Mitten im Alltag

Es ist nur ein Kleiderbügel – ein billiger Kleiderbügel aus Plastik – der an der Wand hängt. Unbenutzt, arbeitslos, doch dem verformten Pendant unter sich eine Art schützendes Dach gebend. Dekonstruiert lassen unten nur Haken, Mittelteil und der Vergleich der einzelnen Elemente mit der Vorlage den ursprünglichen Gegenstand erkennen.

Die Umformung fordert zunächst auf im eher chaotischen „Trümmerhaufen“ nach „Überlebenden“ bzw. nach sinnstiftenden Elementen zu suchen. Nach und nach nehmen die einzelnen Teile eine sinngebende Gestalt an und lassen eine Krippe erkennen – mitten im Alltag, an der Garderobe, im Übergang von draußen nach drinnen, gleich hinter der Türe. In der Mitte einander gegenüberstehend Maria und Josef, links daneben ein Hirte mit einem Lamm, dahinter ein Esel und ein Ochs. Auf der anderen Seite nähern sich drei Personen, die sowohl für die Hirten als auch für die drei Könige stehen können.

Aber wo ist das Kind? Der Titel sagt doch, „Gott ist immer mittendrin”. Liegt es vielleicht hinter Maria und Josef geschützt im Dunkeln? Unter dem kleinen Bogen in der Mitte ist ein Kinderkopf auszumachen. Gott will offensichtlich nicht an der Front mitmischen, sondern liebt mehr die verborgene Position – unterm Kleid oder im Kleiderschrank. Er muss nicht glänzen, um gegenwärtig zu sein. Es genügt ihm, da zu sein, eine tragende Funktion zu haben. Wie die Krippe, so einfach und unperfekt, ohne Glanz und Gloria.

Die Frage nach dem Kind beinhaltet auch die Frage nach Gott. Jede Frage ist eine Suche und je offener sie gestellt bzw. gestaltet wird, umso mehr kann man Gott in allem Möglichen entdecken, sogar in einem Kleiderbügel. Gott ist kein Sonntagsgott. Er ist jederzeit und allerorts alltagstauglich. Gott ist da an jedem Tag im neuen Jahr und offenbart sich in den unmöglichsten Situationen als erstaunlich gegenwärtig wie – mit diesem Bild im Kopf – ab heute auch im schwarzen Plastikkleiderbügel an der Garderobe.

Die Kleiderbügelkrippe ist Teil der 82. Telgter Krippenausstellung “Mittendrin” im RELíGIO, dem Westfälischen Museum für religiöse Kultur in Telgte. Die Ausstellung mit über 120 zeitgenössischen Ausstellungsstücken ist noch bis zum 22. Januar 2023 zu sehen.