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Gielia Degonda, Verborgen, 2010
© Gielia Degonda

Verborgen

Suchend schweift der Blick über eine rote Landschaft mit einem hohen Horizont. Durch viele Schichten führt das Bild von oben nach unten. In der Mitte des blassblauen Himmels fällt ein intensiveres blaues Dreieck auf, das in der Tiefe der Erde mit einem ebenso blauen, liegenden Kreuz korrespondiert. Die Verbindung zwischen den beiden Elementen wird durch eine senkrechte weiße Linie gefördert, die wie eine Ader die verschiedenen Schichten durchquert.

Neben dem hohen Horizont wird durch die muldenförmige Ausbildung der roten Fläche und deren Abdunkelung zum Rand hin Tiefe suggeriert. Damit öffnet das Bild auch Assoziationen an einen fleischlichen Schoß, der allerdings mit einem verhüllenden Tuch bedeckt ist, ähnlich wie in den Kunstwerken von Christo.

Das Tuch von Gielia Degonda ist ganz fein, fast transparent. Es ist eine schöne Umkleidung, ganz einfach, aber fähig, ein Erstaunen zu bewirken. Das geknitterte und gezeichnete Gewebe ist hingehaucht wie kurz vor dem Ausbruch des Lichtes, eines sehr Schönen, vielleicht eines Herrlichen. Es ist wie das Ansummen eines Liedes, wie das Erwachen einer frohen Bewegung. Zart schwebt diese Hülle als ein himmlisches Zelt über der vergoldeten Zeichen-Markierung und taucht die ganze Umgebung in ein mystisches Licht.

Das alles lässt das Kreuz zur Krippe werden, zur Krippe des Höchsten, der sich in die Tiefen der menschlichen Abgründe hinein geschenkt hat wie ein Samenkorn, das aufgehen und reiche Frucht tragen will, wie eine Quelle, welche in uns sprudelt und unser wüstes Leben in fruchtbares Land verwandeln will. Dieses Bild lässt kein Christkind sehen. Es wird lediglich angedeutet als eine im Schoß der Maria verborgene Präsenz und in enger Verbindung mit dem Himmel Stehender, über den gesagt werden wird: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ (Mk 9,7)

Weihnachten wird hier nicht romantisch verklärt dargestellt, sondern als Fest der Enthüllung, des Aufgehens, der Erfüllung von Verheißung und Erwartung. Nicht protzend und gleißend – aber schön, atmend, hauchend, musizierend – wenigstens der Möglichkeit nach. Die Hirten sind dazu gerufen worden und die Weisen aus der Heidenferne. Viele Jahre später sollten es bei der Taufe die Menschen von Jerusalem sein, dann die berufenen Apostel und in der Folge alle Menschen. Wir alle sollen hinzukommen zum Gekommenen, der sich in der Menschenart entbirgt.

Das im Titel angesprochene „Verborgen“ ist im Kunstwerk durch und durch Realität. Das Kunstwerk selbst ist verhüllte Chance, es ist der Augenblick, da die Wirklichkeit des Fassens und Aufdeckens nahe und wirklich sein kann. Es ist als Zeichen und Zeugnis der Geburt des Menschensohnes tatsächlich als Weihnachtsbild sehbar. Es ist wie ein glaubendes Erkennen dessen, was in und hinter und unter den Bildern geschieht, ein Ergreifen dessen, der sich hinter dem Schleier schon andeutet und manchmal und manchem sich enthüllt.

Dann kann der ganze rote Bereich zu einer großen Krippe werden, in der das Licht zu leuchten beginnt, aber auch zu einem offenen Buch, bei dem die vielen Striche und Zeichen nicht mehr unverständliche Hieroglyphen bilden, sondern einen Sinn stiften, der über unsere Herzen und unseren Verstand hinweg die ganze Welt zu erhellen vermag.

Patrik Scherrer, 17.12.2016

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