Ein natürlich geformtes Bruchstück einer Moor- oder Kieseiche wird zum Träger zweier Figuren. Sachte gleitet es frei von allen Gebundenheiten durch Raum und Zeit. So konzentriert sich alles auf die Beziehung zwischen seinen beiden Passagieren: dem schlafenden Hirten und dem wachenden Schaf.
Der Hirte liegt geborgen in einer leichten Vertiefung des Holzes. Sein Kopf ruht auf einem quadratischen Kissen. Entspannt liegt seine Hand auf dem Hirtenstab, der länger ist als er selbst und dessen Form die Biegung des Holzes aufnimmt. Mit geschlossenen Augen und völlig entspannt strahlt er eine Ruhe, Gelassenheit und Hingabe aus, die über das normale Schlafen hinausgeht. Seine Brust ist von einem Kreuz gezeichnet.
Das kleine Schaf steht am Kopfende des Hirten auf einer erhöhten Stelle des gemeinsamen Gefährts. Den Hirten beobachtend und bewachend ist es ihm zugewandt. Von allen Schafen seiner Herde ist es das Einzige, das mit ihm an Bord gegangen und bei ihm geblieben ist. Es wirkt wie der Steuermann auf diesem stromlinienförmig dahingleitenden Kahn, dessen Verwitterungsspuren von seiner langen Reise zeugen.
Das Motiv wäre lediglich eine Umkehrung des Verhältnisses von Fürsorge und Abhängigkeit, wenn das Schaf nicht Jesus Christus als „Lamm Gottes“ symbolisieren würde. So steht das Lamm für die Erlösung der Menschheit durch Jesu Tod und seine Auferstehung von den Toten. Durch Christi symbolische Gegenwart weist alles auf die letzte Fahrt des Hirten hin.
Doch auch beim Hirten geht es nicht nur um das Hüten der ihm anvertrauten Schafe. Er steht exemplarisch für jeden von uns, dem Talente und Aufgaben anvertraut worden sind, die wir in unserem Tun gleichsam „gehütet“ haben. So wie Jesus Petrus beauftragt hat, seine Schafe zu weiden (vgl. Joh 21,16f), so hat er jeden von uns zu einer „Hirtenaufgabe“ für unsere Mitmenschen berufen.
Am Ende unserer Tage wird aber Jesus Christus als der Hirte par excellence mit uns durch den Tod gehen und uns zur Auferstehung ins ewige Leben führen. Das von der Seite gesehen handförmige Holz vermittelt auch, dass Gott nicht aufhört, uns zärtlich in seiner Hand zu halten und zu beschützen. So darf sich der Hirte vertrauensvoll seiner schwimmenden Barke überlassen in der Gewissheit, dass das Lamm über ihm wacht und ihn sicher heimwärts leitet.
Aktuelle Werke der Künstlerin sind bis 9. November 2025 im Malura Museum Oberdießen in der Ausstellung „Zwischen den Welten“ zu sehen.
