Christus, der Herr

Wer die Kirche des Heilig-Geist-Klosters in Wickede-Wimbern betritt, wird nicht anders können, als auf die neue Chorwandgestaltung zu schauen. Ein großes Segel in hellen Farben bildet zusammen mit einem roten Band den Kontrast zum hängenden Bronzekreuz von Dr. Else Hoffmann aus dem Jahr 1978 und lässt in ihm den gekreuzigten und auferstandenen Herrn wahrnehmen. Dieses künstlerische Ensemble beherrscht als visuelle Attraktion den Kirchenraum und gibt Besucher:innen, Betenden und Feiernden Orientierung und Perspektive.

Das Stoffsegel und seine Bemalung lassen ganz verschiedene Zugänge zu, von denen hier nur einige beleuchtet werden sollen. Zum einen steigt das Stoffsegel wie eine Flamme vom Altar auf. Was in dieser Flamme aufleuchtet, hat seinen Ursprung in der Hingabe Jesu, in seiner Liebe zu uns Menschen. Für uns und unser Heil ist er gestorben (vgl. Röm 5,6). So wird in der übergroßen Flamme die übergroße Liebe Gottes zu uns Menschen sichtbar. Die helle Flamme hinterfängt dabei das dunkle Kreuz und gibt ihm den neuen Hintergrund der Auferstehung und des Lebens. Was am Altar gefeiert wird, ist das Gedächtnis seines Todes und seiner Auferstehung.

Bis ins Kreuz hinein ist alles von der Kraft der Auferstehung und des Lebens durchdrungen. Das schwere Kreuz hat die Last des Todes verloren. Es schwebt und Jesus selbst scheint im freien Innenraum des Kreuzes zu schweben. Noch sind die Arme ausgebreitet, aber Hände und Füße sind nicht mehr ans Holz genagelt. Dieses Kreuz verkündet die Überwindung des Todes und zeigt Jesus als Christus, den Herrn als Befreier, der allen Besucher:innen den österlichen Willkommensgruß zuspricht: „Friede sei mit euch.“ (Joh 20,19)

Dabei scheint Christus im Kreuz über der blauen Fläche zu schweben und vermag an den Sturm auf dem See Genezareth zu erinnern, bei dem er über das Wasser auf seine Jünger zuging. In dieser Klosterkirche geht Jesus auf die Gläubigen zu. – Gott kommt zu den Menschen. – Die finden sich unvermittelt in der Rolle des Petrus wieder, der auf den Ruf seines Herrn das mehr oder weniger sichere Boot verlässt und im Glauben versucht über das Wasser auf den Herrn zuzugehen. Doch angesichts des heftigen Windes bekam er Angst, zweifelte und begann unterzugehen, so dass Jesus ihn retten musste. (vgl. Mt 14,24-31)

Durch die mandorlaartige Form und die zentrale Lichterscheinung, welche von sonnengelben Farbbahnen begleitet wird, vermittelt das Kunstwerk eine freudige Begeisterung. Im Dialog mit dem Kreuz wird wie bei der Taufe (Mt 3,17) oder der Verklärung Jesu göttliche Offenbarung spürbar erlebbar. Man hört förmlich Gottes Stimme aus dem Licht heraus sagen: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,5)

Umgekehrt können auch Worte von Jesus gehört werden, der mit weit ausgebreiteten Armen zu seinem Vater betet: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,25-30)

Solche Worte ermutigen, solche Lichtblicke tun der Seele gut. Denn das große Altarbild kann auch als Segel eines Bootes oder Schiffes gedeutet werden, das sich Kirche oder Gemeinde nennt. Es ist sichtlich zu spüren, dass hier ein neuer, guter Wind weht, ein Wind, der dieser Gottesdienstgemeinde und Klostergemeinschaft eine klare, hoffnungsvolle Richtung gibt.

Eine zusätzliche Dynamik erhält die Installation durch ein schmales langes Band in Rottönen, das sich so von rechts oben zum Kreuz hinunter schwingt, dass es das Kreuz visuell mitträgt (Nahansicht). Dadurch steht der Auferstandene nicht nur im Dialog mit seinem Vater, der hinter ihm steht, aber im unzugänglichen Licht wohnt, sondern auch mit dem Heiligen Geist, der ihn führt und mit Kraft erfüllt.

Was für eine Vision! Was vermögen sich dem Glaubenden dadurch für Horizonte zu öffnen! Ist es zu verwegen, sich in Jesus hineinzuversetzen, um sowohl die liebende Nähe des Vaters als auch die belebende Kraft des Heiligen Geistes zu erfahren?

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Rest

Nicht an der Wand hängend, nicht klein wie ein Grabkreuz oder übergroß wie ein Wegkreuz begegnet uns dieses Kreuz, sondern in Menschengröße tritt es uns gegenüber.

In der Senkrechten besteht es aus einem einfachen Vierkantstab mit einer glatten, unstrukturierten Oberfläche, der in seiner geraden Schlichtheit an ein aus Balken gefertigtes Kreuz erinnert. In der Waagrechten hat die Künstlerin kein dementsprechend konstruiertes Element verwendet, sondern zwei an den Unterarmen miteinander verbundene Hände, die durch ihre körperliche Ausformung an den Leib Christi denken lassen, der am Kreuz gestorben ist. Sowohl die realistisch gestalteten Hände als auch das vertikale Stabelement wurden mit einer Silbernitratpatina veredelt, wodurch sich beide Elemente trotz ihres formalen Kontrastes zu einer Einheit verbinden.

Kreuz und Gekreuzigter werden so auf das Wesentliche reduziert zur Sprache gebracht: Mit ausgebreiteten Armen ist der Mensch an einem von Menschenhand errichteten Folterinstrument erhöht getötet worden. Doch anders als bei den traditionellen Kreuzigungsdarstellungen ist nur die eine Handfläche dem Betrachter zugewandt, die andere kehrt ihm den Handrücken zu; auch sind keine Wundmale zu erkennen

Diese so plastisch modellierten Hände scheinen nicht die eines Toten, sondern das Letzte eines Lebenden, eines um das Leben Kämpfenden zu sein. Doch sie greifen ins Leere. Während die linke Hand bereits kraftlos nach unten hängt, spreizen sich die Finger der rechten Hand noch kraftvoll, als wollten sie einen von hinten kommenden unsichtbaren Angreifer abwehren.

Die harmonische Gesamterscheinung dieses lateinischen Kreuzes täuscht. Der auf die beiden Extremitäten reduzierte Leib irritiert in seiner schwebenden Position. Sein lautloser Schrei nach dem fehlenden Körper dazwischen verunsichert, die Drehbewegung der in den Unterarmen verbundenen Hände ruft Unbehagen hervor und stellt gleichsam die Frage nach dem Warum.

Angesichts des Unfassbaren, das mit der Kreuzigung des Gottessohnes geschehen ist, sollte es uns nicht bei der Betrachtung eines jeden Kreuzes so ergehen wie mit dem Kreuz von Louise Bourgeois? Es vermag durch Gewöhnung zur Indifferenz verhärtete Kreuz-Ansichten aufzubrechen und Gefühle und vielleicht auch persönliche Erfahrungen zum Leben zu erwecken, in denen man sich wie am Kreuz aufgehängt, aller menschlichen Würde beraubt, handlungsunfähig vorkam. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 15,34)

Impulse fürs Leben

Zwei Bilder stehen an die Wand gelehnt auf dem Boden. Sie befinden sich an der Stirnseite des Andachtsraumes im Reichstagsgebäude in Berlin. Die beiden Bildtafeln bilden mit fünf weiteren Tafeln (Ansicht 1, Ansicht 2, Ansicht 3) den visuell prägenden Schmuck dieses überkonfessionellen Andachtsraumes von Günther Uecker, in dem er zu meditativem Nachdenken anregt und Wesentliches zum Verhältnis der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam zur Sprache bringt.

Die abgebildeten beiden Tafeln sind dem Christentum zugeordnet. Mit den Nägeln und den mit Leinen auf den weiß-braunen Hintergrund applizierten Kreuzen lassen sie an den Kreuzestod Jesu denken. Doch wieso so viele Nägel, wieso zwei Kreuze? Stehen sie etwa für das Leiden und den Schmerz vieler? All derer, die genau wie die Nägel geschlagen wurden? Zusammen bilden sie auf den Kreuzen aus Leinen, das früher auch als Verbandsmaterial und als Leichentuch verwendet wurde, einen Körper, der sowohl geschunden als auch voll innerer Dynamik und Schönheit ist. Durch die Bewegung der Nägel liegt ein eigenartiger Schwung in ihnen. Durch die Verdichtung der Nägel nach oben und die erhöhte Position der Kreuze wohnt ihnen trotz ihrer schweren Last etwas Leichtes inne, scheinen sie wie Blätter über der graubraunen Sandflächen in der Luft zu tanzen.

Schweben sie nicht über dem Materiellen und Schweren, über dem Dunklen und Belastenden im mit weißen Farbflächen versehenen Bereich? Beide zeigen zudem eine von links unten nach rechts oben strebende dynamische Bewegung. In diesen Kreuztafeln steckt hoffnungsvolles Leben. Was wohl der Grund dafür sein mag? Ob er letztlich im Zwischenraum liegt, der nicht nur in der Fotomontage, sondern auch im Andachtsraum der Breite einer Tafel entspricht? Der leere Platz als Sinn-Bild für denjenigen, der zwischen zwei Schächern gekreuzigt worden ist, aber als Erster von den Toten auferweckt wurde? Ja, denn wir glauben, dass Jesus alle Leiden auf sich genommen und getragen hat, damit alle durch ihn Erlösung erlangen. Sein neuer Platz ist unmittelbar vor diesem leeren Platz auf dem Altar.

Die beiden Bildtafeln erinnern also ganz konkret an die Kreuzigung auf Golgata, zeigen bildlich aber nur die Kreuze der beiden Schächer. Ein Ort für meditatives Nachdenken. Wo stehe ich? Was bewirke ich? Welche Ungerechtigkeiten, ja Verbrechen können aus meinen Entscheidungen und Handlungen entstehen und vielen Menschen unsägliches Leid und großen Schmerz zufügen? An diesem Ort mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entscheidungen stellen die Bildtafeln eine starke Erinnerung dar, ja einen steten „Nagel im Fleisch“ (2Kor 12,7) der Politiker, ihre Interessen und ihre Macht gut zu bedenken, ihre Entscheidungen gut abzuwägen, damit sie für den Nächsten nicht Tod, sondern Leben und zwar möglichst gutes Leben bedeuten.

Als weiterführende Literatur zum Andachtsraum finden Sie hier einen empfehlenswerten Bericht von Dr. Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundentages, aus der Zeitschrift kunst und kirche 2/2010 (mit freundlicher Genehmigung des Autors und Dr. Johannes Stückelberger). Zum Bericht (1,4 MB PDF).

Strecken zum Licht

Ein alltäglicher Moment begegnet uns auf diesem Bild. Ein Mann streckt sich mit erhobenen Armen ganz weit nach hinten. Gerade scheint er die maximale Dehnung erreicht zu haben und in dieser Stellung zu verharren. Aus den geschlossenen Augen und dem nach hinten geneigten Kopf darf geschlossen werden, dass der Mann dieses Strecken mit jeder Faser seines Körpers genießt.

In Bezug auf den Raum oder die Zeit lässt der Bildausschnitt keine Aussage zu, wo sich dieser Mensch oder in welcher Tages- oder Jahreszeit er sich befindet. Mit einem Unterhemd bekleidet ist er einfach da, in der Bewegung seinen Körper erlebend und im Wechsel von Spannung und Entspannung ihm nachspürend. Gleichzeitig scheint er sich einem für uns unsichtbaren Licht zu öffnen, das von links her helle Stellen auf seiner gewölbten Brust und seinem Gesicht hinterlässt.

Auf der anderen Seite lässt sich hinter ihm ein dunkler Schatten an der Wand ausmachen, ein Schatten, bei dem nach einer gewissen Zeit die Form eines Kreuzes sichtbar wird. In diesem Zusammenspiel von Vorder- und Hintergrund scheint sich der Mann an das Kreuz zu lehnen und aus der Dunkelheit dieses Kreuzes heraus das Licht in sich aufzunehmen. Ja, wie er mit ausgebreiteten Armen vor dem Schatten eines Kreuzes steht, weckt er Assoziationen an den Gekreuzigten, aber auch an den im Morgengrauen Auferstandenen und sich nach dem Licht Ausstreckenden.

So lässt das Bild eine ganze Reihe von Ansichten und Interpretationen zu. Viele auf den ersten Blick unbedeutende Details lassen eine Motivtiefe entdecken, die weit über einen Mann beim Frühturnen oder bei der Morgengymnastik hinausgeht. In seinem Strecken und Dehnen ist genauso die Spannung des sich vom Schlaf erhebenden Körpers zu spüren wie jene des neuen Tages, dem er sich entgegenstreckt und dessen Licht und Frische er tief in sich einzuatmen scheint. In beiden ist etwas von der Auferstehung spürbar, die wir im Glauben am Ende unserer Tage erwarten. Insofern ist dieses frühmorgendliche Strecken Gebet mit Leib und Seele, körperlicher Ausdruck einer Geisteshaltung, die sich ganz auf das Licht ausrichtet. Es ist ein Einüben auf das letzte große Aufstehen und Strecken, das Auferstehen zum ewigen Leben.

Wunden und Heilung

Spannungsvoll fügen sich die beiden langformatigen Arbeiten in den barocken Kirchenraum ein. Nahezu monochrom und rechteckig hart stehen sie im Kontrast zu den verspielten Farben und Formen der barocken Altäre. Andererseits integrieren sie sich durch Parallelen zur Länge der Kirche oder der Höhe ihrer Fenster. Vermittelnd befinden sie sich zwischen Chorraum und Kirchenschiff, ganz in der Tradition, die Botschaft von Leben, Tod und Auferstehung Jesu zu den Menschen zu tragen. Einander gegenüber positioniert erzeugen sie ein dialogisches Spannungsfeld, vor dem der Betrachter steht und in das er sich hineinziehen lassen kann.

Ein Betrachtungsraum, der unaufdringlich vom Kreuz geprägt ist und in seiner zurückhaltenden Sprache doch berührt und zur Auseinandersetzung mit existenziellen Lebenserfahrungen einlädt. In der roten Vertikalen mit den Verletzungen und offenen Wunden, die oft mit Leid, Blutvergießen und himmelschreiendem, da geradezu unerträglichem Schmerz verbunden sind. In der weißen Horizontalen mit einem Ruhe und Erlösung verheißenden, bergenden und von Licht durchfluteten Grab- und Heilsraum.

So stellt Margaret Marquardt „einander Hingabe und Erlösung, Kreuz und Heil, Tod und Leben, Sterben und Auferstehen, Vergießen und Hüllen gegenüber und bringt mit den beiden Arbeiten die Vertikale und die Horizontale des Kreuzes in Beziehung, die das Leid annimmt und heilend überwindet.“ Thematisch reihen sich die beiden Arbeiten damit in die kirchliche Grundausrichtung, „Kranke, Verletzte, Verwundete zu besuchen, Wunden zu versorgen, Leidenden beizustehen und zu heilen. Jesus selbst hat sich den Wunden, den Verletzungen der Menschen seiner Zeit gestellt, ist uns mit gutem Beispiel vorangegangen, hat sich persönlich und unmittelbar jedem Kranken gewidmet, ihn gefragt: „was willst du, das ich dir tue?“ und ihn geheilt. Er hat vom barmherzigen Samariter erzählt und das über ihn verhängte Urteil angenommen.“ (Engelbert Paulus)

In neuer Sprache bringen die beiden Arbeiten somit etwas zum Ausdruck, das uns alle bewegt. Die verwendeten Mullbinden oder Gazen verstärken die Erinnerung an Verletzungen und Verwundungen, die auf Grund ihrer Schwere verbunden werden mussten, geschützt und gepflegt, um den Heilungsprozess zu ermöglichen und zu unterstützen. Aus der roten Installation (Detailbild) sind durch die dreiteilige Anordnung auch Nachdrücklichkeit und der Ernst der Lage herauszulesen. Sie dokumentiert die noch frische Verwundung, bei der der Blutfluss den Verband durchtränkt und der Kampf um das Leben zu spüren ist. Wie die Arbeit an die Wand angelehnt ist, drückt sie zudem die mit Verletzungen einhergehende Erschöpfung und das Bedürfnis aus, sich anlehnen zu können und Hilfe zu erfahren, um bestehen zu können.

Eine ganz andere Atmosphäre entfaltet sich in der weißen Installation (Detailbild). Weite breitet sich hier aus, ein fortgeschrittener Genesungsvorgang ist zu spüren. Das Blut ist gestillt, die Wunden sind verbunden, Heilung ist im Gange – Auferstehung zu neuem Leben (Detailbild). In den Schichtungen des Verbandes kommt auch der Zeitfaktor zur Geltung. Die geduldige Pflege braucht ihre Zeit, ebenso die Heilung. Weiter erinnert die Beleuchtung von hinten, dass diese Heilung von innen heraus geschieht und geschehen muss.

So laden die Arbeiten zur Einkehr und Besinnung auf körperliche und seelische Verwundungen ein. Zu einem Verhalten, das dem der Verletzten und Verwundeten ähnlich ist, die still halten, um den Schmerz gering zu halten, aber auch, um von lieben Mitmenschen richtig versorgt werden zu können. In der Kirche ist es ein Innehalten, um der vielfältigen Verwundungen bewusst zu werden – und sie Gott hinzuhalten, damit er heilend auf sie schaue und mit seiner Liebe von innen heraus schließe.

Betrachtungen von Diakon Engelbert Paulus (Pressetexte)

Der verheißene Nachfolger

Ein gewaltiges, in mehreren Schichten aufgetragenes Geschehen scheint das Bildformat sprengen zu wollen: Im Vordergrund ein feuriges Wolkenband, das diagonal die Bildfläche durchzieht. Dahinter eine weiße Kreuzform, die mächtig die ganze Höhe und Breite des Papiers einnimmt. Noch hebt sie sich mit harten Kanten vom blauen Hintergrund ab oder wird von diesem rechts unten teilweise umfangen. Noch steht sie in ihrer gedrungenen Form, die auch einen stehenden Menschen in ihr sehen lässt, da.

Doch das Kreuz hat seine Macht verloren. Bereits hat Licht seine Oberfläche erfasst und die schwarze Dunkelheit an den Rand gedrängt. Gleichzeitig werden durch das Feuerband die schwarzen Überreste in seiner Mitte verglüht, die Kreuzgestalt in die zweite Reihe geschoben und in einen linken unteren und einen rechten oberen Teil aufgelöst.

So sind von diesem Kreuz nur noch Fragmente übrig, die allerdings durch unser Auge als Ganzes wahrnehmbar sind. Doch die Feuerbahn durchkreuzt es und lässt uns die neue Wirklichkeit spüren: die göttliche Kraft, die bereits alles Dunkle und Schwere vom Kreuz genommen und es auferstehungsleicht gemacht hat. Erich Krian schreibt dazu: „Das lässt uns das Kreuz als erneuerbare Freude begreifen. Das anfänglich Unmögliche bricht auf. Das anfänglich Unglaubliche schafft stillen Glauben.“

Das Feuerband lässt uns die Kraft des Heiligen Geistes wahrnehmen, welche die Welt durchweht und verändert. Sie erscheint in einer zeitlichen Reihenfolge zum Kreuz, ja in der Nachfolge, wie Jesus sie in seinen Abschiedsworten angesprochen hat (vgl. Joh 14,16-27).

Und das Feuerband lässt erahnen, wie kraftvoll Gott das im Zeichen des Kreuzes wie gescheitert aussehende Wirken seines Sohnes fortsetzt. Blockierte Herzen werden zu neuem Leben erweckt und fassen Zuversicht, blinde Augen sehen alles in neuem Licht, stumme Zungen bewegen sich und die ganze Welt, weil sie mit begeisterten Worten das Unerhörte verkünden.

Erfahrungsräume des Glaubens

Ungewohnt frei hängt die Leinwand im Raum. Kein Rahmen und kein Glas trennt den Betrachter vom Kunstwerk. Vielmehr trennt die Leinwand selbst den Raum wie ein Flächenvorhang. Damit signalisiert die Arbeit einen Zugang, bei dem der Betrachter entweder betrachtend davor bleiben oder sich in den Raum dahinter begeben kann. Es gibt kein Dazwischen.

Das auf die Leinwand gemalte Motiv zeigt keine festen, eindeutigen, sondern geschichtete, durchscheinende, andeutende Flächen. Graublauschwarz dominiert das Bildformat in ganzer Höhe und halber Breite eine Kreuzform. Dem rechten Querbalken nach ist die Senkrechte aber nicht nur zur Hälfte, sondern in ganzer Breite abgebildet. So hängt das Kreuz frei schwebend, dem Luftstrom ausgesetzt am Kircheneingang und tritt mannshoch dem Betrachter gegenüber, den rechten Arm wie zum Empfang ausgebreitet. Das ihn teilweise überlagernde rote Feld kompensiert durch seine formale Ähnlichkeit den fehlenden Kreuzesarm und verstärkt in seiner nach außen nachlassenden Farbintensität die vom Kreuz ausgehende Ausstrahlung, die sicher auch als Herzenswärme gedeutet werden darf. Wer diesem Kreuz begegnet, darf trotz des eingeschriebenen Leids auf Zuneigung und Liebe hoffen.

Und wer sich auf die Auseinandersetzung mit diesem Kreuz einlässt, den erwarten – wie es die an Menschenkörper und -köpfe erinnernden Schattierungen im obersten Viertel und in der unteren Hälfte andeuten – ganz unterschiedliche Begegnungs- und Erfahrungsräume.

Unten links gibt warmes, hinter dem Kreuz hervorleuchtendes Licht den Schatten einer stehenden Person frei, welche wartet, nachdenkt, aber nicht den Schritt auf das Kreuz zu und in es hinein zu wagen scheint. Ist es, weil sie die durch die Spachteltechnik erzeugten Spuren, die undeutlichen Schatten menschlicher und tierischer Köpfe nicht zu deuten vermag? Oder ist es ihr zu dunkel oder chaotisch, einfach zu unklar, wohinein sie da genommen wird, wenn sie gehen würde?

Wie als Gegenüber zum Zaudernden ist im oberen Bildbereich der Kopf einer Person zu sehen, die gerade dabei ist, sich in den Kreuzraum hineinzubegeben. Die offenen Augen und der Farbwechsel suggerieren, dass sie sich auf eine andere Wirklichkeit einlässt. Die blaue Farbe und der Kopf deuten an, dass diese Wirklichkeit mit geistigen und himmlischen Werten verbunden ist und sich im Glauben erschließt. Das lässt die dargestellten Augen Zuversicht ausstrahlen.

So vermag das Kreuztuch von Gottes und des Menschen Kreuzweg zu erzählen. Von Gottes Leid, dass er die Menschen bedingungslos liebt, sie diese Liebe aber nicht vorbehaltlos annehmen. Von der menschlichen Zerrissenheit erzählen die Eindrücke auf diesem modernen „Schweißtuch der Veronika“, weil unser Verstand nach Sicherheit und Gewissheit strebt, sich die ganze Wirklichkeit und nachhaltiges, erfüllendes Glück aber nur dem erschließen, der im Glauben und Vertrauen in einen Anderen lebt. Denn nicht allein das, was mit den Augen gesehen, mit den Händen gefühlt und mit dem Verstand begriffen wird, zählt, sondern das mit dem Herzen Gespürte und damit im und durch das Leben und Handeln Gott Geantwortete – und damit auch Verantwortete.

„Gott würfelt nicht“

Eine sehr minimalistische Skulptur, die vom Künstler aus 44 sechsseitigen Spielwürfeln in jeweils zwei Reihen längs und quer zusammengesetzt wurde, ohne auf die Aufeinanderfolge der Augenfelder zu achten.

Die Arbeit trägt eigentlich keinen Titel, aber bescheiden in Klammern gesetzt steht der bekannte, von Albert Einstein überlieferte Satz darunter: „Gott würfelt nicht“. Stammte er nicht von Einstein, nähme man ihn vielleicht nicht so ernst. Es ist eine lapidare Aussage, die selbstverständlich und daher umso verwunderlicher wirkt.

Viele Aussagen über Gottes Eigenschaften wurden im Laufe der Jahrhunderte von Theologen gemacht: allmächtig, allwissend, weise, gütig, gerecht, wahrhaftig … alles positiv, höchstpositiv. Und nun formuliert ein Naturwissenschaftler negativ: „Gott würfelt nicht“. Als ob das jemand angenommen hätte? Oder vielleicht doch?
Was macht denn einer, der würfelt? Er spielt, und zwar ein Glücksspiel. Er wirft einen oder eine bestimmte Anzahl von Würfeln und zählt, wenn sie liegen bleiben, ihre oben liegenden Augen. Er erwartet ein Ergebnis: entweder eine möglichst hohe Punktezahl, um zu gewinnen oder eine Entscheidung in einer mehr oder weniger wichtigen Sache. Aber jedenfalls ein Ergebnis, zu dem er nichts weiter tun muss als die Würfel werfen. Denn wer würfelt, überlässt das Ergebnis dem Zufall, es ist nicht sein eigenes Tun, seine Auswahl, seine Leistung oder sein Verdienst.

So konnte sich Albert Einstein die Entstehung und die Erhaltung des Universums nicht vorstellen. Er glaubte nicht an den Zufall, sondern an die Berechenbarkeit, durch die ihm im Laufe seines Lebens bahnbrechende Einblicke gelungen sind, er glaubte an die überwältigende Fülle der Lebensmöglichkeiten, anstatt an die begrenzten sechs Seiten eines Würfels. Gott richtet sich nicht nach unseren – wie für das Würfelspiel aufgestellten – Regeln und ist nicht auf Gewinn aus. Gott würfelt nicht.

Diesen Inhalt vermittelt der Künstler durch seine Arbeit. Die Kreuzform mag für das Göttliche, das Heilbringende stehen, der strenge Aufbau der Würfel für Ruhe und Ordnung, und … dass sie nicht zum Gebrauch zur Verfügung stehen. Sie können aber in ihrer willkürlichen Reihung auch ein Hinweis sein auf die sich so ungeheuer schwer erschließenden Geheimnisse des Universums. Und auch dazu wusste Einstein in seiner einfach-ironischen Art etwas zu sagen: „Falls Gott die Welt geschaffen hat, war es seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können.“

Baustelle des Lebens

Viele fragmentarische Teile bilden dieses Triptychon. Das Auge weiß nicht so recht, wo es mit dem Schauen anfangen soll, um die Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzuführen. Der gemeinsame Hintergrund ist mit den Holzstrukturen lebendig, aber unruhig, die gerüstartigen Konstruktionen auf den Seitenteilen wunderschön in warmem Licht liegend, aber diffus, mit viel Angefangenem, Ungeordnetem … Lediglich in der Zusammenschau der beiden Außenteile ist eine klare Zuordnung zur Mitte zu beobachten.

Dort scheint auf den ersten Blick die größte Klarheit zu herrschen. Im Zentrum steht eine weiße Leiter, die an ein Kreuz gelehnt ist. Ein Kreuz, das sich farblich kaum vom Hintergrund abhebt. Ein Kreuz, das mehr durch die Vertikale der Leiter und eine lange weiße, die Kreuzarme untergreifende Horizontale in Erscheinung tritt. Dieser die drei Bildteile verbindende Balken macht einen sammelnden, wohltuend umfassenden Eindruck. Das Kreuz steht auf keinem festen Boden, in keinem wirklichen Raum, sondern schwebt – nur von der durchgebogenen weißen Waagrechten gehalten – in einem undefinierbaren Raum. Soll es Haltlosigkeit vermitteln oder mehr auferstehungsgleiche Leichtigkeit?

Die hellen Grüntöne und die warmen roten Farben im Kreuz lassen zu Letzterem tendieren. Auch die Leiter lässt vermuten, dass die Kreuzabnahme des Leichnams Jesu schon stattgefunden hat. So können die Frühlingsfarben, das Herz und die fünf krönenden x-Zeichen als „Erinnerungen“ oder „Abdrücke“ dessen gesehen werden, der ein Herz für die Menschen hatte und mit einer Dornenkrone verspottet am Kreuz starb. Sie künden von der Auferstehung dessen, der hier vor kurzem den Boden unter den Füßen verloren hat.

Das Bild lässt viele Lesemöglichkeiten zu. Traditionelle Kompositionen von Kreuzigungsdarstellungen aufnehmend, gehen die drei Bildteile doch ganz neue Wege. So sehr die Holzteile in den Seitenflügeln an die Kreuze der beiden Schächer erinnern, zu finden sind sie nicht wirklich, obwohl sich in den schwer bestimmbaren Teilen der Bilder auch Gestalten oder Teile davon entdecken ließen.

Die Holzkonstruktionen bilden vielmehr das Gerüst für den schmalen waagrechten weißen Balken, auf dem das Kreuz nun zu ruhen scheint, nachdem unter ihm der Boden weggebrochen ist. Will damit angedeutet werden, dass der bisherige Boden nicht mehr tragbar war und deshalb eine neue Basis für eine unfassbar neue Botschaft nötig war?

Das Leben hat durch Jesu Tod und Auferstehung neue Dimensionen erhalten: es endet nicht mehr mit dem Tod. Gott ist in das Reich der Toten hinabgestiegen und hat sie erlöst (Der unter dem Kreuz liegende Kopf erinnert an Adam – Detailbild). In einem fast versteckten Detail verwebt der Künstler im Mittelbild das einmalige Kreuzereignis mit jedem Leben: der Querbalken des Kreuzes schiebt sich elastisch lebend zwischen die Sprossen der Leiter vor den rechten Holmen. Die Leiter lässt sich als Symbol für menschliches Leben sehen, in das sich das Kreuz wie es der Einzelne erkennt, einschiebt. Mit seiner dunklen, schweren Seite sicherlich, aber auch in seiner befreienden.

Dialogisches Gegenüber

Einer Skulptur gleich steht der kreuzförmige Glaskörper frei im Raum. Kreuze, die nicht an der Wand hängen oder einfach auf dem Tisch liegen, sind selten geworden. Diesem hier ist zudem eigen, dass es trotz seines schweren Materials schwebend leicht aussieht. Dieses Kreuz hat von sich aus keinen festen Ort, sondern vermag sich den Bedürfnissen seines Betrachters anzupassen, wenn dieser im Kreuz mal mehr ein dialogisches Gegenüber, dann wieder einen sichtbaren oder unsichtbaren Begleiter sucht, so wie es bis in unsere Zeit hinein das kleine „Sterbekreuz“ war, das „Hand in Hand“ mit dem Erlöser in der Sterbestunde beistand.

Das Kreuz aus Glas signalisiert zu Recht Zerbrechlichkeit. Damit wird unsere menschliche Schwachheit reflektiert, unsere Anfälligkeit, unter großem körperlichem Druck zu zerbrechen. Doch mit der Dicke und der Oberflächenbehandlung fängt der Künstler die innere Zerbrechlichkeit auf und verleiht dem Kreuz eine Festigkeit, die Unzerstörbarkeit ausstrahlt. Erhaben steht es im Raum und bietet seine Vermittlung an. Es geht nicht um das Kreuz selbst, sondern um den, der an ihm würdevoll gestorben ist, und um den Menschen, der in diesem Kreuz Halt sucht. Wie das an sich durchsichtige Glas durch das Sandstrahlen die Sicht auf das hinter dem Kreuz Seiende verwehrt, so vermag auch der Suchende das vor ihm Liegende mit seinen Sinnen nicht zu durchdringen. Allein, wenn er das Holzkreuz aus seiner Fassung herauslöst, eröffnet sich ein begrenzter Durchblick.

Das innere, individuell gestaltete, goldgelb und mit rötlichen Spuren bemalte Kreuz ist im großen äußeren Kreuz geborgen. Das Hölzerne ist ein Teil vom Glasigen, es wird von ihm umgeben und getragen. Dieses in der Natur gewachsene, „lebendige Herzstück“ des Kreuzes kann herausgenommen, davor gelegt oder spürbar in die Hand genommen werden. Es möchte physischer Halt sein, der einerseits die Nähe und Wärme des am Kreuz Gestorbenen und Auferstandenen erfahrbar macht und hilft, die Krankheit oder den Tod anzunehmen, andererseits auch als Begleiter zurück ins gesunde Leben oder eben ins Grab mitgenommen werden kann. So will dieses Kreuz nicht nur Raumschmuck sein, sondern mit dem betrachtenden, betenden, leidenden und vielleicht auch scheidenden Menschen ganz konkret in einen tröstenden, stärkenden, aufbauenden und sinnstiftenden Dialog treten.

Form und Material des äußeren Kreuzes lassen die Schwere des Todes, des physischen Abschieds aus dem irdischen Leben spüren. Die matte Oberfläche des Stehkreuzes vermittelt aber gleichzeitig Leichtigkeit und Hoffnung. Die Öffnung in der Mitte verstärkt diesen Eindruck. Sterben ist schwer, man ahnt mehr als man sieht, was nach dem Tod kommt, aber durch Christus haben wir die Gewissheit, dass der Tod Durchgang ist, dass das Leben danach weitergeht.

Einer steht dahinter

Manchmal lohnt sich ein genauerer oder hinterfragender Blick. So wie bei dieser Knospe in einer Kreuzform. Das Bild ist mit drei Ebenen oder Formen sehr einfach aufgebaut: Hintergrund, Kreuzform, Knospe.

Der Hintergrund präsentiert sich in einem dunklen, aber transparenten Blau. Nacht könnte damit angedeutet sein, aber auch Geheimnis. Die Transparenz lässt auf ein lichtes Dahinter schließen – nur der nächste Tag oder gar etwas Größeres, welches hinter allem und damit auch hinter diesem Geschehen steht und es hält?

Die in Rottönen gemalte rechteckige Form hebt sich als etwas Geschaffenes vom eher endlosen Hintergrund ab. Wie eine Straße oder ein Weg mit einem großen Rastplatz durchquert sie das Bild in der Vertikalen. Es muss nicht ein Kreuz sein, aber es kann. Die Gestaltung der Kreuzform ist offen für weitere Interpretationen. Es ist nichts Dunkles mehr in diesem „Kreuz“ zu finden. Lichtdurchflutet und vom Rot der Liebe und des Lebens umgeben verkündet das ursprüngliche Symbol für einen grausamen Tod durch Jesu Auferstehung nun Hoffnung und neues Leben. Das Kreuz ist nicht mehr Endstation, sondern Durchgang zu Neuem.

Die große Knospe suggeriert, dass dieses Neue im Gegensatz zur Kreuzform eine ganz andere, bisher unbekannte Lebensform beinhaltet. Anstelle der harten und geraden Formen besteht sie aus weichen, geschwungenen Linien, das künstlich Geschaffene ist nun dem natürlich Gewachsenen gewichen. Eine silberne Aura umgibt diese Pflanze des neuen Lebens, in deren Knospe sich die Farben der „alten Welt“ von außen nach innen wiederholen. Damit wird angedeutet, dass dieses ganz Andere und Neue dennoch aus dem Bekannten und Vorhergehenden entsteht und damit seine Spuren trägt. Aber in seinem Innern, umrahmt von einer feinen Goldspur, leuchtet in reinem, hellem Gelb die Einzigartigkeit und Schönheit seiner treibenden Kraft auf – unscheinbar, bezaubernd, von der überwältigenden Zuneigung des hinter uns Stehenden erzählend.

Bedeutsame Hände

Hände und Unterarme sind in diesem Kreuzweg die Hauptdarsteller. Bis auf drei Ausnahmen sind keine Körper oder Köpfe zu sehen (alle Bilder). Aber es geht ganz klar um den Menschen, ein Essen, Gefangenschaft, Stürze, Leid, Kreuzigung und Auferstehung. Die Handlung beschränkt sich in ihrem Ausdruck auf die fotografische Wiedergabe der menschlichen Arme und Hände, deren unterschiedliche Haltungen voller Symbolik sind. Im Dialog mit dem Holzbalken und dem Licht verstehen sie das Leiden und die Auferstehung Jesu eindrücklich zum Ausdruck zu bringen. Dies verstärkt der sparsame Einsatz von Farbe im ersten und letzten Bild sowie ankündigend in der Kreuzigung.

Die Hände begegnen und berühren sich, sind in gestischem Gespräch. Hier wird die eine von einer anderen ergriffen und gehalten. Ihre diagonal-vertikale Ausrichtung ist von Bedeutung. Ebenso, dass der untere Arm das waagrechte Holz kreuzt und ein breites gelbes Lichtband senkrecht die Dunkelheit trennt. Vor dem Hintergrund der Kreuzigung wird so die göttliche Hilfe symbolisiert: Einerseits die rettende Hand von oben, welche den Menschen am schlaffen Handgelenk aus der Tiefe des Leids und des Todes errettet. Andererseits das hereinbrechende Licht, das die Dunkelheit zurückweichen lässt und durch seine Vertikale dem furchtbaren Kreuzestod bereits einen glorreichen Ausgang gibt.

Bedeutsam sind die sechs Hälften der Passionsfrucht, die im Kreuzungspunkt des Lichtstrahls auf dem Holzbalken liegen. So wie seit dem 17. Jahrhundert in der Passionsblume die ganze Leidensgeschichte Jesu gesehen wurde (daher auch der Name), so kann deren Frucht die Auferstehung bezeichnen. Die Hälften geben gleichsam Einblick in das an sich Verborgene der Auferstehung, lassen im Innern der unansehnlichen und harten Schale das reife Fruchtfleisch sehen, sie bilden eine symbolische Siegeskrone angesichts des überwältigten Todes und der erlittenen Folterqualen.

Das Fehlen von Blut und geschundenen Körperteilen mag irritieren. Ob damit gesagt werden will, dass den Darstellern die Erfahrung der Folter und des Todes unbekannt ist? Oder könnte dies auch zum Ausdruck bringen, dass in der Auferstehung alle Wunden geheilt werden? Dass wir im Tod zu einem neuen und ganzheitlichen Leben auferweckt werden, das zeitlos und integral unser ganzes Wesen beinhaltet? – Wir?

Auch die verschiedenen Hände und Arme mögen verunsichern. Der Kreuzweg folgt in seiner Handlung und Abfolge dem Leidensweg Jesu. Aber er wird von Menschen jeden Alters und Geschlechts dargestellt, um deutlich zu machen, dass erstens viele Menschen einen solchen Leidensweg gehen müssen. Zweitens zeigt er auf, dass es unsagbar schwer ist, einen solchen Weg alleine zu gehen und es gut tut, eine hilfreiche Hand bei sich zu haben. Letztlich zeigen die verschiedenen Teilnehmenden auf, dass der Leidensweg Jesu in seiner Wirkung alle Menschen betrifft. Jesus ist für uns alle gestorben. Durch seine Auferweckung von den Toten hat er uns allen die Hoffnung auf ewiges Leben geschenkt.

Gesamtansicht aller Kreuzwegbilder

Sehnsucht nach Befreiung

Neun Fensterteile bilden zusammen eine Art Triptychon. Fünf schlangenförmige Elemente umgeben eine zentrale Figur, deren Oberteil von einem ähnlichen Element eng umklammert ist. Gleichzeitig erscheint die menschliche Person erhöht, ja schwebend und dennoch gehalten in einem gelben Bereich mit T-Form.

Gebundenheit spricht aus der schmalen Silhouette dieser Gestalt, deren Beine eng nebeneinander liegen und denen die Arme auf den Rücken gedreht sind. Wie Fesseln überziehen kreuz und quer Linien den Körper. Auch die Körperhaltung vermittelt Gefangenschaft, Unfreiheit, Leiden und Erdulden einer unfreiwilligen Situation. Fuß- und Kopfhaltung dieses Menschen mögen an Darstellungen des Gekreuzigten erinnern, aber hier wird eine menschliche Grundexistenz dargestellt.

Mit unserem Denken und Tun verstricken wir uns immer wieder in unfreiwillige Gebundenheiten, welche unser Leben Stück für Stück bis zur Unbeweglichkeit einschränken. Oft merken wir gar nicht, wie unsere Freiheit zu Denken und zu Handeln geschwunden ist und nehmen den beschränkten Lebensraum als die größtmögliche Fülle an. Wie ein starrer Panzer können aber auch Krankheiten, Unfälle und andere Lebensumstände unseren Körper und Geist umgeben und zur Bewegungslosigkeit zwingen.

Gott sei Dank muss es nicht so bleiben und gibt es die sehnsüchtige Hoffnung auf eine Macht, die stark genug ist, diese einer massiven Befestigung gleichende Umgebung aufzubrechen. Umgeben und neu gehalten vom goldgelben Licht, das symbolisch für Gott steht, sind bereits Teile weggesprengt worden, die nun haltlos im Luftraum schweben. Ihre Formen lassen noch den Körper erahnen, den sie bedrängt haben. Die Befreiung ist im Gange, die Erlösung nicht mehr fern.

Aus der Zusammenschau von dem Fenster zur Linken und dem zur Rechten wird dieser zum Altar hin orientierte Prozess auf dreifache Weise verdeutlicht:

Zum einen ist die Befreiung am Menschen selbst festzustellen, der im linken Fenster noch vollständig von den starren Elementen eingemauert ist, auf der anderen Seite aber frei im von unten auftauchenden (auf der anderen Kirchenseite im von oben hereinbrechenden) goldenen Licht badet. Dieses Licht bezeugt die befreiende und belebende Kraft, wie wir sie in der Natur von der Sonne kennen und nach einem langen Winter ersehnen. Seine Kreuzform verbindet sich mit der Erlösung und Auferstehung Jesu, die durch seine Hingabe möglich geworden war und das Heil für alle Menschen gebracht hat. Die dritte Form der Befreiung kommt in der von sechs auf vier abnehmenden Anzahl der umgebenden Elemente zum Ausdruck.

Diese Hoffnung soll allen Gläubigen zur Glaubensgewissheit werden: in dem im Kirchenraum intensiv erlebten und gefeierten Gottesdienst, damit auch im Alltag Gottes begleitende und befreiende – und dadurch österliche – Gegenwart spürbar erfahren wird.

Link zur Darstellung aller 6 Fenster

Wesentliches

Isoliert vom barocken Umfeld der Klosterkirche Engelberg mag die große violette Fläche mit den paar weißen Strichen asketisch anmuten. Wenn wir uns jedoch vergegenwärtigen, dass diese Arbeit als großes Fastentuch den zentralen Hochaltar verdeckt und somit inmitten der bewegten Barockarchitektur mit ihren Zeichen einen starken Kontrapunkt setzt, dann erhält die Arbeit ein ganz anderes Gewicht. Sie lenkt in den von visuellen Reizen verwirrten und ermüdeten Blick auf das Wesentliche und schenkt ihm Momente der Ruhe. (Innenansicht der Klosterkirche)

Violett ist von alters her die Farbe der Advents- und Fastenzeit. Als Farbe zwischen Rot und Blau vermag sie das „Ringen des Geistes mit dem Fleisch und die Zerknirschung des Herzens auszudrücken.“ (G. Kranz) Violett ist damit der gefühlte farbliche Ausdruck für Leiden, Trauer, Umkehr und Buße. In der randlosen Fläche steht sie auch für das Ewige und im Hochformat des Bildes für die Verbindung zwischen Gott und Mensch.

Die im oberen Drittel angeordneten weißen Striche lassen den Betrachter aufblicken. Der möglicherweise gesenkte Kopf wird gehoben, der Blick in die Höhe gelenkt. Die fünf Linien gruppieren sich zu einem symbolischen Zeichen, das sich auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren lässt.

In ihrer waagrechten und senkrechten Anordnung können sie ein Kreuz andeuten. Die Fünfzahl der Linien mag an die Wundmale Christi denken lassen. (Detailansicht)

Als weiße Spuren zeichnen die Linien aber auch Wege mit Unterbrechungen und Abzweigungen. Wege, die horizontal wie vertikal gegangen werden können. Wege, die links und rechts über die Grenzen des Tuches hinausweisen. Wege, die mit ihren Kurven und Brüchen unseren Lebenswegen gleichen. Die verlaufen auch nicht immer gerade. Oft genug ist Innehalten, Besinnung und Umkehr gefordert, gilt es, einen Neuanfang zu wagen. Und oft erkennen wir erst aus Distanz und unter Einbezug der Fehlstellen, dass unser Leben doch ein Ganzes ergibt.

Die gewellten Linien lassen Bewegung spüren, Bewegung, wie sie der Luft innewohnt oder auch im Wellenspiel des Wassers zu beobachten ist. Leicht schwebt so das Leben über der das Leiden andeutenden Grundfläche. Zusammen mit der weißen Farbe klingt damit bereits etwas von der Auferstehung an, bricht wie durch Risse im Grundgewebe das österliche Licht des neuen Lebens hervor.

Begeisterter Aufbruch

Kann eine Osterbegegnung bereits ein Pfingstereignis sein? Das Bild von Manfred Hartmann suggeriert dies und lässt uns die Emmaus-Erzählung (Lk 24,13-35) in einem neuen Licht sehen. Seine Bildfläche ist horizontal in eine dunkle und eine helle Hälfte geteilt. In ihrer Anordnung erinnern sie unwillkürlich an Tod und Auferstehung. Zwei Tage ruhte Jesus im Grab. Am dritten Tag erstand er von den Toten. Ob der Bildträger deswegen au drei Teilen zusammengesetzt ist?

Aus der Dunkelheit des Todes und des Grabes ragt das lichte Kreuz weit nach oben. Es trägt keine Merkmale der Folter mehr. Hell und freundlich scheint in seiner Mitte eine aufgehende Sonne zu leuchten, die beiden Kreuzarme können freundschaftlich die beiden gelben Menschengestalten umarmen: Erscheinung des Auferstandenen inmitten der beiden Jünger! Wie er den Lobpreis sprach und das Brot brach, haben sie ihn erkannt (vgl. Lk 24,30f). Ihm zugeneigt, sind die beiden dargestellten Jünger der äußeren Form des Brotes ähnlich geworden. Wie zwei Klammern ( ) umgeben sie das geteilte Brot. Sie sind auch von der warmen Farbe des Brotes erfüllt. Jesus endgültig gleichförmig und gleichfarbig geworden können sie nun nach Jerusalem zurückkehren und bezeugen, dass Jesus sie auf ihrer Reise begleitet hat und sie ihn als Auferstandenen, als Lebenden erkannt haben.

Im Nachhinein haben sie erst das Brennen ihrer Herzen deuten können, das ihnen die Gegenwart Jesu signalisiert hatte. Allein sie weilten in der Dunkelheit der fehlenden Erkenntnis. Ihre dunklen, von Traurigkeit und Niedergeschlagenheit erfüllten Gestalten sind links unten neben dem Herz und in der Mitte der rechten Bildtafel zu erkennen. Wie Jesus von der Dunkelheit des Grabes umschlossen war, so waren ihre Herzen von den unbegreiflichen Eindrücken der vergangenen Tage umgeben und brauchten einen äußeren Impuls, um zu erkennen und von neuem lichterloh für die Sache Jesu zu brennen.

So sehr sich das Bild im Gesamtaufbau von unten nach oben entwickelt, von der Dunkelheit zum Licht, so kann gleichzeitig eine Kreisbewegung im Uhrzeigersinn beobachtet werden, die ihren Anfang rechts unten, in der kleinsten Bildtafel, hat. Zwischen den beiden roten Flächen können auf der einen Jüngergestalt auch die Umrisse einer Schrifttafel gesehen werden, welche an die Darstellungen der beiden Gesetzestafeln des Mose erinnert. Sie könnte auf Jesus verweisen, der von Mose und den Propheten ausgehend, den ihn begleitenden Jüngern dargelegt hatte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. Die linke rote Fläche mag deswegen pfeilförmig in den oberen Teil hineinragen. Andererseits können die beiden Flächen auch als die Herzen der Jünger gedeutet werden, zweigeteilt, uneinig, unförmig. Und es wäre dann die in dieser symbolischen Steintafel verborgene geheimnisvolle Gegenwart Jesu, welche die Jünger unsichtbar zusammenhalten würde. Durch seine Worte werden sie unterwegs immer mehr zu einer neuen Einheit geformt und mit neuem Leben erfüllt, dem Auferstandenen gleich. Wie im linken unteren Bildteil dargestellt, brennt diese neue Lebensfülle ähnlich der einem Samenkorn innewohnenden Kraft alle einengenden Grenzen durch und eröffnet dadurch neue Erkenntnisse und daraus resultierende neue Handlungsweisen, die sich ganz am Auferstandenen orientieren.

Vom Geist des Auferstandenen befreit und von Gottes Geist bewegt, werden sie von nun an immer wieder von diesem prägenden Ereignis erzählen. Sie werden in der Nachfolge Jesu selbst das Brot in die Hand nehmen, den Lobpreis sprechen und das Brot brechen, um allen Menschen seine hingebende Gegenwart zu offenbaren und lichtvolle, begeisterte Gemeinschaft mit ihm zu ermöglichen.

Kraft der Auferstehung

Bekanntes mit neuen Augen zu sehen ist immer wieder eine anspruchsvolle Aufgabe. Zu schnell trüben vorhandene Bilder den Blick und behindern eine unvoreingenommene Sichtweise. Dies könnte auch bei dieser Bronzearbeit geschehen, auf der ein liegender und ein stehender Mensch gezeigt werden. Letzterer wird durch die ausgebreiteten Arme schnell als Jesus identifiziert. Es ist die Haltung, die er am Kreuz einnehmen musste. Losgelöst vom Kreuz wird die gleiche Haltung aber zu einer Geste der Offenheit und des allumfangenden Willkommen-Heißens.

Gegensätzlichkeit charakterisiert die beiden Personen. Die annähernd gleich großen Rechtecke hinterfangen, wiederholen und betonen ihre Körperhaltung. Der Liegende befindet sich ganz unten im waagrechten Feld, ein Gewandteil fällt über die Unterkante hinaus. Ausgestreckt liegt er da, den Eindruck erweckend, gestürzt oder gefallen zu sein, als kümmerliches Wesen in der Ecke dieser an eine große Kiste oder gar an einen Sarg erinnernden Form.

Doch noch im Fallen scheint er die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben. Seine rechte Hand ist hilfesuchend ausgestreckt und erfüllt sein Liegen mit Zuversicht und erwartendem Drängen. Bildlich wird das so zum Ausdruck gebracht, dass der Oberteil des Kopfes und die rechte Hand in den untersten Teil des anderen, senkrechten Elementes hineinragen, das wie zwischen dem waagrechten Feld und der liegenden Person eingeschoben erscheint.

Damit wird diese im Sterben begriffene oder bereits verstorbene Person in zweifacher Weise von oben her dem Tod entrissen: von oben wie auch in den verschiedenen Bildebenen. Die offene Hand wird dabei zum spannungsgeladenen Wendepunkt. Darüber taucht wie aus dem Nichts aus der gleichmäßigen Oberfläche der Grundplatte der senkrechte Mensch auf: als Auferstehender. Neue Kraft ist in ihn eingekehrt, ein neues Gleichgewicht, auch ohne Bodenhalt. Die Schwerkraft der Erde ist überwunden. Losgelöst, ja erlöst von allen Gebundenheiten schwebt er nun vor der Mitte des vertikalen Hintergrundes. Die gleiche Macht, die Jesus den Toten entrissen und dem Leben zugeführt hat, ist nun auch sein Halt und sein Heil geworden. Frontal dem Betrachter zugewendet, hoheitlich über alles Erniedrigende und Erdrückende erhoben, dringt die befreiende Geste des Auferstandenen durch und wird die Seine. Die ausgebreiteten Arme signalisieren eine neue, alle Grenzen überschreitende Weite. Alle sollen an diesem neuen Leben teilhaben, in ihm Zuversicht, Halt, Kraft und Dauer finden.

Die Waagrechte und die Senkrechte des Kreuzes sind noch zu erkennen, können aber in dieser Form nicht mehr Marter und Tod bringen. Sie haben eine dynamische Form angenommen und einen Weg geöffnet, der letztendlich ins Leben führt.

Erlösung

Feuer, und mitten drin blass wie ein Geist der Gekreuzigte. Er neigt den Kopf nach rechts, das Leiden scheint vollbracht. Er schwebt und hängt dennoch mit den Armen am horizontalen Kreuzbalken. Eigenartig, wie er mitten in diesem Flammenmeer steht. In diesen Flammen, die nach längerem Betrachten zu einer blutroten Menschenmenge werden kann, die mit erhobenen Armen zu rufen scheint: Ans Kreuz mit ihm, kreuzige ihn! In ihrem Zorn wollen sie ihn verbrennen, vernichten – doch er wird ihnen ans Kreuz entzogen.

Ihr Schreien und Rufen scheint sich nach oben hin in Luft aufzulösen. Je länger der Blick auf der unteren Bildhälfte ruht, verschwindet auch der Eindruck einer aufgebrachten Menschenmenge zugunsten einer zurückbleibenden. Erhöht und erhaben steht Christus über dem Geschehen. Kreuzigung, Auferstehung und Heimkehr zum Vater werden hier in einem Bild thematisiert. Gott wird dabei als weißlich-gelbes Licht angedeutet, das seinen Sohn umfängt und ihn gewissermaßen in seine ursprüngliche, ungeschaffene Lichtgestalt zurücknimmt.

Zu denken gibt, dass von Jesu Wunden kein Blut ausgeht. Es ist nicht sein Blut, das auf dem Bild die Menschheit oder die Schöpfung erlöst. Wie kann das wohl gedeutet werden? Hat Jesus sich ausgeblutet, ging seine Hingabe bis zum letzten Blutstropfen? Oder hat der Künstler ihn ganz in Weiß dargestellt angedeutet als den, der frei ist von jeder Schuld? („Von der Jungfrau geboren“, besagt ja in der antiken Mythensprache genau das, und zwar rückblickend auf sein Leben!)

Diese Schuldlosigkeit zog die Menschen an und brachte sie zum Staunen und zur Bewunderung, war den Priestern und den römischen Besatzern aber unerträglich. Darum wurde ihm Schuld angehängt: er habe gegen das Gesetz des Moses verstoßen, z.B. am Sabbat geheilt, mit Zöllnern Dirnen und öffentlichen Sündern Umgang gepflogen, Völlerei getrieben, sein gewollt wie Gott, den römischen Kaiser nicht geehrt, Gott gelästert und ein nach ihrem Verständnis völlig überzogenes, skandalöses Selbstverständnis gehabt – „ich aber sage Euch, …“

Schließlich wurde die Kreuzesstrafe über ihn verhängt, weil er Gesetze des Tempels nach ihrem Sinn hinterfragte und sie entsprechend ihrer tieferen Notwendigkeit, ihrem eigentlichen Sinn nach anwandte. Dies trieb ihm Menschenscharen zu, die mit dem Herzen verstanden, wie er mit der Schuld anderer umging, des Zöllners, der Ehebrecherin … und die auch mit dem Herzen seine Schuldlosigkeit erfassten. Das gefährdete in den Augen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit die öffentliche Ordnung, passte nicht ins öffentliche Leben, und wurde nicht als höchster Wert anerkannt, sondern als Konkurrenz aufgefasst, die beseitigt werden musste.

In dieser Einzigartigkeit stellt ihn der Künstler nach seinem Tod dar. Jesus hat alle Schuld, die man ihm nachgesagt hat und dazu die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und gelöscht. Im Bild steht er, der sein Werk erfüllt und damit Erlösung gebracht hat, als Wegweiser, der die Botschaft hinterlässt, wie wir von nun an mit Schuld umgehen können. Das Weiß in dem der Künstler Jesus dargestellt hat, ist eigentlich gar keine Farbe. Wenn weißes Licht durch ein Prisma zerlegt wird, entsteht ein farbiges Spektrum von Rot bis Violett, in allen Farben des Lebens, auch den dunklen. Ist das ein Hinweis darauf, dass die Frohe Botschaft dazu verhelfen kann, alle Farben jedes Lebens letztendlich in Weiß zu bündeln? In schuldfreies Weiß?

Jedes Osterfest sollte bei aller Osterfreude auch diesem Aspekt Raum geben, in wie weit wir diese Wegweisung zulassen.

Kreuze zum Leben

Kann man nur mit Kreuzen Leben darstellen, Veränderung? Ist es möglich, allein mit dem Kreuz einen Weg zu gestalten, der nicht nur Kreuzweg, sondern auch Lebensweg ist? Über mehrere Jahre hat sich Peter Burkart mit diesem Thema auseinandergesetzt. Dabei ist dann und wann aus dem Leben heraus ein neues Blatt zu diesem Thema entstanden: ein vom Leben gezeichneter Weg mit dem Kreuz, ein vom Kreuz gezeichneter Lebensweg (Übersicht). Auch wenn die einzelnen Blätter auf der Rückseite datiert sind, die Farben und Formen der Kreuze geben keine eindeutige Zuordnung zu einzelnen Kreuzwegstationen wie etwa die römischen Zahlen. Jede Reihenfolge ist daher individuell, persönlich.

Dieser Kreuzweg gibt dem Betrachter keine weiteren Anhaltspunkte als das Kreuz, die Hintergrund- oder Umfeldgestaltung und das in Großbuchstaben geschriebene Wort LEBEN. Der Künstler hat das Leben gleichsam in die Gestaltung eines jeden Blattes eingearbeitet, wie es die drei ausgewählten Blätter veranschaulichen.

In der linken Arbeit steht das Kreuz senkrecht in der Blattmitte und berührt mit seinen Armen weder den seitlichen noch den oberen Bildrand. Dadurch wirkt es trotz seines hoch angesetzten Querbalkens recht gedrungen und statisch. Die rote Farbe des Kreuzes vermag die Erinnerung an das schreckliche Blutvergießen zu wecken, aber auch an die umfassende Liebe dessen, der sich am Kreuz für uns Menschen hingegeben hat. Vor dem bewegten Hintergrund erhält das Kreuz durch seine dichte Farbe Festigkeit. Obwohl haltlos in den Himmel ragend, lädt es ein, inmitten größter emotionaler Ergriffenheit bei ihm Halt zu suchen. Die Bewegtheit des Hintergrundes vermittelt im Lila einerseits gegenwärtigen Schmerz, deutet im verdeckten Licht andererseits das kommende Heil an. Das Wort Leben ist in zwei Teilen neben das Kreuz geschrieben. Diese „Kreuzwegstation“ macht alles in allem einen äußerst aktiven, mit starken Emotionen beladenen Eindruck. Dem Kreuz kommt in diesem unruhigen, geradezu turbulent wirkenden Leben eine bestimmende, tonangebende Rolle zu.

Die mittlere Arbeit mutet an, als wäre das Kreuz perspektivisch festgehalten worden. Durch die leichte Neigung erhält es einen dynamischen Charakter und scheint sich nach rechts zu bewegen. Hell leuchtend setzt es sich vom dunklen Umfeld ab. Hier scheint der Lebensweg von starker Gegensätzlichkeit geprägt, doch es ist keine farbliche Klarheit wie in den Blättern links und rechts zu beobachten. In der Art und Weise, wie das Kreuz teilweise mit blauer Farbe übermalt wurde, ist hier Kampf herauszuspüren. Von Innen heraus leuchtet schon die neue Freiheit, doch die finsteren Mächte lassen sie noch nicht zu. Trotz aller Leuchtkraft kann sich die Farbe des Kreuzes nur schwer in die dunkle Umgebung mitteilen.

In der rechten Arbeit ist das Kreuz fast nicht mehr zu sehen. Gelb auf gelbem Hintergrund vermittelt es erlöste Ruhe und Freude. Wiederum ist das Kreuz zentral ins Bild gemalt worden: Doch dieses Mal in breiten Balken, die Waagrechte nur wenig über der Bildmitte, mit allen Armen deutlich den Bildrand berührend. Trotz seiner massiven Malweise wirkt das Kreuz lebendig: Die Horizontale ist leicht schräg, mit aufstrebender Tendenz platziert, die Umrisse sind unregelmäßig, lebendig gestaltet. Leichte Schattierungen geben ihm zudem eine plastische Gestalt, durch die es sich vom leicht helleren Hintergrund abhebt, aber auch mit ihm verbunden wird. Feine rötliche Punkte könnten an das vergossene Blut denken lassen, evozieren aber doch mehr die froh machenden Farbtupfer einer bunten Blumenwiese. LEBEN steht in frischen grünen Buchstaben vor dem Kreuz. Alle Dunkelheit ist weg, auch die starre Form des Kreuzes scheint sich immer mehr in seiner Umgebung aufzulösen. Harmonische Ruhe, gelassene Heiterkeit sind der vorherrschende Eindruck. Das Kreuz wirkt in das Leben, dem es seine Prägung zu geben scheint, integriert.

Geschichte der Erlösung durch das Kreuz. In jedem Menschenleben wird sie ihre eigenen Farben und Formen, ihren eigenen Ausdruck finden. So wird der Weg zur Erlösung, wie mit den Beispielen angedeutet, von unterschiedlichen Erfahrungen geprägt sein. Jesu Kreuzweg legt sich diesen Erfahrungen wie eine haltgebende Matrix zugrunde. Und seine Auferweckung wird auch all unsere dunklen und schweren Kreuzerfahrungen umfassen und in lichte Freude und aufblühendes Leben verwandeln. Leben, das gerade vom Kreuz her seine Helligkeit und seine Kraft bezieht. Österliches Leben ist aus der Auferweckung entstanden. Ohne dieses Vorzeichen wäre es nie so hell und stark. Aber in dieser Hoffnung ist das Leben umso schöner, stärker, wunderbarer.

Vision des Lebens

Plastisch erhebt sich die bildhohe T-Form vor dem schwarzen Hintergrund. Wie eine Lichtgestalt zeichnet sie sich vom undurchdringlichen Dunkel ab. Und doch bildet das Tau-Kreuz so etwas wie einen Durchblick in eine ganz andere Welt. Im Gegensatz zum kalten und leblosen Schwarz ermöglicht sie den Blick auf eine schwelende Glut, von der Wärme und Leben ausgeht.

Inmitten dieser Glut ist in den hellen Stellen trotz der undeutlichen Umrisse eine menschliche Gestalt zu erkennen. Durch die ausgebreiteten Arme, den angedeuteten, nach links gesenkten Kopf und die sie umgebende T-Form lässt sie sich unschwer als Gekreuzigten identifizieren.

Der Tod mitten in diesem mit Wärme und Leben erfüllten Raum? Ja, doch erscheint er als notwendiger Durchgang für die Verwandlung des Leibes in eine neue Wesensform, die im Bild durch Helligkeit charakterisiert wird. Der Künstler präsentiert uns den Tod, auch wie ihn Jesus am Kreuz erlitten hat, als endgültige Metamorphose zum Licht. Was für eine ermutigende Perspektive! Ganz Licht zu werden und gleichzeitig auch ganz leicht.

Ist das nicht eine tief in uns liegende spirituelle Sehnsucht, die uns durch das ganze Leben hindurch bewegt? Licht ist etwas durch und durch Gutes und bedeutet Leben. Ohne Licht hätten wir keine Entwicklungs- und Überlebenschancen. Licht werden ist verbunden mit Erkenntnis und Einsicht in die vielen verborgenen Dinge um uns herum. Licht werden ist verbunden mit Ausstrahlung und der Absicht, integral gut werden zu wollen und Gutes zu bewirken.

Doch das Finden der persönlichen Lichtgestalt ist schwer. Durch viele Rollen und Verwandlungen hindurch versuchen wir, sie peu à peu zu erreichen. Allein durch die menschliche Entwicklung wachsen wir in immer neue Rollen hinein, die uns eine Entfaltung zum Gutsein ermöglichen. Auch viele kleine und große Abschiede bringen – meist schmerzhafte – Neuerungen in unser Leben und zwingen uns zu ungewollten Veränderungen. Erheblich helfen aber wiederkehrende Rituale, Bräuche und besondere Zeiten der tiefen Sehnsucht in uns, gut und licht zu werden. So ermöglichen uns Fasching oder Karneval aus den alltäglichen Rollen aus- und vielleicht auch Festgefahrenes in uns aufzubrechen. Ist es nicht, als brauche es dieses feurig-intensive Austoben, um anschließend in der Fastenzeit umso mehr in die Tiefe zu gehen und sich auf sein eigenes Wesen sowie seine Berufung konzentrieren zu können? Verzicht und Beschränkung sind in dieser vorösterlichen Zeit gewissermaßen die reinigende Glut, welche alles Unnötige wegbrennt und das Wesentliche, das Wichtige und Gute im Leben mit einem erneuerten Blick erkennen und mit befreiter Kraft auch leben lässt.

Leuchtendes Kreuz

Wie ein einfaches Gewand mag einem die rote Fläche erscheinen. Durchsetzt mit schwarzen Bereichen vermittelt sie den Eindruck eines gebrauchten Kleidungsstücks. Unten und seitlich wird sie vom Bildrand beschnitten, oben kann der leichte Einschnitt in der Mitte als Kragen gedeutet werden.

Doch das von oben eindringende Licht und der lebendige Pinselduktus verleihen dieser T-förmigen Fläche etwas Körperhaftes, Menschliches. Das weißgelbe Licht, das von außerhalb in das Bild hineinfließt, sich in das Gewand und über das Gewand bis zur helleren Mitte ergießt, befindet sich an der Stelle des Kopfes. In der Art und Weise wie es den dunkleren Hintergrund überdeckt erscheint es als erleuchtetes Gesicht, das leicht zur Seite geneigt Vergeistigung und Transzendenz ausstrahlt.

Dieses weißgelbe Gebilde hat etwas Hinweisendes und zugleich Mitteilendes an sich: aus der Höhe kommend deutet es auf den Brustbereich des Gewandes hin. Die dort leuchtende Kreuzform mit einem Herz in seiner Mitte mag andeuten, dass die Herzmitte des Menschen nicht nur anatomische Bedeutung hat, sondern ebenfalls spirituelles Aufnahmeorgan für Immaterielles und Transzendentes ist.

Links neben dem Licht können zwei weitere Kopfformen gedeutet werden: eine weiß Schraffierte links, eine weitere in violetter Farbe in der Mitte. Ob dadurch in dem ganz von Licht erfüllten oder verhüllten, zur Seite geneigten Kopf das letzte Stadium einer Entwicklung gesehen werden soll? Nun ist es vollbracht. Was sein musste, ist geschehen. Alles an ihm ist von den vergangenen Stunden, Tagen und Wochen gezeichnet.

Die T-Form lässt eine Person mit ausgebreiteten Armen wahrnehmen: einen Menschen, dessen Innerstes von einem Licht erfüllt ist, das auch Schmerz und Kreuz aufhellen kann. Und sie bringt im feurigen Rot die Begeisterung dieses Menschen zum Ausdruck, die weder durch das Leid noch den Tod gebrochen werden konnte. Ein Heiliger?

Vor dem unbestimmbar grauen Hintergrund nimmt das starke Rot eine klare Position ein, legt ein deutliches Bekenntnis zum Leben ab, trotz der in der schwarzen Farbe erkennbaren Bedrängnis. Wie ein Blick in sein Innerstes offenbart sich das leuchtende Kreuz als zentrale Kraftquelle. In der Art und Weise wie es das kleine Herz umgibt ist es auch Schutz und erweiterter Lebensraum. Damit könnte zum Ausdruck kommen, dass der vom Herzen ausgehende Glaube die tragende und alles verwandelnde Kraft ist.

So sehr das Bild als symbolische Darstellung für den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gedeutet werden kann, ist es vor allem Ausdruck für jeden Christen, dessen Gedanken und dessen Tun von unfassbarem Licht umgeben sind. Ihm wohnt eine zum Guten wandelnde Kraft inne, die wie bei Jesus zum Vorbild für viele wird, sich für die Liebe und das Leben einzusetzen, Zeit und Leben für den anderen hinzugeben. Damit alle das Leben haben und es in möglichst großer Fülle erfahren dürfen.