Himmelsbrücke

Eine Brücke verbindet hoch oben zwei flockig zerzauste Wolken. Hell hebt sich das Dreigespann vom nachtschwarzen Hintergrund ab, der sich nach oben in die Unendlichkeit des Alls weitet und nach unten einen grenzenlosen Abgrund ahnen lässt. In dieser luftigen Höhe schwebt die Brücke zwischen den Wolkenkugeln. Sie selbst ist fest gebaut und für den kleinen Menschen hinter der Brüstung ein sicherer Übergang. Doch ihre Fundamente sind in den Wolken verborgen und die Wolken selbst geben keinen Hinweis, dass sie einen festen Untergrund haben. So beeindruckend die Aussicht bei Tag sein könnte, – nicht nur den Menschen umgibt undurchdringliche Dunkelheit, sondern auch sein Woher und Wohin. Das Diesseits wie das Jenseits der Brücke bzw. Vergangenheit und Zukunft sind geheimnisvoll umhüllt.

Winzig klein und allein steht der Mensch auf der Brücke. Innehaltend schaut er zum Betrachter herunter, einen letzten Blick austauschend, vielleicht ein Adieu rufend, bevor er weiter über die Brücke schreitet. Im Gegensatz zu vielen Überlieferungen und Vorstellungen von der Brücke ins Jenseits, die diese als dünnen Faden oder schmal und scharf wie die Klinge eines Schwertes schildert (vgl. „überbrückt“ S.13), stellt der Künstler die Himmelsbrücke als einen zuverlässigen Weg dar, vor dem niemand Angst haben muss. Mag die Herkunft und das bisherige Leben noch so geheimnisvoll gewesen sein und sich das weitere Leben jenseits der Brücke in dichten Nebelschwaden verbergen, der Übergang von einer Wolke zur anderen ist der einzige sichtbare Weg. Dies ist um so bemerkenswerter, als der Künstler, Bühnenbildner und Architekt das Bild wenige Wochen vor seinem Tod gemalt hat. Er hat dem Übergang von diesem Leben zum ewigen Leben, dem viele Menschen angstvoll und mit großer Ungewissheit entgegensehen, intuitiv einen festen Platz gegeben und damit eine größere Gewissheit als dem rätselhaften Leben davor oder danach.

Der Künstler sieht das Leben hier auf Augenhöhe mit dem Abbild des zukünftigen Lebens. Er sieht beide Lebenswelten als lichtvolle Zeiten und Räume, die durch die gebaute Brücke untrennbar miteinander verbunden sind. So sehr diese Brücke wie eine von Menschenhand erbaute Brücke aussieht, verweist sie mit ihrer robusten Konstruktion auf die wichtigste Brücke zwischen dieser und jener Welt, nämlich auf die von Gott durch Jesus Christus geschaffene Verbindung zu Gott selbst. Jesus hat durch seinen Opfertod den Abgrund zwischen Mensch und Gott überbrückt, der durch die Sünde entstanden ist.

In der Nachfolge von Jesus sind wir zum Bauen von Brücken aufgerufen. Der evangelische Pfarrer Kurt Rommel hat ein Kirchenlied dazu verfasst, welches die Botschaft des Bildes auf die zwischenmenschliche Ebene lenkt und in dem die Wolken gleichsam zu Synonymen für Mitmenschen werden, die wir als rätselhaft, verschlossen oder unzugänglich empfinden.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit.

Ich möchte gerne Brücken bauen,
wo alle tiefe Gräben sehn.
Ich möchte hinter Zäune schauen
und über hohe Mauern gehn.

Ich möchte gern dort Hände reichen,
wo jemand harte Fäuste ballt.
Ich suche unablässig Zeichen
des Friedens zwischen Jung und Alt.

Ich möchte nicht zum Mond gelangen,
jedoch zu meines Feindes Tür.
Ich möchte keinen Streit anfangen;
ob Friede wird, liegt auch an mir.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit.

Herr, gibt uns Mut zum Brückenbauen: Himmelsbrücken, die über menschliches Denken und Fühlen hinausgehend mit Gottes Kraft Unmögliches zustande bringen. Gedankenbrücken, damit wir an den Nächsten denken und ihn zu verstehen suchen. Brücken von Herz zu Herz, damit wir den Nächsten als Mitmensch lieben und in ihm etwas von Jesus aufleuchten sehen. Tatenbrücken, damit wir handeln, zu ihm gehen und an seiner Seite stehen. Brücken der Vergebung, damit zwischenmenschliche Abgründe überwunden werden können nach dem Vorbild von Jesus Christus. Er bietet sich uns als Brücke und als Begleiter an! Nicht erst an unserem irdischen Lebensende, sondern schon jetzt!

Das Bild von Hans Dieter Schaal ist bis zum 21. November 2025 in Biberach in der Ausstellung: Überbrückt. Das Motiv der Brücke in Kunst und Architektur zu sehen. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, dem empfehle ich den Kauf des Ausstellungskataloges. Die Kuratorin Dr. Barbara Renftle führt mit ihrer kunsthistorischen Einführung den Leser gekonnt durch die verschiedenen Bedeutungsebenen der Brücke und öffnet Geist und Auge für die Vielfalt der ausgestellten Werke, die alle im Katalog abgebildet und beschrieben sind. Der Katalog kann hier bestellt werden.

Brücke ins Unvorhersehbare

Ein schmaler Steg mit hohen Geländern an beiden Seiten führt in den Nebel. Die gewundenen Vertikalen lassen eine Hängebrücke erkennen, die scheinbar ins Nichts führt: Es ist weder ihr Anfang noch ihr Ende zu erkennen. Es ist weder ersichtlich, woran sie befestigt ist, noch wie lange sie letztlich ist oder wie tief der Abgrund ist, über den sie führt.

Der Fußweg über die minimalistisch konstruierte Brücke, deren Boden und Geländer nur mit Drahtgittern verkleidet sind, zieht den Blick in eine fast bodenlose Tiefe. Man weiß, dass die Gitter ausreichend Schutz bieten, aber der Blick zu den Seiten und hinab in die Tiefe kann durchaus zu unangenehmen Schwindelgefühlen führen.

Im Bild ist die Landschaft durch den Nebel vollständig ausgeblendet. Damit ist die Brücke jeder geografischen Verortung enthoben. Sie könnte überall stehen. Es scheint nur die Brücke im Nichts zu geben – durch geheimnisvolle Kräfte gehalten. Wer sie beschreitet, begibt sich gewissermaßen in ein Niemandsland – oder mitten in die Cloud, von der man nicht nur sagt, dass hier unsere digitalen Daten gespeichert werden, sondern auch, dass hier Gott wohnt (vgl. Ex 40,34-38; 1. Kön 8,10-11; Lk 9,34f). Die Brücke in die neblige Wolke verwandelt sich so gesehen in einen schmalen Weg zu Gott, über den Abgrund mitten hinein in das verborgene Herz- und Lebenszentrum unserer Welt, in der das schöpferische Wissen und die Weisheit Gottes nicht „geparkt“, sondern höchst lebendig sind.

Wer den Gang über die Brücke wagt, geht im Vertrauen und im Glauben, dass die Brücke hält und sicher ans andere Ende führt, auch wenn es nicht zu sehen ist. Ein Ende, das auf der persönlichen Lebenswanderung ein Neuanfang sein wird. Gerade aus der positiven Lebens- und Glaubenserfahrung heraus, auch in orientierungslosen Situationen sicher geführt zu werden, ja gleichsam über die Abgründe des Lebens getragen zu werden und durch Gott Halt zu erfahren. Sind Brücken nicht Lebenshilfen, welche das Überwinden von Schwierigkeiten erleichtern? Die Hängebrücke ruft in Erinnerung, dass es ein Segen ist, glauben zu können, dass wir von oben gehalten werden. Die feste Beziehung schafft Vertrauen. Sie verleiht Trittsicherheit und schenkt Zuversicht.

Ganz auf Gott vertrauen heißt nicht, dass man über Wolken gehen kann oder sein Lebtag auf Wolke Sieben schwebt. An Gott glauben und Ihm vertrauen heißt, das Unvorhersehbare der Zukunft und die scheinbar unüberwindlichen Hindernisse auf unserem Lebensweg zuversichtlich anzugehen. Gottes wahres Wesen ist zwar unbegreiflich wie eine Wolke und liegt wie in einem diffusen Nebel verborgen, aber die nächsten Schritte liegen konkret sichtbar zu Füßen und fordern dazu auf,  im Vertrauen auf Ihn Schritt für Schritt gewagt und gegangen zu werden.