Kleid des Lebens

Wie ein Ausstellungsobjekt befindet sich das Kleidungsstück in der Mitte des Bildes. Es hebt sich durch seine Andersartigkeit vom unmittelbaren weißen Umfeld ab. Das faltig aufgeklebte Trägermaterial auf dem flachen Hintergrund sowie das Farbenspiel von Weiß, Ockergelb und Braun lassen das Kleid plastisch hervortreten und wirklichkeitsnah erscheinen.

Die leichte Taillierung, die Betonung des Brustbereichs und die Andeutung einer schmückenden Bordüre als unteren Abschluss des Kleides machen es zudem zu einem weiblichen Gewand. Der feminine Charakter des Kleidungsstücks wird verstärkt durch den flächigen Hintergrund mit drei markanten schwarzen Kontrasten, die diagonal das Bild von links unten nach rechts oben queren. Sie wirken wie Maueröffnungen in einem weißen Fassadenfragment, die einen Durchblick auf einen undurchdringlich schwarzen Hintergrund freigeben. Ob es eine Bedeutung hat, dass die oberste Öffnung als Pluszeichen ausgeformt ist?

In diesem Spannungsfeld schwebt das Kleidungsstück, das die Künstlerin als „weißes Hemd“ betitelt. Sie sieht in dem Kleid oder verbindet damit wohl ein einfaches, direkt auf der Haut getragenes, lebensnotwendiges Kleidungsstück. Das Kleid im Bild ist ein schlichtes, aber auch ein schönes Kleid. Es könnte ein Unterhemd oder ein Unterrock sein, hat aber auch festlichen Charakter. Es ist nicht mehr blütenweiß, sondern gibt sich vom Leben gezeichnet und durchdrungen als Gebrauchsgegenstand.

Ohne weiteren Bezug zu einem Menschen vermag das „Hemd“ verschiedene Impulse zu vermitteln.

Gerade weil das Kleid „leer“ oder „inhaltslos“ im Bild steht, thematisiert es unser Grundbedürfnis, uns zu bekleiden. In einer Zeit, in der Kleider Massenware sind und oft zu Schleuderpreisen angeboten werden, aber auch nach einer Saison ihr Verfallsdatum erreicht haben, ist der Gedanke kaum mehr präsent, dass Nackte zu bekleiden zu den Werken der Barmherzigkeit gehörte und immer noch gehört. Es muss zwar niemand mehr bei uns nackt herumlaufen, aber es gibt dennoch genug Menschen auf der Welt, die sich auch die billigsten Kleider nur schwer leisten können. Kleidersammelstellen oder Kleidersammlungen erinnern daran, dass gut erhaltene Kleidungsstücke immer noch einen Wert haben und viel Gutes bewirken können.

Als „Schaustück“ öffnet das Kleid auch die Gedanken an alle, die am Entstehungsprozess eines Kleidungsstücks beteiligt waren und an die oft nur kurz gedacht wird, wenn die Medien von Kinderarbeit, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und ungerechten Löhnen berichten. Wie können von dem Geld, das ich für ein Kleidungsstück bezahle, all die Menschen leben, die am Entstehungsprozess beteiligt waren? Vom Hersteller/Anbauer der Faser, demjenigen der die Fasern zu einem Faden spinnt und zu einem Garn zwirnt, über die Weber-, Schneider-, Näher- und Verkäuferinnen bis zu den Menschen, welche die Ware von einem Ort zum anderen transportieren?

In seiner Lebendigkeit erinnert das Kleid zudem, dass wir mit Kleidern vieles erleben und sie dadurch auch Erinnerungsstücke oder Träger von Erinnerungen sind. Denken wir nur an Hochzeits- oder Sonntagskleider. Oder an Kleidungsstücke, die uns bei bestimmten Tätigkeiten über Jahre hinweg begleitet und geschützt haben (z.B. bei der Arbeit, im Garten, beim Sport usw.). Sie sind uns wichtig geworden und gehören einfach dazu. Manche Kleidungsstücke werden sogar von Generation zu Generation weitervererbt. Zu Ihnen gehören insbesondere die Kleider, die für „hohe Zeiten“ des Lebens geschaffen worden sind. Lässt die offene Gestaltung des „Hemds“ nicht Verbindungen zu einem Tauf-, Erstkommunion- oder einem Brautkleid zu? Ja, aus christlicher Sicht sind auch Taufe und Erstkommunion „Hochzeiten“. Bei der Taufe ist das Kleid Ausdruck, dass der Täufling „Christus anzieht“, dass er in ihm ein neuer Mensch wird und in die Lebensgemeinschaft der Christen eingeht. Bei der Erstkommunion wird die Lebensgemeinschaft durch die Teilnahme an der Mahlgemeinschaft mit Christus vertieft. Als Hochzeits- oder Brautkleid ist das Kleid schließlich Ausdruck der Freude, mit dem liebsten Menschen den Bund für’s Leben zu schließen.

Nur ein Hemd? Nein! Möge das Kleid uns anregen, Kleider wieder bewusster zu kaufen, zu tragen und weiterzugeben. An ihnen „hängen“ mehr Menschenleben als wir denken. Und sie sind Träger von Erlebtem, von Leben!

Freizeit

Eine Hose wurde locker auf den Stuhlsitz geworfen, ein Mantel mehr oder weniger ordentlich über die Stuhllehne gehängt. Vom Stuhl selbst sind nur die beiden Vorderbeine und etwas von der Rückenlehne zu sehen. Ansonsten ist er von den beiden abgelegten Kleiderstücken eingekleidet. Unten die Hose, hinten herum und über der Lehne der Mantel. Damit kommt die Anordnung von Hose und Mantel derjenigen bei uns Menschen nahe. Noch menschlicher wird die Holzskulptur dadurch, dass der rechte Ärmel in die Manteltasche mündet. So wird der Eindruck eines Eigenlebens geweckt.

Doch der Besitzer und Träger der Kleider ist abwesend. Er hat sie wahrscheinlich abgelegt, um sie später wieder anzuziehen. Genauso wie viele nach der Arbeit den Overall oder die Businesskleider ausziehen und sich legere Hauskleider anziehen. Oder so wie viele beim Zubettgehen ihre Kleider über einen Stuhl legen, um sie am nächsten Tag wieder anzuziehen.

Die Holzskulptur verweist also auf einen temporären Kleiderwechsel. Diese ergeben sich meistens aus den Anforderungen neuer Tätigkeiten und Aufgaben. Manchmal schützen wir uns durch Kleider, dann wieder machen sie aus uns „Leute“. Welche Wahl wohl der Besitzer dieser Kleider getroffen hat? Die abgelegten Kleider geben nur den Hinweis, dass er nun in einem anderen Outfit unterwegs ist. Von diesen Kleidungsstücken ausgegangen, ist er nun „verkleidet“, so wie das viele nicht nur in Zeiten des Faschings tun. Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt und der Besitzer der Kleider kann ohne sie endlich wieder ganz sich selber sein und tun und lassen, was er will.

Damit berühren die wirklichkeitsnah aus dem Holz herausgearbeitete Hose und der Mantel alltägliche Situationen. Sie verweisen auf unsere ganz menschliche Gewohnheit, immer wieder die Kleider zu wechseln. Die Skulptur zeigt ruhende Kleider. Kleider, die nicht im Einsatz sind. Als solches sind sie Symbol für uns. Nach konzentriertem Arbeiten, einem langen Tag, nach einer mehr oder weniger langen Woche bedürfen wir immer wieder unterschiedlich langen und unterschiedlich gestalteten Auszeiten, um Abstand von unseren vielen Aktivitäten zu gewinnen und uns zu erholen und zu regenerieren. Da sind wir froh, wenn wir die Arbeit niederlegen und die Hände nichts tuend in die Taschen stecken können. Sich umzuziehen und die Kleider auf den Stuhl zu legen ist dann eine äußere Geste für die innere Umstellung in den Freizeit- und Erholungsmodus. Ein schöner Anblick, ein wohltuendes Gefühl.

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