stehend nimmt die Stuhlkonstruktion die Erhabenheit eines Throns als symbolischen Sitz der Macht, der weisen und gerechten Regierungsgewalt auf, doch vermag sie keine Stabilität und auch kein Vertrauen auszustrahlen. Im Gegensatz zu einem starken, kunst- und würdevollen Thron, von dem auch eine himmlische Legitimation ausgeht, wirkt dieser Hochsitz sehr menschlich, selbst gezimmert, armselig, ja gar leichtsinnig.

Aber gerade darin ist er eine starke Mahnung, nicht zu hoch hinaus zu wollen oder sich über andere zu erheben. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Die Stuhlskulptur erinnert, dass der Mensch dort am Größten und Weisesten ist, wo er demütig handelt und sich nicht absondert, sondern im Dienst an den Mitmenschen und der Umwelt mitten unter ihnen lebt. – Uns zu loben oder zu „erheben“ steht den anderen oder einem Andern zu.