Doppeltes Zwiegespräch

Ein losgelöstes Gesicht schaut in den Spiegel seiner selbst. Abgeschnitten und gewendet vermag es das Unmögliche zu vollbringen, in sich selbst hineinzuschauen bzw. sich im eigenen Selbst zu spiegeln oder zu erkennen. Doch es bleibt ein Anschauen, ein Außen-vor-Bleiben: denn der Spiegel ist kein Fenster, er ermöglicht keinen Blick ins Innere, er zeigt nur den Betrachter und sein unmittelbares Umfeld.

Die Selbstreflexion wird hier ins Bild und ins Gespräch gebracht. Nicht andere zu spiegeln oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, sondern sich selbst ins Gesicht zu schauen und in sich zu gehen. Das hintergründige Werk fordert auf, in die Tiefe zu gehen, sein Denken und Tun zu ergründen und auf den Prüfstand zu stellen. Einsichtig und demütig zu versuchen, Einsicht in die eigenen innersten Beweggründe zu erhalten. Nicht umsonst sagt Jesus zu seinen Zuhörern: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Mt 7,3)

Selbsterkenntnis ist nicht so leicht wie es aussieht. Das zeigt auch die verwendete Büste der Allegorie des Sommers. Sie steht wie ihre drei Kolleginnen Frühjahr, Herbst und Winter für eine zeitlich begrenzte Zeitspanne, die wiederkehrend von natürlichen Rhythmen geprägt ist. So stellt die Allegorie zum einen ein Vanitas-Symbol dar, zum andern steht sie für die frühe Blütezeit des Lebens. Die Selbstbetrachtung ist also eine Standortbestimmung auf der Reise durch das Leben. Kein Selfie, kein äußeres Ablichten vor einem bedeutenden Hintergrund, sondern vielmehr ein Röntgenbild, welches das ganze Sein final durchleuchtet.

Der Betrachter ist eingeladen, mit in den Spiegel zu schauen – er kann sich neben der Allegorie selbst sehen. Doppelt wird er gespiegelt, da auch die Rückseite des Gesichts verspiegelt ist. Hinter dem  Antlitz der Allegorie des Sommers sieht der Betrachter sein eigenes Gesicht. Das Kopfsegment wird gleichsam zu einer Maske und er sieht sich in ihr. Mit ihr und in ihr kann sich der nun Maskierte nur allegorisch betrachten, wie in einer verschleierten, anderen Sprache. Die Wahrheit ist nicht so nah wie gedacht. Vielmehr scheint sie durch viele Fragen in die Ferne zu rücken: Bin ich ganz die Person, die ich bin? Zeige ich mein wahres Gesicht? Bin ich authentisch die Persönlichkeit, die Gott in die Welt und seine Nachfolge gerufen hat? Oder spiele ich wie in einem Theaterstück eine Rolle, um jemand zu sein und anderen zu gefallen? So gleicht der Blick in den Spiegel einem Blick in die Seele, der die tiefsten Wahrheiten zu offenbaren und zu enthüllen vermag.

Die Allegorien der vier Jahreszeiten erinnern an die Vergänglichkeit des blühenden Lebens und mahnen die Zeit zu nutzen und zu schätzen, die einem bleibt. „Carpe diem – pflücke den Tag“- pflegten die Römer zu sagen. Jeder Tag ist ein Geschenk, etwas aus ihm bzw. aus mir zu machen. An meinem Profil zu arbeiten, meine Fähigkeiten zu schulen und mich konstruktiv in die Gemeinschaft einzubringen. Jeder hat eine Berufung, eine Aufgabe in dieser Welt. Meine Fähigkeiten sind gefragt, ich bin aufgefordert, authentisch die Herausforderungen dieser Zeit mitzugestalten und mitzubestimmen. Die EIN-Sicht stärkt mein Selbstbewusstsein und ermöglicht Selbsterkenntnis. Aber sie eröffnet mir auch Perspektiven, eine AUS-Sicht, die ermutigt zu leben und wo und wie auch immer Leben zu schützen und zu fördern.

Spieglein, Spieglein in der Hand …

Es ist nicht der ausgestreckte Arm und auch nicht die kunstvoll gezeichnete Hand, welche die Hauptrolle in diesem Bild spielen, sondern die beiden Rechtecke, die sich spielerisch verdreht einander gegenüberstehen. Die rechteckige Formatierung des Gesichts lässt erahnen, dass es ein Spiegelbild seines Gegenübers geworden ist, eine flache Ausgabe des so ausdrucksstarken menschlichen Gesichts, grafisch reduziert auf zwei Punkte und Striche.

Wo es früher Künstler brauchte, um sich mit einem tollen Bild in Szene zu setzen, greift heute jede und jeder zum Handy und bildet sich vor allen möglichen Sehenswürdigkeiten ab. Die Sehenswürdigkeiten selbst bleiben dabei im Hintergrund, weil es nur darum geht, sich selbst mit dem besonderen Ort abzubilden. Und um zeigen zu können, hier war ich gewesen, das alles habe ich gesehen, mit all dem kann ich mich schmücken. Mit leiser Ironie und wenigen Strichen hat der Künstler den Selfie-Gestus auf den Punkt gebracht.

Die mit sicherer Hand erfasste Momentaufnahme zeigt einen stark vereinfachten Oberkörper mit weit ausgestrecktem Arm. Die feingliedrige Hand hält ein gerahmtes Etwas, das sein Pendant in einem viereckigen menschlichen Kopf findet. Dieser schaut selbstverliebt in das Stück Technik, das so vieles in sich vereint und gleichsam einen verlängerten Arm bildet, der die ganze Welt in greifbare und erreichbare Nähe holt, und ihn gleichzeitig mit allen verbindet.

Dass damit aber auch eine wesentliche Veränderung mit uns geschieht, bringt Dr. Barbara Renftle in ihren charakterisierenden Worten zu dieser Arbeit von Hermann Schenkel als zeichnendem Philosophen zum Ausdruck: „Das, was wir in Händen haben, formt unsere Persönlichkeit. Je öfter wir unser Smartphone in der Hand halten und hineinsehen, umso mehr gleicht sich unser Antlitz dem vorgegebenen Format an – es wird eckig, verliert die menschlich organische Form. Auf ironisch-humorvolle Weise und mit wenigen, entlarvenden Strichen spiegelt Schenkel die Selfie-Selbstverliebtheit der digital generation und die Gefahr der Selbstentfremdung durch die Handymanie in seiner comicartigen Zeichnung von 2017.“ (BeHände – Die Hand als künstlerisches Symbol, Hrsg. Stiftung S BS – pro arte, Biberach, 2019, S. 31)

In dem Sinne regt die Arbeit zum Nachdenken an, wie das, was wir in die Hand nehmen oder schauen, uns prägt. Die Hände befinden sich seit jeher in der Hauptrolle unserer Tätigkeiten. Wir sind handlungsfähig oder handlungsunfähig, es ist etwas handlich, mit der Hand greifbar und gut zu gebrauchen (So ist das Mobiltelefon zu seinem deutschen Namen „Handy“ gekommen) oder eben unhandlich. Auch der Handel oder die Behandlung sind Ausdrücke in unserem Sprachgebrauch, die von der Bedeutung der Hand – gerade in unserem zwischenmenschlichen Leben – erzählen. Die verkrampfte Hand lässt auch ahnen, dass unsere so geschickten Hände beim Gebrauch der Technik zu „Angestellten“ reduziert werden, zu Zuarbeitern und sie durch die eingeschränkten Bewegungen immer mehr verkümmern.

Der zweite Aspekt, über den es nachzudenken lohnt, ist die Prägung unserer Persönlichkeit durch das, was wir mit unseren Händen machen und unseren Augen zu schauen geben. In seinem Aphorismus 146 in Jenseits von Gut und Böse schreibt Friedrich Nietzsche: “Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.” Das bewahrheitete sich durchaus bei der eitlen Königin im Märchen von Schneewittchen. Das Handy und den Umgang damit muss man nicht gleich negativ sehen, aber eine kritische Betrachtung schadet nicht. Denn etwas Wahres ist dran und das bringt der Künstler durch die rechteckige Gleichformung des Gesichtes zum Ausdruck.

Wie sehr Vorbilder oder eine intensive Beschäftigung oder Begegnungen uns prägen, wird z. B. von Mose berichtet. Sein Gesicht strahlte immer, wenn er mit Gott gesprochen hatte (vgl. Ex 34,29-35). Er hat die Freude, die Kraft und die Zuversicht, die Gott ihm gab, ausgestrahlt und an seine Landsleute vermittelt. Diese Ausstrahlung hat Nietzsche zu seiner Zeit vermisst, wenn er schreibt: Die Christen müssten mir erlöster aussehen, […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“

Unsere Zeitgenossen werden unseren Glauben nicht an unseren Handys erkennen und wahrscheinlich auch nicht an unseren Selfies, sondern an unseren Gesichtern und wie wir handeln. Ganz so wie Vinzenz Pallotti einmal schrieb: „Durch ein heiteres und frohes Gesicht können wir beweisen, dass die Nachfolge Christi unser Leben mit Freude erfüllt. Heilige Heiterkeit und geistliche Freude sind kostbare Früchte des Heiligen Geistes. An ihnen erkennt man die wahren Diener Gottes.“ Diese Erleuchtung von innen wird wesentlich stärker sein als die fahle Beleuchtung durch ein künstlich leuchtendes Handydisplay, und auch ohne Selfie wird Derjenige, der hinter uns steht, durch uns sichtbar und vermittelt werden.

Dieses und gut 50 weitere Werke, welche die Hand in der Kunst thematisieren, waren 2019 in der Ausstellung “BeHÄNDE” in der Galerie der Stiftung S BC – pro arte in Biberach zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der für etwa 10 Euro dort erworben werden kann.

Abdruck des Leids

Das Gesicht, das einen durch das gitterförmige Gewebe hindurch anschaut, irritiert. Einerseits, weil es durch das faltige Gewebe zum Teil verdeckt ist, andererseits wegen seines Zustands. Die leicht geneigte Kopfhaltung, die halb geschlossenen Augen, die geröteten Augenränder und der halboffene Mund erzählen von erlittenem Leid. Die Augen der Frau lassen die Vermutung zu, dass sie geschlagen worden ist und geweint hat (große Ansicht).

Der Zustand der Gaze verstärkt diesen Eindruck. Die zerrissenen und ausgefransten Stellen stammen vermutlich von einem Kampf, die verdickte braune Farbe, dass jemand durch den Dreck gezogen und beschmutzt worden ist. Insbesondere die bewegten Randbereiche, in denen die Haare und das ausgefranste Gewebe der Gaze ineinander übergehen, suggerieren erlittenes Leid, das an die Substanz gegangen ist

So vermittelt das mit dem leichten Stoff überlagerte Gesicht den Eindruck, als wäre aus ihm alles Leben gewichen, als wäre es nur noch eine leblose Maske eines Körpers, der bereits tot ist. Eine Assoziation geht deshalb in die Richtung eines Leichentuches, das den Kopf einer Verstorbenen und das erlittene Unrecht verhüllt und gleichzeitig kundtut.

Das im feinen Gewebe wiedergegebene Gesicht knüpft zudem an den Schleier von Manoppello an, welcher auf unerklärliche Weise das Antlitz Christi auf einem sehr feinen Gewebe wiedergibt. Das heilige Gesicht auf dem Schleier wird als das echte Schweißtuch der Veronika verehrt. Da das vorliegende „Schweißtuch“ ein weibliches Gesicht zeigt, wird zudem eine Brücke zu Maria und den weinenden Frauen geschlagen, die Jesus auf seinem Leidensweg begleitet und auf ihre Weise Jesu Leid mitgetragen haben (vgl. Lk 23,27).

Und nicht zuletzt gibt die Arbeit all die vielen Menschen ein Gesicht, die aus irgendeinem Grund im Wasser ihr Leben verloren und mit einem Netz aus dem Wasser gefischt worden sind.

So bringt der „Stofffetzen“ gleichzeitig ganz Verschiedenes zur Sprache. Die Gaze, die üblicherweise zum Verbinden von Wunden verwendet wird, vermag in allen Fällen das erlittene Leid und die seelischen und körperlichen Wunden nicht abzudecken oder zu verbinden. Die Nähe zum „Volto Santo“ von Manoppello und alle anderen Assoziationen machen deutlich, dass es einen Zeitpunkt im Leben gibt, an dem es kein Halten mehr gibt, kein Aufhalten oder keine Umkehrung des Leidensweges.

Dann tut die Gewissheit gut, dass Gott jeden von uns gerade dort unsichtbar hält, wo alle irdischen Bindungen reißen. Ermutigend und stärkend hat dies der Beter zu Beginn des Psalms 31 formuliert (V. 2-6):
„Herr, bei dir habe ich mich geborgen. Lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit; rette mich in deiner Gerechtigkeit! 
Neige dein Ohr mir zu, erlöse mich eilends! Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten! 
Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.
Du wirst mich befreien aus dem Netz, das sie mir heimlich legten; denn du bist meine Zuflucht. 

In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.“

Diese Arbeit wurde 2019 im im Dom Museum Wien in der Ausstellung “Zeig mir deine Wunde” gezeigt. Über 40 künstlerische Positionen brachten die verschiedenen Aspekte von Verwundungen in unserem Leben zum Ausdruck.

zu Gott führen

Das Gesicht eines alten Mannes begegnet uns in der Mitte des Bildes. Hell tauchen von unten nach oben immer breiter werdend sein Kinn, seine Nase, seine Augen, seine Stirn und vor allem sein Turban aus dem blauen Farbenspiel auf. Übergroß erscheint das Gesicht inmitten der vielen Menschen, die von unten her aus dem Dunkel zum Licht aufzusteigen scheinen. Ob dieser Mann für sie eine zentrale Bedeutung einnimmt?

Der Turban lässt vermuten, dass der Mann aus dem Mittleren Osten stammt oder wegen der Herkunft der Künstlerin sogar aus Afghanistan. Mit großen Augen blickt er aus dem Bild heraus, fragend, durchdringend, Zeit und Raum überwindend. Wer ist der Mann mit diesem geheimnisvollen Blick? Er mutet wie eine charismatische Führerpersönlichkeit an, inmitten der vielen Leute wie ein Menschensammler oder -fischer.

Da Blau die dominierende Farbe der Menschenmenge zwischen Schwarz und Weiß ist, könnte sie symbolisch für den Glauben und die Treue stehen. Die von unten nach oben aufsteigenden Menschen würden also Menschen darstellen, die zum Glauben kommen und ihm bis ans Lebensende treu bleiben. Davon ausgehend lässt sich in dem Männergesicht Abraham sehen, dem Gott eine Nachkommenschaft so zahlreich wie die Sterne am Himmel verheißen hat (Gen 15,5). Weil er geglaubt hat, sind viele durch ihn zum Glauben gelangt und wird er „Vater des Glaubens“ genannt (Mt 3,9). Denn „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Erkennt also: Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams.“ (Gal 4,6-7)

Das Gesicht könnte aber auch dasjenige von Moses sein, der sein Volk durch das Rote Meer aus der Gefangenschaft bei den Ägyptern in die Freiheit geführt hat. Die blaue Farbe stünde dann für das Meer zu beiden Seiten des durchziehenden Volkes.

Nochmals einige Generationen später könnte das Gesicht auch Jesus gehören. Auch er vermochte aus seiner innigen Verbindung mit dem Vater heraus zu seiner Zeit und bis heute unzählige Menschen für den Glauben an Gott zu begeistern und ihnen einen Weg zu weisen in eine lebendige Gemeinschaft mit ihm. In Bezug auf Jesus könnte die blaue Farbe auch für die Taufe stehen, für das Mit-Jesus-Sterben und -Auferstehen zum neuen ewigen Leben.

Wem auch immer dieses Gesicht gehört, es mag uns Betrachtern Ansporn sein, transparent auf Gott hin zu sein, eben ein Mann oder eine Frau Gottes. Dies ist eine Art und Weise, in der sich Gott in unserer Zeit offenbart und Menschen Gott in ihrer Nähe erleben können, in ihrem Leben, hier und jetzt.

Orientierung

Das Auge verweilt suchend vor dieser Bronzeskulptur. Harmonische Proportionen und runde, glatte Formen nehmen wir wahr, links und rechts zwei längliche, abstehende Teile, dazwischen ein rundes, scheinbar herausgemeißeltes Loch. Wie ein Auge schaut es einem an, blinzelt das Licht durch die Öffnung im massiven Bronzeguss.

Die Stele lässt vielerlei Zugänge offen. Sie will nicht eindeutig nur dies oder jenes sein. Sie möchte bewusst herausfordern, eine Suchbewegung auslösen, Fragen stellen nach ihrer Identität. Die Bronze hat etwas Gefäßartiges an sich, gleichzeitig erhebt sie sich wie eine stilisierte Hand. Durch die sanft gewellte Oberfläche können auch zwei stark vereinfachte stehende Gestalten wahrgenommen werden, bei der die rechte durch die runde Öffnung stark beeinträchtigt ist.

Am Schlüssigsten ist aber wahrscheinlich das Erkennen einer schematisierten Gesichtshälfte, bei der links die Wangenknochen mit dem Ohr, rechts die eine Seite der Nase angedeutet sind. In der glatten Außenseite sticht das hart aus dem Material herausgehauene Auge beunruhigend heraus. Es scheint weit aufgerissen zu sein, Schrecken spricht aus ihm. Sieht das Auge Schreckliches oder hat es selbst solches erfahren müssen? Die Außenseite gibt nichts vom Geschehenen preis … womit die Bronze ihre geheimnisvolle Ausstrahlung nur noch vergrößert.

Welches Gesicht die Skulptur wohl darstellen soll, welchen Menschen zur Sprache bringen oder in Erinnerung rufen? Auf der einen Seite ist er schön, andererseits sieht es aus, als hätte er Schweres durchlitten. Er gibt sich als doppelte Erscheinung, als amphorenartiges Gefäß, das einen Einblick in seine Innenwelt ermöglicht. Seine Gesichtshälfte gibt einen Durchblick zum Licht, das ihn zu erfüllen scheint.

Zweifel stellen sich beim fragenden Gedanken ein, ob dieses halbe Gesicht auf Jesus hinweisen soll. So haben wir ihn noch nie gesehen. Was wir sehen, ist mehr Fragment oder Ausgrabungsstück als ein göttliches Antlitz. Aber alles Wahrgenommene trifft auf Jesus zu: er ist „der Schönste unter den Menschenkindern“ (Ps 45,3), er ist für uns geschlagen worden, hat gelitten und ist am Kreuz gestorben. Die doppelte Wellenform vermag seine doppelte Natur andeuten: Gott und Mensch gleichzeitig zu sein. Durch dieses „Gefäß“ Mensch offenbart sich Gott den Menschen, gibt er sich in seiner ganzen Liebe und Weisheit zu erkennen. Dabei tritt das Menschlich-Konkrete zu Gunsten des Symbolischen zurück.

Denn niemand von uns hat Jesus gesehen, gehört, persönlich erlebt. Deshalb ist alles Überlieferte Bruchstück, alles Wahrgenommene nur Teil eines größeren Ganzen. Aber in diesem Fragmentarischen steckt soviel Wahrheit, dass es einen Zugang möglich macht, der zu Gottesbegegnungen führt, die über das Sicht-, Hör- oder Spürbare hinausgehen.

Gottesbegegnungen, die denjenigen vieler Zeitgenossen von Jesus ähnlich sein müssen und nach dem Suchen und Zweifeln in der bekennenden Antwort gipfeln können: „Denn Du bist das Licht!“

Bereit

Mosaikartig gruppieren sich die verschiedenen Farbfragmente um die goldene Mitte. Über den erhöhten Rahmen fließen sie gleichsam in die Tiefe des zurückversetzten Mittelfeldes hinein.

In seiner Erscheinung und durch die Verwendung der kostbaren Naturpigmente erinnert das Bild an die Ikonen der Ostkirche. Nur sind in diesem Bild keine biblischen Szenen zu erkennen. Die Künstlerin blieb abstrakt. Dennoch … die Kraft der Farben wirkt im Kontrast zum Goldgrund und der perlenweißen Kontur, die sich in einem großen malerischen Gestus durch das Mittelfeld des Feldes zieht.

Die Farben und Formen deuten an, lassen vor dem geistigen Auge Bekanntes erscheinen und verhüllen es gleichzeitig geheimnisvoll (vgl. 2 Kor 13,12). Der weiße Pinselstrich lässt die Silhouette eines Kopfes im Seitenprofil sehen. Das Kinn leicht erhoben, schaut die Person nach rechts. Vom goldenen Grund durchdrungen scheint ihr Blick gar in die Ferne zu schweifen.

Eine Sehnsucht nach Hinwendung spricht aus den Farben und aus dieser Kopfhaltung. Eine Sehnsucht, sein Leben Gott, für den die goldene Farbe Symbol sein kann, hinzugeben, damit er es mit seiner Gnade füllen kann. Der Psalmist schreibt: „Mein Herz ist bereit, dein Gesetz zu erfüllen bis ans Ende und ewig.“ (Ps 119,112) Ein solches, von Gott durchdrungenes Leben wäre dann gewissermaßen vergoldet, erfüllt, geglückt. Strahlt sein Mund nicht ein zufriedenes Lächeln aus?

Wie als Antwort taucht aus dem vom weißen Pinselstrich eingerahmten Goldgrund ein weiteres Gesicht auf, das in die Gegenrichtung aus dem Bild herausschaut. Sind es die Augen, die Nase, der Mund des Auferstandenen, die uns barmherzig aus Gottes Herrlichkeit heraus anschauen, unserer Sehnsucht begegnend und ihr Halt und Ziel gebend?

Dieses Bild schenkt Zuversicht: Wir sind auf unserem Erdenweg nicht allein. Aus dem Bild spricht eine malerische Übersetzung der wunderbaren Worte, die Paulus zur Ermutigung an die Römer (8,18-19.22-30) schrieb: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld. So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein. Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“