Netzwerk der Liebe

Ungewöhnlich modern begegnet uns die Osterkerze in der Kirche St. Paul in München. Sie ist umhüllt von einem Gewebe, das es in sich hat. Wie ein Spitzenkleid umgibt das Netz in mehreren Schichten den roten Kern, der durch die Zwischenräume überall hindurchblitzt, aber an fünf großen Freilegungen intensiv und eindrücklich sichtbar wird.

Im Gegensatz zu den traditionellen Osterkerzen verleiht der rote Kern der Kerze eine warme Mitte, die an das Herz, das durch es pulsierende Blut und an das Leben insgesamt denken lässt. Er thematisiert gleichzeitig die Liebe als zentrale Botschaft Jesu. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Symbolisch und doch einleuchtend bringt die das rote Wachs verzehrende Flamme Jesu unendliche Liebe und seine Hingabe für uns bis in den Tod hinein zum Leuchten.

Das Gewebe umgibt den Kern, der symbolisch für Jesus steht, wie ein Mantel. Es kann somit auch für die Kirche stehen, für all die Menschen, die Jesus nachfolgen und ein Netzwerk des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe bilden, das sich in Solidarität und Nächstenliebe entfaltet und das Leben in all seinen Erscheinungsformen schützt und fördert. Wie der Glaubensweg vieler Menschen ist diese Wachshaut in mehreren Etappen entstanden, bis sie zum „Kleid“ der Osterkerze wurde. Zuerst entstand am Boden des leeren Kirchenschiffs bei einem „Infinite Walk“ der Künstlerin Katharina Lehmann eine organische Gewebestruktur aus einem kilometerlangen, sich immer wieder berührenden, überlagernden, kreuzenden, Verdichtungen schaffenden und Freiräume lassenden Faden. Von der Hand der Künstlerin geführt folgt er jeder ihrer Bewegungen und übersetzt so ihr Ein- und Ausatmen, Schreiten und Innehalten in ein von ihrer Zeit und ihrem Leben gezeichnetes Liniengeflecht. Dieses wurde anschließend in einem mehrstufigen Verfahren in Wachs übertragen.

An mehreren Stellen haben die weiße Lebensstruktur und das rote „Herz“ durch äußere Einwirkung massive Einschnitte erlitten. Das fehlende Gewebe und die Aushöhlungen muten wie tiefe Fleischwunden an und deuten einerseits auf die fünf Wunden Christi. Andererseits verweisen sie auf die Verletzlichkeit allen Lebens und des Zusammenlebens von Menschen untereinander und mit der Natur. Der verletzte Kern der Osterkerze lässt auch an die Verletzlichkeit Gottes denken, seine tiefe Betroffenheit über das menschliche Handeln und sein durch und durch barmherziges Handeln an uns aus der Fülle seiner Liebe heraus, so wie sie auch in Jesus Christus offenbar wurde. (vgl. das „Benediktus“ in Lk 1,68-79 oder Jesu Worte in Joh 15,9 – siehe oben) Dadurch sind Wunden auch Orte des heilenden und heilmachenden Wirkens Gottes mitten unter uns. In unseren leiblichen und seelischen Verwundungen, in den gewaltsamen Verletzungen, die Natur und Gesellschaft durch zerstörerische Kräfte in dieser Welt erleiden, liegt die Chance, Gott als rettende und heilende Macht mitten in unserem Leben und unserer gesellschaftlichen Verbundenheit zu erfahren. Diese Osterkerze symbolisiert Jesus Christus, den Auferstandenen, in der Einheit mit seinem Vater und dem Heiligen Geist als Networker der Liebe und des Lebens. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5), durch seine Auferstehung leuchtet uns die Hoffnung auf das ewige Leben in der Gemeinschaft mit ihm.

Flyer der Kunstpastoral der Erzdiözese München und Freising zur Osterkerze

Göttliche Kraft

Ein kreisrundes Relief (Tondo) schwebt in einem quadratisch gefassten Bildraum. Das rote Objekt wird von einem schmalen grünen Schein umgeben. Seine Oberfläche ist zum einen mit einer Quadratstruktur, zum anderen mit grauen Schattierungen gestaltet. Gegensätze sind hier harmonisch vereint und mit einer Spannung erfüllt worden, wie sie dem Leben eigen sind.

So erscheint das Tondo geometrisch rund, obwohl der Rand unregelmäßig gestaltet ist. Er hebt und senkt sich leicht und bewegt sich wie bei einem Blumenblatt organisch frei einer zugrundeliegenden Kreisform folgend. Diese freie Lebendigkeit durchwirkt das ganze Tondo. Es gibt gerade Kanten und Strukturen bei den Quadraten auf der Oberfläche, aber das Tondo selbst ist eine aus fast unendlich vielen kleinen Bewegungen heraus durch und durch bewegte Form, die dadurch belebend, ja fast lebendig wirkt.

Die rote Farbe verstärkt diese vitalen und kraftvollen Grundbewegungen. Es ist ein warmes Rot, das nicht heiß oder verbrennend wirkt, sondern das wie ein Feuer Wärme ausstrahlt und Geborgenheit schenkt. Das intensive Rot mag an das Feuer der Liebe zu erinnern, aber es kann auch das in unseren Körpern pulsierende Blut versinnbildlichen. Das Rot ist kraftvoll, tragend, ausdauernd, ruhend, zurückhaltend. Es ist ein Rot der Mitte, ein Farbton der zentriert, Kraft gibt und gut tut.

Seine Oberfläche bedecken geheimnisvolle Quadratreihen, die geradlinig das Rund queren. Wie eine Erscheinung treten sie mal stärker, mal schwächer aus dem wolkigen grau-roten Grund hervor. In der Kreisform, die keinen Anfang und kein Ende aufweist und deshalb gerne als Symbol für die Ewigkeit und für Gott verwendet wird, können die Vierecke als Zeichen für das Irdische gedeutet werden: Die Erde hat vier Himmelsrichtungen, sie besteht von alters her aus den vier Elementen Wasser, Erde, Feuer und Luft. Während das Quadrat, welches das Tondo umgibt, auf der einen Seite liegend ruht, stehen die Quadrate im Tondo durch ihre diagonale Anordnung dynamisch auf einer Ecke, aber wirken durch ihre Gruppierung doch fest gefügt. So kann das „unendliche göttliche Leben“ mitten in der irdisch gefassten Welt gesehen werden. Gleichzeitig nimmt die feurige Mitte „Elemente der Welt“ in sich auf und scheint sie im „Feuer der Liebe“ zu reinigen und zu beleben.

Als zweites bzw. neben der Farbe drittes gestalterisches Element überziehen silbrig-graue Schattierungen die Schauseite des Objekts. Aus der Nähe zeigen sie sich als ein Netz von Bleistiftstrichen, das sich über die ganze Fläche spannt und in sie so eingezeichnet bzw. mit Graphit eingraviert wurde, dass die Oberfläche einen hautähnlichen Charakter erhält. Mit jedem Bleistiftstrich wurde dem Objekt von Menschenhand Zeit eingeschrieben, mit jedem Srich alterte die einst glatte Oberfläche und wurde mehr und mehr zu einer Außenhaut, die vom Leben und der mit Tätigkeiten erfüllten Lebenszeit kündet.

Faszinierend bleibt der grüne Schein rund um das Tondo herum. – Ist er gemalt? Verbirgt sich hinter dem Tondo eine grüne Lampe? Was soll er aussagen? Ist er so etwas wie ein „Heiligenschein“? Oder könnte er auch ein Schatten sein? – Weil die grüne Farbe im Farbkreis die Komplementärfarbe von Rot bildet, kann diese uns auf die Spur bringen, dass die Rückseite des Objekts mit einer leuchtend grünen Farbe bemalt ist. Durch den Abstand zur Rückwand vermag das seitlich eindringende Licht die grüne Farbe auf dem weißen Hintergrund zu reflektieren – und so über das Kreisrund hinaus einen immateriellen „Schein“ zu bilden, der auf etwas Unsichtbares, Heiliges verweist.

Ob das künstlerisch gestaltete Kreisrund nun als Symbol für den Heiligen Geist gesehen wird, bleibt dem Betrachter überlassen. Doch so, wie das Objekt durch die kreative Bearbeitung der Künstlerin gestaltet und mit Leben erfüllt wurde, und wie die Kreisform mit den Vierecken im Dialog steht, verweist das Tondo auf eine schöpferisch wirkende, lebensspendende göttliche Kraft.