Geheimnis des Glaubens

Die Zusammenschau der drei quadratischen Bilder lässt durch Ihre Heterogenität eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten zu. Denn das Grau der Steine und des Wasserglases oder das runde Element in jedem Bild vermögen Verbindungen zu schaffen und den “Trialog” zu beleben. Auf verschiedenen Ebenen entstehen Bezüge, die immer wieder um eine Dreiheit kreisen:

Allen drei Bildern geht es um Ausdehnung und um Irritation. Die Ausdehnung erfolgt um eine runde Mitte herum (auch beim Glas hat die nicht sichtbare Öffnung des Glases in etwa den gleichen Durchmesser wie die beiden zentralen Steine). Die verwendeten Primärfarben Gelb, Rot und Blau bilden die Basis für den ganzen Farbenkosmos. Von links oben bis zum unteren Bild ist zudem eine Steigerung zu beobachten. Während die goldgelben Samen, die auch Wachstum beinhalten, noch geschlossen daliegen, scheint die rote Farbe im zweiten Bild wie Feuer oder vergossenes Blut unter dem dunklen Stein hervorzuspritzen, um dann ganz rechts explosionsartig alles zu sprengen und jede feste Form hinter sich zu lassen bzw. in Seifenblasen eine temporäre Form einzunehmen. Letztere stehen im Gegensatz zu den Versteinerungen in den anderen beiden Bildern, die Überzeitliches versinnbildlichen.

Die Bildtitel zu den in einem trompe-d’oeil-haften Realismus gemalten Arbeiten legen einen Zusammenhang mit alchemistischem Denken nahe. Splendor solis lässt an das gleichnamige illustrierte alchemistische Manuskript aus dem 15. Jahrhundert denken, in dem es um die Herstellung und Wirkungsweise des Steines der Weisen geht. Mit Mercurius wird Quecksilber (keckes oder lebendiges Silber) bezeichnet, von dem angenommen wurde, dass es den flüssigen und festen Zustand überschreitet. Ob es sich bei dem Triptychon um eine Darstellung der Tria Prima der Alchemie handelt? In der Tria Prima beschreibt Paracelsus das Gesetz des Dreiecks: zwei Komponenten kommen zusammen, um eine dritte zu erzeugen. Grundlage sind bei ihm Schwefel, Salz und Merkur. Schwefel ist die Flüssigkeit, die das Hohe und das Niedrige verbindet. Salz gilt als Grundstoff, Merkur ist der allgegenwärtige Geist des Lebens.

Doch anstatt von Schwefel liegen Weizenkörner auf dem runden Stein, anstelle von Salz spritzt Blut über die quadratische Platte und statt Quecksilber schießt blasenbildendes Wasser in die Höhe. Diese Beobachtung und auch der zweite Bildtitel Salz der Erde, der in engem Bezug zu Jesus steht, sorgen für Irritation. Sind hier alchemistische Symbole weiterentwickelt worden und mit neuen Bedeutungen verbunden worden? Dann wäre eine christliche Interpretation der vielleicht unorthodoxen Darstellung von etwas Bekanntem gar nicht so abwegig. Vorzugsweise setzen wir unsere Betrachtung rechts oben fort.

Der viereckige Stein ist ein Symbol für die Erde. Mit Salz der Erde werden die Worte aus der Bergpredigt (Mt 5,13) angesprochen, mit denen Jesus auf die unabdingbare, verantwortungsvolle Aufgabe der Jünger in der Welt hinweist, Gutes zu bewirken, sich für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzusetzen – Licht der Welt zu sein. Jesus hat sein Leben bis in den Tod hinein dafür hingeben. Er ist DAS Salz der Erde, der mit seinem Leben und seinem Blut zur Vergebung des Unrechts an den Menschen neue Maßstäbe gesetzt hat. So kann das mittlere Bild als eine Art Kreuzigung gesehen werden: Gottes Sohn, erschlagen durch unsere Sünden. Sein Blut ist das Salz der Erde, das bewirken sollte, dass solches Unrecht nicht weiter geschieht. Er ist der Stein der Weisen, der in uns diesen Sinneswandel vollbringt und einen menschlichen Goldstandard etabliert wie es keine alchemistischen Wunder zustande bringen. Blut und Wein verweisen auf die Einsetzungsworte beim Abendmahl: „Trinkt alle daraus, das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,27f). Der perfekt runde Stein in der Mitte mag die göttliche Natur Jesu andeuten, die Zweiteilung mit der roten Farbe, dass er mit seinem Blut die gespaltene Erde/Materie versöhnt.

Der runde Stein – ohne Anfang und Ende – ist Symbol für die Unendlichkeit und für Gott. Mit seinen Versteinerungen ist er ein Urgestein. Die Weizenkörner sind im Licht und der Wärme der Sonne (Spendor solis = Pracht der Sonne/Sonnenglanz) gereift und als Goldkörner dargestellt. Mit dem Stein in der Mitte wird ihre nächste Wandlung zu Mehl angedeutet, aus dem dann Brot und andere Lebensmittel gemacht werden können. Entsprechend kann hier eine Allegorie Gott Vaters gesehen werden, der der Sonne ihre Pracht verliehen hat und uns das tägliche Brot schenkt.

Auf dem unteren Blatt wird alles Bisherige gesprengt und in eine neue Daseinsform überführt, der etwas für uns Menschen Unfassbares anhaftet. Das versteinerte Wasserglas birst und das Wasser sucht sich nicht den bekannten Weg der Schwerkraft, sondern breitet sich überraschenderweise wie eine in die Freiheit entlassene Materie nach oben aus, die dabei noch fröhliche Luftblasen bildet. Merkur bzw. Hermes war in der griechischen Mythologie der geflügelte Götterbote, der Überbringer von Botschaften. Im christlichen Glauben wird die unsichtbare göttliche Kraft dem Heiligen Geist zugeordnet, der kreativ in der ganzen Schöpfung am Wirken ist: unsichtbar, geheimnisvoll, wunderbar, lebendig.

So liegt die Vermutung nahe, dass Manfred Scharpf in diesem Triptychon über die alchemistische Tria prima hinaus die grundlegende und alles umfassende „Tria prima“ des christlichen Glaubens allegorisch gemalt hat: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Oder anders betrachtet: Das mystische Geheimnis der beiden Hauptsakramente Taufe und Abendmahl (Brot und Wein).

Stille

 

„Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. […] Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. […] Dann sprach Gott: Es werde ein Gewölbe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser. Gott machte das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. Und so geschah es. […] Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.“ (Gen 1,1.3-4a,6-7,9-10)

Wie in den ersten Zeilen der Bibel aufgezählt finden sich auch im Bild Licht, Himmel, Wasser, Meer und Land in betörender Einfachheit. Eine traumhaft schöne und menschenleere Meereslandschaft breitet sich vor dem Betrachter aus. Der unberührte weiße Sand auf der rechten Seite und der brandungslose Übergang zum Meer vermitteln eine große Ruhe, ja Frieden. Bei dem strahlend blauen Himmel und der klaren Sicht kann der Blick fast unendlich weit schweifen. Am Horizont lässt sich in der nach rechts auslaufenden blauen Linie sogar die Erdrundung erahnen.

Die paradiesische Schönheit ist fast zu schön, um wahr zu sein. Himmel und Erde ergänzen sich in gleichwertigen Dimensionen. Das auf der Wasseroberfläche changierende Licht gestaltet einen fließenden Übergang zwischen Wasser und Land und lässt uns gerade darin das spiegelnde Himmelsblau sehen. In der Vertikalen korrespondiert die Aufhellung des Himmels mit den weißen Sandpartien. Durch die Abwesenheit der Sonne, jeglicher Lebewesen und Wasserbewegungen sowie durch das spannungsfreie und damit entspannte Miteinander der verschiedenen Landschaftskomponenten liegt eine große Stille über dem Meerhimmelland von Manfred Koch.

So lädt das Bild zum Inne-Halten und Still-Werden ein. Mit seiner atemberaubenden Schönheit reißt es den Betrachter aus der Atemlosigkeit unserer beschleunigten Zeit heraus in die Slow Motion und von da aus in den Still-Stand des bewundernden Staunens, der Kontemplation. Ohne Ablenkung kann die Stille wahr-genommen werden und die stille Erhabenheit des Seins wieder gespürt und erlebt werden: Das Da-Sein ohne Aktivität, ohne etwas tun oder bewegen zu müssen.

Und vielleicht sehen wir dann – im Einklang mit Gott – dass die Schöpfung gut ist, so wie sie ist!

weitere Bilder von Manfred Koch

Die Fotoarbeiten von Manfred Koch waren 2020 im Donau-Einkaufszentrum Regensburg ausgestellt. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: ÜBERGANGENES | MEERHIMMELLAND, hrsg. von den Kunstsammlungen des Bistums Regensburg im Erich Weiß Verlag Bamberg. 100 Seiten mit 85 Fotografien und Texten von M. Baumann, R. Feiter, I. Schönwald, M. Liebel, R. Goretzki, B. Hauser. Der Katalog kostet 15 EURO und kann direkt über den Verlag bezogen werden.

Lebendiges Wasser

Quirlig fällt Wasser von oben durch die Bilddiagonale ins Blickfeld hinein. Links unten schlägt es spritzend auf einer bewegten Wasseroberfläche auf. Vor dem schwarzen Hintergrund tanzen die Wassertropfen und -spritzer wie eine zeit- und ortlose Lichterscheinung auf dem durch Lichtreflexe aus der Dunkelheit hervortretenden Grund.

Das fallende Wasser ist eine Momentaufnahme von etwas Fließendem. Das Foto zeigt einen normalerweise nicht fixierbaren Augenblick in seiner Einzigartigkeit. Es zeigt einen unsichtbaren Ausschnitt des Lebens, wie ihn nur eine fotografische Aufnahme mit ganz kurzer Belichtungszeit einfangen und festhalten kann. Eine minimale Momentaufnahme – vergleichbar mit einem Film-Still, dem Einzelbild aus einem Film – das Wesentliches des Großen und Ganzen sichtbar macht. Umso mehr als es sich um einen sich wiederholenden Bewegungsablauf handelt.

Die Reduzierung auf das spielerisch herabtanzende Wasser verleiht dem Schwarzweißfoto eine Faszination und Ausstrahlung, die über sich hinausweist. Das Wasser als Lebensquell und Lebensträger wird spürbar, seine bewässernde, erfüllende und erfrischende Kraft. Gleich einem Gnadenstrom durchbricht es die Dunkelheit, bricht sie auf und lässt sie wie Erde fruchtbar werden.

Das Wasser bringt Bewegung und Licht ins Dunkel. Der lockere und leuchtende Wasserfluss transportiert eine heitere Freude und Begeisterung. Er verbindet den unsichtbaren Schöpfer und Spender des Wassers mit allen Kreaturen der Schöpfung, die des Wassers für den Erhalt ihres Lebens bedürfen. Voller Leben plätschert das Wasser sanft auf dessen harte und kantige Oberfläche der Wasserwoge unten im Bild, wie vor Freude hell aufspritzend, um dann in das große Wasser einzutauchen und sich mit ihm vermischend zu erneuern.

Die Lebendigkeit des Wassers lässt an die Worte Jesu vom „lebendigen Wasser“ denken, die er zur Frau am Jakobsbrunnen sprach:  „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. … Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.“ (Joh 4,13-14) Jesus braucht kein Schöpfgefäß, weil er selbst die Quelle des Lebens ist. Wer an ihn glaubt, trinkt davon und wird von „Strömen lebendigen Wassers“ erfüllt werden, dem Heiligen Geist (vgl. Joh 7,37-39).

Inspiration und Begeisterung erhalten im lichten Wasserfall ein symbolisches Gesicht. Erleuchtung in der Tiefe der Seele, in der es vielleicht so dunkel ist wie am Grund eines tiefen Brunnens. Licht und Wasser von oben, die neuen Lebensatem einhauchen und in der erneuerten Verbundenheit mit Gott der Seele neue Kraft schenken. Dem Gläubigen wird ein Gnadenstrom der göttlichen Geisteskraft zuteil, der unendlich fließt, um das Leben schöpferisch kreativ zu gestalten.

Lebendiges Wasser – in jeder Beziehung eine himmlische Kostbarkeit!

Das besprochene Bild ist aktuell bis 31.10.20 zu sehen in derSchöpfergeist+Meisterwerk“-Foto-Ausstellung im Terassensalon der Residenzgalerie, DomQuartier Salzburg

Leben pur

Auf einem welligen Grund schlängeln sich Linien hin und her. Mal bewegen sie sich als hervorgehobene Streifen über die Oberfläche, mal sind sie als Vertiefungen in die Oberfläche gearbeitet. So fließen die Bänder in einem endlosen Fluss von links oben nach rechts unten diagonal durch das Kunstwerk. Lustig mäandriert der Wasserlauf vor sich hin, überschneiden und unterlaufen sich Linien, begegnen und verschränken sich, um dann wieder auseinanderzugehen und den eigenen Weg zu finden. Quirlig verspielt fließt das Wasser, das es offensichtlich abbildet. Es ist ein lebensfrohes Miteinander voller Bewegung. Alles ist im Fluss, nirgendwo ist eine Behinderung ersichtlich. “Panta rhei”, alles fließt (Heraklit).

Wie die Betrachtung eines Bergbaches ermöglicht auch dieses Relief das Nachdenken über den Fluss des Lebens. Vom ersten bis zum letzten Herzschlag bedeutet Leben ein unentwegtes In-Bewegung-Sein. Das Leben gleicht offensichtlich keiner geraden Linie, die man übersichtlich abschreiten könnte, sondern vielmehr einem Schlängelpfad mit unvorhersehbaren Wendungen und Überraschungen. Das Leben ist ein großes Miteinander voller Begegnungen und Verflechtungen.

Das Relief zeigt ein idealisiertes Bild des Lebens, einen Ausschnitt oder eine Momentaufnahme von großer Schönheit und Harmonie. Wir alle wissen, dass es nicht immer so ist.

Aus der Beschäftigung mit dem Wasser und der Auseinandersetzung mit dem Lauf und der Bewegung des Wassers sind bei der Künstlerin sieben Reliefs entstanden. Dabei ist sie nicht nur neben den Flüssen hergelaufen, sondern hat sich mental in sie hineinbegeben, ist geschwommen, „flüssig geworden, um den Fluss zu fühlen“. Daraus ist der Titel „SWIM“ für die außerordentlichen Reliefs entstanden, die über den Lauf des Wassers hinaus Wesentliches unseres eigenen Lebens thematisieren. In der gleichzeitigen Betrachtung von Fluss und Mensch verdeutlichen sie zudem die vielfältige Bedeutung des Wassers für unser Leben. Die Reliefs erzählen vom Durst nach Wasser, wie Wasser den Boden unsicher macht, einem den sicheren Stand nehmen kann und zum Schwimmen zwingt. Sie erzählen von Verengungen, durch die man hindurchgeschleust wird, von Wasserfällen, über die es hinuntergeht, von Stürmen, die Unruhe ins Wasser des Lebens bringen. Und in einem letzten Relief wird mit einem Kreissymbol die Sehnsucht visualisiert, „man könne einen Mittelpunkt erreichen! Aber der Fluss erreicht sein Ziel erst, wenn er im Meer ankommt. Er verschwindet in dieser enormen Oberfläche. Und da ist wohl der Mittelpunkt; man berührt ihn, aber er hat keine Dauer. Er ist da und dort und wieder da. Er bewegt sich. Er ist lebendig wie wir selbst.“ (Maja Thommen)

Fußabdruck

Am Boden einer scheinbar mit Wasser gefüllten Emaille-Schüssel sind zwei Fußabdrücke zu sehen. Es ist, als hätte jemand beim Waschen der Füße einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Als wolle er für alle Zeiten sagen: Tretet in meine Fußstapfen, macht es genauso. Doch haltet euch nicht nur selbst rein, sondern wascht einander die Füße! So hat Jesus seinen Jüngern nach dem letzten Abendmahl die Füße gewaschen und Ihnen gesagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,15)

Außer der Fußwaschung erinnert der Fußabdruck in der Schüssel an Jesu Gang über das Wasser. Er hat damals keine materiellen Fußspuren hinterlassen,  aber Spuren allemal. Manch einer mag vielleicht auch an Darstellungen der Fußabdrücke bei Christi Himmelfahrt denken, die zum Ausdruck brachten, dass er als Mensch auf der Erde lebte, doch nach seiner Auferstehung von den Toten zu seinem himmlischen Vater zurückkehrte.

Doch so wenig wie beim Gang über das Wasser oder bei der Himmelfahrt entsteht beim Waschen von Füßen ein Fußabdruck. Wäre dem so, würde es an ein Wunder grenzen. Ein normaler „Fußabdruck“ im Wasser wäre z. B. von Schmutzpartikeln getrübtes Wasser. Eindrücke wie in der vorliegenden Arbeit entstehen in der Regel nur in weichem, formbarem Material. Hier hat die Künstlerin zwei Füße in kaltgeformte Glaspaste (Pâte de Verre) gedrückt und diese anschließend im Ofen unter starker Hitze zum Schmelzen gebracht, so dass sie transparent wurde.

Letztlich hat das Schmelzen der Glaspaste diese erst transparent und damit die Fußabdrücke wieder sichtbar werden lassen. Wie oft denken wir, dass wir durch unser Tun und Leben kaum Spuren hinterlassen. Am Aschermittwoch werden wir mit einem Aschekreuz daran erinnert, dass wir eines Tages zu Staub zurückkehren werden. Der Fußabdruck in der Waschschüssel erinnert uns auch, dass wir mit allem, was wir tun, einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Was wir essen, wie wir wohnen und leben, wohin wir mit welchem Transportmittel fahren, wie viel Infrastruktur wir brauchen. All das bindet Ressourcen und hinterlässt umweltbelastende Spuren und Materialien.

Jesus ruft die Menschen in seinen Predigten immer wieder zur Umkehr und zum Glauben an das Evangelium auf. Er ruft uns auf ganz unterschiedliche Art und Weise in seine Nachfolge, damit  wir „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Umkehr bedeutet nach der Fußwaschung sich gering achten, den anderen zu sehen und ihm Gutes zu tun. Dazu gehört auch die Bewahrung der Schöpfung, damit dem Nächsten und seinen Nachkommen genügend reine und unverfälschte Ressourcen zum Leben zur Verfügung stehen.

Wenn das Wasser so verschmutzt ist, dass es nicht mehr zum Trinken verwendet werden kann, geschweige denn beim Waschen sauber oder rein macht, dann wird es zu spät für eine Umkehr sein. In abgewandelter Form könnten die Worte aus der Aschermittwochliturgie lauten: Bedenke Mensch, wo du hintrittst und welche Zerstörung du hinterlässt!

Die Arbeit von Ilka Raupach war für den Kunstpreis der Erzdiözese Freiburg 2019 nominiert und im Rahmen der Ausstellung WAS IST WAHR an verschiedenen Orten Deutschlands zu sehen (siehe Ausstellungshinweise). Der Katalog zum Kunstpreis ist beim Mondo Verlag erhältlich.

Inneres Schauen

Ein Junge liegt mit geschlossenen Augen und hinter dem Kopf verschränkten Armen auf einem Surfbrett. Hinter ihm strömt ein Bachlauf diagonal durchs Bild. Sein Wasser lässt die Ufervegetation auf dem rötlichen Wüstenboden wachsen und grünen.

Der Junge auf dem Surfbrett und die Landschaft wollen nicht so wirklich zusammenpassen. Da ist wohl Wasser, aber der Wasserlauf ist viel zu schmal. Der Junge ist frontal gemalt, wie senkrecht stehend, während der Fluss eine Draufsicht darstellt. Dadurch scheint der Junge hoch oben über einem tief unter ihm liegenden Fluss zu schweben. Diese Perspektive deutet an, dass der Wasserstrom nicht nur unter ihm durchfließt, sondern auch durch ihn hindurchfließt, seine Gedanken mitreißt und abheben lässt in ferne Welten.

Das Surfbrett und das Wasser inspirieren ihn zu gedanklichen Reisen und Abenteuern, zu einem grenzenlosen Surfen durch die Welten der Fantasie und der Träume. Entspannt liegt er da, in sich gekehrt, hochkonzentriert auf das, was er in seinem Innern sieht. Dadurch sieht er gerade nicht wie ein Träumer aus, der der Realität zu entfliehen versucht. Vielmehr scheint er sehen zu wollen, was aus der Tiefe seines Lebens für Sehnsüchte, Wünsche und Botschaften aufsteigen, damit er ihnen nachgehen, sie verwirklichen und erleben kann.

Wie wichtig Träume als Ort der Offenbarung sein können, hat schon Jakob in Bet-El erlebt, als er im Schlaf den Himmel offen sah, Engel, die auf- und niederstiegen und Gott zu sich sprechen hörte (Gen 28,11-17). Auch sein Sohn Josef (Gen 37,5-8) und Josef, der Verlobte von Maria (Mt 1,20; 2,13; 2,19), durften wiederholt die Erfahrung machen, dass Gott im Traum  zeigte, was er mit ihnen vorhatte. Auf die göttliche Offenbarung spielt auch das Surfbrett an, das mit seiner Form eine Mandorla andeutet und damit auf die Herrlichkeit und die Heilkraft Gottes zu verweisen vermag. Seine kraftvolle orange Farbe verbindet sich zudem mit dem gleichfarbigen Boden und lädt ihn gleichsam mit Energie auf. Dadurch erhält der unfruchtbare Wüstenboden etwas Göttliches als auch ein unerschöpfliches Potential. Als Komplementärfarbe von Blau ergänzt es dieses zu einem Ganzen: Gott offenbart sich ebenso in der Wüste wie im Wasser, in der Stille der Träume ebenso wie im Surfabenteuer auf den Wellen des Urlaubs oder des Alltags. Gott führt zusammen, damit alle ihre Aufgabe erfüllen können. So ergeben auch die Ellbogen und die Spitze des Surfbretts “zufällig” die obere Hälfte eines Sterns und weisen unauffällig darauf hin, dass sich Sternstunden der außerordentlichen Nähe Gottes überall ereignen können.

Letztlich lädt der Junge zur Kontemplation ein, zur Einkehr in der Stille. Er lädt zum Verweilen bei Gott ein, zur inneren Schau des göttlichen Plans für mich, meiner einzigartigen Berufung in der Fortsetzung seiner Schöpfung und der Führung seines Volkes. Die Begegnung mit Gott kann auf einem Surfbrett stattfinden. Letztlich kann aber jeder Ort der Stille ein Sprungbrett zu IHM und weiter in die mir zugewiesene Wirklichkeit oder Aufgabe sein.

Bittere Wahrheit

Von weitem meint man ein kleines Aquarium vor sich zu haben, Algen, die im Wasser schwimmen, sich an festem Gestein festhalten. Doch was wie ein Stück heile Unterwasserwelt präsentiert wird, entpuppt sich beim Erkennen aller Details als eine Ansammlung von Abfall, als ein buntes Arrangement unterschiedlichster Plastikteile.

Sie entstammen einer zufälligen „Müllsammlung“ zwischen zwitschernden Vögeln, die der Künstler letztes Jahr im Naturschutzgebiet „Pegwell Bay“ an der Küste Südost-Englands spontan bei einem Spaziergang gemacht hat. Auf eine naturwissenschaftliche Ausstellungspraxis verweisend nutzt er ein Präparateglas zur Präsentation. Er hat eingeschlossen, was in den Meeren frei herumschwimmt und sich über Jahrzehnte und -hunderte in kleinste Bestandteile zersetzt. Die konservatorische Funktion des Präparateglases spielt auf dieses lange Verweilen im Meer an. Die angedeutete Unterwasserpflanze referiert mit der Verwechslung der Tiere, im Plastik Nahrung zu finden. Die heruntergewürgten Plastikteile bleiben unverdaut in ihren Mägen liegen, verstopfen sie und lassen die Tiere qualvoll an Hunger sterben.

Die Arbeit hinterfragt unsere Verwendung von Plastik als universellem Kunststoff. Als Werkstoff, der fast alle Formen annehmen kann, relativ billig, leicht und langlebig ist. Die Arbeit ist nach Sagert „ein Objekt wissenschaftlicher Evidenz, durch welches dem Zustand der mit Plastik verschmutzen Strände eine Repräsentation im kollektiven Gedächtnis gegeben wird.“ Die Arbeit regt darüber hinaus zum Nachdenken über unseren Umgang mit Kunststoff und Plastik an.

Denn Plastik ist zwischenzeitlich allgegenwärtig. Wir benutzen ihn und entsorgen ihn an allen Ecken und Enden. Die größeren, kleineren und winzigen Plastikteile gelangen dadurch weltweit ins Wasser und den Lebenskreislauf, wo sie großen Schaden verursachen. Plastik ist längst ein globales Problem, bei dem Segen und Fluch sehr nahe beieinander liegen. Es ist so praktisch und anpassungsfähig, dass es nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist. Der vielgestaltige plastische Kunststoff hat unser Lebensumfeld in den letzten Jahrzehnten vollständig verändert. Dabei dringt er über die Nahrungsmittelkette und die Luftverschmutzung auch vermehrt in unsere Körper ein und verursacht Krankheiten. Plastik lässt sich in der heutigen Zeit kaum noch wegdenken oder begrenzen. Es hat längst zusammen mit anderen Faktoren eine beherrschende und bedrohliche Position eingenommen. Wir Menschen gehen immer noch zu leichtfertig mit diesem „Alleskönner-Material“ um, obwohl wir bereits wissen, dass die Folgen für alle Lebewesen schwerwiegend sein werden und uns alle teuer zu stehen kommen.

So gesehen ist die vorgestellte Arbeit ästhetisch viel zu schön. Das „Problem“ wurde handlich verpackt, eingesperrt und damit „besiegt“. Das Präparateglas ist fast zu niedlich, um die bittere Wahrheit zu vermitteln, dass der Plastikmüll längst außer Kontrolle geraten ist und wir die durch ihn angerichteten Schäden nicht mehr im Griff haben. Um richtig aufzurütteln, bräuchte es wahrscheinlich raumgreifende Installationen, bei denen die Besucher förmlich im Plastikmüll untergehen müssten, um seine Bedrohung angemessen wahrzunehmen.

Trotzdem wird ein Umdenken und Einsicht angeregt, die hoffentlich in eine Umkehr einmünden, in ein verändertes, verantwortungsvolles Handeln gegenüber unserer Umwelt und unseren Mitmenschen, das letztlich auch uns selbst zu Gute kommt. Dies könnte sich in einem sensibilisierten Umgang mit dem Werkstoff „Plastik“ zeigen, bei dem Plastik wo immer möglich vermieden und wo immer nötig sparsam mit ihm umgegangen und das Material danach ressourcenorientiert einer Wiederverwertung zugeführt wird. Der wegweisende Satz aus dem 3. Buch Mose (Lev 19,18)  „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, der auch von Jesus wiederholt aufgegriffen wurde, erhält dann eine ganz neue Dimension und Aktualität.

Endlose Bewegung

In farblichem Dreiklang fließen blaue, grüne und weiße Wellenbewegungen horizontal durch das Bild. Es hält eine Momentaufnehme fest, den Ausschnitt eines größeren Ganzen, von etwas örtlich und zeitlich Grenzenlosem oder Unendlichem. Die sanften Bewegungen erinnern bewegte See, sie eröffnen eine Vogelperspektive in die Weite einer immensen Hügellandschaft mit wechselnden Erhebungen und Niederungen. Darüber hinaus lassen die hellen Bereiche Luftströmungen spüren, den unsichtbaren Wind, der bewegt, kommt und davonzieht.

Im Bild ist ein stetes, wechselseitiges Auf und Ab zu sehen. Die Wasserwogen, Hügel oder Windstöße erzählen vom Atem der Natur, der sich im Wasser, auf dem Land wie in der Luft gleichermaßen in einem Auf und Ab zeigt, das dem Heben und Senken unseres Brustkorbes ähnlich ist.

Dieses unentwegte Auf und Ab mag andeuten, dass Leben bedeutet in Bewegung zu bleiben, nicht stehen bleiben zu können. Es spricht die unbedingte Offenheit für Veränderung an. Und doch geht aus dem Bild keine Unruhe hervor. Denn es sind kraftvolle und gleichmäßige Bewegungen, ruhige und beruhigende. Bei der Betrachtung spürt man auf einmal das eigene Ein- und Ausatmen. Und man merkt, dass man Teil eines unfassbar größeren Ganzen ist, das „genauso“ atmet und in Bewegung ist in seiner Lebendigkeit.

Und noch etwas Wunderbares wohnt diesem Bild inne. Je länger man es betrachtet, umso mehr lässt es einen zwei weitere Tiefendimensionen des Lebens spüren. Die unterste „Welle“ bildet so etwas wie einen klaren, nicht zu trübenden Grundstrom, der in der Tiefe einer jeden Existenz fließt und sie am Leben erhält. Die endlose Weite, die sich nach allen Seiten über das Bild hinaus in unsere Zeit und Welt ergießt, vermag hingegen die zeitliche Größe unseres Lebens anzusprechen. Denn trotz aller normalen körperlichen und geistigen Begrenzungen erscheinen uns das Leben und die Möglichkeiten, die es mit sich bringt, so lange grenzenlos, bis wir ernsthaft daran gehindert werden, diese Möglichkeiten wahrzunehmen.

Doch auch dann werden Lebensbewegung und -qualität nicht gemindert, nur gewandelt. Denn der christliche Glaube lässt über alle irdischen Grenzen, Behinderungen und Tode hinaus hoffen und vertraut darauf, dass das Leben durch die Größe Gottes auch nach dem irdischen Ende seinen Schwung und Atem nicht verliert. Die Verheißung geht sogar weit darüber hinaus: Das Leben wird durch die Liebe Gottes in ganz neue Dimensionen übergeführt. Dimensionen, die wie in unserem Bild, unsere Wahrnehmung und Vorstellung übersteigen, weil sie sich außerhalb unseres „irdischen Lebensrahmens“ befinden.

Vision des Himmels

Im Deckenspiegel der in der Mitte des 18. Jahrhunderts erbauten evangelischen Pfarrkirche in Seibelsdorf (Bayern) begegnen sich seit der umfangreichen Sanierung von 2008-2010 Rokoko und zeitgenössische Kunst (Ansicht 1, Ansicht 2). Die schwarzen 6 mm breiten Linien der Tuschzeichnung fügen sich harmonisch in das Licht- und Schattenspiel der sie umgebenden Stuckaturen ein. Nach den Regeln des Künstlers haben alle Linien eine ellipsoide Grundform. Sie berühren sich gegenseitig nicht und bilden auch keine Punkte. Mit ihren dynamischen Rundungen nehmen sie die Formensprache des Rokoko auf und führen sie thematisch in neue Dimensionen.

Während die Rundungen am Bilderrahmen dichter sind und dunkle Bereiche bilden, öffnen sie sich zur Mitte hin und geben Raum frei. Durch diese Strichführung erzeugt der Künstler die Wirkung einer Kuppel. So zieht es den Blick des Betrachters wie durch ein großes Auge hindurch in einen jenseitigen Raum mit unendlicher Höhe. Es öffnet sich ihm eine Vision des Überirischen und Transzendenten, die durch und über alles Dinghafte hinweg eine immaterielle Gegenwart in der Welt erahnen lässt (Großansicht).

Vier Säulen unterstreichen diese Bewegung nach oben und zur Mitte. Auf leichten Einwölbungen des Rahmens stehend, von Stuckelementen unterfangen, stemmen sie sich in eine Höhe, um eine mit Staubpartikeln versetzte Weite zu tragen. Durch die geschickte Linienführung entsteht nicht der Eindruck, dass diese zentrale Gegenwart leicht wäre oder die Säulen ins Nichts hinausgehen würden. Sie tragen vielmehr etwas unendlich Gewichtiges und Erhabenes.

Die vier Säulen werden von einem Linienmeer umwogt, das gleichzeitig Assoziationen an Flammen, Wasserwogen, Windwirbel und links auch an Pflanzen zulässt. Hier wird die Fülle des Lebens mit all seinen Bewegungen und Begegnungen angedeutet, so wie sie vom unsichtbaren Gott (vgl. Kol 1,15; 1 Tim 1,17) geschaffen wurde. Er thront über allem und ist gleichzeitig in allem (Eph 4,6) gegenwärtig. Ganz besonders in der Gemeinde, die sich unter diesem symbolträchtigen Bild versammelt.

Für sie ist diese große Deckenmalerei ein Blick in den Himmel. Sie soll erfahren, dass hier ein begnadeter Ort ist, ein Ort, an dem, wie bei der Taufe Jesu, der Himmel offen steht (Mt 3,16; Mk 1,10; Lk 3,21) und intensivste Gottesbegegnung und -gemeinschaft möglich ist. Gottesbegegnung wie sie der Prophet Elija am Berg Horeb machen durfte, in der er Gott nicht in machtvollen Kundgebungen erfuhr, sondern im kaum wahrnehmbaren Säuseln des Windes: „Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.“ (1 Könige 19,11-13)

Gerhard Mayer wurde am 5. Oktober 2011 für diese Arbeit der Kunstpreis der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 2011 verliehen.

Link zum Pressartikel von BR-online

Warten auf den Aufbruch

Ausnahmsweise finden wir keine mächtige Leuchtgestalt oder einen beschützenden Engel vor. Klein und beinahe verloren kauert er auf der Kante eines Bootes, das im Vergleich zu den anderen kleineren Booten wie ein Luftschiff in großer Höhe anmutet. So wie das Boot perspektivisch von oben gezeigt wird, müsste der Engel eigentlich seitlich herunterfallen. Doch er sitzt mit seinen angezogenen Beinen seelenruhig da und schaut von seinem „Adlerhorst“ auf das Wasser unter ihm.

Wartend, die ungewöhnlichen Zeichen beobachtend: den das Bild horizontal durchquerenden Fischzug, der in das weite Meer aufgebrochen ist, rechwinklig dazu den mit Wassertropfen angedeuteten Regen, der aus einer prall gefüllten Wolke senkrecht durch das Bild ins Boot am unteren Bildrand fällt. „Tauet Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten“, kommt einem unwillkürlich in den Sinn. Gottes Verheißung, einen Retter zu senden, scheint nicht mehr weit von seiner Erfüllung entfernt zu sein. Es lohnt, sich vorzubereiten und Zeit zu nehmen, um das Kommen des Herrn nicht zu verpassen. Auch in der Nacht, denn man weiß nicht, zu welcher Uhrzeit er kommen wird.

Dem Engel gegenüber taucht das Segment eines großen Kreises auf mit labyrinthähnlichem Muster, das an eine Stadt erinnert, gleichzeitig den Verlötungen auf elektronischen Schalttafeln gleicht. Ob es als Symbol für den unermesslich großen Gott gedeutet werden darf, dessen Gedanken unserem Verständnis und unserer Einsicht verborgen sind? Der Ausschnitt dieses unerhört Anderen und Größeren strahlt ein Geheimnis aus, aber auch kommunikative Nähe. Dadurch geschieht etwas, scheint ein fruchtbarer Aufbruch stattzufinden, der das Eis teilt und schmelzen lässt. Der von diesem Aufbruch ausgehende Strom wird mit den vielen Fischen voller Leben gezeigt. Bereits erscheinen die Silhouetten von Häusern und Bäumen beidseits dieses Flusses, als wollten sie auf das paradiesische Bild anspielen, das dem Propheten Ezechiel (47,1-12) gezeigt wurde: auf den vom Tempel ausgehenden Strom, der immer mächtiger wurde. Und Gott erklärte ihm:„“Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden (die Fluten) gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ (V 8) Das Wasser macht auch das salzige Wasser gesund, ebenso werden an seinen Ufern Bäume wachsen, die nie ohne Früchte sein werden und deren Blätter nicht verwelken, sondern als Heilmittel dienen.

Hier wird endzeitliches, göttliches Heil im Aufbruch gezeigt. Gott ist dabei, einzugreifen, sich den Menschen sehr nahe zu zeigen. Und überall Boote, auch auf den Flügeln des Engels. Ein augenzwinkerndes Wortspiel mit Bote und Booten? Die Boote sind leer, als wollten sie bestiegen werden. Sie verheißen keinen sicheren Untergrund, verlangen Geschicklichkeit und Vertrauen. Wer die Bootsfahrt wagt, wird sich auf die Strömung einlassen müssen, setzt sich dem Wind und dem Wetter aus. Die Boote sind nicht größer als Nussschalen. – Ob solch ein Wagnis nicht zu gefährlich ist? Kann ER genug Sicherheit geben? Noch ankern die Bootspaare allein auf dem Wasser. Die Flügel des Engels könnten aber andeuten, wie schnell die Wasseroberfläche mit Booten bedeckt sein könnte, wenn alle sich aufmachen würden auf das Wasser des Lebens.

Eine doppelte Erfahrung würde sie begleiten. Erstens, dass sie im Wagnis, Gott zu glauben, getragen werden. Getragen von Gott selbst, der sich als Quelle, ja als Strom des Lebens offenbart. Zweitens, dass solch ein Aufbruch nicht in die Einsamkeit, sondern in eine Gemeinschaft führt, in der sich die Menschen nahe stehen und auf dem unsicheren Untergrund des Lebens eine sichernde Solidargemeinschaft bilden.

Begegnung der anderen Art

Meeresbrandung, hohe Wellen, die am Strand auslaufen, sind auf dem Bild zu erkennen. Darüber gold-schwarze Silhouetten, vage Gestalten – eine Menschengruppe? Gesichter und Körperfragmente sind zu sehen, doch gleichen die Wesen mehr einer flüchtigen Erscheinung. Wie Wellenreiter kommen sie daher. Und die zwei langen Beine der mittleren Gestalt lassen in ihnen am Übergang von Wasser und Land auch Läufer sehen, Jogger, Strandläufer.

Wer kennt nicht diese faszinierende Erfahrung zwischen zwei Welten? Auf der einen Seite die festen und haltgebenden Begrenzungen des Landes, auf der anderen Seite die bewegte Weite des unergründlichen Meeres? Es ist ein Ort der Begegnung, ein Ort der besonderen Erfahrung, auch mit der Gravitation, der Anziehungskraft des Mondes. Da wird die Zeit in einem anderen als dem Tag-Nacht-Rhythmus spürbar. Wer am Strand auf diesem Berührungssaum der verschiedenen Kräfte spazieren gehen will, wird zwangsläufig zu einem Gezeitenläufer, zu jemandem, der auf die Gegebenheiten und ihre besonderen Zeiten achtet und diese Erkenntnis für sein Tun und Handeln einsetzt.

Dieser Deutung ist entgegenzusetzen, dass sich kein Fuß im Wasser befindet, dass kein klatschendes Aufspritzen einen Hinweis auf körperliche Wesen gibt. In goldener Farbe und luftiger Andeutung schweben sie vielmehr über dem Wasser, wie Geistwesen, denen durch den besonderen Ort etwas Mystisches anhaftet.

Dieser Ort ist nicht unbedeutend, treffen sie sich doch am Übergang von Wasser zu Luft, von Erde zum Himmel, vom Wasser zum Land. Ob die Elemente als Gleichnis ihrer Eigenschaften gedeutet werden dürfen? Unaufhörlich wird das Wasser von einer unermesslichen Kraft bewegt und ans Land getrieben. Ist nicht das furchteinflössende Tosen des Meeres, das rauschende Ausrollen der Wellen sogar aus dem Bild heraus zu hören? Gegenüber der uferlosen Weite des Meeres können die Gedanken unwillkürlich schweifen …

Goethe war auf einer seiner Italienreisen so tief beeindruckt von diesem Erlebnis, dass er daraufhin seinen “Gesang der Geister über den Wassern“ schrieb:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd …

Und das Gedicht endet mit den Worten: Seele des Menschen, wie gleichst Du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst Du dem Wind!

Es kann aber auch sein, dass unsere Gedanken über diese natur-immanenten Vorstellungen hinaus zu einem Schöpfergott schweifen, der ebenso unfassbar groß, machtvoll und unendlich wie das Meer erscheint. Wäre da nicht die menschenähnliche Verkörperung dieser geistigen Wesen auf dem letzten Wellenkamm, würde er uns vielleicht ein abstrakter, ferner Gott bleiben. So aber erinnern sie an eine Gemeinschaft mit menschlichen und göttlichen Zügen gleichzeitig, deuten sie sanft die Menschwerdung Gottes und damit seine Nähe zu uns Menschen an.

Aus dem Urlaub kennen wir den Strand als Ort der Entspannung und der Erholung in dem Erleben des Zusammenspiels der verschiedenen Kräfte. Das Bild vertieft diese Kräfte durch spirituelle Andeutungen, wobei der Titel richtungsweisend unsere irdische Position anspricht: Wir leben auf der einen Erde, aber letztlich sind wir Grenzgänger zwischen zwei Welten. Wie Gezeitenläufer nehmen wir höhere Mächte wahr, die auch unser Leben zu einem kurzen Besuch mit dem Geschaffenen machen, zu einer flüchtigen Begegnung mit der festen Erde, wie sie das Wasser am Strand macht, bevor es wieder von einer geheimnisvollen Kraft ins unendliche Meer hinausgezogen wird.

Lichtblick

Umgeben von einem dunklen Rahmen, öffnet sich unserem Blick in der Bildmitte ein helles Fenster. Es scheint nicht sehr groß zu sein, denn die weiße Taube, die sich mit dem grünen Zweig im Schnabel auf dem Fenstersims niedergelassen hat, füllt fast das ganze Fenster aus.

Die dunkelblaue Farbe suggeriert umgebende Dunkelheit und Nacht. Von den fünf Menschen sind nur schattenhafte Köpfe und Silhouetten auszumachen. Die beiden Personen, die sich unter dem Fenster befinden, lassen durch die vier hellen Senkrechten und den engen Bildraum zudem an Gefangene denken, die eingesperrt und niedergedrückt sind. Seltsam, wie der Künstler ihre Augen, Nasen und Münder stilisiert mit einem Kreuz-Zeichen angedeutet hat.

Soll es ihre „Religio“, ihre Rückbindung an Gott zum Ausdruck bringen, die ihnen Zugehörigkeit und Schutz verheißt? Denken wir nur an die Riten von Taufe, Firmung, Konfirmation oder Krankensalbung … Trotzdem bleiben viele Fragen und Zweifel. Wer kann Katastrophen wie eine Sintflut, einen Tsunami und anderes mehr verstehen? Helfen kann da nur ein unsagbares Vertrauen. In diesem Vertrauen haben sie die Taube ausgesandt und, um sicher zu gehen – denn Zweifel bohren tief – eine zweite.

Nun ist sie in ihre Mitte zurückgekehrt – mit dem Zeichen des Zweiges. Die Dunkelheit hat einen Lichtblick erhalten, der sich auf den Köpfen der wartenden Menschen bereits spiegelt. Durch das Licht wird das Zeichen auf ihren Köpfen sichtbar, das in der Bibel bei Menschen verwendet wird, die aus ihrem Glauben, aus ihrer innigen Beziehung zu Gott, der Schöpfung und den Mitmenschen heraus in Zeiten der Dekadenz einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn bewahren. So heißt es von Noach: „Noach war ein gerechter, untadeliger Mann unter seinen Zeitgenossen; er ging seinen Weg mit Gott.“ (Gen 6,9) Deshalb wurde er von Gott beauftragt, zur Rettung des Menschengeschlechts und der Tiere ein großes Schiff zu bauen, auf dem er mit seiner Familie und den Tieren die Zeit der Sintflut überleben konnte. Das Aquarell vermittelt den Augenblick, in dem die Taube das zweite Mal nach der Erkundung nach Land erfolgreich mit dem frischen Olivenzweig als Zeichen für das Wiederaufblühen der Natur zurückkehrte. „Jetzt wusste Noach, dass nur noch wenig Wasser auf der Erde stand.“ (Gen 8,11)

Im blauen Hintergrund könnte aufgrund dieser Begebenheit ebenfalls das alles vernichtende Wasser der Sintflut gesehen werden. Auch den Geretteten steht das Wasser bis zum Hals. Was sie allerdings über Wasser hält, ist ihre Verbundenheit mit dem Licht, das im Fenster wie ein Floß, wie eine rettende Insel in ihrer Mitte schwimmt. Ihr Vertrauen hat ihnen eine neue Zukunft, neue Aufgaben und sicher auch neue Leiden gegeben. Hoffnungsvolle Zuversicht und Liebe erfüllt und verbindet sie mit dem unbegreiflichen Gott. Und dieses gläubige Festhalten am gerechten Denken und Handeln verhindert, dass sie sich in unwürdige Machenschaften verstricken, die ihnen und anderen Unheil und Tod bringen. – Ermutigung und Lichtblick für uns!

Das besprochene Aquarell stammt aus: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers mit Bildern von Andreas Felger
/ Deutsche Bibelgesellschaft in Stuttgart, 1.664 Seiten, 171 ganzseitige Aquarelle und 104 teils farbige Skizzen, Format 17,3 x 24,5 cm

Seit vielen Jahrzehnten widmet Andreas Felger einen wesentlichen Teil seines künstlerischen Schaffens der Auseinandersetzung mit biblischen Texten. Seine Bilder sind Ausdruck gelebten Glaubens, wiederholter Meditation und Durchdringung. Seine Aquarelle und Skizzen sprechen eine spirituelle Sprache. Konkrete Darstellungen wechseln mit abstrakten Motiven, schaffen meditative Momente, eröffnen andere Sichtweisen und neue Zugänge zur Heiligen Schrift. Die Begegnung und der Dialog zwischen Mensch und Gott werden in seinen Bildern anschaulich und berühren die Sinne.

Fußspuren

Vier gelbe Fußspuren durchqueren hart am Rand der fasrig strukturierten Fläche das Bild. Die Anordnung der Fußspuren zeigen dem Betrachter eine Sicht von oben. Der Mensch, der diese goldenen Spuren hinterließ, hat die blau-weiß-rote Fläche von rechts nach links überquert und dabei ungewöhnliche Abdrücke hinterlassen. Es sind nicht durch das Gewicht verursachte Vertiefungen, sondern Verfärbungen. Wo dieser Mensch gegangen ist, hat er „seine Farbe“ hinterlassen.

Doch wer war es und wo geschah dies? Die Hintergründe vermögen weitere Hinweise zu geben: Während der obere durch sein helles Blau-weiß an den Himmel erinnert, lässt sich der untere am besten mit bewegtem Wasser in Verbindung bringen. Die Grenze zwischen Wasser und Himmel wäre dann gleichsam der Horizont, die Wasseroberfläche. Und seinen Spuren nach wäre dieser Mensch dann ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde.

Aber Fußspuren auf dem Wasser? Unmöglich! Zum einen können wir Menschen nicht auf dem Wasser gehen, zum anderen verwischt das Wasser die Spur jeglicher oberflächlichen Berührung in Sekundenschnelle.

Im Bild können sie allerdings an Jesus erinnern, der seinen Jüngern eines Nachts über das Wasser des Sees Gennesaret zu Hilfe eilte, weil sie im Gegenwind mit starkem Wellengang zu kämpfen hatten (Mt 14,24-25). Gerade weil das Gehen auf dem Wasser nicht möglich ist, meinten sie ein Gespenst zu sehen und ängstigten sich sehr.

Die „goldenen“ Spuren zeugen von einem göttlichen Beistand. Sie verweisen auf die Herkunft Jesu und auf seine Herrlichkeit. Sie sprechen von seiner Ermutigung: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (V. 27) und erinnern an seine tröstenden Abschiedsworte: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. … Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18b.20b)

Die goldenen Fußspuren zeugen von seinem Vertrauen in den Vater. Er war so von diesem Vertrauen durchdrungen, dass es die Spuren all seiner Schritte einfärbte. Dadurch sind sie uns Einladung und Ermutigung, ebenfalls Schritte des Vertrauens zu wagen. Petrus versuchte es, doch nach einigen Schritten bekam er wieder Angst und Zweifel … und begann unterzugehen, bis Jesus ihn bei der Hand ergriff.

Uns geht es in vielen Sachen des Glaubens auch so. Dann brauchen wir die haltgebende Liebe Gottes an unseren Händen oder unter unseren Füßen – ähnlich wie das satte Rot in der Tiefe des Wassers – damit auch unser Herz wieder zuversichtlich fest wird und das scheinbar Unmögliche durch das Vertrauen in Jesus möglich wird. Dann werden vielleicht auch unsere Fußstapfen zu vergoldeten Spuren, in denen Gottvertrauen, Überwindung und Fülle des Lebens zu lesen sind.

Durst nach mehr …

Ein Mann und eine Frau sind an einem Brunnen miteinander ins Gespräch gekommen (Joh 4,1-42). Beide wollten Wasser holen, doch auf einmal ist die Begegnung wichtiger geworden. Das irdene Schöpfgefäß bleibt leer, weil die menschliche Seele nach „mehr“ Durst hat: Offenheit, Verständnis, Liebe, Vergebung, …

Sie kommt seit Jahren jeden Tag zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. So ist es “ihr“ Brunnen geworden. Lässig hat sie ihr rechtes Bein auf den Brunnenrand gestellt, um den schweren Tonkrug abzustützen und andächtiger den Worten des Jünglings zuhören zu können, der von links in das Bild – in ihre „Welt“ – hineingekommen ist.

Er, ein Jude, hat sie Samariterin um Wasser gebeten! Die Künstlerin hat ihn als Bittsteller kleiner dargestellt als die Frau. Mit wirren Haaren, aber einer ruhigen Ausstrahlung, steht er im langen, einfachen Gewand vor ihr und schaut sie mit großen Augen an. Sie spürt, wie sein Blick in die Tiefe geht, wie ihm nichts verborgen bleibt.

Sprechen deshalb aus ihren Augen Angst, Zweifel und Fragen? – Ist er derjenige, den sie schon lange sucht? Derjenige, der in ihr den Durst zu stillen vermag, den kein Mann (vgl. V. 18) und kein Mensch zu stillen vermochte?

Der junge Mann offenbart ihr, dass sie unbewusst immer etwas oder jemand gesucht hat, der dem Wasser und dem Brunnen ähnlich und doch ganz anders ist: Gott! Jesus sagt zur Frau: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,13-14)

Worauf die Frau ihn bat: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.“ – Das „lebendige Wasser“, das Jesus zu geben vermag, hat die Künstlerin so thematisiert, dass es aus seiner Hand als dem Ort des Gebens herausfließt. Gleichzeitig wird damit seine Kreuzigung angesprochen, bei der nach dem Lanzenstich Blut und Wasser aus seiner Seite geflossen sind (Joh 19,34).

Ein weiterer Wasserfluss zieht wie die Stola eines Diakons diagonal über das Gewand von Jesus und zeichnet ihn auch von dieser Seite als den Dienenden, Gebenden aus. Er bringt „Geist und Wahrheit“, er bringt den Glauben an seinen Vater zu den Menschen sowie vielfältige Erfahrungen des Heils und der Versöhnung für alle. Durch sein Geschenk hat die Frau zum wahren Glauben gefunden. Sie braucht kein tönernes Gefäß mehr (vgl. V. 28), weil sie selbst zur Wasserträgerin – Glaubensträgerin – geworden  war. Die Männer, die sie aus dem Dorf gerufen hatte, sagten doch auf ihr Zeugnis von Jesus zu ihr: „Er ist wirklich der Retter der Welt!“ (V. 42)