Große Umarmung

Es ist der Vorzug des Künstlers, mit seiner Bildsprache etwas anschaulich zu machen, was jenseits unseres sprachlichen Ausdrucksvermögens liegt. Dabei ist auch das Dargestellte oft nur eine Art vermittelnde Brücke zum Unsichtbaren, das wir wohl wahrnehmen, aber eben nicht sehen können.

Im Bild von Christiane Vincent-Poppe begegnet uns vor einem blauen Hintergrund eine mächtige Licht-Erscheinung. Ihr hellster Punkt leuchtet wie eine Sonne aus der Tiefe dieser Erscheinung. Sie schwebt über einem schalenförmigen Bündel Striche, die auch als Sessel, Arme oder Flügel gesehen werden können – je nach Betrachtungsweise.

Dynamische Energie geht von diesem Lichtkreis aus. Energie, die sich auf der rechten Seite der „Sonne“ sichtbar zu materialisieren scheint und im Gegenuhrzeigersinn stärker werdend letztlich in den schalenförmigen Grundbogen einfließt. Dabei lassen die roten Teile an Blut und Liebe denken – Basiselemente des Lebens, die uns Geschaffenen unaufhörlich aus dem unerschaffenen Licht zukommen.

Diese starke Ausstrahlung wird durch einen weißen Lichtschleier verstärkt, der die Erscheinung kreisförmig durchwirkt und verklärt. Alles ist voller Leben bei dieser Gestalt, die im Himmel zu schweben scheint und ihn durch ihr Licht gleichzeitig in wunderbaren Farben zum Leuchten bringt.

So sehr das Auge bei dieser faszinierenden Erscheinung verweilt, es vermag seine Gestalt nicht auf ein bekanntes Bild zu reduzieren. Einzelne Elementkombinationen ergeben das Brustbild eines Menschen mit weit ausgebreiteten Armen. Durch die lichte Ausdehnung können seine „Arme“ aber auch als „Flügel“ wahrgenommen werden, wodurch sich die Gestalt eines geflügelten Wesens ergibt, das dennoch weder als Taube, als Engel oder als Geist bezeichnet werden kann. Dazwischen, bedingt durch die symmetrische Ausdehnung der Erscheinung, Gedanken an ein Kreuz. – Ein Kreuz, das vom Licht erfasst und durch es verwandelt selbst zur Lichtquelle geworden ist.

In der angedeuteten Form des Gabelkreuzes, einem weit in die vorchristliche Zeit zurückreichendes Symbol für den Lebensbaum, steht es für das Leben schlechthin. Und obwohl man in der Römerzeit dieses Symbol des Lebens zum Werkzeug für den schimpflichsten und unehrenhaftesten Tod pervertierte, hat es durch die Auferstehung Jesu seine positive Zeichenkraft beibehalten. Freilich steht es jetzt auch für den Tod, den der Gekreuzigte mit aller Qual, mit aller Verlassenheit und aller Verzweiflung erlitten hat, ausgeliefert der Frage: Mein Gott, warum …?

Die Antwort – die auch unseren Warum-Fragen einen Sinn geben könnte – ist hier als geheimnisvolles Geschehen ins Bild gesetzt. Es vermittelt erkennbar, aber nicht fassbar, nah und doch entrückt den Übergang in eine andere Wirklichkeit, in der Sprache der Bibel: ins Paradies.

„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Diese alttestamentliche Frage, die das Sehnen der Menschheit über den Tod hinaus ausdrückt, hat Paulus an die Korinther konkretisierend auf Jesus als den „Erstgeborenen“ bezogen. Und wir „Nachgeborenen“ haben diese Frage bewahrt bis auf den heutigen Tag mit aller Sehnsucht und aller Hoffnung, die in ihr steckt.

Gerade in einer Zeit, in der der Tod nicht mehr die selbstverständlich ins Leben gehörende Rolle spielt wie einst und seine „Öffentlichkeit“ ins Private, ja ins Verborgene und in die Anonymität von Kliniken und Abdankungshallen gedrängt wird, andererseits durch die täglichen Berichte über den aberwitzigen, sinnlosen Tod, den Menschen sich selbst und ihren Mitmenschen zufügen, ein Zerrbild des Todes entsteht, bietet das Bild von Christiane Vincent-Poppe eine ermutigende Perspektive.

Wir werden erwartet. Die erhabene Licht-Erscheinung vermag die geheimnisvolle, lichte und weite Offenheit Gottes zu umschreiben, der uns einlädt, auf ihn zuzugehen und uns im Tod vom Leben umarmen zu lassen, in ihn einzugehen und von seinem Licht und seiner Liebe gleichgestaltend durchdrungen und erneuert zu werden. Der Tod ist kein Ende, er ist „Hinübergang“, Ankommen und Vollendung des Lebens.

Mysterium

Auf den ersten Blick könnte man an eine Skizze für die Bühnenausstattung zu einem Mysterienspiel denken: eine tiefe Straßenschlucht öffnet sich zwischen einer hohen, dunklen Hauswand zur Rechten und der Silhouette eines kleineren blauen Hauses zur Linken. Darüber strömen feine weiße Striche wie Nieselregen auf dieses Haus herab, das wohl menschliche Anwesenheit, menschliches Leben andeuten mag.

Zwischen diesen Kulissen dominiert ein leuchtend weißes Objekt, das nach beiden Seiten ausgreift. Trotz seiner vagen Form ist ein Kreuz zu erkennen. Auch wenn es seine Materialität und Schwere verloren hat, lässt es zusammen mit der zackig gezeichneten Gestalt in seinem Innern eine vorausgegangene Kreuzigung oder schwere Leiderfahrung ahnen. Durch den Farbwechsel ist es jedoch zum Symbol von etwas Hellem, Schönen, Sich-mitteilenden geworden. Damit tritt es aus der Dunkelheit hervor und breitet sich schützend über die Menschen und ihren Lebensraum aus.

Zwei Kreisbogen deuten an, dass das am Kreuz Geschehene aus den Wirkungskreisen von zwei unterschiedlichen Interessen heraus entstanden ist. Von unten erhofften die einen den Tod eines unbequemen Zeitgenossen, von oben gab der Unendliche seinen einzigen Sohn als Lösegeld für die Vergehen der Menschen hin, damit sie nicht in der Dunkelheit untergehen, sondern zum Licht und zum Leben gerettet werden.

Können nicht in der helleren blauen und der gelben Fläche unter dem Kreuz nach oben gewandte Menschengestalten gesehen werden? Menschen, die stellvertretend für alle nach Erlösung von ihren Gebundenheiten verlangen? Mit dem Kopf nach hinten strecken sie sich nach Freiheit und Licht aus, nach der Vergebung ihrer Vergehen. – In der goldgelben Flut scheint sie ihnen wie aus einer Wunde des Kreuzleibes zuzufließen: voller Licht, erneuernd, verwandelnd.

So können das Kreuz der Heilsgeschichte und das Leid in jedem Menschenleben ihre spezifische Gestalt und deren harte Konturen und Dunkelheit verlieren. Aber dazu bedarf es des Menschen, der offen ist für diese Wandlung, der das Gute, den Segen, die Gnade, oder wie immer wir es benennen mögen, dieses goldgelb Leuchtende wahrnimmt und aufnimmt.

Kreuzgestalt

Über dem unbehauenen Sockel eines Baumstamms erhebt sich eine kreuzartige Skulptur. Kreuzartig, weil einerseits die Proportionen und die rechteckigen Ausformungen an ein lateinisches Kreuz erinnern, dem allerdings der zentrale „Stamm“ des Kreuzes fehlt, andererseits zwei flankierende Vertikale wie angelegte Arme oder Beine das Kreuz stützen und dabei Assoziationen an eine menschliche Gestalt wecken, der ein Balken durch die Brust gestoßen wurde.

Mit der Kettensäge grob aus dem oberen Teil dieses Stammes herausgearbeitet, kann die Skulptur nicht ohne die Geschichte des Baumes gesehen werden. Im mächtigen Durchmesser sind seine früheren Dimensionen zu spüren, mit dem Wurzelansatz seine Standfestigkeit, in der Ausformung der Rinde seine widerstandsfähige Erscheinung als prachtvoller Kastanienbaum.

Obwohl der Baum seines Lebens und seiner Macht beraubt worden ist, gibt er sich nicht tot. Die Kreuzskulptur ist wie ein neuer Spross aus seinem Stamm gewachsen und damit ein Zeichen der Hoffnung, vielleicht sogar der Auferstehung. In Ruhe und Gelassenheit steht das Kreuz erhöht auf dem Stück Baumstamm. Es neigt sich spielerisch leicht zur Seite, als suche es sein Gleichgewicht; es neigt sich dem Betrachter zu und lädt ihn ein, sich auf seine Eigenart einzulassen.

Indem der Künstler es direkt aus dem „Leib“ des Baumes herausgebildet hat, wurde dessen schwere und massive Erscheinung aufgebrochen, alles Verhüllende entfernt, ja sogar in seiner Mitte ein Durchbruch geschaffen, der Lichtblicke ermöglicht und im neuen Leerraum neue Perspektiven zulässt.

So schmerzhaft und tief diese gewaltsamen Einschnitte im Leben (hier symbolisiert durch das Holz) sind, haben sie nicht auch etwas Erlösendes, Befreiendes an sich? Haben sie nicht – wohl durch das Leid gezeichnet – eine bisher unbekannte Gestalt zum Vorschein gebracht, die von einer zeitlosen immateriellen Mitte geprägt ist, einem Freiraum unter dem Kreuz, der ihm eingeschrieben ist? Einem Freiraum, der jedem Menschen innewohnt und für seine geistige Freiheit lebensnotwendig ist?

Konnte nicht Jesus, für den diese Kreuzgestalt durchaus Symbol sein kann, unbeirrt und gewaltfrei seinen Weg bis zum Tod am Kreuz gehen, weil er zutiefst in seinem Wesen von seinem unsichtbaren Gott und Vater geliebt und gehalten wurde? Wie die Skulptur sich in der großen schönen Kirche sperrig und unangepasst gibt und dadurch zum Nachdenken über die eigenen Werte und das eigene Tun anregt, hat sich Jesus mit seinen Worten und Taten den Menschen seiner Zeit in die Quere gestellt.

Damit spricht die Skulptur auch uns Betrachter an und wirft die Frage auf, welche geistigen Werte unser innerster Halt sind und uns befähigen, vereinnahmenden totalitären Strömungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft oder Religion entgegenzutreten, ihrer Gewalt um keinen geringeren Preis als dem des Lebens Widerstand zu leisten – für die Freiheit des Lebens!

Diese Arbeit von Felix Droese war bis zum 9. April 2007 im innovativen Kreuzweg des ökumenischen Ausstellungsprojektes „VESTIGIA CRUCIS / Kreuzspuren – Gegenwartskunst in 14 kath. und evang. Kirchen im Landkreis Tuttlingen“ zu sehen. Zur Ausstellung erschien ein Katalog (48 Seiten, ISBN 3-932764-16-1, 8 Euro).

Leid und Flucht

Die Farben des Bildes scheinen sich von den beiden rechten Ecken her zur Mitte und nach rechts hin zu verdunkeln. Der lichterfüllte Sand verfärbt sich von oben und von unten her glühend rot, um dann von einer aschgrauen Schicht überdeckt zu werden. Darin sind schwarze Gestalten unterwegs, gerade noch als Menschen erkennbar. Im harten Gegensatz zu den dunklen Menschengruppen leuchtet am oberen Bildrand ein halb verdecktes rundes Licht. Ob es für die Sonne steht, welche das Land einst in warmen Farben leuchten ließ, bevor sie durch die Flammen und den Rauch eines anderen Feuers verdeckt wurde?

Unheil ist aus dem Bild herauszuspüren. Als Betrachter fragen wir uns unwillkürlich, was geschehen ist, dass eine solche Finsternis das Land bedeckt und die Menschen zur Flucht bewegt. Die Farben assoziieren Wüste, Hitze, brennendes Land und verbrannte Erde. Krieg lässt sich erahnen und lässt an die vielen Konflikte in Nahost denken, in denen immer und immer wieder Heimat zerstört und Menschen in Angst und Finsternis gehüllt werden. In Gruppen sind sie in der Sehnsucht nach neuer Sicherheit und Heimat unterwegs.

Von den Menschen sind nur Silhouetten übrig geblieben. Als Schatten geistern sie durch das zerstörte Land, als „verkohlte“ Gestalten, bei denen mit der Umwelt zusammen auch vieles im seelischen Bereich verbrannt und zerstört worden ist.

Das Bild strahlt Trauer aus, aber nicht Trost- und Hoffnungslosigkeit. Denn noch leuchtet die Sonne. Aber sie hat keine Kraft, die Menschen in der Finsternis zu erreichen. Das Bild erinnert auch an das Volk Israel, von dem wiederholt berichtet wird, dass es in Dunkelheit und Finsternis lebt, aber über ihnen ein Licht aufstrahlt (vgl. Jes 9,1; 60,2).

Auch das große Kreuz, das verborgen als Symbol des Leidens und Sterbens über das ganze Bild gelegt ist, spricht die Hoffnung an. Die von Leid und Not betroffenen Menschen sind nicht allein. Jesus Christus hat sich durch sein eigenes Leiden mit ihnen solidarisiert und ist ihnen auf ihrem kreuzwegähnlichen Auszug aus der „heiligen“ Stadt nahe. Er trägt ihre Angst und ihr Leiden mit. Hebt sich im Bereich des linken Randes nicht schemenhaft ein schwarzer runder Kopf vom grauen Hintergrund ab und lassen sich darunter nicht die ausgebreiteten Arme und der Leib des Gekreuzigten sehen? Sein Sieg über Sünde und Tod lassen das warme Rot im Hintergrund in einem ganz anderen Licht sehen: als Künder des neuen Lebens, als Verheißung des neuen Tages, der neuen Zeit nach diesem Schrecken und dieser Not.

Farbe und Form

Ist es ein Kreuz? Oder eher eine kreuzförmige Bildtafel? Die Farbe scheint dem Künstler genauso wichtig zu sein wie die Form oder das Material, aus dem das Kreuz gemacht und auf dem die Farbe aufgetragen ist. Nicht umsonst lassen die splittrigen Bruchkanten uns das aus Holzspänen zusammengeleimte Trägermaterial spüren, aus dem der Künstler im wahrsten Sinne des Wortes Fragmente, also Teile herausgebrochen und wieder zu einem Ganzen zusammengefügt hat.

Um eine rechteckige, stumpfe, graue Mitte gruppieren sich vier in allen Farben leuchtende Kreuzesarme. Gemeinsam sind ihnen die sich nach außen weitende Form und die Übergänge von dunklen zu hellen Farbtönen. Sie unterscheiden sich voneinander in der Farbgestaltung und im jeweiligen Abschluss. Die obere kelchförmige Fläche mit eingewölbtem Bogen (die dadurch in einem formalen Gleichgewicht zu den Seitenarmen steht) beginnt in der Mitte mit einem intensiven Blau, um dann über ein schweres Dunkelrot in ein helleres Weinrot überzugehen. Die untere, größte Fläche beginnt ebenfalls mit einem intensiven, aber anderen Blau als oben, und vermischt sich dann mit Dunkelgrün, bevor sie heller wird und in der symmetrischen Spitze fast weiß ausläuft. Der linke Seitenarm endet in einem Kreisbogen. Der Mitte zu ist seine Farbe noch dunkelviolett, während sie sich nach Außen hin zu einem hellen Lila wandelt. Der rechte Seitenarm dagegen beginnt mit einem dunklen Rot und geht dann langsam in ein warmes Gelb über. Formal endet er in einer asymmetrischen Schräge.

Diese fünf Elemente formen ein lateinisches Kreuz und gleichzeitig ein durch seine außergewöhnlichen Formen und Farben offenes Symbol, das vielerlei Zugänge und Interpretationen zulässt. Von der Gestalt und den Dimensionen her erinnert es an einen Menschen mit ausgebreiteten Armen, der willkommen heißt und in eine mystische Tiefe führt. Ich höre Jesu Einladung: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28) Die gerundete, weinrote Form mag an den Ölberg denken lassen, auf dem Jesus betete: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ (Mt 26,39)

In diesem Kreuz wird Begegnung und Austausch nicht nur sichtbar, sondern durch seine majestätische Erhabenheit und seine satte Fülle auch erfahrbar gemacht. Wer sich diesem Zeichen aussetzt, wird in seiner Niedergeschlagenheit oder Hoffnungslosigkeit aufgerichtet. In diesem Symbol des Kreuzes nimmt ihn Gott gleichsam in die Arme, drückt ihn an sein Herz und lässt ihn seine Wärme, Lebensfülle und Liebe spüren.

Vertrauen – Verwandlung

Die Thematik dieses Bildes ist mit den römischen Schriftzeichen LK XXIII, XLVI und den großen Buchstaben PATER, IN MANUS TUAS eigentlich klar auf die Leinwand geschrieben. Sie verweisen auf die letzten Worte Jesu im Lukasevangelium: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46).

Doch weder ein Kreuz noch ein Gekreuzigter sind zu sehen. Stattdessen eine lichtvolle Erscheinung, die aus einer rechteckigen Form in einen wie von Flammen erfüllten Himmel aufzusteigen scheint. Ebenso erregen eine gelbe Senkrechte im unteren Bereich, ein roter Balken am oberen Bildrand, zwei gemalte Nägel, zwei spiegelverkehrt geschriebene Worte sowie zwei am rechten Bildrand gezeichnete Kreuze die Aufmerksamkeit. Die verschiedenen Zeichen sind in eine fast rechteckige Form eingebettet, deren Seiten im oberen Teil leicht hervorstehen und dadurch ein T-förmiges Kreuz andeuten. Es geht also wohl um die Kreuzigung.

Erinnert die fleischfarbene pastose Form rechts unten nicht an einen menschlichen Körper, der durch einen roten Punkt als Verwundeter gekennzeichnet ist? Die violette Farbe lässt noch das Leiden spüren, dem er ausgesetzt ist. Aber seine Form lässt an einen Baumstumpf denken, dem Zeugen und Überbleibsel eines einst mächtigen Baumes. Alles Leben ist aus ihm gewichen, so scheint es. Doch in Anlehnung an das Heilswort von Jesaja 11,1 wächst zärtlich etwas Neues, etwas wie ein Trieb oder auch ein Gebäude aus diesem Baumstumpf hervor. Dieses nur bei genauem Hinschauen Sichtbare ist von einer wunderbaren Lichterscheinung umgeben und in eine nochmals neue Gestalt überführt. Eine Andeutung auf die Kirche, die aus ihm entstanden ist?

Es ist, als würde der Körper den Worten folgen, die Jesus voll Vertrauen am Kreuz gebetet hat und die sich bereits im feurigen Rot des Himmels verlieren. Die väterliche Liebe ist der Halt, an dem sich Jesus festhält. Dafür könnte der rote Balken stehen, der das Bild am oberen Bildrand horizontal durchquert. Unmittelbar darunter steht mit PATER, IN MANUS TUAS der Anfang der letzten Worte, die Jesus aus der größten menschlichen Tiefe gleich einem Rettungsanker betend zu seinem Vater im Himmel hinaufgeworfen hat: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Das Vertrauen erschließt sich aus dem zweiten Teil dieses Psalmverses (31,6), in dem es heißt: „… du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ Der lanzenförmige Lichtstrahl, der nach unten immer stärker wird, mag die erlösende Gnade Gottes darstellen, assoziiert aber auch einen leuchtenden Hirtenstab, der dem gegeben wird, der durch die dunkle und verlassene Schlucht gehen muss: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps 23,4) Oder leuchtet in dieser gelben Linie gar als Zeichen des Sieges das verherrlichte Kreuz auf, dessen Querbalken mehr erahnbar als sichtbar ist?

Auch die zwei rostigen Nägel, die zur Hälfte über einem Kreis liegen und sich durch ihren Schatten geheimnisvoll von der Leinwand abheben, scheinen über die Kreuzigung hinausweisen zu wollen. Ihre leichte Krümmung lässt ein J und ein C in ihnen erkennen, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Oberhalb und unterhalb von ihnen sind ebenso mysteriös „tse“ und „mudrev“ der Leinwand eingeschrieben, was spiegelverkehrt als EST VERBUM lesbar ist. Diese Botschaft ist uns von der „anderen Seite“ gegeben und sichtbar gemacht worden. Jesus IST das WORT, das von Anfang an bei Gott war und in die Welt gekommen war, um allen Menschen Licht zu sein (Joh 1,2-3.9).

Auch wenn Jesus nach den letzten Worten den Geist ausgehaucht hatte, der ihm von Beginn seiner Menschwerdung und explizit bei seiner Taufe gegeben war (Lk 3,22), bleibt sein Wort bestehen. So luftig und transparent die Farben aufgetragen sind, so lebendig und feurig werden sie – wie er selbst gesagt hat – weiterwirken: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“ (Joh 5,24)

> weitere Informationen zum Zyklus „Sieben Kreuze zu den letzten Worten“

Durchbruch

Bewegung durchzieht das Bild in alle Richtungen. Sie verbindet kommunizierend das unten Liegende mit dem luftig Leichten im oberen Bereich und vollzieht sich in Leserichtung durch den Farbwechsel zum Licht. Die Mitte wird durch die gelbe Lichterscheinung betont, die von oben hereinzubrechen scheint.

Das Bild vermag den Tagesanbruch anzusprechen, bei dem das Licht siegreich aus dem Kampf mit der Dunkelheit hervorgeht. Dabei verdankt das Licht seine Kraft der Macht der Sonne. Letztlich ist sie es, die mit ihren Strahlen die Erde zärtlich berührt und aus dem Schlaf zu neuem Leben erweckt.

Liegt am Boden nicht eine menschliche Gestalt? Das Erdhafte, das auf oder im Boden Liegende, wird tornadoartig über eine kreuzförmige Himmelsleiter in die Höhe gerissen. Jakobs Traum (Gen 28,12-22) von der Treppe, die Erde und Himmel miteinander verbindet, wird sichtbar. Gott steht zu den Seinen, auch wenn sie sich in der Dunkelheit der Sünde oder des Todes zu verlieren scheinen. Gott steigt zu den Menschen hinab, um sie zu erlösen und durch seinen eigenen Kreuzesweg zum ewigen Leben zu führen.

So finden sich Jesu Tod und Auferstehung ebenso in diesem Bild wie seine Worte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25-26) Diese Botschaft scheint das Kreuz in schlangenförmige, tanzende Bewegung zu versetzen und bringt Freude zum Ausdruck. Es ist nicht mehr Ort des Todes, sondern durch Jesus Durchgang zum ewigen Leben. Nach wie vor verbinden sich mit ihm dunkles Leid, Einsamkeit, irdisches Sterben. Durch Jesu Auferweckung von den Toten ist aber der Sieg über Sünde und Tod untrennbar mit dem Kreuz verbunden. Gottes Liebe hat den Durchbruch geschafft und neues, ewiges Leben für alle Glaubenden ermöglicht.

Noch sind die Spuren des Kampfes deutlich zu sehen: Das Durcheinandergewirbelte, Fragmentarische in der Bildmitte, das auch an Jakobs nächtlichen Kampf mit Gott erinnern mag, mit dem er rang, „bis die Morgenröte aufstieg“. Durch die Hüftverletzung lebenslang geprägt, ging er lebend aus dieser Gottesbegegnung „von Angesicht zu Angesicht“ hervor (Gen 32,25-31). Doch die Kraft von oben nimmt überhand und verwandelt übermächtig das ganze Geschehen. Das Kreuz darf vor Freude tanzen: Das Leid und der Tod sind überwunden, die Liebe und das Leben haben die Macht des Bösen und der Sünde gebrochen, durchbrochen, besiegt.

Dem Kreuz gegenüber steht eine lichte Säule. Sie erinnert einerseits an die Wolkensäule, die mit den Israeliten durch das Rote Meer zog und sie rettete (Ex 13,21-14,31), andererseits rückt sie den neuen, aufgerichteten Menschen ins Blickfeld. Wurzelt sie nicht am gleichen Ort wie die „Füße“ der liegenden Gestalt? Wir sind zum Licht berufen (Mt 5,14). Durch Christus leben wir. Unser Leben soll ganz und gar transparent auf IHN hin sein (vgl. Gal 2,20 „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“), damit ER durch uns sprechen kann.

Osterkreuz

Hell leuchtet das Kreuz von der Wand herunter, vom Glas wie von einem Heiligenschein umgeben. Diskret wird dadurch die Ausstrahlung erhöht und in den Raum hineintransportiert. Gleichzeitig gebietet der transparente Rahmen einen ehrfürchtigen Abstand vor dem Heiligen, das am Kreuz geschah.

Die Kreuzform erinnert nach wie vor an die schreckliche Tötungsmethode der Römer, doch sein Inhalt verkündet Licht und Freude. So bringt es zum Ausdruck, dass das Kreuz durch die Auferweckung Jesu zu einem Heilszeichen wurde, welches die Frohbotschaft verkündet: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Erinnert euch …“ (Lk 24,6)

Aus diesem Kreuz strahlt das Licht der Auferstehung. Österliches Licht! Mit zärtlichen Farbspuren, die von erwachendem Leben erzählen, in ihrer diagonalen Anlage Aufstieg andeuten und im lebendigen Strich Spontaneität und Freude spüren lassen.

Ein Kreuz, zu dem man gerne aufschaut. Es erinnert an Jesu Tod , aber auch an die Überwindung durch die Liebe, die Gottvater und -sohn miteinander verbindet. Was Jesus dem Nikodemus voraussagte, hat sich erfüllt: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ (Joh 3,14-17)

Wer zu diesem Kreuz aufschaut, schaut in ein dreifaches Licht: Zuerst in Jesu eigenes Licht (Joh 8,14), dann in das österliche Licht seiner Auferstehung und durch beide hindurch in das Licht seiner Verherrlichung (Eph 1,18-23; Kol 1,16). Wer zu diesem Kreuz aufschaut, erhält Hoffnung und Zuversicht. Er wird gestärkt und ermutigt, wie Jesus in seinem Fühlen, Denken und Handeln Licht zu sein. „Ihr seid das Licht der Welt“, sagte Jesus (Mt 5,14). Das ist unsere Lebens-Berufung, zu jeder Zeit und wo wir uns auch befinden. Ihn gleichsam vor Augen – sein Licht, seine Auferstehung, seine Herrlichkeit – sollen wir ihm ähnlich werden.

„Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt.“ (Hebr 12,1b-2)

Versöhnung

Tatsächlich, die sich vom Hintergrund nur leicht abhebende Gestalt auf dem fast monochrom gestalteten Bild muss Jesus sein. Auch wenn kein Kreuz zu sehen ist, verrät die Körperhaltung seine Kreuzigung. Fast wie bei einem Röntgenbild ist seine Gestalt in ein mystisches Licht getaucht, in dem einzelne Körperpartien in helleren Farbtönen aufleuchten.

Das Leid und der Schmerz sind zu spüren, ebenso die Einsamkeit Jesu. Kein weiteres Lebewesen ist auf dem Bild zu sehen. Eine außerordentliche Stille und ein alles übersteigender Frieden gehen von Jesus aus und lassen ehrfürchtig an seine letzten Worte denken: „Es ist vollbracht!“ Danach neigte Jesus sein Haupt und gab seinen Geist auf. (Joh 19,30)

Das Werk des Vaters ist vollbracht. Jesus hat durch sein Opfer den Menschen Heil und Rettung gebracht. Das quadratische Format mag auf die Welt hinweisen, die störende und irritierende Zweiteilung, die längs durch den Körper läuft, ruft in Erinnerung , dass Jesus durch seinen Kreuzestod Menschen und Welten, die einst durch Feindschaft voneinander getrennt waren, wieder miteinander verbunden hat. Paulus schreibt an die Gläubigen in Ephesus (2,12-16): „Damals wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt. Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet.“

Bleibt in unserer Bildbefragung noch die Bedeutung der mystisch grünen Farbe zu ergründen, die durch zahlreiche Schattierungen von Leben erfüllt ist und im Wechsel mit den schwarzen Flächen an das Licht- und Schatten-Spiel eines großen grünen Feuers erinnert, in dessen Licht sich die bevorstehende Auferstehung anzukündigen scheint.

Mit der grünen Farbe möchte der Künstler aber vor allem einen Bezug zu den Gärten (polnisch „Ogrody“) mit ihren Gräsern, Blumen und Blättern herstellen. In ihnen wird uns im jährlichen Wechselspiel von Werden und Vergehen unsere Vergänglichkeit vor Augen geführt (vgl. auch Ps 102,12; 90,5-6). Mit dem Garten verbunden ist aber auch unsere Sehnsucht nach dem (verlorenen) Paradies. Im Orgrody-Grün wird Jesu Verkündigung vom Reich Gottes angesprochen. Darin lässt der Künstler die Dimension der Versöhnung anklingen, wie sie dem gottesfürchtigen Verbrecher am Kreuz auf seine Bitte hin geschenkt worden und uns allen verheißen ist. Der gute Schächer sagte: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Und Jesus antwortete ihm: „Amen ich sage dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,42-43)

Kreuzauflegung

Weiß und wie eine Wolke, in den Konturen luftig zerzaust schwebt das Kreuz in diesem rot-gelben Bildraum. Links unter ihm eine mit gelben Linien skizzierte Menschengestalt. Über dem Kreuz helle Lichtpunkte, die an einen Sternenhimmel denken lassen, und eine rosafarbene Wolke.

Mit diesen wenigen Angaben lässt sich das Geschehen schwer einem Ort oder einer Zeit zuordnen. Außer dem Menschen gibt es keine irdischen Anhaltspunkte. In gewisser Weise ist dem Geschehen der Boden entzogen worden, spielt sich die Szene irgendwo im kosmischen Weltenraum ab. Nur der rot leuchtende Nebel bildet in der raum- und zeitlosen Weite ein äußerst vergängliches Gewand und einen minimalen Sichtschutz für das schändliche Vorgehen: Dem Mensch gewordenen Sohn Gottes wird das Kreuz aufgebürdet, damit er es zur eigenen Folterstätte trage und dort an ihm den Tod erleide.

Die blutrote Kulisse und die weiße Kreuzform mögen auf die Passion hinweisen. Doch wer mag die Gestalt unter dem Kreuz sein, und wieso ist das Kreuz leuchtend weiß, und leicht und schwebend wie eine Wolke dargestellt? Zum Verstehen des Bildes ist die Bilderfolge des Kreuzweges wichtig, in der es sich befindet. Aus ihr geht hervor, dass der Künstler Jacques Gassmann den Kreuzweg aus der Sicht von Jesus gemalt hat. Beim Malen nahm zuerst der Künstler Jesu Sichtweise an. Nun stehen wir Betrachter an seiner Stelle und werden durch die Bilderfolge in den Leidensweg von Jesus hineinversetzt.

So sehen wir unter dem Kreuz den einen Menschen stellvertretend für alle Menschen, die ihm vor Wut glühend zurufen: „Ans Kreuz mit ihm!“ (Mt 27, 22f) Das schwebende Kreuz mag andeuten, dass Gott es zugelassen hat, dass die Menschen seinem Sohn das Kreuz aufgelegt haben (Mt 26,39.42). Weil es Gottes Wille ist, kann das Kreuz als geistige Last gesehen werden, die von „oben“, also von Gott her gegeben ist.

Umgeben vom „Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28), mag das lichte Kreuz auf die Unschuld und die Reinheit von Jesus hinweisen, wie sie im Hebräerbrief (7,26) beschrieben ist: „Ein solcher Hoherpriester war für uns in der Tat notwendig: einer, der heilig ist, unschuldig, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel.“

Von dieser Kreuzauflegung am Anfang der Passion Jesu Christi geht unser Blick letztlich bereits zum Ende des Kreuzweges. Das an diesem Kreuz vergossene Blut wird alle Menschen, die sich gläubig unter das Kreuz stellen und um Vergebung bitten, überströmen und Versöhnung und Heil schenken. So gesehen kann die gelbe Farbe des Menschen auch so interpretiert werden, dass er unter dem Kreuz zum Glauben gekommen ist (vgl. Mt 27,54) oder wie der weise Simeon beim Anblick des Gottessohnes Segen erfahren hat: „… meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ (Lk 2,30-32).

Beschützend

Absolut gleichmäßig zeigt sich die Skulptur dem Betrachter. In einer geometrisch strengen Formensprache hat der Künstler eine verblüffend einfache und schöne Skulptur geschaffen. Auf einer quadratischen Basis hat er vier Giebel aus dem Holz herausgearbeitet, welche zusammen ein Dach ergeben, das an ein Turmdach oder ein Zelt erinnert. Auf dem First dieses Daches zeichnet sich eine schlichte Kreuzlinie ab.

Die Kreuzlinie dieser Skulptur sticht nicht als erstes in die Augen. Sie ist nicht als eigenständiges Element herausgearbeitet, sondern entsteht aus der Zuspitzung der an ein Dach erinnernden Flächen. Die Kreuzlinie ist so unauffällig in die Skulptur integriert, dass sie als Heilszeichen wahrscheinlich nur dem Gläubigen auffällt und er sie mit dem Kreuzestod und der Auferstehung seines Herrn Jesus Christus zu verbinden vermag.

Wenn das Kreuz auch nicht sofort ersichtlich ist, ragt die Kreuzlinie doch mit einer großen Präsenz in den Raum hinein. Durch die Basis und das Pappelholz ist sie erdverbunden, doch durch die Dachform hebt sie sich vom tragenden Untergrund ab. Als äußerste Erscheinung des in die Weite des Raumes ragenden Daches wohnt diesem Kreuz etwas Körperloses und Geistiges inne und wird gerade dadurch zur Brücke in den „Himmel“ oder anders gesagt, in die unsichtbare Welt Gottes, welche die Schöpfung dieser Welt überwölbt und durchdringt.

Die Dachform ergibt sich auch aus dem Umstand, dass der Raum zwischen Basis und Giebel herausgesägt worden ist. Dadurch ist ein Leerraum, ein unbesetzter, freier Raum unter dem kreuzförmigen Dach entstanden: Ein geistiger Schutzraum unter oder hinter dem Kreuz (je nach dem, ob das Objekt auf dem Schreibtisch aufliegt oder an der Wand hängt), der vom Licht durchflutet einen Zufluchtsort bildet. Wer sich unter den Schutz Gottes und damit auch des Kreuzes begibt, wird dort Geborgenheit und Lebensraum finden, die ihn für den Alltag stärken. Die Skulptur ist einerseits Antwort auf die Sehnsucht nach Nähe zu Gott, wie sie im Psalm 61,5 zum Ausdruck kommt: „In deinem Zelt möchte ich Gast sein auf ewig, mich bergen im Schutz deiner Flügel“, andererseits verbindet sie mit dem stärkenden Wort aus Psalm 27,5: „Denn er birgt mich in seinem Haus am Tag des Unheils; er beschirmt mich im Schutz seines Zeltes, …“

Die Skulptur fordert somit diskret zur geistigen Einkehr im „Büro“-Alltag aufund verbindet den Gläubigen mit Gott, der ihm innere Freiheit und Weite im Denken und Handeln zu schenken vermag. Der Freiraum unter dem Zeltdach lädt aber auch ganz konkret ein, Gott niedergeschriebene Anliegen oder Fotos von Menschen „unterzuschieben“, die der Hilfe und des Schutzes bedürfen, damit auch sie Seinen Beistand und Seine Liebe erfahren.

Himmelfahrt

Dunkel durchquert der lange schmale Stahlträger den Chor der Universitätskirche in Freiburg / Breisgau in ihrer ganzen Höhe. Daran hängt in überwältigender Größe und Gestalt ein ausgemergelter Menschenkörper, dessen Kopf von einer dichten Dornenkrone mit langen Dornen verdeckt ist. Kein vom Leiden gezeichnetes Gesicht, keine ausgebreiteten Arme sind zu sehen. Soll das Jesus, der Gekreuzigte sein? Der überlange Stahlträger ein Kreuz?

Vieles an diesem Kreuz ist anders – und regt gerade deswegen zum aufmerksamen Hinschauen und Nachdenken an.

Der Stahlträger verbindet den Boden mit der Decke – oder anders gesagt den Himmel mit der Erde. Der an ihm hängt, ist ein Vermittler zwischen diesen beiden Polen. Ist Jesus nicht in unsere menschliche Armut hinabgestiegen und hat den Tod auf sich genommen, um die ganze Menschheit zu erlösen und zu Gott zu führen? Drei Goldplättchen am oberen Ende rufen seine Zugehörigkeit zur göttlichen Dreifaltigkeit und seine Herrlichkeit in Erinnerung.

Die visuelle Basis des vertikalen Kreuzbalkens bildet der Altar. In den eucharistischen Gaben wird Gottes Sohn immer wieder in der Mitte seines versammelten Volkes gegenwärtig. Er schenkt uns Anteil an seinem göttlichen Leib, damit wir auf dem oft nicht einfachen Weg unserer Menschwerdung durchhalten, bis zur Vollendung durch IHN.

In diesem Erde und Himmel verbindenden Kreuz ist auch eine Aufwärtsbewegung zu beobachten. Kein horizontaler Kreuzbalken hält die Rückkehr zum Vater auf, keine festgenagelten Hände. Der Betrachter schaut wie die Jünger „unverwandt“ zum entschwebenden Herrn auf, der „zur Rechten Gottes, des Allmächtigen“ erhöht Platz genommen hat.

So wie der Leidensweg zentral im Leben Jesu steht, hat es der Künstler Franz Gutmann schmerzvoll in der Mitte seiner Kreuzskulptur zum Ausdruck gebracht. Ohnmacht geht von diesem abgemagerten, armlosen Körper aus. Bewegungslos wird Jesus durch die Nägel gemacht. Gekrönt wird die Gestalt durch den riesigen Dornenkranz. Das Dornengeflecht nimmt den Platz des Kopfes ein, ihn einsperrend, überwältigend.

Doch alles Menschenwerk kann Gottes Wirken nicht aufhalten, fesseln. Gott, der in diesem Menschen in seiner Fülle gewohnt hat, strahlt durch alles hindurch.

Vom Licht ergriffen

In gelbes Licht gehüllt zeigt sich dem Betrachter ein mehr- schichtiges Geschehen auf dieser kleinen quadratischen Glasplatte.

Zentral changiert ein lateinisches Kreuz mit einer menschlichen Gestalt. Weder Beine noch Arme sind zu erkennen. Der Oberkörper ist lediglich durch eine breitere Strichführung zu erahnen. Eigentlich weist nur der von einem rötlichen Heiligenschein umgebene Kopf auf den Menschen hin, der durch seinen Erlösungstod untrennbar mit dem Kreuz verbunden wurde: Jesus!

Bei diesem Kreuz spricht nichts von den Leiden, die er durchmachen musste. Farben und Formen wie das alles durchdringende Licht sprechen vielmehr von der Überwindung des Kreuzes: der Auferstehung. Das vorherrschende Gelb kündet von der Verherrlichung Jesu (vgl. Joh 17,1) durch seinen Vater. Jesus ist das Licht der Welt, das alle Menschen erleuchtet und das nun durch seinen Kreuzestod offenbar geworden ist (vgl. Joh 8,12; 1,9).

Die ganze Darstellung ist weiter in die breite Form eines Taukreuzes (T) eingebettet, welches als Zeichen der von Gott Auserwählten und Beschützten (Ez 9,3-6) gesehen werden darf. Jesus ist der geliebte Sohn, an dem der Vater Gefallen gefunden hat. (vgl. Mt 3,17). Und Petrus verkündet in seiner Pfingstpredigt: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt …, er ist durch die rechte Hand Gottes erhöht worden.“ (Apg 2,32-33). Dieses Taukreuz erscheint mir wie ein Thron, von dem aus Jesus die Weisheit Gottes verkündet. Von Kindheit an hatte seine Weisheit zugenommen (vgl. Lk 2,52) und in ihm als Gekreuzigter offenbart sich „Gottes Kraft und Weisheit.“ (1 Kor 1,23-24)

Auch die untere Hälfte der Mandorla, die den Oberkörper von Jesus umfängt, weist über die Kreuzigung hinaus auf die Auferstehung. Der Gekreuzigte wird von einer Macht, die sich „vom Himmel her“ voller Erbarmen (blaue und rote Farbe) über ihn neigt, ergriffen und in sie aufgenommen. Die Mandorla ist hier als eine der archetypischen Formen des Weiblichen zu verstehen, als Hinweis, dass Jesus aus dem Geschehen der Kreuzigung heraus zu neuem, himmlischen Leben „wiedergeboren“ wurde.

Hat die Künstlerin vielleicht deshalb den Leib Jesu nur strichartig dargestellt? Weil nicht seine irdische Form für uns wichtig sind, sondern was dieser Leib durchgemacht hat, welche Worte und Erfahrungen sich in diesen Leib eingeschrieben haben? Insofern kann der Anblick dieses Auferstehungskreuzes dem Gläubigen frohe Erinnerung sein, dass er in der Taufe auf den Tod Jesu begraben, mit Christus aber auch durch Gott zu neuem Leben in seinem Geist auferweckt ist (vgl. Röm 6,4). Dieses Glasbild mag still daran erinnern, dass Himmel und Erde sich in jedem Menschen berühren und durchdringen – und dass es an uns ist, Gott für sein Geschenk der rettenden Zuneigung zu antworten: wie eine aufbrechende Blüte oder ein in den Himmel wachsender Baum!

bewegend

Eine stehende Person ist aus den vielen Umrisslinien heraus zu erkennen. Hervorgehoben durch die breite dunkle Linie scheinen Beine und Oberkörper einen festen Platz zu haben, während die Arme von seitlich bis nach oben ausgestreckt in unterschiedlichen Positionen variieren. Auch im Hüftbereich weichen die Linien vom „Hauptstrom“ ab.

Der Künstler Hans Thomann hat den Corpus von über 30 Kreuzen in den Umrisslinien aufgezeichnet.
Die unterschiedlichen Armhaltungen des gekreuzigten Jesus ergeben übereinander eine Bewegung, die dem Auf und Ab eines Flügelschlages nicht unähnlich sind. Zusammengefasst verleihen sie dem irdisch schweren Körper von Jesus so etwas wie Flügel und erhält er die Leichtigkeit eines Engels.

Das Kreuz, an dem Jesus mit Nägeln festgehalten und das ihn noch mehr als sonst an die Erde gebunden hat, ist überwunden. Von seiner Gestalt sind die Umrisse der vielen Darstellungsformen übriggeblieben, vom Licht umgeben und durchflutet. Aus dem Gekreuzigten ist so ein Auferstandener, aus dem Festgehaltenen ein sich Bewegender, aus dem irdischen ein geistiger Leib geworden (vgl. 1 Kor 15,44-49).

Durch die erhobene Handhaltung kommt mir Psalm 47 in den Sinn, wo es heißt: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!“ Die übereinander gezeichneten Gestalten könnten auch für uns Menschen stehen, die über einander folgende Generationen hinweg vor Gott stehen und den Tod und die Auferstehung seines Sohnes feiern.

Die weiteren Verse des gleichen Psalms könnten aus einem solchen Gottesdienst stammen und würden durch die Rede vom Aufstieg und dem Sieg gut in den Kontext dieses Kunstwerkes passen: „Gott stieg empor unter Jubel, der Herr beim Schall der Hörner. Singt unserm Gott, ja singt ihm! Spielt unserm König, spielt ihm! Denn Gott ist König der ganzen Erde. Spielt ihm ein Psalmenlied! Gott wurde König über alle Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron. Die Fürsten der Völker sind versammelt als Volk des Gottes Abrahams. Denn Gott gehören die Mächte der Erde; er ist hoch erhaben.“  (Verse 2.6-9)

Verwandeltes Leben

Es muss des Nachts geschehen sein, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Denn wie „Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab kam, sah sie, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ (Joh 20,1)

Wie durch den offenen Eingang der Grabkammer hindurch scheint der Künstler das verborgene Geschehen der Auferstehung zu beobachten. Nur die golden leuchtende Gestalt des Gekreuzigten ist zu erkennen. Von innen her leuchtet er, ja glüht er wie flüssiges Metall im Schmelzofen. Verwandlung wird hier angesprochen. Noch ist seine Gestalt vollkommen menschlich, aber bereits durchdringt ihn das göttliche und ewige Leben. Johannes sah bei seiner ersten Vision einen, der wie ein Mensch aussah: „Seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht“ (Offb 1,15) und der Prophet Jesaja spricht sinnbildlich von Gott als dem „verzehrenden Feuer“, der „ewigen Glut“ (Jes 33,14).

Im Gegenlicht zeichnet sich das Kreuz auf dem Rücken von Jesus wie ein Prägemal ab. Auch als Auferstandener ist Jesus der vom Kreuz Gezeichnete. Jesus hat das Kreuz auf sich genommen und durch den Tod hindurchgehend das Leben gewonnen. Das ewige Leben – für ihn und uns alle! (vgl. Mt 10, 38-39) Das ist die frohe Botschaft: „Er [Christus] hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht …“ (1 Tim 1,10)

Mit der dunklen Metallplatte deutet der Künstler sinnbildlich den Tod an. Wie eine Mauer, kalt und drohend, steht er unausweichlich vor uns. Aber der Tod wird nicht unser Ende sein, sondern Durchgang. Paulus erklärt dies den Gläubigen in Korinth so: „Seht, ich enthülle euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden – plötzlich , in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden zur Unvergänglichkeit auferweckt, wir aber werden verwandelt werden. Denn dieses Vergängliche muss sich mit Unvergänglichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. Wenn sich aber dieses Vergängliche mit Unvergänglichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit, dann erfüllt sich das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod vom Sieg.“  (1 Kor 15, 51-54; vgl. Jes 25,8)

Durch seinen Kreuzestod hat Jesus uns das Tor in seine Welt aufgestoßen, die Welt seines Vaters. In ihm kommt das Neue verdichtet zum Ausdruck – im  Bild durch die mit Blattgold ausgelegte Vertiefung, die Wärme und Lebendigkeit ausstrahlt. Jesus ist und bleibt die Einladung, ihm zu folgen, hier wie dort.

Dass uns dabei geholfen wird, dafür könnte die kosmisch anmutende Spur über dem Kopf von Jesus ein Hinweis sein. Denn auch Jesus ist nicht aus eigener Kraft auferstanden, sondern von seinem Vater auferweckt worden (vgl. Gal 1,1). Ebenso hat Jesus seinen Jüngern den Heiligen Geist verheißen. Er wird sie lehren und an seine Worte erinnern (Joh 14,26), damit sie wie Jesus Zeugen der Liebe Gottes sein können (vgl. Apg 1,8).

Weitere hervorragende Bildbetrachtungen von Karl Josef Kuschel finden Sie in dem mit Rudolf Kurz herausgegeben Buch Lebensspuren, ISBN 3-7966-1066-8, Schwabenverlag 2002.

Aufschrei

Ungewöhnlich, diese Steinskulptur. Spannungsgeladen biegt sich dieser menschliche Oberkörper. Die im Lichtschein schwach aufleuchtende T-Form aus Stahl lässt in ihm einen Gekreuzigten erkennen, einen am Kreuz Gehängten. Sein Körper ist übersät von rostbraunen Flecken, die an getrocknetes Blut erinnern (Eisenoxyd im Stein, das durch den Künstler freigelegt worden ist) und Kerben wie von Peitschenhieben.

So sehr der Tod diese verstümmelte Gestalt prägt – die Arme sind auf Stümpfe reduziert, der Kopf ist abgeschlagen, die Rippen und die beiden Beine weggehauen – , so ist das Leben doch noch nicht aus ihr gewichen.

In den Adern des Stein-Körpers scheint das Blut noch zu pulsieren. Der muskulöse Körper hält sich mit aller Kraft am Leben. An einem Arm hängend krümmt er sich vor Schmerz und schreit sein Leid in einem einzigen stummen Schrei in die dunkle Nacht hinaus. Mit dem nach oben gerichteten Arm scheint er klagend auf seinen Schöpfer zu zeigen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?“ (Ps 22,2)

Ich höre auch den sehnsüchtigen Ruf nach Hilfe: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen.“ (Ps 130,1-2) – Dieses Schweben zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod kann doch nicht alles sein! – Der Psalmist betet weiter: „Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen.“ (5-6)

Dieses verzweifelte und doch vertrauensvolle Aufschreien ist aus diesem Torso herauszuhören. Das Leid wird ausgehalten, weil sich dieser Mensch mit letzter Kraft an DEM festhält, der das Leben selber ist. Dieses „gehalten Sein“ gibt ihm eine unauslotbare Tiefe und ist in seiner ausdrucksstarken Oberfläche zu spüren.

Karl Josef Kuschel schreibt im Buch „Lebensspuren“ (S. 37f) dazu: „Die Arbeiten von Rudolf Kurz holen an die Oberfläche, was im Menschen steckt oder was Menschen Menschen zugefügt haben. Sie beschönigen nichts; polieren nichts glatt; sind nicht „schön“. Aber alles an ihnen ist wahr: die Narben und die Risse; die Wunden und die Flecken; die Kratzspuren und die Kerben in der Haut. Der Künstler zeigt das ohne Rücksicht auf Gefühle. Was wir gewöhnlich überdecken oder überspielen, nicht wahrhaben oder zeigen wollen, macht er öffentlich, stellt er aus bis zur Penetranz. Es ist, als habe er seinen Figuren die Kleider vom Leib gerissen, um uns Betrachtern keine Möglichkeit des Ausweichens zu geben, des Überdeckens, des Beschönigens: Seht, das ist der Mensch, und das ist es, was aus Menschen werden kann.“

Weitere hervorragende Bildbetrachtungen von Karl Josef Kuschel finden Sie in dem mit Rudolf Kurz herausgegeben Buch Lebensspuren, ISBN 3-7966-1066-8, Schwabenverlag 2002.

Lebensweg

Drei künstlerische Arbeiten, die durch ihre Größe, Materialbeschaffenheit und Anordnung einander zugeordnet sind. Sparsam wurde mit verschiedenen Papieren, dem Stroh und der Farbe umgegangen. Material und Formen sollen für sich sprechen.

Links aus Stroh eine Ringform, darüber ein waagrechter schwarzer Balken, beide auf einem stark strukturierten, eingefalteten Papier. In der Mitte fällt das gerollte und vielfach eingerissene Papier auf, aus dem ein schwarzes T herausragt. Die Ringform des ersten Bildes ist als Rolle in die Höhe gewachsen. Strohreste sind an dieser Rolle sichtbar, die zerbrechlich geblieben ist, anfällig für Risse und Zerstörung. Im T wird die Waagrechte von links weitergeführt. Mit der in die Rolle hintauchenden Senkrechten aber gleichzeitig geerdet. Die T-Form könnte auch die Vereinfachung eines Kopfes sein, die Papierrolle der Mantel, der ein unfassbares Wesen umhüllt.

Eine weitere Steigerung ist beim dritten Bild zu beobachten. Rolle und Kreuz sind gewachsen und berühren fast den oberen Bildrand. Die vorher schmutzig anmutende Rolle strahlt nun in reinem Weiß, sie ist bis auf einen Riss im oberen Bereich unversehrt. Das Kreuz ist in beiden Richtungen breit und stark geworden, der waagrechte Balken nun golden verklärt.

Spannungsvoll und zurückhaltend erzählt die Künstlerin damit vom Leben. Wie es aus der göttlichen Ewigkeit heraus in unsere irdische Armut hineingeboren wird (Symbol dafür ist der Strohring) und sich auf dem senkrechten Trägerpapier entfaltet. Noch ist es nach hinten gefaltet. Es will Nährboden sein, damit etwas Schönes und Großes entstehen kann. Sieht der Strohring nicht auch wie eine Krone aus, die das Leben krönt?

Doch von Glanz ist keine Spur zu entdecken bei der ärmlichen Gestalt in der Mitte. Das Papier umschließt nun zwar einen eigenen Lebensraum, aber dieser erweckt den Eindruck von Leid, Tod und Vergänglichkeit.

Dem gegenüber wird im dritten Bild vom Leben die Auferstehung verkündet: Durch Leid und Tod hindurch ist das Leben nicht zerstört, sondern größer, stärker, schöner und ganzheitlicher geworden. Im Kreuz leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf, die allen verheißen ist, die im Glauben, der Hoffnung und der Liebe auf ihn zuwachsen. Gott selbst ist es, der unsere Armut mit seinem Erbarmen krönt – mit der Vergebung der Sünden und der Aufnahme in den Himmel.

In diesem Triptyk leuchtet für mich die Überzeugung und Hoffnung des Apostels Paulus auf, wie er sie an die Gemeinde in Rom geschrieben hat: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. (…) Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. (..) Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei.“ (Röm 8,18.20f.28f)

Einsicht

Eine verwirrende Vielschichtigkeit kommt mir auf diesem Bild entgegen. Auf dem dunklen Hintergrund reflektieren Fenster, Gesichter, ein Buch und lichtes Blätterwerk um ein zentrales Kreuz mit klaren Konturen.

Wie eine Geschichte gruppieren sie sich um das Kreuz als Symbol für den Opfertod Jesu. Auf ihm ist allerdings nicht der Gekreuzigte zu sehen, sondern von rechts unten wächst grünes Blätterwerk ins Kreuz hinein und belebt es. Dadurch ist es nicht ein Kreuz des Todes – davon erzählt nur noch ein roter Fleck –, sondern vielmehr ein Zeichen der Auferstehung und des Lebens. Der dunkle Spalt rechts unten im Ockergelb des Lichtfensters, es könnten Felsbrocken sein, erinnert an das offene Grab, ohne welches das Verständnis vom Kreuz für immer verdunkelt bleiben würde.

Nachdenklich neigt sich der zur Hälfte gezeigte Frauenkopf dem Kreuz zu. Eine gedankliche Verbindung ist zu spüren, ein Anlehnen an diese Kreuzerfahrung, ein gegenseitiges Durchdringen und Austauschen in der Stille. Vom Rand zur Mitte und von der Mitte zum Rand alle Lebensbereiche auszuloten.

Auf der anderen Seite des Kreuzes sind nur schattenhafte Konturen auszumachen. Ein weiteres Gesicht ist nicht herauszusehen. Sind es schwache Erinnerungen an Menschen, mit den ich besonders durch das Kreuz und den Glauben verbunden bin? Hier könnte eine Verbindung mit dem Buch, vielleicht einem Tagebuch, bestehen, in dem diese Begegnungen über das lose Notizblatt hinaus festgehalten worden sind. Wie wir Menschen der Gegenwart ein Gesicht geben, erhält aus solchen Erzählungen die Vergangenheit ein Gesicht.
In Anlehnung an den „hortus conclusus“ – den von der Außenwelt abgeschlossenen Garten, in dem sich Maria mit dem Christuskind aufhält – hat die Künstlerin Käthe Haase Kornstein die Begegnung mit Gott in mystische Farben getaucht.

Wie Jesus seine Zeitgenossen beim Almosen geben, Beten und Fasten eingeladen hat, in der Stille des Herzens und in der Abgeschiedenheit vom hektischen Alltag die Zweisamkeit mit dem himmlischen Vater zu suchen (vgl. Mt 6,4.6.18), so lädt mich dieses Kunstwerk ein, die Stille aufzusuchen, um dort auf Gottes Wort zu hören.

Das Foto ist mir Anregung, meinen eigenen hortus conclusus zu suchen, den Ort der Einkehr, Besinnung und der mystischen Zwiesprache mit Gott. Ein Ort, wo geistliche Anregungen in mir auf fruchtbaren Boden fallen können, Neues in mir aufbrechen lassen, vielleicht auch tot Geglaubtes wiederbeleben, in neuer Kraft, wie das Grün des Kreuzes.

Die beiden Fenster im oberen Bildteil könnten dann als Lichtblicke interpretiert werden – oder als lichte Flügel, die uns durch die vertieften geistlichen Einsichten über die bisherigen Horizonte hinaustragen.

Offenheit

Eine Holzskulptur aus einem Stück. Saubere, gerade Schnitte, die aus dem gewaltigen Stück des Baumstammes das Außen und Innen entfernten, bis nur noch diese fragile Hülle übrig blieb. Die genaue Verarbeitung, die ausgewogenen Proportionen und die Symmetrie stechen ins Auge – und wie die Skulptur auf der einen Seite gesprungen ist.

Beim Trocknen muss die des Holzes eigene Kraft überhand genommen und die streng geometrische Figur auf der einen Seite aufgebrochen, ja mit Urkraft aufgesprengt haben. Mit diesem „Aufbruch“ ist das Holz gerade durch seine Materialeigenschaft ein weiteres Mal entscheidender Mitgestalter geworden. Die Spannkraft des Holzes hat den geraden Linien weiche Biegungen verliehen, den mit vielen gleichen Öffnungen versehenen Körper noch weiter geöffnet und ihm dadurch eine Richtung verliehen.

Mir gefällt die Offenheit dieses Holzkörpers. Hier wird ein Raum umschlossen und doch offen gelassen. Ob es am Gleichgewicht zwischen dem einsehbaren Innenraum und der umgebenden Außenhaut liegt? Oder am einfühlsamen und respektvollen Umgang des Künstlers mit den Eigenheiten des Holzes, dessen Spuren überall zu sehen sind?

Die Skulptur ist auch offen in Bezug auf die Form. Man kann ein dreidimensionales Kreuz drin sehen. Allerdings würde sie auf einer ihrer quadratischen Öffnungen stehend viel von ihrer Dynamik verlieren. Diagonal stehend multipliziert sie hingegen unzählige Einblicke und Durchblicke, ermöglicht sie spannende Einsichten und Begegnungen durch das Spiel von Licht und Schatten auf den Flächen, Kanten und Hintergründen.

Die Skulptur weckt bei mir mit ihrer Einfachheit und Formschönheit das Staunen. Aus einem neuen Motiv heraus höre ich in mir die Worte des Psalmisten: „Kommt und seht die Taten Gottes! Staunenswert ist sein Tun an (und durch) den Menschen.“ (Ps 66,5).

Jesus?

Immer wieder stellt sich dem Gläubigen die Frage nach der Gestalt von Jesus. Wer war diese Person, die von den Propheten Jahrhunderte im voraus angekündigt worden war, während seines öffentlichen Wirkens Scharen von Menschen faszinierte und dessen Botschaft und Auferstehung zur Gründung der Kirche geführt hat? Stellungnahmen ergeben sich aus persönlicher Betroffenheit und aus dem Zeitgeist heraus.

Anlässlich des international ausgeschriebenen Wettbewerbs „Jesus 2000“ schuf der Künstler Gerhard Knell dieses Bild. Der virtuelle Raum und der Fernsehturm erzeugen ein futuristisches Bild unseres Bilder- und Medienzeitalters, gleichzeitig knüpfen das transparente Trägermaterial und die von hinten beleuchteten Farben an die großen gotischen Kirchenfenster an. Die Bildschirme ergeben zusammen die Gestalt eines Kreuzes. In der Mitte ist das Antlitz Jesu erkennbar, rechts und links davon große blaue Hände. Die unteren beiden Bildschirme zeigen Ausschnitte aus dem Turiner Grabtuch.

Der oberste Fernseher ist nach links abgedreht. Sein Bildschirm erscheint wie ein Aquariumglas, hinter dem ein Fisch schwimmt. Die sechs Fernseher wie ihre Bildbotschaft erinnern an eine aufrechte menschliche Gestalt und rufen seinen Tod und seine Auferstehung ins Bewusstsein. Sie sind gleichsam Fenster auf ein vor langer Zeit Geschehenes, auch mit Hilfe von Ikonen oder Reliquien wie des Turiner Grabtuches.

Wände und Decke zeigen großformatige Portraits von drei Männerköpfen. Der rechte Kopf trägt einen Bart und wird durch den weit aufgerissenen Mund und die großen Augen charakterisiert.  Im Gegensatz zu diesem „lauten“ Gesicht zeigt die linke Wand ein asketisch strenges Gesicht, dessen Augen auf das „Kreuz“ fixiert sind. Ob es sich um die beiden Schächer am Kreuz handeln soll, die mit Jesus gekreuzigt worden sind? In ihrer Todesstunde haben sie Stellung bezogen in Bezug auf Jesus. Der eine schrie: „Bist du nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns! „ Der andere wies ihn darauf zurecht und sagte zu Jesus: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ (Lk 23,39-43)

Und der Kopf an der Decke? Obwohl wir von oben auf ihn herunterschauen, schaut er auf uns herunter, bzw. auf den „Kreuzaltar“! Soll dieses Gesicht den Vater Jesu vergegenwärtigen, der auf ihn schaute und ihm in seiner Liebe und Nähe Geborgenheit schenkte? – Da kein Hinweis zu erkennen ist, kann auch einfach eine dritte Stellungnahme in diesem Portrait gesehen werden. Dieser Mensch schaut auf das Kreuz nieder, er entdeckt es gerade unter sich, vielleicht sogar als tragendes Element seines Lebens!

Bei der Betrachtung dieser drei großen Köpfe fällt das zentrale Antlitz Jesu durch seine kleine Größe, seine Unschärfe, vor allem durch seine frontale Gegenüberstellung auf. Die ganze Kraft der aus den umgebenden großen Gesichtern kommenden Blicke fokussiert sich in seinem Gesicht, das den Betrachter anschaut. Und Du, was denkst Du vom Menschensohn? (Mt 16,13)

Wie ein Nachrichtensprecher ist er abgebildet. Aber er ist mehr. Er selbst ist die Botschaft, sein Leben selbst ist die gute Nachricht, die Leben schenkt und in allen Häusern und bei allen Menschen verkündet werden will. Und wer ist Jesus für Dich? Was denkst Du vom „Messias, dem Sohn des lebendigen Gottes?“ (Mt 16,16)