Facettenreiche Präsenz

Ein rotes Gewand entfaltet sich in der Form eines Dreiecks von oben herab ins Bild, um eine im Dunkeln sitzende Gestalt mit gekreuzten Füßen zu enthüllen. Der schwarze Hinter- bzw. Untergrund lässt die Person schweben. Die nackten Füße vermitteln zwar einen direkten Bodenkontakt, aber der ist nicht gegeben.

Die totale Schwärze konzentriert den Blick auf die gekreuzten Füße, welche von dem leuchtend roten Gewand überhöht sind. Seine nach unten weisende Dreiecksform gibt ihm etwas Majestätisches, Geheimnisvolles, Trinitarisches. Das intensive Rot kann symbolisch für die Liebe stehen, die Lebenshingabe an den Nächsten bis zum Blut. Die Person selbst bleibt im Verborgenen. Der Bildausschnitt gibt nur die ungewöhnliche Perspektive auf die Kniepartie, die Unterschenkel und Füße frei. Eine frontale Sitzposition ist angedeutet, aber kein Herrscher sitzt mit gekreuzten Füßen auf seinem Thron.

Kann es sein, dass die gekreuzten Füße wie oftmals beim Jesuskind mittelalterlicher Madonnendarstellungen subtil auf die Kreuzigung Jesu hinweisen wollen, in dessen Todesstunde sich der Himmel verfinsterte und er sich selbst von seinem Vater verlassen fühlte? Doch an den Füßen sind keine Wundmale zu sehen, sondern gemalte Blumen, die sich am linken Fuß über die Zehen und den Rist ziehen. Am rechten Fuß befinden sie sich ganz rechts vor den Zehen, so dass sie in der Mitte beider Füße eine geschlossene Erscheinung bilden. Auch wenn sie sich nicht an der traditionellen Stelle der Wundmale befinden, könnten sie – in Hinblick auf Jesu Leiden und Auferstehen – dennoch die Verklärung seiner Wunden, die Auferstehung seiner Person andeuten. Er ist durch Gottes unendliche Liebe der dunklen Macht des Todes entrissen und sitzt nun erhöht zur Rechten Gottes. Vergleichsweise scharf zeichnen sie sich von den weichen Umrissen der Füße und des Gewandes ab.

Ein beschuhter dritter Fuß mitten im roten Gewand sorgt für Irritation. Zu wem gehört er? Wer steht auf dem Schoß der sitzenden Person? Wieso trägt dieser Fuß Sandalen, wieso ist er nicht barfuß wie die Hauptperson? – Der einzelne Fuß könnte ein Herabsteigen andeuten, aber auch Etwas- oder Jemanden-im-Schoß-Tragen. – Doch das Rätsel lässt sich nicht lösen und muss stehen gelassen werden. Es gehört zum Geheimnis dieser technisch und inhaltlich vielschichtigen Arbeit, Zeiten und Räume, Symbole und Gestalten erkennen und sehen zu lassen, um sie dem Betrachter im nächsten Augenblick wieder ins Unbegreifliche zu entziehen. Eindeutig bleibt das majestätisch nach unten weisende Dreieck als Symbol für eine hingebungsvolle, würdevolle, herzlich warme Präsenz aus der Höhe, welche sich den über der Dunkelheit schwebenden gekreuzten Füßen zuwendet und auf ihnen in Form von Blumen neues Leben entstehen lässt.

Kraft der Stille

Stille Präsenz strahlt aus den übergroßen Gesichtern der dargestellten Personen. Formatfüllend sind sie einfach da, fokussiert auf die geschlossenen Augen in der Mitte ihrer Gesichter. Das nebulöse Licht und die Unschärfe wirken wie ein Weichzeichner, der den en face Dargestellten etwas Entrücktes oder Numinoses verleiht.

Trotz der individuellen Gesichtszüge und Frisuren spricht aus allen die gleiche Botschaft des verinnerlichten Da-Seins. Sie lassen sich betrachten und abbilden, ohne den Prozess visuell mitzuverfolgen. Weil zur Entstehungszeit der Bilder in den Jahren 2020 und 2021 ihr ganzes Leben durch die verordneten Kontaktbeschränkungen „verinnerlicht“ wurde, sind die geschlossenen Augen und ihre singuläre Darstellung auch Symbol für diese außerordentliche Zeit der Isolation und des Auf-sich-allein-verwiesen-Seins. Sie sind wie ein augenzwinkernder Hinweis auf das englische Wortspiel „look down“ – nach unten schauen und „lockdown“ – Ausgangssperre.

Die geschlossenen Augen verunmöglichen den Blick des Betrachters in die Augen der portraitierten Personen. Weil diese den Betrachter nicht anschauen, befinden sie sich wie in einer anderen Welt. Es ist, als könnte sie nichts ablenken, nicht einmal der atmosphärische Hintergrund. Doch die portraitierten Personen schlafen nicht, sie sind auch keine Träumer. In sich gekehrt sind sie ganz da, wachsam sich erspürend und wahrnehmend. Sie sind durch und durch bei sich: Hörende der Gegenwart. Hörend auf ihre innere Stimme oder vielleicht auf Gott?

Die wie anwesend-abwesend wirkenden Portraits lassen an eine Meditation oder das Gebet denken, an ein geduldig-gelassenes Warten auf aus der Tiefe geborene Antworten. Während der Künstler durch das Malen mit offenen Augen schauen und das Gesehene auf die Leinwand übertragen kann, verharren die Dargestellten in einer äußeren Passivität, innerlich aber in einer kraftvollen Stille. Die geschlossenen Augen sind nicht wirklich verschlossen, sie künden weder von Schlaf noch von Tod, sondern von einer bewussten Konzentration nach innen. Die geschlossenen Augen ermöglichen eine gesteigerte Wahrnehmung der anderen Sinne, der Konzentration auf geistige Impulse, vielleicht auch auf den siebten Sinn. In der Raum- und Zeitlosigkeit einer solchen Stille findet sich die Kraft, um die Augen dann auch wieder entschlossen zu öffnen und der Umwelt mit einer neuen Sicht auf die Dinge zu begegnen.

5 Portraits im Großformat 1 2 3 4 5