überschattet

Eine horizontale und eine vertikale Bewegungen kreuzen sich. Es ist ein Aufeinandertreffen einer fließenden Landschaft und einer menschlichen Erscheinung. Nicht neben- oder hintereinander, sondern einander durchdringend, quasi durch das andere Element hindurchgehend ohne sich – wie bei der Durchdringung von Wasserwellen – gegenseitig im jeweiligen Fluss aufzuhalten oder zu behindern.

Die horizontale Bewegung ist durch ihre farbliche Intensität stärker als die lineare Erscheinung in der Mitte. Die leuchtenden Farben und die leichte Schwingung haben etwas Warmes, Energetisches und Beschützendes an sich. Das dunkelgrüne Band wird oben und unten von dunklem Blau begleitet, während darunter Magenta und Rot wie Magma unter einem Vulkan glühen.

Die vertikale Bewegung erhebt sich breit abgestützt aus diesem glühenden Bereich, wobei eine Diagonale von rechts unten nach links oben für zusätzliche Dynamik sorgt. Zunächst wirken die in einer bestimmten 2021_Bernd_Nestler_Licht_Art_FIN_1 geschaffenen Linien abstrakt bewegt, dann ergeben sich allerhand konkrete Assoziationen bis plötzlich der schräg geneigte, aufmerksam blickende Kopf sichtbar wird, der auf breiten Schultern ruht. Es scheint ein inneres Schauen zu sein. Wie bei einem Vexierbild erscheint rechts oben ein kleinerer Kopf, der nach rechts blickt. Somit wird auch hier ein weiteres Durchdringen angezeigt.

Der Bildtitel “Die Sehnsucht des Geistes”  verrät einen Bezug zur Verkündigung an Maria. Auf die Ankündigung des Engels, dass sie schwanger werden und einen Sohn gebären werde, fragt Maria zurück: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ (Lk 1,34f) Was bedeutet „die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“? In diesem Glaskunstwerk kommt der Heilige Geist nicht im traditionellen Symbol einer Taube zu Maria, sondern senkt sich wie ein engergiegeladener Nebel vorübergehend über und auf Maria.

Obwohl der Schatten nichts Wesenhaftes ist, gehört er biblisch gesehen zu den großen Wundern Gottes. Er bietet Kühlung und Schutz (vgl. Ps 36,8; 63,8) und ist als Abbild eng mit dem Wesen des Schattenspenders verbunden. Im der hebräischen Sprache lautet das Wort für Schatten – tsêl ähnlich wie das Wort für Bild – tselem. Die Überschattung Mariens steht dadurch in direktem Bezug zur Erschaffung des ersten Menschen, den Gott „als sein Bild“ – tselem erschaffen hat (Gen 1,27). Jesus ist der neue Adam, Gottes Neubeginn mit den Menschen. In Jesus offenbart Gott bis zum Tod am Kreuz (vgl. Hebr. 5,19) seine glühende Liebe zu uns Menschen, sein wahres Wesen. Moses hatte das Verlangen, Gott zu schauen, doch Gott verhüllte sein Angesicht. Gott hat Maria seinen Sohn als seinen Schatten geschenkt und sich damit gleichzeitig uns allen in ganzer Herrlichkeit offenbart.

Im Bild von Bernd Nestler legen sich die einzelnen Schichten wie ein sanfter Schleier auf und um die Schultern Mariens. Sie erfährt nicht nur das Vorrecht, sich im Schatten Gottes aufhalten zu dürfen, sondern auch von ihm nach und nach so durchdrungen zu werden, bis Sein Bild in ihr Menschengestalt angenommen hat: Die Liebe und das Leben selbst.

Gewagter Blick

Eine in ein blaues Tuch gewickelte Frau steht im Dialog mit dem Licht hinter einem raumteilenden Vorhang. Sie hat ihn ein wenig zur Seite geschoben, so dass sie unentwegt das blendend weiße Licht schauen kann. Dieses scheint auf der linken Seite so stark, dass es den Vorhang durchdringt und diesen gleichsam entmaterialisiert. Vom energiegeladenen Lichtereignis führt die Bewegung im Bild über den ausgestreckten Arm und die Falten des blauen Wickeltuches in die dunklere Ecke rechts unten, in der sich hinter der Ferse der Frau – die Wellenlinien ihrer Körperkontur aufnehmend  – eine Schlange windet. So gibt es im Gemälde ein dunkleres Diesseits, von dem aus die junge Frau den Blick wie von einer Bühne in ein unbeschreibliches Jenseits wagt.

„Maria“ nennt die Künstlerin das Bild, das die Frau „voll der Gnaden“ ganz anders als gewohnt und doch sehr treffend darstellt. Anders ist der moderne Kontext, in dem sie zwischen Licht und Schatten steht, dem „lichten“ Ruf folgend sich Gott zuwendet und dem Bösen und der Versuchung (in Gestalt der Schlange) widersagt. Treffend ist sie in ihrer Mittlerposition zwischen Gott und der Welt wiedergegeben. Es bleibt offen, im Bild die „Verkündigung an Maria“ zu sehen, die beispielhafte „Nachfolge Mariens“, eine Andeutung der „Himmelfahrt Mariens“ oder auch den „Apokalyptischen Kampf“.

Verkündigung
In traditionellen Darstellungen wird Maria vom Engel „heimgesucht“ – oder auch: „daheim besucht?“ Die Initiative liegt beim von Gott gesandten Engel, Maria verhält sich passiv bejahend (vgl. Lk 1,28-38). Hier scheint es so, als würde Maria aktiv einem Impuls der Neugier folgen, indem sie vorsichtig den Vorhang öffnet, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt, während der Engel nicht personifiziert dargestellt ist. Wer könnte dem wehren, da Maria mit so großer Zartheit und Unschuld wie beiläufig den Vorhang beiseiteschiebt, nicht ahnend, dass sie damit eine Grenze überschreitet, die über ihren Daseinsbereich hinausgeht: Die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, Immanenz und Transzendenz, endlichem Raum und Zeitlosigkeit. So wird mit dem geöffneten Vorhang gleichzeitig eine höhere, heilsgeschichtliche Ebene angedeutet: Die bisher absolut geltende Grenze zwischen Gott und Mensch – für die auch der Vorhang stand, der in der Stiftshütte das Volk Israel vom Allerheiligsten trennte – wurde mit der Menschwerdung Gottes geöffnet.

Nachfolge
Durch das über ihrem rechten Arm hängende halbtransparente Tuch wird die Schwangerschaft Marias angedeutet. So kann sie als Gott schauende Christusträgerin gesehen werden. Sie erkennt in Jesus Gottes Sohn und sein Licht und folgt ihm daraufhin ihr Leben lang. So steht das Bild für die radikale Veränderung ihres Lebens, aus der eine lebenslange Haltung und Orientierung resultiert: Vorbildlich das Licht und damit das Gute im Blick zu behalten und das Leben aus dieser Grundhaltung heraus zu gestalten.

Aufnahme in den Himmel
Ihr gewagter Blick ermöglicht eine Vorschau dessen, was sie am Ende ihrer Tage erwarten wird: Vom Licht, das sie in sich aufgenommen und getragen hat und dem sie durch alle Höhen und Tiefen hindurch treu gefolgt ist, aus dem Tod erhoben, umarmt und in Ewigkeit gehalten zu werden.

Machtkampf
Ebenso finden sich Hinweise auf die schwangere Frau auf den Wolken, deren Kind vom Drachen bedroht wird (Offb 12,1-6). Der neutrale Boden wirkt durch die Schattierungen und Lichtreflexe wie ein Wolkenmeer über einer Wüstenlandschaft, es kleidet sie zwar kein Sonnenlicht, doch das starke Licht ist da und der Drache wird durch die Schlange symbolisiert. Es ist ein stiller Machtkampf zwischen Gut und Böse dargestellt, zwischen den Mächten des Himmels und der Erde, bei dem ganz klar das Licht gewinnt und die Schlange davonziehen muss. Vorbildlich hat Maria dem Reptil den Rücken zugewendet und ihre Augen zum Herrn erhoben, um ihn unentwegt zu schauen und ihr Heil von ihm zu erwarten (vgl. Ps 123).

Dieser gewagte und doch zuversichtliche Blick Mariens erhält durch den fast bildfüllenden Vorhang eine weitere Bedeutung. Während die rechte Hälfte von seiner braungrauen Farbigkeit her undurchdringlich erscheint, erstrahlt die linken Hälfte in einer zarten Farbigkeit von blauem und rotem Purpur und Karmesin und vermag dadurch auf den Vorhang im Offenbarungszelt (= Stiftshütte) zu verweisen, der das Heiligste vom Allerheiligsten mit der Bundeslade trennte (vgl. Ex 26,31ff; Ex 36,35), zu dem nur Aaron und seine Söhne Zugang hatten. Allen anderen war bei Todesstrafe der Zutritt verwehrt. Wie revolutionär mutet es nun an, wenn mit Maria eine Frau – der inneren Berufung folgend – es wagt, den Vorhang im „Tabernakel“ (lat. tabernaculum = Zelt, Hütte) mit sanfter Hand zur Seite zu schieben, um im Licht Gottes Herrlichkeit zu schauen und diese gleichsam über den Blick bejahend in sich aufzunehmen? Dadurch, dass die Künstlerin Maria ihre eigene Gestalt und eigenen Gesichtszüge gab, hat sie eine Brücke zur Gegenwart geschaffen und verstärkt die Einladung zur Nachahmung. Wir sollen wie sie die Erfahrung des Psalmisten erleben: „Meine Augen schauen stets auf den Herrn; denn er befreit meine Füße aus dem Netz.“ (Ps 25,15) Wir sollen wie sie erfahren: „Wenn wir offen sind für die Wirklichkeit Gottes, kann sich alles verändern.“ (Kardinal Marx)

Erstaunlicherweise zeigt sich Maria weder vom Licht geblendet noch erschrocken. Sie ist für die Begegnung mit Gott auch nicht besonders gekleidet. Barfuß und im übergeworfenen Umhang sieht es mehr danach aus, als sei sie eben aufgestanden, weil sie ein Klopfen oder Rufen gehört hat und nun mit dem Gewicht auf ein Bein verlagert gerade einen Blick nach draußen wagt, um den Rufer ausfindig zu machen. Maria geht einem Weckruf nach, Gottes Weckruf an uns. Alltäglich ruft Er uns aufzustehen, Ihn zu schauen, in Seinem Licht zu erkennen, was im Hier und Jetzt notwendig ist, und es mutig zu tun.

Verkündigung / Empfängnis

Wie der Blick in der Nacht durch ein hell erleuchtetes Fenster angezogen wird, so zieht das helle, scharf umrissene Bildelement des Betrachters Aufmerksamkeit auf sich. Die Lichtöffnung gibt Einblick in ein an sich verhülltes Geschehen. Sie offenbart sich zudem als Erleuchtung von oben.

In ihrem Zentrum stehen zwei abstrahierte Menschengestalten, deren Köpfe von einem hellen Schein umgeben sind. Beide Körper sind als Kreisbogen gestaltet, der eine in goldgelber, der andere in violetter Farbe. Ihre Radien scheinen das gleiche Zentrum zu haben. So kommt die rechte Gestalt von der Mitte her und zudem als Lichtgestalt. Mit ihrem ganzen Gewicht scheint sie sich ihrem Gegenüber zuzuneigen, es dadurch fast zu bedrängen. Denn diese macht den Eindruck zurückzuweichen.

Die Erscheinung des Engels ist auch gewaltig. Große Farbschwünge künden von seinem Herabkommen vom Himmel, um dann wieder aufzusteigen und Flügel andeutend in des Engels Gestalt einzumünden. Es ist der Bote des Höchsten, der nicht nur schwungvoll an sein Gegenüber herantritt, sondern sich auch als Diener dieser Frau erweist. Denn trotz seiner imposanten Herkunft hat er sich vor ihr erniedrigt, schaut er zu ihr, Maria, auf.

Denn diese Frau hatte bei Gott Gnade gefunden. Ein gelbes Licht, das sie kreuzt, mag Ausdruck dieser Auserwählung sein und gleichzeitig das Herabkommen des Heiligen Geistes andeuten. Es endet über einer runden lichten Stelle, welche die Begegnung zu einer Berührung und das „Dazwischen“ zu einer „Übergabe“ werden lassen. Im Freiraum zwischen der noch nassen Farbe von Maria und dem Engel hat der Künstler einen Wassertropfen aufgetragen, der sich bis in die Farben der beiden Personen ausgebreitet hat und durch den deren Farben ein Stück weit ausgeblutet sind. Dadurch konnte sich in ihrer Mitte eine zarte sternförmige Erscheinung bilden. Ein wunderschönes Symbol für Jesus als „Licht der Welt“ (Joh 8,12) und „Wasser des Lebens“ (Joh 4,14), ein wunderbares stilistisches Symbol für ein gleichzeitiges Geschehen bei allen Betroffenen und insbesondere für das glaubende Empfangen oder Aufnehmen durch Maria.

Ihr Auftreten ist zurückhaltend, sie steht am Rand, halb von der blauen Farbschicht verdeckt. Aber sie steht, wenn auch irgendwie überwältigt, mit dem Gleichgewicht kämpfend, wie sich anlehnen müssend. Und sie steht im Licht. Im Licht dessen, der auf die Niedrigen schaut und die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt. Ein heiliges Geschehen – das sich auch darin kundtut, dass der doppelte Kreisbogen von Engel und Maria auf der rechten Seite eine stille Entsprechung in dem blauen Kreisbogen und dem innenliegenden Schatten haben und sie zusammen eine Mandorla andeuten. In der Verkündigung an Maria und ihrer gläubigen Zusage beginnt Gottes Herrlichkeit aufzustrahlen, die im auferstandenen Jesus und Weltenherrscher ihre volle Kraft offenbaren wird. Damit kommt mit grafischen Mitteln nichts anderes zum Ausdruck als der Engel bereits bei der Verkündigung gesagt hat: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ (Lk 1,32f)

Diese Verheißung dürfen wir als Betrachter schauen. Und wenn wir uns wie Maria der Berührung Gottes öffnen und seine Gegenwart annehmen, dürfen wir glauben und hoffen, dass ER auch in uns und durch uns seine Gnade und Herrlichkeit entfalten wird.

Kalender, Kunstkarten und -drucke von Eberhard Münch sind in verschiedenen Formaten im Buchhandel oder direkt über www.adeo-verlag.de erhältlich.

Gottesmutter – Menschensohn

Abstrakt und mit einfachen Formen und Farben erzählt dieses Bild dem interessierten Betrachter seine Geschichte. Eine Geschichte, die von der Spannung der beiden Bildhälften und dem Geschehen in ihrer Mitte lebt. Die blaue Farbe steht im Gegensatz zum feurigen Rot über ihr. Und beide scheinen sich seitlich und nach oben oder unten endlos auszubreiten. Doch in der Bildsituation begegnen sie sich als stille Förderer und Zeugen einer einzigartigen Begegnung, die sich zwischen der tiefen weißen Schale und dem goldenen Quadrat ereignet. Von der waagrechten weißen Trennlinie unsichtbar gehalten, scheint es in der bewegten Offenheit des Halbkreises zu schweben und gleichzeitig in seiner Mitte zu ruhen: Von oben geschenkt, von unten empfangen, von beiden gehalten.

Doch von wem oder was ist hier die Rede? Was haben die Symbole und Farben zu bedeuten? Die horizontale Zweiteilung weist auf Himmel und Erde hin, das satte Rot auf die leidenschaftliche Liebe Gottes, die sich im Lichtstrahl kraft des Geistes offenbart und nach unten in die weiße Schale ergießt. Im tiefen Blau kommt unsere Erde als blauer Planet zur Sprache. Die Farbe kann aber genauso als Symbol für das Wasser als schöpferischer Ursprung allen Lebens gedeutet werden wie für den unergründlichen Glauben. In dieser Schöpfung nimmt der nach oben offene Halbkreis eine Sonderstellung ein. Durch die weiße Farbe wird Reinheit angedeutet. An der Oberfläche getragen und sich ausbreitend, kommt immerwährende Offenheit und Bereitschaft zum Ausdruck, das Göttliche in sich zu empfangen, aufzunehmen und zu bewahren.

So wird die vorbildliche Haltung Mariens dargestellt, ihr JA auf Gottes An-Spruch in die Zeit, dass sein ewiges WORT in ihr Menschengestalt annehmen solle. Für IHN steht das goldene Quadrat in der optischen Mitte des Bildes. Gold steht dabei für das Göttliche, Unvergängliche, Höchste, die Quadratform für seine irdische Gestalt. Ganz Gott und ganz Mensch vereint er Himmel und Erde, bringt er allen Orientierung und Frieden, die ihn wie Maria in sich aufnehmen und ihm Wohnung geben. In ihnen erfüllt sich, was Jesus zu Beginn der Bergpredigt verkünden sollte: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,3.8)

Einfach
und voll Spannung
unten und oben
nicht einerlei.
Die Erde
Werk des Schöpfers
unten elementar ausgestreckt.
Feuer der Liebe
Fülle des Geistes von oben
darin verborgen-offenbar
ein Strahl von Licht
aus der Höhe nach unten.
Die Schale,
offen und horizont-weit
eingesenkt in die Welt
erhoben darüber hinaus für das Licht
reine, lichte Offenheit
„immerwährende Empfängnis“.
Das Ewige WORT
empfangen
von Maria, der Jungfrau:
Ja.
Maria, Gabe an die Welt
Zuwendung Gottes
An-spruch in die Zeit
reine Empfängnis
Geschenk zur Freiheit
WORT von oben:
„Gott-mit-uns“
Ant-wort von unten:
„Mir geschehe nach deinem Wort“
für die Welt.

(Lyrik von P. Meinulf Blechschmidt in Sehen – Glauben – Leben. Gedanken zum Glaubensbekenntnis, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2007, S. 19, ISBN 978-3-87071-166-5)

Auserwählt

Eine dunkle und eine helle Fläche prägen das diagonal unterteilte Bild. In der Bildmitte ist an der Schnittstelle zur hellen Bildfläche der Kopf einer jungen Frau zu sehen. Ihre Augen sind weit, ihr Mund ist leicht geöffnet.

An ihrer Seite, leicht erhöht und ganz in blaues Licht getaucht, ist der Kopf einer weiteren Frau zu sehen. Sie berühren sich auf Stirnhöhe, sind einander zugewandt, scheinen miteinander zu sprechen und in einem Gedankenaustausch zu stehen. Das blaue Licht hat sich pfeilförmig auf der Stirn der aus dem Dunkel auftauchenden Frau ausgebreitet. Gleichzeitig weist in der Diagonale ein schmaler Lichtstrahl auf die Stirn dieser Frau und scheint sie zu berühren.

Käthe Haase Kornstein hat die Verkündigung an Maria mit den heutigen Gestaltungs- und Ausdrucksmitteln dargestellt. Die Bildmontage zeigt die mystisch „berührende“ Begegnung zweier Frauen und konzentriert sich auf die beiden Köpfe. Feinfühlig und doch bestimmt übermittelt der im Licht stehende Himmelsbote seine ungewöhnliche Botschaft an Maria. Dennoch erschrickt Maria und fragt sich, was der Gruß wohl zu bedeuten habe und wie sie als Jungfrau einen Sohn empfangen und gebären könne (Lk 1,29.34). Diese Fragen stehen der durch Gott aus dem „Dunkel der Geschichte“ hervorgerufenen Frau ins Gesicht geschrieben. Worauf der Engel zu ihr sagte: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ (1,35)

Die Kraft des Höchsten, der Heilige Geist, der Maria überschatten wird, darf weniger in der halbseitig das Bild füllenden Dunkelheit als vielmehr im vom oberen Bildrand auf die Stirn Mariens zeigenden Lichtstrahl gesehen werden. Hier ist eine formale Ähnlichkeit mit der aus dem Himmel herabkommenden Hand Gottes in der christlichen Malerei festzustellen, die zum Ausdruck bringt, dass sich Gott einer Person zuwendet und zu ihr spricht. Die Kraft des Höchsten kommt noch in einem zweiten Element zur Geltung: Vom Engel ausgehend fließt etwas von dem luziden Himmelsblau auf das Gesicht Mariens über und „überlichtet“ bzw. bedeckt es wie um zu zeigen, dass ihre Gedanken nun vom göttlichen Auftrag erleuchtet und erfüllt sind.

Das Bild bringt die Ernsthaftigkeit des Gesprächs zwischen dem Engel und Maria zum Ausdruck. Es vermittelt auch die notwendige Auseinandersetzung in Maria, bis es in ihr „gedämmert“ hat, dass sie eben auserwählt und berufen worden ist, der Welt den Sohn Gottes zu gebären. Und es lässt in der Nacht-Tag-Symbolik auch die Zeit spürbar werden, die Maria wahrscheinlich gebraucht hat um sagen zu können: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (1,38)

Mit der vielschichtigen Bildkomposition und der Darstellung einer Frau unserer Zeit wird die „Frage an Maria“ auch zur Frage an uns: Wie würde ich auf die Botschaft des Engels antworten? Wie würde es mir mit dieser „Empfängnis“ durch den Heiligen Geist ergehen? Wie würde ich mit einem Kind umgehen, das meines ist und doch mehr als alle anderen der ganzen Welt gehört?

Vom Himmel her …

Auf diesem Bild können ganz unterschiedliche Motive den Blick als erstes in ihren Bann ziehen. Da ist die weiße stehende Gestalt vor dem beigen Hintergrund. Links von ihr in Farbe etwas ähnliches wie ein kleines Kind mit zwei blauen Quadraten hinter dem Kopf. Dann die blaue vertikale Linie, die durch den goldenen Kreis gehend in einem braunen Feld eine lila Horizontale schneidet. Nicht zuletzt faszinieren die kleinen Figuren, oben Engeln ähnlich, unten als Reiter unschwer erkennbar.

Was für eine Geschichte will das Bild erzählen? Der Künstler gibt durch seinen Titel keine Hinweise. „Ohne Titel“ könnte jedoch auf eine verbale Sprachlosigkeit des Künstlers angesichts eines geheimnisvollen Ereignisses hinweisen – so etwas wie die unbefleckte Empfängnis.

Ja, die lichte Gestalt stellt für mich Maria dar. Wie an einer Hausecke steht sie wartend da. Sie ist ganz weiß gemalt, weil wir glauben, dass sie ohne Erbschuld und Sünde ist (Hochfest der Kath. Kirche am 8. Dezember). Makellos offen steht sie da und Gott schenkt sich ihr in der (Farben-)fülle seines Sohnes.

Die beiden Gestalten überlagern sich bereits, ihre Köpfe sind einander zugeneigt. Aus der Form des Kindes und dem linken Arm Mariens lässt sich – farblich leicht abgesetzt – ein Herz erahnen. Die beiden sind sich eins.

Engel aus dem Bild „Der große Morgen“ von Philipp Otto Runge umgeben das Kind. Sie bringen es gleichsam zur Erde und legen es schützend in Mariens Schoss.

Die blaue senkrechte Linie scheint das mystische Geschehen nochmals abstrakt darzustellen. Wo sie auf die „Erde“ trifft, wechselt die Linie die Farbe. In abstrakter Weise kann darin ein Teil des apostolischen Glaubensbekenntnisses gelesen werden: Jesus Christus ist der Sohn Gottes, empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, …

Ein goldener Kreis umgibt den Schnittpunkt der beiden Linien. Ist er ein Symbol für das Leben und Wirken Jesu, seine göttliche Ausstrahlung?

Da sind auch noch Reiter mit vorgestreckter Lanze. Jagen sie vielleicht Jesus und seinen unerschütterlichen Glauben an seinen Vater? Das Bild gibt meines Erachtens keine klare Antwort und bringt nur Verfolgung und Krieg zur Sprache. Es tönt auch an, dass Jesus nur auf der weltlichen Ebene gejagt und verfolgt werden kann. Das „woher er kommt“ und „wohin er geht“ bleibt unfassbar!