Geschenkte Größe

Inmitten des großen Kreisrunds begegnet uns golden hinterlegt die heilige Familie. Maria sitzt und hält das Jesuskind in ihrem Arm, Josef steht zugewandt und beschützend dahinter. Relativ zu der großen und schweren Masse des Steines, der einen beeindruckenden Durchmesser von einem Meter hat, wirkt das Kind klein und zerbrechlich wie ein soeben Neugeborenes.

Der runde Stein steht für die Vollkommenheit, aber es kann auch das Weltenrund darin gesehen werden oder ein Menschen-Leib, in dem Leben heranwächst, oder sogar ein Brot-Laib. Jesus ist als Erdenbürger geboren worden, er ist leib-haftig Mensch geworden. Er will in uns zur Welt kommen und sich als lebendiges Brot verschenken, damit wir in Ewigkeit leben (vgl. Joh 6,51).

Wie aus dem Auge oder dem Herzen der Welt heraus präsentieren Maria und Josef allen auf dem Weltenrund den Gottessohn. Vom unteren Weltenrand schauen die versammelten Völker zum Licht auf, das über ihnen aufstrahlt wie Jesaja vorhergesehen hat: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht.” (Jes 9,1) Endlich ist der Retter da! – und doch ist da noch eine Distanz dazwischen.

An die Menschenmenge und uns Betrachter richten sich drei Zeilen aus dem Gedicht „Das Marien-Leben” von Rainer Maria Rilke (1911/12), die über der Heiligen Familie in den Stein gemeißelt sind:

… SIEH, DER GOTT, DER ÜBER VÖLKERN GROLLTE,
MACHT SICH MILD UND KOMMT IN DIR ZUR WELT.
HAST DU IHN DIR GRÖSSER VORGESTELLT?

Rilke und auch der Künstler weisen damit auf die Barmherzigkeit Gottes hin, auf seine Liebe zu uns Menschen, die mit der Geburt seines Sohnes in die Welt gekommen ist. Das Zentrum ändert sich: Gott ist nicht mehr nur oben im Himmel, sondern auch und vor allem mitten auf der Erde. Gott ist nicht mehr fern, sondern nahe, er ist nicht mehr zornig, sondern gnädig, er trägt nicht mehr nach, sondern verzeiht. Deshalb ist das Erstaunen groß und die Frage berechtigt, welche der Künstler zwischen die Heilige Familie und die erwartungsvollen Völker gestellt hat: WAS IST GRÖSSE?

Was ist Größe? Rilke vergleicht in seinem Gedicht zur Geburt Jesu alle Schätze der Welt und das Ansehen der Könige mit der Geburt des Gottessohnes und kommt zu dem Schluss, dass das alles nichts wert ist gegenüber dem Geschenk, das Gott den Menschen macht: Er schenkt sich selbst. Jedem Menschen, bedingungslos und umsonst, obwohl wir das nicht verdient haben. Er möchte der Mittelpunkt unserer Seele, unseres Herzens, unseres ganzen Lebens sein, damit wir als erlöste und befreite Menschen mit ihm und mit allen Menschen in Frieden leben und die Fülle des Lebens erfahren. Gott macht sich klein und schenkt sich jedem von uns unverdienterweise. Das ist seine wahre Größe. Das größte Geschenk, das weitergeschenkt werden will.

Die Skulptur ist Teil der 82. Telgter Krippenausstellung “Mittendrin” im RELíGIO, dem Westfälischen Museum für religiöse Kultur in Telgte. Die Ausstellung mit über 120 zeitgenössischen Ausstellungsstücken ist bis zum 22. Januar 2023 zu sehen.

GegenMacht

Die Gestalt des Gekreuzigten wächst hoch oben aus der dünnen Senkrechten heraus. Sein Körper ist bis auf den Kopf und die Arme vor allem auf der Vorderseite figürlich als Beine, Lendenschurz, Bauch und Brustbereich gestaltet. Die senkrechte Teilung der Beine setzt sich in einem Spalt im Brustbereich fort und bildet dort mit der Unterseite der Brust ein Kreuz.

Der Kopf ist nach rechts gedreht, der Blick nach unten gerichtet. Seine Arme hat der Erhöhte maximal ausgestreckt, ebenso seine Hände: rechts senkrecht erhoben, links waagrecht nach vorne abgewinkelt. So bildet der Körper als Ganzes ein hochaufragendes Kreuz, gleichzeitig trägt er im Brustbereich das Kreuz in den Körper eingeschrieben.

Er ist nicht als der leidende Jesus dargestellt, auch wenn seine Wundmale deutlich zu sehen sind. Jesus wird nicht als passiv das Leiden Erduldender, sondern als Mitleidender, als sich Erbarmender und Beschützer aller wie er Gekreuzigter dargestellt. Er hat das Unrecht der Missbrauchten durch Spott, Folter und Tod am eigenen Leib erfahren. Nun wehrt er sich und verteidigt alle: Es ist genug! Hört auf! Das ist nicht auszuhalten!

Jesus tritt den Peinigern und Mächtigen als Verteidiger der Missbrauchten und Entwürdigten entgegen: Am Kreuz erhöht stellt er sich mahnend zwischen die Gewalttätigen und die Unterdrückten. Mit seiner aufgerichteten rechten Hand gebietet er Halt und Einhalt, mit seiner waagrecht gehaltenen linken Hand wehrt er eher ab. Jesus hält die Gewalttätigen auf Distanz, er schaut sie nicht an. Er, der Menschenfreund, weist sie ab und will auch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Er will auch von seinen eigenen Leuten nicht missbraucht oder verzweckt werden.

Missbrauch hat viele Gesichter und durchzieht zu allen Zeiten alle Gesellschaftsbereiche. Er ist uns näher als wir vielleicht denken, wenn wir stärker, reicher, klüger, älter, gesünder oder einflussreicher sind als andere (vgl. Lk 1,48-53). Macht ist schnell missbraucht, wenn Eigeninteressen höher gestellt werden als das Gemeinwohl und insbesondere das Wohlbefinden des Nächsten im biblischen Sinne. Niemand ist vor dieser Versuchung gefeit, auch nicht Priester oder Lehrer, Väter oder Mütter, Geschäftsleute, Arbeitgeber oder Politiker. Jesus ist gegen jede Art der Unterdrückung und Bevormundung. Im Christuslied des Philipperbriefes (2,6-8) wird beschrieben, wie Jesus auf seine unvorstellbare Machtfülle verzichtete, um den Menschen nahe zu sein und ihnen durch Gottes heilende, stärkende und rettende Kraft ihre Menschenwürde zurückzugeben.

Jesu Gegenmacht zum „Missbrauch von gutem Brauch“ ist seine Liebe und Fürsorge, sein Für-andere-da-Sein. Sein Umgang mit den Menschen ist geprägt von Respekt und Toleranz, von Wertschätzung und Vertrauen in deren Fähigkeiten und Kräfte. In seinen Augen sind alle Menschen gleich und in seiner Gerechtigkeit gibt es keine Unterschiede, außer dass den wie auch immer Benachteiligten Hilfe und Unterstützung zusteht.

Dieses Kreuz verkörpert Jesu Haltung über den Tod hinaus. Von „Gott über alle erhöht“ (Phil 2,9) bleibt er für alle Selbstsüchtigen und Peiniger ein Mahner des Unrechts und somit ein Stein des Anstoßes und ein Zeichen des Widerstands. Alle anderen stärkt Jesus als unübersehbares Vorbild im rechten und guten Umgang miteinander.

Gefäß der Menschlichkeit

Das bauchige Gefäß strahlt in seiner schlichten Form viel Menschliches aus. Mit seiner großen Basis steht es geerdet und standfest da. So schnell lässt es sich nicht umwerfen. Durch die nach hinten versetzte Öffnung wölbt sich der vordere Bereich wie eine stolz geschwellte, Selbstbewußtsein ausstrahlende Brust … trotz des großen Risses im Holz.

Der Schwundriss, der bei der Holztrocknung entstand, mutet wie eine Verletzung an, eine äußere Beeinträchtigung, die manche als Makel oder Verlust an Schönheit empfinden und der für sie schnellstens beseitigt und behoben gehört.

„trotz dem“ steht in Goldbuchstaben neben dem Riss. Die zwei Worte sind ein Zeichen des Widerstandes, des Protests. Trotz des Risses kann das Gefäß für die Aufbewahrung von Gegenständen gebraucht werden. Vor allem kann es an das Wesentliche erinnern, das jenseits seiner praktischen Funktion liegt: Das Da-Sein an sich und die Schönheit selbst. Trotz seiner Beeinträchtigung hat es eine Daseinsberechtigung und gerade damit darf es Wertschätzung erfahren.

Das Gefäß ist weitgehend rot bemalt. Wie ein Kleid bedeckt die rote Farbe den weißen Grundton, der an der Basis wie ein Unterkleid noch zu sehen ist. Die rote Farbe leuchtet warm wie ein Mantel der Liebe und der Barmherzigkeit, der über die verletzte Unschuld geworfen wurde, als wollte gesagt werden: Trotzdem bist du geliebt.

So ist das bauchige Gefäß voller Symbolik und Parallelen zu uns Menschen. Niemand von uns ist perfekt. Jeder von uns hat früher oder später irgendwo einen „Sprung“, eine äußere oder innere Beeinträchtigung. Wunden gehören zum Leben ebenso wie die Spuren von Brüchen, Unfällen oder unserem Lebenswandel. Sie sind die „Schwachstellen“, an denen unser Inneres offenbar wird und Licht auf unsere verborgenen oder dunklen Schattenseiten fallen kann.

Sehr schön kommt das im Kintsugi zur Geltung, der japanischen Kunst Tongefäße zu reparieren. Zerbrochene Gefäße werden nicht weggeworfen, sondern in einem aufwändigen Prozess so wieder zusammengefügt, dass sie dauerhaft halten und brauchbar bleiben. Zum Schluss werden die Sprünge und Bruchstellen vergoldet, wodurch dem Gefäß und seiner Geschichte eine besondere Wertschätzung verliehen wird.

So lässt auch das Holzgefäß mit seinem golden geschriebenen „trotz dem“ (an sich wird das Wort trotzdem zusammengeschrieben, doch durch die Trennung wird es sinnhafter!) über den Umgang mit den Widerwärtigkeiten, Unglücken und Brüchen nachdenken, die wesentlich zu unserer Existenz gehören. Wir sind nicht perfekt, es kann nicht alles gelingen, es kann nicht alles heil bleiben, allein schon wegen unserer Schwächen und unserer Vergänglichkeit.

Gerade deswegen besteht das Leben aus vielen unentwegten Trotzdems. Trotzdem leben wir. Trotzdem arrangieren wir uns und versuchen wir das Beste daraus zu machen. Das bauchige Gefäß ist eine Aufforderung, allen widrigen Gegebenheiten zu trotzen und zu widerstehen. Seine Aufschrift motiviert, etwas dennoch zu machen, auch wenn man keine Lust oder keine Motivation dazu hat. Sie ist eine Einladung, trotzdem Werte zu haben und sich für sie einzusetzen, auch wenn andere diese nicht teilen, weil sie ihnen sinnlos oder zu kostspielig erscheinen. Sie ist eine Einladung, trotz der vielen Enttäuschungen an das Gute im Menschen zu glauben, trotzdem zu vertrauen und immer wieder einen neuen Versuch zu wagen.

Mutter Teresa: Trotzdem

Die Leute sind unvernünftig,
unlogisch und selbstbezogen;
LIEBE SIE TROTZDEM
Wenn du Gutes tust, werden sie dir
Egoistische Motive und Hintergedanken vorwerfen,
TUE TROTZDEM GUTES
Wenn du erfolgreich bist,
gewinnst du falsche Freunde und echte Feinde,
SEI TROTZDEM ERFOLGREICH
Das Gute, das du tust, wird morgen vergessen sein,
TUE TROTZDEM GUTES
Ehrlichkeit und Offenheit machen dich verwundbar,
SEI TROTZDEM EHRLICH UND OFFEN
Was du in jahrelanger Arbeit aufgebaut hast,
kann über die Nacht zerstört werden,
BAUE TROTZDEM
Deine Hilfe wird wirklich gebraucht,
aber die Leute greifen dich vielleicht an,
wenn du ihnen hilfst,
HILF IHNEN TROTZDEM
Gib der Welt dein Bestes,
und sie schlagen dir die Zähne aus,
GIB DER WELT TROTZDEM DEIN BESTES.

(Zeilen auf einem Schild an der Wand von Shishu Bhavan, dem Kinderheim in Kalkutta)

Von der Arbeit “trotz dem” gibt es auch eine Postkarte (Voransicht), die unter der Bestellnummer 6043 beim Künstler bestellt werden kann.

Zusammenhalt

Haltlos waren die rotbraunen Metallbänder, als sie dem Generationenwechsel im Schienenbau zum Opfer fielen. Ausgerechnet sie, die dazu gefertigt wurden, alten hölzernen  Eisenbahnschwellen Halt zu geben und mit ihnen Stabilität den Schienen und Sicherheit den darüberrollenden Zügen und Fahrgästen.

Aufgeschnitten lagen die Bänder in Haufen als Schrott oder Altmetall herum. Offen für einen neuen Verwendungszweck, der vom Einschmelzen bis zur Weiterverwendung in einem anderen Kontext reichen konnte. Wie hier in einem Kunstwerk.

Verbunden wurden sie vom Künstler durch das Verschweißen an unerwarteten Stellen. Sie bilden in ihrer Verworfenheit nun eine Solidargemeinschaft, in der jedes Band die Spuren seiner ursprünglichen Bestimmung und Aufgabe als auch seine Trennung davon als gestaltgebendes Moment in das neue Zusammen und damit in den neuen Lebensabschnitt einbringt. Die Gemeinschaft ist der Wund-Verband, der hilft die Verletzungen der Vergangenheit zu heilen. Sie werden sichtbar bleiben und damit der neuen Gestalt ein unverwechselbares Gesicht verleihen.

Offen geben sich die Zwischenräume, durchlässig für ganz verschiedene Deutungen. So kann in der Metallskulptur ein Menschen- oder Löwengesicht gesehen werden, das von einem roten Wuschelkopf oder einer roten Mähne umgeben ist. Gleichzeitig atmet in dem Linienverbund die Blätterstruktur einer blühenden Rose. Da ist viel Luft, Freiraum und Toleranz im Innern, aber auch viel Offenheit nach außen. Die freien Enden der Bänder sind bereit, Suchenden Halt und Gemeinschaft anzubieten. Im einen wie im anderen Bild ist Leben und Freude zu spüren, … ein neuer, sinngebender Zusammenhalt.

Doppeltes Zwiegespräch

Ein losgelöstes Gesicht schaut in den Spiegel seiner selbst. Abgeschnitten und gewendet vermag es das Unmögliche zu vollbringen, in sich selbst hineinzuschauen bzw. sich im eigenen Selbst zu spiegeln oder zu erkennen. Doch es bleibt ein Anschauen, ein Außen-vor-Bleiben: denn der Spiegel ist kein Fenster, er ermöglicht keinen Blick ins Innere, er zeigt nur den Betrachter und sein unmittelbares Umfeld.

Die Selbstreflexion wird hier ins Bild und ins Gespräch gebracht. Nicht andere zu spiegeln oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, sondern sich selbst ins Gesicht zu schauen und in sich zu gehen. Das hintergründige Werk fordert auf, in die Tiefe zu gehen, sein Denken und Tun zu ergründen und auf den Prüfstand zu stellen. Einsichtig und demütig zu versuchen, Einsicht in die eigenen innersten Beweggründe zu erhalten. Nicht umsonst sagt Jesus zu seinen Zuhörern: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Mt 7,3)

Selbsterkenntnis ist nicht so leicht wie es aussieht. Das zeigt auch die verwendete Büste der Allegorie des Sommers. Sie steht wie ihre drei Kolleginnen Frühjahr, Herbst und Winter für eine zeitlich begrenzte Zeitspanne, die wiederkehrend von natürlichen Rhythmen geprägt ist. So stellt die Allegorie zum einen ein Vanitas-Symbol dar, zum andern steht sie für die frühe Blütezeit des Lebens. Die Selbstbetrachtung ist also eine Standortbestimmung auf der Reise durch das Leben. Kein Selfie, kein äußeres Ablichten vor einem bedeutenden Hintergrund, sondern vielmehr ein Röntgenbild, welches das ganze Sein final durchleuchtet.

Der Betrachter ist eingeladen, mit in den Spiegel zu schauen – er kann sich neben der Allegorie selbst sehen. Doppelt wird er gespiegelt, da auch die Rückseite des Gesichts verspiegelt ist. Hinter dem  Antlitz der Allegorie des Sommers sieht der Betrachter sein eigenes Gesicht. Das Kopfsegment wird gleichsam zu einer Maske und er sieht sich in ihr. Mit ihr und in ihr kann sich der nun Maskierte nur allegorisch betrachten, wie in einer verschleierten, anderen Sprache. Die Wahrheit ist nicht so nah wie gedacht. Vielmehr scheint sie durch viele Fragen in die Ferne zu rücken: Bin ich ganz die Person, die ich bin? Zeige ich mein wahres Gesicht? Bin ich authentisch die Persönlichkeit, die Gott in die Welt und seine Nachfolge gerufen hat? Oder spiele ich wie in einem Theaterstück eine Rolle, um jemand zu sein und anderen zu gefallen? So gleicht der Blick in den Spiegel einem Blick in die Seele, der die tiefsten Wahrheiten zu offenbaren und zu enthüllen vermag.

Die Allegorien der vier Jahreszeiten erinnern an die Vergänglichkeit des blühenden Lebens und mahnen die Zeit zu nutzen und zu schätzen, die einem bleibt. „Carpe diem – pflücke den Tag“- pflegten die Römer zu sagen. Jeder Tag ist ein Geschenk, etwas aus ihm bzw. aus mir zu machen. An meinem Profil zu arbeiten, meine Fähigkeiten zu schulen und mich konstruktiv in die Gemeinschaft einzubringen. Jeder hat eine Berufung, eine Aufgabe in dieser Welt. Meine Fähigkeiten sind gefragt, ich bin aufgefordert, authentisch die Herausforderungen dieser Zeit mitzugestalten und mitzubestimmen. Die EIN-Sicht stärkt mein Selbstbewusstsein und ermöglicht Selbsterkenntnis. Aber sie eröffnet mir auch Perspektiven, eine AUS-Sicht, die ermutigt zu leben und wo und wie auch immer Leben zu schützen und zu fördern.

Schlüssel zum Leben

Sehr schlicht präsentiert sich dieses Kunstwerk ganz besonderer Art. Auf einer Grundplatte steht hochkant ein Stück Holz mit einem abgenutzten Türbeschlag, der oben keinen Griff oder Knauf, aber unten ein intaktes Schlüsselloch hat. Nichts weist auf eine außergewöhnliche Situation hin. Allein ein Klingelknopf lädt zum Drücken und Hoffen ein, dass dieser eine Reaktion auslöst, durch die sich die eigenartige Aufmachung erklärt.

Doch auf Knopfdruck ereignet sich nicht allzu viel. Allein das Schlüsselloch wird beleuchtet, was allerdings die Aufmerksamkeit auf sich zieht und genauer hinschauen lässt. Denn im Schlüsselloch wird ein Kleinkind mit nacktem Oberkörper und lockigem, goldenem Haar sichtbar: Jesus! Die karge Tür ist gleichsam der Stall, in dem er geboren, die Krippe, in die er gelegt wurde. Er erstrahlt als Licht in der Dunkelheit des Schlüssellochs. Er nimmt den Platz des Schlüssels ein und verweist damit auf die vorweihnachtliche O-Antiphon des 20. Dezembers, in der die Schlüsselgewalt des Gottessohnes verkündet und ersehnt wird:

O Schlüssel Davids, Zepter des Hauses Israel  –
du öffnest, und niemand kann schließen,
du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen:
o komm und öffne den Kerker der Finsternis.“
(vgl. Jes 22,22; Offb 3,7; Mt 16,19)

Jesus ist der Schlüssel zum Reich Gottes. Sein Leben, seine Worte der Liebe öffnen neue Lebensräume und führen aus der Gebundenheit und Gefangenschaft dunkler Abhängigkeiten in die Freiheit des wahren Lebens. Die Geburt Jesu ist der geschichtliche Wendepunkt. Seine Geburt lässt sich leicht übersehen, seine universelle Bedeutung in seiner Zeit weder erahnen noch verstehen.

Heute feiern wir mit Millionen von Lichtern Jesu Geburt. Aber haben wir verstanden, was es bedeutet, die Liebe selbst zu sein? Bei Jesus und in unserem Leben für den Nächsten?  Die Liebe allein vermag die Türen der Herzen zu öffnen und diese mit Licht und Leben, mit Glückseligkeit und Freude zu erfüllen. Keine andere Kraft hat eine solche Macht.

Komm Herr Jesus, kehr bei uns ein. Sei unser Gast und erfülle uns mit deinem Licht und deiner Liebe, auf dass wir heil werden und selbst zu befreienden Schlüsseln der Liebe werden.

Diese Krippe ist bis zum 13. Januar 2022 in der 81. Telgter Krippenausstellung “Geheimnis der Heiligen Nacht 2.0” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

Warten auf Jesus

Ein junges Paar steht am Ausgang eines Bahnhofs. Die einfach gekleidete junge Frau hält ein Baby in den Armen, ein Bauarbeiter in einfacher, verschmutzter Kleidung steht ihr bei. Ein Mann in weißer Latzhose und einem gelben Koffer schaut zu ihnen hinüber. Hinter ihnen öffnet sich der Blick auf einen Bahnsteig mit Informationstafeln und einem blauen Zug.

Das Paar scheint gerade in der Stadt anzukommen. Vor ihnen liegen erneut Gleise, vielleicht von der Straßenbahn. Sie müssen ja irgendwo eine Herberge finden in der Stadt. Neben ihnen wünschen Esel und Ochs aus einem DB-Informationsschalter heraus (auf die verkehrte Welt weist das von hinten spiegelverkehrt abgebildete DB-Symbol hin) den traditionellen Bergmannsgruß „GLÜCK AUF“. Mit dem kurzen Wunsch werden Gesundheit und Erfolg bei der gefährlichen Arbeit in den Bergwerksstollen zusammengefasst, das Finden des Gesuchten und auch die gesunde Rückkehr des Kumpels. Der als Graffiti auf die Wand gesprühte Spruch zu ihrer Rechten verortet das Glück einzig und allein im Glauben an Jesus: „Ohne Jesus ist Schicht im Schacht“.

Mit dem Rücken zur Wand sieht der telefonierende Geschäftsmann diesen entscheidenden Hinweis allerdings nicht. Läuft er dem Glück davon?

In den Ecken eines unsichtbaren Dreiecks umgeben drei Personen das junge Paar: links unten ein Mädchen mit einem weißen Lamm, rechts eine alte Frau am Rollator, oben ein geflügelter Mann in Business-Kleidung. Seine dunkle Brille und sein tastender Gang lassen in ihm einen blinden oder lichtscheuen Engel sehen. Was für eine Botschaft er wohl verkünden mag?

Unbeholfen steht er auf dem Dach der Bahnhofshalle. Wem soll er die Botschaft verkünden? Würden die Leute seine Botschaft überhaupt verstehen, wenn der Gottessohn so unauffällig in einer Bergmannsfamilie in die Welt hineingeboren wird? Wer es nicht weiß, wird das göttliche Kind übersehen, seine Ankunft verpassen! So ist es auch beim Mädchen und bei der alten Frau ungewiss, ob sie auf das Kind zugehen oder an ihm vorbeigehen. Die farbliche Verbundenheit mit Maria (rot-rosa Oberteile) lässt ersteres vermuten. Biblisch gesehen könnte das Mädchen symbolisch für die Hirten, die zum Stall geeilt sind, als auch für Johannes den Täufer stehen, der mit den Worten auf Jesus hinwies: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29). Die alte Frau hingegen könnte die biblische Witwe Hanna andeuten, die Gott im Tempel erwartete und sich über seine Ankunft derart freute, dass sie es allen erzählte, „die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“ (Lk 2,38)

Johannes wie Hanna haben Jesus erwartet. Sie haben sehnsüchtig auf ihn gewartet. Sie haben gehofft und gebetet, dass ihnen die Gnade zuteilwerde, Jesus zu erkennen und ihn schauen (vgl. auch Simeon; Lk 2,25.26) und anbeten zu können: als Heiland der Menschen, als Retter der Welt. Weist nicht das Holzkreuz der Bahnhofshalle, unter dem die Mutter mit dem Kind steht, auf Jesu Berufung hin, die Menschen durch sein eigenes Blut zu erlösen? Und verweisen die Orientierungstafeln, welche Bahn wann in welche Richtung abfährt, nicht auch auf seine Heimkehr zum Vater?

Die Skulptur lädt uns ein, Jesus zu erwarten – „Komm Herr Jesus!“ (Offb 22,20) – auf dass wir ihn in Menschengestalt auch erkennen und schauen können. Hier und jetzt.

 

Die Arbeit von Rudi Bannwarth ist in der 81. Telgter Krippenausstellung “Geheimnis der Heiligen Nacht 2.0” im RELíGIO – dem Westfälischen Museum in Telgte zu sehen.

Monumentale Leichtigkeit

Weit ausladend queren die breiten Stahlbänder mit ihrer geschwungenen Form die große Halle. Mit hoher Hitze und extremen Kräften wurden die Platten aus massivem Stahl sowohl in der Vertikalen als auch in der Horizontalen verformt, so dass sie sanfte Bögen bilden und damit zu Kreissegmenten und Teilen von etwas Größerem werden.

Die drei lose aufeinander liegenden Stahlplatten vermitteln durch die verdichtete Mitte Bodenhaftung, Halt und Zusammenhalt im Balanceakt des Seins. Doch sie liegen versetzt aufeinander, wie zufällig verschoben, oft sich kaum berührend, Freiräume lassend. Durch diese freie Anordnung und die weit auskragenden Teile erhält die Skulptur eine luftige Dynamik und eine weltumarmende Offenheit. Mit den sanften, perfekt gerundeten Bögen hat Thomas Röthel den tonnenschweren Stahl gleichsam entmaterialisiert (weitere Ansicht 1, Ansicht 2).

Gleichzeitig lädt die Skulptur ein, sich gedanklich in ihre Mitte zu stellen oder hineinzusetzen, sich vom Schwung der Skulptur mitnehmen und erheben zu lassen.  Ihre abgesenkte, geerdete Mitte regt zur Sammlung an, während die abhebenden freien Enden begeistern, die erhebende Bewegung der Skulptur aufzunehmen und, ihr gleich, die Arme so weit als möglich auszubreiten, um sich für das unfassbar Größere zu öffnen: Aus einem stabilen, zentrierten Sein heraus sich bis in die Fingerspitzen dem Licht zuzuwenden und zu öffnen. Sich Gott öffnend, um von Ihm gesehen, von seinem Licht gehalten und erfüllt zu werden.

Unendlich zart und doch kraftvoll stark ziehen die gleichmäßigen Bögen in den Aufschwung hinein, den Aufbruch in eine neue, unbekannte Welt, die wir in uns spüren und die immer wieder den äußeren Ansporn braucht, um sich zu öffnen und aufzubrechen, licht und Licht zu werden.

Steh auf, werde licht,
denn es kommt dein Licht
und die Herrlichkeit des Herrn
geht strahlend auf über dir.
(Jes 60,1)

Schätze im Himmel

Der kompakte, aufgerichtete Figurenblock gibt sich in seiner menschenartig abstrahierten Gestalt verschlossen und unnahbar. Mit geöffneter Front jedoch stellt er sein reiches und feingliedriges Innenleben zur Schau. Die Mitte bildet ein hoher, spitzer Turm, der an die immer höher werdenden Wolkenkratzer dieser Welt erinnert. In den seitlichen Nischen befinden sich vier stilisierte „Heiligen“-Figuren in Turm-Kleidern und mit aufgetürmtem Kopfschmuck. Ihre phantasievollen Gewänder greifen die Formensprache des Turmes auf als wäre er das große Idol ihres Daseins.

„Hack nimmt hier deutlich Bezug auf die mittelalterliche Tradition der Wandelaltäre, die an Festtagen geöffnet wurden und den Blick auf das Heilsgeschehen frei gaben, also durch einen Wechsel von Verbergen und Erscheinung das religiöse Staunen steigerten. Mit dem Unterschied, dass hier nun anstelle des christlichen Heilsgeschehens der Turm zu Babel als Menetekel menschlicher Vermessenheit, als Sinnbild der Selbstvergötterung erscheint. Der autonome Mensch wird selbst zum Schrein, in dessen Innerem verborgen er sein Babel trägt. Von Zeit zu Zeit stellt er es Ehrfurcht gebietend zur Schau. „ (Dr. Barbara Renftle in: getürmt, 2021, Stiftung bc – pro arte, S.41)

So stellt die geöffnete, stehende Altarfigur jedem Betrachter die Frage, was er im Verborgenen gesammelt oder aufgetürmt hat und welche Referenzpersonen ihm zur Seite stehen bzw. ihn auf dem Weg durch das Leben begleiten. Auf die Frage, was uns im Leben wichtig sein soll, gibt Jesus eine ganz klare Antwort: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde …, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen! Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. … Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. … Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie … sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? (Mt 6,19-21.24c.26)

Sinnbildlich weist der innere Turm auf Größenwahn, Hochmut und Überheblichkeit hin. Noch stehen er und seine Getreuen stark und sicher. Doch Jesus weist darauf hin, dass gesammelte Schätze (siehe auch Lk 12,15-21) und selbstgemachte Heiligtümer uns nicht retten können. Wir sollen immaterielle Schätze im Himmel (nicht in der Cloud …) sammeln, mit unseren Herzen auf Gottes Barmherzigkeit und Fürsorge vertrauen. Paradoxerweise bringt gerade das schlichte Äußere der Skulptur diese innere Haltung der Demut  zum Ausdruck: unauffälliges und unspektakuläres, aber hilfsbereites und haltgebendes Da-Sein für andere. Heilige Schätze zu sammeln bedeutet Haltungen und Werte leben, die von Achtung und Wohlwollen für alle Menschen, Lebewesen und die ganze Erde geprägt sind. Weil eine solche Haltung und solches Handeln von Umsicht, Fürsorge und Liebe beseelt Gutes bewirken wollen, sind sie heilig, überzeitlich und gehen in die Ewigkeit ein. Sie lösen jetzt schon ein interaktives Heilsgeschehen aus und werden deshalb zu einem Schatz im Himmel.

Skulpturen von Klaus Hack und Arbeiten weiterer Künstler*innen sind bis zum 26. November 2021 in der Themenausstellung “Getürmt. Turmmotive in der Gegenwartskunst” in der Galerie der Stiftung S BC – pro arte in Biberach im Original zu sehen. Dort kann auch der sehr informative Ausstellungskatalog bezogen  werden.

Spannung des Lebens

Zwei längliche Schalenkörper, der eine am Boden liegend, der andere darüber hängend und schwebend, bilden im Raum eine tonale Klammer. Beide Objekte haben ähnliche Dimensionen und weisen in der Länge eine ähnliche Symmetrie auf. Farblich setzen sie sich durch die gewählten Materialien voneinander ab: Die untere Form ist aus dünn gearbeitetem Gips, die obere Form besteht aus weichem Bienenwachs. Durch die formale Ähnlichkeit und die räumliche Zuordnung entsteht ein Spannungsverhältnis.

Grundlage der Skulptur sind die vergrößerten Abformungen einer menschlichen Schulterpartie, die durch die Verwendung der Materialien Bienenwachs und Gips in ein dialogisches Verhältnis gesetzt wurden. Dabei ist die Bienenwachsform als innere Abformung der Gipsform entstanden. In der Skulptur schwebt sie von ihrer Urform gelöst im Raum, als Bezugspunkt senkrecht über ihr verbleibend, doch in der Position um 180 Grad gedreht. Dadurch bildet sie mit der Wölbung nach oben weisend mit der Form aus Gips auf dem Boden gleichsam eine himmlische Klammer. Die Schwebeform ist ein Gegenüber, die im Gegensatz zur Bodenform eine Wendung und eine Wandlung vollzogen hat. Während die Bodenform durch die Einbuchtung dem Chor mit dem Altar und damit sinnbildlich Gott zugewandt ist, öffnet sich die obere Form den Gläubigen, den Besuchern und ist damit den Menschen zugewandt.

Ruhend sind die Schalenformen miteinander im Austausch. Ihre Materialien und Positionen wirken gleichnishaft. So verbindet sich der Gips in seiner Materialität mit der Erde und steht als Abformung der menschlichen Schulterpartie für den Menschen und alles von ihm Geschaffene, Erdverhaftete. Das Bienenwachs hingegen vermag von seiner Herkunft her und durch die schwebende Leichtigkeit eine geistige, spirituelle und gewandelte Dimension des Daseins anzusprechen. Da die obere Schale eine Entäußerung der unteren Schale ist, eine geistige Form, die aus der unteren Schale entstanden und entschwebt ist, haftet ihr auch etwas von der Auferstehung an, vom Unvergänglichen, und vermag nun wie ein Schirm, wie ein guter Geist beschützend über der unteren Schale zu wachen. Beide sind auf ihre Weise fragil, doch miteinander bewirken sie eine starke, lebendige Spannung.

Der große Abstand zwischen den Elementen bietet viel Frei- und Spielraum für weiterführende Gedanken: Die beiden leicht zueinander gebogenen Formen lassen sich aus dieser Perspektive gesehen zu einem unsichtbaren Kreis ergänzen und deuten damit sowohl Zusammengehörigkeit als auch Offenheit an. Die beiden Abformungen lassen an die Spannung und Stärke der Schultern denken, die große körperliche und verantwortungsvolle Lasten zu tragen vermögen, aber auch an ihre notwendige Entspannung und Erholung, um nicht in einer schmerzvollen Verspannung oder Lähmung zu enden, welche den Körper zu Boden zwingen.

Die Installation der beiden Schulterelemente eröffnet einen gedanklichen Freiraum, der die Worte Jesu in Erinnerung zu rufen vermag, damit die lebensnotwendige richtige Spannung wieder hergestellt und beibehalten werden kann: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28-30)

Der Blick auf Jesus, die Verbindung mit dem Logos Gottes, seiner alles überragenden und durchdringenden Weisheit, ermöglicht richtiges und weitsichtiges Denken und Handeln. Die „himmlische Klammer“ des Kunstwerks macht diesen Spannungsbogen als auch den inneren Freiraum zur Gestaltung des Lebens gut sichtbar. Es ist eine hohe Kunst, alles – also nicht nur uns zu Lasten der Mitmenschen und Umwelt –, sondern alles zusammen maßvoll am Leben zu erhalten: beweglich, entwicklungsfähig, formbar, veränderbar.

Die Installation bringt diesen Spannungsbogen des Lebens insbesondere durch das obere Element zum Ausdruck. Das Leben existiert nur in einem schwebenden, stets vom „Absturz“ bedrohten Zustand. Damit die Lebenskräfte weiterhin das Unmögliche vollbringen können, die ganze Schöpfung – und nicht nur sich selbst – im Gleichgewicht zu halten, braucht es die Verbundenheit mit Gottes Genialität und des aus ihm heraus denkenden und handelnden Geistes.

Zwischen Himmel und Erde musst du stehen als aufrechtes Wesen, dessen Füße den Bezug nach „unten“ nicht verlieren, und dessen Stirn sich emporreckt im Bezug nach „oben“. (Elisabeth Lukas)

Freiraum für die Liebe

Drei geometrische Formen bilden in dieser Monumentalskulptur eine Einheit: Quadrat, Dreieck und Kreis. Während erstere einander „nach hinten“ zugeneigt sind und auf dem unteren Teil der Kreisform aufliegen, erhebt sich der Kreisring sie stützend in die Gegenrichtung. So aneinandergelehnt und einander durchdringend erheben sie sich im öffentlichen Raum, diesen im wechselnden Licht und in sich ständig verändernden Schattenmustern auf dem glatten Stahlblech reflektierend. Die geometrischen Elemente wirken vertraut – und doch erscheint das Kunstwerk in dieser Dimension, seinen klaren Linien, der hellen Erscheinung und den multiplen Spiegelungen wie etwas Außerirdisches. Man könnte die weißen Ringformen als monumentale künstlerische Spielerei zur Kenntnis nehmen, doch sie sind mehr.

Dreieck, Quadrat und Kreis sind geometrische Grundformen. Sie verkörpern in ihrer Unterschiedlichkeit Urprinzipien unserer menschlichen Existenz: So steht das Viereck für die Materie, die Welt, den irdischen Lebensbereich und damit auch für den Menschen. Das Dreieck ist ein Symbol für das geistig Dynamische, den Himmel, die Dreifaltigkeit und damit auch für Gott. Der Kreis symbolisiert Einheit, Vollkommenheit und Unendlichkeit, weil er in sich selbst zurückführt. Der Kreis verbindet Quadrat und Dreieck und symbolisiert damit auch die Liebe und die Überbrückung des Gegensätzlichen.

Im Kunstwerk erhalten die Formen durch eine dritte Dimension räumliche Tiefe. Diese Tiefendimension und der Stahl als Material verbinden das Gegensätzliche ebenso miteinander wie die freie Mitte, die das „Umfangende“ zu Ringen gestaltet und den voluminösen Elementen Leichtigkeit verleiht. Die Freiräume in ihrer Mitte, die sie umschließen und die zwischen ihnen übrig geblieben sind, wirken wie eine Seele. Sie sind da und wichtig, doch nicht wirklich greifbar. Sie erschließen sich in immer neuen Zusammenhängen im Umschreiten der Skulptur oder durch Abbildungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie sind wichtig, ohne sie ginge es nicht, denn sie geben den drei Elementen Freiraum für Durchblicke, die Gelegenheit zum Ineinandergreifen und sich gegenseitig Festhalten.

So könnten Quadrat und Dreieck einander zugeordnet sein, doch ohne die freie Mitte, die sie zu Ringformen und Symbolen für die Unendlichkeit macht, ohne das Kreiselement, das sie stützend durchdringt und verbindet, wären sie nichts. (vgl. 1Kor 13,2) Dreieck und Quadrat wären leere Raumköper ohne tragenden Grund, ohne vereinendes Band, ohne erfüllende Mitte. So kann der Ring, der das Quadrat und das Dreieck verbindet, in seinem vollkommenen Rund auch als ein Symbol für Gott oder die Liebe gesehen werden.

Es ist die Liebe, die das Gegensätzliche und einander Ausschließende verbinden kann, ohne die Einzigartigkeit des Verschiedenen zu zerstören. So geht es – übertragen gesehen – nicht um eine linear hintereinander gedachte, das Vorherige aufhebende Abfolge von These, Antithese und Synthese. Vielmehr geht es um einen lebendigen Prozess, in dem die Gegensätze in einer immer wieder zu suchenden Synthese affirmiert – also einander bejahend – enthalten sind, und – wie im vorliegenden Kunstwerk mehrdimensional räumlich und einander durchdringend sich auf einer höheren Ebene zu einem neuen Ganzen verbinden. Ganz so wie Paulus es im Hohelied der Liebe ausdrückte: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (1Kor 13,13). Eine auf diese Weise durch die Liebe bewirkte Versöhnung der Gegensätze vermag Inseln der Humanität zu schaffen.

Die Skulptur war bis im Sommer 2021 an der großen Skulpturenausstellung Bad RagARTz in Bad Ragaz/Schweiz ausgestellt.

Lebensenergie

Geheimnisvoll steht die Stele im Raum. Über dem Sockel aus Jura-Kalkstein erhebt sich eine tiefblaue rechteckige Fläche mit den Ausmaßen eines großen Menschen. Die Kontur der Stele folgt dem natürlichen Wuchs des Baumstammes, aus dem das Brett geschnitten wurde. So ruht die Stele breit auf dem Sockel, verjüngt sich zur Mitte und weitet sich nach oben wieder.

Die blaue Fläche wie der sie umgebende Goldrand sind unregelmäßig und wirken dadurch lebendig. In der Tradition der Ikonenmalerei hat die Künstlerin die Lindenholztafel mit Marmormehl und Alabaster grundiert und sie dann beidseitig in sechs Schichten mit verschiedenen Lapislazuli-Naturpigmenten bemalt. Der mehrschichtige Aufbau als auch das tiefgründige und leuchtstarke Lapislazuli geben der Fläche eine unvergleichliche Tiefe, so dass die Tafel auch wie eine Türe oder ein Durchgang wirkt. Die natürliche kristalline Struktur des kostbaren Pigmentes lässt die Oberfläche durch hellere und dunklere Bereiche unterschiedlich intensiv in Erscheinung treten. Blattgold umrahmt das ultramarine Spiel mit Licht und Schatten und enthebt es gleichzeitig ins Unergründliche, Immaterielle, Geistige.

Formal verweist das Kunstwerk, das uns in der Lebensgröße eines Menschen gegenübertritt, auf niemanden Konkreten, es hat keine praktische Funktion. Man begegnet dem Werk wie einem großen Unbekannten mit menschenähnlichen Proportionen. Im numinosen Blau und Gold bleibt Gott wie in einem unfassbaren Anders-Sein verborgen. Doch die schlichte Gegenwart, der kostbare Aufbau und die mystische Ausstrahlung ziehen den Betrachter geheimnisvoll in den Bann und laden zum Innehalten und zur Begegnung, zur stillen Einkehr und zum meditativen Verweilen, zur staunenden Auseinandersetzung ein. In dieser Gegenüber-Stellung stellt sich die Frage, wie und wo aus dem geheimnisvollen Ganz-Anderen ein persönlicher Gott für mich wird. Was sich in dieser Begegnung mit Gott konkret erlebbar für mich herauskristallisiert und zu einer kostbaren, individuellen Lebenserfahrung wird.

Das starke Blau kann Ausgangspunkt für Gedanken an den nächtlichen Himmel und die damit verbundene Stille sein, die den Blick in die unergründliche Weite des Weltalls begleitet. Es bringt auch die geheimnisvollen Dimensionen der Meere zur Sprache. So wandelt sich die Stele zu einem Durchgang oder einer Tür, die in die Weite des Nichtdarstellbaren und Unbegreiflichen führt. Die Farbintensität des Lapislazuli lässt eine kosmische Energie erfahren, die unsere Sinne zu ergreifen, zu erheben und in die Transzendenz hineinzunehmen vermag. Eine transzendente Gegenwart, die sich in Dunkelheit hüllt und durch Treue auszeichnet, denn die Farbe Blau steht symbolisch für die Treue. Die blaue Stele vermag deshalb ein höheres Da-Sein für den Menschen darzustellen („Ich bin, der ich bin.“ Ex 3,14), das Halt gibt und als wirkmächtige Kraft eine Energie ausströmt, die wie eine Quelle unerschöpflich fließend Erfrischung, Erneuerung und Leben spendet.

Vom 22. Mai bis 25. August 2021 war LAPIS SOLARIS in der Bahnhofkirche im Hauptbahnhof Zürich zu erleben. Auf der Website der Bahnhofkirche finden Sie mehrere Videos und Meditationen zum Kunstwerk.

Botschafter gesucht

Groß und fast übermächtig steht das „haarige“ Gebilde an die Wand gelehnt. So, wie die unzähligen Kabelbinder von ihm abstehen, sperrt sich das Objekt einem schnellen Zugang. Aus der Ferne betrachtet sieht es wie ein überdimensionaler Zahn aus, doch in der Nähe sieht man, dass unzählig viele kleine Papierrollen mit Kabelbindern auf der Trägerkonstruktion befestigt wurden, so dass deren lange Enden wie Haare oder Federn abstehen und den beiden Hälften etwas Luftiges verleihen, das an Flügel erinnert.

Weiße Flügel?  – Wieso nicht! – Aber seltsam, so losgelöst von seinem himmlischen Träger, so an die Wand gelehnt, wie zufällig abgestellt.  Aber vielleicht war das der Auftrag des Engels, seine über und über vollgepackten Flügel mit den Spitzen auf den Boden der Erde zu stellen, seine unzähligen Botschaften einfach stehen zu lassen, bis die Menschen neugierig näher treten und nach und nach die eine oder andere Papierrolle von den Flügeln lösen und aufrollen.

Auf manchen Papierrollen können Vornamen gelesen werden, im Bild z.B. „Otto“ und „Doris“. Die meisten aber sind unbeschriftet. Es könnte also Zufall sein, wer welche Papierrolle erhält und mit welcher geheimnisvollen Botschaft. Es könnte aber auch engelsgleiche Fügung und göttliche Vorsehung sein, dass jede Papierrolle zum richtigen Empfänger gelangt.

Das Thema der Verkündigung liegt hier in der Luft, kann aber nicht allein auf die heilsgeschichtlich wichtige Verkündigung des Engels Gabriel an Maria beschränkt werden.  Vielmehr wird das Thema verallgemeinert und jede oder jeder kann zu einem „Engel“ oder zu einer „Maria“ werden. Stehen die Flügel nicht wie zum Auf-die-Schulter-Nehmen bereit da? Bepackt mit Botschaften, die zu den Mitmenschen gebracht werden wollen? Sollen nicht alle Menschen von Gottes Liebe hören und Jesus bei sich aufnehmen können als lieben Gast und guten Ratgeber, als Heiland, Retter, Erlöser, als Gottes Sohn? Ist es nicht unsere Berufung, Sein gutes Wort zu den Mitmenschen zu bringen, angefangen bei unseren Lieben und den Nächsten im Alltag?

Für eine Person allein ist die Last so vieler Botschaften und die Aufgabe, alle zu verteilen, immens. Kein Wunder, dass sich der Engel aus dem Staub gemacht hat. In unserer Zeit geht das doch auch automatisiert und digital. So wie bei den vielen Marketingbriefen, die Tag für Tag um die Aufmerksamkeit der Menschen werben. Aber vermögen diese anonymisierten Worte das Herz zu berühren und zu bewegen? Wir Menschen brauchen persönliche Worte und Antworten für unser Wohlergehen. Menschen, die uns ansprechen, die mit uns sprechen, die wir hören und verstehen können, die auf unsere ganz individuellen Fragen antworten.  Das kann nur durch viele Menschen, viele Botschafter Gottes erfolgen.

Der Evangelist Johannes sagt von Jesus: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (1,14).  Aber sollte man das gleiche nicht auch von allen Gläubigen und zu jeder Zeit sagen können?  Dass Gottes Wort in den Menschen, die Jesus nachfolgen, Fleisch geworden ist, mitten unter uns wohnt und in uns lebendig geworden Gestalt annimmt? Wo wir Jesu Wort im wahrsten Sinne des Wortes beherzigen, brauchen wir keine auffälligen Flügel oder vorgegebenen Botschaften. Gottes Geist selbst wird uns beflügeln und uns Worte ins Herz und auf die Zunge legen, die berühren, verlebendigen und bewegen.

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.“
(Joh 1,14)

Transitus

Langgezogen schwebt das Stück Holz über dem Boden. Braunschwarz hebt es sich von den hellen Steinfliesen ab. Seine unregelmäßigen Ränder erinnern an die Bewegung von Wasser und lassen es wie ein Boot dahinfließen.  Dunkel umgibt es seinen hellen Passagier – eine Hinterlassenschaft wie das Holz selbst. Abgestreift, liegengelassen, liegengeblieben. Im Fluss der Zeit gestrandet und übriggeblieben.

Das Tuch auf der Mooreiche ist hingeworfen wie ein Bettlaken nach dem Aufstehen. Auf der einen Seite hängt es von der Eiche wie auf den Boden herabfließend. Auf der anderen Seite – abgesondert – liegt ein ordentlich zusammengelegtes Tuch als Referenz auf das gefaltete Schweißtuch im Grab Jesu und verweist auf den Morgen seiner Auferstehung (vgl. Joh 20,6-7).

Es überrascht, dass das, was weich und stoffig aussieht, doch fest und fast wie versteinert ist, denn beide Tücher bestehen aus Gips. Aber weil die langgestreckte Draperie die Formen einer liegenden Person aufnimmt, tastet der irritierte Blick immer wieder sich vergewissernd darüber, ob sich nicht doch jemand unter dem Tuch befindet. Auch von der Seite betrachtet wirkt das teilweise herunterhängende Tuch wie ein im Meer Treibender, der sich mit letzter Kraft auf ein sicheres Stück Holz hat retten können und nun wie in Kreuzform zerflossen und ermattet darniederliegt.

Das Holz ist das Fragment einer Eiche, das Jahrhunderte in einem Moor oder einem feuchten Kiesbett lag und dessen Eisengerbstoffe den Stamm von innen heraus dunkel verfärbt und verhärtet haben. Auf diese Weise hat es als eine Art Fossil seinen Verfall überdauert und seine Energie in sich bewahrt. Das Holz wirkt wie eine Kapsel oder Hülle, in der das Tuch überfließendes Licht und Leben andeutet – ein Leben, das der Tod nicht vernichten konnte.

Die Skulptur erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens, ans Sterben, den Tod, den Abschied durch das Zurückgeben an die Erde und das Einbetten in sie. Holz und Tuch erinnern an die letzte Liegestätte, in die wir unsere Lieben für ihre letzte Reise betten. Das helle Tuch atmet mit seinen bewegten Falten Licht und Lebendigkeit in der Dunkelheit des Sterbens und des Todes. Als Relikt des Übergangs erzählt es von der Entfaltung des Lebens von der Geburt bis über den Tod hinaus in ein unsichtbares, erneuertes Leben. So wird aus dem Faltenwurf des stofflichen Seins ein gefalteter Entwurf der neuen Wirklichkeit.

In der Ritterkapelle des Heilsbronner Münsters bildet die Skulptur mit ihren vielfältigen inhaltlichen und räumlichen Bezügen einen besonderen Kraftort. Inmitten der schweren rechteckigen Grabsteine der Ritter lässt sie – erst recht im Licht der Sonne leuchtend – leicht und bewegt, kraftvoll und lebendig die österliche Auferstehung spürbar gegenwärtig werden.

 

Das besprochene Kunstwerk war 2020 Teil der Ausstellung “bewegt – beflügelt – bewahrt” im Münster Heilsbronn und dem Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn.

Stuhl der Weisheit

Aus einem Berg geschredderter Papiere ragt ein Stuhl heraus. Er ist über und über mit Rechnungen beklebt, so als bestünde er selbst aus lauter Rechnungen. Der Stuhl ist dem Betrachter zugeneigt, in Schieflage und leert wie die Kipper-Mulde eines Lastwagens – sich dabei aber auflösend – einen riesigen Haufen Schnipsel über seine Kante auf den Boden. Dieser Stuhl ist ein Schuldenvernichter. Wer sich ihm anvertraut, bleibt nicht auf seinen Schulden sitzen, sondern wird entschuldet und entschuldigt.

Der Anblick der vielen Rechnungen rückt unwillkürlich geschuldete Geldwerte in den Vordergrund. Doch diese können bei Zahlungsunfähigkeit nicht einfach vernichtet werden, weil dafür Leistungen erbracht worden sind. Ganz anders verhält es sich bei unantastbaren Menschenrechten wie der Würde des Menschen oder der Meinungs- und Bewegungsfreiheit (vgl. Art. 1 Grundgesetz). Wer durch Unachtsamkeit oder mit Absicht für die menschliche Gemeinschaft grundlegende Werte verletzt, lädt Schuld auf sich und kann diese Verfehlung nicht mit Geld wieder gutmachen. Denn diese moralischen Werte sind unbezahlbar.

Zu viele Schulden belasten unser Leben und bringen es, wie den Stuhl, in eine Schieflage. Schulden und Zahlungsunfähigkeit können so erdrückend sein, dass sie vielen Betroffenen schon lange vor dem Lebensende die Lebenskraft rauben. Damit wir wieder ins Leben zurückfinden und neu anfangen können, sind wir auf Schuldennachlass, auf Schuldenvergebung und -tilgung, auf Entschuldung angewiesen. Der in Schieflage geratene Stuhl vermittelt aber auch, dass ein Aussitzen der Probleme nicht möglich ist. Es wird Zeit aufzustehen, für begangene Fehler und angehäufte Schulden gerade zu stehen und das Leben so weit es geht verantwortlich in die Hand zu nehmen.

Der Titel der Skulptur spielt auf die Beichtpraxis in der katholischen Kirche an, bei der man durch das Schuldbekenntnis und die folgende Vergebung buchstäblich nicht länger auf seiner Schuld sitzen bleibt, weil alle „offenen Rechnungen“ wie im Schredder vernichtet werden.

Doch der Stuhl in der Skulptur ist kein kirchlicher Beichtstuhl, sondern ein einfacher Esszimmer- oder Küchenstuhl. Ein erster Schritt zur Veränderung kann ein bekennendes Gespräch über die belastenden Umstände mit einem Menschen des Vertrauens am Esszimmer- oder Küchentisch sein. Ein Gespräch mit jemandem, der mich annimmt wie ich bin, der mir zuhört und mich vielleicht mit einem guten Rat motiviert, den Weg zu ändern oder auch den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, der aber weder auf- noch abrechnet. Der schlichte Stuhl ruft in Erinnerung, dass die Vergebung in einer gesunden Fehlerkultur in allen Situationen des Alltags und durch uns geschenkt werden kann. Im Wissen um unsere Schwächen ermutigt Jesus beide Seiten: „Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will umkehren!, so sollst du ihm vergeben.“ (Lk 17,4)

Das „Beichtgespräch“ mit dem Betroffenen und die Vergebung der Schuld durch die Annahme der Bitte um Entschuldigung sind ein Ort des Neuanfangs, der Re-création. Was geschehen ist, wird nicht mehr aufgerechnet. Alles belastende Material ist unkenntlich vernichtet und alle Zähler sind auf null gestellt. Entlastet und erleichtert kann der Entschuldigte als erneuerter Mensch von vorne beginnen.

Ohne eine tagtägliche Vergebungspraxis wäre das nicht möglich. Verzeihen und Vergeben gehören nicht zu den Menschenrechten, sind aber für ein gutes dauerhaftes Miteinander unentbehrlich. Gott hat uns damit ein weises und Frieden förderndes Instrument auf den Weg gegeben – voller Güte, Barmherzigkeit und Weisheit. Wer wie Gott handelt, der macht den „Beichtstuhl” zu einem „Stuhl der Weisheit“,  zum „sedes sapientiae“, zu einer Quelle des Lebens.

Psalm 130

Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir:
Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.
Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?
Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.
Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf meinen Herrn
mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen.
Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Werke von Carola Faller-Barris und Thomas Lauer waren bis zum 18. Oktober 2020 in der „Kunst am Berg“-Ausstellung „Wann reißt der Himmel auf?“ in der Feldbergkirche im Schwarzwald zu sehen.

Netzwerk der Liebe

Raumhoch erhebt sich hinter dem überlebensgroßen barocken Kruzifixus eine goldfarbene Gitterskulptur. Transparent steigt das moderne Retabel im Chorraum der katholischen Pfarrkirche St. Laurentius im oberbayerischen Mühldorf am Inn vom halbrunden Altar auf und verbindet so das in der Eucharistie gefeierte Sakrament mit dem darüber hängenden Kreuz. Dabei nimmt die Skulptur die halbrunden Formen ihrer Umgebung auf und verbindet so den sich im Halbkreis vom Boden erhebenden Altar mit dem sich vom Himmel senkenden Chorbogen und den dahinterliegenden Wiederholungen im Deckengemälde und im Stuckbogen.

Die Gitterskulptur besteht aus einem unregelmäßigen Netz von Verbindungen, so dass das Licht des barocken Chorfensters es dennoch durchdringen und einen lichten Heiligenschein für den Gekreuzigten bilden kann. Das goldfarbene Netz bildet einen anders leuchtenden Bereich der Ausstrahlung Jesu, der viele Möglichkeiten der Betrachtung und der Deutung offen lässt.

Spontan mag die großflächige Netzskulptur in Verbindung mit Jesus an ein Fischernetz erinnern und an die Berufung der ersten Jünger, die Fischer waren und ihre Netze auswarfen: “Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. ” (Mk 1,17). Oder es erinnert an die Erzählungen von den wunderbaren Fischfängen, in denen die Jünger der Auffordung Jesu geglaubt hatten, ihre Netze trotz vieler vergeblicher Versuche nochmals auszuwerfen und dann einen übergroßen Fang ins Boot ziehen konnten (Lk 5,1-11; Joh 21,1-14). Das Retabel stellt damit eine andauernde Einladung zur Nachfolge Jesu dar. Es visualisiert den Auftrag an alle Gläubigen, Menschenfischer zu sein, uns für das Wohl der Menschen einzusetzen und sie dadurch für Gott zu begeistern.

Formal knüpft das Netzgebilde an die Faltenstruktur des Lendentuchs Jesu an. Darüber hinaus bildet es einen von Jesus  ausgehenden heiligen Bereich, der sich aus dem ihn umflutenden Licht heraus in den Verknüpfungen konkretisiert und materialisiert. Es bildet eine Art “Heiligen Schein”, der uns den Weg von der Erleuchtung oder Begeisterung zur aktiven Handlung aufweist. Es ist ein transparenter Prozess, bei dem Begegnungen und Verknüpfungen eine wesentliche Rolle spielen. Das Netzgebilde verdeutlicht Jesu Auftrag (wie er damals) in unserer Zeit “Networker” zu sein, soziale Netzknüpfer. Netzwerker der Liebe zu sein, die an einer haltgebenden und stabilen Struktur für alle Menschen arbeiten.

In dem Sinne bietet die große Netzskulptur unendlich viele Anknüpfungspunkte für alle Sinn- und Haltsuchenden. Gerade die Verbindungen zwischen den einzelnen “Knoten” bieten von unten bis oben perfekte Griffe, um sich in der Not festzuhalten und im Verlaufe des geistlichen Lebens vielleicht auch hochzuziehen. So kann sie als Rettungsinsel für alle Verlorenen und Hilfesuchenden gesehen werden wie auch als geistliche Kletterwand, bei der die Gnade wie die Liebe gleichermaßen wichtig sind.

In der Mitte ist das Retabel dünn ausgebildet. Zu beiden Seiten hin vervielfachen und verdichten sich die Verknüpfungen und verstärken so den konkaven Effekt. So kann die Netzskulptur auch als große geöffnete Schriftrolle gesehen werden, die den Gekreuzigten als das Licht der Welt offenbart, als das Lamm Gottes, das die Schuld der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29). Beide Metaphern reihen sich nahtlos in das bereits Erarbeitete ein. Denn an das Lichtwort “Ich bin das Licht der Welt.” in Joh 8,12 fügt Jesus hinzu: “Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.” Und wer wie Jesus in Liebe gerade den Menschen in Not und Elend begegnet, ihnen hilft, die Not zu wenden und sie für ein Leben danach aufbaut, der handelt barmherzig wie Gott (vgl. Lk 6,36) und beteiligt sich auf seine Weise, die Schuld der Welt zu reduzieren.

Zusammenfassend kann der das Kreuz hinterfangende Netzkörper als Symbol für das Wirken Jesu gesehen werden, als eine Visualisierung der von ihm ausgehenden Liebe für alle Menschen. Die einzelnen Netzstäbe sind wie Arme, die einander halten und so ein Netzwerk bilden, das andere aufzufangen und einzubinden vermag. Es bildet ein Netzwerk der Liebe, dessen Mittelpunkt und Ausgangspunkt Jesus ist. Es bildet ein Netzwerk der Liebe, das uns stets Vorbild, Ermutigung und Erinnerung ist.

Da ist es gut, dass die verbindende Netzstruktur der Liebe sich in der Kirche und über das Gebäude hinaus  fortsetzt: Geometrischer geprägt auf den Türen des Tabernakels im rechten Seitenschiff, amorpher zu finden in der unregelmäßigen Putzstruktur der Säulen und in dem durch das Südfenster (das sich über dem im rechten Seitenschiff freistehenden Tabernakel befindet) gerade in der Nacht nach außen leuchtenden ewigen Licht, das nonverbal die Botschaft Jesu und der Kirche verkündet: Du bist nicht allein. Ich bin auch wach. Du kannst jederzeit zu mir kommen. Ich bin gerne für Dich da!

Zweiwerdung

Eine junge Frau mit kurzen Haaren und ein Mädchen mit zu Zöpfen gebundenen Haaren umarmen sich gegenseitig. Die Begegnung lebt von den gebogenen Körpern, der doppelten Verbindung der Arme und dem intensiven Blickaustausch.

Die schlanken, nur mit drei Beinen den Boden berührenden Gestalten verstärken diese Bewegungen. Die dünnen Beine und Arme verleihen den beiden Frauen etwas Feines und Tänzerisches, etwas Kostbares und doch auch Zerbrechliches. Die dynamische Begegnung strahlt etwas Temporäres und Vergängliches aus. Durch den engen Körperkontakt im Bauch- und Hüftbereich wird die eine Zeit lang währende enge Verbundenheit von Mutter und Kind zum Ausdruck gebracht. Doch durch den nach hinten gebogenen Oberkörper und Kopf wird auch ein Auseinanderwachsen angedeutet.

„Zweiwerdung“ nennt die Künstlerin deshalb diese Skulptur. Von Seiten der Tochter ist es nach wie vor ein Aufschauen zu ihrer Mutter. Sie hängt noch an ihr, doch signalisiert der die linke Schulter umfassende linke Arm gleichzeitig eine kollegiale Geste. So wie die beiden Zöpfe in der Luft schweben, könnte das Überbringen einer freudigen Nachricht vorangegangen sein. Der kurzen innigen Verbindung folgt fast unmittelbar das Auseinandergehen. Es folgt ein Auf-Distanz-Gehen zur Mutter, in dem sie von dieser zum einen mit der rechten Hand noch gehalten oder sogar fest an sich gepresst festgehalten wird, zum anderen mit der linken Hand bereits losgelassen wird.

Der Blickkontakt zwischen den beiden Frauen ist ungewöhnlich stark. Es ist ein gegenseitiges Anschauen, das Bände spricht. Unsichtbar, intensiv, gegenwärtig. Sie schauen sich von unten nach oben und von oben nach unten an – und doch auf Augenhöhe. Ernst, liebevoll, ruhig auf der einen Seite, spielerisch, dankbar, ungestüm auf der anderen Seite. Es könnte ein Wiedersehen sein, doch vielmehr klingt ein Abschied an, die Absicht, sich von der Mutter zu lösen und eigene Wege gehen zu wollen. Die Beziehung wird sich wandeln, doch das Wissen um den Ursprung und die gemeinsame Geschichte werden den weiteren Lebensweg beider Frauen prägen.

Ob es verwegen ist, sich die Beziehung zu Gott auch so herzlich vorzustellen? Ihn umarmend, an seinem Hals hängend? Seine mütterliche, lebensspendende Nähe so intensiv zu spüren, in stetigem Blickkontakt und Austausch mit ihm zu stehen, sein Auge wohlwollend und zutrauend auf mir ruhend zu wissen, mich haltend und doch ermutigend freigebend, um eigene Wege gehen zu können? Und wie Mütter ein Leben lang für ihre Kinder da sind, sagt auch Gott seinen Kindern Rettung und Schutz zu, gerade weil sie an ihm hängen. „Weil er an mir hängt, will ich ihn retten. Ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. Ruft er zu mir, gebe ich ihm Antwort. In der Bedrängnis bin ich bei ihm, ich reiße ihn heraus.“ (Ps 91,14f)

auferstehen

Drei Stelen mit bunten Aufsätzen bilden eine Figurengruppe. Ihre Anordnung erinnert an die Kreuzigung, doch ist nicht eindeutig, ob die seitlichen Stelen an die beiden Verbrecher erinnern sollen oder an Maria und Johannes, die unter dem Kreuz standen. Es sind ja keine Kreuzarme zu sehen, die Stelen sind rein vertikal ausgerichtet. Das Kreuz findet sich nur in einem tiefen Einschnitt im Sockel der rechten Stele. Ein weiteres Kreuz wird durch die längere mittlere Stele in Verbindung mit dem eingesetzten Rechteck im Pfosten und den beiden Schalen auf gleicher Höhe angedeutet. Das Kreuz ist da, aber entmachtet – gewandelt vom Todbringenden zum Lebenspendenden.

Der Künstler bringt das zur Sprache, indem er Fundstücke von alten Balken für den unteren Teil der Stelen verwendet und im oberen und obersten Bereich kleinteilige Dreiecke zu neuen Formen schichtet. So entstehen bei den seitlichen Stelen beredte Oberkörper, die einander zugewandt im Dialog zu sein scheinen. Die mittlere Stele ist diesbezüglich ruhiger aufgebaut. Sie wird von einer bunten Krone aus unterschiedlich bemalten Dreiecken gekrönt.

Jedes Teilelement scheint eine andere Geschichte zu erzählen. Sie hatten einst eine andere Verwendung und wurden dann entsorgt oder weggeworfen. Der Künstler hat sie als Fundstücke aufgegriffen und ihnen in der Skulptur eine neue Aufgabe gegeben. Im neuen Miteinander sind sie durch den Künstler zu einem neuen Leben erweckt worden. Das Verachtete, Zerschlagene und Fragmentierte wurde durch den künstlerischen Prozess zu etwas Bedeutungsvollem erhoben. So stehen sie gezeichnet von der Vorgeschichte in neuer Gestalt da.

Die mittlere erhöhte Stele strahlt etwas Königliches aus. Die weißen kleinteiligen Holzstücke unter der Krone lassen mit einem gewissen Abstand ein Augenpaar unter einem weißen Haarstreifen erkennen, im helleren vertikalen Holzstück darunter eine Nase, im Rechteck noch weiter unter einen Mund. Im Philipperbrief (2,8-9) heißt es von Jesus: „er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen.“ In der Mitte thront der Auferstandene als König, als Sieger über den Tod. Die verwendeten Holzstücke erzählen von Erniedrigung und Auferstehung, von Tod und neuem Leben.

Den bunten Dreiklang vervollständigen die zwei farbigen Schalen zuoberst auf den seitlichen Stelen. Die linke Schale ist dünn und leicht geformt. Innen ist sie bunt mit Dreiecksformen bemalt, die eine Verbindung zur Krone herstellen. Die rechte Schale ist aus massivem Holz geschnitzt. Innen ist sie unbehandelt, dafür ist sie außen strukturiert mit Farben bemalt. So unterschiedlich die beiden Schalen aufgebaut und verziert sind, so haben sie doch einen ähnlichen Durchmesser und befinden sie sich auf gleicher Höhe.

Was wäre, wenn die beiden Stelen nicht einzelne Figuren darstellten, sondern die Arme und Hände eines Königs, der die Schalen wie die Krone als Attribute seiner neuen Würde tröge? Sie könnten für seine Offenheit stehen, für seine Bereitschaft, alles auf sich zu nehmen, damit wir es leichter haben (vgl. Mt 11,28), alles für uns zu geben, damit wir in Fülle am Leben teilhaben können (vgl. Joh 10,10). Seine Einladung lautet: Auferstehen. Mit ihm und durch ihn in allen möglichen Situationen immer wieder neu ins Leben auferweckt und aufgestellt zu werden.

Fortschritt

Ein Mensch – tendenziell eine Frau – verlässt mit einem großen Schritt eine quadratische Platte. Sie trägt einen langen Mantel mit großen Taschen und einem breiten Kragen gegen die Nässe. Einzig der mit krausem Haar bedeckte Kopf ragt ungeschützt und andersförmig aus der geradezu geometrisch geformten Gestalt heraus. Obwohl der Blick nach innen gerichtet ist, deutet die Kopfhaltung eine Sicht in die Ferne.

Es ist spürbar, dass etwas Fernes diesen Menschen aus seinem gewohnten Bereich herausholt und ihn bewusst den Schritt ins Niemandsland machen lässt. Was dem einen ein Wagnis, ist dem anderen ein ganz normales Bedürfnis. Neuland beschreiten, neue, unsichtbare Wege gehen. Wege sind zuerst immer ein Weggehen, ein Verlassen des Bekannten, Vertrauten und Gewohnten, vielleicht sogar der Heimat. Etwas Verlassen bedeutet zuerst immer einmal in die Fremde ziehen und zu einem Fremden zu werden.

Die quadratische Platte deutet das Verlassen der Erdenbühne an. Es sieht wie ein Übergang ins Nichts, ins Niemandsland, ins Ungewisse aus. Doch in der menschlichen Gestalt ist eine innere Gewissheit zu spüren, diesen Schritt gehen zu müssen. Aufrecht geht sie den Schritt von der sichtbaren Welt in die unsichtbare Welt. Dieser alles verändernde Schritt ist bei ihr nicht mit Angst oder einem Zögern verbunden, sondern mit einer geheimnisvollen Gelassenheit und Selbstverständlichkeit.

Es muss nicht immer der letzte Schritt sein. Wer sich weiterentwickeln will, muss Fort-Schritte machen. Wer Neues kennenlernen will, muss seinen Blick visionär auf das Zukünftige ausrichten. Er oder sie muss bereit sein, lieb gewonnenes zurückzulassen bzw. es als verinnerlichte Erfahrungen, eben Erinnerungen und Beziehungen, mit auf die Reise zu nehmen. Ohne Rucksack, ohne Gepäck oder Proviant. Es geht um mehr. Es geht um die Reise in das unfassbare Jenseits. Es ist kein Schritt ins Nichts, sondern in die unendliche Weite Gottes. Seine unsichtbare Gegenwart hält die Gestalt aufrecht, sein Geist führt.

Die schreitende Gestalt erinnert an die Weisung Gottes an Abram: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen. Da ging Abram, wie der Herr ihm gesagt hatte.“ (Gen 12,1-4a)

Auch hier ist der Fortschritt eine positiv bewertete Weiterentwicklung, ein innovativer, also erneuernder Prozess, der mit Gottes Hilfe das Leben in einer neuen Dimension erleben lässt.

Unter dem Ausstellungstitel “bewegt, beflügelt, bewahrt” waren Werke von Annette Zappe in natura vom 05.06. – 13.09.2020 im Münster und im Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn ausgeststellt.  >>> Flyer

… dazwischen …

Ein erdfarbener Kreis aus feinster Asche markiert einen beachtenswerten Ort. In ihm findet sich der Fußabdruck eines Menschen. Es ist ein golden leuchtender Freiraum in der Wüste, eine kostbare Hinterlassenschaft, eine fast unvergängliche Spur inmitten der alles beherrschenden Endlichkeit im irdischen Kreislauf. Wie eine staubige Aura umgibt die Asche die beiden goldenen Fußabdrücke, die Zeugen einer königlichen Existenz, eines wunderbaren Lebens. Sie erinnern an die Vergänglichkeit unseres Menschseins, von dem nur Asche und Fußabdrücke übrigbleiben.

Die Gegenüberstellung von Asche und Fußabdrücken bildet ein memento mori und regt an, über den Tod hinauszudenken. Was werde ich der Nachwelt hinterlassen? Etwas Leuchtendes, zu Bewahrendes – oder etwas Verbranntes, Zerstörtes? Leben oder Tod? Wie auch immer hinterlassen wir mit unserem luxuriösen Lebensstil auf der Erde Fußabdrücke, Schritt für Schritt zerstörte Erde, ausgebeutete Natur, Asche!

War das unser Ziel? Glanz und Herrlichkeit auf Kosten der Mitmenschen und des die Erde bevölkernden Lebens? Quo vadis? Wo wollen wir hin in Zeiten des Klimawandels und der sich zuspitzenden Umweltzerstörung?

Umkehr tut Not, Umkehr, wie Jesus sie den Menschen zugerufen hat, die ihm nachfolgten: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Eine radikale Lebenswende, die sich auf der Grundlage des Glaubens an den dreieinigen Gott im praktischen Leben auswirken muss. Dass die Fußabdrücke vom Altar wegführen und nicht auf ihn zu, deutet auf die vollzogene Wende hin. Eine von Gott herbeigeführte und bewirkte Wandlung des Lebens, weil die meisten von uns aus eigener Kraft nicht fähig sind, sich demütig klein zu machen und auf die anderen und die Natur Rücksicht zu nehmen.

„Bedenke Mensch, dass du aus Staub bist und zu Staub zurückkehrst“ wird den Gläubigen bei der Zeichnung mit der Asche am Aschermittwoch zugesprochen. „Geburt, Tod, dazwischen“ nennt der Künstler sein Werk. Geburt und Tod liegen nicht in unserer Hand, aber das „Dazwischen“. Nutzen wir es! Denn so vergänglich es auch ist, dieses Dazwischen ist das Leben und der Glanz der Ewigkeit.

Geht es nicht das ganze Leben hindurch darum, für andere Leben zu sein, ihnen Lebenswerte zu vermitteln? Das, was das Leben einzigartig, besonders und kostbar macht? Ist es da nicht naheliegend, in Jesu Fußspuren zu treten, seinem Lebenswandel zu folgen und als Abbild von IHM in meiner Zeit Vorbild ewigen Lebens zu sein?

ASCHENGOLD

Immer gibts Asche, es brennt ja in der Welt, die Welt brennt.
Sie wird also Asche und was nicht brennt, fällt zu Staub.
Aus Staub ist der Mensch und wird wieder zu Staub.
Und verweht. Dann, irgendwann, wie eben Staub.
Selbst wenn er glänzte im Gold.
Er verstaubt und verascht, Tod wird nicht Gold.
Aus Asche wird niemals das Gold.
Goldleer auch jene vom Mensch.
Der ist dann wertlos, heißt es sehr schnell.
Auch wenn er viel galt zu seiner Zeit
und im Fleisch voller Geist.

Man sagt, er ist Asche und Staub. Trotz massenhaft Gold.

Aber vielleicht liegt in der Asche noch Gold?
Und man scharrt´s aus.
Und hat Gold.
Und hat dennoch verspielt.
Man hat ja nur zeitkurz das Gold: Nur bis Asche aus Tod.

Denn keiner ist Gold. Wer wär schon goldwert und goldlang?

Gold ist brandzäh. Es bleibt liegen im Brand,
es hält die Glut aus,
es übersteht und glänzt auf und gilt neu,
es ist nicht zur Asche verhitzt.
Nicht Asche das Gold.
Es zeigt Spuren von dem, was einst war, das zur Asche verdarb.
Es bleibt Gold.

Gold verascht nicht. Und vergeht doch, es verbleicht.
Am Ende ist Nichts. Auch Gold nicht mehr da.
Selber weg. Ohne Spur. Wie verzischt.

Weg? Alles weg? Selbst das Gold und sein Wert. Und der Mensch?
Mehr wert als jegliches Gold ist der Mensch, heißt es auch:
Der Mensch, der viel eher verglüht als das Gold:
Er gilt mehr. Er ist Mensch und er lebt. Der Mensch liebt.
Er macht was aus Gold. Und verascht doch. Der Mensch stirbt.
Er ist tot – wie auch Gold.
Er ist nicht einmal Gold. Asche ist er. Und Asche wird nicht zu Gold.
Gold hält viel aus und glänzt lang. Es ist aber tot und verliert mal den Wert.

Doch der goldleere, tote Mensch lebt. Er bleibt anders als Gold. Noch im Tod.
Er ersteht. Verwandelt ist er in GOTT. Er setzt Spuren in aschigen Staub:
Gottes Spuren und Bild und Realität.

(Josef Roßmaier)