Eine neue Ge-Schicht-e

Eine weiß-graue Farbschicht bedeckt fast die ganze Bildfläche der Miniatur. Offensichtlich ist nur, dass eine gedruckte Schrift übermalt worden ist und mit ihm eine erste oder mehrere gemalte Schichten auf dem quadratischen Bild. Bewusst zeigt der impulsiv wirkende Farbauftrag am Rand vorherige Farbspuren.

Emotionen sind spürbar, leidenschaftliche Auseinandersetzung, ein Ringen um die Darstellung einer Idee oder einer Geschichte durch Entwerfen und Verwerfen. Schicht um Schicht hat sich dadurch die Bildgeschichte gebildet: Irdisches, zeitlich Begrenztes, Unbefriedigendes musste weichen. Korrigiertes, Aufgeschichtetes, letztlich Abstraktes ist geblieben. Auf kleinster Fläche wird Veränderung verarbeitet: Wichtiges wird unwichtig, Grundlegendes wird durch neue Schichten auf einmal Vorläufiges oder Verdrängtes, eine konkrete Vorstellung endet überraschend in abstrakter Undarstellbarkeit.

Der Künstler nennt solche Übermalungen auch „Pentimenti“ – „Reuestriche“. Sie entstehen, wenn während oder nach dem Schaffensprozess entscheidende Veränderungen an Grafiken, Gemälden oder Wandmalereien vorgenommen werden, weil Künstler mit der Komposition, der Form oder Farbe des entstehenden Bildes nicht einverstanden sind.

Dieses Entwerfen und Verwerfen, Malen und Übermalen kann Sinnbild unseres Lebens sein. Wir haben einen Plan, doch dann kommt es anders. Das Leben ist eine Entwicklung voller Dynamik, welche eine große Handlungsflexibilität verlangt, eine Offenheit für einen immer wieder neuen Entwurf. So schichtet sich ein zeitlich befristetes Lebensbild über das andere und lässt bildlich gesehen eine turmartige Lebensgeschichte entstehen, welche aus der Persönlichkeit jedes Menschen heraus entsteht.

„Alles hat seine Zeit“, schrieb der Prediger Kohelet (3,1). So gibt es auch die Zeiten des Neuanfangs, in denen das Bisherige hinter sich gelassen wird. Sei es durch ein plötzliches Ereignis, das alles überraschend verändert, sei es ein schleichender Wandel, der sich im Stillen vollzieht und erst im Rückblick als solcher zu erkennen ist, sei es ein bewusster Tapetenwechsel, der dem Leben neuen Elan verleihen kann. Wie auch immer verlieren wir durch den neuen Blick das Vorangegangene aus den Augen, auch wenn es sich damit nicht ungeschehen machen lässt. Es ist noch da und trägt als darunterliegende Schicht zu unserer individuellen Ge-Schicht-e bei.

Als Gläubige dürfen wir diesen Weg des Aufschichtens von Lebens(ge)schichten mit einem Gott gehen, der uns zuspricht: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5) Durch ihn dürfen wir uns im steten Wandel getragen und geführt fühlen. Er führt uns immer wieder „hinaus ins Weite“, er „macht meine Finsternis hell“ (Ps 18,20a.29b).

Himmelsbrücke

Eine Brücke verbindet hoch oben zwei flockig zerzauste Wolken. Hell hebt sich das Dreigespann vom nachtschwarzen Hintergrund ab, der sich nach oben in die Unendlichkeit des Alls weitet und nach unten einen grenzenlosen Abgrund ahnen lässt. In dieser luftigen Höhe schwebt die Brücke zwischen den Wolkenkugeln. Sie selbst ist fest gebaut und für den kleinen Menschen hinter der Brüstung ein sicherer Übergang. Doch ihre Fundamente sind in den Wolken verborgen und die Wolken selbst geben keinen Hinweis, dass sie einen festen Untergrund haben. So beeindruckend die Aussicht bei Tag sein könnte, – nicht nur den Menschen umgibt undurchdringliche Dunkelheit, sondern auch sein Woher und Wohin. Das Diesseits wie das Jenseits der Brücke bzw. Vergangenheit und Zukunft sind geheimnisvoll umhüllt.

Winzig klein und allein steht der Mensch auf der Brücke. Innehaltend schaut er zum Betrachter herunter, einen letzten Blick austauschend, vielleicht ein Adieu rufend, bevor er weiter über die Brücke schreitet. Im Gegensatz zu vielen Überlieferungen und Vorstellungen von der Brücke ins Jenseits, die diese als dünnen Faden oder schmal und scharf wie die Klinge eines Schwertes schildert (vgl. „überbrückt“ S.13), stellt der Künstler die Himmelsbrücke als einen zuverlässigen Weg dar, vor dem niemand Angst haben muss. Mag die Herkunft und das bisherige Leben noch so geheimnisvoll gewesen sein und sich das weitere Leben jenseits der Brücke in dichten Nebelschwaden verbergen, der Übergang von einer Wolke zur anderen ist der einzige sichtbare Weg. Dies ist um so bemerkenswerter, als der Künstler, Bühnenbildner und Architekt das Bild wenige Wochen vor seinem Tod gemalt hat. Er hat dem Übergang von diesem Leben zum ewigen Leben, dem viele Menschen angstvoll und mit großer Ungewissheit entgegensehen, intuitiv einen festen Platz gegeben und damit eine größere Gewissheit als dem rätselhaften Leben davor oder danach.

Der Künstler sieht das Leben hier auf Augenhöhe mit dem Abbild des zukünftigen Lebens. Er sieht beide Lebenswelten als lichtvolle Zeiten und Räume, die durch die gebaute Brücke untrennbar miteinander verbunden sind. So sehr diese Brücke wie eine von Menschenhand erbaute Brücke aussieht, verweist sie mit ihrer robusten Konstruktion auf die wichtigste Brücke zwischen dieser und jener Welt, nämlich auf die von Gott durch Jesus Christus geschaffene Verbindung zu Gott selbst. Jesus hat durch seinen Opfertod den Abgrund zwischen Mensch und Gott überbrückt, der durch die Sünde entstanden ist.

In der Nachfolge von Jesus sind wir zum Bauen von Brücken aufgerufen. Der evangelische Pfarrer Kurt Rommel hat ein Kirchenlied dazu verfasst, welches die Botschaft des Bildes auf die zwischenmenschliche Ebene lenkt und in dem die Wolken gleichsam zu Synonymen für Mitmenschen werden, die wir als rätselhaft, verschlossen oder unzugänglich empfinden.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit.

Ich möchte gerne Brücken bauen,
wo alle tiefe Gräben sehn.
Ich möchte hinter Zäune schauen
und über hohe Mauern gehn.

Ich möchte gern dort Hände reichen,
wo jemand harte Fäuste ballt.
Ich suche unablässig Zeichen
des Friedens zwischen Jung und Alt.

Ich möchte nicht zum Mond gelangen,
jedoch zu meines Feindes Tür.
Ich möchte keinen Streit anfangen;
ob Friede wird, liegt auch an mir.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit.

Herr, gibt uns Mut zum Brückenbauen: Himmelsbrücken, die über menschliches Denken und Fühlen hinausgehend mit Gottes Kraft Unmögliches zustande bringen. Gedankenbrücken, damit wir an den Nächsten denken und ihn zu verstehen suchen. Brücken von Herz zu Herz, damit wir den Nächsten als Mitmensch lieben und in ihm etwas von Jesus aufleuchten sehen. Tatenbrücken, damit wir handeln, zu ihm gehen und an seiner Seite stehen. Brücken der Vergebung, damit zwischenmenschliche Abgründe überwunden werden können nach dem Vorbild von Jesus Christus. Er bietet sich uns als Brücke und als Begleiter an! Nicht erst an unserem irdischen Lebensende, sondern schon jetzt!

Das Bild von Hans Dieter Schaal ist bis zum 21. November 2025 in Biberach in der Ausstellung: Überbrückt. Das Motiv der Brücke in Kunst und Architektur zu sehen. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, dem empfehle ich den Kauf des Ausstellungskataloges. Die Kuratorin Dr. Barbara Renftle führt mit ihrer kunsthistorischen Einführung den Leser gekonnt durch die verschiedenen Bedeutungsebenen der Brücke und öffnet Geist und Auge für die Vielfalt der ausgestellten Werke, die alle im Katalog abgebildet und beschrieben sind. Der Katalog kann hier bestellt werden.

Kraftquelle

Ein Mensch wird bis zur Brust von einem voluminös quellenden Gebilde aus Gold umhüllt. Wer einen solchen Wolkenberg zu tragen vermag, muss wie Herkules ein gutes Stehvermögen haben und mit Belastungen umgehen können.

Zwar lässt sich in einer Wolke nichts sehen und sie verhüllt die obere Hälfte bis zur Unsichtbarkeit, aber wenn sich eine Wolke auf einem Menschen niederlässt, ist das zweifellos eine besondere Begegnung und ein auf ein heiliges Geschehen deutendes Zeichen. Denn in Wolke und Mensch berühren und durchdringen sich Vertreter von Himmel und Erde: Die von Gottes Herrlichkeit leuchtende Wolke und der in der Farbe des Himmels gewandete, aufrecht stehende Mensch. Eine mystische Verbindung.

In heilige Sphären wagt sich der nach Gott suchende Mensch, in denen er selbst nichts mehr zu sehen oder zu ergreifen vermag, aber in seinem Vertrauen von Gott gesehen und ergriffen wird. So ist die goldene Wolke ein ursprüngliches Symbol, in der sich Gott dem Menschen nah und erfahrbar macht, aber zugleich un(be)greifbar bleibt (vgl. Ex 40,34).

Dieses Symbolverständnis lässt das Wunderbare erahnen, das in dieser Skulptur angedeutet wird: Gott erniedrigt sich und lässt sich auf und im Menschen nieder, um ihn das ungleich Größere, das ihn erwartet, ansatzweise und spurenhaft erfahren zu lassen. Ein Mensch, der sich in göttliche Sphären hineinwagt, lässt sich von Gott ergreifen, umarmen, wärmen und verwandeln. Der Mensch lässt durch das Wolkenbad Wandlung zu, die äußerlich aufsehenerregend, aber innerlich wirksam ist. So wie die Sakramente, z.B. die Taufe, Kommunion oder Konfirmation und die Firmung, äußere Zeichen sind, die aber Innerliches bewirken. Ähnlich wurden Mose auf dem Berg Sinai, Jesus bei der Verklärung oder Christus nach seiner Auferstehung bei der Aufnahme in den Himmel geführt, erleuchtet und verwandelt. Menschen suchen Zuflucht – Gott schenkt Geborgenheit, indem er Menschen in sich birgt, in seinen Wolken-Berg aufnimmt, (ver-Berg-t) und sie die Tiefen und gleichzeitig auch die Höhen wahrnehmen lässt.

Die innige Begegnung mit Gott, wie sie im Eintauchen in das Gebet, in der Meditation oder Kontemplation geschieht, wird zur Kraftquelle, die befähigt, den Kopf angesichts des Leides in der Welt nicht in den Sand zu stecken, sondern ihn weltoffen für den Nächsten einzusetzen.

Brücke ins Unvorhersehbare

Ein schmaler Steg mit hohen Geländern an beiden Seiten führt in den Nebel. Die gewundenen Vertikalen lassen eine Hängebrücke erkennen, die scheinbar ins Nichts führt: Es ist weder ihr Anfang noch ihr Ende zu erkennen. Es ist weder ersichtlich, woran sie befestigt ist, noch wie lange sie letztlich ist oder wie tief der Abgrund ist, über den sie führt.

Der Fußweg über die minimalistisch konstruierte Brücke, deren Boden und Geländer nur mit Drahtgittern verkleidet sind, zieht den Blick in eine fast bodenlose Tiefe. Man weiß, dass die Gitter ausreichend Schutz bieten, aber der Blick zu den Seiten und hinab in die Tiefe kann durchaus zu unangenehmen Schwindelgefühlen führen.

Im Bild ist die Landschaft durch den Nebel vollständig ausgeblendet. Damit ist die Brücke jeder geografischen Verortung enthoben. Sie könnte überall stehen. Es scheint nur die Brücke im Nichts zu geben – durch geheimnisvolle Kräfte gehalten. Wer sie beschreitet, begibt sich gewissermaßen in ein Niemandsland – oder mitten in die Cloud, von der man nicht nur sagt, dass hier unsere digitalen Daten gespeichert werden, sondern auch, dass hier Gott wohnt (vgl. Ex 40,34-38; 1. Kön 8,10-11; Lk 9,34f). Die Brücke in die neblige Wolke verwandelt sich so gesehen in einen schmalen Weg zu Gott, über den Abgrund mitten hinein in das verborgene Herz- und Lebenszentrum unserer Welt, in der das schöpferische Wissen und die Weisheit Gottes nicht „geparkt“, sondern höchst lebendig sind.

Wer den Gang über die Brücke wagt, geht im Vertrauen und im Glauben, dass die Brücke hält und sicher ans andere Ende führt, auch wenn es nicht zu sehen ist. Ein Ende, das auf der persönlichen Lebenswanderung ein Neuanfang sein wird. Gerade aus der positiven Lebens- und Glaubenserfahrung heraus, auch in orientierungslosen Situationen sicher geführt zu werden, ja gleichsam über die Abgründe des Lebens getragen zu werden und durch Gott Halt zu erfahren. Sind Brücken nicht Lebenshilfen, welche das Überwinden von Schwierigkeiten erleichtern? Die Hängebrücke ruft in Erinnerung, dass es ein Segen ist, glauben zu können, dass wir von oben gehalten werden. Die feste Beziehung schafft Vertrauen. Sie verleiht Trittsicherheit und schenkt Zuversicht.

Ganz auf Gott vertrauen heißt nicht, dass man über Wolken gehen kann oder sein Lebtag auf Wolke Sieben schwebt. An Gott glauben und Ihm vertrauen heißt, das Unvorhersehbare der Zukunft und die scheinbar unüberwindlichen Hindernisse auf unserem Lebensweg zuversichtlich anzugehen. Gottes wahres Wesen ist zwar unbegreiflich wie eine Wolke und liegt wie in einem diffusen Nebel verborgen, aber die nächsten Schritte liegen konkret sichtbar zu Füßen und fordern dazu auf,  im Vertrauen auf Ihn Schritt für Schritt gewagt und gegangen zu werden.

Verborgene Gegenwart

Tastend klettert der Blick über das dunkle Gebüsch in das Bild hinein. Der Himmel ist verhangen, neblig, diffus. Schwaches Licht erhellt minimal die urwüchsige Landschaft, die sich im Gehölz im Vordergrund konkretisiert.

Das Bild gibt sich bedeckt. Es zeigt eine geheimnisvolle Atmosphäre, undurchsichtig und rätselhaft wie wir sie von nebligen Herbsttagen kennen. Die dunkle Wolkenseite schafft eine spannungsvolle Stimmung, bei der nicht klar ist, ob sie vom aufgehenden oder untergehenden Licht erzeugt oder durch ein sich bald entladendes Gewitter verursacht wird. Wie auch immer stehen sich Licht und Dunkelheit gegenüber. Sie scheinen um die Vorherrschaft zu ringen und nehmen den Betrachter in diese Auseinandersetzung zwischen Verhüllung und Offenbarung hinein.

Dabei leuchtet das Licht mystisch in der Finsternis und lässt sich von der Dunkelheit nicht verdrängen (vgl. Joh 1,5). Trotz oder gerade wegen der dunklen Bereiche um es herum lässt das Licht eine wohltuende Kraft und Beständigkeit spüren. Gerade in dunklen und unsicheren Zeiten gibt Licht Orientierung und Halt, so wie Gott.

Das Bild lebt von der verhüllten Gegenwart. Gott als der Unbegreifbare wird in der Bibel an mehreren Stellen als naher Gott beschrieben, der sich in einer Wolke verbirgt. So führte Gott die Israeliten in einer Wolkensäule beim Auszug aus Ägypten (Ex 13,21) und in der Apostelgeschichte (1,9) wird überliefert, dass der Auferstandene bei seiner Aufnahme in den Himmel von einer Wolke aufgenommen und den Blicken der Apostel entzogen wurde.

Wenn im Bild die Wolken und mit ihm das Licht nicht weit oben am Himmel, sondern wie Nebel unmittelbar in Berührung mit der Erde dargestellt werden, so kann das als nahe Gegenwart des unsichtbaren Gottes in dieser Welt gedeutet werden. Gott ist physisch nicht greifbar da, doch zeichenhaft im Licht und den Wolken wahrnehmbar und spürbar. Wer sich Ihm nähern will, dem wird im Bild ein beschwerlicher und mit Anstrengung und Zweifeln verbundener Weg angedeutet. Ein wie im Nebel tastender Lebens-Weg, der aber dennoch aus der glaubenden Verbindung mit Ihm seine Kraft schöpft. Ein lebenslanger Weg aus der Zuversicht, dass Er sich in Sternstunden und ganz gewiss am letzten Tag unverhüllt dem Suchenden, Wartenden, Erwartenden und Ihm Vertrauenden als sein Gott und Lebenslicht offenbaren wird.

„Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. […] Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“ (1 Kor 13,9b-10, 12)

Dieses Kunstwerk von Daniel Sigloch und Arbeiten weiterer Künstler*innen waren im November 2020 in der Themenausstellung „Bewölkt. Der Himmel in der Kunst – vom Goldgrund zum Wolkenberg“ in der Galerie der Stiftung S BC – pro arte in Biberach im Original zu sehen.

Die Kraft des Höchsten

Wie durch einen Schleier hindurch ist die sitzende Gestalt der Maria zu erkennen (Vorlage: Maria aus der Verkündigungsgruppe vom Alter der Sieben Freuden Mariens im Chor der Abteikirche von Brou, Franchcomté, um 1520). In ein weites Gewand gehüllt scheint sie beim Lesen der Heiligen Schrift gerade innezuhalten und den Kopf nachdenklich nach hinten zu neigen.

Ob das, was im Vordergrund geschieht, Ausdruck ihrer inneren Erfahrung ist? Zwei Dutzend pastos aufgetragene, fast weiße Kreisformen scheinen mit großer Leichtigkeit auf sie herunterzufallen. Sie können als Zeichen der Gnade, als „die Kraft des Höchsten“ (Lk 1,35) gelesen werden, die auf Maria herabkommt.

Das verhüllende Weiß des Bildes scheint dabei die Unschuld und die Reinheit des Immateriellen zu verkörpern. Insofern mag dieser nebulöse Schleier auch ein Ausdruck der göttlichen Gegenwart sein. Im Buch Exodus (40,34) wird überliefert, dass eine Wolke das Offenbarungszelt in der Wüste verhüllt und die temporäre Wohnstätte des Herrn mit seiner Herrlichkeit erfüllt habe. Ebenso erscheint uns Maria im Bild von einer Wolke verhüllt und lässt an den wunderbaren Moment denken, an dem sie durch die Kraft des Höchsten und von seiner Herrlichkeit erfüllt schwanger wurde. Maria wird so zum neuen Offenbarungszelt, aus dem heraus Gott sein ewiges Wort spricht. Hier klingen die Texte der Kirchenväter an, welche in Maria die neue Bundeslade sahen, die der Welt das neue Gesetz geboren hat: Jesus Christus.

Der Evangelist Johannes (1,14) bringt es mit prägnanten Worten auf den Nenner: „Das Wort ist Fleisch geworden!“ Auf dem lasierend gemalten Motiv der Maria erinnern die pastosen und damit sehr materiellen Kreisformen an die Verwandlung des Wortes zu Fleisch. Räumlich gesehen scheinen diese „materialisierten Worte“ perspektivisch auf Maria zuzufliegen oder von ihr empfangen zu werden.

Wie durch einen Schleier hindurch lässt uns der Künstler ehrfurchtsvoll an diesem einzigartigen Geschehen teilhaben. Die Verwendung einer alten Mariendarstellung sowie die „blasse“ Zeichnung Mariens mögen in die Vergangenheit weisen. Doch die Gnadenfülle, die Maria durch ihr gläubiges Ja-Wort bei Gott ausgelöst hat und die vom Künstler „schwebend“ zwischen Maria und den Betrachter gemalt wurde, fließt weiter und macht auf wunderbare Weise für Menschen Unmögliches möglich (Lk 1,37; 18,27). Damit bezeugt uns der Künstler, dass für ihn der Empfängnis „nichts Vergangenes, sondern im Gegenteil ein ganz gegenwärtiges Geschehen von hoher Präsenz“ innewohnt.

Habemus Papam

Es gibt unzählige Fotos von der Verkündigung der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst Benedikt XVI. Und Bilder? Thalia Uehlein versuchte es – mit einer inneren Schau dieses geschichtsträchtigen Momentes. Entstanden ist ein abstraktes Gemälde in roter und gelber Farbe.

Unmittelbar in die Augen sticht das bewegte gelbe Band, welches das Bild in der Mitte vertikal durchquert und mit seinen Schattierungen körperähnliche Formen bildet. Es scheint von außerhalb des Bildes zu kommen, durch es hindurchzufließen und unten weiterzugehen. Die roten Farbabstufungen der anderen Flächen lassen an ein Fenster denken, an dem dieses „Band“ steht oder durch das es in einen roten Raum gekommen ist.

Der Blick aus diesem Fenster ist verschleiert, denn der ganze Fensterbereich ist mit unregelmäßigen horizontalen Pinselstrichen überzogen, die wie eine Jalousie etwas Geheimnisvolles verhüllen und gleichzeitig doch teilweise offenbaren. Lässt sich nicht eine rosafarbene Wolke erkennen sowie rechts und links von ihr Durchblicke auf einen hellgelben Hintergrund?

Assoziationen werden wach: Gott erschien doch Mose in einer Wolke und sagte ihm, wie er die Israeliten zu führen habe (vgl. Ex 16,10). Und wie der „mobile Tempel“ für Gott gebaut und geweiht war, „verhüllte die Wolke das Offenbarungszelt, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnstätte“ (Ex 40,34). Ist Gott im Ringen der Kardinäle um eine Entscheidung nicht auch gegenwärtig und offenbart er durch sie, bzw. den Papst, seine Pläne für sein Volk?

Das gelbe „Band“ könnte eine symbolische Darstellung des Heiligen Geistes sein, der erleuchtend in den Raum mit den versammelten Kardinälen eindringt. Sie tragen doch alle rote Kleider und sind bei der Wahl des neuen Papstes von der Liebe zu Christus und seiner Kirche erfüllt! In der Nachfolge der Apostel wählen sie im Hören auf den Heiligen Geist „aus ihrer Mitte“ (Apg 15,22) das Oberhaupt der Katholischen Kirche. Wie die Apostel könnten die Kardinäle nach der Wahl von der Loggia des Petersdomes herunter verkünden: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (15,28)!

Wie eine Wirbelsäule verbindet der Heilige Geist (ist er nicht das Rückgrat unseres Glaubens, unserer Hoffnung und Liebe?) die „vielschichtigen“ Meinungen der Kardinäle und lässt sie in einer lichtvollen Entscheidung aufleuchten. Freudige Erleichterung ist spürbar: Habemus Papam – Wir haben einen Papst!