Einsicht

Eine verwirrende Vielschichtigkeit kommt mir auf diesem Bild entgegen. Auf dem dunklen Hintergrund reflektieren Fenster, Gesichter, ein Buch und lichtes Blätterwerk um ein zentrales Kreuz mit klaren Konturen.

Wie eine Geschichte gruppieren sie sich um das Kreuz als Symbol für den Opfertod Jesu. Auf ihm ist allerdings nicht der Gekreuzigte zu sehen, sondern von rechts unten wächst grünes Blätterwerk ins Kreuz hinein und belebt es. Dadurch ist es nicht ein Kreuz des Todes – davon erzählt nur noch ein roter Fleck –, sondern vielmehr ein Zeichen der Auferstehung und des Lebens. Der dunkle Spalt rechts unten im Ockergelb des Lichtfensters, es könnten Felsbrocken sein, erinnert an das offene Grab, ohne welches das Verständnis vom Kreuz für immer verdunkelt bleiben würde.

Nachdenklich neigt sich der zur Hälfte gezeigte Frauenkopf dem Kreuz zu. Eine gedankliche Verbindung ist zu spüren, ein Anlehnen an diese Kreuzerfahrung, ein gegenseitiges Durchdringen und Austauschen in der Stille. Vom Rand zur Mitte und von der Mitte zum Rand alle Lebensbereiche auszuloten.

Auf der anderen Seite des Kreuzes sind nur schattenhafte Konturen auszumachen. Ein weiteres Gesicht ist nicht herauszusehen. Sind es schwache Erinnerungen an Menschen, mit den ich besonders durch das Kreuz und den Glauben verbunden bin? Hier könnte eine Verbindung mit dem Buch, vielleicht einem Tagebuch, bestehen, in dem diese Begegnungen über das lose Notizblatt hinaus festgehalten worden sind. Wie wir Menschen der Gegenwart ein Gesicht geben, erhält aus solchen Erzählungen die Vergangenheit ein Gesicht.
In Anlehnung an den „hortus conclusus“ – den von der Außenwelt abgeschlossenen Garten, in dem sich Maria mit dem Christuskind aufhält – hat die Künstlerin Käthe Haase Kornstein die Begegnung mit Gott in mystische Farben getaucht.

Wie Jesus seine Zeitgenossen beim Almosen geben, Beten und Fasten eingeladen hat, in der Stille des Herzens und in der Abgeschiedenheit vom hektischen Alltag die Zweisamkeit mit dem himmlischen Vater zu suchen (vgl. Mt 6,4.6.18), so lädt mich dieses Kunstwerk ein, die Stille aufzusuchen, um dort auf Gottes Wort zu hören.

Das Foto ist mir Anregung, meinen eigenen hortus conclusus zu suchen, den Ort der Einkehr, Besinnung und der mystischen Zwiesprache mit Gott. Ein Ort, wo geistliche Anregungen in mir auf fruchtbaren Boden fallen können, Neues in mir aufbrechen lassen, vielleicht auch tot Geglaubtes wiederbeleben, in neuer Kraft, wie das Grün des Kreuzes.

Die beiden Fenster im oberen Bildteil könnten dann als Lichtblicke interpretiert werden – oder als lichte Flügel, die uns durch die vertieften geistlichen Einsichten über die bisherigen Horizonte hinaustragen.