Licht zum Leben

Eine Lichtexplosion dominiert das Bild. Wie bei einem Feuerwerk formen die fallenden Funken einen Schweif bis zur Erde. In der Mitte dieses Sterns, der an die Erscheinung in Bethlehem zu erinnern vermag, eine menschliche Andeutung, die wie damals der Stern die Geburt eines neuen Menschen und eines neuen Zeitalters ankündigt.

Die aufstrebende Lichtgestalt überdeckt rote Farbspuren auf dem Malgrund. Das lässt spüren: es gab ein schmerzhaftes und blutiges Davor. Ein Davor, ohne welches Auferstehung nicht möglich gewesen wäre.

Erstaunlich, dass der Hintergrund nicht himmelblau gemalt, sondern im Holz des Untergrundes belassen wurde. Erstaunlich auch die weiße Silhouette, die eine Stadt und durch den einsamen Wanderer gleichzeitig eine Wüsten- oder Hügellandschaft antönt.

Auf der anderen Seite der grünende Baum, Zeichen aufblühenden, nach dem Winter neuen Lebens. Aber sind es nicht zwei Stämme? Ein heller und ein dunkler, die sich kreuzend ein Andreaskreuz formen?

Das Ereignis lässt sich mit den wenigen Angaben nicht in Raum und Zeit lokalisieren. Dennoch spannt es von links nach rechts einen Bogen von den Anfängen der Menschheit bis in unsere Zeit. Die zwei sich nahe stehenden Bäume vermögen an das biblische Paradies zu erinnern, in deren Mitte die Bäume des Lebens und der Erkenntnis von Gut und Böse standen (Gen 2,9). Damit weisen sie auch auf Adam und Eva, auf den Sündenfall hin. In der Mitte ist dann als kosmisches Ereignis, und damit für alle sichtbar und gültig, die Auferstehung Jesu dargestellt, die gleichzeitig Himmelfahrt, Erhöhung und Geistausgießung ist.

In der rechten, freieren Bildhälfte kommt eher unsere Zeit zur Sprache. Mit der einsamen Gestalt des Herkules am Scheideweg ist eine Figur aus der griechischen Mythologie dargestellt, die letztlich für jeden von uns steht. Denn er wird vor die Wahl gestellt, den verlockenden, bequemen, aber vergänglichen Weg der Lust oder aber den beschwerlichen, mühevollen Weg der Tugend zu gehen. Herkules wählt Letzteres. In der Leere der weißen Fläche ist im erhobenen Arm seine Entschlossenheit zu spüren, den steinigen, mühsamen Weg in die Berge einzuschlagen, der ihn zur Unsterblichkeit führt.

Was haben die drei Bildelemente nun miteinander zu tun? Fassen sie nicht in einem grandiosen Überblick entscheidende Eckpunkte menschlicher Erkenntnis in dieser Welt zusammen? Der grünende Baum erzählt, wie sich die ersten Menschen von seinem Vorbild im Paradies das Recht auf Unterscheidung und damit auf Entscheidung holten. Herkules steht als Prototyp für alle Menschen, die von diesem Recht auf Entscheidung vielfach Gebrauch machen müssen. Und dominierend in allem Leben das Vorbild der Auferstehung, die den in eine andere, dauerhafte Wirklichkeit führt, der sich glaubend für diesen Weg entscheidet.

Sehnsucht nach Befreiung

Neun Fensterteile bilden zusammen eine Art Triptychon. Fünf schlangenförmige Elemente umgeben eine zentrale Figur, deren Oberteil von einem ähnlichen Element eng umklammert ist. Gleichzeitig erscheint die menschliche Person erhöht, ja schwebend und dennoch gehalten in einen gelben Bereich mit T-Form.

Gebundenheit spricht aus der schmalen Silhouette dieser Gestalt, deren Beine eng nebeneinander liegen und die Arme auf den Rücken gedreht sind. Wie Fesseln überziehen kreuz und quer Linien den Körper. Auch die Körperhaltung vermittelt Gefangenschaft, Unfreiheit, Leiden und Erdulden einer unfreiwilligen Situation. Fuß- und Kopfhaltung dieses Menschen mögen an Darstellungen des Gekreuzigten erinnern, aber hier wird eine menschliche Grundexistenz dargestellt.

Mit unserem Denken und Tun verstricken wir uns immer wieder in unfreiwillige Gebundenheiten, welche unser Leben Stück für Stück bis zur Unbeweglichkeit einschränken. Oft merken wir gar nicht, wie unsere Freiheit zu Denken und zu Handeln geschwunden ist und nehmen den beschränkten Lebensraum als die größtmögliche Fülle an. Wie ein starrer Panzer können aber auch Krankheiten, Unfälle und andere Lebensumstände unseren Körper und Geist umgeben und zur Bewegungslosigkeit zwingen.

Gott sei Dank muss es nicht so bleiben und gibt es die sehnsüchtige Hoffnung auf eine Macht, die stark genug ist, diese einer massiven Befestigung gleichende Umgebung aufzubrechen. Umgeben und neu gehalten vom goldgelben Licht, das symbolisch für Gott steht, sind bereits Teile weggesprengt worden, die nun haltlos im Luftraum schweben. Ihre Formen lassen noch den Körper ahnen, den sie bedrängt haben. Die Befreiung ist im Gange, die Erlösung nicht mehr fern.

Aus der Zusammenschau von dem Fenster zur Linken und dem zur Rechten wird dieser zum Altar hin orientierte Prozess auf dreifache Weise verdeutlicht.


Zum einen ist die Befreiung am Menschen selbst festzustellen, der im linken Fenster noch vollständig von den starren Elementen eingemauert ist, auf der anderen Seite aber frei im von unten auftauchenden (auf der anderen Kirchenseite im von oben hereinbrechenden) goldenen Licht badet. Dieses Licht bezeugt die befreiende und belebende Kraft, wie wir sie in der Natur von der Sonne kennen und nach einem langen Winter ersehnen. Seine Kreuzform verbindet sich mit der Erlösung und Auferstehung Jesu, die durch seine Hingabe möglich geworden war und das Heil für alle Menschen gebracht hat. Die dritte Form der Befreiung kommt in der von sechs auf vier abnehmenden Anzahl der umgebenden Elemente zum Ausdruck.

Diese Hoffnung soll allen Gläubigen zur Glaubensgewissheit werden: in dem im Kirchenraum intensiv erlebten und gefeierten Gottesdienst, damit auch im Alltag Gottes begleitende und befreiende – und dadurch österliche – Gegenwart spürbar erfahren wird.

Link zur Darstellung aller 6 Fenster

Erlösung

Feuer, und mitten drin blass wie ein Geist der Gekreuzigte. Er neigt den Kopf nach rechts, das Leiden scheint vollbracht. Er schwebt mehr als er am Kreuz steht, dennoch hängt er mit den Armen am horizontalen Kreuzbalken. Eigenartig, wie er mitten in diesem Flammenmeer steht. In diesen Flammen, die nach längerem Betrachten zu einer blutroten Menschenmenge werden können, die mit erhobenen Armen zu rufen scheint: Ans Kreuz mit ihm, kreuzige ihn! In ihrem Zorn wollen sie ihn verbrennen, vernichten – doch er wird ihnen ans Kreuz entzogen.

Ihr Schreien und Rufen scheint sich nach oben hin in Luft aufzulösen. Je länger der Blick auf der unteren Bildhälfte ruht, verschwindet auch der Eindruck einer aufgebrachten Menschenmenge zugunsten einer zurückbleibenden. Erhöht, erhaben steht Christus über dem Geschehen. Kreuzigung, Auferstehung und Heimkehr zum Vater werden hier in einem Bild thematisiert. Gott wird dabei als weißlich-gelbes Licht angedeutet, der seinen Sohn umfängt und ihn gewissermaßen in seine ursprüngliche, ungeschaffene Lichtgestalt zurücknimmt.

Zu denken gibt, dass von Jesu Wunden kein Blut aus geht. Es ist nicht sein Blut, das auf dem Bild die Menschheit oder die Schöpfung erlöst. Wie kann das wohl gedeutet werden? Hat Jesus sich ausgeblutet, ging seine Hingabe bis zum letzten Blutstropfen? Oder hat der Künstler ihn ganz in Weiß dargestellt, fast nur angedeutet – als den, der frei ist von jeder Schuld? („Von der Jungfrau geboren“, besagt ja in der antiken Mythensprache genau das, und zwar rückblickend auf sein Leben!)

Diese Schuldlosigkeit zog die Menschen an und ließ sie staunen und bewundern, war den Priestern und den römischen Besatzern aber unerträglich. Darum wurde ihm Schuld angehängt: er habe gegen das Gesetz des Moses verstoßen, z.B. am Sabbat geheilt, mit Zöllnern Dirnen und öffentlichen Sündern Umgang gepflogen, Völlerei getrieben, sein gewollt wie Gott, den römischen Kaiser nicht geehrt, Gott gelästert und ein nach ihrem Verständnis völlig überzogenes, skandalöses Selbstverständnis gehabt – „ich aber sage Euch, …“

Schließlich wurde die Kreuzesstrafe über ihn verhängt, weil er Gesetze des Tempels nach ihrem Sinn hinterfragte und sie entsprechend ihrer tieferen Notwendigkeit, ihrem eigentlichen Sinn nach anwandte. Dies trieb ihm Menschenscharen zu, die mit dem Herzen verstanden, wie er mit der Schuld anderer umging, des Zöllners, der Ehebrecherin … und die auch mit dem Herzen seine Schuldlosigkeit erfassten. Das gefährdete in den Augen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit die öffentliche Ordnung, passte nicht ins öffentliche Leben, und wurde nicht als höchster Wert anerkannt, sondern als Konkurrenz aufgefasst, die beseitigt werden musste.

In dieser Einzigartigkeit stellt ihn der Künstler nach seinem Tod dar. Jesus hat alle Schuld, die man ihm nachgesagt hat und dazu die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und gelöscht. Im Bild steht er, der sein Werk erfüllt und damit Erlösung gebracht hat, als Wegweiser, der die Botschaft hinterlässt, wie wir von nun an mit Schuld umgehen können. Das Weiß in dem der Künstler Jesus dargestellt hat, ist eigentlich gar keine Farbe. Wenn weißes Licht durch ein Prisma zerlegt wird, entsteht ein farbiges Spektrum von Rot bis Violett, in allen Farben des Lebens, auch den dunklen. Ist das ein Hinweis darauf, dass die Frohe Botschaft dazu verhelfen kann, alle Farben jedes Lebens letztendlich in Weiß zu bündeln? In schuldfreies Weiß?

Jedes Osterfest sollte bei aller Osterfreude auch diesem Aspekt Raum geben, in wie weit wir diese Wegweisung zulassen.

Zum Leben befreit

Welch ein Gegensatz! Die Gemeinde befindet sich das Jahr über einem barocken Hochaltar mit gewohnten klaren, verständlichen Darstellungen gegenüber (Gesamtansicht). Sein Mittelteil wird nun in der Fastenzeit hinter einem großen Fastentuch mit moderner, verschlüsselter, anfangs nicht leicht deutbarer Bildsprache verborgen (Altaransicht). Eine Aufforderung, genau hinzuschauen und zu versuchen, über Altbekanntes in neuer Weise nachzudenken.

Ins Auge springen die Farben: violetter, in sich bewegter Hintergrund, leuchtendes Gelb, korrespondierend mit Rot.
Mittelpunkt der Darstellung ist eine gelbe Lichtsäule, die über dem Tabernakel wie aus einer anderen Dimension aufsteigt und in einer gelb-leuchtenden Lichtquelle, einer Sonnenscheibe endend, das eigentliche Zentrum des Bildes darstellt.

Rechts und links flankieren zwei schlankere Lichtsäulen die zentrale stelenartige Erscheinung. Sie sind unregelmäßig, wie zufällig, rot bebändert, so dass sie nur in ihrer Form festgelegt wirken, nicht aber in ihrer Ausgestaltung. Auch sie tragen je eine Lichtscheibe, allerdings kleiner und nicht so strahlend gelb wie die der mittleren Gestalt; auch nicht oben, sondern ungefähr in der Mitte. Im Unterschied zur mittleren Lichtquelle sind sie durch zwei augenähnliche Gebilde nach rechts orientiert, als hielten sie Ausschau. Urbild und Abbild?

Als drittes Element prägen das Tuch drei durchhängende Linien. Sie verbinden optisch die drei säulenartigen Erscheinungen und wirken wie feine, auffangende Arme, welche die Ausstrahlung der mittleren Säule weitergeben. Andererseits vermitteln sie mit ihrem durchgehenden Bogen den Eindruck, heruntergelassen worden zu sein, um Halt zu geben und ergriffen zu werden.

Das vierte Element: eine Art Schnurvorhang, der vor dem violetten Tuch pfeilförmig bis zum Tabernakel herunterhängt. Er besteht aus nah aneinander hängenden Seilen mit in unregelmäßigen Abständen geknüpften Knoten. Der erdige Farbton dämpft und stört das strahlende Gelb, doch ist er unabweislich da seiend und dazugehörend wie die Stricke und Knoten in der Natur und im Menschenleben.

Über der trennenden Waagrechten mit den Seilen findet sich das fünfte Element. Es ist ein Feld mit geheimnisvollen Zeichen, die von der Anordnung her einer Überschrift ähnlich sind. Die Farben der Zeichen sind umgekehrt zu den 3 Lichtsäulen verwendet: die Flächen sind rot, der Rand gelb. In der Mitte von zwei waagrechten Balken werden drei dünne, leicht schräge Elemente mit einer dritten, erhöhten Waagrechten zu einer Einheit zusammengefasst. Die zentrale und erhabene Anordnung lässt in dieser Chiffre ein modern gestaltetes Symbol für die Wesenheit Gottes vermuten. Besteht nicht eine stilistische Nähe zur Hand Gottes in frühchristlichen Malereien, welche andeutet, dass Gott sich vom Himmel her den Menschen zuwendet und zu ihnen spricht? Zwei augenähnliche Zeichen unterstützen diese Abwärtsbewegung – korrespondierend mit den nach oben gerichteten ähnlichen Zeichen der beiden Lichtsäulen. Warten letztere auf diese von oben kommende Ausstrahlung, diese Begeisterung aus Licht, Wärme und Liebe?

Aus dem Beobachteten werden Parallelen zur Verklärung Jesu offensichtlich. „Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“ Und aus der Wolke rief eine Stimme den staunenden Jüngern zu: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,2.5)

Noch wird dieses Bild vom davor hängenden Schnurvorhang und seinen Knoten getrübt. Seine Bewegung von oben nach unten steht im Gegensatz zur aufstrebenden Bewegung, die aus den drei Vertikalen und ihren Lichtscheiben hervorgeht. Der Dialog zwischen den verschiedenen Materialien und Ebenen, der vordergründig und materiell die Verknotungen und Verstrickungen von uns Menschen zum Ausdruck bringt, hintergründig und geistig die Verheißung Gottes sichtbar macht, wird deutlich. Vision und Knoten sind Einladung, mit Blick auf Jesus und mit seiner Hilfe Verstrickungen mit inneren und äußeren Knoten zu lösen. Eine mit dem Fastentuch zusammenhängende Arbeit (Abb.)verhüllt das Kreuz bis auf die Hände des Gekreuzigten mit dem Gebet:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf den Weg zu führen.
keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen auf seine Seite zu bringen.

Begegnungen mit Auferstandenen, neues Leben ist angesagt. Leben, das von Gott und seiner Liebe her geprägt ist. Symbolisch dargestellt durch die beiden äußeren Säulen, die unser so unterschiedlich geprägtes Leben darstellen, das durch die bogenförmigen Verbindungen mit der zentralen Gestalt, Symbol für den da seienden, unter uns gegenwärtigen Gott, genährt und Halt gebend gesichert wird.