durch seine Wunden sind wir geheilt

Die Installation zeigt eine kniende, betende Jesusfigur vor sieben modernen Bildern mit Körperteilen von Kopf bis Fuß. Jesus ist allein im Raum. Seine Verlassenheit erinnert an sein einsames Gebet auf dem Ölberg vor seinem Leidensweg. Die Skulptur von Franz-Xaver Reich aus dem 19. Jahrhundert und die Bilder von Nikolaus Mohr aus dem 21. Jahrhundert verdeutlichen nicht nur einen Bruch zwischen den Zeiten, sondern auch Jesu Blick in die Zukunft. Von Traurigkeit und Angst ergriffen schaut er das Leiden, das ihm bevorsteht und weshalb er den Vater bittet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ (Mt 26,39)

Die expressiv-modernen Bilder mit den deformierten Körperteilen visualisieren in Ausschnitten – weil im Ganzen unfassbar – die Brutalität und Rohheit menschlicher Gewalt bei den Tätern und die unerträglichen Qualen und Schmerzen bei den Opfern. Jesus betrachtet sein bevorstehendes Leiden und gleichzeitig das Leiden aller Menschen, die wie er durch das Leiden bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden sind und so Unmenschliches durchmachen mussten: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten“, heißt es bei Jesaja 53,2-3. „ Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.  Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.“ Doch durch Jesus wird deutlich, dass Gott nicht wegschaut. In Jesus ist Gott da. Er sieht die Not und betet für die Misshandelten (weitere Ansicht).

Gott hat unablässig unser Leiden und das Leiden Jesu vor Augen. Gott lässt niemanden allein. Er geht auch unseren Leidensweg in Jesus mit. Ja, Gott geht noch weiter: Er sucht die Erlösung von allem Bösen, die Heilung unserer Wunden. Dafür hat Jesus „unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm,  durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5)

Deshalb werden seit dem Mittelalter seine Wundmale meditiert und verehrt: Sein von der Dornenkrone zerkratzter und blutender Kopf, seine von Nägeln durchbohrten Hände und Füße, die vom dreimaligen Fall unter der Last des Kreuzes zerschundenen Knie, die mit der Lanze geöffnete Seite und das durchbohrte Herz, aus denen Blut und Wasser floss, als auch die Seitenwunde, in die der ungläubige Thomas seine Hand hineinlegte und zum Glauben kam.

Die Installation ist eine Aufforderung mit Jesus innezuhalten und zu beten. Aktuell insbesondere für die Kriegsopfer in der Ukraine, aber weiterhin für alle Leidtragenden durch Krankheit, Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit in der ganzen Welt. So wie Jesus sich nach dem betrachtenden Gebet in das Leiden hineingab, so sollen auch wir nach der “Rück- und Absprache mit Gott” unser eigenes Leid tapfer ertragen, aber auch uns unter die Leidenden begeben und ihnen bei der Heilung ihrer Wunden aller Art zur Seite stehen.

Die Installation ist bis zum 17. April 2022 im Stadtmuseum Hüfingen zu sehen.

Das Geheimnis verhüllt andeuten

Fastentücher verhüllen in den Kirchen von alters her die Hochaltäre und damit das Allerheiligste. Im übertragenen Sinn nehmen sie die Sicht auf Gott und machen den Gläubigen zunächst mal haltlos, weil ihm die vertrauten Anhaltspunkte und -bilder genommen worden sind. Damit wird der Gläubige wieder zu einem Suchenden. Zu einem Suchenden nach Anhaltspunkten und Zeichen der Gegenwart Gottes. Durch das Bilderfasten rückt das Gewohnte vorübergehend in den Hintergrund und macht den Blick frei für Neues, für noch nicht da Gewesenes, ja sogar nie da Gewesenes. So trägt das Verhüllen durch Tücher dazu bei, seinen Glauben zu prüfen und Gott als Suchender neu in seinem Leben zu entdecken und zu erfahren.

Das Fastentuch von Lisa Huber beeindruckt durch seine Größe und helle Erscheinung (Gesamtansicht im Dom Klagenfurt). In der Mitte sind in elf Dreierreihen 33 gleich große Rechtecke aufgenäht. Sie beinhalten grafische Zeichnungen, die sich durch ihre abstrakten Linien und Flächen zur freien Interpretation anbieten. Links und rechts werden sie von drei hochformatigen Stofffeldern flankiert, die in ihrer Liniensprache ebenso mehr andeuten als definieren. Und doch verweist das Feld oben links auf König David, der als Psalmendichter oft mit der Harfe dargestellt wird. Unten links wird Abraham als der Stammvater der drei monotheistischen Religionen gezeigt, wie er sich über seinen liegenden Sohn Isaak beugt und ihn Gott opfern will. Im rechten Feld weisen beschwingte Linien auf Jakobs Kampf mit dem Engel hin. Im singulären Rechteck unten rechts sind hingegen Zitate des ersten und letzten Verses von Psalm 90 in der Rosenberg-Buber-Übersetzung zu sehen: „Mein Herr, du bist, du Hag uns gewesen in Geschlecht um Geschlecht. Das Tun unsrer Hände richte auf über uns, das Tun unsrer Hände, richte es auf.“ Diese 37 Applikationen heben sich durch ihre weiße Farbe vom blau-grauen Hintergrund ab, auf dem sich breitere Linien in zartem Rosa abzeichnen. Zwischen den 33 Bildfeldern sind zudem waagrechte und senkrechte rote Fäden zu erkennen, die am unteren Ende auf dem Boden in zwei Häufchen auslaufen.

Mit diesen vielen Andeutungen wird dem gläubigen Betrachter ein Weg zu Gott angeboten, auf dem er immer wieder Neues über Gott entdecken kann. So lässt die Zahl der 33 zentralen Bildelemente an die vermutete Lebenszeit Jesu denken, gleichzeitig steht sie für Vollkommenheit, für die Fülle des Lebens. Die roten Fäden, die zwischen den Feldern hindurch zum Boden führen, wirken wie Blutgerinnsel und erinnern das am Kreuz vergossene Blut Jesu, das sich am Boden sammelt. Als drittes Element verweisen die rosafarbenen Linien, die im Hintergrund durchschimmern, auf Jesus und sagen mit dem Alpha und dem Omega, dass er der Anfang und die Vollendung alles Geschaffenen ist (vgl. Offb 21,6). Das Omega ist mit seinen Rundungen gut erkennbar, das Alpha ist schmaler geformt und im oberen Teil erhöht. Sie werden erst in der österlichen Zeit, wenn das Tuch gedreht wird, zusammen mit den herunterhängenden „Fäden des Lebens“ vollständig sichtbar werden. Auf dem blauen Stoff der Rückseite, der symbolisch das Wasser des Lebens, die Taufe und damit verbundenen Heilszusagen darstellt, bringen die Silberfäden die Anknüpfungspunkte und Verbindungen zum Alpha und Omega zum Ausdruck, die „Re-ligio“ der auf seinen Namen Getauften (Silberfäden).

Mit den Darstellungen zu Abraham, Jakob und David kommt weiter der gelebte Glauben von drei Persönlichkeiten des ersten Testaments zur Sprache. Sie erzählen vom Glauben an die Führung Gottes, vom handfesten Kampf mit Gott und seinen Folgen als auch von der Zwiesprache mit Gott in Psalmen und Gebeten. Die drei glaubensstarken Männer lassen spüren, dass Gott nah ist und überraschend konkret erlebbar sein kann.

Die Darstellungen auf den 33 zentralen Feldern bilden dazu eine Art Kontrastprogramm, obwohl sie vom Psalm 90 inspiriert sind und auf ihn verweisen. In dem Mose zugeschriebenen Psalm bringt der Beter die Vergänglichkeit des Menschen vor Gott zur Sprache. Im ersten Teil macht er dies anklagend (V. 3-10), dann um Zuwendung, Huld und Gnade bittend (V. 13-17), damit wenigstens das Werk der Hände gedeihen möge. Doch die Darstellungen sind so abstrakt, dass sie sich dem Betrachter auf der Suche nach Gott fürs Erste rätselhaft und sperrig in den Weg stellen. Wohl mag man neben Davids Harfe eine Strichliste erkennen, die an das Zählen erinnert, vielleicht an die im Psalm 90 angesprochenen Lebensjahre . Alle anderen Felder erfordern jedoch einen persönlichen Zugang, der durch Parallelen zu Erlebnissen im eigenen Leben entsteht. Durch die leeren Felder mag man so auf Zeiten der Leere oder von Abwesenheiten stoßen. Die verschiedenen Zeichen dagegen können wie verdichtete Sinnbilder Situationen aus unserem Leben in Erinnerung rufen und sie vor Gott bringen. Gegebenheiten und Erlebnisse, die wir in ihrer Komplexität an Eindrücken und Gefühlen vielleicht selbst nicht richtig in Worte zu fassen vermögen.

So lädt das Fastentuch zum Verweilen vor Gott und zum Darbringen unseres eigenen Lebens ein. Inmitten des Betens und Glaubens großer Vorbilder lädt es zur geistigen Schau des Lebens Jesu als auch des eigenen Lebens ein, um in den rätselhaften Erinnerungsfragmenten die geheimnisvolle Gegenwart Gottes und die Fülle seiner Liebe zu entdecken.

erwartende Hände

Ein Händepaar schwebt hell im fast schwarzen Hintergrund. Wie aus dem Nichts kommen die beiden Hände aus der Dunkelheit heraus, wunderbar inszeniert durch die Unschärfe im hinteren Bereich. Bis nach vorne zu den Fingerspitzen wandeln sie sich zu einer Schärfe und Klarheit, die alle Details der Fingerspitzen sichtbar werden lassen. So vermitteln sie den Eindruck, aus dem Bild herauszuragen und laden ein, von uns ergriffen zu werden. Dies im doppelten Wortsinn: Ergriffen von anderen Händen, um deren Nähe zu spüren oder geführt zu werden. Ergriffen aber auch im Sinne von Tief-berührt-Werden.

Von der Person selbst sind nur schwache Aufhellungen wahrzunehmen. Die raue Haut und die Beschaffenheit der Fingernägel lassen aber jemanden vermuten, der mit seinen Händen handwerklich viel gearbeitet hat. Die Person scheint zu sitzen und die Hände auf ihre Knie gelegt zu haben. Die Hände sind ganz natürlich zu Schalen geformt und einander leicht zugeneigt. Ohne den Menschen zu sehen, dem sie gehören, strahlen sie etwas Bittendes und Erwartendes aus.

Doch die beiden Hände sind nicht als eine Schale geformt, wie man sie bei Menschen antrifft, die um eine Ware oder um Geld bitten. Wer die Hände so ausstrecken kann – nebeneinander und die Handflächen nach oben – der sucht und bittet um etwas anderes. Angstfrei und loslassend hat er sich von innen nach außen geöffnet, sei es aus Sehnsucht, sei es aus einer reifen inneren Haltung heraus, die in Kommunikation zum Gegenüber geht und sich selbst geben, sich selbst hingeben will.

Die Hände strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Sie sind Symbol vom stillen erwartenden Warten, von der Sehnsucht und der Hoffnung des Menschen, von lichter Gnade und erfüllendem Glück beschenkt zu werden. Von all dem, was wir selbst nicht machen können. Und nicht nur die Hände sollen gefüllt werden, der ganze Mensch soll erfüllt und durch die Gaben des göttlichen Du‘s vollendet werden.

Die offenen Hände eines Menschen … Aber was wäre, wenn sie die offenen, erwartenden Hände Gottes darstellten? Seine Hände, die sich aus der das Geheimnis seiner Person wahrenden Dunkelheit heraus uns entgegenstrecken und einfach darauf warten, von uns vertrauensvoll ergriffen zu werden, um Halt und Sicherheit zu geben?

Die Fotokünstlerin Valérie WagnerIn setzt sich in ihrem neuen Fotoprojekt OHNE WORTE mit ritualisierten Gesten und Ausdrucksformen von Glauben auseinander. Ihr Fokus liegt auf den Händen, ihren Handlungen und Haltungen. Die Schwarzweiß-Aufnahmen entstanden in einer Studiosituation, so dass den Handlungen der liturgische Kontext genommen wird. Diese visuelle und inhaltliche Freistellung ermöglicht einen neuen Blick auf Gewohntes und Tradiertes und schafft Freiraum für die Frage nach der inhaltlichen Dimension von Ritualen und ihre Bedeutung für das Individuum.

Zur Ausstellung OHNE WORTE ist ein 84-seitiger Katalog mit 32 s/w Fotografien erschienen. Hrsg. Valérie Wagner, Erzbistum Hamburg, Hamburg 2015, 19,95 €, ISBN: 978-3-00-049376-8

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Hilferuf in der Verstrickung

Eine menschliche Figur liegt im Vordergrund, den Blick und den linken Arm nach oben richtend (Totalansicht). Sie ist in seilartige Fäden eingewickelt, verstrickt in einer langen Schnur, die gewunden von einem übergroßen Garnknäuel zu ihr führt. Dieses Seil scheint ihre Freiheit nach und nach eingeschränkt, dann gefesselt und schließlich zu Fall gebracht zu haben. Nun wirkt es, als sei es der Person gerade noch gelungen, den linken Arm zu befreien, um Hilfe vom Himmel zu erflehen.

Bei der Frage nach der Person geben einerseits die Wundmale an Händen und Füßen als auch die Körperhaltung den Hinweis, dass es sich um Jesus handelt, dessen Körper aus einer Kreuzigungsdarstellung (Detailbild) ausgeschnitten und um 90° nach links gedreht aufgeklebt wurde. In liegender Position und umwickelt von dem seilartigen Garn, wirkt sein Körper gefangen und gestrauchelt, aber lebend.

Hinter ihm stehen sich zwei runde Formen gegenüber. Links von seinem Arm befindet sich eine rote Schüssel mit einem Tuch. Es hängt so über den Schüsselrand, dass sein rechter Zipfel nach rechts weist und dort in leicht aufsteigender Linie über die Schnur zum Fadenknäuel führt. Jesu Arm geht mittendurch, gleichsam Freiraum ringend.

In der Grauzeichnung mutet Jesus wie ein Sterbender aus einem antiken Theater an. Dramatisch liegt er darnieder, Kopf und Arm zu einem letzten Hilfeschrei erhoben. Seine Verfolger haben ihn zu Fall gebracht mit all den Fäden, die sie gegen ihn gesponnen haben (vgl. Mt 26,4). Endlich haben sie den unbequemen Störenfried in ihre Gewalt gebracht, bald wird er nicht mehr gegen sie und ihre Verhaltensvorstellungen reden können.

Offensichtlich ein Sieg. Aber die Verbindung zu der durch den Wollknäuel symbolisierten Personengruppe ist nicht gekappt. Auch wenn sie es nicht wollen, werden sie mit ihm verbunden bleiben, ob sie nun aktiv seinen Tod gefordert oder sich wie Pilatus der Verantwortung entziehend die Hände in Unschuld gewaschen haben (Mt 27,14). Die rote Schüssel mit dem Tuch kann in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie verweist aber genauso auf die Fußwaschung vor dem letzten Abendmahl (Joh 13,1-20; vgl. Lk 24,26f), mit der Jesus seinen Jüngern nochmals den Unterschied zwischen Dienen und Herrschen eindrücklich vorgelebt und ersteres als richtungsweisendes Beispiel gegeben hat.

Schließlich soll noch die auffallende rote Farbe der Waschschüssel auf ihre Bedeutung befragt werden. Unwillkürlich lässt sie an das Blut denken, das bei Jesu Folterung und Kreuzigung geflossen ist. Doch in der Chronologie des Geschehens kann sie bei der Fußwaschung zuerst als Zeichen der Liebe, der ganzheitlichen Zuwendung und Hingabe gedeutet werden (Joh, 13,1). Erst mit dem Gebet in Getsemane, bei dem sein Schweiß aus Angst wie Blut zur Erde tropfte (Lk 22,44), erhält die rote Farbe die Bedeutung des Blutes. Und was in Getsemane tropfenförmig seinen Anfang nahm, wird am Kreuz durch den Lanzenstich des Soldaten als Blut und Wasser aus seiner Brust herausfließen (Joh 19,34).

Viele Aspekt der Arbeit verweist so auf die Zeit des Leidens und Sterbens Jesus. Aber ob man das Kunstwerkt ohne die Titelangabe mit Getsemane in Verbindung bringen würde? Jesus ist allein dargestellt, ohne die Jünger. Aber fühlte er sich neben den schlafenden Jüngern nicht auch allein? Auch ist Jesus weder in einem Garten noch in einer traditionellen Gebetshaltung dargestellt. Aber könnte das handgeschöpfte Papier mit seiner faserigen Struktur und dem natürlichen Büttenrand symbolisch nicht für den Garten stehen, der erhobene Kopf, die ausgestreckte Hand für sein Gebet? In dieser freien Leseweise von Jesu Gebet auf dem Ölberg könnten denn die folgenden Psalmverse auch Teil des Gebetes Jesu gewesen sein:

Mich umfingen die Fesseln des Todes
mich erschreckten die Fluten des Verderbens.
In meiner Not rief ich zum Herrn
und schrie zu meinem Gott.
Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.
Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich,
denn er hatte an mir Gefallen.
(Ps 18,5.7.17.20)

Vernagelte Schrift

Hinter einem „Gitter“ von geknickten Nägeln zeichnet sich eine graue Handschrift auf der hellen Leinwand ab. Von Hand geschriebene Sätze, denen die Zahlen 43 und 44 vorangestellt sind und weitere Zahlen und Buchstabenabkürzungen folgen, sind mit langen Nägeln zugenagelt worden.

Der Umstand, dass kein Nagel in die Schrift geschlagen, sondern stets daneben angesetzt wurde, zeugt von einem Respekt vor der Autorität dieses Wortes. Erst in einem zweiten Schritt wurden die Nägel kreuz und quer über den Text gebeugt, so dass alle zusammen eine harte Gegenschrift aus Metall bilden, die sich wie ein Maschenzaun über das geschriebene Wort legt. Meistens bilden zwei Nägel zusammen ein X, als wollten sie die lebendige Schrift durchstreichen, unkenntlich machen, damit ihr Inhalt nicht wie ein Virus in die Köpfe und Herzen der Betrachter hinüberspringt.

Was steht denn geschrieben, dass die Worte auf so wenig Gegenliebe stoßen und versucht wird, sie zu beschmutzen – so könnten die schwarzen fleckenartigen Erscheinungen gelesen werden – oder sie sich wie durch ein Gitter vom Leibe zu halten?

43 „Ihr habt gehört, daß gesagt ist, “Du sollst deinen Nächsten lieben” (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: “Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen” 2. Mose 23,4.5 ; Lk 6,27.28 . a Röm 12,14.20 b Lk 23.34; Mt 5,43; Apg 7,60

Dieser Satz stammt aus der Bergpredigt (Mt 5-7), wie er von Matthäus im 5. Kapitel seines Evangeliums überliefert wird. Jesus richtet die Worte an seine Jünger und alle, die sich um ihn versammelt hatten, um zu hören, weil er nicht wie einer ihrer Schriftgelehrten lehrte, sondern mit einer ungewöhnlichen Autorität. Aufbauend auf die herkömmliche Unterweisung lehrte er sie die neue Gerechtigkeit der Kinder Gottes, also eine neue, zum Teil bis dahin als unehrenhaft geltende Form des Zusammenlebens. In seinen Sätzen ist eine Sprengkraft, die für viele unbequem, herausfordernd, vielleicht sogar so überfordernd ist, dass sie sich wünschen, die Worte Jesu nie gehört zu haben.

Die guten Menschen lieben – ja! Aber diejenigen, die einem Böses wollen, das geht zu weit. Doch Jesus setzt noch eins oben drauf: Bittet auch für diese Menschen, die euch verfolgen! – Haben nicht gerade sie unser Gebet nötig, damit sie Einsicht und Kraft erhalten, von ihrem Tun zu lassen, umzukehren und gute Menschen zu werden?

Der Künstler hat die zwei Sätze mit Anführungs- und Schlusszeichen als direkte Rede hervorgehoben. Mit dem Du richtet sich Jesus zeitlos auch an uns als Betrachter: „DU sollst deinen Nächsten lieben“, „Liebt [ihr] eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“.

Der über diese Worte gebeugte Nagelteppich lässt die Gewalt der Hammer-Schläge und den Druck der Mächtigen spüren, mit dem sie Menschen bedrängen, belasten und in die Knie zwingen. Der von Jesus angesprochene Feind und die bedrängende Verfolgung kommen im Symbol der gekrümmten Nägeln auf einmal beängstigend nah und machen die Überwindung erfahrbar, die es braucht, den zu lieben und für den zu beten, der mir das Leben schwer macht.

Aufsteigende Gedanken – Gebet?

Eine unbegrenzte, graue Fläche bildet die Bühne für den Auftritt einer Vielzahl von Linien. Waagrecht und senkrecht gliedern sie das Hochformat. Übereinander gelagert erzählen sie die spannungsvolle Geschichte von Verwandlung und Aufstieg.

Auffallend sind die horizontalen Risse im grauen Grund, der an eine Felswand erinnern mag. Die Risse sind nicht durchgehend. Sie erscheinen wie Spannungsrisse, wie Bewegungen im Innern der Materie. In ihrem bewegten und individuellen Ausdruck können sie auch als Atemschlitze gesehen werden, durch die ein überlebenswichtiger Austausch mit der Außenwelt stattfindet. In ihrer Anordnung übereinander bilden sie schließlich eine Art Leiter, auf der es aufwärts geht.

Diese Aufwärtsbewegung wird durch lineare Zeichnungen unterschiedlicher Farben erzeugt. Dem dichten Schwarz ganz unten folgen mit zunehmender Höhe blasse Schriftzüge, dann tauchen erste nach oben zeigende Pfeile auf und es breitet sich ein dreiecksförmiger, nach oben spitz zulaufender „Teppich“ aus goldfarbenen Strichen aus. An seinem höchsten Punkt verdichtet er sich in seiner Struktur und zeigt – von einem geradezu leuchtenden Pfeil unterstützt – über sich und damit auch über den Rand des Bildes hinaus. Darüber – oder ist es mehr ein Dazwischen? – sind kurze hellgraue Striche auszumachen, die sich zu rätselhaften handschriftlichen Zeichen formen.

Die waagrechten Schrunden und die undurchschaubaren Strichzeichen stellen viele Fragen. Was ist jeweils ihre Bedeutung? In welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Was mag die Aussage des Farbwechsels sein? …

Die glatte Oberfläche erinnert neben dem Gestein auch an die Haut eines Körpers, die von Falten und Rissen, von Schnitten, Wunden und Narben gezeichnet ist. Sie haben Öffnungen entstehen lassen, die einen Austausch zwischen dem für uns sichtbaren Davor oder Äußeren und dem unsichtbaren Dahinter oder Inneren ermöglichen.

Die dunklen und immer heller und goldener werdenden Striche stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit diesen großen waagrechten Zeichen. Es ist, als würden sie aus den feinen Spalten herauskommen und an der Oberfläche entlang aufsteigen. Ist im Dunkeln noch das Schwere und Schmerzvolle zu spüren, beginnt der innere Ausdruck immer mehr zu atmen, scheint er von einer fremden Kraft erfasst gewandelt nach oben getragen zu werden.

So können die Zeichen für unser Gebet stehen, das aus wortlosen Tiefen unserer vielgestaltigen Erfahrungen aufsteigt. Schmerzen und Leiden, Freuden und Glück finden dann vielleicht in Gedanken und Worte, die ihnen verstandesmäßigen Ausdruck verleihen. Doch bleibt Platz für das schlichte Sehnen nach Hilfe und Heilung, nach einem Ausdruck der Dankbarkeit an einen gefühlten göttlichen Beistand.

Das Bild visualisiert damit einen wesentlichen Aspekt unseres urmenschlichen Mitteilungsbedürfnisses. Es stellt nicht unsere Verwandlung dar, sondern diejenige unserer Anliegen. Haben sie unten noch materielle Dichte und Schwere, werden die für sie stehenden Striche nach oben zunehmend heller und erhalten im Symbol des goldenen Dreiecks göttliche Unterstützung. Ist das nicht eine wunderbare Vision? Eine ermutigende Einladung, alles, was uns beschäftigt, aus uns herauszulassen, Gott mitzuteilen, zu ihm aufsteigen zu lassen? Dabei kann es geschehen, dass die Nähe der Transzendenz so spürbar, so erlebbar wird, dass alle Bitten und alle Worte verstummen. Auch das, oder gerade das, ist Beten und auch dahin weisen die goldenen Pfeile.

Strecken zum Licht

Ein alltäglicher Moment begegnet uns auf diesem Bild. Ein Mann streckt sich mit erhobenen Armen ganz weit nach hinten. Gerade scheint er die maximale Dehnung erreicht zu haben und in dieser Stellung zu verharren. Aus den geschlossenen Augen und dem nach hinten geneigten Kopf darf geschlossen werden, dass der Mann dieses Strecken mit jeder Faser seines Körpers genießt.

In Bezug auf den Raum oder die Zeit lässt der Bildausschnitt keine Aussage zu, wo sich dieser Mann oder in welcher Tages- oder Jahreszeit er sich befindet. Mit einem Unterhemd bekleidet, ist er einfach da, in der Bewegung seinen Körper erlebend und im Wechsel von Spannung und Entspannung ihm nachspürend. Gleichzeitig scheint er sich einem für uns unsichtbaren Licht zu öffnen, das von links her helle Stellen auf seiner gewölbten Brust und seinem Gesicht hinterlässt.

Auf der anderen Seite lässt sich hinter ihm ein dunkler Schatten an der Wand ausmachen, ein Schatten, bei dem nach einer gewissen Zeit die Form eines Kreuzes ersichtlich wird. In diesem Zusammenspiel von Vorder- und Hintergrund scheint sich der Mann an das Kreuz zu lehnen und aus der Dunkelheit dieses Kreuzes heraus das Licht in sich aufzunehmen. Ja, wie er mit ausgebreiteten Armen vor dem Schatten eines Kreuzes steht, weckt er Assoziationen an den Gekreuzigten, aber auch den sich im Morgengrauen Auferstandenen und nach dem Licht Ausstreckenden.

So lässt das Bild eine ganze Reihe von Ansichten und Interpretationen zu. Viele auf den ersten Blick unbedeutende Details lassen eine Motivtiefe entdecken, die weit über einen Mann beim Frühturnen oder bei der Morgengymnastik hinausgeht. In seinem Strecken und Dehnen ist genauso die Spannung des sich vom Schlaf erhebenden Körpers zu spüren wie jene des neuen Tages, dem er sich entgegen streckt und dessen Licht und Frische er tief in sich einzuatmen scheint. In beiden ist etwas von der Auferstehung spürbar, die wir im Glauben am Ende unserer Tage erwarten. Insofern ist dieses frühmorgendliche Strecken Gebet mit Leib und Seele, körperlicher Ausdruck einer Geisteshaltung, die sich ganz auf das Licht ausrichtet. Es ist ein Einüben auf das letzte große Aufstehen und Strecken, das Auferstehen zum ewigen Leben.

Ave Maria, virgo potens – ein Andachtsbild?

Anselm Kiefer liebt es, kurze, prägnante Worte in seine Arbeiten zu integrieren. Als Schrifthinweise deuten sie eine mögliche Interpretationsrichtung der verwendeten Materialien an, führen den Betrachter allerdings oft in ein Dilemma zwischen dem Bezeichneten und dem Dargestellten. Denn der Künstler spannt weite Bögen und verarbeitet existentielle Themen gerne in Verbindung mit gesellschaftspolitischen Ereignissen und unter Berücksichtigung ethischer Dimensionen. Insbesondere die Rückbesinnung auf die Vorgänge in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist ihm wichtig. So stellt sich auch hier die Frage, was Inhalt und Botschaft dieser Arbeit sein könnte.

Irdische Sehnsucht
Durch die Verwendung verschiedener, auch authentischer Materialien begegnet uns ein mehrschichtiges Bild, das allein durch seinen Aufbau Tiefe aufweist und den Betrachter einlädt, diese auszuloten. Wenngleich die graubraunen und rotfarbenen Farbtöne eine warme Atmosphäre schaffen, so ist das Bild doch von Durst und Sehnsucht nach Begegnung und Erfüllung geprägt.
Die Boden bildende Lehmschicht (Detailbild) erzählt selbstredend davon. Einst war sie durch das verbindende Wasser geschmeidig und fruchtbar, nun ist sie ausgetrocknet und von Rissen durchzogen ein Bild des Elends und der Machtlosigkeit. Noch künden die Rosen von der einstigen Kraft, Nährboden zu sein, aber die Erde ist zum wackeligen Halt für die ebenso trockenen Blumen verkommen. Noch ist das aufstrebende Element und die einstige Schönheit der Rosen spürbar. Die Liebeserklärung steht noch. Das Verlangen nach Licht, Wasser und Wärme bleibt bestehen, die Sehnsucht nach neuem Leben.

Göttliche Antwort
Als ein Gegenüber (Detailbild) hängen von oben herab weitere getrocknete Rosen ins Bild. Ein Spiegelbild? Oder steht hier etwas Kopf? Oder wird da eine Grenze angedeutet, die überwunden werden kann? Außer dem Bildrand haben diese Rosen keine wirkliche Basis. Allerdings bergen sie ein geheimnisvolles schwarzes Kreiselement mit einer dunklen Mitte. Im oberen Bereich des Bildes angeordnet, könnte es auf eine übergeordnete Unendlichkeit hinweisen. Gleichzeitig lässt es an ein Auge denken, das sich in der christlichen Bildtradition häufig als Symbol für Gott findet.
Durch die vertikale Gegenüberstellung stehen die beiden Rosengruppen in einem Dialog zueinander. Ein stummes Gespräch, bei dem die Bewegung der oberen Rosen auf die der unteren eine Antwort zu geben scheint. Eine Antwort, die direkt mit den von Hand in dieses Spannungsfeld geschriebenen Worten „Ave Maria, virgo potens“ zu tun haben muss.

Maria als Mittlerin
„Ave Maria“ – wer kennt nicht die lateinischen Anfangsworte des Engels bei der Ankündigung ihrer Erwählung zur Mutter Gottes und ihr schlichtes Ja auf das Unfassbare? Und da die Erde alles Leben hervorbringt, steht Maria als gesprungene Erde symbolisch für die Erwartung des Volkes Israels, dass ein starker Retter es von der römischen Besatzungsmacht befreien wird.
Unerwartet folgt nach dem „Ave Maria“ ein „virgo potens“ und nicht das „gratia plena“ aus dem „Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade“. Was wohl der Grund für diesen anderen Wortlaut sein mag und woher die Worte stammen mögen, die durchaus mit Maria und ihrem bedingungslosen Sich-zur-Verfügung-Stellen zu tun haben? Die Spur führt zur Lauretanischen Litanei mit dreiundfünfzig zum Teil sehr bildhaften und poetischen Anrufungen der Muttergottes, denen stets ein „bitte für uns!“ folgt. Dieses Gebet ist seit dem 16. Jahrhundert im Wallfahrtsort Loreto in Italien bezeugt und hat seither die Bitten vieler Menschen gebündelt. Unter den Anrufungen findet sich auch „virgo potens, ora pro nobis“ – „mächtige Jungfrau, bitte für uns!“ Maria und Macht? Geht das zusammen? Sie schreibt sich selbst keine Macht zu. Sie war gewissermaßen genauso ohnmächtig und kraftlos wie wir. Aber ihre Offenheit für den Anruf Gottes und ihr Einverständnis zu seinem Vorhaben müssen eine einzigartige Nähe geschaffen haben. Wer also Maria als „Virgo potens“ verehrt, der glaubt, dass seine Bitten durch ihre Mittlerschaft verstärkt an Jesus herangetragen und auf Grund ihrer Herzensnähe bevorzugt erhört werden. Die vielen Votivtafeln in den Wallfahrtsorten der Christenheit bezeugen dies.

Der leidtragende Mensch
Der Künstler zitiert mit diesen beiden Wortpaaren also den Anfang eines Gebetes. Da er weder ein „ora pro nobis“ noch eine Bitte hinzugefügt hat, muss das Bild selbst auf eine Bittstellung befragt werden. Hinter den Rosen zeichnet sich tatsächlich die halb verborgene Gestalt eines Mannes ab, von dem in Bildmitte der nach links blickende Kopf, rechts davon sein angewinkelter rechter Arm und darunter ein nackter Oberschenkel erkennbar sind. Er mutet wie ein Riese an, von Gestalt her mächtig genug, um sich helfen zu können. Es sieht so aus, als würde er tief im Dreck stecken, beladen mit einer Last, die dunkelgrau aus der Erde aufsteigt und sich über ihn legt. Ist nicht ein Auge und ein schelmisches Grinsen in diesem Schatten zu entdecken, der wie eine Schuld in unentwegtem Dialog mit dem Gewissen des leidtragenden Menschen bleibt? (Detailbild)
Nur eine machtvolle Hilfestellung kann seine Not wenden. Ob die mit Licht durchtränkten Grauschattierungen im Hintergrund dafür stehen könnten? Das rostbraune Dunkel verdrängend, kommen sie wie eine Wolke auf die menschliche Gestalt herunter und umgeben sie stärkend und erhellend. Als verbindendes Element könnte diese mächtige Helligkeit in aufsteigender Richtung als Maria gedeutet, herabkommend als göttliche Gnade oder Hilfe gesehen werden. Aber auch andere Deutungen des nicht unwesentlichen Geschehens im Hintergrund sind möglich.

In seiner Offenheit hat dieses Bild mit bekannten Andachtsbildern letztlich wenig zu tun. Dennoch greift es elementare menschliche Regungen auf, schafft Identifikationsmöglichkeiten und unaufdringliche Zugänge zu Gott. Anselm Kiefer hat mit dieser Arbeit bewusst oder unbewusst eine einladende Ermutigung geschaffen, dass im Gebet zu Maria und damit zu Gott eine gewaltige Kraft steckt. Also doch ein Andachtsbild?

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 4/2008 der Zeitschrift “das münster”, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Unser Vater

In intensiven Farben präsentiert sich uns ein altbekannter und vielen wahrscheinlich auch vertrauter Text: das Gebet zum Vater im Himmel, das Jesus seine Jüngern gelehrt hat. Mit diesen Worten wurde ein Bild gestaltet, das auf Illustration verzichtet, um “das Wort transparent werden zu lassen” (Samuel Buri). Mit graphischen Mitteln hat er die Bedeutung des Wortes hervorgehoben und den alten Worten durch die frischen Farben Fröhlichkeit und neue Aktualität verliehen. In dem Gebet ist Lebenskraft.

Durch die Schrifttypen und -größen lassen sich zwei Bildebenen unterscheiden. Auf der unteren befinden sich die drei Wörter “unser Vater” und “AMEN”, die durch ihre Größe visuell im Vordergrund stehen. “unser Vater” steht in himmelblauen Buchstaben oben. Bei betrachtendem Verweilen fällt erst die Mischung von Groß- und Kleinbuchstaben auf. “UnSer VaTer” steht da. Was das wohl zu bedeuten hat? Ist das kindlich-unbedacht so hingeschrieben? Oder dient es der graphischen Gestaltung? Oder können wir an ein Passwort aus der Computerwelt denken, das aus verschiedenerlei Zeichen zusammengesetzt den Zugang zu einem gewünschten Bereich öffnet? Wie dem auch sei, es ist jedenfalls keine steife, förmliche Anrede, die obenan steht, sondern eher eine vertraute. Von Natur aus schauen wir zum Vater auf. Seit Jesus dürfen wir Gott Vater nennen, ist Gott als Schöpfer unser aller Vater.

In großen Buchstaben steht “AMEN” in feurigem Orange unten an der Basis dieses Schriftbildes. Ein bekräftigendes Ja von uns Menschen, ja, so geschehe es und so sei es, was der Lesende in diesem Gebet bekennt. Durch viele Jahrhunderte hat sich dieser Akklamationsruf erhalten – einst das einzig aktive Mittun der Gemeinde – heute noch in den Gottesdiensten der Juden, Christen und Muslime beheimatet. Die freie Schreibweise dieser drei Wörter lassen sie in ihrem Auf und Ab geradezu melodiös klingen: fröhlich beschwingt oben, fest und feierlich unten. Zusammen mit dem mit luftigen Farbfeldern gestalteten Hintergrund vermitteln sie Lebendigkeit und Individualität. Das Herrengebet erscheint so als ein starkes und sehr persönliches Gebet.

Die obere Ebene ist im Unterschied zur unteren streng linear gestaltet. Auf dem freien Untergrund erscheint das in zwei Farbblöcke geteilte Rechteck mit den regelmäßigen Zeilen und der kleinen Schrift in ebenso regelmäßigen Großbuchstaben wie eine Bekanntmachung im öffentlichen Raum. Hier wurden Worte in einen festen Rahmen gebracht. Nüchtern, ohne Gewichtung, ohne Spielraum. Nur die Farben wechseln ab: blau, gelb, blau, gelb … wie die beiden Farbhälften, die dem Gebet, das aus unserem menschlichen Leben kommt – die vielen Horizontalen deuten dies an – eine klare vertikale Ausrichtung geben.

Die beiden Farben Blau und Gelb bilden auch die Farbe der Schrift. Die Buchstaben sind auf dem jeweiligen Hintergrund gut lesbar, weil die Schrift durch orangefarbene und dunkelblaue Balken hervorgehoben wird. Durch diese Farbsprache entsteht eine lebendige Beziehung zwischen dem himmlischen “unser Vater” und dem irdischen “Amen”, die das Gebet zu einer breiten Treppe zum gemeinsamen Vater werden lässt.

Die plakatähnliche Darstellung von Samuel Buri gibt sich als farbenfrohe Einladung an uns Betrachter, dieses Gebet Wort für Wort, Stufe um Stufe zu “beschreiten”, um so die Größe und die Tiefe dieses Gebetes zu erfahren – die befreiende und stärkende Kraft, die aus dem Vertrauen zum Vater im Himmel kommt.

Dieses Bild entstammt der Zürcher Bibel – Kunstbibel 2007. Einspaltige Ausgabe mit 25 Schriftbildern von Samuel Buri 2007, ca. 2000 Seiten, 14,2 x 22 cm, Hardcover, ISBN 978-3-85995-243-0, CHF 60,00 / EUR 38,00

Prospekt zur Zürcher Bibel 2007 mit allen Aquarellen von Samuel Buri

Warten auf Gott

Aus der Ferne erkennt man auf den ersten Blick nicht viel auf diesem dreiteiligen Bild. Feine horizontale Linien durchziehen fast die ganze Bildfläche des Triptychons. Nur oben ist ein schmaler Streifen leer geblieben. Durch diesen hohen „Horizont“ entsteht der Eindruck einer graphisch vereinfachten Landschaft, welche an die Weite des Meeres oder einer Ebene erinnert.

Minimale Unterschiede in Abstand, Linienführung und Farbe lassen aufmerken. Bereits aus dem Gesamteindruck ist die freie Hand der Künstlerin herauszuspüren, die bewusst ohne technische Hilfsmittel gearbeitet hat. Die hinterlassenen Linien haben auf der Leinwand eine sehr menschliche, von Unregelmäßigkeiten geprägte Spur hinterlassen.

Aus der Nähe offenbaren sich die horizontalen Linien als eine Aneinanderreihung von unermesslich vielen Schriftzeichen, die ohne Abstand, Punkt oder Komma aneinandergefügt worden sind. Um was für eine Sprache es sich wohl handelt? Was wurde hier niedergeschrieben und mit einem Schriftbild dokumentiert?

Auf den ersten Blick erhalten wir durch die gleiche Größe der Buchstaben und der vielen senkrechten Striche den Eindruck einer alten, uns fremden Schrift. Mit der Zeit können einzelne Buchstaben wie E, U, T und W entziffert werden, doch ein Wort- oder gar Satzzusammenhang versperrt sich dem Eiligen. Dieser Text scheint keinen Anfang und kein Ende zu haben und lässt uns als Betrachter kaum einen Zugang offen.

Dadurch passiert etwas mit uns. Die scheinbar unverständlichen Zeichen verlangsamen unser Lesetempo und machen uns zu Suchenden. Da sich der Schriftsinn nicht gleich erschließt, wird unsere Geduld auf die Probe gestellt. Dieses Ausharren macht uns zu Wartenden.

Dabei entdecken wir vielleicht, dass auch das Niederschreiben dieses Textes viel Zeit gebraucht hat. Die leere Fläche war noch zeitlos. Indem die Künstlerin aber in diese Fläche eine Abfolge von geordneten Zeichen setzte, hat sie ihr gleichzeitig die dafür notwendige Zeit eingeschrieben: Die verschiedenen Tageszeiten, die Zahl der dafür gebrauchten Stunden und Tage.

So nimmt uns die Künstlerin in eine ausdauernde Meditation des sechsten Verses aus dem Psalm 130 hinein: „Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen“.

Das Verweilen vor dem Triptychon beruhigt und lässt zudem still werden. Wer wartet, ist in Erwartung. Und wer jemanden erwartet, ist ein bis an die Wahrnehmungsgrenzen Horchender und Schauender, damit er kein Zeichen seiner Ankunft verpasst. Um so mehr, wenn es sich beim Kommenden um Gott handelt, von dem es im Psalm (V. 7b-8) weiter heißt: „Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden.“

Und die Vergebung durch Gott wird, wie es die Größe des Triptychons und der weite Horizont andeuten, unermesslich sein. „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, soweit die Wolken ziehen“, betet der Psalmist an einer anderen Stelle (Ps 36,6). – Wer möchte das verpassen?

Blick in den Himmel

Ein mit Licht erfüllter Kreis dominiert die Komposition dieses Aquarells. Er ist von einem schmalen grauen Ring eingefasst und zeigt sich wie eine Öffnung im blauen Hintergrund des Quadrates. Ein Blick in den Himmel? In seiner Mitte zwei schmale, aufgerichtete Rechtecke. Durch ihre organischen Ränder und die geneigten Formen erinnern sie auch ohne anatomische Details an Menschen, die sich nahe stehen, ja in ihrer Zuwendung einander zugeneigt sind.

Die größere Gestalt ist ganz im Rot des Blutes und des Lebens sowie der Liebe gehalten. Sie steht in sich selbst, kann sich der kleineren Gestalt zuneigen und ihr Halt geben. Denn diese schwach s-förmig geschwungene Figur besteht nur in der Anlehnung. Ihre grüne Farbe lässt an das Grün der Pflanzen und Bäume denken, die auf der Erde wachsen. Die wenigen Angaben genügen, um die beiden Rechtecke als Symbole für Gott und den Menschen deuten zu können – den Schöpfer des Lebens und der Liebe sowie sein aus Erde geschaffenes Abbild (Gen 1,27), das wie die Pflanzen wächst und vergeht (vgl. dazu Ps 90,5-6; 103,13-18).

Die beiden Gestalten erinnern in ihrer Beziehung an die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Nach der langen Zeit in der Ferne findet er bei seinem Vater jene Barmherzigkeit und Geborgenheit wieder, die seinem Leben Halt und Sinn gibt (Lk 15,11-32). Beeindruckend hat der Künstler die Herzlichkeit und Innigkeit der Begegnung durch das Überlappen und ineinander Verschränken der beiden Farben und Formen dargestellt. Der Sohn taucht tief in die Wirklichkeit Gottes ein und Gott schenkt ihm trotz allem erlittenen Schmerz seine ungeteilte Liebe. Gestalterisch bringt der Künstler dies durch das „Ausbluten“ der roten Farbe in den grün-gelben Bereich hinein zur Sprache.

Die Betrachtung der beiden im Licht stehenden Gestalten und der Bildgeschichte vom verlorenen Sohn können den Wunsch aufkommen lassen, von Gott so herzlich umarmt zu werden wie der zurückgekehrte Sohn. Die Sehnsucht wird geweckt, sich mit allen Unsicherheiten und Ängsten bei Ihm anzulehnen und Zuneigung und Halt zu finden. Diese Grundhaltung des Gläubigen wird dann im Gespräch mit Gott nicht mehr viele Worte brauchen. Das ganze Vertrauen und die wissende Nähe Gottes floss bei Jesus in die familiär-zärtliche Anrede „Abba – lieber Vater“ hinein (Mk 14,36). Und er empfahl seinen Zuhörern mit den einfachen, von herzlicher Nähe und Barmherzigkeit geprägten Worten des „Vater unsers“ zu beten: „Vater unser im Himmel, … Gib uns unser tägliches Brot. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. …“ (Mt 6,9-13).

Über den „Blick in den Himmel“ hinaus führt dieses Aquarell den Betrachter ins Gebet und an das Herz Gottes. Es lässt nicht nur mit den Augen die uns Menschen zugewandte Liebe Gottes sehen. Das Aquarell ermöglicht so dem Betrachter, die göttliche Liebe mit dem Herzen zu erfahren und sich gewissermaßen „im Himmel“ wiederzufinden.

Joachim Wanke, Andreas Felger, Gottesnähe – Vater unser, Präsenz Kunst & Buch, 2005, (Aquarelle und Zeichnungen von Andreas Felger, Betrachtungen von Bischof Dr. Joachim Wanke). Außerdem ist ein Leporello mit allen 14 Aquarellen und einer Betrachtung auf der Rückseite im Buchhandel erhältlich.

Hier auf der Website des Künstlers können Sie alle Bilder zum Vater unser online anschauen.

Weltumfassend

Ein von Kinderhand gezeichneter Kopf befindet sich in der Mitte des Bildes. Halbrund geformt und mit einem kurzen Zick-Zack-Haarschnitt versehen, schauen die ganz oben im Gesicht angeordneten Punktaugen zum Himmel, der in einem vertikalen blauen Band angedeutet ist. Der große u-förmige Mund gibt dem Knabengesicht ein fröhliches, aber auch spitzbübisches Aussehen. Selbstsicherheit geht von ihm aus, wie es auch die erhobenen Arme signalisieren. Ihm scheint die ganze Welt zu gehören. Er steckt voller Kraft, Zuversicht und Tatendrang, die Welt zu erkunden. Er scheint sich glücklich bewusst zu werden, dass er mit geistigen und seelischen Fähigkeiten gesegnet ist, die ihm ermöglichen, die Welt zu erforschen und gleichsam zu umfassen.

Der Künstler hat den in der Kinderzeichnung nur mit Strichen angedeuteten Körper des Knaben mit dem Ausschnitt einer alten Landkarte in Verbindung gebracht. Die Welt, die er mit seinem Wissen und mit seinen Gefühlen „umfasst“, trägt er bereits ins sich. Allerdings scheint sie noch verborgen zu sein, denn wie ein Fluss durchquert eine große Wasserwelle das Bild. Das Kind steht jedoch bereits in diesem die Welten verbindenden Wasser. Es wird durch das Wasser mit den fernen Kontinenten verbunden, wie in einem Boot zu ihnen hingetragen …

Aber – erfährt der Junge dieses weltumspannende Gefühl wirklich oder träumt er alles nur? Denn das hellblaue Feld über seinem Kopf könnte auch andeuten, dass er visionär oder in seiner Fantasie in andere „Welten“ sieht. Andererseits scheinen auch die erhobenen Hände den dunklen und begrenzenden Lebensrahmen nicht nur fernzuhalten, sondern auch zu durchbrechen. – Wie dem auch sei, in diesem Kind steckt die Kraft, neue Lebensräume zu erschließen!

Ob es der Glaube ist, der ihm diese Kraft gibt? Der Glaube an Gott und an seine eigenen Fähigkeiten? Wir wissen es nicht. Aber die in ihm steckende Kraft macht seine Lebenswelt hell, froh und weit. – Wünschen wir uns das nicht alle?

In Verbindung mit dem Bild mag vielleicht das im Epheserbrief überlieferte Gebet des Apostels Paulus am besten unserer Herzensbewegung Wort zu verschaffen: „Ich [Paulus] … bitte, er [Gott Vater] möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt. Durch den Glauben wohne Christus in eurem Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.” (Eph 3,14-19)

Gemeinsames Gebet

Schwarze, breite, gerade Pinselstriche prägen diese Zeichnung. Zwischen ihnen sind – wie am Boden liegend – zwei Kreise angeordnet, gefüllt mit grauer Farbe und drei rötlich anmutenden Parallelen. Sie sind wie die zwei durch feinere Striche gebildeten Kreuzformen über ihnen strahlenförmig von grauen und roten Strichen umgeben.

Inmitten der statisch anmutenden „Balken”-Konstruktion kann deshalb an diesen beiden Orten eine Aktion herausgelesen werden. Hier geschieht etwas, geht etwas von innen nach außen. Ob wir ohne die Angaben des Künstlers darauf gekommen wären, dass es sich hier um zwei Betende handelt? Die dicken geraden Pinselstriche lassen Kreuze sehen, vielleicht auch ein Haus – aber menschliche Gestalten?

Auf der Suche nach den Menschen können die beiden Kreisformen noch am ehesten mit Köpfen in Zusammenhang gebracht werden. Deuten die drei Striche Augen und Nase an? Allerdings sind sie nicht oben am Körper angeordnet, sondern unten. Gewohnte Perspektiven werden hier durcheinandergebracht – neue Ansichten werden eingefordert! Die beiden Gestalten könnten am Boden liegen, in den Staub der Erde gebeugt sein, wie der Psalmist beschreibt: „Meine Seele klebt am Boden. Durch dein Wort belebe mich!“ (Ps 119,25). Die durch Kreuze geformten und gleichzeitig deformierten Körper lassen das Leid spüren, das sie niederdrückt, fesselt und bis zur Unkenntlichkeit entfremdet.

Hoffnungslos wäre diese Situation ohne die gekreuzten Hände. Ganz oben hat sie der Künstler platziert, dem Himmel zugewandt: Als Ausdruck der inneren Sammlung, der Sehnsucht des Herzens und der Bewegung des Geistes. In der Mitte bzw. aus der Mitte heraus brechen die Hände die belastende Situation auf, schaffen sie Freiraum. Dem Gebet wohnt Sprengkraft inne, wie die „Strahlen“ um die „Hände“ herum gedeutet werden könnten. Der Psalmist muss die Kraft des Gebetes erfahren haben, wenn er nach der ersten Bitte fortfährt: „Ich habe dir mein Geschick erzählt, und du erhörtest mich.“ (Ps 119,26).

Die Verdoppelung der Betenden scheint das Gebet zu verstärken. Die Zeichnung lässt offen, ob sich beide Personen in der gleichen Notlage befinden oder ob sich einer barmherzig einem Notleidenden zugewendet hat. Der Kopf der rechten Gestalt deutet jedoch auf das letztere hin. Er ist frei von umgebenden Balken und hat eine starke Zeichnung und Strahlkraft, denn sein Kopf ist von sonnenähnlichen Strahlen umgeben, während der Kopf der linken Gestalt schwächer gezeichnet ist und von Balken umgeben eingesperrter und leidender erscheint.

Doch durch die Solidarität des einen ist eine Leidens- und Gebetsgemeinschaft entstanden, in der der Bedürftige einen zweifachen Beistand erhält: einerseits im Mitmenschen und andererseits durch das Gebet auch in Gott. Insofern spiegelt sich das Wort von Jesus in diesem Bild wieder: „Alles, was sich zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,19-20) Das tröstet und schenkt Zuversicht.

Bitte um Gebet

Ein ungewöhnliches Kunstwerk: Ein handgeschriebener Brief auf gelbem Papier! Eine unbekannte Person wendet sich dankbar an eine Christine, die bereit ist, für sie und ihre Anliegen zu beten. Es folgt eine Aufzählung der Wünsche, die zuerst die Person der Bittenden betreffen, dann ihre Eltern, ihren Bruder, ihren Onkel, letztlich alle Menschen. Den Anfang aufnehmend, endet der Brief mit einem großgeschriebenen und vermutlich auch erleichterten DANKE.

Es ist selten, dass ein solches Dokument in der Öffentlichkeit präsentiert wird. Sie sind vielmehr in den Gebetsanliegen-Büchern im geschützten Raum der Kirchen gut verborgen. Denn die Wünsche und Anliegen verlangen vertraulichen Umgang. Wer sein Herz öffnet, wird verletzlich. Um sich davor zu schützen, hat die Schreiberin wahrscheinlich Datum und Unterschrift weggelassen. Dadurch ist der Brief nicht zeitlos und unpersönlich, sondern überzeitlich und ein mögliches Anliegen von vielen geworden.

Wie kam es zu diesem Brief? Die Künstlerin bat ihre Klassenkameradinnen und Freundinnen, ihre persönlichen Anliegen bezüglich des Studiums, des künstlerisches Arbeitens, der Familie, usw. aufzuschreiben und die Briefe jeweils an eine Schwester des Säkularinstituts Cruzadas de Santa Maria zu richten, die sich bereit erklärt hatte, für die Wünsche der Studentinnen zu beten. Die Schreibenden wussten, dass die Briefe zu einem Kunstprojekt gehören und ausgestellt werden.

Für viele Studentinnen war es etwas besonderes, dass jemand für ihre Anliegen betet. Dass sich jemand Unbekanntes für sie Zeit nimmt und vor Gott für sie betet. Aus dem Brief geht hervor, dass es ihnen gut tat, alle Wünsche, die sie innerlich bewegen, in einem Brief an eine Vertrauensperson äußern zu können. Durch die Bitte der Künstlerin wurde in ihnen der Glaube geweckt, dass ein einem Menschen und durch ihn auch Gott mit-geteiltes Anliegen eher Erfüllung finden wird. Die Worte Jesu, „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten,“ sind aus diesem Brief herauszuspüren (Mt 18,19). Und wie er wenig später zu seinen Jüngern sagt: „Alles was ihr im Gebet erbittet, werdet ihr erhalten, wenn ihr glaubt.“ (Mt 21,22)

Bei diesem und den anderen Briefen geht es nicht um die Diskussion, ob sie von der Herstellung her Kunstwerke sind, sondern um ihre Aussage. Bewegt vom Angebot der Künstlerin, dass Schwestern für sie und ihre Anliegen beten werden, haben Menschen wie du und ich ihre Wünsche formuliert. Zutiefst berührt, sind durch sie moderne Glaubenszeugnisse entstanden, die ihrerseits berühren und bewegen. Die Briefe können als „Spiegel“ unserer (Betrachter-) Wünsche betrachtet werden. Sie können aber auch als Impulse zum Innehalten, zum Bewusstwerden der eigenen Wünsche und vielleicht auch zum Niederschreiben an einen Menschen, dem man vertraut, gesehen werden. Aus der Sehnsucht heraus, in der Einsamkeit der eigenen Gefühle und Wünsche nicht allein zu sein, sondern gehört und erhört zu werden.

Auszeit

Gelassen sitzt der Mensch auf dem Boden, bzw. auf dem kleinen Sockel, auf den er sich wie auf eine Insel zurückgezogen hat. Seine Beine hat er angewinkelt. Mit dem linken Arm stützt er sich auf der Sockelkante ab, während seine rechte Hand locker auf dem linken Knie aufliegt. Gedankenverloren schweift sein Blick in die Ferne.

Was wohl in ihm vorgeht? Der Mensch strahlt eine Ruhe aus, eine Gelassenheit und – seinem Gesichtsausdruck nach – auch eine Zufriedenheit, die tief in ihm verankert sind. Äußerlich gesehen scheinen ihm einschneidende Lebensbedingungen arg zugesetzt zu haben. Seine an sich schöne Gestalt weist tiefe Einkerbungen auf, die seinen Leib derart zerfurchen, dass sie an mehreren Stellen zu erschreckend durchlöchernden Wundmalen ausarten. Es ist die Arbeit des Künstlers, die ihn so zugerichtet hat. Sie kann aber durchaus auch für seine eigene Arbeit stehen, die ihm derart zusetzt und seinen Körper langsam aber sicher zerstört.

Hat dieser Mensch sich deshalb eine Auszeit genommen? – Es sieht so aus, dass er sich vom Alltag abgesetzt auf eine Zeitinsel geflüchtet hat, um auf sein Leben zurückzublicken, ja, es gleichsam überblicken zu können. Das Leben hat ihm hart zugesetzt, konnte aber sein Wesen nicht angreifen. Den Brandspuren nach zu schließen ist dieser Mensch auch durchs Feuer gegangen – außer einigen schwarzen Stellen konnte es ihm aber nichts anhaben!

Er scheint nicht nur aus hartem Holz geschnitzt zu sein, sondern auch aus einer Kraftquelle zu leben, die ihm hilft, den oft zerstörerischen Anforderungen aus seinem Lebensumfeld zu widerstehen und psychisch unbeschadet und gelassen aus ihnen herausgehen zu können. Darin erinnert er an Daniel, der zusammen mit zwei Gefährten vom König Nebukadnezzar wegen seines Glaubens an Gott ins Feuer geworfen wurde. Doch Gott stieg im Engel zu ihnen in den Ofen hinab und beschützte sie, worauf sie einen Lobgesang auf Gott anstimmten.

Die Skulptur erinnert unentwegt, eine Auszeit zu nehmen, um mit Ruhe und Abstand das Erlebte zu verarbeiten. Vielleicht dürfen wir dann mit Staunen entdecken, dass Gott bei uns war und seine innere Gegenwart uns half, innerlich heil aus schweren Situationen hervorzugehen. Und vielleicht stimmen wir dann in den Lobpreis der drei Männer im Ofen oder anderer Menschen ein, die Gott wunderbar in ihrem Leben erfahren haben: „Gepriesen bist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit. Gepriesen ist dein heiliger, herrlicher Name, hoch gelobt und verherrlicht in Ewigkeit.“ (Dan 3,52)

Explosiv ?

Was ist das? Was soll das darstellen? Einen Apfel? Eine Traube? Eine Handgranate? Die vom Künstler Matthias Dämpfle geschaffene Skulptur ist in ihrer Form offen für solche Assoziationen. Auch die silbrige Linie, die diesen kleinen dunklen Betonblock schlangenförmig von links nach rechts durchzieht, lässt viele Interpretationen zu.

Die flache Vorderseite erschwert eine räumliche Vorstellung. – Muss ich in die Tiefe gehen? Würde es nicht genügen, einfach vor dem Kunstwerk stehen zu bleiben, es als schön oder nicht schön zu beurteilen und stehen zu lassen, und nicht daran zu kratzen? Da ich allerdings glaube, dass in allem Geschaffenen ein Sinn steckt, kann ich nicht anders als auch dieses Kunstwerk mit dem Glauben zu durchdringen und ergründen.

Ich entdecke, dass die unscheinbare silbrige Linie die Skulptur in zwei Hälften teilt: eine Linke und eine Rechte, die ineinander verschränkt sind. Vier Finger in jede Richtung – eine Hand, zwei ineinander verschränkte Hände, deren Daumen nach oben schauen!

Nicht aus eigener Sicht, aber aus der Sicht des Gegenübers können uns solche Hände bekannt sein als Zeichen der Einkehr, der Stille, der Sammlung auf das Wesentliche im Leben. Sie können uns auch bekannt sein als Ausdruck des Gebets, der Besinnung auf die Verbundenheit mit Gott.

Wie die Hände sich zusammen tun, so „verschränken“ sich im Gebet der menschliche und der göttliche Geist zu erneuernder Einheit. Wie sich eine Hand öffnen muss, um eine andere Hand zu ergreifen, braucht es die Offenheit des Menschen, damit Gott ihn beschenken, bildlich gesprochen seine Hand ergreifen, halten und füllen kann.

Gerade durch diese herzliche Verbundenheit mit Gott wohnt dem Gebet eine geballte Kraft inne, die ähnlich explosiv ist wie die einer Handgranate. Glaube und Liebe wirken allerdings nie zerstörend, sondern immer tröstend, heilend, stärkend, ermutigend. Gerade weil Beten weder oberflächlich noch formelhaft gesprochene Wort ist, sondern aus der Tiefe des Herzens kommt (vgl. Röm 8,26f), vermag es Berge zu versetzen (Mt 17,20) – im Beter selbst und bei allen, für den er oder sie sich einsetzt.

Diese auf eine einfachste Form verdichteten Hände erinnern mich an die Kraft des Gebetes und ermutigen mich, es vermehrt als wunderbares Geschenk Gottes zu nutzen.

Heilige Hingabe

Ein Frauengesicht, eingetaucht in ein Farbenmeer. Überdimensional, in Raumhöhe begegnet es uns. Die Frau hält den Kopf nach hinten geneigt. Die Augen schauen mit einem sehnsüchtigen Blick nach oben, der Mund ist leicht geöffnet.

Was sie wohl sieht? Was sie erwartet? – Was sie sieht und erwartet, entzieht sich unseren Blicken ebenso wie sich das Frauengesicht für weitere Beobachtungen hinter den Farben verbirgt. Sie ist unserem Zugriff – auch nur mit den Augen – entrückt und scheint in einer anderen Welt zu sein.

Ihr Gesichtsausdruck erinnert mich an Heiligenfiguren in barocken Kirchen, welche mit verklärtem Blick die Altäre schmücken und die Betrachter einladen, ebenso in die Betrachtung von Gott zu versinken. Wie Johannes haben sie Gottes Herrlichkeit „mit eigenen Augen gesehen und geschaut“ (1 Joh 1,1-3): in seinem Sohn Jesus Christus!

Dieses Schauen muss sie von innen her verwandelt haben, denn Paulus schreibt an die Christengemeinde von Korinth eine ähnliche Erfahrung: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,18)

Die fließenden weißen Pinselstriche könnten Hinweise auf diesen verwandelnden Heiligen Geist sein, der die junge Frau durchdringt und in ungeteilter Hingabe an Gott aufgehen lässt. In warmen Farben „glühend“ strahlt ihr Gesichtsausdruck die ihr innewohnende göttliche Be-Geist-erung aus, Leidenschaft und die Liebe zu Gott!

Der Wunsch steigt in mir hoch, dass diese vom Geist Gottes bewirkte heilige Hingabe wie ein Funke auf mich überspringen möge, mich entzünde, damit ich auch von Liebe erfüllt „Feuer und Flamme“ für ihn bin.

Gott wartet geduldig, dass ich endlich einwillige darin, ihn zu lieben.
Gott wartet wie ein Bettler, der regungslos und schweigend vor jedermann steht,
der ihm vielleicht ein Stück Brot geben wird.

Die Zeit ist dieses Warten.
Die Zeit ist dieses Warten Gottes, der um unsere Liebe bettelt.
Die Gestirne, die Berge, das Meer,
alles, was von der Zeit zu uns spricht, bringt uns Gottes flehentliche Bitte.

Die Demut der Erwartung macht uns Gott ähnlich.
Gott ist nur das Gute.
Darum steht er da und wartet, schweigend.

Wer herandrängt oder spricht, der braucht ein wenig Gewalt.
Das Gute, dass nichts als das Gute ist, kann nur da sein.
Die schamhaften Bettler sind Seine Bilder.

Simone Weil „Gott ist nicht in der Zeit“. Aus: Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe, Aufzeichnungen [Herausgegeben und übersetzt von Friedhelm Kemp], München, 1990, 208-211)

Lebensnerv

Ein blauer Engel und ein grünes Band präsentieren sich unseren Augen. Der Engel hat die Hände gefaltet, die Augen in sich gekehrt geschlossen. Die lebendige Pinselführung und die verschiedenen Blautöne weisen aber darauf hin, dass in ihm einiges in Bewegung ist. Der Engel schwebt in dieser anbetenden Haltung vor dem gelben Hintergrund – Symbol der Herrlichkeit Gottes – , dem grünen Band zugewendet. Dieses durchquert das Bild in seiner ganzen Höhe und scheint ein Ausschnitt eines viel längeren Bandes zu sein, welches das Oben mit dem Unten miteinander verbindet.

Was es wohl zu bedeuten hat?

In seinem Innern sind waagrechte Elemente zu erkennen, welche an die Himmelsleiter erinnern, die Jakob im Traum gesehen hat, und auf der unaufhörlich Engel auf- und absteigen (Gen 28,12), um Botschaften von einer Welt in die andere zu tragen: Von Gott zu den Menschen – von den Menschen zu Gott. Nach dem Wörterbuch der Symbolik (Lurker, 267) ist die Farbe Grün als Farbe der Erwartung und der Hoffnung auch die Farbe des „Auf-dem-Wege-Seins!“

Für den Künstler Tobias Kammer erinnert jedoch „das Grün des Bandes an die Grünkraft der Hildegard von Bingen. Für sie war Grün Ausdruck reiner Lebensenergie, die aus Gottes Schöpferkraft und der Erneuerungskraft des Heiligen Geistes selber kommt.“

So gesehen wird die grüne Himmelsleiter zum Lebensnerv schlechthin für den Menschen, zur lebensnotwendigen Nabelschnur, welche das „Kind“ mit allem versorgt, was es zum Leben braucht. Das Grünband wird auch zur „Wirbelsäule“ des Glaubens, durch die der Körper aufrecht gehalten wird und durch die alle „Lebensenergien“ laufen, um diesen Körper mit  dem Kopf verbunden zu leiten.

Ein überraschendes Bild für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Doch schon der Apostel Paulus verwendet es in seinen Briefen, wenn er schreibt: „Er, Christus, ist das Haupt, von dem aus der ganze Leib durch Gelenke und Bänder versorgt und zusammengehalten wird und durch Gottes Wirken wächst.“ (Eph 4,15c; Kol 2,19b)

Über dieses Werk Gottes kann der Engel nur staunen und es durch sein Gebet bewachen. Dass nichts diese einmalig schöne und wertvolle Beziehung zerstöre – ja vielmehr durch eine vertrauensvolle Offenheit für Gottes Wirken durch die Menschen gefördert wird.

Pfad zu Gott

„Es gibt Worte, die uns, sobald wir sie nur aussprechen, in eine Welt entführen, von der wir annehmen, sie gehöre unumkehrbar der Vergangenheit an. Das Wort Pfad, welches im Titel dieser kurzen Bildbetrachtung vorkommt, stahlt etwas aus, als wäre es ein geheimnisvoller Findling, der sich ins verkehrstechnische Zeitalter der Autobahnen und Schnell strassen verirrt hat.“ (Joseph Bättig)

Auf dem Bild von Gielia Degonda deuten wir die vertikale Zickzack-Linie am schnellsten als Pfad. Durch den steilen Auf- oder Abstieg hat sich uns dieses mühsame Hin und Her beim Bergwandern tief in unsere Erinnerung eingeprägt. Vom Tal führen diese Pfade auf den Berg verbinden sie das Unten mit dem Oben, und führen wieder hinunter.

Unten auf dem Bild verwirren viele kurze, meist senkrechte Striche den Blick. Beim genauen Hinsehen sind jedoch Schriftspuren auszumachen, können wir mehrmals MENSCH lesen. Sind diese Wörter als Hinweis gedacht, dass es sich bei den Strichen um eine große Menschenmenge handelt, die auf der ebenen Horizontale am bequemsten und schnellsten vorwärts kommt – oder sind sie Anruf an die Menschen, in diesem rastlosen Unterwegssein innezuhalten, aufzuschauen in ihrem “dunklen Tal“ der Tätigkeiten?

Der Ruf scheint nicht ungehört verklungen zu sein. Die verdichteten Striche mögen ein Hinweis sein, dass viele Menschen aus ihrem gewohnten „Trott“ ausbrechen und sich auf Wege des Lebens begeben, auch wenn diese schmal und steil sind (vgl. Mt 7,14). Durch die Dunkelheit der Nacht führt der Pfad wie eine Leuchtspur leiterartig nach oben. Ist es der Pfad der Gerechten, der wie das Licht am Morgen ist, und immer heller wird bis zum vollen Tag? (vgl. Spr 4,18)

Oben auf dem „Berg“ – dessen Rundform an die Rundung der Erde erinnert – scheint über einer leichten Nebelschwade die Sonne aufzugehen. Wer oben ankommt, wird mit der Fülle des Lichts und ganz besonderen Gotteserfahrungen belohnt. Mose hat auf dem Berg Horeb die zehn Gebote erhalten (Ex 19,3 –24,18), an Elija zog Gott im sanften Säuseln des Windes vorbei (1Kö 19,11-13), Jesus wurde abseits der Menschenmenge auf dem Berg verklärt (Mt 17,1-9). Am Rand der Erde, in der Stille und der Abgeschiedenheit der Berge wird der Mensch an Grenzen geführt, wo er Gott sehr nahe erfährt. Einsame Pfade führen an diese Orte, bereiten den Gottsuchenden auf die Begegnung vor.

Diese Gedanken und diese Sehnsucht mögen den Psalmisten bewegen, wenn er betet: „Herr, lass mich deine Huld erfahren am frühen Morgen; denn ich vertraue auf dich. Zeig mir den Weg, den ich gehen soll; denn ich erhebe meine Seele zu dir.“ (Ps 143,8)

Fest auf der Erde und im Leben stehend, bittet er Gott um Hilfe, damit er auf den vielbevölkerten breiten Straßen des Lebens den schmalen Pfad der Gerechtigkeit, des Glücks und des Heils nicht übersieht.

Anbetender Engel

Linear heben sich über den blauen Farbflächen menschliche Körperteile ab: ein Gesicht, Hände, Füße, Knie. Auffallend die uns vollflächig zugewandten Hände. Gebieten sie Halt, wehren sie ab oder sind sie offen für eine andere Wirklichkeit?

Die menschenähnliche Gestalt ist schwer zu fassen. Vom Kopf ist nur das Gesicht sichtbar, die Beine sind nur angedeutet, der Oberkörper besteht hauptsächlich aus Flügeln. Bei diesem geistigen Wesen scheint die Botschaft wichtiger zu sein als seine Gestalt. Diese ist ganz in den Farben des Himmels gemalt, allerdings auch von einem zarten Rosa durchdrungen, das von oben her durch den Engel hindurchzufließen scheint. Widerspiegelt dieses Rosa zusammen mit dem Weiß und dem Gold die Herrlichkeit Gottes, die sich ihm vom oberen Bildrand, symbolisiert durch einen Halbkreis, zuneigt? Leuchtet nicht in des Engels Hand- flächen der gleiche Lichtglanz auf wie im Kreissegment, das für Gott steht?

Dieser Engel kommt von Gott. Er ist von Gott durchdrungen und beseelt, ganz auf Ihn ausgerichtet. Auf dem linken Bein kniend, erweist er Gott die Ehre. Seine in Orantenhaltung erhobenen Hände weisen darauf hin, dass er betet, das in seinen Händen spiegelnde Licht, dass er Gott anbetet. Er könnte dies in stiller Anbetung tun, im liebenden Zusammensein mit dem, der ihn liebt. Die Symbole von Sonne und Mond auf seinen Flügeln lassen aber auch an Psalm 8 denken:

 

Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz; deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt:
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt:
All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!

Vor Gott knien und beten. Die offenen Hände des Engels gebieten uns beim ersten Anblick innezuhalten. „Halt an, wo rennst du hin? scheint er zu sagen. Dann laden die Hände mit den mit Augen vergleichbaren Lichtern zu neuem, bewusstem Sehen und Staunen der Schöpfung ein. Wie wunderbar doch Gott alles geschaffen hat. Und so führen uns des Engels erhobene Hände wie seine ganze Haltung in eine tiefe Dankbarkeit, die immer wieder Gottes unendliche Liebe lobpreist: Im stillen Gedenken, mit eigenen Worten oder den Worten eines anderen.