Atem der Seele

Auf einem mit einem weißen Tuch bedeckten Tisch konzentrieren sich in der Mitte goldene Schmetterlinge. Sie bilden eine Art Nest, einen Schwarm, eine übervolle Schale, von der ausschwärmend sich die Schmetterlinge im ganzen Raum auf den Gegenständen und an den Wänden niedergelassen haben.

Der schlichte Tisch mit den goldenen Schmetterlingen erinnert an den mit Kelch und Patene bedeckten eucharistischen Tisch in den Kirchen. Der Tisch steht für jede gute menschliche Versammlung zum gemeinsamen Mahl. In den Kirchen erinnert der „Tisch des Herrn“ an das Letzte Abendmahl, in dem sich Jesus nach Lobpreis und Dank selbst seinen Jüngern schenkte mit den Worten: „Nehmt, das ist mein Leib“ – „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Mk 14,22f) Etwas davon schwingt in den Schmetterlingen mit in den Raum und zu den Menschen.

Wunderbar werden hier Tod und Auferstehung symbolisch dargestellt. Denn das weiße Tischtuch erinnert auch an ein Leichentuch, mit dem man Verstorbene zudeckt. Doch dieses hier ist in der Mitte kaum sichtbar aufgerissen und durch seine Öffnung steigen unaufhaltsam Schmetterlinge. So steht dem einsamen Ableben die gemeinsame Auferstehung gegenüber, dem irdischen Tod das göttliche Leben, der Zeitlichkeit die Ewigkeit.

Der Schmetterling war durch das Verpuppen und Schlüpfen aus dem anscheinend leblosen Kokon nach monatelanger äußerer Ruhe in der Antike das Sinnbild der Wiedergeburt und Unsterblichkeit und ist in der christlichen Kunst noch heute ein Symbol für die Auferstehung. In der altgriechischen Sprache wurde der Schmetterling „Psyché“ genannt, weil die Hellenen diese Verwandlungskünstler als Verkörperung der menschlichen Seele sahen. Im Schmetterling fanden sie die Lebendigkeit und den Atem der Seele wieder, die nach der überraschenden Verwandlung die Erdgebundenheit hinter sich lässt und in ungeahnter Leichtigkeit im Sonnenlicht dem Himmel entgegentanzt.

Der goldene Schmetterlingsschwarm deutet funkelnd auf ein außerordentliches Ereignis, eine unerwartete Fülle an Leben und Bewegung, eine sich unaufhörlich ausbreitende Segensfülle, auf ein Sich-Verteilen und -Verschenken. Er erinnert an das staunend hervorgebrachte Wort aus dem Johannesevangelium 1,16 über Jesus: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“ Dieser dichte Schmetterlingsschwarm vermag Wesentliches von Jesus zu versinnbildlichen: Die Offenbarung seiner göttlichen Herkunft, die Kraft und den Auftrag, die ihn beseelten Gutes zu tun und den Menschen alles an die Hand und ins Herz zu geben, damit aus der Verbundenheit mit Gott Verwandlung zu einem neuen Leben möglich wird. Ein Leben, das durch den Atem der Seele Freiheit und Leichtigkeit gewinnt. Ein Leben, das durch die Begeisterung der Seele alle Lebensdimensionen so verwandelt, mitgestaltet und prägt, dass sie teil hat an der Ewigkeit.

Video vom “Offenen Himmel” im Klinikum Singen im Mai 2021:  mit Flügeln und mit einem langen Atem (43 Min)

Befreiung zum Leben

Jedem der drei heiligen Tage ist im Triptychon ein Bild gewidmet: Karfreitag, Karsamstag und Ostern. Farblich sticht durch die rötlich-braune Farbe das mittlere Bild heraus, von der Form her ist das Kreuz am besten zu fassen, während das Osterbild je nach Sichtweise Unterschiedliches zu sehen ermöglicht.

Die hellen, gleichlangen Balken verweisen als Kreuzzeichen auf den Tod Jesu, weshalb dieses Bild dem Karfreitag zugeordnet werden kann. Das Kreuz wirkt wie eine Klammer über dem breiten Rahmen, wie ein Gitter vor einer Fensteröffnung, um etwas Dahinterliegendes zu versperren. So sehr das Kreuz im Vordergrund steht, führt der Blick daran vorbei in die Tiefe, in eine mit lichten Punkten durchsetzte Finsternis. Das Lichtermeer in der Nacht erinnert an das stille Totengedenken auf Friedhöfen, bei denen allein die Kerzenlichter bis zum Verlöschen bei den verstorbenen Lieben ausharren.

Doch das Kreuz selbst trägt im „Brustbereich“ oder im Herzen das Leiden und den Schmerz, den Tod und die Einsamkeit. So erhält seine Gestalt menschliche Züge, bei der die Arme weit ausgebreitet sind – wie um alle Menschen aufzufangen und vor dem Verderben zu retten. Auch die weißliche Farbe des Kreuzes kann in diese Richtung gedeutet werden: Jesus ist der, „der heilig ist, frei vom Bösen, makellos, abgesondert von den Sündern und erhöht über die Himmel.“ „Darum kann er auch die, die durch ihn vor Gott hintreten, für immer retten.“ (Hebr 7,26.25) Das helle Kreuz macht deutlich: Jesus ist „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29).

Das Starre, Recht-Eckige, Unflexible und Unbewegliche findet sich auch im zentralen Bild. Die engmaschige Gitterstruktur der schwarzen Linien erinnert an ein dorniges Heckendickicht. Doch im Durchblick auf das rötliche Licht ist Verwandlung spürbar. Dunkel ist bereits die schalenförmige Grundstruktur des Auferstehungsbildes angedeutet, aber sie gleicht mehr einem von Erkenntnis erschrockenen und darunter leidenden Kopf. Inferno und Fegefeuer können in diesem Bild gesehen werden, aber auch eine Transformation zu etwas Neuem. Oder ein alle Verstorbenen vertretendes Gesicht, das als Seele darauf hofft, bei Gott Erbarmen zu finden und von Jesus beim Hinabsteigen zu den Toten gerettet zu werden.

Das dritte Bild nimmt die weiß-braunen Farben des linken Bildes auf und ordnet sie neu. Gott läutert und wandelt das Bestehende in der glühenden Kraft seiner Liebe zu einem befreiten, ungebundenen Leben, das allein aus der Liebe heraus handelt. Es gibt nicht mehr verschiedene Ebenen, sondern nur noch die Gegenwart der Auferstehung. Formal wird das durch die freien und lebendigen Formen zum Ausdruck  gebracht, inhaltlich durch die Heimkehr zu Gott, der Begegnung mit IHM, seiner Umarmung und der dadurch erfahrenen Geborgenheit (vgl. Lk 15,24). Die schwungvollen Formen machen zudem deutlich, dass die Auferstehung ein lebendiger Prozess des Erkennens und Wahrnehmens ist, in dem die neue Wirklichkeit Gottes in unserem Leben erst nach und nach sichtbar wird. So ähnlich wie bei den Emmausjüngern (vgl. Lk 24,13-35), die ebenfalls in diesem Bild gesehen werden können.

Die Zusammenschau aller drei Bilder tut gut und ermöglicht ein Ausloten und Finden des eigenen Standpunktes. Das Triptychon zeigt in Leserichtung einen befreienden Entwicklungsprozess auf: Das stellvertretende Opfer Jesu und seine Auferstehung befreien zu einer erneuerten Beziehung zu Gott, die Kraft und Mut gibt, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv und kreativ den Aufgaben unserer Zeit zu stellen.

Herrlichkeit Gottes

Bäume säumen die zentrale Blickachse, deren Horizont durch eine sanfte Erhebung begrenzt wird. Auf jeder Seite der Allee stehen zwölf, die in ihrer Zusammenschau dreieckige Pyramiden bilden. Die idealisierten Kronen der Bäume gehen am Horizont übergangslos in die Wölbung des Hügels über und bewirken damit eine zentralperspektivische Sogwirkung, welche das weiße Quadrat hervorhebt. Diese Hervorhebung wird durch die vertikale Beschneidung der Bäume zur Mitte hin und den dadurch entstandenen ehrerbietenden Abstand verstärkt. Die „Schatten“ in den tropfenartigen Baumkronen machen eine Art Transparenz oder Durchleuchtung sichtbar, wodurch alle Bäume bis in die hinterste Reihe in ganzer Gestalt erkennbar sind.

Der Blick durch die Allee wird durch die geometrische Form eines aufrecht stehenden weißen Rechtecks gebremst und verschleiert. Die Lichterscheinung erhebt sich kontrastreich aus einer schwarzen, in den Boden eingesenkten Form, die einem Grab gleicht, und sie ragt etwa hälftig über den Horizont hinaus in den zartrosa gefärbten Himmel hinein. Am Scheitelpunkt der sanften Steigung der blauen Erhebung kann in blassroten Großbuchstaben schwach V E R G E H E N gelesen werden. Das Wort weitet das bisher Gesehene zu einer neuen Sicht mit anderen Augen. Plötzlich wird der abstrakte helle Raumkörper in der Bildmitte gleichsam zu einem Monument für die Vergänglichkeit, zu einem „Denk-mal“ über die Bedeutung und das Wesen von Werden und Vergehen.

Alles vergeht, alles verändert sich, außer Gott bleibt nichts in Ewigkeit so wie es ist. Könnte die rechteckige Erscheinung ein Symbol für die Zeit darstellen? Viereckig, weil die Zeit eine menschlich weltliche Formulierung ist, transparent, weil sie nicht sichtbar ist? Inmitten des Hains, weil sie eine kostbare Erfahrung der Gegenwart ist mit möglichem Rückblick auf die Vergangenheit und begrenzter Aussicht auf die Zukunft?

Das aus der Dunkelheit des „Grabes“ aufsteigende gefasste Licht löst wie eine unsichtbare Gegenwart von unten nach oben die Grenze zwischen Erde und Himmel auf. Durch den fließenden Übergang in den blauen Bereich und die Wiederaufnahme und Steigerung der nach oben weisenden Horizontlinie des Hügels findet auch diese Bewegung im erhabenen Quadrat ihre Vollendung.

Das weiße Quadrat wirkt am Horizont wie eine Großleinwand, wie eine Projektionsfläche für Visionen. Es lenkt den Blick in die Ferne und kann ermahnen, im gegenwärtigen Handeln auch an die Zukunft zu denken und nicht alles rosarot verzaubert zu sehen. Seine Leuchtkraft lässt zudem an eine höhere Gegenwart denken, in der alles Werden und Vergehen seine Vollendung findet. Es könnte ein Sinnbild für das Neue Jerusalem sein, in dem es keine Nacht mehr geben wird, weil Gottes Gegenwart selbst allen Menschen Licht ist und sie der Macht des Todes entreißt. Das Quadrat kann gar als „Wohnung Gottes unter den Menschen“ gedeutet werden nach der Vision des Himmlischen Jerusalems im Buch der Offenbarung (21,3-5): „Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.”

Vor diesem Hintergrund erhält das Gemalte eine noch tiefere Dimension. Es geht um den Blick über alles Vergehen und Vergangene hinaus in die Ewigkeit. Dem Seher Johannes wurde die heilige Stadt Jerusalem gezeigt, „wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis.“  In der weiteren Beschreibung werden die „zwölf Stämme der Söhne Israels“ und die „zwölf Apostel des Lammes“ genannt (Offb 21,12.14), die sinnbildlich in den 24 gleichmäßig gewachsenen und schönen Bäumen ihren Platz seitlich der Herrlichkeit Gottes haben. In der Tropfenform der Baumkronen klingt das Abwischen aller Tränen an, denn „der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“

Das vom Künstler mit „Monument IV“ betitelte Bild ist weniger ein Monument für die Vergänglichkeit oder ein Denkmal für die Zeit, sondern vielmehr ein Monument für Gottes bleibende Gegenwart durch alle Zeit hindurch. Es ist ein Bekenntnis, dass nicht das lebensbestimmende VERGEHEN das letzte Wort hat, sondern Gott selbst im durch seine Liebe bewirkten AUFERSTEHEN zum ewigen Leben.

Dieses und weitere Werke von Nikola Saric waren bis zum 31. Oktober 2020 in der Ausstellung „Reflexionen“ im Domschatz- und Diözesanmuseum Eichstätt im Original zu sehen.

Berichtigung

Auf der weißen Scheibe des Bildes „Monument IV“ von Nikola Saric steht das Wort VERSEHEN und nicht VERGEHEN. Laut Künstler bezieht sich das “Versehen” hier eher auf die politisch-journalistische Sprache im Zusammenhang mit Ausdrücken wie “Kollateralschaden”, “menschliche Fehler” und “Tat aus Versehen”. Das Wort VERSEHEN steht dabei auch im Kontext der versehentlichen Zivilopfern bei militärischen Operationen.

In meinem Zugang zum Wort VERSEHEN habe ich mich also gleich zweifach versehen: Zum einen habe ich mich verschaut beim Lesen des Wortes, zum anderen habe ich das Wort auf der Erhebung am Horizont und nicht auf der Scheibe in der Bildmitte verortet. Für diese Fehldeutung entschuldige ich mich an dieser Stelle. Gleichzeitig wird deutlich – auch im Sinne der Intention des Künstlers, wie wichtig achtsames, umsichtiges Schauen und rücksichtsvolles Handeln sind, damit es eben nicht aus Versehen zu Kollateralschäden kommt.

Mein Bildzugang bleibt bestehen, weil die Deutung mit dem „Versehen“ in sich stimmig ist. Zudem hat Nikola Saric sein Einverständnis dazu gegeben: „Ich finde Ihren Text sehr interessant und finde es spannend wie unterschiedlich sich Gedanken zu einem Bild entwickeln können. Ich bin auch der Meinung, dass wir den Text so stehen lassen.“

Transitus

Langgezogen schwebt das Stück Holz über dem Boden. Braunschwarz hebt es sich von den hellen Steinfliesen ab. Seine unregelmäßigen Ränder erinnern an die Bewegung von Wasser und lassen es wie ein Boot dahinfließen.  Dunkel umgibt es seinen hellen Passagier – eine Hinterlassenschaft wie das Holz selbst. Abgestreift, liegengelassen, liegengeblieben. Im Fluss der Zeit gestrandet und übriggeblieben.

Das Tuch auf der Mooreiche ist hingeworfen wie ein Bettlaken nach dem Aufstehen. Auf der einen Seite hängt es von der Eiche wie auf den Boden herabfließend. Auf der anderen Seite – abgesondert – liegt ein ordentlich zusammengelegtes Tuch als Referenz auf das gefaltete Schweißtuch im Grab Jesu und verweist auf den Morgen seiner Auferstehung (vgl. Joh 20,6-7).

Es überrascht, dass das, was weich und stoffig aussieht, doch fest und fast wie versteinert ist, denn beide Tücher bestehen aus Gips. Aber weil die langgestreckte Draperie die Formen einer liegenden Person aufnimmt, tastet der irritierte Blick immer wieder sich vergewissernd darüber, ob sich nicht doch jemand unter dem Tuch befindet. Auch von der Seite betrachtet wirkt das teilweise herunterhängende Tuch wie ein im Meer Treibender, der sich mit letzter Kraft auf ein sicheres Stück Holz hat retten können und nun wie in Kreuzform zerflossen und ermattet darniederliegt.

Das Holz ist das Fragment einer Eiche, das Jahrhunderte in einem Moor oder einem feuchten Kiesbett lag und dessen Eisengerbstoffe den Stamm von innen heraus dunkel verfärbt und verhärtet haben. Auf diese Weise hat es als eine Art Fossil seinen Verfall überdauert und seine Energie in sich bewahrt. Das Holz wirkt wie eine Kapsel oder Hülle, in der das Tuch überfließendes Licht und Leben andeutet – ein Leben, das der Tod nicht vernichten konnte.

Die Skulptur erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens, ans Sterben, den Tod, den Abschied durch das Zurückgeben an die Erde und das Einbetten in sie. Holz und Tuch erinnern an die letzte Liegestätte, in die wir unsere Lieben für ihre letzte Reise betten. Das helle Tuch atmet mit seinen bewegten Falten Licht und Lebendigkeit in der Dunkelheit des Sterbens und des Todes. Als Relikt des Übergangs erzählt es von der Entfaltung des Lebens von der Geburt bis über den Tod hinaus in ein unsichtbares, erneuertes Leben. So wird aus dem Faltenwurf des stofflichen Seins ein gefalteter Entwurf der neuen Wirklichkeit.

In der Ritterkapelle des Heilsbronner Münsters bildet die Skulptur mit ihren vielfältigen inhaltlichen und räumlichen Bezügen einen besonderen Kraftort. Inmitten der schweren rechteckigen Grabsteine der Ritter lässt sie – erst recht im Licht der Sonne leuchtend – leicht und bewegt, kraftvoll und lebendig die österliche Auferstehung spürbar gegenwärtig werden.

 

Das besprochene Kunstwerk war 2020 Teil der Ausstellung “bewegt – beflügelt – bewahrt” im Münster Heilsbronn und dem Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn.

Pfingstfeuer – Geistes-Gegenwart

Raumfüllend und menschenbewegend durchweht ein feuriges Geschehen das Bild. Es wird von einer Person am unteren Bildrand wie von einem Docht gehalten. Diese Person steht zwischen Leben und Tod, denn links liegen Menschen in der bogenförmig angelegten Dunkelheit, rechts stehen die Menschen als Auferstandene in einem Bereich, in dem sich das Dunkle bereits aufzulösen beginnt. Der Mann steht schief, aber stark zwischen diesen beiden Existenzformen. Die gelbe und die rote Farbe zeichnen ihn als Auferstandenen, als alle überragenden Mann des Lichts und der Liebe, als Vermittler zwischen Himmel und Erde.

Über seinem Haupt steht eine weitere malerisch nur angedeutete Menschengruppe dicht beisammen. Sie bildet im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen eine neue Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die durch einen gemeinsamen Geist geeint zusammensteht in guten und in schlechten Zeiten. Das über diesen Menschen lodernde Feuer tragen sie wie einen in Flammen stehenden hohen Hut. Die vom Wind angetriebene Feuersbrunst brennt lichterloh und scheint wie ein tobender Waldbrand alles zu verzehren. Das kraftvolle Rot und Gelb zeugt von der ungeheuren Dynamik des Geschehens, doch dazwischen sind blaue und grüne Stellen auszumachen: Zeichen der Hoffnung, des Wachstums, der Verwandlung und des Neuanfangs.

„Wenn der Geist sich regt“, wird uns Menschen eine Kraft zugesprochen, die das Menschenmögliche übersteigt und in göttliche Dimensionen führt. Durch den Titel verbindet die Künstlerin ihr Bild mit dem jungen geistlichen Lied von Norbert Weidinger:

Wenn der Geist sich regt, der Leben schafft,
unverständlich noch, doch voller Kraft.
Überwindet mutig die Distanz,
stehet auf und reicht die Hand zum Tanz.

Kv: Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche,
zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche.

Öffnet Herz und Ohren weit dem neuen Klang,
schöpfet Mut für euren Glauben, seid nicht bang.

Wenn der Geist sich regt und Feuer legt
und verbrennen will, was ihr noch pflegt,
gebt ihm Raum, errichtet nichts, was trennt
Feuer warf er auf die Erde, dass es brennt.

Wenn der Geist sich regt, ein Sturm aufzieht,
in die Segel bläst, reißt alles mit,
springt ins Boot und helft dem Steuermann,
dass mit voller Kraft es vorwärts gehen kann.

Das Lied fordert zu einer Erneuerungsbewegung auf, welche bereit ist, das Alte zurückzulassen, um mit dem Steuermann Jesus zu neuen Ufern aufzubrechen. So kann das feurige Geistgeschehen auch als Segel des bogenförmigen Bootes gesehen werden, in dem Jesus Mast und Steuermann zugleich ist. Wir sind aufgerufen, zu ihm ins Boot zu springen, ihm zu helfen, indem wir uns Gottes Geist öffnen und dank seiner Geistes-Gegenwart in bislang verfahrenen Lagen situativ das Richtige tun. So kann Gott durch uns wirken und Großes vollbringen. So kann Gott das Wirken seines Sohnes durch uns fortsetzen (vgl. Joh 14,26), weiter an seiner Kirche bauen und über sie hinaus von seiner Geistes-Gegenwart Zeugnis ablegen.

Durst nach Gott

 

Kreuzwegmeditation von Sr. Edith M. Senn, Kloster Hegne, zum 12. Bild des Kreuzwegs der Migranten

Ich will schauen, hören, aushalten, einfühlen, mitgehen, den letzten Weg mitgehen und in das Leben finden, das stärker ist als der Tod. Der Kreuzweg Jesu ist auch heute in der Welt tausendfach Wirklichkeit.

Gedanken zum Bild und zur Kreuzwegsituation:

Es ist vollbracht. Jesu Schrei vom Kreuz ist der Schrei des ertrinkenden Flüchtlings. Die Schiffsplanken, auf welchen der Migrant liegt,  sind zum Kreuz gefügt. Im Meerschwimmend wirken sie wie ein Rettungsanker, der vor dem Untergehen und Ertrinken Halt geben soll. Doch das täuscht: Der Leib des Flüchtlings ist gekrümmt, vom Verdursten bedroht, von der Hitze versengt, dem Sturm der Wellen ausgeliefert, die Kehle ist vor Angst zugeschnürt, haltlos treibend, wohin? Der Sterbende schreit gegen alle Todesangst an: Mich dürstet. In dieser Bedrohung ist er den Naturgewalten und den Schleusern ausgeliefert, weil kein Hafen im Mittelmeer dem Rettungsschiff Erlaubnis zum Anlegen signalisiert. Wie aktuell ist diese Tatsache gerade in diesen Tagen. Der Migrant schaut dem Tod ausgeliefert hilfesuchend in den Himmel. Kann der Lichtblick zum geöffneten Himmel die Botschaft sein: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist?

Durch Karl Rahners Wort wachse ich immer mehr in die Wahrheit hinein, wie das Geheimnis seines Kreuzweges und seines Sterbens zu verstehen ist: „Das Sterben Jesu am Kreuz sind die Sünden, die Intrigen der Menschen, die Jesus ausgeliefert und getötet haben. Wir sind nicht durch Jesu Tod am Kreuz erlöst, sondern wir sind erlöst, weil Gott vergibt, weil Gott GOTT ist. Am Kreuz wird die vergebende Liebe Gottes sichtbar. Jesus musste nicht sterben, damit Gott vergibt. “

Persönliche Impulse:

  • Der Blick auf das Kreuz kann mir helfen, an die vergebende Liebe Gottes zu glauben, jeden Tag neu.
  • Ich möchte mit J. Sudbrak beten: „Lass meine Liebe hineinwachsen in deine Liebe, meinen Lebensbaum in dein Leben, dass mein Kreuzweg einmünde in den Weg, den du gegangen bist“.
  • Jesu Gebet: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist, ist auch mein Gebet. Vater, ich lege mein Leben in deine Hände, im Vertrauen, dass alle Liebe aufgehoben ist in deiner Liebe. Denn du schenkst uns die Zusage: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt und dich an mein Herz gezogen“. Jeremia 31, 3

Jesus, du sagst zu mir:  „Mir nach, hinauf nach Jerusalem (es hat viele Namen) hinauf ans Kreuz, (es gibt viele Weisen zu sterben) hinüber zum Vater, er ergreift deine Rechte, in Liebe streckt er seine Rechte dir entgegen. Du bist im Schlepptau deiner Vollendung, wenn du deinem Bruder, deiner Schwester die Hände reichst, dann wächst eine Kette ins Ostern. Die Kette muss halten, bis auch der Letztgeborene am jüngsten Tag endgültig ankommt im Ostern“.  Nach Kyrilla Spieker

Alle Bilder des Kreuzwegs der Migranten

 

Seit 2014 ertrinken Monat für Monat etwa 250 Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer (2014-2018 lt. UNHCR 15.562 Personen). „Diese humanitäre, von Menschen und durch politisches Versagen verursachte Katastrophe lässt sich nur schwer in Worte fassen und ist durch nichts zu entschuldigen. Der Bildhauer und Graphiker Joachim Sauter hat sich von diesem Skandal bewegen lassen, als er im Jahr 2016 bei einer Wettbewerbsbeteiligung eine alte kirchliche Gebets- und Meditationsform aufgriff und sie – angereichert durch eigene Erfahrungen in Ostafrika – in diesem Kreuzweg der Migranten aktualisierte. Die Betroffenheit, die diese Kreuzwegstationen auslösen können, ist für uns als Betrachtende zunächst einmal eine Anfrage an unsere humane Solidarität und menschliche Empathie. Darüber hinaus berührt Joachim Sauter durch seine zeitgenössische Umsetzung einer alten christlichen Bildtradition ein zentrales Thema menschlichen Lebens und christlichen Glaubens: Leiden – Tod – Erlösung.“ (Sr. Regina Lehmann / Peter Stengele)

Der Kreuzweg der Migranten war im Frühjahr 2019 im Haus St. Elisabeth im Kloster Hegne ausgestellt.

dazwischen

Zwischen Stoffbahnen, die längs um ihn gewickelt sind, liegt entspannt der muskulöse Körper eines Mannes. Von der Seite ist er an seinen Hand- und Fußwunden als Gekreuzigter erkennbar, als Jesus. Er wird hier als Verstorbener in seiner Grabesruhe dargestellt, zum einen respektvoll verhüllt, zum anderen doch so viel offenbarend, dass seine Person zweifelsfrei identifiziert werden kann.

Straff zieht sich das Tuch auf der Oberseite von Kopf bis Fuß über den leblosen Körper. Bis auf die Stirn, die Nase und die Augenhöhlen zeichnen sich keine Körperdetails im Tuch ab. Nur das Gesicht scheint leicht durch, so als sähe es durch das dünne Leinen hindurch die nahe Auferweckung.

Damit wird angedeutet, dass der Verstorbene nicht nur zwischen den Stoffbahnen liegt, sondern sich auch zwischen Tod und Auferstehung befindet. Dass das über den Leichnam gelegte Tuch gestreckt ist, mag ein Zufall sein, aber es vermittelt auch die Spannung zwischen tot und noch nicht auferweckt. Es lässt erahnen, dass das Leben noch nicht zu Ende ist. Denn da ist eine stille Kraft am Werk, die alles zu ändern vermag.

Eine weitere Dimension des Kunstwerkes erschließt sich nicht aus der Betrachtung, sondern aus seiner Geschichte. Denn das Holz stammt vom alten Dachstuhl des Klosters Wettenhausen zwischen Ulm und Augsburg. Das Holz ist vielleicht in der Zeit der Romanik gewachsen und in der späten Gotik oder im frühen Barock geschlagen worden und hat dann über Jahrhunderte den Dachstuhl verstärkt. Bei der letzten Renovierung des Dachstuhls sind wurmstichige und morsche Teile entfernt, aber gelagert worden, so dass der Bildhauer Franz Hämmerle die alten Balkenteile wieder verwenden und aus ihnen etwas Neues schaffen konnte zu Gunsten des heutigen Klosters. Dadurch erzählt auch das Holz vom Tod und der Auferweckung zu neuem Leben, von der langen Wartezeit dazwischen, von der wunderbaren Verwandlung der äußeren Gestalt in ein unbeschreiblich schöneres und größeres Mehr, das uns nach unserem Tod durch die Auferweckung erwartet.

Abendmahl?

Die je sechs Figuren beidseits der weißen Figur lassen beim Anblick des Triptychons (Ansicht aller drei Bilder) fast unwillkürlich an das Letzte Abendmahl denken, das Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Leiden und seinem Tod gefeiert hat. Umso mehr als sie Heiligenscheine tragen und es sich, wie es die Kerzen andeuten, um eine feierliche Tafel handelt.

Allerdings sprechen viele Details gegen die Darstellung des Abendmahls. Der Tisch ist nicht über die drei Bildteile durchgehend gemalt, sondern bricht links und rechts des Mittelteils ab. Die Personen in den seitlichen Bildern sitzen an und auf Ölfässern. Überhaupt sind die „Heiligen“ nur durch Büsten dargestellt, die wie Spielfiguren auf Brettspielen stehen, als würde hier etwas gespielt oder inszeniert. Und doch erinnert die Figur ganz rechts neben dem Fass mit einer erloschenen Kerze vor sich an Judas. Oder die rosa Person in der Bildmitte neigt sich wie der Lieblingsjünger Johannes Jesus zu. Auch stehen vor der Dreiergruppe noch Reste eines Mahles, so als sei soeben gegessen worden.

Andererseits stellt sich bei den vielen bandagierten und vermummten Figuren die Frage, ob es sich überhaupt um ein Mahl mit Lebenden handelt. Die einen verschwinden quasi im Reich der Schatten und der Dunkelheit, bei den anderen sind ihre fleischfarbenen Gesichter verbunden oder maskiert. Sie erinnern an Wachsfiguren oder Mumien. Die zentrale Figur in der Mitte nimmt auch durch die weiße Farbe eine singuläre Position ein. Sie wird von der Sehgewohnheit und von der Ikonografie her als Jesus gedeutet. Eine weiße Tunika und ein verklärtes Gesicht würden gut zu ihm passen. Aber was, wenn die Figur wie eine Mumie mit Grabtüchern eingebunden ist, also schon tot ist? Oder sitzt er bereits als Auferstandener, als Lichtgestalt am Tisch, so wie er den Jüngern von Emmaus erschienen ist. Die schwarze und die rosa Person neben ihm verweisen darauf und vermitteln gleichzeitig zu den jeweiligen „Seitenflügeln”.

Die ungleiche Tischgesellschaft irritiert unsere Sehgewohnheiten. Vieles ist mehrdeutig dargestellt, anderes verstörend entstellt. Die brennenden Kerzen befremden. Sie wirken wie angezündete Dynamitstangen und lassen die Ölfässer zu Pulverfässern werden. Durch sie wird das, was noch in Fragmenten da ist, explosiv. Soll das Mumienhafte in die Luft gesprengt und Platz für Neues geschaffen werden? Soll damit angedeutet werden, dass auch das Letzte Abendmahl aus Fragmenten des jüdischen Paschafestes entstanden ist? Oder dass das Leben einer Gegensätze überwindenden und versöhnenden Kraft bedarf, damit lähmende Gewohnheiten immer wieder durchbrochen und erneuert werden, damit das Leben lebendig bleibt und auch neues Leben hervorbringen kann? Oder möchte diese ganz andere und fragmentarische Darstellung des Abendmahls einfach Stachel sein, alles Traditionelle in der Kirche immer wieder auf den Prüfstand der Sinnhaftigkeit zu stellen und über dessen wahre Bedeutung nachzudenken? Damit Gott alles Auseinandergebrochene, Leidende oder Entfremdete wieder ganz machen und in die Gemeinschaft mit ihm führen kann?

AUS-radiert?

Die Abfolge von fünf Bildern lässt uns einen existenziellen Veränderungsprozess nachverfolgen. Es geht um Sein oder Nicht-Sein, um Leben und Tod, einen Kampf um’s Überleben. Der oberflächlich auf dem weißen Blatt erscheinende Tod ist vom AUS bedroht, von der Ausradierung durch eine stärkere Erscheinung seiner Selbst. Erstaunlicherweise vermag er ganz schwach zu überleben. Ob er sich regenerieren und zu alter Stärke zurückfinden wird?

Ausgangspunkt und Grundlage ist die Bleistiftzeichnung eines Totenkopfes. In der linken oberen Ecke des Blattes platziert schaut er aus einer erhöhten Position und wie „von oben herab“ den Betrachter an. Seine „Augen“ sind nicht zu sehen. Sie sind entweder in den schwarzen Augenhöhlen oder hinter schwarzen Brillengläsern verborgen. Noch scheint er zu lächeln: „Seht, da bin ich und warte auf euch!“

Im zweiten Bild  erhält der gezeichnete Totenkopf Konkurrenz durch sich selbst. In einem Radiergummi in Form eines Totenkopfs begegnet ihm selbst der Tod und bedroht ihn mit dem Aus. Klein wie ein David vor dem Goliath liegt der Radiergummi neben ihm und lacht wie er mit seinen offen liegenden Zähnen: „Du kannst mir nicht entwischen. Du gehörst mir. Gleich werde ich deine Existenz angreifen. Denn ich habe die Macht dich auszutilgen, auszuradieren.“

Die nächsten Momentaufnahmen (Blatt 3 und Blatt 4) zeigen, wie mit dem Totenkopf-Radiergummi die Zeichnung so lange bearbeitet wurde, bis der Gummi aufgebraucht war. Gewissermaßen war es ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer der Stärkere ist. Auf jeden Fall war der Kampf für beide aufreibend. Der Radiergummi hat seine Gestalt gänzlich verloren und existiert nur noch als Krümel. Die Zeichnung ist noch schwach sichtbar – ein Schatten ihrer selbst).

Beide haben ihre Macht verloren. Von beiden sind nur noch Spuren zu sehen. Vom Radiergummi die Krümel, welche das Graphit des gezeichneten Totenkopfs weggerubbelt haben und ihnen nun anhaftet. Von der Zeichnung ist mehr zu erahnen als auf dem Papier zu sehen. Die künstlerische Aktion mag belustigend wirken. Mit dem Tod wird versucht, den Tod auszuradieren. Aber kann die Aktion nicht auch ein ermutigendes Gleichnis für unser Leben sein?

Der Tod kann nicht vernichtet werden. Er wird weiterhin zur Wirklichkeit des Lebens dazugehören. Aber er kann uns nicht ausradieren! Die Aktion macht deutlich, dass immer etwas übrig bleibt. Spuren einer Existenz, Spuren von etwas Existenziellem, das sich nicht ausradieren lässt, das selbst der Tod nicht löschen kann. Das Wesentliche überlebt den Tod und wird in eine neue Daseinsebene überführt (vgl. 1 Kor 15,51). In Bezug auf die Zeichnung sind es die tiefer liegenden Schichten oder das Darunterliegende, welche der Tod nicht erreichen und damit vernichten konnte.

In Bezug auf uns Menschen sind es alle Erfahrungen der Liebe, die sich tief in unsere Herzen und unsere Seele eingebrannt haben. Alle Liebe, die wir in welcher Form auch immer – von der uneingeschränkten Hingabe bis zur Verweigerung – zu geben oder zu empfangen imstande waren. So kann uns der „Todeskampf“ ermutigen, uns um das Wesentliche zu bemühen, um das, was unter die Haut geht, Herz und Seele berührt, erfreut und in Ewigkeit leben lässt.

Auferweckt von den Toten

Jesus wird hier in der Haltung des Gekreuzigten wiedergegeben. Doch das Kreuz kann ihn nicht mehr halten, die Nacht umgibt ihn nicht mehr. Stattdessen schwebt Jesus als Befreiter im Raum. Der Schatten hinter ihm deutet auf ein Licht hin, das ihn beleuchtet. Ob es die Morgensonne war, die ihn geweckt hat? Geweckt aus dem Schlaf der Toten? Seine ausgestreckten Arme wirken wie das erste Strecken nach dem Schlaf, wie das freudige Erspüren des neuen Tages, einer neuen Lebenswirklichkeit.

Fremd und befremdend sind allerdings die roten Plastikteile zu seinen Füßen. Sie stehen in auffälligem Gegensatz zur natürlichen Wiedergabe des auferstehenden Gekreuzigten und erinnern in ihrer vierteiligen Struktur an Raketenleitwerke. Ihrer Größe nach stammen sie jedoch von Dartpfeilen. Sie dienen dort als Flights der Flugstabilisierung. Hier werden sie ohne die Pfeilspitzen zum Tragwerk Jesu und scheinen ihm Auftrieb zu geben bei seiner Himmelfahrt.

Dabei wird Jesus selber zum Pfeil. Die Darstellung lässt das Ziel offen. Es mag der Himmel sein, in den er aufgenommen wurde. Aber die Auferstehungserzählungen lehren uns, dass sein Ziel unsere Herzen sind – wenn wir es zulassen können. Sagten nicht die Jünger von Emmaus nach der Begegnung mit dem Auferstandenen zueinander: „Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ (Lk 24,32)

Zugegeben, die Darstellung ist gewöhnungsbedürftig. Auch stellt sie eine Verkürzung der Ereignisse zwischen dem Tod und der Auferstehung dar. Denn die Verwendung der Figur des Gekreuzigten suggeriert, dass er möglicherweise direkt vom Kreuz weg auferstanden ist und nicht drei Tage Grabesruhe dazwischen lagen. Durch die Verwendung der gleichen Figur wird der Kreuzabnahme, Jesu Grablegung, seinem Hinabsteigen in das Reich der Toten und seiner Erlösung der irdisch-zeitliche Raum der Veränderung oder Verwandlung genommen, die traditionell in die Darstellung des Auferstandenen einfließen.

Andererseits bringt die Plastik die Kernaussagen von Ostern auf den Punkt: „Denn unser Tod ist durch seinen Tod überwunden, in seiner Auferstehung das Leben für alle erstanden“, betet die katholische Kirche in der zweiten Präfation für die Osterzeit. – Wie wir die Sache auch drehen und wenden, wir sind seine Zielscheibe!

WARUM? – Vielschichtige Erinnerung

Viele unterschiedliche Elemente verschmelzen in dieser Arbeit zu einem Bild. Neben- und übereinander angeordnet erzählen sie in vierzehn Stationen von Leiderfahrungen unter Chiles Militärdiktatur, welche die Künstlerin in Beziehung zum Leidensweg Jesu setzt. LEMA ist die Referenz an den Aufschrei Jesu am Kreuz: „Eli, eli, lema sabachthani?“ – „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das WARUM ließ die chilenische Künstlerin betroffene Frauen vor Ort besuchen und im Gespräch mit ihnen nach Erinnerungen suchen. Die vierzehn Arbeiten verstehen sich denn auch als Beitrag zum Prozess des Erinnerns, als Hilfestellung das Geschehene aufzuarbeiten. Dafür hat die Künstlerin Bilder, Farben, Linien und Materialien zu einer vielschichtigen Symbolik verdichtet.

Für den Bildgrund nähte Moreno Sánchez Bettlaken der chilenischen Frauen mit Krankentüchern aus Deutschland zusammen. Damit verwendete sie Stoffe, die von den Berührungen jener, die sie genutzt haben, geprägt wurden. Photographien des Tanzstückes „Paradise Twice“ bedecken die Bettlaken und verstärken das Geschehene. Sie zeigen Menschen, die loslassen müssen, deren Geliebter entzogen worden ist. Handschriftliche Namen erinnern an das konkrete Leid und den Schmerz vieler Frauen, deren Männer, Söhne und Väter 1973 von den Militärs entführt, gefoltert und getötet wurden und die erst 37 Jahre später erfuhren, was mit ihnen geschehen war. Gleichsam als Gegenpart zum Namen sind oben Teile des Motivs mit Goldfarbe nachgemalt worden: Erinnerung, die heilsam, wertvoll und kostbar werden konnte.

Im rechten Teil werden die Farben der Tanzszene in einer photographischen Reproduktion eines historischen Messgewandes intensiviert wieder aufgenommen. Das Kreuz, auf dem zentral „IHS“ steht, der Kurzform von Jesus, wird so mit den menschlichen Kreuzwegen unserer Zeit in Verbindung gebracht; das Messgewand steht so stellvertretend für die christliche Liturgie, in der für die Leidenden und die Verstorbenen gebetet wird. Der Druck wird von der Röntgenaufnahme eines menschlichen Brustkorbes überlagert. Das weiße, nahezu transparente Knochengerüst mit teils schwarzen Konturen erinnert an die Toten, an Knochen, die man den trauernden Frauen Jahrzehnte danach überreicht hatte. Auch der große braune Fleck – entstanden durch verschüttetes Leinöl – weist auf eine frühere Gegenwart und jetzige Abwesenheit eines Körpers hin. Krankentuch, Kreuz, Messgewand, Knochen und Fleck bilden eine geistige Gegenwart, die wie in einem Gottesdienst durch das geschaffene kollektive Gedenken ein Vergessen verunmöglicht.

Quer über das Bild steht mit unterschiedlichen Buchstabenabständen geschrieben: „T e n g o que s o b r e v i v i r.“ – „Ich muss überleben.“ Ein Wort, das von Lebenswille zeugt und von der chilenischen Schriftstellerin Diamela Eltit den leidtragenden Frauen in den Mund gelegt wurde und die konventionellen Bezeichnungen der Kreuzwegstationen ersetzt. Zwei feine gerade Linien, die auf der einen oder anderen Seite zusammenlaufen und an denen sich die Farben in Abstufungen brechen, verstärken subtil das jeweilige Bildthema. Sie sind nicht zu verwechseln mit dem Schnittmuster, welches jeweils die vorderste Person der Figurengruppe überlagert und eine Art Gegenpol zur Radiographie darstellen. Beide sind unsichtbare und doch essentielle Form- und Gestaltgeber, die Knochen für den menschlichen Leib, das Schnittmuster für das ihn umgebende Kleid.

So leben die vierzehn Arbeiten von der ihnen innewohnende Bedeutungsdichte. Sie sind primär Gedächtnis des in Chile geschehenen Gräuels. Darüber hinaus verweisen sie „auf ein Allgemeines, im traurigsten Sinne. Denn auch für die jüngste Zeitgeschichte und die Gegenwart gilt, dass überall auf der Welt Menschen verschwinden, dass gefoltert und getötet wird [z.B. Syrien]. Den Prozess des Bewusstwerdens, der Trauer und der Heilung will Lilian Moreno Sánchez durch ihre Kunst befördern. Das Eigentümliche dabei ist, dass dies geschieht durch das Wunder schöner Bilder.“ (Petra Giloy-Hirtz in ihrem Beitrag „LEMA. Identität und Gedächtnis“ im Buch LEMA, Kunstverlag Josef Fink, 2014, S. 13)

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Den Tod im Nacken

Eine junge Frau kniet in sich zusammengesunken vor einem kleinen ovalen Spiegel. Die verschränkten Arme liegen auf dem runden Tisch auf, den Kopf hat sie vom Betrachter weggedreht. Sie ist nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet. Offenbar war sie gerade bei der Morgentoilette, als sie beim Blick in den Spiegel eine überraschende Entdeckung machte: in der Form eines Totenschädels saß ihr der Tod im Nacken.

Die Künstlerin Julia Krahn hat den Augen-Blick festgehalten, in dem die Frau sich vorsichtig vergewissert, ob der Tod ihr wirklich so nahe ist und dies auch bleibt. Kein Erschrecken ist an ihr festzustellen. Im Gegenteil scheint sie ruhig nachzudenken und sich die nächsten Schritte zu überlegen. Fragen wie diese könnten ihr durch den Kopf schießen: War er schon immer mein Begleiter? Wieso sehe ich ihn erst jetzt? Wird er mich mitnehmen? Ist jetzt meine letzte Stunde gekommen oder gibt er mir noch eine Gnadenzeit? Oder sitzt er nur stumm oben auf, um mir einen Schrecken einzujagen und ein bisschen Angst zu machen?

Gefasst schaut die junge Frau dem Tod in die leeren Augen. Nein, sie zeigt keine Angst, auch wenn sie zusammengekauert vor dem Spiegel kniet. Sie scheint ihn als ihren Begleiter angenommen zu haben und um die Vergänglichkeit ihrer Schönheit zu wissen. Anders als in vergleichbaren Vanitas-Darstellungen zeigt sie eine demütige Haltung. Auch wenn sie auf einem Sockel erhöht kniet, sind an ihr keine Eitelkeit und kein Stolz zu beobachten. Es ist vielmehr die Haltung des „Memento mori“ – Des Denkens an ihre Sterblichkeit.

Damit ist das Bild auch für uns ein Spiegelbild und eine Aufforderung zum Nachdenken über unsere eigene Einstellung zur Schönheit, Vergänglichkeit und Sterblichkeit unseres Körpers. Jedem von uns sitzt der Tod im Nacken. Jeden von uns mahnt er, umsichtig und barmherzig mit seinem Körper umzugehen. Er ist uns nur einmal geschenkt. Seine Unversehrtheit gehört zu den kostbarsten Dingen des Lebens. Deshalb ist wichtig, den Tod nicht im Nacken zu spüren, sondern ganz bewusst vor sich zu sehen.

Aufnahme in den Himmel

Die menschenähnliche Gestalt erinnert an Vielerlei. Sie lässt vor allem den Menschen dahinter suchen. Denn Größe und Gestalt stimmen mit einem Menschen überein, aber es sind nicht eindeutig Beine oder Arme auszumachen. Vielmehr fallen acht oder sind es gar neun blätter- oder flügelartige Ausformungen im Bereich des Oberkörpers auf. Zusammen mit dem spitz zulaufenden unteren Körperende verleihen sie der Gestalt etwas Schwebendes, das sowohl mit tierischen als auch himmlischen Wesen in Verbindung gebracht werden kann.

Auch das Material des Objektes verhüllt den Menschen viel mehr als es ihn enthüllt, vermitteln die Stoffbahnen doch den Eindruck einer mit Leinenbinden umwickelten Gestalt. So wie man es früher mit Verstorbenen gemacht hatte. Doch die geschwungenen Umrisse, die bewegten Ausformungen erzählen nicht von einer toten, sondern von einer lebenden Person. Hier liegt keine Mumie, sondern steht jemand, der dem Betrachter die Botschaft vom Leben verkündet.

Der Untertitel bringt das Kunstwerk in Verbindung mit Maria und den „sieben“ Schmerzen, die sie in Jesu Kindheit und bei seiner Passion mitdurchlitten hat.

1. Darstellung Jesu im Tempel mit Weissagung Simeons (Lk 2,34-35)
2. Flucht nach Ägypten vor dem Kindermörder Herodes (Mt 2,13-15)
3. Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,43-45)
4. Jesus begegnet seiner Mutter am Kreuzweg
5. Kreuzigung und Sterben Christi (Joh 19,17-39)
6. Kreuzabnahme / Beweinung Christi (Mt 27,57-59)
7. Grablegung Jesu (Joh 19,40-42)

In der Kunst wurden die sieben Schmerzen Mariens gerne mit Schwertern oder Messern dargestellt, die ihr Herz durchbohrten. Formal ist eine gewisse Ähnlichkeit durchaus gegeben, aber die Ausformungen weisen darüber hinaus. Der Schmerz und das Mitleiden sind wunderbar gewandelt worden in ein größeres Ganzes, so wie beim Schmetterling alle Mühen der Raupe in Anbetracht seiner neuen Lebensform und Schönheit in den Hintergrund treten. Diese Erfahrung dürfen auch wir Menschen glücklicherweise immer wieder – wenn auch leider nicht immer – machen. Diesbezüglich kann die Plastik über Maria hinaus jeden Menschen ansprechen und ihm Trost und Hoffnung schenken. Schmerz, Leid und Trauer nicht ewig, sondern werden einst gewandelt in himmlische Freude, wie es auch die Aufnahme Mariens in den Himmel vorbildhaft zum Ausdruck bringt.

Im gleichen Sinn lassen sich bei der beflügelten Gestalt auch trefflich die Worte Jesu aus der Bergpredigt hören und meditieren. Denn auch sie künden von einer unvorstellbaren Wandlung zum Guten, Ganzen, Vollendeten, welche eine endgültige Nähe zu Gott beinhalten.

Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.
(Mt 5,3-12)

Totentanz

Stramm steht es da, das weiße Skelett eines Menschen. Die Füße berühren sich wie in Habachtungstellung, die Arme liegen am Oberkörper an, der Kopf ist über die Schulter rechts nach hinten gedreht. Es steht auf einer silbergrauen Kreisfläche, oder besser gesagt es dreht sich leicht erhöht um seine eigene Achse (Video anschauen).

Die ruckartigen Bewegungen lassen alle Knochen zittern und das Skelett bescheiden tanzen. Runde um Runde, im Sekundentakt, Minute um Minute, Stunde um Stunde … ein einsamer Totentanz. Nicht nur dass der Kopf weggedreht ist, das Gesicht ist zudem mit einer Maske bedeckt. Die Identität dieses Toten bleibt damit verborgen, sein wahres Gesicht verhüllt.

Es stellt sich die Frage, ob hier einfach ein Menschenskelett oder der Tod selber dargestellt ist. Gegen den Gevatter Tod spricht, dass das Skelett keine Sense trägt. Aber aus der Kopfhaltung spricht Stolz. „Schaut nur, mir kann keiner etwas anhaben. Ich drehe mich unaufhörlich und werde jeden von euch zu seiner Zeit holen.“ Es sieht zwar aus, als schäme er sich, als würde er es nicht wagen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen in die Augen zu schauen. – Aber kommt der Tod nicht oft genug überraschend? Dazu würde auch die Totenmaske passen. Er kommt oft heimtückisch, unerwartet. – Aber der Tod mit einer Totenmaske?! Das macht ihn absurd! Und man ahnt: hinter dem Tod lauert der andere Tod!

Die Skulptur reiht sich in die vielen Vanitas-Darstellungen ein, die seit der Renaissance daran erinnern, dass unser Leben vergänglich und nichtig ist und wir keine Gewalt über das Leben haben. Schädel und Sanduhr waren in der Kunst dafür aussagekräftige Symbole. Die Zeit vergeht und entgleitet wie der Sand. Bei Hans Thomann stehen dafür das Skelett, seine Drehungen um sich selbst und im Sekundentakt unserer Uhren und Zeitmessung.

Doch die Frage bleibt, ob es sich bei diesem Totentanz nicht um mehr als den Tod oder ein Vanitas-Motiv handeln kann. In früheren Totentanzdarstellungen tanzte der Tod immer mit einem Menschen. Ein Zeichen, dass er ohne Rücksicht auf Rang, Alter oder Geschlecht alle Menschen oft mitten aus dem Leben zu sich holt. Hier tanzt der Tod allein. – Haben wir ihm mit unserer modernen Medizintechnik ein Schnippchen geschlagen?

Eine andere Sichtweise wäre, dass das tanzende Skelett möglicherweise gar nicht den Tod darstellt, sondern auf den Glauben vieler Religionen hinweist, dass die Verstorbenen nicht im Tod bleiben, sondern in einer für uns unsichtbaren Realität weiterleben. Denn wenn Tote tanzen, dann heißt das doch, dass sie leben, dass sie voller Lebensfreude sind. – Dreht das Skelett vielleicht deswegen den Kopf nach hinten, weil da eine größere Macht ist, die es hält? Eine Macht, die auch uns nach dem Tod, nach dem Zerfall bis auf die Knochen stehen, bestehen lässt, ja über die Zeit hinaus uns drehen, tanzen, freuen, leben lässt?

 

Im Sekundentakt zittern seine Glieder im Kreis
holt der Tod die Menschen aus dem irdischen Leben
entreißt er sie dem Kreislauf der Zeit
dem nie endenden menschlichen Taumel und Stressfaktor.

Doch was soll er mit all den Menschen nur machen
als sie – als Gottes Geschöpf – IHM weitergeben
damit ER allen Menschen
in seiner nie endenden Ruhe Frieden und ewiges Leben geben kann?

Video nochmals anschauen

Millionenfaches Leid

Durch konzentrisch angeordnete Kreuzreihen wird der Blick auf die liegende, erschlaffte Menschengestalt in der Bildmitte gelenkt. Sie ist heller als das ebenfalls schwarz-weiße Umfeld und anders strukturiert. Ihre Körperhaltung ist unnatürlich, weil sie im Schoß einer erst nach und nach erkennbaren Person liegt: Maria.

Der Leichnam Jesu liegt in ihren Schoß eingesenkt. Hier ist er Mensch geworden, hier trauert Maria um ihren Sohn und das Leben, das ihm genommen worden war. Jesu Kopf und Extremitäten hängen schwer nach unten. Und doch hält Maria ihn mühelos und wird nicht von ihm erdrückt. Sie hebt sich nur durch die feinere Struktur ihres Gewandes und die schwache Silhouette ihrer Gestalt vom Hintergrund ab. So tritt sie gegenüber Jesus zurück und verschwindet nahezu in den konzentrischen Kreisen aus Kreuzen, die von innen nach außen größer werden.

Es sind diese großen und kleinen Kreuze, die neben dem Leichnam Jesu und seiner Mutter Maria das Bild prägen. Nur auf dem Körper von Jesus sind die Kreuze schwarz auf hellem Hintergrund gestaltet. Alle anderen Flächen sind von weißen Kreuzen bedeckt. Wie ein Netz überspannen die digitalisierten Kreuzzeichen Michelangelos Pietà. Nur noch an den Körperhaltungen zu erkennen, ist sie durch die Kreuze verfremdet und in einen weiteren Kontext gestellt worden, um über das Einzelleid von Jesus und Maria hinauszuweisen. Sie erinnern an Soldatenfriedhöfe mit den endlosen Reihen mit weißen Kreuzen. Sie verdeutlichen das millionenfache Leid der Gefallenen und der Trauernden im 1. Weltkrieg, dessen Anfang sich am 28. Juli 2014 zum 100. Male jährte, sie sollen an die Millionen Gefallenen im 2. Weltkrieg erinnern, der mit dem Einmarsch der Nazis in Polen am 1. September vor 75 Jahren seinen katastrophalen Anfang nahm, an den Terroranschlag am 11. September 2001 auf die Twin Towers in New York, an das aktuelle Zeitgeschehen im Nahen Osten, in dem nicht enden wollende kriegerische Auseinandersetzungen millionenfaches Leid über die Bevölkerung bringen.

Die konzentrisch angeordneten Kreuze bilden keinen Heiligenschein, keine Verherrlichung leuchtet durch sie auf. Vielmehr ziehen sie in die Tiefe, so wie Leid und Tod Betroffenen wie Angehörigen den Boden unter den Füßen entzieht. Doch Maria mit Jesus auf dem Schoß befindet sich wie ein Pfropfen vor diesem Sog. Wie um weiteres Leid zu verhindern. Als Anhaltspunkt, Anker, Trost.

Die Muttergottes hält stellvertretend für alle Mütter ihren Sohn in den Armen. Oder anders gesagt, mit ihm hält sie auch alle anderen gefallenen Söhne und Töchter. Und sie trauert mit allen Müttern (und Vätern) um ihre getöteten Kinder. Auch wenn sie im Bild noch verhüllter erscheint als in der aus Marmor geschlagenen Pietà im Petersdom, ist sie die Mater dolorosa, die Schmerzensmutter, die mit allen leidet, die durch Krieg, Hunger, Krankheit oder welche Ungerechtigkeit auch immer ums Leben kamen.

Der Künstler Thomas Bayrle schreit dieses Leid förmlich in die Welt. Denn während die vatikanische Pietà 174 cm hoch und 195 cm breit ist, hat er seine Pietà aus Kreuzen doppelt so groß werden lassen. Alle Menschen sollen endlich sehen, was so unbegreiflich schwer zu fassen ist. Jeder soll in der erschlagenden Fülle an Kriegsbildern endlich aufmerken … und sein Denken und Handeln überdenken … überlegen, was er dazu beitragen kann, damit das Leid ein Ende findet.

Sehnsucht der Seele

Zwei längliche Objekte stehen parallel nebeneinander. Sie sind von der Größe her ähnlich und geben sich doch ganz unterschiedlich. Während das linke Objekt als Behälter genutzt wird, erscheint das rechte verschlossen, unzugänglich, geheimnisvoll. Der kantige, dunkelgraue Quader aus Stahl wäre nur ein monolithischer Block, stände er nicht in Beziehung zu seinem linken Pendant und ließe sich daraus die Geschichte konstruieren, dass er als Deckel abgehoben und daneben abgesetzt wurde. Die kantige Spur in der Erde könnte daher rühren, dass er beim Öffnen kurz abgesetzt wurde und dabei einen bleibenden Eindruck in der Erde hinterließ. Merkwürdig ist allerdings, dass diese rechtwinklige Linie als feine Lichtspur die Erde zeichnet. Denn ein solches Phänomen kennen wir – abgesehen von Vulkanausbrüchen oder Lichtreflexen auf Wasseroberflächen – nicht in unseren Alltagserfahrungen. „Hier aber haben wir eine geradezu künstliche Spur von Licht, eine Art Riss in der Wirklichkeit, zugleich ein Freiraum …“ (Andreas Mertin in „Gegenüberstellung“, 2014, S. 90)

Dieser spannungsvolle Freiraum lädt ein, selbst nach Bedeutungen zu suchen, diesen „Riss in der Wirklichkeit“ zu nutzen, um zu hinterfragen und neue oder andere Welten kennenzulernen. Denn so sehr der rechte Quader verbirgt, offenbart der linke Kasten. Der Kontrast zwischen den beiden Objekten verstärkt und fördert diese Bewegung. Das Spiel mit den Texturen regt an, haptisch zu begreifen und mit allen Sinnen zu erfahren: Das dunkle, glatte, stahlharte Metall auf der einen Seite, die warme, körnige, griffige Erde mit der Lichtspur auf der anderen Seite.

Werden hier nicht Tod und Leben thematisiert? Haben die beiden Quader nicht menschenähnliche Dimensionen? Erinnern sie durch ihre Kastenform nicht an Särge, in denen wir unsere Lieben begraben, der Mutter Erde zurückgeben? – Die Erde im Behälter mag erstaunen, erinnert aber, dass wir aus „Staub sind und zu Staub zurückkehren“. Sie symbolisiert unsere Vergänglichkeit, aber auch unsere Fruchtbarkeit und das Potential, das in uns steckt. Vor allem das Potential, Licht zu werden.

Die feine Lichtspur signalisiert, dass wir es in unserem Innern schon sind. Aber dieses ungeschaffene Licht ist unter einer irdischen Hülle verborgen. Die gute Nachricht: Es ist nicht unzugänglich weggesperrt, wie es der rechte Block suggerieren könnte, sondern wird schon durch geringe Veränderungen, oft sind es gerade Verletzungen, zugänglich und sichtbar. Die feine Lichtspur sagt damit: In dir steckt mehr! Ihre leichte Hakenform: Das ist gut so! Du musst dich nicht verstecken!

Die Lichtlinie offenbart damit und verweist auf eine immaterielle Gegenwart in allem Geschaffenen. Sie vermag die Seele anzudeuten und ihre Sehnsucht, im Leben Licht zu werden und nach dem Tod ins ewige Licht einzugehen. Damit deutet sie auch Gottes Gegenwart in uns an, die Quelle und das Ziel unserer Sehnsucht.

Diese Arbeit ist abgebildet in: Gegenüberstellung – Brücke zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem und wird von Andreas Mertin auf den Seiten 90-92 hervorragend beschrieben und gedeutet. Das Buch wurde herausgegeben vom Bischöflichen Ordinariat Regensburg anlässlich der Ausstellungen zum 99. Deutschen Katholikentag 2014 in Regensburg. Erschienen bei Schnell & Steiner Regensburg, 112 Seiten, 88 farbige Illustrationen, 21 x 26 cm, Hardcover, ISBN: 978-3-7954-2895-2, 19,95 Euro

Das unsichtbare Kreuz

Zwei Paar Schuhe befinden sich in einer Metallbox mit Glasabdeckung. Es sind schwarze Herren-Halbschuhe, die Oberfläche des Glattleders glänzt und die Schnürsenkel sind gebunden. Sie stehen bzw. hängen auf dem grauschwarzen Mittelfeld eines sonst weißen Hintergrundes. Es ist keine Befestigung auszumachen. Die Drähte, welche die Schuhe mitten in der Einstiegsöffnung und vor dem Absatz umwickeln, halten farbige Glassteine in den Schuhen.

Die vier Lederschuhe „stehen“ ordentlich im Zentrum des Objekts. Ordentlich bedeutet in diesem Fall, dass sie vertikal ausgerichtet sind, paarweise übereinander stehen, zwischen dem linken und dem rechten Schuh jeweils gut eine halbe Schuhbreite Abstand. Alle Freiflächen stehen zueinander in einer harmonischen Beziehung.

Den Hintergrund oder aus anderer Sicht die Grundlage bildet ein teilweise mit grauschwarzer Farbe bedecktes Büttenpapier. Es ist schwer zu erkennen, ob die Farbe ausgegossen oder aufgemalt wurde. Unten rechts lassen helle Bereiche Spuren eines Pinsels vermuten. Auf den weißen Flächen verteilte Farbtupfer und –spritzer suggerieren eine spontane Arbeitsweise.

Man kann die dunkle Fläche einfach als abstrakte Form stehen lassen. Assoziativ lassen die Konturen aber auch einen weiblichen Torso von der Seite sehen, bei dem der Hals spitz zuläuft. Der einzige weiße Punkt in der Spitze des Farbkörpers ermöglicht zudem eine weitere Sichtweise. Das kleine weiße Rund ist eine Aussparung von Farbe und wirkt wie ein Loch, an dem der schwarzgraue Farbkörper wie ein Stück Schlachtfleisch im Raum aufgehängt ist.

Diese Beobachtungen und Gedanken mögen verstören und skandalös wirken. Denn es sind Männerschuhe auf einer Frauensilhouette. Es sind mit Steinen beschwerte Schuhe, die ein stilisiertes Stück Fleisch treten, das getötetes Leben bedeutet, ein enthauptetes, gehängtes Lebewesen. Unter der ästhetischen Schönheit der Arbeit verbergen sich tatsächlich grausame Beziehungen und Machenschaften, die unzähliges und unsägliches Leid im zwischenmenschlichen Bereich wie im Umgang mit anderen Lebewesen anprangern.

Unbarmherzig stellt der Künstler mit seinem Objekt die barbarische Seite vieler Männer wie in einem Schaufenster zur Schau . Die schwarzen Lederschuhe deuten auf diejenigen, die sie normalerweise tragen. Es ist typisch, dass diese Männer nicht sichtbar sind, denn sie verheimlichen ihre Machenschaften gerne. Stehen sie doch oft im Gegensatz zu dem, was sie vorgeben zu tun und zu sein. Die farbigen Glasbrocken mögen Symbole für alles sein, das sie sich selbst (in die Taschen) oder gegenseitig in die Schuhe schieben, um sich damit zu bereichern oder zu entlasten.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Kreuz, das sich aus den horizontalen und vertikalen Abständen der Schuhe ergibt, ein unsichtbares Kreuz bleibt. Mit seinem Tod am Kreuz hat sich Jesus mitten in das Leid dieser Welt hineinbegeben, um das Leid aller Menschen und aller Zeiten, um das Leid der ganzen Schöpfung von innen heraus zu umfassen und durch seinen Tod zu sühnen. Durch Jesus ist Gott gerade im Leidenden bleibend gegenwärtig, in dem, der seine Schmerzen und sein Leid oft in großer Einsamkeit und bis zum Tod ertragen muss.

Das Kreuz ist unsichtbar. Aber es ist geistig wahrnehmbar. Gott sei Dank ist es da. Gott sei Dank ist GOTT da. Still und leise, aber machtvoll.

Unliebsame Gesellschaft

Unsicher steht die Frau in der Bildmitte. Ihre nackten Füße sind nach innen gewendet, ihre dünnen Arme hängen kraftlos am Körper, ein einfaches Kleid bedeckt sie notdürftig. Ihr Kopf ist als Schädel wiedergegeben, an dem einige schüttere Haare übriggeblieben sind. Der Kopf wird leicht von der Seite gezeigt, so dass die tiefschwarzen Augenhöhlen sie nach rechts blicken lassen. Ihr Mund scheint geschminkt, über die rechte Wange ziehen sich Risse.

Im Bezug zum Bildformat erscheint sie schwebend, haltlos, hängend. Der Eindruck ergibt sich aus dem undefinierten weißen Hintergrund und dem Umstand, dass ihr Kopf vom oberen Bildrand angeschnitten wird.

Wer ist diese Frau? Was können die beschriebenen Beobachtungen über sie aussagen? Sicher ist, dass sie den Boden unter den Füßen verloren hat und sich in einem Zustand des Übergangs befindet. Die geschminkten Lippen lassen vermuten, dass sie auf ihr Aussehen Wert gelegt hat. Die körperliche Erscheinung und das einfache Kleid deuten zudem auf eine jüngere Frau hin.

Verloren steht sie zwischen zwei dunklen Gestalten. Ihre Köpfe weisen sie als Boten des Todes aus. Der linke grinst, der rechte schaut nach unten. Ihre Körper werden durch waagrechte Stoffstreifen gebildet, die mit der Kleidstruktur der Frau korrespondieren. Sie haben keine Arme und Beine, keine Hände und Füße. Gespenstisch schweben sie im Raum, unheimlich flankieren sie die Frau in den besten Jahren. Es sieht aus, als würden sie sie verfolgen und bedrängen. Nun sind sie schon sehr nah. Gleich berühren sie sie. Im Vergleich zum hellen und detailliert wiedergegebenen Körper der Frau wirken sie wie Schatten. Wie bei Vogelscheuchen ist ihr „Gewand“ ausgefranst. Dadurch wirken sie ruhelos, vagabundenhaft, schwer fassbar.

Durch ihre kleinere Gestalt, die dunkle Wiedergabe und die nach außen gebogenen Formen wirken die beiden gespenstischen Todesboten wie Flügel. Schwarze Flügel, welche der Frau den Boden unter den Füßen entziehen, sie aus dieser irdisch materiellen Welt in eine immaterielle und zeitlose Welt überführen (siehe Hintergrund). Die Verwandlung hat am Kopf schon angefangen, noch zeigt sich das Kleid durch seine waagrechte Zeichnung dem Irdischen verhaftet, doch nach und nach wird die Verwandlung den ganzen Körper erfassen

Das Bild wäre bedrückend, wenn nicht der helle Hintergrund wäre. Er gibt die Hoffnung wieder, dass der Tod nicht das Ende, sondern nur die Exekutive einer höheren Macht ist, der vorübergehende Begleiter in ein größeres und unbeschwerlicheres Danach. Für den Gläubigen hat „der zweite Tod“, der leibliche Tod seine Macht verloren. Er ist in der Taufe bereits mit Christus in den Tod begraben (vgl. Röm 6,3-5; Kol 2,12). Das ist der Grund, wieso Franziskus von Assisi den Tod als „Bruder“ bezeichnen und Gott dafür loben konnte.

„Herr, sei gelobt durch unsren Bruder Tod,
dem kein Mensch lebend je entrinnen kann.
Der zweite Tod tut uns kein Leid an.
Lobet und preiset den Herrn in Dankbarkeit,
und dienet ihm mit großer Demut.“

In Bezug auf das Bild bedeutet das, dass der Gläubige gerade in der Zeit, in dem symbolisch alle Farben in seinem Leben verblassen, in dem das Lebenskleid ausfranst und sich auflöst, letztlich der Lebensfaden abgeschnitten und das Lebenslicht erlischt, sich um so mehr an Gott festhält und darauf vertraut, dass ER ihm nach der Zeit des Übergangs neuen Boden unter den Füßen geben und in Seinem Licht das Leben in nie gekannter Fülle erleben lassen wird.

Ganzer Zyklus des Tailfinger Totentanzes sowie Bestellmöglichkeit des Katalogbuches zum Totentanz auf der Website des Künstlers

Das ganz Andere

Die Arbeit ist extrem schmal. Sie konzentriert sich auf die Vertikale, auf den langen und mit unendlich vielen Stacheln bewehrten Corpus, dem oben eine scheinbar natürliche Gesteinsformation entwächst. Darüber erhebt sich eine kleine runde vergoldete Scheibe. Die dreiteilige Skulptur erinnert von ihrem formalen Äußeren an ein Schwert. Und doch wollen die ungewöhnlich kombinierten Materialien nicht richtig dazu passen. Was können sie bedeuten?

Der lange Corpus hat etwas Unberührbares an sich. Er stammt von der „Madagaskar-Palme“, deren Stamm wie bei einem Kaktus mit Stacheln besetzt ist. Dadurch wird das Innere geschützt und verborgen gehalten. Gleichzeitig konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf den verhältnismäßig kleinen oberen Teil, der dem Innern zu entwachsen scheint. Oder bildet der unförmige Stein eher einen Pfropfen, der die Öffnung verschließen möchte? (Detailansicht)

Die rostbraune Oberfläche erinnert an sich zersetzendes Eisen, an Korrosion und Verwitterung, die dem scheinbar festen Stein zusetzen. Der Stein kann damit trotz seiner Härte gegen Verwitterung und Vergänglichkeit für langsamen Zerfall, für Krankheit, Vergänglichkeit und Tod stehen. Insofern zeigt dieses Element ähnliche Eigenschaften wie das stachelbewehrte Holz der Madagaskar-Palme, das sich auch groß und unangreifbar gibt und doch der Vergänglichkeit preisgegeben ist.

Im Verhältnis zur Skulptur klein, ja sehr klein, schwebt über dem stachelbewehrten Holz und dem verwitternden Stein die kleine goldene Scheibe. In ihrer goldenen Beschaffenheit, der glatten Oberfläche und dem perfekten Rund repräsentiert sie das ganz Andere in dieser Arbeit. Sie ist geradezu ein Fremdkörper.

Sie hebt sich ab vom Irdisch-Vergänglichen. Sie symbolisiert das unerwartet Neue, den Sieg über ein langes, aber dennoch der Verwitterung preisgegebenes Leben. Ein Leben, das von viel Sonne, aber auch vom Kampf um das lebensnotwendige Wasser gekennzeichnet ist.

So gibt sich die kleine goldene Schreibe gegenüber den matten Farben von Holz und Stein glänzend, perfekt und schön. Sie wirkt wie eine aufgehende Sonne, wie ein kleines Licht auf einer großen Kerze. Immer wieder schweift der Blick nach oben, geradezu ungläubig: Gehört das dazu? Kann dieses ganz Andere in dieser stacheligen Hülle bereits angelegt sein?

Wissen können wir es nicht, vielleicht erahnen, dass sich unser endliches Leben eines Tages aus Gnade in unendliches Leben wandelt. Derzeit bleibt das ewige Leben eine Verheißung, die uns wie die Krönung eines oft mühsamen Lebensweges mit vielen Entbehrungen vorkommt. Dass sich diese Verheißung erfüllt, darauf hoffen wir, daran glauben wir. – So klein dieses ganz Andere jetzt über dem Vergänglichen thront, einst wird es alles umfassen und mit seinem Glanz alles zur Vollendung führen.

Tod und Leben

Der Totenkopf ist wahrscheinlich das Erste, das wir beim Betrachten des Bildes erfassen. Mit großen runden, doch leeren Augenhöhlen „schaut“ er aus dem Bild heraus und grinst uns an. Sein Schädel ist aschgrau. Bezeichnenderweise ist er mit Kohle gezeichnet, einem pflanzlichen Material, das bereits einen Verwandlungsprozess durchgemacht hat. Auch formal wird die Vergänglichkeit sichtbar: Zum einen durch das fehlende bzw. wie ersetzte Stück Schädeldecke, zum anderen durch die Verformung zur rechten Bildecke hin.

Etwas kleiner, doch auch in rundlicher Form, ist dem Totenkopf auf der anderen Bildseite eine lichtgelbe Erscheinung mit feinen Zacken gegenübergestellt. Von ihrer Form her erinnert sie an eine Sonnenblume, von der Farbe her mehr an die Sonne selbst. Die hellgelbe Farbe wirkt kraftvoll und lichtdurchdrungen, der Pinselstrich bewegt. Somit stehen mit Sonne und Totenschädel Ursprung und Ende des Lebens einander gegenüber, Licht und Dunkelheit, Wärme und Kälte, unendliche Bewegung und Erstarrung.

Zwischen und über den beiden Bildprotagonisten befinden sich grüne Elemente auf schwarzem Untergrund. Zuerst scheinen sie einfach einen ornamentalen Hintergrund für diese Gegenüberstellung zu bilden. Doch mit der Zeit werden Assoziationen an ein Blätterwerk wach, erinnert die T-Form an einen Baum voller Blätter und Leben, ja lässt sich sogar ein Lebensbaum in symbolischer Kreuzform sehen. Noch einen Schritt weiter meint man den Gekreuzigten selbst zu erkennen, wie er mit weit ausgestreckten Armen schützend Sonne und Schädel umarmt und ihnen links und rechts von seinem Kreuz einen Platz gibt.

Damit wird der Lebensbaum zum zentralen und entscheidenden Bildelement. Flächenmäßig etwa gleich groß wie die Sonne und der Totenkopf, jedoch dunkler von der Gestalt her, verbindet er die beiden und gibt ihnen Halt. Dieses zum Lebensbaum erweckte Kreuz steht primär für Jesus Christus, der am Kreuz gestorben ist und dem vom Vater das neue, unvergängliche Leben geschenkt wurde. Gleichzeitig verweist das lebendige Kreuz auf das Paradies, auf den „Baum des Lebens“ in seiner Mitte (Gen 2,9).

Das Kreuz ist der neue Baum des Lebens und, wie die blauen Stellen im unteren Bereich andeuten, auch die Quelle ewigen Lebens. Aus der Seitenwunde von Jesus floss Wasser und Blut (Joh 19,34). Er selbst hat gesagt, „wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14)

Auch der Totenschädel darf in Verbindung mit dem Paradies gesehen werden. Am Fuße des Kreuzes bezieht er sich auf den alten Adam, durch den die Sünde in die Welt gekommen ist, während Jesus, der die Welt von der Sünde erlöst hat und das ewige Leben brachte, als neuer Adam bezeichnet wird.

So markant der Totenschädel also die menschliche Endlichkeit zur Sprache bringt, so erzählen das Kreuz und die Sonne von der Überwindung dieser Grenze. Die Künstlerin hat diesen Prozess nicht in Leserichtung, sondern von rechts nach links dargestellt. So ist es, als würde der Tod rückgängig gemacht. Jesu Tod und Auferstehung haben den Tod entmachtet und den Gläubigen unvergängliches, ewiges Leben geschenkt. Dafür stehen die Sonne und ihr Licht. Und sie erinnern jeden Tag neu: Auferstehung ist jetzt. Das Licht hat gesiegt, die Erstarrung ist vorbei! – LEBE!