Himmelswiege

Vier Personen stehen in Bezug zu einem großen, halbkreisförmigen Sternenhimmel. Die beiden unten Stehenden bilden mit der Person an der Spitze ein Dreieck. Diese schwebt als Brustbild und mit angewinkelten Armen solitär über dem Geschehen. In reinem Gelb gemalt wird sie von einem ebenfalls gelben Halbkreis umfangen, wobei die gelbe Farbe als Hinweis auf einen göttlichen Bereich gedeutet werden kann. Es ist die Wiedergabe der Silhouette des segnenden Pantokrators (= Allmächtiger) im Apsismosaik der Kirche Santa Maria Nuova in Monreale, Sizilien.

Die Wiederholung des göttlichen Kreises um den Sternenhimmel legt nahe, dass dieser eine göttliche Schöpfung ist, ein Sichtbar-Werden seiner Herrlichkeit. Der Künstler wandelt den Sternenhimmel zur überdimensionalen, aber äußerst kostbaren und damit würdevollen Wiege für Jesus. Von oben nach unten betrachtet wird sichtbar, dass der allmächtige Gott Mensch geworden ist und sich den Menschen in die Hände gegeben hat. So schwebt das Kind fast verloren in der Tiefe des Halbrunds der großen Himmelsschale, wären da nicht die beiden Gestalten, die durch ihre Kleidung und leuchtende Aura Jesus zugeordnet sind.

Ihre Vorbilder stammen aus dem Perikopenbuch Heinrichs II., das zwischen 1007 und 1012 im Kloster Reichenau geschrieben und illustriert wurde. Im Vergleich zur ursprünglichen Komposition ist die Geburt Jesu in einen kosmischen Kontext gestellt. Bestand in der Buchmalerei noch eine minimale Berührung Jesu durch die Hände und die Blicke seiner Eltern, ist nun der Abstand unter den Protagonisten größer geworden. Durch das Beibehalten der Farbe ihrer Kleider, die leuchtenden Heiligenscheine und das Eintauchen Marias und Josefs in den Sternenhimmel entsteht jedoch eine neue, enge Beziehung und Familienzugehörigkeit.

Auch das Vorbild zum halbkreisförmigen „Sternenhimmel“ weist auf die außerordentliche Bedeutung der Geburt Jesu. Es handelt sich um den Sternenmantel, den Kaiser Heinrich II. anlässlich der Begegnung mit Papst Benedikt VIII. im Jahre 1020 vom Fürsten Meles von Bari in Bamberg erhalten hat. Seinen Namen erhielt das Festgewand durch die vielen sternförmigen Goldstickereien, mit denen es übersät ist. Aus der am linken, unteren Bildrand angebrachten Inschrift DESCRIPTIO TOCIVS ORBIS kann entnommen werden, dass es sich beim Bildprogramm um eine Beschreibung des ganzen Erdkreises handelt. Christus nimmt dabei in einer Mandorla thronend die zentrale Position im oberen Mantelrücken ein.

Der Künstler hat dem Mantel so gesehen nichts hinzugefügt. Doch Christus steht nicht als Majestas Domini im oberen Teil des Königsmantels, sondern ist dem Betrachter als Kleinkind ganz unten gleichsam zu Füßen gelegt. Damit wird seine Menschwerdung verstärkt zum Ausdruck gebracht. In Verbindung mit dem Sternenmantel Heinrichs II. wird seine herausragende Bedeutung für den Erdkreis und das ganze Universum deutlich. Dem Wunder der göttlichen Geburt angemessen liegt Jesus als Morgenstern in einem unendlichen Sternenmeer, das ihn mit der warmblauen Nacht majestätisch und würdig in den prächtigen Mantel einhüllt.

Weitere zeitgenössische Darstellungen der Geburt Jesu sind bis 13. Januar 2026 im Dialog mit traditionellen Krippen im Diözesanmuseum Bamberg ausgestellt.

Schutzmantel

Das Schriftbild in ungewöhnlicher Form hängt als großes Halbrund im Raum. Es erscheint als sichtbarer unterer Teil einer unsichtbaren oberen Hälfte, die zusammen ein Ganzes bilden. Der Bildraum in wolkigem Grün stellt einen kraftvollen Lebensraum dar, der sich weder definieren noch ausloten lässt. Er bildet einen geheimnisvollen Urgrund mit unendlicher Tiefe.

Darüber schweben klar begrenzte, goldene Schriftzeichen als Ausdruck menschlicher Sprache. Die Großbuchstaben verteilen sich wie ein grafisches Muster gleichmäßig über die ganze Fläche. Fünfmal wiederholen sich die Worte aus Psalm 61,5: „Berge mich in deinem Zelt, Herr, im Schutz deiner Flügel auf ewig.“ Sie geben ein Bitten, ein insistierendes Flehen um Schutz und Geborgenheit wieder, durch das der Beter in seiner Bedrängnis bei Gott Zuflucht sucht. Dabei ist ihm Gott „ein fester Turm“ (Vers 4), ein bergender Schutz in seinem Zelt und ein Zufluchtsort unter seinen Flügeln (Vers 5). Die drei Orte umschreiben das Bedürfnis des von Krankheiten, Unfällen oder Feinden verfolgten Menschen nach einem Schutz, der das menschliche Vermögen übersteigt: Ein Turm, der nicht gestürmt werden kann, das heilige Zelt der Bundeslade, das niemand unerlaubt betreten darf, eine alles übersteigende Geborgenheit unter den Flügeln wie ein Küken bei der Glucke.

Das aufgespannte Halbrund wirkt wie ausgebreitete Flügel, es besteht aus Stoff wie ein Zelt und wird zu einem Mantel und mobilem Turm, wenn es einem Menschen über die Schultern gelegt wird. Der Hilferuf, das Gebet legt sich mit den Goldbuchstaben nach außen leuchtend um den Körper und erzählt vom Vertrauen des darin geborgenen und verborgenen Menschen in seinen Gott. Gottes Antwort ist sein realer Beistand und Schutz. Symbolisch kommt er in diesem Mantel der Hoffnung und des Lebens zum Ausdruck. Doch Gottes Gegenwart übersteigt die wärmenden und vor Wind und Regen schützenden Eigenschaften eines Mantels. Denn wo sich Gott schützend um den fragilen Menschenleib legt, erfährt dieser einen tiefgreifenden, Herz und Seele – also den Menschen in seiner Ganzheit – umfassenden Schutz.

Mystische Präsenz

Eine hölzerne Spindelform hängt mittig über einem tiefblauen Kreisrund. Spannungsvoll sind mehrere Gegensätze inszeniert: das hängende Längliche über dem flachen Liegenden, das helle Glatte schwebt über der dunkel aufgerauten Oberfläche der Erdschollen, die vergoldete Spitze bildet einen kraftvollen Höhepunkt gegenüber der tiefblauen Fläche unter ihr.

Die einzelnen Elemente als auch ihre Interaktionen bringen vieles zur Sprache. Das Bodenrund lässt durch seine Position an Wasser und das Meer denken, seine intensive blaue Farbe bringt zudem die unendliche Weite des Weltalls ins Spiel, die runde Form wiederum mag an Bilder aus dem Weltall erinnern, die unsere Erde als einen blau leuchtenden Planeten zeigen. Durch seine außerordentliche Farbintensität und die Kreisform wirkt das Bodenelement transzendierend.

Das zentrierende und erhebende Element in der Installation ist die Holzspindel. Ihr Material erinnert an den Kreislauf des Wachsens und Vergehens von allem Irdischen. Sein runder Querschnitt nimmt den Bodenkreis auf, die beiden spitzen Enden bilden eine vertikale Achse, die oben vom Seil fortgesetzt wird und nach unten auf die unsichtbare Mitte des Bodenkreises weist. Die absolut symmetrische und gleichmäßige Form im Längen-Breiten-Verhältnis von etwa 3:1 gibt dem Holzobjekt eine schlichte Schönheit. Zusammen mit dem leicht schwingenden Schwebezustand und der „Krönung“ mit einer Schicht Blattgold schaffen sie eine überirdische Präsenz, die durch eine unsichtbare Kraft von Oben gehalten wird und besonders ausgezeichnet wurde.

Damit ist die Installation offen für tiefergehende Deutungen. Unter anderem kann die Spindelform als stilisiertes Zeichen der Offenbarung Gottes – wie es der Mandorla zugeschrieben wird – gesehen werden. Hier ist es eine dreidimensionale Mandorla – nicht aus ungeschaffenem Licht – sondern aus irdischem Holz, entrückt und doch von oben gegeben als Tor zum Himmel. Die schlichte und makellose Erscheinung mit ein wenig Blattgold vermag damit symbolisch auf Maria und ihre Aufnahme in den Himmel und ihre Krönung hinzuweisen. Sie ist die Stella maris, der helle Stern über dem Meer, der allen auf dem „Meer des Lebens“ die richtige Richtung weist. Das Blau des Erdhügels kann sich auch auf den über der ganzen Erde ausgebreiteten Mantel Mariens beziehen, den sie wie in Kirchenliedern besungen über der ganzen Christenheit zum Schutz vor Gefahren ausbreiten soll.

Die Spindelform könnte auch ein Symbol für Jesus sein, der für uns Mensch geworden ist, damit wir durch ihn zum Vater finden. Er ist erhöht worden, damit alle zu ihm aufschauen und durch ihn gerettet werden.

Nicht zuletzt lädt die Installation zur Meditation ein, zum Ruhig-Werden mit und in all unseren Bewegungen. Sie lädt mich ein – und in dem Fall wird das Pendel zu einem Symbol für jeden von uns – mich immer wieder neu auf die geheimnisvolle Gegenwart Gottes in mir einzupendeln, in Einklang zu kommen mit Ihm, damit Er auch durch mich in der Jetzt-Zeit Gutes bewirken kann.

Die Installation war 2018 im Rahmen der Ausstellung Maria ImPuls der Zeit zum Fest Maria Himmelfahrt in Warendorf zu sehen. 

Himmelszelt voller Gnade

Zwei weiße Hände von porzellanartiger Beschaffenheit ragen nebeneinander aus der Wand. Sie halten zwei Stricknadeln, die durch einen Draht verbunden sind, der die Maschen hält. Gestrickt wird mit zwei verschiedenfarbigen Fäden: einem mit Gold durchwirkten blauen Faden, der, wie die Hände, aus der Wand kommt, und einem dickeren roten Faden, der unten einem Fadengewirr entspringt. In dieses verstrickt sind menschliche Figuren in unterschiedlichen Körperhaltungen: still betend, im Fadenmeer versinkend oder verzweifelt sich an einem nach oben führenden Faden festhaltend, usw.

Die weißen Hände stricken eine Art Zelt, das auf seiner Außenseite blau und auf der Innenseite rot ist und dem Mantel entspricht, mit dem in traditionellen Darstellungen Maria gekleidet ist. Dabei symbolisiert das Blau den Himmel und Rot die Erde. Entsprechend entspringt der Faden für die blaue Außenseite dem Jenseits, hier ausgedrückt durch sein kontinuierliches Hervortreten aus der Wand. Demgegenüber werden die Menschen, die sich in ihrer Not an Maria wenden, durch die strickende Tätigkeit mit dem roten Faden nach oben und aus ihrer Misere gezogen, gleichzeitig wächst dadurch der Mantel in Richtung Erde und kommt ihnen schützend entgegen.

Maria wird hier nicht als Mensch mit individuellen Zügen dargestellt, sondern allein durch ihre strickenden Hände. Mit dieser typisch weiblichen Tätigkeit verbindet sie irdische Not mit himmlischem Erbarmen und fertigt damit einen weiten Mantel für die Bedürftigen. Wie ein Himmelszelt schwebt er über ihnen, beschützend, wärmend, Gottes Zuneigung und Liebe vermittelnd. Beeindruckend wird die Wandlung sichtbar, die Maria durch ihre Mittlerfunktion bewirkt. Die Menschen, die in der verwirrenden Not oder dem Chaos unterzugehen drohen, erhalten durch sie neue Hoffnung. Sie werden aufgerichtet und ihr zerstörerisches Leid wird gewandelt in den behütenden, Ruhe und Ordnung gebenden Innenmantel eingearbeitet, was sie gestärkt durchs Leben gehen lässt. Dadurch erhält der Schutzmantel Marias im Gegensatz zu traditionellen Darstellungen eine größere Eigenständigkeit, gleichzeitig wird Marias Mittlerfunktion zwischen Himmel und Erde, die bei der Marienfrömmigkeit eine große Rolle spielt, besonders deutlich.