Schritte in die Weite

Der Blick des Betrachters geht mit zwei Fußspuren durch eine angedeutete Türöffnung in einen schmalen, langen Raum, dessen Rückwand perspektivisch leicht nach rechts aus dem Zentrum verschoben wurde. Die farbigen Flächen wirken plakativ, symbolisch. Der Raum mit dem braunen Boden, den roten Seitenwänden und der gelben Rückwand erscheint ohne Fenster, Türen und ohne Decke wie eine ausweglose Sackgasse.

Diesen imaginären Raum hat ein Mensch barfuß betreten. Die weißen Abdrücke bilden einen seltsamen Kontrast zu den anderen Bildelementen. Der abstrakte Raum erhält durch diese Spuren etwas Menschliches. Eine menschliche Präsenz wird spürbar. Der braune Boden lässt an Erde denken. Der Ort hat etwas Grabähnliches. Doch die roten Wände pulsieren voller Leben und sie können wie symbolische Hände der Liebe gesehen werden, die den Verloren-Geglaubten umfassen und ihm Halt geben, die den Erkalteten und Erstarrten wärmen und in ihm neues Leben zirkulieren lassen.

Auch die sonnengelbe Rückwand mit der Leiter signalisiert, dass dieser Raum kein Ort des Todes ist, sondern der Auferstehung und des Lebens. Es führt über die Leiter ein Weg ins Freie und in die Weite durch den, der von sich sagte: „Ich bin die Tür, ich bin der Weg, ich bin die Auferstehung und das Leben“: JESUS!

ER ist es, der zu den Angehörigen von kürzlich Verstorbenen, wie zu Jairus oder der Schwester des Lazarus, sprach: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ (Mt 5,36) ER ist es, der zu den Verstorbenen selbst sagt: „Talita cum – Steh auf!“ (Mt 5,41; vgl. Joh 11,1-45) ER lässt die Worte aus Psalm 18 immer wieder Wirklichkeit werden: „Er führt mich hinaus ins Weite.“ (Vers 20) „Du schufst weiten Raum meinen Schritten“ (Vers 37). Jesus ist im Symbol des feinen Türbogens ins Bild gebracht. Durch ihn wird die Wahrnehmung positiv verändert, die Sicht auf das Kreuz wird im Symbol der Leiter wieder auf das Leben geweitet, denn er sagt: ICH sage dir: Steh auf! ICH führe dich ins Weite – in die Weite des Lebens!

 

Die Arbeit von Thomas Lauer ist bis zum 18. Oktober 2022 in der Ausstellung “Talita kum – steh auf!” Theodosius Akademie im Kloster Hegne am Bodensee ausgestellt.

Spannung des Lebens

Zwei längliche Schalenkörper, der eine am Boden liegend, der andere darüber hängend und schwebend, bilden im Raum eine tonale Klammer. Beide Objekte haben ähnliche Dimensionen und weisen in der Länge eine ähnliche Symmetrie auf. Farblich setzen sie sich durch die gewählten Materialien voneinander ab: Die untere Form ist aus dünn gearbeitetem Gips, die obere Form besteht aus weichem Bienenwachs. Durch die formale Ähnlichkeit und die räumliche Zuordnung entsteht ein Spannungsverhältnis.

Grundlage der Skulptur sind die vergrößerten Abformungen einer menschlichen Schulterpartie, die durch die Verwendung der Materialien Bienenwachs und Gips in ein dialogisches Verhältnis gesetzt wurden. Dabei ist die Bienenwachsform als innere Abformung der Gipsform entstanden. In der Skulptur schwebt sie von ihrer Urform gelöst im Raum, als Bezugspunkt senkrecht über ihr verbleibend, doch in der Position um 180 Grad gedreht. Dadurch bildet sie mit der Wölbung nach oben weisend mit der Form aus Gips auf dem Boden gleichsam eine himmlische Klammer. Die Schwebeform ist ein Gegenüber, die im Gegensatz zur Bodenform eine Wendung und eine Wandlung vollzogen hat. Während die Bodenform durch die Einbuchtung dem Chor mit dem Altar und damit sinnbildlich Gott zugewandt ist, öffnet sich die obere Form den Gläubigen, den Besuchern und ist damit den Menschen zugewandt.

Ruhend sind die Schalenformen miteinander im Austausch. Ihre Materialien und Positionen wirken gleichnishaft. So verbindet sich der Gips in seiner Materialität mit der Erde und steht als Abformung der menschlichen Schulterpartie für den Menschen und alles von ihm Geschaffene, Erdverhaftete. Das Bienenwachs hingegen vermag von seiner Herkunft her und durch die schwebende Leichtigkeit eine geistige, spirituelle und gewandelte Dimension des Daseins anzusprechen. Da die obere Schale eine Entäußerung der unteren Schale ist, eine geistige Form, die aus der unteren Schale entstanden und entschwebt ist, haftet ihr auch etwas von der Auferstehung an, vom Unvergänglichen, und vermag nun wie ein Schirm, wie ein guter Geist beschützend über der unteren Schale zu wachen. Beide sind auf ihre Weise fragil, doch miteinander bewirken sie eine starke, lebendige Spannung.

Der große Abstand zwischen den Elementen bietet viel Frei- und Spielraum für weiterführende Gedanken: Die beiden leicht zueinander gebogenen Formen lassen sich aus dieser Perspektive gesehen zu einem unsichtbaren Kreis ergänzen und deuten damit sowohl Zusammengehörigkeit als auch Offenheit an. Die beiden Abformungen lassen an die Spannung und Stärke der Schultern denken, die große körperliche und verantwortungsvolle Lasten zu tragen vermögen, aber auch an ihre notwendige Entspannung und Erholung, um nicht in einer schmerzvollen Verspannung oder Lähmung zu enden, welche den Körper zu Boden zwingen.

Die Installation der beiden Schulterelemente eröffnet einen gedanklichen Freiraum, der die Worte Jesu in Erinnerung zu rufen vermag, damit die lebensnotwendige richtige Spannung wieder hergestellt und beibehalten werden kann: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28-30)

Der Blick auf Jesus, die Verbindung mit dem Logos Gottes, seiner alles überragenden und durchdringenden Weisheit, ermöglicht richtiges und weitsichtiges Denken und Handeln. Die „himmlische Klammer“ des Kunstwerks macht diesen Spannungsbogen als auch den inneren Freiraum zur Gestaltung des Lebens gut sichtbar. Es ist eine hohe Kunst, alles – also nicht nur uns zu Lasten der Mitmenschen und Umwelt –, sondern alles zusammen maßvoll am Leben zu erhalten: beweglich, entwicklungsfähig, formbar, veränderbar.

Die Installation bringt diesen Spannungsbogen des Lebens insbesondere durch das obere Element zum Ausdruck. Das Leben existiert nur in einem schwebenden, stets vom „Absturz“ bedrohten Zustand. Damit die Lebenskräfte weiterhin das Unmögliche vollbringen können, die ganze Schöpfung – und nicht nur sich selbst – im Gleichgewicht zu halten, braucht es die Verbundenheit mit Gottes Genialität und des aus ihm heraus denkenden und handelnden Geistes.

Zwischen Himmel und Erde musst du stehen als aufrechtes Wesen, dessen Füße den Bezug nach „unten“ nicht verlieren, und dessen Stirn sich emporreckt im Bezug nach „oben“. (Elisabeth Lukas)

Beflügelndes Miteinander

Leben ist diesem vermutlich intuitiv entstandenen Bild eingeschrieben. Leben ohne Vorgabe, ungebundenes, freies Leben! Lebendigkeit, die sich in der spielerischen Entfaltung von Strichformen und Farbakzenten, in der freien Bewegung und dem geselligen Miteinander äußert.

Das helle und fröhliche Bild kann auf ganz unterschiedliche Weise betrachtet werden. Nachfolgende Zugänge können eröffnende Impulse sein.

Welcher Strich, welches Lebenszeichen, mag wohl der erste auf der Leinwand gewesen sein? Wo fand ein zweiter Strich seinen Platz, als Ausgleich und Partner zum ersten? Welcher Strich ergänzte dieses Paar zu einem Trio bzw. zu einer Familie? Auf welche Weise verdichteten sich die Striche bis nach und nach das komplexe Gefüge einer (Farb- und auch Lebens-) Gemeinschaft entstand? Welche Striche sind bei der Entstehung der Komposition übermalt worden und haben dabei die Farbe gewechselt?

Die vielen Pinselstriche verunmöglichen wie bei einem Schneegestöber einen Blick in die Tiefe. Während vorne die starken Farben wirken, verwirbeln die schwächeren nach hinten. Die unterschiedliche Intensität ermöglicht umgekehrt ein Auftauchen oder Erscheinen der Farben, indem die Pinselstriche mit zunehmender Farbigkeit in den Vordergrund rücken und über den anderen Strichen zu schweben scheinen.

Diese lebensfrohe Komposition durchziehen fast unmerklich Bewegungen, die durch farb- und formbedingte Verdichtungen entstanden sind. Sie äußern sich in vielfältigen Bezügen, Farbintensivierungen, Aneinanderreihungen, Gruppenbildungen. So bilden zwei „Linien“ – ausgehend von den unteren Ecken – über der Bildkante eine in das Bild hineinführende Dreiecksform. Darüber, leicht nach rechts verschoben, eine Ansammlung von gelb-orangen und violetten Strichen, die eine Kreisform ohne feste Mitte bilden. Zudem schwingt ein großer Bogen von der rechten unteren Ecke links um die Kreisform herum zur rechten oberen Ecke hoch. Nicht zuletzt finden sich in der linken oberen Ecke gelb-orange Striche dicht beieinander. Einen Akzent bildet der vielfarbig schräg angelegte blau-weiße Strich in der oberen Mitte. Er wirkt in seiner Umgebung von gelben und weißen Strichen wie ein Ruhepol im Fluss der Farben, wie ein „Aufhänger“ oder Anker bei gedanklicher Unruhe. Ein spiegelbildliches Gegenüber oder „Dialogpartner” findet er in der gelbrot übermalten dunkelblauen Spitze des Dreiecks unten.

Es ist ein Tanz der Farben auf der Leinwand, bei dem jeder Strich voller Kraft und Dynamik für sich selbst stehen könnte und ein eigenes Kunstwerk bildet. In schier endloser Kombination steht jeder farbige Pinselstrich mit den anderen im Dialog und zusammen entwickeln sie eine Dynamik, die im Miteinander über sich selbst hinauswächst: beflügelnd, begeisternd, beseelend, bestärkend, belebend, bewegend. Durchdrungen und getragen von Dem, der das Leben selbst ist und es mit Seiner Liebe erfüllt.

In dem Sinne könnte das Gemälde ein Sinnbild einer Gesellschaft sein, die aus Individuen, wechselnden Gruppen und deren Interaktionen besteht. Einer Gesellschaft, in der durch die Liebe erbauende und einende Kräfte wirken, welche die vielen auseinanderstrebenden Gruppen zu einer Gemeinschaft verbinden. Ganz wie der Apostel Paulus Gläubige in Kolossai ermahnt: „Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar!“ (Kol 3,14-15) Wer so lebt, wird – wie jeder Pinselstrich im Bild – Spuren voller Leidenschaft, spontaner Lebenszeichen, tiefgründiger Freude hinterlassen, die das Miteinander beflügeln.

Befreiung zum Leben

Jedem der drei heiligen Tage ist im Triptychon ein Bild gewidmet: Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Farblich sticht durch die rötlich-braune Farbe das mittlere Bild heraus, von der Form her ist das Kreuz am besten zu fassen, während das Osterbild je nach Sichtweise Unterschiedliches zu sehen ermöglicht.

Die hellen, gleichlangen Balken verweisen als Kreuzzeichen auf den Tod Jesu, weshalb dieses Bild dem Karfreitag zugeordnet werden kann. Das Kreuz wirkt wie eine Klammer über dem breiten Rahmen, wie ein Gitter vor einer Fensteröffnung, um etwas Dahinterliegendes zu versperren. So sehr das Kreuz im Vordergrund steht, führt der Blick daran vorbei in die Tiefe, in eine mit lichten Punkten durchsetzte Finsternis. Das Lichtermeer in der Nacht erinnert an das stille Totengedenken auf Friedhöfen, bei denen allein die Kerzenlichter bis zum Verlöschen bei den verstorbenen Lieben ausharren.

Doch das Kreuz selbst trägt im „Brustbereich“ oder im Herzen das Leiden und den Schmerz, den Tod und die Einsamkeit. So erhält seine Gestalt menschliche Züge, bei der die Arme weit ausgebreitet sind – wie um alle Menschen aufzufangen und vor dem Verderben zu retten. Auch die weißliche Farbe des Kreuzes kann in diese Richtung gedeutet werden: Jesus ist der, „der heilig ist, frei vom Bösen, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel.“ „Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten.“ (Hebr 7,26.25) Das helle Kreuz macht deutlich: Jesus ist „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29).

Das Starre, Recht-Eckige, Unflexible und Unbewegliche findet sich auch im zentralen Bild. Die engmaschige Gitterstruktur der schwarzen Linien erinnert an ein dorniges Heckendickicht. Doch im Durchblick auf das rötliche Licht ist Verwandlung spürbar. Dunkel ist bereits die schalenförmige Grundstruktur des Auferstehungsbildes angedeutet, aber sie gleicht mehr einem von Erkenntnis erschrockenen und darunter leidenden Kopf. Inferno und Fegefeuer können in diesem Bild gesehen werden, aber auch eine Transformation zu etwas Neuem. Oder ein alle Verstorbenen vertretendes Gesicht, das als Seele darauf hofft, bei Gott Erbarmen zu finden und von Jesus beim Hinabsteigen zu den Toten gerettet zu werden.

Das dritte Bild nimmt die weiß-braunen Farben des linken Bildes auf und ordnet sie neu. Gott läutert und wandelt das Bestehende in der glühenden Kraft seiner Liebe zu einem befreiten, ungebundenen Leben, das allein aus der Liebe heraus handelt. Es gibt nicht mehr verschiedene Ebenen, sondern nur noch die Gegenwart der Auferstehung. Formal wird das durch die freien und lebendigen Formen zum Ausdruck  gebracht, inhaltlich durch die Heimkehr zu Gott, der Begegnung mit IHM, seiner Umarmung und der dadurch erfahrenen Geborgenheit (vgl. Lk 15,24). Die schwungvollen Formen machen zudem deutlich, dass die Auferstehung ein lebendiger Prozess des Erkennens und Wahrnehmens ist, in dem die neue Wirklichkeit Gottes in unserem Leben erst nach und nach sichtbar wird. So ähnlich wie bei den Emmausjüngern (vgl. Lk 24,13-35), die ebenfalls in diesem Bild gesehen werden können.

Die Zusammenschau aller drei Bilder tut gut und ermöglicht ein Ausloten und Finden des eigenen Standpunktes. Das Triptychon zeigt in Leserichtung einen befreienden Entwicklungsprozess auf: Das stellvertretende Opfer Jesu und seine Auferstehung befreien zu einer erneuerten Beziehung zu Gott, die Kraft und Mut gibt, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv und kreativ den Aufgaben unserer Zeit zu stellen.

Lebensvielfalt

Die kleinformatige Druckgrafik bezaubert durch das Spiel der gebogenen Linien und der klaren Farben und Flächen. Die Grundform wurde beim Druckprozess vier Mal um 90 Grad gedreht und wandert damit gewissermaßen am Rand um die Bildmitte herum. Dort berühren sich die beiden seitlichen Elemente, während sich das untere und das obere Element in der Mitte überschneiden und eine waagrecht liegende Spindelform bilden. Die Grafik lebt durch die leicht asymmetrisch angeordneten Grundelemente, weil dadurch alle Schnittformen einen individuellen Charakter erhalten. Sie lebt außerdem durch die Schattierungen in den einzelnen Farbflächen, die Farbtöne anderer Elemente durchscheinen lassen.

Assoziativ können ganz verschiedene Vorstellungen oder innere Bilder in der Grafik wiedererkannt werden. So vermag sie an ein Windrad zu erinnern, das sich lustig im Winde dreht. Es kann in den grün-grauen „Blättern“ auch eine stilisierte Blume gesehen werden oder eine nach rechts geneigte „blumige“ Kreuzform. Von der Mitte ausgehend können die grüne Kelchform links und die grau-gelbe Kelchform rechts als stilisierte Tulpen gedeutet werden.

Die beiden blauen Dreiecke hingegen inspirieren mehr zu einer landschaftlichen Sicht und lassen an Himmel und Wasser denken, vielleicht an einen von Hügeln umsäumten See, in dem sich eine grüne und eine graue Bergflanke spiegeln. Denkbar ist aber auch ein rein abstraktes Sehen von flächigen Formen, die sich um eine Mitte als Dreh- und Angelpunkt gruppieren und die spannungsvoll zwischen einem Sich-nach-innen-Wenden und einem Nach-außen-Strahlen hin- und herpendeln.

Wenn man die Formen in Leserichtung vor einem blauen Hintergrund sieht, dann erscheinen zwei angeschnittene Eiformen, die sich sanft berühren. Das  Grün links erinnert an pflanzliches Leben, in den hellen Tönen und dem Gelb rechts leuchtet eine Geistigkeit auf. Durch die beiden sie von oben und unten anschneidenden Bögen sind sie dennoch in einer Art gemeinsamer Logik miteinander verbunden. So gesehen erscheint die Komposition wie ein Übergang, wie eine Transformation von einer menschlich irdischen Sphäre in eine aufblühende Geistigkeit.

Die vier Positionen der Grundform und die unterschiedlichen Assoziationen machen deutlich, wie vielfältig unsere Wahrnehmung ist und wie jeder aufgrund der individuellen Erlebnisse andere Dinge wiedererkennt. Dadurch offenbart sich eine lebendige und gleichzeitig fröhliche Fülle, die aus der „Artenvielfalt“ des Lebens entstanden ist und nur durch den Respekt und die Freiheit des anderen weiter bestehen kann. Sie  macht deutlich, dass von uns allen eine größtmögliche Beweglichkeit erwartet wird, um andere Positionen und Blickwinkel einnehmen und nachvollziehend verstehen, respektieren und schützen zu können.

Dialoge

In dem konstruktivistisch anmutenden Bild befinden sich sechs flächige Formen paarweise miteinander im Dialog. Zwei olivgrüne, senkrecht stehende Rechtecke bilden die größten Dialogpartner. Sie stehen sich in gleicher Größe und gleicher Höhe mit respektvollem Abstand gegenüber.

Über den olivgrünen Rechtecken sind oben zwei Quadrate miteinander im Gespräch, unten zwei breite grüngelbe Bogenformen. Beide Formen verbinden auf eigene Weise die beiden Rechtecke.

Die beiden Quadrate gleicher Größe sind versetzt übereinander und auch versetzt zur Mitte angeordnet. Ihre Gestaltung ist gegensätzlich: Während das obere Quadrat durch das Blattgold hell leuchtet und sich solitär über den beiden gelben Bogenformen erhebt, ist  das dunkelgrüne Quadrat durch seine farbliche Nähe zu den darunterliegenden Rechtecken nur schwach präsent bzw. hat es für diese eine Brückenfunktion.

Die beiden Bogenformen sind die einzigen dynamischen Elemente im Bild. Ihre Bewegung führt von der Seite her nach oben und nach unten gewölbt zueinander und übereinander, um auf der anderen Seite wieder auseinanderzugehen. Die eine ist wie eine Schale nach oben geöffnet, die andere wölbt sich entgegengesetzt wie ein Hügel in der Landschaft. In der teilweisen Überlagerung verdichtet sich ihre Farbe und erhalten die Formen Halt.

Ein Stück Stacheldraht und das Wort DU bilden das letzte Gesprächspaar. Während das helle, goldgelbe DU für das Gegenüber offen ist und es zur Begegnung einlädt, grenzt der schwarze Stacheldraht das Gegenüber als unerwünschte Person aus. In der Mitte des Bildes erinnert er auch, dass Begegnungen und Beziehungen mitunter nicht harmonisch verlaufen und zu Verletzungen und Ausgrenzungen führen können.

Mit diesen vier symbolischen Gesprächspaaren und ihrem Dialog miteinander und untereinander ist in dem Bild alles auf Begegnung und Beziehung ausgerichtet. Dabei wird das verbindende und gemeinschaftsstiftende Wesen von Begegnungen ebenso sichtbar, wie der respektvolle Dialog auf Augenhöhe oder die Verletzlichkeit, die entsteht, wo Menschen sich einander öffnen. Ermutigend, tröstend und vergebend leuchtet über allen menschlichen Begegnungen das für Gott stehende goldene Quadrat. Als Quelle des Lebens ist er der Ursprung jeder Begegnung. Als das Licht der Welt begleitet und führt er uns durch alle Höhen und Tiefen.

So spiegelt sich in den vielfältigen Bezügen der konstruktiven Bildformen Gottes trinitarisches Wesen und seine liebevolle Zuwendung zum Menschen: Die beiden senkrechten Hintergrundrechtecke können als Gesetzestafeln gesehen werden, als haltgebende Struktur für die menschliche Gemeinschaft, die deutlich Recht und Unrecht, Gut und Böse unterscheidet. Alle anderen Formen stehen – diese Spaltung verbindend – darüber: Das goldene Quadrat als Symbol für die Vollkommenheit, das Licht und die Liebe Gottes. Das grüne Quadrat als Symbol für die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, aber auch für das überwundene Leid. Und drittens die grüngelben, gebogenen Formen, in deren Begegnung sich der Heilige Geist im Dialog zwischen DU und ICH lebendig realisiert.

Lebenskreise

Sechs Kreisflächen in unterschiedlichen Farben bilden in der Mitte des Blattes einen Sechserblock. Jede Farbfläche wird von körnig-porösen Farbringen umkreist. Auf dem weißen Hintergrund bilden die sechs eine geschlossene abstrakte Gruppe, die in sich ruht und doch voller Leben ist.

Farblich und strukturell erinnert die Sechsergruppe an zwei nebeneinanderstehende Ampeln. Doch das Farbenspiel irritiert und fordert heraus, die Farbenwahl und ihre Anordnung als auch die umkreisenden Linien genauer zu betrachten.

Die Grundlage der Farberuption ist farblos neutral. In ihr spiegeln sich unendliche Weite als auch grenzenlose Offenheit. In ihrer Helligkeit wohnt die additive Fülle aller Farben, die sich in der Auswahl der sechs Farben beispielhaft in ihrer Vielfalt äußert. Die sechs Farben bilden eine Komposition aus den Primärfarben (Gelb, Rot, Blau) und den Sekundärfarben (Orange, Grün, Violett). 

Die verschiedenen Kreisflächen stehen durch ihre Farbidentität in unterschiedlicher Beziehung zueinander. So bilden die blaue und die rote Kreisfläche farblich gesehen die waagrechte Mitte. Der gelbe Kreis bildet mit der orangen Fläche und ihrer intensiven gelben Umkreisung eine Klammer oder Diagonale. Eine zweite Diagonale ergibt sich von links unten nach rechts oben über die den dunkler bzw. blau umrandeten violetten Kreis unten in der linken und oben in der rechten Reihe. Zum anderen überkreuzen und verschränken sich die beiden vertikalen Farbachsen mit den obersten beiden Farbflächen, da der orange Kreis die gelb-rote Farblinie der rechten Seite fortführt, das grüne Rund in der violett-blauen Farbfolge der linken Seite gesehen werden kann.

Dieses spannende Nebeneinander und Miteinander wird durch zwei weitere Faktoren verstärkt. Zum einen sind die Kreise von Hand geschaffen worden, also nicht kreisrund, zum anderen ist ihre Anordnung nicht genau untereinander oder nebeneinander. Diese freie Interpretation der strengen geometrischen Formen, diese kleinen Abweichungen von der Norm erfüllen die Komposition mit Leben und Lebendigkeit.

Die mit Wachsstiften gezogenen Ringe bilden neben den Kreisflächen und ihrer Anordnung das dritte gestalterische Element. Mit jeder der sechs Farben wurde jeder Kreis linear umkreist, eingekreist, umgeben, geschützt, gehalten, in Schwingung versetzt. Es ist, als würden sie sich gegenseitig Schutz geben, nicht nur durch die Nähe, sondern auch durch die ihm eigene Farbe. Gleichzeitig wurde so das Flächige aufgelockert, bilden sich Bezüge und Übergänge, Erweiterungen und Auren. Dem Gedruckten wurde somit etwas Manuelles beigefügt, dem Perfekten etwas Ungelenkiges, dem Geplanten etwas Spontanes, Einmaliges, dem Ruhenden etwas Bewegtes.

Damit führt die Grafik mitten in das spannende Miteinander, Zueinander und Füreinander des Lebens und der daraus entstehenden Gemeinschaften hinein. Sie lädt ein, durch die Symbole spielerisch über unsere Begabungen und Positionen in der Gemeinschaft wie über unsere Haltung und Beziehung zum Nächsten nachzudenken. Das alles mit Blick auf den lichten, endlosen Hintergrund, der die kreative Fülle und Lebendigkeit Gottes symbolisiert.

Flyer mit der Präsentation der sieben Grafiken

Die Originalgrafiken können beim Kunstverein für Christliche Kunst in München erworben werden.

Weiterer Bild-Impuls aus der Edition 2018 zur Fotografie von Michael Wesely.

Leben pur

Auf einem welligen Grund schlängeln sich Linien hin und her. Mal bewegen sie sich als hervorgehobene Streifen über die Oberfläche, mal sind sie als Vertiefungen in die Oberfläche gearbeitet. So fließen die Bänder in einem endlosen Fluss von links oben nach rechts unten diagonal durch das Kunstwerk. Lustig mäandriert der Wasserlauf vor sich hin, überschneiden und unterlaufen sich Linien, begegnen und verschränken sich, um dann wieder auseinanderzugehen und den eigenen Weg zu finden. Quirlig verspielt fließt das Wasser, das es offensichtlich abbildet. Es ist ein lebensfrohes Miteinander voller Bewegung. Alles ist im Fluss, nirgendwo ist eine Behinderung ersichtlich. “Panta rhei”, alles fließt (Heraklit).

Wie die Betrachtung eines Bergbaches ermöglicht auch dieses Relief das Nachdenken über den Fluss des Lebens. Vom ersten bis zum letzten Herzschlag bedeutet Leben ein unentwegtes In-Bewegung-Sein. Das Leben gleicht offensichtlich keiner geraden Linie, die man übersichtlich abschreiten könnte, sondern vielmehr einem Schlängelpfad mit unvorhersehbaren Wendungen und Überraschungen. Das Leben ist ein großes Miteinander voller Begegnungen und Verflechtungen.

Das Relief zeigt ein idealisiertes Bild des Lebens, einen Ausschnitt oder eine Momentaufnahme von großer Schönheit und Harmonie. Wir alle wissen, dass es nicht immer so ist.

Aus der Beschäftigung mit dem Wasser und der Auseinandersetzung mit dem Lauf und der Bewegung des Wassers sind bei der Künstlerin sieben Reliefs entstanden. Dabei ist sie nicht nur neben den Flüssen hergelaufen, sondern hat sich mental in sie hineinbegeben, ist geschwommen, „flüssig geworden, um den Fluss zu fühlen“. Daraus ist der Titel „SWIM“ für die außerordentlichen Reliefs entstanden, die über den Lauf des Wassers hinaus Wesentliches unseres eigenen Lebens thematisieren. In der gleichzeitigen Betrachtung von Fluss und Mensch verdeutlichen sie zudem die vielfältige Bedeutung des Wassers für unser Leben. Die Reliefs erzählen vom Durst nach Wasser, wie Wasser den Boden unsicher macht, einem den sicheren Stand nehmen kann und zum Schwimmen zwingt. Sie erzählen von Verengungen, durch die man hindurchgeschleust wird, von Wasserfällen, über die es hinuntergeht, von Stürmen, die Unruhe ins Wasser des Lebens bringen. Und in einem letzten Relief wird mit einem Kreissymbol die Sehnsucht visualisiert, „man könne einen Mittelpunkt erreichen! Aber der Fluss erreicht sein Ziel erst, wenn er im Meer ankommt. Er verschwindet in dieser enormen Oberfläche. Und da ist wohl der Mittelpunkt; man berührt ihn, aber er hat keine Dauer. Er ist da und dort und wieder da. Er bewegt sich. Er ist lebendig wie wir selbst.“ (Maja Thommen)

Morgendliche Begrüßung

Gelbe Hände strecken sich einer roten Kugel entgegen. In ihr und um sie herum künden pulsierende Kreislinien und bunte Lichtpunkte von einer vibrierenden Energie, die über sich hinausgeht. Es sind Lichtlinien, welche die rote Kugel wie Haare prachtvoll kleiden und sich nach unten handartig ausformen als wollten sie den menschlichen Händen die Hand reichen. Ein im Bild schwebendes Augenpaar verstärkt den Eindruck, mit der roten Kugel eine göttliche Persönlichkeit vor sich zu haben, die voller Liebe und Leben den Menschen zugewandt ist und sich an sie verschenken will.

Es ist eine besondere Begegnung, die hier ins Bild gebracht wird. Zum einen die Zuwendung des himmlischen Gestirns, das durch seine Größe und Pracht einzigartig ist, zum anderen durch die vielen menschlichen Hände, die sich wie Keimlinge lichthungrig aus dem Wasser dem Gestirn entgegenstrecken als auch die mit einem Vogel verzierte Gondel, welche die Anwesenheit eines hohen Würdenträgers andeutet. Die feinen Wellenlinien mögen auf ihre wasserreiche Heimat anspielen, das schlangenförmige Gebilde mag den mäandrierenden Verlauf der flachen Gewässer andeuten, kann aber auch symbolisch für ein Auf und Ab, ein Hell und Dunkel des Lebens stehen. Einige Verse aus dem Sonnengesang des Echnaton lassen das Bild mit seiner ägyptischen Formensprache besser verstehen.

Am Morgen bist du aufgegangen im Lichtland
und bist strahlend als Sonne des Tages.
Was auf Füßen steht, erwacht: du hast sie aufgerichtet,
sie reinigen ihre Körper und ziehen Leinengewänder an;
ihre Arme sind in Lobgebärden bei deinem Erscheinen,
das ganze Land tut seine Arbeit.

Die Arme kommen aus dem Wasser, weil das Sonnenlicht die ganze Schöpfung geweckt und aufgerichtet hat und die Menschen sich vor dem Morgenlob als erstes für die Begegnung mit ihrem Lebensspender waschen und rein machen. Das Bild zeigt nur die emporgestreckten Arme der Menschen, so wie wir sie heute von begeisterten und jubelnden Besuchern eines Popkonzertes kennen. Hier strecken sich die Hände ihrem Star auf der Himmelsbühne entgegen. Sie begrüßen die Sonne bei ihrem Erscheinen, sie sind der körperliche Ausdruck ihrer tiefen Dankbarkeit, dass sie zuverlässig da ist und ihrem Leben einen festen Rhythmus gibt. Die hochgestreckten Hände bejubeln und loben ihren Himmelsstar, der ihnen täglich Licht und Wärme spendet und wesentlich zur Fruchtbarkeit des Landes und damit zur Lebensmittelversorgung beiträgt.

Aus einem anderen Blickwinkel gesehen könnte man auch sagen, dass die Sonne gleichsam auf Händen getragen wird. Durch das tägliche Ritual wird sie nicht als selbstverständlich angesehen, sondern die Beziehung wird gepflegt und das Wohlgefallen des übergeordneten „Herrschers“ erbeten. Dieser Dialog wird in der jüdischen und christlichen Religion insbesondere in den Psalmen deutlich. Hier wird auch ersichtlich, dass einiges aus dem Gedankengut des Echnaton verwandelt und weiterentwickelt in das Gespräch mit Gott eingeflossen ist. Abschließend und beispielhaft dafür können die Verse 1-6a des Psalms 24 stehen:

Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.
Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, …

Alle Bilder von Christina Simon aus dem Sonnen-Hymnus

Abendmahl?

Die je sechs Figuren beidseits der weißen Figur lassen beim Anblick des Triptychons (Ansicht aller drei Bilder) fast unwillkürlich an das Letzte Abendmahl denken, das Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Leiden und seinem Tod gefeiert hat. Umso mehr als sie Heiligenscheine tragen und es sich, wie es die Kerzen andeuten, um eine feierliche Tafel handelt.

Allerdings sprechen viele Details gegen die Darstellung des Abendmahls. Der Tisch ist nicht über die drei Bildteile durchgehend gemalt, sondern bricht links und rechts des Mittelteils ab. Die Personen in den seitlichen Bildern sitzen an und auf Ölfässern. Überhaupt sind die „Heiligen“ nur durch Büsten dargestellt, die wie Spielfiguren auf Brettspielen stehen, als würde hier etwas gespielt oder inszeniert. Und doch erinnert die Figur ganz rechts neben dem Fass mit einer erloschenen Kerze vor sich an Judas. Oder die rosa Person in der Bildmitte neigt sich wie der Lieblingsjünger Johannes Jesus zu. Auch stehen vor der Dreiergruppe noch Reste eines Mahles, so als sei soeben gegessen worden.

Andererseits stellt sich bei den vielen bandagierten und vermummten Figuren die Frage, ob es sich überhaupt um ein Mahl mit Lebenden handelt. Die einen verschwinden quasi im Reich der Schatten und der Dunkelheit, bei den anderen sind ihre fleischfarbenen Gesichter verbunden oder maskiert. Sie erinnern an Wachsfiguren oder Mumien. Die zentrale Figur in der Mitte nimmt auch durch die weiße Farbe eine singuläre Position ein. Sie wird von der Sehgewohnheit und von der Ikonografie her als Jesus gedeutet. Eine weiße Tunika und ein verklärtes Gesicht würden gut zu ihm passen. Aber was, wenn die Figur wie eine Mumie mit Grabtüchern eingebunden ist, also schon tot ist? Oder sitzt er bereits als Auferstandener, als Lichtgestalt am Tisch, so wie er den Jüngern von Emmaus erschienen ist. Die schwarze und die rosa Person neben ihm verweisen darauf und vermitteln gleichzeitig zu den jeweiligen „Seitenflügeln”.

Die ungleiche Tischgesellschaft irritiert unsere Sehgewohnheiten. Vieles ist mehrdeutig dargestellt, anderes verstörend entstellt. Die brennenden Kerzen befremden. Sie wirken wie angezündete Dynamitstangen und lassen die Ölfässer zu Pulverfässern werden. Durch sie wird das, was noch in Fragmenten da ist, explosiv. Soll das Mumienhafte in die Luft gesprengt und Platz für Neues geschaffen werden? Soll damit angedeutet werden, dass auch das Letzte Abendmahl aus Fragmenten des jüdischen Paschafestes entstanden ist? Oder dass das Leben einer Gegensätze überwindenden und versöhnenden Kraft bedarf, damit lähmende Gewohnheiten immer wieder durchbrochen und erneuert werden, damit das Leben lebendig bleibt und auch neues Leben hervorbringen kann? Oder möchte diese ganz andere und fragmentarische Darstellung des Abendmahls einfach Stachel sein, alles Traditionelle in der Kirche immer wieder auf den Prüfstand der Sinnhaftigkeit zu stellen und über dessen wahre Bedeutung nachzudenken? Damit Gott alles Auseinandergebrochene, Leidende oder Entfremdete wieder ganz machen und in die Gemeinschaft mit ihm führen kann?

Bittere Wahrheit

Von weitem meint man ein kleines Aquarium vor sich zu haben, Algen, die im Wasser schwimmen, sich an festem Gestein festhalten. Doch was wie ein Stück heile Unterwasserwelt präsentiert wird, entpuppt sich beim Erkennen aller Details als eine Ansammlung von Abfall, als ein buntes Arrangement unterschiedlichster Plastikteile.

Sie entstammen einer zufälligen „Müllsammlung“ zwischen zwitschernden Vögeln, die der Künstler letztes Jahr im Naturschutzgebiet „Pegwell Bay“ an der Küste Südost-Englands spontan bei einem Spaziergang gemacht hat. Auf eine naturwissenschaftliche Ausstellungspraxis verweisend nutzt er ein Präparateglas zur Präsentation. Er hat eingeschlossen, was in den Meeren frei herumschwimmt und sich über Jahrzehnte und -hunderte in kleinste Bestandteile zersetzt. Die konservatorische Funktion des Präparateglases spielt auf dieses lange Verweilen im Meer an. Die angedeutete Unterwasserpflanze referiert mit der Verwechslung der Tiere, im Plastik Nahrung zu finden. Die heruntergewürgten Plastikteile bleiben unverdaut in ihren Mägen liegen, verstopfen sie und lassen die Tiere qualvoll an Hunger sterben.

Die Arbeit hinterfragt unsere Verwendung von Plastik als universellem Kunststoff. Als Werkstoff, der fast alle Formen annehmen kann, relativ billig, leicht und langlebig ist. Die Arbeit ist nach Sagert „ein Objekt wissenschaftlicher Evidenz, durch welches dem Zustand der mit Plastik verschmutzen Strände eine Repräsentation im kollektiven Gedächtnis gegeben wird.“ Die Arbeit regt darüber hinaus zum Nachdenken über unseren Umgang mit Kunststoff und Plastik an.

Denn Plastik ist zwischenzeitlich allgegenwärtig. Wir benutzen ihn und entsorgen ihn an allen Ecken und Enden. Die größeren, kleineren und winzigen Plastikteile gelangen dadurch weltweit ins Wasser und den Lebenskreislauf, wo sie großen Schaden verursachen. Plastik ist längst ein globales Problem, bei dem Segen und Fluch sehr nahe beieinander liegen. Es ist so praktisch und anpassungsfähig, dass es nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist. Der vielgestaltige plastische Kunststoff hat unser Lebensumfeld in den letzten Jahrzehnten vollständig verändert. Dabei dringt er über die Nahrungsmittelkette und die Luftverschmutzung auch vermehrt in unsere Körper ein und verursacht Krankheiten. Plastik lässt sich in der heutigen Zeit kaum noch wegdenken oder begrenzen. Es hat längst zusammen mit anderen Faktoren eine beherrschende und bedrohliche Position eingenommen. Wir Menschen gehen immer noch zu leichtfertig mit diesem „Alleskönner-Material“ um, obwohl wir bereits wissen, dass die Folgen für alle Lebewesen schwerwiegend sein werden und uns alle teuer zu stehen kommen.

So gesehen ist die vorgestellte Arbeit ästhetisch viel zu schön. Das „Problem“ wurde handlich verpackt, eingesperrt und damit „besiegt“. Das Präparateglas ist fast zu niedlich, um die bittere Wahrheit zu vermitteln, dass der Plastikmüll längst außer Kontrolle geraten ist und wir die durch ihn angerichteten Schäden nicht mehr im Griff haben. Um richtig aufzurütteln, bräuchte es wahrscheinlich raumgreifende Installationen, bei denen die Besucher förmlich im Plastikmüll untergehen müssten, um seine Bedrohung angemessen wahrzunehmen.

Trotzdem wird ein Umdenken und Einsicht angeregt, die hoffentlich in eine Umkehr einmünden, in ein verändertes, verantwortungsvolles Handeln gegenüber unserer Umwelt und unseren Mitmenschen, das letztlich auch uns selbst zu Gute kommt. Dies könnte sich in einem sensibilisierten Umgang mit dem Werkstoff „Plastik“ zeigen, bei dem Plastik wo immer möglich vermieden und wo immer nötig sparsam mit ihm umgegangen und das Material danach ressourcenorientiert einer Wiederverwertung zugeführt wird. Der wegweisende Satz aus dem 3. Buch Mose (Lev 19,18)  „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, der auch von Jesus wiederholt aufgegriffen wurde, erhält dann eine ganz neue Dimension und Aktualität.

Feuer vom Himmel

Beinahe tanzend fallen die Flammenzungen von links oben ins Bild hinein. Wie aus der Ferne kommend werden sie zur rechten unteren Ecke hin immer größer. Fröhlich bewegt konzentrieren sie sich wie ein Feuer und bilden gleichzeitig einen Ruhepunkt.

Das Herabkommen der Flammen spielt sich vor einem Hintergrund mit verschiedenen Blautönen ab. Seine mysteriöse Erscheinung lässt sich weder dem Himmel, dem Meer, noch der Nacht zuordnen. Mehrere Bildebenen verstärken auf der linken Bildhälfte die Tiefenwirkung. Hier streben im Vordergrund transparente blaue Flammen bis auf die Höhe der gelbroten Flammentreppe auf und überlagern diese leicht, darüber steigen rauchartig mehrere Aufhellungen nach oben. Rechts sind die Flammen unverdeckt und scheinen so ganz beim Betrachter zu sein.

Dieser vom Himmel niedersteigende Flammenreigen erinnert auf seine Weise an das Pfingstereignis in Jerusalem. „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,1-4)

Auf dem Bild sind keine Menschen gemalt. So können sich die Feuerzungen nicht allein auf das Pfingstfest vor langer Zeit beziehen, sondern auch uns im hier und jetzt betreffen. Zu jedem Betrachter des Bildes kommt gleichsam der Sturm der Feuerzungen, auf jede und jeden von uns soll sich eine Flamme niederlassen.

Die Flammen vom Himmel können als sichtbares Geschenk göttlicher Weisheit und Begeisterung gedeutet werden. Sie sind Ausdruck der Erleuchtung und des Erkennens, was geschehen war. „Es ist mir ein Licht aufgegangen!“

Eine Flamme ist zudem ein äußeres Zeichen für das innere Verstehen und die Gabe, diese Erkenntnis anderen verständlich machen zu können. Denn das Pfingstwunder realisierte sich nicht nur, dass die Jünger andere Sprachen sprechen konnten, sondern auch, indem diese Sprachen verstanden wurden.

Schließlich kann eine Flamme über jeder Person als Ausdruck der Begeisterung für die Sache Jesu gedeutet werden. Als sichtbares Zeichen, dass wir für das Anliegen Jesu brennen und uns mit Feuer und Flamme dafür einsetzen.

Das Geheimnis verhüllt andeuten

Fastentücher verhüllen in den Kirchen von alters her die Hochaltäre und damit das Allerheiligste. Im übertragenen Sinn nehmen sie die Sicht auf Gott und machen den Gläubigen zunächst mal haltlos, weil ihm die vertrauten Anhaltspunkte und -bilder genommen worden sind. Damit wird der Gläubige wieder zu einem Suchenden. Zu einem Suchenden nach Anhaltspunkten und Zeichen der Gegenwart Gottes. Durch das Bilderfasten rückt das Gewohnte vorübergehend in den Hintergrund und macht den Blick frei für Neues, für noch nicht da Gewesenes, ja sogar nie da Gewesenes. So trägt das Verhüllen durch Tücher dazu bei, seinen Glauben zu prüfen und Gott als Suchender neu in seinem Leben zu entdecken und zu erfahren.

Das Fastentuch von Lisa Huber beeindruckt durch seine Größe und helle Erscheinung (Gesamtansicht im Dom Klagenfurt). In der Mitte sind in elf Dreierreihen 33 gleich große Rechtecke aufgenäht. Sie beinhalten grafische Zeichnungen, die sich durch ihre abstrakten Linien und Flächen zur freien Interpretation anbieten. Links und rechts werden sie von drei hochformatigen Stofffeldern flankiert, die in ihrer Liniensprache ebenso mehr andeuten als definieren. Und doch verweist das Feld oben links auf König David, der als Psalmendichter oft mit der Harfe dargestellt wird. Unten links wird Abraham als der Stammvater der drei monotheistischen Religionen gezeigt, wie er sich über seinen liegenden Sohn Isaak beugt und ihn Gott opfern will. Im rechten Feld weisen beschwingte Linien auf Jakobs Kampf mit dem Engel hin. Im singulären Rechteck unten rechts sind hingegen Zitate des ersten und letzten Verses von Psalm 90 in der Rosenberg-Buber-Übersetzung zu sehen: „Mein Herr, du bist, du Hag uns gewesen in Geschlecht um Geschlecht. Das Tun unsrer Hände richte auf über uns, das Tun unsrer Hände, richte es auf.“ Diese 37 Applikationen heben sich durch ihre weiße Farbe vom blau-grauen Hintergrund ab, auf dem sich breitere Linien in zartem Rosa abzeichnen. Zwischen den 33 Bildfeldern sind zudem waagrechte und senkrechte rote Fäden zu erkennen, die am unteren Ende auf dem Boden in zwei Häufchen auslaufen.

Mit diesen vielen Andeutungen wird dem gläubigen Betrachter ein Weg zu Gott angeboten, auf dem er immer wieder Neues über Gott entdecken kann. So lässt die Zahl der 33 zentralen Bildelemente an die vermutete Lebenszeit Jesu denken, gleichzeitig steht sie für Vollkommenheit, für die Fülle des Lebens. Die roten Fäden, die zwischen den Feldern hindurch zum Boden führen, wirken wie Blutgerinnsel und erinnern das am Kreuz vergossene Blut Jesu, das sich am Boden sammelt. Als drittes Element verweisen die rosafarbenen Linien, die im Hintergrund durchschimmern, auf Jesus und sagen mit dem Alpha und dem Omega, dass er der Anfang und die Vollendung alles Geschaffenen ist (vgl. Offb 21,6). Das Omega ist mit seinen Rundungen gut erkennbar, das Alpha ist schmaler geformt und im oberen Teil erhöht. Sie werden erst in der österlichen Zeit, wenn das Tuch gedreht wird, zusammen mit den herunterhängenden „Fäden des Lebens“ vollständig sichtbar werden. Auf dem blauen Stoff der Rückseite, der symbolisch das Wasser des Lebens, die Taufe und damit verbundenen Heilszusagen darstellt, bringen die Silberfäden die Anknüpfungspunkte und Verbindungen zum Alpha und Omega zum Ausdruck, die „Re-ligio“ der auf seinen Namen Getauften (Silberfäden).

Mit den Darstellungen zu Abraham, Jakob und David kommt weiter der gelebte Glauben von drei Persönlichkeiten des ersten Testaments zur Sprache. Sie erzählen vom Glauben an die Führung Gottes, vom handfesten Kampf mit Gott und seinen Folgen als auch von der Zwiesprache mit Gott in Psalmen und Gebeten. Die drei glaubensstarken Männer lassen spüren, dass Gott nah ist und überraschend konkret erlebbar sein kann.

Die Darstellungen auf den 33 zentralen Feldern bilden dazu eine Art Kontrastprogramm, obwohl sie vom Psalm 90 inspiriert sind und auf ihn verweisen. In dem Mose zugeschriebenen Psalm bringt der Beter die Vergänglichkeit des Menschen vor Gott zur Sprache. Im ersten Teil macht er dies anklagend (V. 3-10), dann um Zuwendung, Huld und Gnade bittend (V. 13-17), damit wenigstens das Werk der Hände gedeihen möge. Doch die Darstellungen sind so abstrakt, dass sie sich dem Betrachter auf der Suche nach Gott fürs Erste rätselhaft und sperrig in den Weg stellen. Wohl mag man neben Davids Harfe eine Strichliste erkennen, die an das Zählen erinnert, vielleicht an die im Psalm 90 angesprochenen Lebensjahre . Alle anderen Felder erfordern jedoch einen persönlichen Zugang, der durch Parallelen zu Erlebnissen im eigenen Leben entsteht. Durch die leeren Felder mag man so auf Zeiten der Leere oder von Abwesenheiten stoßen. Die verschiedenen Zeichen dagegen können wie verdichtete Sinnbilder Situationen aus unserem Leben in Erinnerung rufen und sie vor Gott bringen. Gegebenheiten und Erlebnisse, die wir in ihrer Komplexität an Eindrücken und Gefühlen vielleicht selbst nicht richtig in Worte zu fassen vermögen.

So lädt das Fastentuch zum Verweilen vor Gott und zum Darbringen unseres eigenen Lebens ein. Inmitten des Betens und Glaubens großer Vorbilder lädt es zur geistigen Schau des Lebens Jesu als auch des eigenen Lebens ein, um in den rätselhaften Erinnerungsfragmenten die geheimnisvolle Gegenwart Gottes und die Fülle seiner Liebe zu entdecken.

Ein leuchtendes Herz als Tor zur Welt

Ein gelbes Herz?! Das ist ja mal ganz was Neues! Außergewöhnlich! Absolut nicht „von der Stange“!

Aber das gibt es doch gar nicht! In unserer Welt sind Herzen zumeist Rot: Frisch Verliebte malen sie auf ihre Briefe oder fügen sie ihren elektronischen Nachrichten bei. Sie zieren die verschiedensten Autoaufkleber, mit denen Menschen bekunden, dass sie ein Herz für dies und jenes haben. Rote Herzen stehen für Liebe, Leben, Freude.

In Gottes Augen sieht das Herz freilich noch einmal ganz anders aus. Nicht weil er farbenblind wäre oder alles nur in tristes Schwarz-Weiß einteilt. Aber: Er sieht die Dinge so, wie sie sind. Und unsere Herzen sind eigentlich dunkel schwarz und hart wie ein Stein. Sie sollten lieben – Gott, unsern Schöpfer und die Geschöpfe neben uns! Unsere Herzen sollten fröhlich rot-pulsierend in beide Richtungen schlagen! Und sie tun es doch nicht. Wir hängen vor allem an uns selbst. Die Bibel beklagt sie seit Adam und Eva immer wieder, und wir spüren und erkennen sie durchaus auch selbst – unsere schwarzen, versteinerten Herzen, die unser Verderben und unser Untergang sind.

Doch nun: Ein gelbes Herz, das das Bild von Ulrike Wilke-Müller dominiert?! Hat sie nicht anders gekonnt oder gewollt? Hat sie sich die sprichwörtliche „künstlerische Freiheit“ genommen? Nein! Sie musste so malen. Denn sie fasst ja ein Wort, eine Zusage Gottes in Farben. Sie gibt der Jahreslosung ein Gesicht. Sie predigt darüber mit Pinsel und Leinwand. In dem Bibelwort für unseren Weg durch das Jahr 2017 sagt Gott seinen Menschen: Es soll nicht bei Euren dunklen, harten Herzen bleiben. Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. … Ich will euch von all eurer Unreinheit erlösen. (Hesekiel 36, 26-27+29a – Lutherübersetzung) „Ich will, ich will, ich will etwas ändern!“ – sagt Gott. Die Einheitsübersetzung, der offizielle Text der Jahreslosung 2017, bringt zum Ausdruck, dass Gott es nicht bei Absichtserklärungen belassen hat. Seinen Worten folgten und folgen stets Taten. Er ist der, der Menschenherzen verändert und erneuert – bis heute: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Deshalb also ein gelbes Herz! Ganz etwas Neues! Absolut außergewöhnlich! Ulrike Wilke-Müllers Jahreslosungsbild stellt es uns vor Augen und lässt uns zugleich Zweierlei entdecken:

Zum einen, wie es zu einem derart „sonnigen“ Herzen kommt:

– Der Schlüssel dazu ist das Kreuz – das Zeichen Jesu, des Sohnes Gottes, dessen Herz ungeteilt am Willen des himmlischen Vaters und an unserer Rettung hängt. Himmlisch strahlend hell leuchtet sein Kreuz vor allem anderen. Es vertreibt alle dunkle Finsternis, verbindet mit seinem Längsbalken Himmel und Erde und umfängt mit seinem Querbalken die Welt.

– Wo ein Mensch zu Christus findet und unter seinem Kreuz zur Ruhe kommt, da tut dieses „Schlüsselerlebnis“ das Herz dieses Menschen auf. Die Tür am Fuße des Kreuzes macht es deutlich: Durch Jesus werden wir neu offen für Gott und offen für die Menschen und die Schöpfung um uns her. Alles Dunkel unserer Gottferne muss weichen. Neues, lichtes, fröhliches Leben wird möglich.

– Das ist nie ein Programm oder etwas, das wir aus eigener Kraft und Anstrengung erreichen könnten. Es bleibt immer ein „Geschenk des Himmels“: Die Strahlen, die sich von links oben kommend über das Herz und das ganze Licht erstrecken, bringen es zum Ausdruck. Es ist ein Werk des dreieinigen Gottes (viele Dreiecke finden sich im Bild). Es beginnt durch Wasser und Geist in der Taufe und ist getragen und verbürgt durch das Blut Jesu, das er für uns vergossen hat (das immer wieder von Weiß durchzogene Türkis-Blau und Rot im Hintergrund kann uns daran erinnern).

Daher kommt es zu so einzigartigen, von Gott bewegten, erneuerten Herzen.

Wir sehen auf dem Bild zum anderen aber auch, was diese Herzen ausmacht:

– Wo Gott ein Menschenherz verändert, da werden Ketten gesprengt und Horizonte eröffnet (die vielen Querlinien im Bild können uns darauf hinweisen)! Da ist es möglich „Segel zu setzen“ und aufzubrechen zu anderen Ufern (der obere Teil des Bildes lädt zum Träumen ein und die vielen Dreiecke gewinnen eine zweite Bedeutung)!

– Wo ein Mensch zu Jesus findet, da tut dieser Herr und Heiland nicht nur das Herz auf und bleibt draußen vor der Tür, sondern er zieht selbst darin ein! Er macht es „zu seinem Tempel, seinem Haus“ (vergleiche Evangelisches Gesangbuch, Nr. 389). Er wohnt durch seinen Geist darin und macht unsere Herzen fest – woran? An Gottes Wort und Willen! Das gelbe Herz erinnert so, wie es gemalt ist, zugleich an die beiden Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten, die übereinander und nebeneinander liegen. Geballter Ausdruck für die wahre, vollkommene Liebe zu Gott und dem Nächsten.

– Dieses herrliche „Veränderungs- und Erneuerungswerk“ Gottes ist nun schließlich und endlich nicht auf einen Schlag vollendet, sondern dauert ein Leben lang. Es beginnt unscheinbar und im Kleinen und doch sichtbar. Es ist wie ein Weizenkorn, das in der Mitte des Herzens, im Schnittpunkt der „Tafeln“ auf Ulrike Wilke-Müllers Bild bei intensiver Betrachtung sichtbar wird. Es schlägt vom Kreuz her Wurzeln, wächst und nimmt zu und bringt Frucht – in der Nähe zu Gott, im Bleiben bei Jesus, als Werk des Heiligen Geistes. Der wird es auch vollenden, einst vor Gottes Thron, am Jüngsten Tag, wenn Gottes herrliche Ewigkeit beginnt, für alle, in deren Herzen Jesus Christus lebt.

Die Jahreslosung mit dem „gelben Herzen“, sie kann und will uns so nicht nur ein Jahres-, sondern ein Lebensbegleiter werden: Zu viele „schwarze Herzen“ bevölkern noch diese Welt. Legen wir sie im Gebet immer wieder Gott ans Herz, der verspricht und zusagt, sie durch seinen Geist in Christus zu erneuern, dass sie nicht verloren gehen. Fliehen wir auch selbst zu ihm, wo unsere „roten Herzen“ nur schöner Schein und Tagtraum waren und weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Suchen wir die Nähe Gottes sonntags wie alltags. Denn ER sagt ja stets aufs Neue zu uns: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Bildbetrachtung von Pastor Helge Dittmer aus Kiel, Quelle: www.GemeindebriefHelfer.de.

Postkarten des Motivs können hier bestellt werden. Ebenso kann hier das Motiv in größerer Auflösung heruntergeladen werden.

Spiegelbilder des Lebens

Die Aufreihung ist kein Zufall. Ob eine Anlehnung an Käsereibretter besteht, die zum Trocknen in die Sonne gestellt werden, bleibt fraglich. Auf jeden Fall dienen die Oberflächen nicht dem Tragen einer Sache, sondern der Schaustellung einer Geschichte.

Sieben Bretter in gleicher Höhe, ähnlicher Breite und Dicke lehnen an der Wand. Sie sind alle aus dem gleichen Stamm geschnitten. Es sind Schichten, die Geschichten erzählen vom Wachstum des Holzes und des Baumes. Schichten mit Bearbeitungsspuren, welche die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Holz hinterlassen haben.

Die Spuren der Kettensäge sind gut zu sehen – als mechanischer Gegensatz zur gewachsenen Struktur – oder anders gesagt als Spuren menschlicher Intervention im Gegensatz zur natürlichen Holzstruktur. Es sind Spuren der Arbeit, der Anstrengung und der Mühe, des sich durch den Widerstand des Materials Durcharbeitens, um etwas ganz Eigenes zu schaffen.

Doch das Holz hat weiter gearbeitet. Es ist geschwunden, hat sich gebogen, verbogen, hat Spalten und Risse freigegeben, Einblicke und Durchblicke. Brüche, neue Konturen, Zeichnungen, Formungen, Grate, usw. sind entstanden.

Der Künstler wiederum hat „die Platten vorder- und rückseitig weiß gekalkt, wodurch sich die Präsenz des Holzes verklärt und ihm seine Schwere entzogen wird. Die weiße Farbe vereinheitlicht, fasst zusammen, sie mindert die Relieftiefe und dämpft die stofflichen Unterschiede der Oberflächen. Zugleich hebt sie die zeichnerischen Aspekte hervor und lenkt die Aufmerksamkeit auf die linearen Details. Skulptieren und Zeichnen konvergieren letzten Endes, die Säge wird gleichsam zum Zeichenstift des Bildhauers.“ (Justus Jonas in: Erwin Wortelkamp. Einsichten – Ansichten, München 2016, S. 19)

Aus diesem wechselseitigen Ringen um die Form sind Sinnbilder des Lebens entstanden. Bilder, die ein Leben wiedergeben, das Widrigkeiten und Belastungen ausgesetzt ist, das Widerfahrnisse aushalten und durchmachen muss. Ereignisse wie Naturgewalten oder Krankheiten, unverschuldete Unfälle oder Gewaltanwendungen, denen wir alle ausgesetzt sind.

Die Tafeln zeigen auch, dass wir immer nur eine Seite unserer Gegenüber sehen können: seine „Schauseite“, sein „Geoffenbartes“. So wie durch die Intervention des Künstlers das Verborgene des Stammes offen gelegt und ungeschminkt zu einem Gegenüber gemacht wurde – tomographische Spiegelbilder und Metaphern von unseren Stärken und Schwächen, von unseren Erfolgen und Widerfahrnissen. Wie die Siebenzahl der Tafeln andeutet, gehören diese Erfahrungen konstitutiv zum Leben, ja trotz aller Schwere zur Fülle des Lebens.

AUS-radiert?

Die Abfolge von fünf Bildern lässt uns einen existenziellen Veränderungsprozess nachverfolgen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um Leben und Tod, einen Kampf um’s Überleben. Der oberflächlich auf dem weißen Blatt erscheinende Tod ist vom AUS bedroht, von der Ausradierung durch eine stärkere Erscheinung seiner Selbst. Erstaunlicherweise vermag er ganz schwach zu überleben. Ob er sich regenerieren und zu alter Stärke zurückfinden wird?

Ausgangspunkt und Grundlage ist die Bleistiftzeichnung eines Totenkopfes. In der linken oberen Ecke des Blattes platziert schaut er aus einer erhöhten Position und wie „von oben herab“ den Betrachter an. Seine „Augen“ sind nicht zu sehen. Sie sind entweder in den schwarzen Augenhöhlen oder hinter schwarzen Brillengläsern verborgen. Noch scheint er zu lächeln: „Seht, da bin ich und warte auf euch!“

Im zweiten Bild  erhält der gezeichnete Totenkopf Konkurrenz durch sich selbst. In einem Radiergummi in Form eines Totenkopfs begegnet ihm selbst der Tod und bedroht ihn mit dem Aus. Klein wie ein David vor dem Goliath liegt der Radiergummi neben ihm und lacht wie er mit seinen offen liegenden Zähnen: „Du kannst mir nicht entwischen. Du gehörst mir. Gleich werde ich deine Existenz angreifen. Denn ich habe die Macht dich auszutilgen, auszuradieren.“

Die nächsten Momentaufnahmen (Blatt 3 und Blatt 4) zeigen, wie mit dem Totenkopf-Radiergummi die Zeichnung so lange bearbeitet wurde, bis der Gummi aufgebraucht war. Gewissermaßen war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer der Stärkere ist. Auf jeden Fall war der Kampf für beide aufreibend. Der Radiergummi hat seine Gestalt gänzlich verloren und existiert nur noch als Krümel. Die Zeichnung ist noch schwach sichtbar – ein Schatten ihrer selbst).

Beide haben ihre Macht verloren. Von beiden sind nur noch Spuren zu sehen. Vom Radiergummi die Krümel, welche das Graphit des gezeichneten Totenkopfs weggerubbelt haben und ihnen nun anhaftet. Von der Zeichnung ist mehr zu erahnen als auf dem Papier zu sehen. Die künstlerische Aktion mag belustigend wirken. Mit dem Tod wird versucht, den Tod auszuradieren. Aber kann die Aktion nicht auch ein ermutigendes Gleichnis für unser Leben sein?

Der Tod kann nicht vernichtet werden. Er wird weiterhin zur Wirklichkeit des Lebens dazugehören. Aber er kann uns nicht ausradieren! Die Aktion macht deutlich, dass immer etwas übrig bleibt. Spuren einer Existenz, Spuren von etwas Existenziellem, das sich nicht ausradieren lässt, das selbst der Tod nicht löschen kann. Das Wesentliche überlebt den Tod und wird in eine neue Daseinsebene überführt (vgl. 1 Kor 15,51). In Bezug auf die Zeichnung sind es die tiefer liegenden Schichten oder das Darunterliegende, welche der Tod nicht erreichen und damit vernichten konnte.

In Bezug auf uns Menschen sind es alle Erfahrungen der Liebe, die sich tief in unsere Herzen und unsere Seele eingebrannt haben. Alle Liebe, die wir in welcher Form auch immer – von der uneingeschränkten Hingabe bis zur Verweigerung – zu geben oder zu empfangen imstande waren. So kann uns der „Todeskampf“ ermutigen, uns um das Wesentliche zu bemühen, um das, was unter die Haut geht, Herz und Seele berührt, erfreut und in Ewigkeit leben lässt.

Den Tod im Nacken

Eine junge Frau kniet in sich zusammengesunken vor einem kleinen ovalen Spiegel. Die verschränkten Arme liegen auf dem runden Tisch auf, den Kopf hat sie vom Betrachter weggedreht. Sie ist nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet. Offenbar war sie gerade bei der Morgentoilette, als sie beim Blick in den Spiegel eine überraschende Entdeckung machte: in der Form eines Totenschädels saß ihr der Tod im Nacken.

Die Künstlerin Julia Krahn hat den Augen-Blick festgehalten, in dem die Frau sich vorsichtig vergewissert, ob der Tod ihr wirklich so nahe ist und dies auch bleibt. Kein Erschrecken ist an ihr festzustellen. Im Gegenteil scheint sie ruhig nachzudenken und sich die nächsten Schritte zu überlegen. Fragen wie diese könnten ihr durch den Kopf schießen: War er schon immer mein Begleiter? Wieso sehe ich ihn erst jetzt? Wird er mich mitnehmen? Ist jetzt meine letzte Stunde gekommen oder gibt er mir noch eine Gnadenzeit? Oder sitzt er nur stumm oben auf, um mir einen Schrecken einzujagen und ein bisschen Angst zu machen?

Gefasst schaut die junge Frau dem Tod in die leeren Augen. Nein, sie zeigt keine Angst, auch wenn sie zusammengekauert vor dem Spiegel kniet. Sie scheint ihn als ihren Begleiter angenommen zu haben und um die Vergänglichkeit ihrer Schönheit zu wissen. Anders als in vergleichbaren Vanitas-Darstellungen zeigt sie eine demütige Haltung. Auch wenn sie auf einem Sockel erhöht kniet, sind an ihr keine Eitelkeit und kein Stolz zu beobachten. Es ist vielmehr die Haltung des „Memento mori“ – Des Denkens an ihre Sterblichkeit.

Damit ist das Bild auch für uns ein Spiegelbild und eine Aufforderung zum Nachdenken über unsere eigene Einstellung zur Schönheit, Vergänglichkeit und Sterblichkeit unseres Körpers. Jedem von uns sitzt der Tod im Nacken. Jeden von uns mahnt er, umsichtig und barmherzig mit seinem Körper umzugehen. Er ist uns nur einmal geschenkt. Seine Unversehrtheit gehört zu den kostbarsten Dingen des Lebens. Deshalb ist wichtig, den Tod nicht im Nacken zu spüren, sondern ganz bewusst vor sich zu sehen.

Endlose Bewegung

In farblichem Dreiklang fließen blaue, grüne und weiße Wellenbewegungen horizontal durch das Bild. Es hält eine Momentaufnehme fest, den Ausschnitt eines größeren Ganzen, von etwas örtlich und zeitlich Grenzenlosem oder Unendlichem. Die sanften Bewegungen erinnern bewegte See, sie eröffnen eine Vogelperspektive in die Weite einer immensen Hügellandschaft mit wechselnden Erhebungen und Niederungen. Darüber hinaus lassen die hellen Bereiche Luftströmungen spüren, den unsichtbaren Wind, der bewegt, kommt und davonzieht.

Im Bild ist ein stetes, wechselseitiges Auf und Ab zu sehen. Die Wasserwogen, Hügel oder Windstöße erzählen vom Atem der Natur, der sich im Wasser, auf dem Land wie in der Luft gleichermaßen in einem Auf und Ab zeigt, das dem Heben und Senken unseres Brustkorbes ähnlich ist.

Dieses unentwegte Auf und Ab mag andeuten, dass Leben bedeutet in Bewegung zu bleiben, nicht stehen bleiben zu können. Es spricht die unbedingte Offenheit für Veränderung an. Und doch geht aus dem Bild keine Unruhe hervor. Denn es sind kraftvolle und gleichmäßige Bewegungen, ruhige und beruhigende. Bei der Betrachtung spürt man auf einmal das eigene Ein- und Ausatmen. Und man merkt, dass man Teil eines unfassbar größeren Ganzen ist, das „genauso“ atmet und in Bewegung ist in seiner Lebendigkeit.

Und noch etwas Wunderbares wohnt diesem Bild inne. Je länger man es betrachtet, umso mehr lässt es einen zwei weitere Tiefendimensionen des Lebens spüren. Die unterste „Welle“ bildet so etwas wie einen klaren, nicht zu trübenden Grundstrom, der in der Tiefe einer jeden Existenz fließt und sie am Leben erhält. Die endlose Weite, die sich nach allen Seiten über das Bild hinaus in unsere Zeit und Welt ergießt, vermag hingegen die zeitliche Größe unseres Lebens anzusprechen. Denn trotz aller normalen körperlichen und geistigen Begrenzungen erscheinen uns das Leben und die Möglichkeiten, die es mit sich bringt, so lange grenzenlos, bis wir ernsthaft daran gehindert werden, diese Möglichkeiten wahrzunehmen.

Doch auch dann werden Lebensbewegung und -qualität nicht gemindert, nur gewandelt. Denn der christliche Glaube lässt über alle irdischen Grenzen, Behinderungen und Tode hinaus hoffen und vertraut darauf, dass das Leben durch die Größe Gottes auch nach dem irdischen Ende seinen Schwung und Atem nicht verliert. Die Verheißung geht sogar weit darüber hinaus: Das Leben wird durch die Liebe Gottes in ganz neue Dimensionen übergeführt. Dimensionen, die wie in unserem Bild, unsere Wahrnehmung und Vorstellung übersteigen, weil sie sich außerhalb unseres „irdischen Lebensrahmens“ befinden.

Erfülltes Leben

Warme Farben lassen das Bild leben und geben ihm eine feurige Atmosphäre. Kräftiges Rot bildet die Basis, dann formen weiße Elemente in dynamischer Diagonale einen klar umrissenen Raum der Mitte, darüber gleichsam als Krönung aufflammendes Gelb vor lichtrotem Hintergrund

Das Bild lädt zum Verweilen ein. Es ist, als würde der Betrachter durch das weiße Element angeschaut und eingeladen, in diesen lichterfüllten Raum der Begegnung einzutreten.

Vom Rot der Liebe und der Begeisterung her gesehen, das wie ein standhafter Docht in den weißen Bereich hineinragt, kann dieser auch als geistige Flamme gesehen werden, als das Licht, das durch die tätige Liebe entsteht.

Von oben her ist gleichzeitig eine gelblich inspirierte Intervention zu beobachten, die durch die intensive gelbe Schicht hindurch wie eine Hand auf den roten „Docht“ hinweist. Diese Bewegung kann nur als Schatten gesehen werden – und doch geschieht Begegnung: von unten aus dem erdhaften Rot, von oben aus dem sonnenschweren Gelb.

So entsteht ein Begegnungsraum von großer Reinheit: Von oben mit intensivem Licht begnadet, von unten mit überfließendem Lebensdrang erfüllt. Entstanden aus dem ungeteilten Dasein für Gott und den Nächsten. Aus Begeisterung für die Sache Gottes und der Menschen entzündet, für ihn brennend, leuchtend, als sein Werkzeug andere damit erleuchtend, ihnen die Augen und Herzen öffnend, sie berührend, um das Licht Gottes in ihnen zu entdecken und sichtbar werden zu lassen.

Ein Begegnungsraum des Lebens, der wie ein Auge aussieht. Vielleicht wie Gottes Auge, das mich sanft betrachtet, mir Aufmerksamkeit und Wertschätzung vermittelt. Eine bleibende Wertschätzung, weil Gott seinen liebenden Blick nicht von mir lässt. So motiviert er, Leben und Fähigkeiten in seinen Dienst zu stellen, so stärkt er durch seine Gnade, so krönt er jedes hingegebene Leben mit der Krone des Lebens, dem ewigen Leben, als Belohnung für die Treue zu ihm, für die Durchhaltekraft, für alles Gute, was in dieser irdischen Zeit geschehen ist. So vermag das Bild darauf hinzuweisen, jetzt Begegnungsräume mit Gott zu suchen und zu schaffen.

Vielleicht erinnert der weiße Raum auch an das Samenkorn, das in die Erde fällt, im keimenden Aufbrechen stirbt, dadurch aber hundertfach Frucht bringt. Gottes Gnadenfülle macht Unerwartetes möglich, wo wir es zulassen. Insofern könnte das Bild auch vieles über Maria erzählen, von der Berufung zur Gottesmutter bis zur Krönung im Himmel. „Sei treu bis in den Tod, so werde ich dir die Krone des Lebens geben“, sagt der Geist im Buch der Offenbarung (2,10) zu den bedrängten Gläubigen in Smyrna.

 

Das Bild wurde von der Künstlerin zum Anlass „Ordination – Krone des Lebens?“ – „50 Jahre Frauenordination in der Hannoverschen Landeskirche“ geschaffen worden und schmückte am 4. Juli 2014 den Festgottesdienst für Pastorinnen in Bad Rothenfelde.

Totentanz

Stramm steht es da, das weiße Skelett eines Menschen. Die Füße berühren sich wie in Habachtungstellung, die Arme liegen am Oberkörper an, der Kopf ist über die Schulter rechts nach hinten gedreht. Es steht auf einer silbergrauen Kreisfläche, oder besser gesagt es dreht sich leicht erhöht um seine eigene Achse (Video anschauen).

Die ruckartigen Bewegungen lassen alle Knochen zittern und das Skelett bescheiden tanzen. Runde um Runde, im Sekundentakt, Minute um Minute, Stunde um Stunde … ein einsamer Totentanz. Nicht nur dass der Kopf weggedreht ist, das Gesicht ist zudem mit einer Maske bedeckt. Die Identität dieses Toten bleibt damit verborgen, sein wahres Gesicht verhüllt.

Es stellt sich die Frage, ob hier einfach ein Menschenskelett oder der Tod selber dargestellt ist. Gegen den Gevatter Tod spricht, dass das Skelett keine Sense trägt. Aber aus der Kopfhaltung spricht Stolz. „Schaut nur, mir kann keiner etwas anhaben. Ich drehe mich unaufhörlich und werde jeden von euch zu seiner Zeit holen.“ Es sieht zwar aus, als schäme er sich, als würde er es nicht wagen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen in die Augen zu schauen. – Aber kommt der Tod nicht oft genug überraschend? Dazu würde auch die Totenmaske passen. Er kommt oft heimtückisch, unerwartet. – Aber der Tod mit einer Totenmaske?! Das macht ihn absurd! Und man ahnt: hinter dem Tod lauert der andere Tod!

Die Skulptur reiht sich in die vielen Vanitas-Darstellungen ein, die seit der Renaissance daran erinnern, dass unser Leben vergänglich und nichtig ist und wir keine Gewalt über das Leben haben. Schädel und Sanduhr waren in der Kunst dafür aussagekräftige Symbole. Die Zeit vergeht und entgleitet wie der Sand. Bei Hans Thomann stehen dafür das Skelett, seine Drehungen um sich selbst und im Sekundentakt unserer Uhren und Zeitmessung.

Doch die Frage bleibt, ob es sich bei diesem Totentanz nicht um mehr als den Tod oder ein Vanitas-Motiv handeln kann. In früheren Totentanzdarstellungen tanzte der Tod immer mit einem Menschen. Ein Zeichen, dass er ohne Rücksicht auf Rang, Alter oder Geschlecht alle Menschen oft mitten aus dem Leben zu sich holt. Hier tanzt der Tod allein. – Haben wir ihm mit unserer modernen Medizintechnik ein Schnippchen geschlagen?

Eine andere Sichtweise wäre, dass das tanzende Skelett möglicherweise gar nicht den Tod darstellt, sondern auf den Glauben vieler Religionen hinweist, dass die Verstorbenen nicht im Tod bleiben, sondern in einer für uns unsichtbaren Realität weiterleben. Denn wenn Tote tanzen, dann heißt das doch, dass sie leben, dass sie voller Lebensfreude sind. – Dreht das Skelett vielleicht deswegen den Kopf nach hinten, weil da eine größere Macht ist, die es hält? Eine Macht, die auch uns nach dem Tod, nach dem Zerfall bis auf die Knochen stehen, bestehen lässt, ja über die Zeit hinaus uns drehen, tanzen, freuen, leben lässt?

 

Im Sekundentakt zittern seine Glieder im Kreis
holt der Tod die Menschen aus dem irdischen Leben
entreißt er sie dem Kreislauf der Zeit
dem nie endenden menschlichen Taumel und Stressfaktor.

Doch was soll er mit all den Menschen nur machen
als sie – als Gottes Geschöpf – IHM weitergeben
damit ER allen Menschen
in seiner nie endenden Ruhe Frieden und ewiges Leben geben kann?

Video nochmals anschauen