Im Angesicht Gottes

Explosiv breitet sich der orangefarbene Feuerball aus. Die ihn umgebenden Gestaltungselemente, unten dunkler und oben heller, erinnern an Gesteinsbrocken, wie sie bei einem Vulkanausbruch durch die Luft geschleudert werden können. Die Darstellung suggeriert, dass der Mann gefährlich nahe am Rande des Vulkantrichters kniet. Mit gefalteten Händen und erhobenem Kopf schaut er in die Höhe, als würde er von dort Ansprache oder Hilfe erwarten. Der Kniende wirkt durch sein Aussehen wie ein Eremit vor dem aus dem Untergrund hervorbrechenden Fegefeuer.

Andererseits befindet sich der Wartende und Fragende nicht nur davor, sondern auch auf Augenhöhe mitten im verzehrenden Feuer. Furchtlos verweilt er vor der gewaltigen Übermacht. Umfangen von der expressiv dargestellten Feuersglut scheint er in die Flammen hineinzuhorchen, um die Stimme darin zu vernehmen und zu verstehen.

Gott hat zu Mose aus dem Feuer des brennenden Dornbuschs gesprochen (Ex 3,5f). In der Darstellung ist aber kein Dornbusch zu erkennen. An seiner Stelle kniet der Mensch in seiner Sehnsucht nach Beziehung und Kommunikation mit Gott. Der Mensch ist das nach Erkenntnis dürstende und in seiner Existenz verletzliche Lebewesen, das mit Leben erfüllt werden will und mit einer sinnvollen Aufgabe. Trotz seines mehrfachen Haderns mit Gottes Auftrag hat Mose seine Berufung gehört und tief in sie hineingehört, bis alle Zweifel in ihm verbrannt waren und er seinen Weg unbeirrt gehen konnte. Er steht stellvertretend für uns alle, weshalb der Ort sich im Bild nicht lokalisieren lässt. Der Gottesberg Horeb befindet sich überall, auch wenn er in der Bibel nur zweimal erwähnt wird bei den ganz unterschiedlichen Gottesbegegnungen von Mose und Elija (1Kö 19,11f).

Die Erzählungen von Elija oder Mose zeigen uns, dass Gottesbegegnungen tiefe und prägende Erfahrungen mit Gott sind. Sie zeigen, dass Gott gerade in der größten Verlassenheit und Not überraschend zu uns spricht und uns führt. Leise wie ein sanftes Säuseln bei Elija, aufsehenerregend durch das Feuer bei Mose. Gott ist allezeit der Da-Seiende, der „Ich bin, der ich bin“. Er ist der Ewige, der sich in unserer zeitlichen Existenz und in unseren Nöten offenbart und uns mit Kraft erfüllt, leidenschaftlich für ihn zu brennen und ihm zu dienen.

Gottes Weisungen

Alles scheint in Bewegung zu sein auf diesem Bild: Die mit schnellen Pinselstrichen aufgetragene Farbe, die Farbtöne, selbst die Komposition scheint in heller Aufruhr durcheinander gewirbelt zu werden.

Mittendrin lässt sich allerdings eine Gestalt entdecken, die von den Gewalten scheinbar unberührt am Boden kniet. Ihr aufrechter Oberkörper und die Umrisse des Kopfes sind deutlich zu erkennen, während das Gesicht verhüllt ist und Arme und Beine angedeutet sind. Erschrecken und Ehrfurcht bringen die Hände am Herz und vor dem Mund zum Ausdruck. Rot gekleidet, ist sie vorne, unten und hinten von roten Elementen tragend und beschützend umgeben.

Erst durch diese Person lässt sich das untere Bilddrittel als Erde festlegen. Vor ihr und über ihr wölbt sich ein großer Bogen von der linken unteren Ecke diagonal nach oben. Assoziationen an Felsen und Wolken werden hervorgerufen und bringen Mose in Erinnerung, der nach dem Auszug aus Ägypten von Gott eingeladen wurde, auf den Berg Sinai zu steigen. „Der Herr sprach zu Mose: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib hier! Ich will dir die Steintafeln übergeben, die Weisung und die Gebote, die ich aufgeschrieben habe. Du sollst das Volk darin unterweisen.“ (Ex 24,12)

Die Begegnung selbst wird folgendermaßen beschrieben: „Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn auf dem Gipfel des Berges zeigte sich den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer. Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg hinauf. Vierzig Tage und vierzig Nächte blieb Mose auf dem Berg.“ (Ex 24,17-18)

Obwohl die wolkenartigen, dunklen Elemente den hellen Hintergrund größtenteils verdecken, lassen die leuchtenden Gelbtöne doch die Herrlichkeit Gottes im Hintergrund erahnen. Er ist die Urkraft, die hinter allem steckt. Mit ihrer bewegten und dichten Darstellung taucht die Künstlerin nicht nur in die an sich verhüllte Begegnung ein, sie lässt uns auch die Bedeutungsfülle dieser Zeitspanne spüren. Das Bild lässt an einen Sturm denken, an ein Chaos, an eine schöpferische Neuordnung. Gott schenkt den Israeliten Weisungen, die ihnen wie Sonne, Mond und Sterne in guten und hellen sowie in schlechten oder eben dunklen Zeiten Orientierung geben sollen.

Doch was bewirken in Stein gemeißelte Gebote, wenn sie nicht beachtet oder umgesetzt werden? Hat die Künstlerin das Bild vielleicht deshalb so bewegt gemalt, damit auch wir die revolutionäre Kraft in den Zehn Geboten spüren, die Kraft des Heiligen Geistes? Auch wenn der Bundesschluss keine Präfiguration von Pfingsten ist, so gibt Gott den Israeliten und allen Gläubigen durch Mose doch eine äußere Lebenshilfe, die ihr Inneres bewegen und erneuern soll.