Ein Licht strahlt auf

Eine Vielzahl an Blautönen verleiht diesem Bild eine faszinierende Stimmung. Wolkenartig gehen sie ineinander über, zu den Bildrändern hin dunkler werdend, im unteren Bereich die schattigen Umrisse einer menschlichen Gestalt in sich bergend, nach oben geradezu vor der hellen Lichterscheinung zurückweichend.

Das Bild lebt von diesem Gegensatz, bei dem sich Hell und Dunkel nicht feindlich gegenüberstehen, sondern durchdringen. So sind in jedem Bildteil Farbnuancen aus anderen Bereichen zu finden. Am stärksten kommt dies im dialogischen Gegenüber des hellen Zentralbereichs und der zu einer Schale geformten Kreatur am unteren Bildrand zum Ausdruck. Gekrümmt und armselig liegt die menschenähnliche Gestalt am Boden. Sie ist nicht viel mehr als ein Schatten in der Nacht. Ihre Konturen sind vage, nur das Gesicht vermeint man wahrzunehmen. Der Kopf erscheint erhoben, die rechte Hand ans Ohr gelegt, um besser hören und sehen zu können. Alles an ihr ist auf die Lichterscheinung über ihr ausgerichtet Diese bildet ein Dreieck, in dessen Innerem ganz Unterschiedliches gesehen werden kann, da sich die Helligkeit zur Mitte hin verdichtet und nach unten eine auslaufende Struktur aufweist, wie sie Regenböen eigen ist. Unaufdringlich wird mit diesen Symbolen göttliches Wirken angedeutet. So kann im Dreieck der dreieinige Gott gesehen werden, der sich vom Himmel her dem in der Dunkelheit darbenden Menschen zuneigt und ihn mit der blauen Spitze ganz zärtlich zu berühren scheint, um ihn nicht zu verletzen und doch aufzuwecken. In der hellsten Stelle der Lichterscheinung ist zudem eine senkrecht stehende menschliche Gestalt zu erkennen. Sie scheint die Arme ausgebreitet zu haben und nur mit einem Lendenschurz bekleidet zu sein. Ist es der Gekreuzigte, Jesus, der sich im Licht dem in der Dunkelheit liegenden Menschen offenbart? Oder darf in der Erscheinung auch ein Engel gesehen werden, der vom Licht aus der Höhe umgeben auf die Erde niedersteigt? Die violetten Wolkenfetzen lassen zudem an einen dritten Austausch zwischen den beiden denken, an etwas, das auf den Liegenden herunterfällt.

All das lässt in dem Bild etwas Adventliches sehen. Dabei kann der Liegende als das Volk Israel, das seinen Retter erwartet, oder als Maria, die Auserwählte, gedeutet werden. Schon der Prophet Jesaja (9,11) kündigte an: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

Durch das aufstrahlende Licht ist dieser Mensch fortan nicht mehr allein. Der Retter kommt und bringt Licht in die Dunkelheit, Leben in die Unbeweglichkeit. Schon … und doch noch nicht. Aber das Licht ist in Sicht und erste Berührungen und heilende Begegnungen finden statt. Die größte Sehnsucht ist gestillt, das ungewisse Warten macht einer absehbaren Erwartung Platz.

Lichtmystik

Ruhe geht von diesem Bild aus. Der Umstand mag von den diffusen, matten Farben ausgehen, aber auch von dem mehr oder weniger symmetrischen Aufbau.

Die fließenden Farbübergänge lassen keine klare Formenzuordnung erkennen. Alles ist verschwommen, nur angedeutet. Und doch wecken diese Andeutungen innere Bilder, die in der blauen Fläche im unteren Drittel einen See wahrnehmen lassen, der von Laubbäumen im Herbstkleid umgeben ist. Passend zu diesem Eindruck breitet sich darüber in einem ganz anderen Blau ein wolkenloser Himmel aus, an dem die Sonne scheint. Ihr helles Licht schafft eine blaßweiße Aura, die sich nebulös in der Wasseroberfläche unter ihr spiegelt.

Das verschwommene Bild könnte den Eindruck eines Sehbehinderten widergeben, der seine Umgebung nur in Farbschatten wahrzunehmen vermag (vgl. die Heilung des Blinden in Betsaida, der in zwei Schritten wieder klar zu sehen und zu erkennen vermag, Mk 8,22-25). Doch durch die Unschärfe wird die Landschaft auch vergeistigt. Sie scheint über das natürlich Gewachsene und Entstandene hinauszuwachsen. Die Unschärfe verleiht dem Bild einen Zauber, sein Licht verklärt es und lässt transzendente Dimensionen in ihm entdecken. Durch den Bildaufbau wird der Betrachter Teilhaber dieses Prozesses. Beim Anschauen wird sein Blick von den dunkleren Randbereichen weg in die Mitte gezogen, um im Raum zwischen den beiden Lichterscheinungen ihre Spannung auszuhalten.

Das hellere, obere Licht scheint gleichsam wie ein Nebel nach unten zu rieseln, durch die Wasseroberfläche hindurch in die Tiefen des Sees zu sinken. Eine doppelte Tiefenbewegung findet statt, die zur Sammlung und Meditation beiträgt. So wird inmitten der Unschärfen die dynamische Kraft dieser mystischen Bildkomposition spürbar, aus den unkonturierten, blassen Farbanteilen ein Ganzes geschaffen. So, wie ein zunächst trüber, enttäuschender Herbsttag in der Gänze des Zusammenspiels seiner Farben verhalten schön erlebt werden kann. Denn communicatio liebt nicht nur die lauten, grellen und schrillen Töne. Kommunikation teilt sich auch im Stillen und ganz Unscheinbaren mit.

Dies ist ganz im Sinne der Künstlerin, die mit dieser Arbeit für das Cochlear Implant Centrum (SCIC) der TU Dresden den Versuch unternahm, gehörlosen Kindern oder Erwachsenen den Übergang in das normale Leben zu erleichtern. Im SCIC werden hochgradig hörgeschädigten Patienten innovative elektronische Innenohrprothesen, sog. Cochlea-Implantate zur Verfügung gestellt. Bei der Therapie werden visuelle Zugänge in das Behandlungskonzept eingebunden, weil Licht und Farbe wertvolle sensorische Informationen für eine komplexe kommunikative Rehabilitation der Betroffenen darstellen. Im Dresdner Universitätsjournal 13/2011 berichten Dr. Katharina Florek und Prof. Dirk Mürbe, dass Helene B. Grossmann das innere Erleben vieler Cochlea-Implantat-Träger „sehr treffend reflektiert“ hat. „Die Stimme, die Implantatträger am Anfang hören, ist oft sehr undeutlich und ohne Information. Nach langer Stille verdichten sich Geräusche und Klänge allmählich zu verstandener Sprache – zum Licht.“

Wunden und Heilung

Spannungsvoll fügen sich die beiden längsformatigen Arbeiten in den barocken Kirchenraum ein. Nahezu monochrom und rechteckig hart stehen sie im Kontrast zu den verspielten Farben und Formen der barocken Altäre. Andererseits integrieren sie sich durch Parallelen zur Länge der Kirche oder der Höhe ihrer Fenster. Vermittelnd befinden sie sich zwischen Chorraum und Kirchenschiff, ganz in der Tradition, die Botschaft von Leben, Tod und Auferstehung Jesu zu den Menschen zu tragen. Einander gegenüber positioniert, erzeugen sie ein dialogisches Spannungsfeld, vor dem der Betrachter steht und in das er sich hineinziehen lassen kann.

Ein Betrachtungsraum, der unaufdringlich vom Kreuz geprägt ist und in seiner zurückhaltenden Sprache doch berührt und zur Auseinandersetzung mit existenziellen Lebenserfahrungen einlädt. In der roten Vertikalen mit den Verletzungen und offenen Wunden, die oft mit Leid, Blutvergießen und himmelschreiendem, da geradezu unerträglichem Schmerz verbunden sind. In der weißen Horizontalen mit einem Ruhe und Erlösung verheißenden, bergenden und von Licht durchfluteten Grab- und Heilsraum.

So stellt Margaret Marquardt „einander Hingabe und Erlösung, Kreuz und Heil, Tod und Leben, Sterben und Auferstehen, Vergießen und Hüllen gegenüber und bringt mit den beiden Arbeiten die Vertikale und die Horizontale des Kreuzes in Beziehung, die das Leid annimmt und heilend überwindet.“ Thematisch reihen sich die beiden Arbeiten damit in die kirchliche Grundausrichtung, „Kranke, Verletzte, Verwundete zu besuchen, Wunden zu versorgen, Leidenden beizustehen und zu heilen. Jesus selbst hat sich den Wunden, den Verletzungen der Menschen seiner Zeit gestellt, ist uns mit gutem Beispiel vorangegangen, hat sich persönlich und unmittelbar jedem Kranken gewidmet, ihn gefragt: „was willst du, das ich dir tue?“ und ihn geheilt. Er hat vom barmherzigen Samariter erzählt und das über ihn verhängte Urteil angenommen.“ (Engelbert Paulus)

In neuer Sprache bringen die beiden Arbeiten somit etwas zum Ausdruck, das uns alle bewegt. Die verwendeten Mullbinden oder Gazen verstärken die Erinnerung an Verletzungen und Verwundungen, die auf Grund ihrer Schwere verbunden werden mussten, geschützt und gepflegt, um den Heilungsprozess zu ermöglichen und zu unterstützen. Aus der roten Installation (Detailbild) sind durch die dreiteilige Anordnung auch Nachdrücklichkeit und der Ernst der Lage herauszulesen. Sie dokumentiert die noch frische Verwundung, bei der der Blutfluss den Verband durchtränkt und der Kampf um das Leben zu spüren ist. Wie die Arbeit an die Wand angelehnt ist, drückt sie zudem die mit Verletzungen einhergehende Erschöpfung und das Bedürfnis aus, sich anlehnen zu können und Hilfe zu erfahren, um bestehen zu können. Eine ganz andere Atmosphäre entfaltet sich in der weißen Installation (Detailbild). Weite breitet sich hier aus, ein fortgeschrittener Genesungsvorgang ist zu spüren. Das Blut ist gestillt, die Wunden sind verbunden, Heilung ist im Gange – Auferstehung zu neuem Leben (Detailbild). In den Schichtungen des Verbandes kommt auch der Zeitfaktor sehr schön zur Geltung. Die geduldige Pflege braucht ihre Zeit, ebenso die Heilung. Weiter erinnert die Beleuchtung von hinten, dass diese Heilung von innen heraus geschieht und geschehen muss.

So laden die Arbeiten zur Einkehr und Besinnung auf körperliche und seelische Verwundungen ein. Zu einem Verhalten, das dem der Verletzten und Verwundeten ähnlich ist, die still halten, um den Schmerz gering zu halten, aber auch, um von lieben Mitmenschen richtig versorgt werden zu können. In der Kirche ist es ein Innehalten, um den vielerlei Verwundungen bewusst zu werden – und sie Gott hinzuhalten, damit er heilend auf sie schaue und mit seiner Liebe von innen heraus schließe.

Betrachtungen von Diakon Engelbert Paulus (Pressetexte)