Pfingstfeuer – Geistes-Gegenwart

Raumfüllend und menschenbewegend durchweht ein feuriges Geschehen das Bild. Es wird von einer Person am unteren Bildrand wie von einem Docht gehalten. Diese Person steht zwischen Leben und Tod, denn links liegen Menschen in der bogenförmig angelegten Dunkelheit, rechts stehen die Menschen als Auferstandene in einem Bereich, in dem sich das Dunkle bereits aufzulösen beginnt. Der Mann steht schief, aber stark zwischen diesen beiden Existenzformen. Die gelbe und die rote Farbe zeichnen ihn als Auferstandenen, als alle überragenden Mann des Lichts und der Liebe, als Vermittler zwischen Himmel und Erde.

Über seinem Haupt steht eine weitere malerisch nur angedeutete Menschengruppe dicht beisammen. Sie bildet im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen eine neue Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die durch einen gemeinsamen Geist geeint zusammensteht in guten und in schlechten Zeiten. Das über diesen Menschen lodernde Feuer tragen sie wie einen in Flammen stehenden hohen Hut. Die vom Wind angetriebene Feuersbrunst brennt lichterloh und scheint wie ein tobender Waldbrand alles zu verzehren. Das kraftvolle Rot und Gelb zeugt von der ungeheuren Dynamik des Geschehens, doch dazwischen sind blaue und grüne Stellen auszumachen: Zeichen der Hoffnung, des Wachstums, der Verwandlung und des Neuanfangs.

„Wenn der Geist sich regt“, wird uns Menschen eine Kraft zugesprochen, die das Menschenmögliche übersteigt und in göttliche Dimensionen führt. Durch den Titel verbindet die Künstlerin ihr Bild mit dem jungen geistlichen Lied von Norbert Weidinger:

Wenn der Geist sich regt, der Leben schafft,
unverständlich noch, doch voller Kraft.
Überwindet mutig die Distanz,
stehet auf und reicht die Hand zum Tanz.

Kv: Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche,
zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche.

Öffnet Herz und Ohren weit dem neuen Klang,
schöpfet Mut für euren Glauben, seid nicht bang.

Wenn der Geist sich regt und Feuer legt
und verbrennen will, was ihr noch pflegt,
gebt ihm Raum, errichtet nichts, was trennt
Feuer warf er auf die Erde, dass es brennt.

Wenn der Geist sich regt, ein Sturm aufzieht,
in die Segel bläst, reißt alles mit,
springt ins Boot und helft dem Steuermann,
dass mit voller Kraft es vorwärts gehen kann.

Das Lied fordert zu einer Erneuerungsbewegung auf, welche bereit ist, das Alte zurückzulassen, um mit dem Steuermann Jesus zu neuen Ufern aufzubrechen. So kann das feurige Geistgeschehen auch als Segel des bogenförmigen Bootes gesehen werden, in dem Jesus Mast und Steuermann zugleich ist. Wir sind aufgerufen, zu ihm ins Boot zu springen, ihm zu helfen, indem wir uns Gottes Geist öffnen und dank seiner Geistes-Gegenwart in bislang verfahrenen Lagen situativ das Richtige tun. So kann Gott durch uns wirken und Großes vollbringen. So kann Gott das Wirken seines Sohnes durch uns fortsetzen (vgl. Joh 14,26), weiter an seiner Kirche bauen und über sie hinaus von seiner Geistes-Gegenwart Zeugnis ablegen.

Feuer vom Himmel

Beinahe tanzend fallen die Flammenzungen von links oben ins Bild hinein. Wie aus der Ferne kommend werden sie zur rechten unteren Ecke hin immer größer. Fröhlich bewegt konzentrieren sie sich wie ein Feuer und bilden gleichzeitig einen Ruhepunkt.

Das Herabkommen der Flammen spielt sich vor einem Hintergrund mit verschiedenen Blautönen ab. Seine mysteriöse Erscheinung lässt sich weder dem Himmel, dem Meer, noch der Nacht zuordnen. Mehrere Bildebenen verstärken auf der linken Bildhälfte die Tiefenwirkung. Hier streben im Vordergrund transparente blaue Flammen bis auf die Höhe der gelbroten Flammentreppe auf und überlagern diese leicht, darüber steigen rauchartig mehrere Aufhellungen nach oben. Rechts sind die Flammen unverdeckt und scheinen so ganz beim Betrachter zu sein.

Dieser vom Himmel niedersteigende Flammenreigen erinnert auf seine Weise an das Pfingstereignis in Jerusalem. „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Auf dem Bild sind keine Menschen gemalt. So können sich die Feuerzungen nicht allein auf das Pfingstfest vor langer Zeit beziehen, sondern auch uns im hier und jetzt betreffen. Zu jedem Betrachter des Bildes kommt gleichsam der Sturm der Feuerzungen, auf jede und jeden von uns soll sich eine Flamme niederlassen.

Die Flammen vom Himmel können als sichtbares Geschenk göttlicher Weisheit und Begeisterung gedeutet werden. Sie sind Ausdruck der Erleuchtung und des Erkennens, was geschehen war. „Es ist mir ein Licht aufgegangen!“

Eine Flamme ist zudem ein äußeres Zeichen für das innere Verstehen und die Gabe, diese Erkenntnis anderen verständlich machen zu können. Denn das Pfingstwunder realisierte sich nicht nur, dass die Jünger andere Sprachen sprechen konnten, sondern auch, indem diese Sprachen verstanden wurden.

Schließlich kann eine Flamme über jeder Person als Ausdruck der Begeisterung für die Sache Jesu gedeutet werden. Als sichtbares Zeichen, dass wir für das Anliegen Jesu brennen und uns mit Feuer und Flamme dafür einsetzen.

Verinnerlicht

Die rosarote Glasskulptur vermag den Blick auf sich zu ziehen. Ihre Erscheinung hebt sich fast nur durch die Farbe vom Hintergrund ab, körperlich ist ihre Gestalt genauso aus Elementen aufgeschichtet wie die Transportpaletten ihres Podiums oder die Betonmauer hinter ihr.

Die sie erfüllende rote Farbe macht ihre Faszination aus. Die Figur ist transparent bis in ihr Inneres, gibt Einblick in das, was sie durchflutet und bewegt: ein zartes Rot, das an Blut oder Liebe erinnern kann, in seiner Tendenz zum Rosa aber auch an all die Spielzeugpuppen und -figuren, die in der Konsumwelt im Trend sind.

Doch diese Figur steht singulär und erhoben vor dem Betrachter. Und sie sieht anders aus. Ihre Arme sind angewinkelt, die Hände flach an die Brust gelegt (Detailansicht), Betroffenheit signalisierend, Sympathie, Mitleid vielleicht sogar, wenn auch der leicht nach vorne geneigte Kopf in diese Haltung der Zuneigung einbezogen wird. Mit offenen Augen schaut sie den Betrachter aus dem jugendlichen Gesicht an.

Wer ist diese Frau im langen Faltenkleid und dem modischen Hut oder Helm, die von innen her warm strahlt und für die Menschen da zu sein scheint? Ist es irgendeine Frau oder könnte es trotz dem Fehlen einer äußeren Aura eine besondere Frau sein, eine Heilige wie Maria?

Einzigartig ist die Erfüllung mit einer inneren Kraft, die einem Feuer gleich in ihr brennt. Von Maria wissen wir, dass Gott sie mit der Kraft des Höchsten“ überschattete und sie so zur Gottesgebärerin und -mutter wurde (Lk 1,35). Die Skulptur vermag die Liebe Gottes, die in ihr brennt, sichtbar zu machen. Diese Liebe, diese Kraft des Höchsten und ihre Erfahrung aus dem Leidensweg mit Jesus machen sie sehend für die Nöte der Menschen. Sie lassen Maria uns nahe sein als eine von uns und doch durch und durch von Gott geprägte Frau.

Während traditionelle Marienfiguren sie durch äußere Attribute wie das Kleid oder das Jesuskind erkennbar machen, verweist diese Figur auf die innere Haltung Mariens. Das Glas verdeutlicht ihre Offenheit für Gott und macht diese für alle so transparent, dass sie Gottes Gegenwart in ihr suchen und durch Marias Offenheit für die Menschen auch erfahren – in Zeiten der Mutlosigkeit, der Krankheit und Einsamkeit, der Dunkelheit, der Trauer und des Schmerzes, usw.

“Ich schaffe mir meine eigene Maria …
deren Schutz sich auf meine Seele auswirkt …
… eine Maria, die für mich da ist …
… die in meiner Größe erscheint, mir gegenüber steht und in meine Augen sehen kann
… eine, die mir durch ihre Farbigkeit Kraft gibt und Mut zuspricht ….
… eine Maria, die sich zu mir neigt und mir ihre Liebe schenkt …
… eine die mit mir trauert und leidet …
… eine Maria, die meinen Schmerz fühlt und diesen mit mir teilt …
… eine, deren Liebe ich spüre und die meine Liebe spürt.

Eine Maria, die da ist, wenn ich sie brauche …
… die mich so nimmt, wie ich bin …
… wenn es mir gut und wenn es mir schlecht geht.“
(Isabelle Böhm)

Diese Arbeit war im Rahmen des Festes “Maria Himmelfahrt” zusammen mit einem Dutzend anderer moderner Arbeiten zu Maria am 20. und 21. August 2016 in Warendorf ausgestellt. Alle Kunstwerke finden Sie in der PDF-Version des Begleitheftes zur Ausstellung: Flyer

Kreuzauflegung

Glühende gelb-rote Farben füllen das Bild aus. Als einzige konkrete Form erhebt sich ein Tau-Kreuz in die Höhe. Seine Flächen heben sich aufgehellt – unten schwach, oben stärker – vom abstrakten Hintergrund ab. Wie ein Nagel senkt es sich in den gelben Bereich ein und wird dort gleichsam eins mit der Andeutung eines Menschen, dessen nach links gewendetes Gesicht nach und nach zu erkennen ist.

Gebückt und in sich gekehrt scheint er vorwärts zu schreiten, in sich eine glühende Energie tragend. Sie geht von seinem Nacken aus, auf dem das im Verhältnis zum Menschen kleine Kreuz aufliegt. Hier wird die Last des Kreuzes angedeutet, vielmehr aber die Veränderung im Kreuzträger. Entgegen den Erwartungen ist er – ebenso wie das Kreuz – nicht dunkel dargestellt, sondern als Lichtgestalt, die gleichsam als Mittelpunkt durch die ihn umgebende Feuersbrunst an Erregungen, Aggressionen und vernichtenden Emotionen geht.

In ihm leuchtet etwas Göttliches auf. Jesus wurde das Kreuz wegen der Menschen und von Ihnen aufgelegt, aber nur, weil es Gott zuließ. So kommt das Kreuz in dieser Darstellung mehr von oben als aus irgendeiner Menschenhand. Von der Auferstehung her gesehen wurde klar, dass die Hingabe Jesu bis in die Abgründe des Kreuzestodes zu Gottes Plan gehörte, um die Sünde des von ihm so sehr geliebten Menschen zu sühnen und zu tilgen. So darf das Kreuz als Not wendendes Mittel zu unserem Heil gesehen werden, als göttliches Instrument, das seinen Sohn so tief erniedrigte, dass er – auch am Kreuz erhöht – von ganz Unten die ganze Menschheit zu erlösen vermochte.

In unserem Bild scheint eine Feuersbrunst den Menschensohn zu umgeben, er musste förmlich durch die Hölle gehen. Wiederum stellt sich die Frage nach dem Licht, das er in sich trägt. Was ist das für eine Kraft, die glühender wirkt als sein Umfeld? Was ist das für eine Kraft, die ihm gleichsam über das Kreuz, das er wie eine Antenne zu Gott trägt, zufließt? Ob die warmen Farben mit dem Heiligen Geist in Zusammenhang gebracht werden dürfen, dem göttlichen Beistand par excellence? Damit Jesus das unerträgliche Leid aushält und auch in der größten Gottverlassenheit nicht aufgibt?

Von Jesus ausgehend ist das Bild offen für die mannigfaltigen „Kreuzauflegungen“ im Leben von uns Menschen, seien es unheilvolle Naturkatastrophen, Unfälle, Beziehungsdramen und anderes mehr. So gesehen nimmt der „Kreuzweg Jesu“ kein Ende. Aber dadurch, dass Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, ermutigt er alle, trotz der unsäglichen Schmerzen, trotz des schweren Leids nicht aufzugeben. Denn Gott ist dreifaltig in ihm, neben ihm, über ihm. Tod und Auferstehung Jesu lehren uns, dass Gott in seiner Weisheit alles zu einem guten Ende führt, auch wenn es in unseren Augen gar nicht so aussieht.

 

Klein wird der Mensch unterm Kreuz,
es ist aus mit dem aufrechten Gang,
mit seinem guten Gesicht, er ist geschafft
vom Geißeln, von Dornen gerissen,
man machte ihn schwach, er fällt ein.
Nun noch das Kreuz auf den Buckel
gezwungen, ihm pfeift der Atem durchs Blut
der Schmerz färbt das Holz in die Augen,
er sieht blutrot und verschwommen,
ein paar weiße Blitze und die leeren Gesichter
der Schinder. Man treibt ihn auf den Weg.
Nie hatte er so schwer getragen.

Ich weiß nicht, was er noch sieht unter
den Lidern, im wundgeschwellten Gesicht,
im Feuer der Schmerzen, mit den Dornen
im Kopf, unterm Kreuz,
taumelnd, als der Weg ihm beginnt.
Niemand nimmt sowas auf sich.
Doch es liegt schon auf ihm.
Er schaut blutädrig den Schrecken,
der ihn ausquält zum hitzig gleißenden Tod,
in die Kälte aus Hass.
Was denkt er im verklumpenden Fleisch?
Ein paar Stunden noch in seiner Stunde.
der Blick Schrei, der bald bricht.
Ein Gebet?
Vater.

Es muss sein, sagte er einmal den Jüngern.
Warum?
Was soll das?

Es ist über ihm. Vater.
Mein Gott.

(Josef Rossmaier)

Der 12-teilige Kreuzweg sowie eine Auswahl großformatiger Gemälde aus dem Jahr 2014 sind zusammen mit den eindrucksvollen Worten von Josef Rossmaier im 40-seitigen Katalog „Jacques Gassmann, Weg und Nachweg“, Sonderheft 7 des Diözesanmuseums Regensburg unter der ISBN 978-3-9817126-0-5 erschienen. 

Vision des Himmels

Im Deckenspiegel der in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbauten evangelischen Pfarrkirche in Seibelsdorf (Bayern) begegnen sich seit der umfangreichen Sanierung von 2008-2010 Rokoko und zeitgenössische Kunst (Ansicht 1, Ansicht 2). Die schwarzen 6 mm breiten Linien der Tuschzeichnung fügen sich harmonisch in das Licht- und Schattenspiel der sie umgebenden Stuckaturen ein. Nach den Regeln des Künstlers haben alle Linien eine ellipsoide Grundform. Sie berühren sich gegenseitig nicht und bilden auch keine Punkte. Mit ihren dynamischen Rundungen nehmen sie die Formensprache des Rokoko auf und führen sie thematisch in neue Dimensionen.

Während die Rundungen am Bilderrahmen dichter sind und dunkle Bereiche bilden, öffnen sie sich zur Mitte hin und geben Raum frei. Durch diese Strichführung erzeugt der Künstler die Wirkung einer Kuppel. So zieht es den Blick des Betrachters wie durch ein großes Auge hindurch in einen jenseitigen Raum mit unendlicher Höhe. Es öffnet sich ihm eine Vision des Überirischen und Transzendenten, die durch und über alles Dinghafte hinweg eine immaterielle Gegenwart in der Welt erahnen lässt (Großansicht).

Vier Säulen unterstreichen diese Bewegung nach oben und zur Mitte. Auf leichten Einwölbungen des Rahmens stehend, von Stuckelementen unterfangen, stemmen sie sich in eine Höhe, um eine mit Staubpartikeln versetzte Weite zu tragen. Durch die geschickte Linienführung entsteht nicht der Eindruck, dass diese zentrale Gegenwart leicht wäre oder die Säulen ins Nichts hinausgehen würden. Sie tragen vielmehr etwas unendlich Gewichtiges und Erhabenes.

Die vier Säulen werden von einem Linienmeer umwogt, das gleichzeitig Assoziationen an Flammen, Wasserwogen, Windwirbel und links auch an Pflanzen zulässt. Hier wird die Fülle des Lebens mit all seinen Bewegungen und Begegnungen angedeutet, so wie sie vom unsichtbaren Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) geschaffen wurde. Er thront über allem und ist gleichzeitig in allem (Eph 4,6) gegenwärtig. Ganz besonders in der Gemeinde, die sich unter diesem symbolträchtigen Bild versammelt.

Für sie ist diese große Deckenmalerei ein Blick in den Himmel. Sie soll erfahren, dass hier ein begnadeter Ort ist, ein Ort, an dem, wie bei der Taufe Jesu, der Himmel offen steht (Mt 3,16; Mk 1,10; Lk 3,21) und intensivste Gottesbegegnung und -gemeinschaft möglich ist. Gottesbegegnung wie sie der Prophet Elija am Berg Horeb machen durfte, in der er Gott nicht in machtvollen Kundgebungen erfuhr, sondern im kaum wahrnehmbaren Säuseln des Windes: „Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.“ (1 Könige 19,11-13)

Gerhard Mayer wurde am 5. Oktober 2011 für diese Arbeit der Kunstpreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 2011 verliehen.

Link zum Pressartikel von BR-online

Der verheißene Nachfolger

Ein gewaltiges, in mehreren Schichten aufgetragenes Geschehen scheint das Bildformat sprengen zu wollen: Im Vordergrund ein feuriges Wolkenband, das diagonal die Bildfläche durchzieht. Dahinter eine weiße Kreuzform, die mächtig die ganze Höhe und Breite des Papiers einnimmt. Noch hebt sie sich mit harten Kanten vom blauen Hintergrund ab oder wird von diesem rechts unten teilweise umfangen. Noch steht sie in ihrer gedrungenen Form, die auch einen stehenden Menschen in ihr sehen lässt, da.

Doch das Kreuz hat seine Macht verloren. Bereits hat Licht seine Oberfläche erfasst und die schwarze Dunkelheit an den Rand gedrängt. Gleichzeitig werden durch das Feuerband die schwarzen Überreste in seiner Mitte verglüht, die Kreuzgestalt in die zweite Reihe geschoben und in einen linken unteren und einen rechten oberen Teil aufgelöst.

So sind von diesem Kreuz nur noch Fragmente da, die allerdings durch unser Auge noch als Ganzes wahrnehmbar sind. Doch die Feuerbahn durchkreuzt es und lässt uns die neue Wirklichkeit bereits spüren: die göttliche Kraft, die bereits alles Dunkle und Schwere vom Kreuz genommen und es auferstehungsleicht gemacht hatte. Erich Krian schreibt dazu: „Das lässt uns das Kreuz als erneuerbare Freude begreifen. Das anfänglich Unmögliche bricht auf. Das anfänglich Unglaubliche schafft stillen Glauben.“

Das Feuerband lässt uns die Kraft des Heiligen Geistes wahrnehmen, welche die Welt durchweht und verändert. Sie erscheint in einer zeitlichen Reihenfolge zum Kreuz, ja in der Nachfolge, wie Jesus sie in seinen Abschiedsworten angesprochen hat (vgl. Joh 14,16-27).

Und das Feuerband lässt erahnen, wie kraftvoll Gott das im Zeichen des Kreuzes wie gescheitert aussehende Wirken seines Sohnes fortsetzt. Blockierte Herzen werden zu neuem Leben erweckt und fassen Zuversicht, blinde Augen sehen alles in neuem Licht, stumme Zungen bewegen sich und die ganze Welt, weil sie mit begeisterten Worten das Unerhörte verkünden.

Sehnsucht und Erfüllung

Selten sieht man in unserer Zeit solche gewobenen, aus Textilien gewirkten Bilder. Ihre Herstellung verlangt sehr viel Zeit, Geduld und Entschiedenheit. Tugenden, die wie diese Ausdrucksform rar geworden sind in unserer Zeit.

Umso eindringlicher wirkt die Einheit von Material und Bildinhalten, die sich in der Tradition der Tapisserien auf mehrere Arbeiten erstreckt, wenn sie zum Thema das Pilgern haben. Pilgern: das Sich-auf-den-Weg-machen und auf dem Weg zur Begegnung mit Gott sein. Schritt für Schritt in der Balance von Bewegung und Betrachtung, von Fortschritt und Innehalten. Das Pilgern nimmt die Sehnsucht der Seele nach Gott auf, lässt den Menschen aufbrechen, ihn sich ganzheitlich in seiner gefährdeten Existenz erfahren.

Die sieben Tapisserien zum Psalm 84 lassen den Betrachter etwas von der Größe solcher Lebenserfahrungen spüren, in denen der gläubige Mensch auch ganz stark Gott wahrnimmt. Unser Bild stammt aus der Mitte des Zyklus und hat die Psalmworte des sechsten und siebten Verses zum Thema:

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln.
„Ziehen sie durch das trostlose Tal, wird es für sie zum Quellgrund, und Frühregen hüllt es in Segen.“

Spalten und Zickzacklinien durchziehen das Bild in der Diagonale wie Risse den Erdboden. Die aufgebrochene Erde, teils glühend rot, ist ganz auf das Blau rechts oben ausgerichtet. Ausdruck von Durst, von einem wie von Feuer ausgetrocknetem existentiellen Durst nach Leben. Ausdruck von großer Sehnsucht und klarer Orientierung des Bedürfnisses. Ausgerichtet auf das, was uns Kraft gibt, wo wir hoffen, Stärkung und Ermutigung zu erhalten. Zu lange scheint hier ein Bedürfnis unterdrückt worden zu sein. Der Ausbruch ist wie eine feurige Eruption.

Anziehungspunkt dieser geradezu flammenden Sehnsucht: ist ein tiefblauer, nach oben angeschnittener Kreis, als würde er teils verdeckt. Umfangen wird er von gelbgrünen Umrandungen. So kann das Symbol als Quelle und Brunnen wie auch als Regenwolke gesehen werden. Die Anordnung in der Höhe lässt es zu einem himmlischen Quellgrund mit einem dreifaltigen Zeichen für seinen Ursprung werden. Es ist, als öffne sich der Himmel, als sei das nicht nur ein irdisches Geschehen zwischen dem Pilger und der Erde, sondern zwischen einer Sehnsucht nach dem Höchsten und ein Beschenktwerden von ihm, stärkend, ermutigend, von außen und von innen.

Gottes Geist als Beistand

Ein farbstarkes Bild, voller Bewegung und Lebendigkeit, dessen Inhalt sich wesentlich von der Beachtung der Farbgebung her erschließt. Dreiviertel des Bildraums sind von Farbspielen in feurigem Rot mit gelben und weißlichen Einschüben erfüllt. Ein Sturm wirbelt wie bei einer Feuersbrunst Gegenstände hoch in die sich herabstürzenden glühenden Luftmassen. Aber dieses Schauspiel wirkt nicht beängstigend und zerstörerisch, sondern im Gegenteil machtvoll, wie ein gewaltiger Impuls die Menschen erfassend und berührend, die im Blau des unteren Viertels nach vorne streben. Hier unten scheint die Bühne des Geschehens zu sein, hier unten scheint sich eine Veränderung zu vollziehen. Denn ähnlich wie bei einem Prisma teilt sich das Feuerrot, das von oben kommt, in mehrere Farben: leuchtendes Gelb, welches das Blau von unten stellenweise aufhellt oder sich mit ihm zu zartem Grün verbindet, das Rot, das mit dem Blau als kräftiges Violett erscheint. Jede der zwölf Personen erfährt eine Veränderung durch die Zugabe einer neuen Farbe zur bisherigen.

Es ist ein geistiges Schauspiel, bei dem sich Jenseits und Diesseits verbinden, das die Künstlerin überzeugend und respektvoll dargestellt hat. Sie folgt der Erzählung der Apostelgeschichte, dass die elf Apostel, zusammen mit Jesu Mutter von Gottes Geist erfüllt werden, wie er es ihnen versprochen hat. Sie wirken, als würden sie sich nun aufmachen, jeder auf seine Weise, nicht als wollten sie fliehen, eher als würden sie gesandt. Vor allem einer, der im violetten Gewand links neben Maria, ist wie zum Aufbruch gegürtet. Ihn scheint von oben ein besonderer Impuls direkt zu treffen. Petrus?

Aus der Beschäftigung mit dem Bild entstehen Fragen. War das Ereignis, das wir jedes Jahr an Pfingsten feiern, einmalig? Kann es heute noch lebendig wirken? Kann es sich wiederholen? Nur als kosmisches Ereignis oder auf verschiedene Weise? In seinen Abschiedsreden hat Jesus Gottes Geist für die Zukunft versprochen, um das jeweils Andere und Neue zu finden, das sie braucht …
Pfingsten kann demnach nicht nur ein Fest des Erinnerns sein. Es hat seine Aktualität, aber die muss sowohl entdeckt als auch angenommen werden.

Weitere Bildmotive von Christel Holl finden Sie und können Sie bestellen auf der Website des Beuroner Kunstverlages, wenn Sie bei der Schnellsuche “Christel Holl” eingeben.

umsichtige Präsenz

Hart und scheinbar zusammenhanglos begegnen uns die drei hochformatigen Teile dieses Triptychons. Mit einer expressiven Farbgestaltung zieht vor allem die mittlere Paneele den Blick auf sich. Warme Braun- und Rottöne deuten den Leib einer menschlichen Gestalt an, von der nur der Kopf deutlich erkennbar ist. Strahlenförmig scheinen sie von einer dunkleren Mitte nach oben und nach unten zu gehen. Dabei bilden sie so etwas wie einen Schild und erwecken den Eindruck, als schaue der Kopf aus dem einzigen freien Winkel über diese „Farbwand“ hinaus in eine undefinierte Weite.

Die beiden Seitenteile sind als gegenstandslose, graublau-weißsilbrig schimmernde Flächen gestaltet. In der pastos aufgetragenen Farbe sind Kerbspuren feststellbar, oben mehr diagonal auslaufend, in der unteren Hälfte in Form von Augen.

Eine Verbindung zwischen Mittel- und Seitentafel ist auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar. Doch über das Ganze gesehen lässt sich durch die Schattierungen eine leichte, diagonal nach rechts aufstrebende Struktur erkennen. Dadurch werden der nach links schauenden Gestalt gewissermaßen Flügel verliehen. Ob sie einen Engel darstellt? Einen Cherub wie in Ezechiel 1,4-21 oder aufgrund der roten Gestalt gar einen Seraphen, jenes himmlische Wesen, das von seiner brennenden oder entzündenden Eigenschaft geprägt ist und oft mit vielen Augen am Leib dargestellt wird?

Wie dem auch sei, geht etwas Behütendes und Beschützendes von dieser Gestalt aus. Zwischen kühlen Farben der beiden Seitentafeln vermittelt sie erdige Wärme und angenehme Gegenwart. Als farbiger Lichtblick taucht sie wie eine sinnlich wahrnehmbare Erscheinung aus einer anderen Welt vor unseren Augen auf, unnahbar entrückt und doch Zuversicht ausstrahlend. Aus der Mitte lebend, verändert und integriert sie die Umwelt, lässt sie zu Flügeln werden, die ihr die Schönheit eines Pfaus verleihen, der gerade sein Rad schlägt.

Von diesen Augen hat man nichts zu befürchten. Sie verweisen nicht auf die allgegenwärtigen Kameralinsen von „Big Brother“, sondern lassen viel mehr umsichtige Wachsamkeit des Dargestellten spüren, seine „gemittete“ Präsenz. Ob Bote des Himmels oder Sinnbild für uns – wer er auch sein mag – er ist ganz da, erfüllt von einer warmen, guten Kraft, die wohl tut und von der man sich gerne anstecken lässt. Mit seinen inneren und äußeren, sichtbaren und unsichtbaren Augen nimmt er seine Umgebung wahr und kann so umsichtig handeln, Gefahren ausweichen, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tun.

Vision des Lebens

Plastisch erhebt sich die bildhohe T-Form vor dem schwarzen Hintergrund. Wie eine Lichtgestalt hebt sie sich vom undurchdringlichen Dunkel ab. Und doch bildet die T-Form so etwas wie einen Durchblick in eine ganz andere Welt. Im Gegensatz zum kalten und leblosen Schwarz ermöglicht die T-Form den Blick auf eine schwelende Glut, von der Wärme und Leben ausgeht.

Inmitten dieser Glut ist in den hellen Stellen trotz der undeutlichen Umrisse eine menschliche Gestalt zu erkennen. Durch die ausgebreiteten Arme, den angedeuteten, nach links gesenkten Kopf und die sie umgebende T-Form lässt sie sich unschwer als Gekreuzigten identifizieren.

Der Tod mitten in diesem mit Wärme und Leben erfüllten Raum? Ja, doch erscheint er als notwendiger Durchgang für die Verwandlung des Leibes in eine neue Wesensform, die im Bild durch Helligkeit charakterisiert wird. Der Künstler präsentiert uns den Tod, auch wie ihn Jesus am Kreuz erlitten hat, als endgültige Metamorphose zum Licht. Was für eine ermutigende Perspektive! Ganz Licht zu werden und gleichzeitig auch ganz leicht.

Ist das nicht eine tief in uns liegende spirituelle Sehnsucht, die uns durch das ganze Leben hindurch bewegt? Licht ist etwas durch und durch Gutes und bedeutet Leben. Ohne Licht hätten wir keine Entwicklungs- und Überlebenschancen. Licht werden ist verbunden mit Erkenntnis und Einsicht in die vielen verborgenen Dinge um uns herum. Licht werden ist verbunden mit Ausstrahlung und der Absicht, integral gut werden zu wollen und Gutes zu bewirken.

Doch das Finden der persönlichen Lichtgestalt ist schwer. Durch viele Rollen und Verwandlungen hindurch versuchen wir, sie peu à peu zu erreichen. Allein durch die menschliche Entwicklung wachsen wir in immer neue Rollen hinein, die uns Entfaltung zum Gutsein ermöglichen. Auch viele kleine und große Abschiede bringen – meist schmerzhafte – Neuerungen in unser Leben und zwingen uns zu ungewollten Veränderungen. Erheblich helfen aber wiederkehrende Rituale, Bräuche und besondere Zeiten der tiefen Sehnsucht in uns, gut und licht zu werden. So ermöglichen uns Fasching oder Karneval, aus den alltäglichen Rollen aus- und vielleicht auch Festgefahrenes in uns aufzubrechen. Ist es nicht, als brauche es dieses feurig-intensive Austoben, um anschließend in der Fastenzeit umso mehr in die Tiefe gehen und sich auf sein eigenes Wesen sowie seine Berufung konzentrieren zu können? Verzicht und Beschränkung sind in dieser vorösterlichen Zeit gewissermaßen die reinigende Glut, welche alles Unnötige wegbrennt und das Wesentliche, das Wichtige und Gute im Leben mit einem erneuerten Blick erkennen und mit befreiter Kraft auch leben lässt.

Feuer des Lebens

Drei Lichtgestalten bewegen sich, ja scheinen zu tanzen vor dem orangeroten Hintergrund. Ihre Körper sind von goldgelben Flammen umgeben, die sie brennen, glühen und wie Gold leuchten lassen. Dampfwölkchen deuten auf große Hitze und einen verzehrenden Verbrennungsvorgang hin. Dabei hebt sich die mittlere Gestalt durch eine größere Leuchtkraft und Unversehrtheit von den beiden vom Verfall Gezeichneten ab. Es scheinen auch seine Arme zu sein, welche wie ein Bildstrich die beiden ihm Zugewandten auch körperlich mit ihm verbinden. Erst durch seine horizontale Armstellung werden die auf Einzeltafeln dargestellten und dadurch voneinander getrennten Menschen miteinander verbunden zu einer Gemeinschaft.

Kopf-, Körper- und Beinhaltung deuten Zuneigung an, ein Miteinander. Es ist, also wolle der Künstler darauf hinweisen, dass sich menschliches Leben ganz für sich allein nicht entfalten kann, dass es auf Zusammenhalt, -arbeit und -leben angelegt ist.

Wie bereits erwähnt, steht der junge Mann in der Mitte als der Verbindende und Haltgebende in dieser Trias. Intensiv schaut er auf den Mann zu seiner Rechten, dessen Gesichtszüge ein fortgeschrittenes Alter verraten und dessen Glieder starke Spuren der Zersetzung aufweisen. Lange wird er nicht mehr stehen können. Von der Frau auf seiner Linken kann schwer etwas gesagt werden. Ihr Gesicht erscheint verhüllt, ihr Körper durch die zusammenhängenden Flächen jugendlicher. Von ihrer Haltung her steht sie im Einklang mit dem jungen Mann in der Mitte – beide Körper sind gleich gebogen, beide Köpfe gleich geneigt.

Vom Bildaufbau her den „Drei Grazien“ von Raffael (1504/05) nahestehend, lenkt der Künstler den Blick durch die Verfremdung und vor allem durch die Darstellung der einzelnen Personen über das Bekannte hinweg. Insbesondere die zentrale Gestalt lässt aufgrund der von gotischen Kreuzen her bekannten gebogene Körperhaltung und den Wundmalen an den Gekreuzigten denken. Ohne Kreuz und nicht erhöht – auf gleicher Ebene – schafft er als vom Licht Verwandelter und Auferstandener mit seinen ausgebreiteten Armen eine partnerschaftliche Verbundenheit, bei der die ihm zur Seite gegebenen Menschen gleichsam seine „Hände“ werden. Er lässt sie teilhaben an dem Licht und der Energie, die ihn durchströmen …

… damit auch sie immer mehr in das hineinverwandelt werden, was Jesus von Ewigkeit her ist und wofür er gestorben ist. Stellvertretend stehen sie für die ganze Menschheit. Wir alle sollen, von Jesu leidenschaftlichem Zeugnis angesteckt, immer mehr zu Söhnen und Töchtern Gottes werden, von materiell Verhafteten zu geistigen Menschen, die Jesu „Feuer“, seine Wahrheit und Liebe, durch unser Leben lichtvoll, verwandelnd und erneuernd in die Welt hineintragen. Jesus selbst wird uns dabei Mitte, Halt und feurig pulsierende Quelle sein.

Glühendes Zeugnis

Ein Dutzend feuerrote Glasröhren verstellt den Blick nach draußen. In den unterschiedlich langen, handgeformten Zylindern begegnet uns ein Kunstwerk, das schwer einzuordnen ist. So sehr es wie ein Glasbild wirkt, das nur einen Teil der Fensterfläche beansprucht, ist es durch seine räumliche Tiefe als eine Skulptur anzusehen, die seitlich von zwei flachen, vergoldeten und mit feinen Farbspuren verzierten Glasstreifen begrenzt wird.

Im Übergangsbereich von innen nach draußen platziert, wird der Blick an dem Ort auf eine Wirklichkeit gelenkt, wo wir sonst völlige Klarsicht wertschätzen. Durch die Skulptur wird eine Realität sichtbar gemacht, die wir sonst kaum wahrnehmen, die aber sowohl das Innen mit dem Außen als auch durch seine vertikale Anordnung das Unten mit dem Oben verbindet. So sehr diese sichtbar gemachte Wirklichkeit als Wand erscheint, die in unterschiedlicher Höhe und im oberen Bereich mit größeren Abständen angeordneten Glaszylinder verleihen dem Kunstwerk eine dynamische, nach oben strebende Lebendigkeit.

Die leuchtende Farbe, die Transparenz des Glases, die leicht bewegten Formen und vor allem das je nach Tageszeit und Wetter wechselnde Licht tragen dazu bei, dass sich die Skulptur ständig verändert, in immer neuem Licht sich zu bewegen scheint. Die unterschiedlich intensiv leuchtenden Röhren erinnern an ein Feuer mit hoch auflodernden Flammen und an die große Hitze, welche die vom Feuer erfassten Gegenstände durchglüht. Wie bei einem Kamin- oder Lagerfeuer wird so ein angenehmes Licht und eine wohltuende Wärme im Raum erzeugt.

Mit diesem stilisierten Feuer will die Künstlerin in erster Linie dem hl. Forian eine Referenz erweisen, der als Beschützer vor dem Feuer verehrt wird und dem diese Kirche geweiht ist, in der sich die Skulptur befindet. Die vergoldeten Seitenbegrenzungen könnten darauf hinweisen, dass Gott, auf die Fürbitte des Heiligen hin, dem sich leicht ausbreitenden und schwer zu kontrollierenden Feuer Einhalt gebietet, Grenzen setzt.

Die Skulptur vermag aber auch in offener Form auf die Gestalt des Heiligen selbst hinzuweisen. Könnten die feurig roten Glasröhren nicht ein abstraktes Bild für ihn sein, das etwas von seiner inneren Haltung weitergeben kann? Erzählt es nicht von einem Menschen, der vom göttlichen Licht derart durchdrungen und beseelt wird, dass sein ganzes Wesen zu glühen oder zu brennen scheint? Legt es nicht Zeugnis von der Glaubenskraft eines Menschen ab, der, wie es die Seitenbänder andeuten, von Gott auch seitlich gehalten und gestützt, ganz transparent auf den ihn Erfüllenden hin geworden ist?

Begeisterung wird da spürbar, vom Heiligen Geist erfülltes Leben. Erinnerungen an die Erzählungen vom Pfingstfest in Jerusalem werden geweckt. – Wünschen wir nicht jedem auf den dreieinigen Gott getauften Menschen diese Gnade?

Glauben

Geheimnisvoll verbirgt und offenbart diese mehrteilige Arbeit Wesentliches des christlichen Glaubens. Die Heiligkeit des einen dreieinigen Gottes ist aus der Anordnung und Farbgebung der einzelnen Teile herauszuspüren.

In ehrfurchtsvoller Distanz, fernab von allen an Menschen und die Schöpfung erinnernden Symbolen „schwebt“ zentral auf einem blauen Grund ein goldener Ring: Symbol für den einen ewigen Gott, seine Herrlichkeit, seine Liebe, seinen Bund mit den Menschen. Dieses Mittelfeld lebt durch die diagonale Schattierung, die an einen Nachthimmel denken lässt. So unbegreifbar Gott auch ist, dem Gläubigen offenbart er sich als naher Gott – und nicht nur in dunklen Zeiten – als sinnstiftendes und Orientierung gebendes Licht (vgl. Ps 23; Joh 8,12 u.a.).

Die Seitenflügel sind symmetrisch aufgebaut. Das untere Drittel bedecken abstrakte Formen, die mit pastoser Farbe aufgetragen worden sind. Sie vermitteln Chaos, Unruhe und geschäftiges Treiben und verweisen damit auf das vielgestaltige Leben auf der Erde. Über diesen bunten Andeutungen sehen wir eine feurig rote, ruhigere Fläche mit symbolischen Hinweisen.

Links ist eine Schale zu erkennen, in der ein Feuer brennt. „IGNIS – Feuer“ steht seitenverkehrt daneben, wie von hinten auf die Leinwand geschrieben. Darf es als Feuer des Glaubens gelesen werden, als Zeichen für den Glauben, der von den Gläubigen im Credo gemeinsam bezeugt und gleichsam über ihren Köpfen hoch und heilig gehalten wird?

Daneben ein Hinweis auf Lukas 10,22 oder / und 23: „… niemand weiß, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand weiß, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.’ Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: ‚Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht. Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.’“ Die torähnliche Form ∏ darüber mag Jesu Wort in Erinnerung rufen, das er über sich gesagt hat: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden … und Weide finden.“ (Joh 10,9)

Unser Glaube basiert auf der Offenbarung durch Jesus Christus, der durch den Heiligen Geist Mensch geworden ist. Die Menschwerdung hat der Künstler auf dem rechten Seitenflügel in einem rosafarbenen „Lichtstrahl“ dargestellt, der nach unten immer stärker wird. In der oberen Hälfte wird er kaum wahrnehmbar durch einen schwachen Schriftzug gekreuzt und dadurch zum Kreuz. INCARNATUS ist von rechts nach links zu entziffern. Nur weil Gottes Sohn Mensch wurde und sich als solcher offenbarte, konnte er Anstoß erregen und gekreuzigt werden. Daran erinnern auch die beiden als Pendant zum Torbogen auf der linken Seiten stehenden Nägel.

Im Unterbau dieses „Flügelaltars“ verweisen sieben Fackeln auf die sieben goldenen Leuchter, die der Seher Johannes als Symbole für den Glauben der sieben Gemeinden in der heutigen Westtürkei sah (Offb 1,12 sowie die ermahnenden Worte an die Gemeinden in den Kapiteln 2-3). Sie brennen wie Kerzen vor dem Allerheiligsten – Seine einzigartige und heilige Gegenwart bezeugend. Diese Tafel ist vom Wort „EST – ist/sein“ geprägt. Es kann in Verbindung mit dem obigen INCARNATUS als INCARNATUS EST gelesen werden, betonend, dass er durch den Heiligen Geist in Maria Fleisch angenommen und Mensch geworden ist (Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et homo factus est).

Dieses EST kann aber ebenso auf uns und unseren Glauben bezogen werden. Erst wo der Glaube in uns Gestalt annimmt, Christus durch den Heiligen Geist in UNS Fleisch angenommen hat (Gal 2,20) und wir durch die lebendige Gottesbeziehung wahrhaftig Menschen geworden sind, gelangen wir doch zum wirklichen Sein und Leben. Die vielen X in den bunten Formen der Seitenflügel könnten ebenfalls dies bedeuten: Christi Menschwerdung vollendet sich dort, wo Menschen den christlichen Glauben annehmen und sich auf den einen dreifaltigen Gott taufen lassen. Christi Menschwerdung vollendet sich dort, wo Menschen aus dem Glauben heraus und in der Kraft des Heiligen Geistes wie Jesus Christus leben und handeln.

 > geschlossener Zustand

Den ganzen 5-teiligen Missa-Zyklus finden Sie im 57-seitigen Buch „Missa“ von Uwe Appold abgebildet (Juli 2005, ISBN 3761619731, Euro 15,-).

Vertrauen – Verwandlung

Die Thematik dieses Bildes ist mit den römischen Schriftzeichen LK XXIII, XLVI und den großen Buchstaben PATER, IN MANUS TUAS eigentlich klar auf die Leinwand geschrieben. Sie verweisen auf die letzten Worte Jesu im Lukasevangelium: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46).

Doch weder ein Kreuz noch ein Gekreuzigter sind zu sehen. Stattdessen eine lichtvolle Erscheinung, die aus einer rechteckigen Form in einen wie von Flammen erfüllten Himmel aufzusteigen scheint. Ebenso erregen eine gelbe Senkrechte im unteren Bereich, ein roter Balken am oberen Bildrand, zwei gemalte Nägel, zwei spiegelverkehrt geschriebene Worte sowie zwei am rechten Bildrand gezeichnete Kreuze die Aufmerksamkeit. Die verschiedenen Zeichen sind in eine fast rechteckige Form eingebettet, deren Seiten im oberen Teil leicht hervorstehen und dadurch ein T-förmiges Kreuz andeuten. Es geht also wohl um die Kreuzigung.

Erinnert die fleischfarbene pastose Form rechts unten nicht an einen menschlichen Körper, der durch einen roten Punkt als Verwundeter gekennzeichnet ist? Die violette Farbe lässt noch das Leiden spüren, dem er ausgesetzt ist. Aber seine Form lässt an einen Baumstumpf denken, dem Zeugen und Überbleibsel eines einst mächtigen Baumes. Alles Leben ist aus ihm gewichen, so scheint es. Doch in Anlehnung an das Heilswort von Jesaja 11,1 wächst zärtlich etwas Neues, etwas wie ein Trieb oder auch ein Gebäude aus diesem Baumstumpf hervor. Dieses nur bei genauem Hinschauen Sichtbare ist von einer wunderbaren Lichterscheinung umgeben und in eine nochmals neue Gestalt überführt. Eine Andeutung auf die Kirche, die aus ihm entstanden ist?

Es ist, als würde der Körper den Worten folgen, die Jesus voll Vertrauen am Kreuz gebetet hat und die sich bereits im feurigen Rot des Himmels verlieren. Die väterliche Liebe ist der Halt, an dem sich Jesus festhält. Dafür könnte der rote Balken stehen, der das Bild am oberen Bildrand horizontal durchquert. Unmittelbar darunter steht mit PATER, IN MANUS TUAS der Anfang der letzten Worte, die Jesus aus der größten menschlichen Tiefe gleich einem Rettungsanker betend zu seinem Vater im Himmel hinaufgeworfen hat: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Das Vertrauen erschließt sich aus dem zweiten Teil dieses Psalmverses (31,6), in dem es heißt: „… du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ Der lanzenförmige Lichtstrahl, der nach unten immer stärker wird, mag die erlösende Gnade Gottes darstellen, assoziiert aber auch einen leuchtenden Hirtenstab, der dem gegeben wird, der durch die dunkle und verlassene Schlucht gehen muss: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps 23,4) Oder leuchtet in dieser gelben Linie gar als Zeichen des Sieges das verherrlichte Kreuz auf, dessen Querbalken mehr erahnbar als sichtbar ist?

Auch die zwei rostigen Nägel, die zur Hälfte über einem Kreis liegen und sich durch ihren Schatten geheimnisvoll von der Leinwand abheben, scheinen über die Kreuzigung hinausweisen zu wollen. Ihre leichte Krümmung lässt ein J und ein C in ihnen erkennen, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Oberhalb und unterhalb von ihnen sind ebenso mysteriös „tse“ und „mudrev“ der Leinwand eingeschrieben, was spiegelverkehrt als EST VERBUM lesbar ist. Diese Botschaft ist uns von der „anderen Seite“ gegeben und sichtbar gemacht worden. Jesus IST das WORT, das von Anfang an bei Gott war und in die Welt gekommen war, um allen Menschen Licht zu sein (Joh 1,2-3.9).

Auch wenn Jesus nach den letzten Worten den Geist ausgehaucht hatte, der ihm von Beginn seiner Menschwerdung und explizit bei seiner Taufe gegeben war (Lk 3,22), bleibt sein Wort bestehen. So luftig und transparent die Farben aufgetragen sind, so lebendig und feurig werden sie – wie er selbst gesagt hat – weiterwirken: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“ (Joh 5,24)

> weitere Informationen zum Zyklus “Sieben Kreuze zu den letzten Worten”

Lobpreisschale

Auf den ersten Blick ist nicht viel zu erkennen. Von der linken Seite her kommt eine geschwungene Form ins Bild hinein, welche die Senkrechten zu tragen scheint. Die warmen, diffusen Farben und die aufsteigenden Strukturen erinnern mich an ein Feuer.

Das Bild könnte tatsächlich ein Feuer darstellen, das in einer Schale brennt.

Ähnlich den Flammen steigen in mir Gedanken und Erinnerungen auf. Geläutert durch die zeitliche Distanz schwingt warmer Dank mit, Dankbarkeit gegenüber Dem, der mich all das erfahren und erleben ließ. Geheimnisvoll wie die klar definierte Senkrechte in der Mitte des Bildes steht Er in meinem Leben, zentriert und orientiert es. Wie der Docht in der Kerze steht Er in der Mitte meines Lebens und lässt es in der Dankbarkeit lichtvoll und schön werden.

Diese Dankbarkeit verwandelt meine Erinnerungen, ja mein ganzes Leben bis in die Gegenwart hinein in ein unaufhörliches Lobpreisgebet vor Gott. Wie wohlriechender Weihrauch steigt es vor Gott auf (vgl. Ps 141,2; Offb 8,4) und verherrlichlicht Den, der mir das Leben mit allem, was es beinhaltet, geschenkt hat.

Der Lobgesang der drei jungen Männer ertönt in mir, die von König Nebukadnezzar wegen ihres Glaubens an den einen Gott in einen glühenden Ofen geworfen wurden, dort aber durch einen Engel des Herrn so beschützt wurden, dass ihnen das Feuer nichts anhaben konnte. Ihr Lobpreis rühmt und preist Gott in seinem Wesen und Wirken und fordert die ganze Schöpfung auf, in diesen Lobpreis einzustimmen (vgl. Dan 3,51-90). Die Thematik vieler Psalmen wird hier aufgenommen (vgl. insbes. Ps 103-106), aber auch die feurige Dankbarkeit von Lobgesängen aus dem Neuen Testament. Als Beispiele seien nur das Magnifikat der Maria (Lk 1,46-55) und das Benedictus des Zacharias (Lk 1,68-79) erwähnt.

Aus der Gegenwart höre ich noch einen weiteren Lobpreis in mir. Einen, der bei der Jesus-Bruderschaft in Gnadenthal ein fester Bestandteil des Gebetes ist und so tönt:

„Dass Du mich einstimmen lässt in Deinen Jubel, o Herr,
deiner Engel und himmlischen Heere,
das erhebt meine Seele zu dir, o mein Gott;
großer König, Lob sei Dir und Ehre!“

Geist-Ausgießung

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle [Apostel] am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Das Geschenk des Heiligen Geistes drückte sich bei den Aposteln durch Reden in fremden Sprachen aus. In seinen 160 Blätter umfassenden „Bibelübermalungen“ bringt Arnulf Rainer das Pfingstereignis ganz anders zum Ausdruck: Er übermalte nicht wie bei den anderen Blättern Vorlagen aus der Kunstgeschichte, sondern brachte drei völlig eigenständige Bilder hervor. Es ist, als wollte er damit die besondere Kraft des Heiligen Geistes noch mehr hervorheben. Eines dieser Blätter sei hier vorgestellt.

Der Ausgangspunkt des Bildes ist am oberen Rand. Alle Linien und Farben brechen dort mit konzentrierter Urgewalt hervor, um sich dann orkanartig und wie vor Lebensfülle wellenförmig hin- und herwindend auf die Erde zu ergießen. Der überirdische Strom erinnert mich an die Verheißung des Propheten Joel, dass Gott am Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes „wunderbare Zeichen wirken [wird] am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen“ (3,3).

Für den Propheten sind diese Zeichen wunderbar, weil sie Befreiung bedeuten. Rot verweist einerseits auf das Blut Christi, durch das er uns von unseren Sünden erlöst (Offb 1,5) und für Gott erkauft hat (5,9). Andererseits weisen Rot und Gelb auf die feurige Kraft des Heiligen Geistes hin. Gottes Geist ist Wärme und Licht, der die Wahrheit an den Tag bringen wird (vgl. Jes 32,15-17; Joh 16,13), er ist die in unsere Herzen ausgegossene Liebe Gottes (Röm 5,5b), in der er uns belebend durchglüht und zu gutem Denken und Tun anfeuert und begeistert.

Links und rechts ist dieser stürmische Flammenregen von sanften Farbtönen begleitet, die diesem Bogen etwas friedvolles geben. Parallelen zum Regenbogen tauchen auf, den Gott als Zeichen des Bundes „in die Wolken“ gesetzt hat (vgl. Gen 9,8-17). Brach nicht mit Pfingsten ähnlich wie nach der Sintflut etwas ganz Neues an? Gott schenkte allen Menschen seinen Heiligen Geist! Nicht nur denen, die im Hauptstrom stehen, nein, auch denen im Abseits, wie mir das Bild tröstlich zu verstehen gibt.

Das Bild weckt in mir die Sehnsucht, mich unter diesen pfingstlichen Gnadenstrom zu stellen und mich wieder neu von Gottes Liebe, Licht, Gerechtigkeit und Frieden durchströmen und erfüllen zu lassen – um ganz Mensch zu werden, Mensch nach seinem Abbild (Gen 1,27)!

Der brennende Dornbusch

Wie Moses vom brennenden Dornbusch fasziniert war und sich ihm näherte, so fordert diese außergewöhnliche Gotteserscheinung immer wieder neu Künstler zu ihrer Darstellung heraus. Auf seine ihm eigene Weise hat sich ihr Helmut Kästl zugewandt. Da ist kein loderndes Feuer zu sehen und der Dornbusch lässt sich aus den wenigen dürren Zweigen mehr erahnen als sehen. Dafür steht eine feuerrote Scheibe im Vordergrund, gleichsam auf einer Bühne, wo gerade die Vorhänge für den Beginn der Aufführung zurückgezogen werden.

Ein starker Auftritt wird da dem interessierten Betrachter offenbart, der sich wie Moses diesem Dornbusch nähert. Gott erscheint einem Menschen mitten im Leben, als er gerade in der Steppe seine Schafe hütet. Weil es wesentlich um die Gotteserscheinung geht, hat der Künstler den Dornbusch in eine feurig rote Kreisform gestellt, dem Symbol für die Unendlichkeit und Fülle Gottes. Der bewegte Pinselstrich lässt mich die Glut der göttlichen Liebe spüren – und ihre Anziehungskraft. In ihrem Schein errötet die Erde, nimmt sie die Farbe desjenigen an, der „da ist“ (Ex 3,14), mitten unter uns gegenwärtig. In der gleichen Farbe leuchtet der Himmel, der die Dreifaltigkeit symbolisierend in drei waagrechte Schichten mit angedeuteter Mitte aufgeteilt ist. Und in gleicher Weise will das göttliche Licht auch uns erleuchten.

Die Begegnung mit diesem Bild will uns nicht indifferent lassen. In dieser Darstellung öffnet sich Gott uns, von leidenschaftlicher Liebe erfüllt. Wie damals liebt Gott sein Volk und hört er, wie die Menschen um Hilfe schreien. Ich kenne sein Leid. Ich bin herabgestiegen, um es der Hand der Ägypter zu entreissen …“ (3,7c-8a)

Das Bild kann uns sagen, dass Gott zu uns Menschen gekommen ist, um uns wie Moses in seine Nähe zu rufen und uns eine ganz persönliche Aufgabe anzuvertrauen zur Linderung der vielen Leiden und Unfreiheiten. Voraussetzung ist eine gegenbildliche Offenheit zur Offenheit Gottes, die ein Hören mit dem Herzen ermöglicht. Vielleicht geht es uns dann ähnlich wie Moses und wenden ein: Ich? Wer bin ich denn! Wie kann ich das machen? Doch Gott wird auch uns antworten: „Ich bin mit dir.“ (3,12)

Könnte nicht die feuerrote Scheibe mit dem Dornbusch darin als Bild dafür stehen?

Sind wir nicht wie der vergängliche Dornbusch, der von Gottes liebender Gegenwart umgeben und getragen wird, ohne uns zu verzehren?