Ausstrahlung

Massiv wie eine große Plastik steht dieses Kreuz im Raum des Bildes. Seine plastische Wirkung erhält es durch die unterschiedliche Größe und Farbe der drei übereinander- liegenden Kreuzformen und durch die mit Lichtreflexen versehene Oberflächengestaltung des innersten Kreuzes. Die Farbe scheint noch flüssig zu sein, auszulaufen, zentrifugal – strahlenförmig nach außen Farbläufe bildend. Die Kreuzkonturen fransen dadurch aus, bilden unklare Kanten.

Auf dem Kreuz sind überall dunkle Stellen zu entdecken, die an Spuren von Misshandlung erinnern. Sie könnten von einer Folterung stammen, einer Geißelung, welche das spritzende Blut ausgelöst und Schmerzen verursacht hat. Das Wasser des Malers assoziiert das Blut eines Gefolterten und Gekreuzigten. Die Erinnerung an den Kreuzestod Jesu wird wach: „ … einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.“ (Joh 19,34)

Die Strahlen sind wie eine Explosion der nicht mehr zu ertragenden Schmerzen, ein lauter Schrei, mit dem sich eine geplagte Seele Luft verschafft. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schrie Jesus in seiner Todesstunde (Mt 27,46; Ps 22,2). Die Radierung von Michael Morgner scheint wie eine bildliche Umsetzung der Klage im gleichen Psalm zu sein: „Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder. Mein Herz ist in meinem Leib wie Wachs zerflossen. …, du legst mich in den Staub des Todes.“ (Ps 22,15-16)

Dieses Kreuz scheint zu leben. Vor meinen Augen nimmt es die Gestalt eines gedrungenen oder gebeugten Menschen an. Andererseits atmet und blutet es wie ein verletztes Herz. Die beiden Eindrücke schließen sich gegenseitig nicht aus, überlagern sich vielmehr und finden Ausdruck im Kreuz.

Erstaunlicherweise weckt das Kreuz den Eindruck, dass mit dem Ausfließen der Lebensenergie in der Mitte ein Freiraum entsteht, in dem neues Leben entsteht. Nach der noch an den Rändern sichtbaren Dunkelheit des Leids dringt im Innersten des Kreuzes bereits das Licht des neuen Lebens durch und bietet damit so etwas wie einen Schutzraum, einen Ort der Geborgenheit (vgl. Ps 18; 31,4-6). Ebenso lässt der das Kreuz umgebende Strahlenkranz der Farbspritzer an die Strahlen der Sonne denken, die bereits hinter dem Kreuz des Leidens und des Todes den „neuen Tag“ ankünden.

So düster, massiv und kalt dieses Kreuz auf den ersten Blick also wirken mag, spricht es doch auch von der erfahrenen Hilfe durch Gott, in den der Glaubende seine ganze Zuversicht gelegt hat. Im Kreuz Jesu hat er Schutz gefunden in seiner Not. Ist nicht das innerste Kreuz plastisch ausgeformt, einen bergenden Hohlraum bildend? Der Vergleich mit einem Herz drängt sich auf und der Gedanke, dass ich mich in der Not da hineinlegen und bergenden Schutz erfahren kann, stimmt mich froh. Ja und leuchtet in den Farbspritzern nicht bereits die verheißene Auferstehung von den Toten auf?

„Euer Herz sei stark und unverzagt, ihr alle, die ihr wartet auf den Herrn.“ (Ps 31,25)

Kreuz – Antlitz Gottes

Ganz unauffällig verhielte sich dieser Quadratmeter an der Wand, wäre er nicht vergoldet und hätte er keine Falten. Die oberen drei Falten sind zum Betrachter hin gewandt, während die untere Falte sich nach hinten biegt und damit einen spannungsvollen Kontrast bildet. Die Skulptur präsentiert sich uns wie ein sauber gebügeltes Tuch, das eben aufgefaltet worden ist. Die Falten bilden dabei ein gleichschenkliges Kreuz, das sich in sanfter Erhebung aus dem Tuch heraus abzeichnet.

Das gefaltete Tuch erinnert mich an den Bericht des leeren Grabes: „Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Tuch, mit dem sie das Jesus das Gesicht bedeckt hatten. Dieses Tuch lag nicht bei den Leinenbinden, sondern getrennt davon zusammengelegt.“ (Joh 20,7 Übers. Gute Nachricht-Bibel) Diese Kreuzfläche lädt uns ein, hinter ihr das Antlitz Jesu zu suchen.

Die vergoldete Fläche weist uns auf seine göttliche Herkunft hin. Im Schauen dieser “Ikone“ werden wir zur Sterbens-„Stunde“ Jesu geführt, in der er durch seinen Vater verherrlicht wird. Wir können seine Worte im Abschiedsgebet hören: „Vater, die Stunde ist da, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.“ (Joh 17,1) „Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.“ (17,5)

Im Kreuz die Herrlichkeit Gottes schauen! „Für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott stärker als die Menschen.“ (1 Kor 1,23-25)

Doch da sind rote „Risse“ in der „goldenen Herrlichkeit Gottes“ zu sehen. Beflecken sie seine Größe, müssen sie als Makel, als ein Mangel an Vollendung gesehen werden? – Nein. Sie offenbaren uns seine alles durchwirkende und belebende Liebe, die seine Herrlichkeit und Größe ausmacht. Die roten „Risse“ lassen uns seine Verletzlichkeit spüren – und damit seine Menschenfreundlichkeit.

Hermann Bigelmayr hat dieses Kreuz als Kunstwerk von einem Meter auf einen Meter geschaffen. Er wollte ganz bewusst mit diesem Quadratmeter einen Bezug zur Erde schaffen, auf der wir leben, und jede und jeder auf irgend eine Weise etwas Platz zum Leben findet. Es gehört zur Menschenfreundlichkeit Gottes, dass er uns in die Gestaltung der Erde miteinbezieht, sie uns anvertraut, auch wenn er weiß, dass wir sie durch unsere Fehler und Schwächen wie Jesus kreuzigen.

Dennoch bleibt Gott in unserer Mitte. Kaum sichtbar hat der Künstler den Kreuzungspunkt der Falten als ein nach unten geneigtes Dreieck gestaltet. Das Dreieck als Symbol für die Dreifaltigkeit. Seine Neigung nach unten als Hinweis auf seine ungebrochene schöpferische Zuwendung. Gott hört auch im größten „Kreuz“ nicht auf, heilend und versöhnend mit seiner Liebe zu wirken!

Auferstehen

„Vor dem grünen Kreuz, das zum Lebensbaum wurde, steht der Auferstandene. Er ist die Frucht dieses Baumes, er gibt sich zur Speise – seinen Brüdern und Schwestern. Er teilt sein Wesen mit, sein verwandeltes, auferstandenes Leben. Nicht als philosophische Idee, sondern sich selbst – zu einem neuen Begegnen. In einer neuen Gegenwart, auf einer neuen Ebene. „Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, damit sie (die Menschen) das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 5,33-35; 10,10)

„Seine Arme sind ausgebreitet, sie sind nicht mehr ans Holz genagelt, sie sind frei. Es ist, als bewegen sie sich leicht im Tanze, uns einladend.
Damit wir es immer wieder erfahren: in diesem auferstandenen Jesus, dem Christus, haben wir Anteil: an der Erde, am ganzen Kosmos, am Himmel.“ (Maria Hafner)

Mit diesen meditativen Worten der Künstlerin ist das Wesentliche gesagt. Ergänzend möchte ich noch auf das Kreuz und die Farben eingehen.

Das grüne Kreuz hat eine lange Tradition (z.B. Glasfenster in Chartres) und will sagen, dass aus dem Kreuz des Todes ein Kreuz der Hoffnung geworden ist durch den Tod und die Auferstehung Jesu. In das Holz des Kreuzes ist Leben eingekehrt, so dass es wieder grünt. Die Arme des Kreuzes gehen von einem Bildrand zum anderen – Ausdruck für eine Hoffnung, die über alle Grenzen hinaus geht und alle Menschen erfassen soll.

Vor diesem Kreuz des Lebens steht der „Lebendige“, der von den Toten Auferstandene. Ganz in Rot: Zeichen seiner Liebe, in der er für uns und zur Vergebung der Sünden sein Blut vergossen hat. Wie Maria Hafner schreibt, lädt Jesus uns ein, zu ihm zu kommen. Eine Einladung, an seinem neuen Leben teilzuhaben. Die vielen Farben um Jesus herum suggerieren, dass er uns zur Freude einlädt, die diese innige Kommunion mit ihm beinhaltet. Eine Freude, wie sie beim Aufblühen eines Gartens und ein Verweilen in ihm empfunden wird. Das Paradies von Adam und Eva klingt hier an, als sie in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott wohnten (Gen 2,4-25; 3,8) wie das endzeitliche Jerusalem, das in allen Farben leuchtet und wo Gott lichtvoll in ihrer Mitte wohnt ( Offb 21,9 – 22,5).

Maria Hafner hat dieses Bild innerhalb einer Serie von acht Bildern geschaffen. Eine Bildmappe mit 8 Doppelkarten und Meditationstexten von Maria Hafner kann zum Preis von SFR 22,- (zzgl. Versandkosten) bezogen werden bei:

Margreta Camenzind
Weinbergstr. 7
CH-6330 Cham
Tel./Fax: (0041) 041 780 26 18
e-mail: ma.camenzind@bluewin.ch

Schwebendes Kreuz

Ein liegendes Kreuz, nein schwebend, von vielen transparenten Ballons getragen. Was geht hier vor, was hat es uns zu sagen? Das liegende, und nicht stehende Kreuz? Die vielen Ballons, die dem Kreuz für einen Moment die Schwere nehmen?

Ohne die Hilfe von oben liegt es schwer auf dem Boden. Umgefallen, niedergestreckt von seiner Last? Wie wir Menschen, wenn wir krank sind, müde, überlastet?

Seine dunkle Farbe lässt mich zusätzlich an unsere Fehler, Unzulänglichkeiten und Vergehen denken, die unser Leben oft schwer machen. Die Psalmisten wie die Christen nennen diese Erfahrung Sünde. „Denn meine Sünden schlagen mir über dem Kopf zusammen, sie erdrücken mich wie eine schwere Last.“ (Ps 38,5) Und für diese Sünden ist Jesus am Kreuz gestorben: „durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.“ (Eph 1,7)

Deshalb verbinden viele Menschen ihre Hoffnungen mit dem Kreuz. Auch wenn wir den Stachel der Sünde wie der Krankheit an unserem schwachen und vergänglichen Leib immer wieder neu erfahren, spüren wir in uns eine Kraft, uns gegen alles Zerstörende zu erheben.

Vielfach sind wir allein zu schwach – dann tut es gut, entlastende Hilfe von Mitmenschen zu erfahren. Die Ballons sind für mich ein schöner Ausdruck eines derart erleichternden Beistandes. Sie zeigen vielerlei auf.

Die vielen Ballons können sagen, dass es viele „Liebkosungen“, Aufmerksamkeiten und Liebenswürdigkeiten braucht, um einen – aus welchen Gründen auch immer – Daniederliegenden „aufzustellen“, ihm Erleichterung zu verschaffen. Gemeinsam, von Gottes Geist durchweht und getragen, als von Gott und Mensch zusammengewirktes Ganzes haben die vielen einzelnen Gebete, guten Gedanken und Taten diese erhebende Kraft.

Durch die Ballons wird auch noch etwas anderes spürbar nachvollziehbar. Wer dauerhaft zusammenstehen will, jemandem helfen will, ist auf immer wieder neue Energie, Energieträger angewiesen, weil wie beim Ballon mit der Zeit die Tragkraft sinkt und die Luft „raus“ geht. Nicht nur das. Wie sich gute Absichten oft in Luft auflösen, kann auch ein kleiner Materialfehler, ein Nadelstich einen Ballon platzen lassen.

Wo viele Menschen sich in ihren Visionen und Gedanken vom Geist Gottes führen lassen und diese gebündelt in Taten umsetzen, wird das Kreuz vieler Leidender leichter werden und sie die Auswirkungen der Auferstehung Christi spürbar erfahren lassen.

Auferstehungskreuz

Luftig leicht schwebt dieses Kreuz im Raum. Die Auferstehung ist spürbar. Hier hing eben noch ein Mensch, nun ist er unseren Augen entschwunden, sein Gewand ist zurückgeblieben. Verwandlung ist geschehen. Es erinnert an den Gekreuzigten, doch ist er nicht mehr fassbar.

Eigentlich ist diese Skulptur weder ein Kreuz noch ein drapierter Stoff. Aber das helle Holz und die Form erinnern an das Kreuz, die drapierten Falten erinnern an einen gewebten Stoff, ein hingelegtes Gewand, seine Größe an einen Menschen. In dem Sinne ist das Auferstehungskreuz von Hermann Bigelmayr in vielerlei Hinsicht ein eindeutiges Erinnerungszeichen an das am Kreuz in Jerusalem Geschehene und darauf Erfolgte. Seine Skulptur ist ein einziger Verweis auf den Gottmenschen, der verletzlich und sterblich geworden unter uns geweilt hat, nun aber durch die Auferstehung in die uns nur durch seine Erzählungen bekannte Welt seines Vaters zurück gekehrt ist.

Hier ist nichts mehr von der Erdanziehungskraft, der Schwere des Todes zu spüren. Von des Vaters unsichtbarer Liebe gehalten, ist Christus durch den Tod hindurch gegangen und hat uns dadurch das Tor zum ewigen Leben geöffnet.

In diesem neuen Leben zählen nur noch innere Werte. Äußerlichkeiten wie das „irdische Gewand“, eine menschliche Gestalt mit ausgebreiteten Armen andeutende Stoffdrapierung, bleiben zurück, so sehr sie Sinnbild der Auferstehung, der Himmelfahrt sind. Den Christen in Kolossä, die durch die Taufe bereits an der Auferstehung Christi teilhaben, schreibt Paulus: „Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld.“ (3,12)

Im Auferstehungskreuz von Hermann Bigelmayr wird deutlich, dass sich das Wesentliche der Auferstehung unsichtbar im Verborgenen vollzieht. Der gefaltete Stoff verhüllt – und enthüllt gleichzeitig mit dem angehobenen Stoffzipfel das vom Geist Gottes durchwehte Leben nach der Auferstehung.

Dieses Kreuz weist über das am Kreuz Geschehene hinaus. Die Hoffnung unseres Glaubens wird spürbar, unser neues Leben, das von der Taufe weg sich in uns entfaltet (wie der Stoff) und erst nach der eigenen Auferstehung seine wahre Größe und Schönheit zeigen wird.

Paulus beschreibt dies wunderbar: „Ihr seid mit Christus auferweckt, darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.“ (Kol 3,1-4)

Kreuz und Macht

Bei der ersten Begegnung mit diesem Bild müssen sich unsere Augen  zuerst orientieren. In chaotischen Strichen und Farben ist rechts ein mächtiger Soldat dargestellt, während links ein Mensch unter einem schwarz-grauen Kreuz zu entdecken ist. Es muss sich hier um einen Kreuzweg handeln, vielleicht sogar um jenen von Jesus. Der Bildausschnitt zeigt vom ganzen Weggeschehen nur diese beiden Personen: Es sind keine Schaulustigen zu sehen, es gibt keine Hinweise, ob das Bild als Kreuzwegstation gedacht ist. – Eigenartig, dass der Kreuztragende so klein ist und nicht wie auf anderen Darstellungen im Mittelpunkt dargestellt wird. Spontan kommt mir beim Größenvergleich auch David und Goliath in den Sinn.

Den Maler scheint die Auseinandersetzung zwischen dem Soldat und dem Kreuztragenden bewegt zu haben. Wir kennen viele Bilder von Machtausübung, Gewalt und Ungerechtigkeit aus Fernsehen und Zeitungen, die uns durch ihre Brutalität erschüttern. Dafür ist dieses Ölbild trotz seinen wilden Pinselstrichen bereits zu brav und schön. Wo es aber zu berühren vermag, das ist das Ungleichgewicht zwischen den Protagonisten und den Welten, die sie voneinander trennen.

Auf der rechten Bildhälfte ist raumfüllend ein Soldat gemalt. In seiner Rüstung und dem steil aufgerichteten Speer demonstriert er unbarmherzige, herzlose Macht. Noch sitzend ist er groß, stehend würde sein Oberkörper und Kopf über die obere Bildkante hinausragen. Wie ein Pfau sich mit seinem Rad schmückt, leuchtet der Soldat in allen Farben der von ihm repräsentierten Macht. Grimmig schaut er auf sein Opfer, die Waffe und seine langen schwarzen Finger jederzeit zum Einsatz bereit. An ihm führt kein Weg vorbei, jeglicher Rückweg ist versperrt.

Dem Mensch auf der linken Bildhälfte bleibt nur der Weg nach vorn. Das Kreuz liegt wie ein Pfeil auf seinen Schulter, direkt vom Soldaten ausgehend. Die Macht, der er dient und die er darstellt, hat es ihm aufgebürdet. Vom Mensch ist nicht viel übrig geblieben – nur der Kopf und die langen Beine sind zu sehen. Der Oberkörper scheint im Kreuz aufzugehen – sein Schicksal, das Kreuz, hat sich seiner bemächtigt. Die Füße wollen einen anderen Weg gehen, doch der Wille treibt ihn weiter. Nichts ist zu spüren von der Außerordentlichkeit der Person. Kein Heiligenschein zeichnet ihn als Gottessohn aus. Im Gegenteil. Wie alle Unterdrückten muss er den Weg im Staub dieser Erde gehen – farblos, wie entleert – gedrängt von der Willkür der Machthabenden.

Was gibt ihm die Kraft seinen Weg zu gehen? Im ersten Lied vom Gottesknecht gibt Jesaja folgende Worte Gottes wieder: „Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich mein Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. .. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht gegründet hat.“ (42,1-2.4)

Die Kraft des Kreuztragenden liegt außerhalb von ihm. Der Maler hat sie in den hoffnungsvollen und kräftigen Farben dargestellt. Blau steht für den Glauben – in ihm ist dieser Mensch verwurzelt. Grün drückt die Hoffnung aus, das Wachstum, die Zukunft. Und über ihm das helle Licht der Sonne für die Nähe und die erbarmende Liebe Gottes.

So finden sich trotz des Ungleichgewichts der Personen Trost und Zuversicht auf der Seite des Kreuztragenden. Und dieser Trost, dieser Halt, diese Hoffnung steht allen zu, die wie Jesus ein schweres Kreuz zu tragen haben. Die kleine graue Gestalt steht für alle durch menschliche Ungerechtigkeit Kleinge- machten, Verfolgten, Ausgebeuteten, Misshandelten, zu Tode Geplagten. Wenn sie auch wie Jesus von allen „guten Geistern“ verlassen / getrennt worden sind, dürfen wir die Gewissheit haben, dass Gott diese Armen nicht verlässt (vgl. Ps 9).

Kreuz zum Aschermittwoch

Noch ein Kreuz. Gleichschenklig, liegend, nicht stehend. Von seiner Form her erinnert es mehr an das Schweizer Kreuz als an das Kreuz Jesu Christi, durch den es seine heilsbringende Bedeutung erhalten hat. Auch das Material des Kreuzes ist besonders: Ein Stahlrahmen, gefüllt mit Erde. Trotzdem trägt es für mich eine christliche Botschaft, ist dieses Kreuz nicht leer, nicht seiner Botschaft beraubt durch seine vielleicht befremdenden Materialien oder einen fehlenden Corpus.

Der Stahlrahmen sagt mir, dass das Kreuz eine beständige und unveränderliche Botschaft zu verkünden hat. Dabei kommt es nicht so sehr auf die Form des Kreuzes an, als vielmehr auf seinen Inhalt. Die stets an den Tod Jesu erinnernde Kreuzesform hält diesen Inhalt zusammen und sorgt dafür, dass die Botschaft von seinem Sühnetod für unsere Sünden nicht vergessen wird.

Die Erde erinnert mich einerseits an die Vergänglichkeit von uns Menschen und wie dies von der Kirche am Aschermittwoch ausgedrückt wird durch das Zeichen des Aschekreuzes auf die Stirn oder die Haare der Gläubigen und die Worte „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zu Staub zurückkehren wirst“ (vgl. Gen 3,19). Dadurch steht für mich die Erde symbolisch für den Corpus Christi. Auch in dem Sinne, dass alle Gläubigen zusammen den auferstandenen Leib Christi bilden. Besteht nicht die Erde aus unzählbar vielen Staubkörnern?

Andererseits sehe ich in der Erde das Potential der Fruchtbarkeit. Noch scheint sie tot, ist sie leblos. Aber etwas Wasser wird genügen, verborgene Samen in ihr keimen zu lassen, zum Leben zu erwecken. In diesem Kreuz ist die Auferstehung durch die Bereitschaft und Offenheit der Erde gegenwärtig. Auf uns Menschen bezogen, kann ein Impuls von Außen oder durch den Heiligen Geist in uns verborgene Talente zum Leben erwecken und heilbringend fruchtbar machen.

Ein Kreuz? – im Nichts?

Mitten auf dem neuen Friedhof Riem bei München steht dieses ungewöhnliche Kreuz. Manch einer mag sich fragen, wieso diese Plastik ein Kreuz sein soll. Denn rein äußerlich deutet nichts auf ein Kreuz hin.

Da sind vier dicke Eichenbalken, ohne Sockel aus der Erde aufsteigend, in ihrer Mitte ein begehbares Kreuz bildend. Aber das kann es nicht schon sein. In luftiger Höhe stemmen die Holzbalken eine Steinplatte in den Himmel. Durchblicke auf Dahinterliegendes oder den Himmel freilassend.

Das Kreuz will gesucht werden in dieser Skulptur. Annäherungen wollen gemacht werden. Die Eichenbalken erinnern mich an das Holz des Kreuzes. Ihre Ausmaße verbinde ich mit der Bedeutungsstärke und –kraft dessen, was am Kreuz geschehen ist.

Wer den Mut hat, sich zwischen die Holzpfosten zu stellen, entdeckt, dass aus dieser Perspektive die Steinplatte die Form eines Kreuzes annimmt, von der wie Strahlen alternierend die Holzbalken oder der Himmel ausgehen. Der Betrachter steht somit wörtlich unter dem Kreuz und es wird ihm durch die Steinplatte sinnlich das Gewicht, die Bedeutung oder der Wert des Kreuzes Christi für seinen Glauben bewusst.

Die Steinpatte weckt in mir noch andere Assoziationen. Sie könnte von ihren Ausmaßen her auch eine Grabplatte sein, wie sie rings um diese Kreuzskulptur aufgestellt sind. Die Eichenpfosten strecken in dem Sinne symbolisch fürbittend die auf den Grabsteinen verzeichneten Namen der Verstorbenen zum Himmel empor – Gott entgegen.

Von der Bildgeschichte des Kreuzes her gesehen ist diese Skulptur kein Kreuz. Aber sie ist Verbindung zwischen Erde und Himmel, durch die Materialien Stein und Holz in der Tradition stehend. Neu angeordnet, bringen sie die überlieferte Botschaft des Kreuzes auf herausfordernde Weise neu und kraftvoll zur Sprache. Es kann nicht wie viele andere Kreuze durch die Gewohnheit übersehen werden, sondern regt zur Auseinandersetzung und Stellungnahme an.

Wieso heißt das Kreuz aber „Kreuz im Nichts“? Es steht doch im Friedhof, auf der Erde. Möchte der Künstler damit vielleicht die Angst vieler Menschen ansprechen, dass wir mit dem Tod in den Abgrund des Nichts fallen? Möchte er damit vielleicht sagen, dass gerade in diesem Nichts des Todes das Kreuz Jesu aufgerichtet ist – wie ein Rettungsanker – und vom Leben erzählt, der dem Tod folgenden Auferstehung? Dass Gott die Seinen nicht fallen lässt? Ich spüre, wie dieses Kreuz von Gottes Macht und Schutz erzählt, den er allen gewährt, die sich zu ihm flüchten (vgl. Ps 71). Die vier Kreuzesarme scheinen sich tröstend über den Trauernden zu neigen, Geborgenheit in der Einsamkeit des Verlustes gewährend. Wer will, kann sich unter die dicke Steinplatte stellen oder an die mächtigen Eichenstämme anlehnen und etwas davon spüren.