Steh auf …

In dieser textilen Arbeit sprechen den Betrachter eine Fülle von Worten gleichzeitig an. Die meisten sind mit Bleistift geschrieben, einige aber auch mit schwarzem oder goldgelbem Garn gestickt und dadurch betont hervorgehoben. All diese Worte wetteifern um die Aufmerksamkeit des Betrachters, so dass dieser zwischen den verschiedenen Aussagen hin- und hergerissen ist und Zeit braucht, einen ruhigen und geordneten Überblick zu erhalten.

Das quadratische Seidengewebe präsentiert sich als Lebensbild: vielschichtig, mehrdeutig, verbindungsreich. Eindeutige Transparenz steht im Wechsel mit mehrschichtiger Intransparenz oder Verdunkelung, freie Stellen stehen im Dialog mit den durch die Schrift oder Stickerei verdichteten Bereichen. Die Wörter und Sätze lassen den Betrachter teilhaben an einem sehr persönlichen Dialog zwischen einem nicht genauer definierten ICH und einem DU. Aus den neun mal neun Wortblöcken geht hervor, dass es sich bei den „Meine“-Aussagen um menschliche Lebens- und Grenzerfahrungen an Körper, Geist und Seele handelt: Unfähigkeiten, Unbeweglichkeiten, Ängste, Zweifel, Abgründe und Leiden. Diese Belastungen machen unfrei, fesseln und machen zum Gefangenen im eigenen Ich. Da braucht es immer wieder einen Mit-Menschen (oder auch einen von außerhalb des eigenen Ichs kommenden Impuls), der sagt: “Steh auf, ich bin da, ich höre dir zu, ich stehe dir bei, mache dir Mut und schenke dir Hoffnung. Hab Vertrauen, dass es gut wird, ich helfe dir, Schweres abzulegen, damit du wieder aufstehen kannst. Steh auf – Talita kum!“ (Elisabeth Paul) 28 mal leuchtet dieses „DU“ dem Betrachter entgegen, umgeben von den ebenfalls goldgelb hervorgehobenen Mutmachern: STEH AUF, TALITA KUM, ICH BIN DA, TALITA KUM.

Die 81 Wortbilder bieten vielfache Dialogmöglichkeiten. Man kann sie horizontal Zeile für Zeile, Wort für Wort im Wechsel von MEINE und DU lesen, aber auch vertikal Spalte für Spalte, diagonal oder in freier Folge. Hervorgehobene bzw. dunkel vertiefte Worte bilden stichwortartig eine weitere Lesevariante zu den goldgelb erhöhten DU-Wörtern. Spielerisch lässt sich auch der „Anfang“ links oben im Bezug zum „Ende“ rechts unten lesen. Dann stehen MEINEN GESCHLOSSENEN TÜREN im ersten Feld dem DU ÖFFNEST MEINE AUGEN im letzten Feld gegenüber und der FURCHT VOR DEM MORGEN im zweitletzten Feld antwortet ein DU BIST ZUKUNFT, DU BIST ZUKUNFT im zweiten Feld links oben.

Diese Beispiele wollen eine Einladung sein, das Lebensgewebe in alle Richtungen zu erkunden und zu erspüren, durch welche Äußerungen man mehr angesprochen wird. Vielleicht ist es ja auch die kreuzförmige Leseart, bei der MEINE ZWEIFEL MEINE im Zentrum und an den Kreuzenden vier Aussagen des Vertrauens gegenüberstehen: MEINE UNERFÜLLTEN TRÄUME TRÄUMEN – DU HILFST MIR WENN ICH IN NOT BIN DU HILFST DU – DU DEINE HAND MEIN LEBEN – DU ZEIGST MIR DEN HIMMEL. Beim Durchstreifen und Ausloten des eigenen ICHs wird man sowohl über die Wort- oder Satzdoppelungen stolpern als auch die Gruppe der Aussagen mit positiven Wörtern erstaunt wahrnehmen und auf sich wirken lassen: Meine Abhängigkeiten LÖSEN – Meine Vergangenheit ANNEHMEN – Meine Seele BEWAHREN meine Seele – Meine unerfüllten Träume TRÄUMEN. Immer wieder wird man die zentrale Erfahrung machen, dass jemand für mich da ist (ICH BIN DA) und mir befreienden Zuspruch schenkt (STEH AUF).

Ein sehr bewegter Hintergrund spiegelt auf seine Weise unser Angewiesen-Sein auf menschlichen und göttlichen Beistand angesichts der eigenen Zerrissen- und Verlorenheiten. Neun Handkonturen stehen für die hilfesuchenden Hände vieler Menschen als auch die ihnen dargebotenen Hände der Mit-Menschen. Eine weitere Strukturierung bilden senkrechte Striche hinter den Ich-Aussagen. Sie wirken wie ein Auf und Ab des Lebens, wie ein Gefängnis und stehen für Unbeweglichkeit und Erstarrungen. Dagegen sind die Felder hinter den DU-Aussagen und ausnahmsweise hinter der Mitte leer und frei gelassen. Sie deuten Freiheit und Leben an.

Die Künstlerin hat die Arbeit für die Ausstellung „Talita kum – steh auf“ im Kloster Hegne geschaffen. Der Bericht der Heilung der Tochter des Jairus (Lk 8,41-56) bildet den Hintergrund für die künstlerische Arbeit, die Rückkehr ihres Lebensatems, ihr Aufstehen, Umhergehen und Essen waren real erfahrbare Beweise für das außerordentliche Geschehen. Dieser Geist des Wortes, der Geist der Auferstehung und des Lebens atmet in der textilen Arbeit aus Kette und Schuss. Er atmet pulsierend in jeder helfenden Hand und spricht durch jedes gute Wort. Er atmet belebend im Dialog zwischen den menschlichen Endlichkeiten und dem Vertrauen in den Gott des Lebens. Er atmet in unserem Ein- und Ausatmen, im Auf- und Ab unseres Brustkorbes – als Geschenk Gottes an alle Lebewesen.

 

Anspruch und Zuspruch

Worte. Nur wenige, aber starke Worte finden sich auf diesem Triptychon. Es sind Wortbilder, Worte, die ins Bild gesetzt wurden, grafisch inszeniert ihre Wirkung entfalten. Es ist ein Dialog, der sich kurz und bündig auf Wesentliches beschränkt. Durch den Verzicht auf eine bildliche Darstellung wird der Betrachter unmittelbar zu einem Beteiligten dieses Dialogs. Das Sehen und Lesen verwickelt ihn in das Geschehen, macht ihn zum Adressaten der Botschaft.

DU!
Was für eine Ansprache: Du bist auserwählt und angesprochen, niemand anders. Das Du, das der Engel an Maria adressiert hatte, ist hier anonymisiert. Beinahe flüchtig steht es groß und einfach in die Bildmitte geschrieben. Es ist nicht zu erkennen, wer es spricht, noch wer der Empfänger ist. Das Du, das in diesen ansonsten leeren Bildraum hineingestellt wurde, kommt damit von einem Unbekannten, der sich nicht weiter zu erkennen gibt. Und es richtet sich an jeden, der das Triptychon betrachtet.

ICH?
Wieso ich? Vor dem mächtigen Du steht das Ich ganz klein auf dem nächsten Bild. Fragen tauchen auf. Muss das sein? Ausgerechnet ich? – Ich möchte mich drücken. Mache mich ganz klein. Vielleicht sieht er mich dann nicht oder vertraut mir nicht mehr – und wählt jemand anderen. Aber das große und mächtige Du bleibt bestehen, es bleibt unausweichlich an mich gerichtet, an den, der es sieht und liest. (Ob mich abwenden und weggehen etwas verändern würde?)

Ja!
Ja! steht auf der gegenüberliegenden Bildseite. In der gleichen blauen Farbe wie das ICH. Im Vergleich zum kleinen ICH groß und stark auf einer neuen Zeile stehend. – Wie wurde aus dem großen Fragezeichen diese klare Bejahung? Was bewirkte die Trendwende vom Sich-Wegducken- und Verschwinden-Wollen zur standhaften Zusage?

Zwischen dem ICH und dem Ja ist handschriftlich, im Vergleich zu den anderen vier Stichworten aber klein und schwach, jedoch wortreich geschrieben: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten;. Die graue Farbe lässt eine Verbindung zu dem zu, der auch das DU in meine Welt hineingebracht hat. Stärkung wird zugesprochen. Ganz leise, unscheinbar. Aufmerksamkeit wird verlangt, gutes Hinsehen, um die entscheidende Zusage nicht zu übersehen. Dabei wird „der Heilige Geist“ und „die Kraft des Höchsten“ farblich hervorgehoben, verstärkt, betont. Derjenige, der sich an mich wendet, mir etwas zutraut, wird mich mit nicht weniger als der „Kraft des Höchsten“, dem „Heiligen Geist“ stärken, damit ich Ja sagen kann.

Zu was ja gesagt wird, geht aus den wenigen Worten nicht hervor. Dafür muss man wissen, dass das Wort vom Heiligen Geist aus der Verkündigung des Engels an Maria stammt (Lukas 1,57) und dass dem anspruchsvollen „Du“ die Verheißung eines Kindes folgte, das niemand geringerer sein sollte als der „Sohn des Höchsten“! Hieraus erklärt sich das kleine fragende ICH genauso wie danach das große Ja! aus der Zusage der „Kraft des Höchsten“.

Halleluja!
Dieser Jubelruf steht quer über das dritte Bild. Das Wort steht erhöht, in gleicher Farbe wie das ICH? und das Ja!. Er stammt von der mit der Farbe Blau charakterisierten Person. Der hebräische Jubelruf sagt wörtlich übersetzt: „Lobt Jah(we) – Lobt und verherrlicht Gott!“ Jahwe ist der Gott, der sich Israel als sein Volk erwählt hat, der es über alles liebt und unter anderem aus der Gefangenschaft in Ägypten in die Freiheit geführt hat. Neben ihm gibt es keine anderen Götter – er ist der Höchste (Ex 20,2-3)! Nun ummantelt die braune Farbe – symbolisch die Kraft des Höchsten – die blauen Buchstaben. Seine Kraft ließ nicht nur ein starkes Ja! sagen, sondern bewegte darüber hinaus zum Lobpreis dessen, der diese übermenschliche Kraft geschenkt hat – damit das Unfassbare wahr wird: Gott wird Mensch. – In mir … denn mit dem Du! bin ja ich angesprochen! (vergl. dazu auch Angelus Silesius) Gott traut auch mir Großes zu!

Vernagelte Schrift

Hinter einem „Gitter“ von geknickten Nägeln zeichnet sich eine graue Handschrift auf der hellen Leinwand ab. Von Hand geschriebene Sätze, denen die Zahlen 43 und 44 vorangestellt sind und weitere Zahlen und Buchstabenabkürzungen folgen, sind mit langen Nägeln zugenagelt worden.

Der Umstand, dass kein Nagel in die Schrift geschlagen, sondern stets daneben angesetzt wurde, zeugt von einem Respekt vor der Autorität dieses Wortes. Erst in einem zweiten Schritt wurden die Nägel kreuz und quer über den Text gebeugt, so dass alle zusammen eine harte Gegenschrift aus Metall bilden, die sich wie ein Maschenzaun über das geschriebene Wort legt. Meistens bilden zwei Nägel zusammen ein X, als wollten sie die lebendige Schrift durchstreichen, unkenntlich machen, damit ihr Inhalt nicht wie ein Virus in die Köpfe und Herzen der Betrachter hinüberspringt.

Was steht denn geschrieben, dass die Worte auf so wenig Gegenliebe stoßen und versucht wird, sie zu beschmutzen – so könnten die schwarzen fleckenartigen Erscheinungen gelesen werden – oder sie sich wie durch ein Gitter vom Leibe zu halten?

43 „Ihr habt gehört, daß gesagt ist, “Du sollst deinen Nächsten lieben” (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: “Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen” 2. Mose 23,4.5 ; Lk 6,27.28 . a Röm 12,14.20 b Lk 23.34; Mt 5,43; Apg 7,60

Dieser Satz stammt aus der Bergpredigt (Mt 5-7), wie er von Matthäus im 5. Kapitel seines Evangeliums überliefert wird. Jesus richtet die Worte an seine Jünger und alle, die sich um ihn versammelt hatten, um zu hören, weil er nicht wie einer ihrer Schriftgelehrten lehrte, sondern mit einer ungewöhnlichen Autorität. Aufbauend auf die herkömmliche Unterweisung lehrte er sie die neue Gerechtigkeit der Kinder Gottes, also eine neue, zum Teil bis dahin als unehrenhaft geltende Form des Zusammenlebens. In seinen Sätzen ist eine Sprengkraft, die für viele unbequem, herausfordernd, vielleicht sogar so überfordernd ist, dass sie sich wünschen, die Worte Jesu nie gehört zu haben.

Die guten Menschen lieben – ja! Aber diejenigen, die einem Böses wollen, das geht zu weit. Doch Jesus setzt noch eins oben drauf: Bittet auch für diese Menschen, die euch verfolgen! – Haben nicht gerade sie unser Gebet nötig, damit sie Einsicht und Kraft erhalten, von ihrem Tun zu lassen, umzukehren und gute Menschen zu werden?

Der Künstler hat die zwei Sätze mit Anführungs- und Schlusszeichen als direkte Rede hervorgehoben. Mit dem Du richtet sich Jesus zeitlos auch an uns als Betrachter: „DU sollst deinen Nächsten lieben“, „Liebt [ihr] eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“.

Der über diese Worte gebeugte Nagelteppich lässt die Gewalt der Hammer-Schläge und den Druck der Mächtigen spüren, mit dem sie Menschen bedrängen, belasten und in die Knie zwingen. Der von Jesus angesprochene Feind und die bedrängende Verfolgung kommen im Symbol der gekrümmten Nägeln auf einmal beängstigend nah und machen die Überwindung erfahrbar, die es braucht, den zu lieben und für den zu beten, der mir das Leben schwer macht.

Wir sind da

Bescheiden stehen die drei Worte auf einer großen weißen Wand. Wer nicht achtgibt, läuft an ihnen schlichtweg vorbei. Bei diesen von Hand mit Fineliner auf die Wand geschriebenen Worten könnte es sich ja auch um eine Wandschmiererei handeln, um eine in jugendlicher Unbekümmertheit oder Frechheit angebrachte Botschaft. Dieses „Wir sind da“ steht im Zeitgeist von „Wir sind Deutschland“, „Wir sind Papst“ (Bildzeitung 20. April 2005) und einem „Yes, we can“ des amerikanischen Volkes. Doch wer ist „wir“? Geht es dabei um ein Volk? Und wo „sind“ diejenigen, die „da“ sein sollen? Auch derjenige, der geschrieben und diese geheimnisvolle Spur hinterlassen hat, ist nicht mehr da.

Mit diesen drei Worten werden gleichzeitig Anwesenheit und Abwesenheit angesprochen. Die Worte zeugen von einer Gegenwart, von einer spürbaren Präsenz. Aber sie verbirgt sich namenlos hinter den drei Worten „Wir sind da“. Dennoch geschieht hier Offenbarung. Offenbarung, die einerseits an die Selbstkundgebung Gottes in der Wüste erinnert, als sich Gott dem Mose aus dem brennenden Dornbusch heraus als „Ich bin der ICH BIN DA“ mitgeteilt hat (Ex 3,14).

Andererseits mag der Schriftzug in seiner mysteriösen Erscheinung an die Warnung Gottes an den König Belschazzar (mene mene tekel uparsin) erinnern, die der Prophet Daniel übersetzen muss, damit der König sie versteht (Dan 5). Allerdings wird in unserem Fall kein drohendes Unheil verkündet. Vielmehr kann das „Wir sind da“ als ein Statement gelesen werden, als eine Einladung. Wir sind da. Du kannst nun kommen. Du bist herzlich willkommen.

„Ganz offensichtlich ist dieser Schriftzug nicht die Präsenzfanfare aus dem Munde eines Pluralis Majestatis, sondern die Bekundung auf einer Art Notizzettel in einem sehr vertrauten Kontext.“ (J. Rauchenberger) Diese Präsenz ist für alle da, gerade auch für die kleinen Leute (vgl. Mt 5,3-12).

Es bleibt die Frage nach dem „Wir“ in dieser Kundgebung. Geschah die Ich-Aussage Gottes zur Zeit Mose in einem polytheistischen Umfeld, in dem es darum ging, den einen wahren Gott zu manifestieren? Entstand die Wir-Aussage zu Gott im Rahmen eines Kunstwettbewerbs, in dem neue künstlerische Positionen zum Thema Trinität gesucht wurden? Im „Wir“ fasst der Künstler Markus Wilfling die vor gut 2000 Jahren sich herauskristallisierende christliche Glaubenserkenntnis zusammen, dass der eine Gott sich uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart und für uns da ist. So steht das „Wir sind da“ voll und ganz in der christlichen Tradition und verkündet doch hochaktuell den mit keinem unserer Sinne fassbaren Gott, obwohl er in seinem Wesen durch und durch dem Menschen zugewandt ist.

In seiner radikalen Einfachheit hört sich das „Wir sind da“ auch wie ein Werbeslogan an. Ganz schlicht tönt er, ohne bildliche Darstellung und ohne in die Augen springende Farbe. Die drei Worte werben nicht für etwas Materielles, das man kaufen kann, sie kommen auf einer tieferen Ebene an. Sie scheinen einen Widerhaken zu haben, der sich im Gedankengut des Lesers einnistet zu einer selbstverständlichen, stärkenden Gegenwart. – Doch brauche ich eigentlich diese verborgene Präsenz dessen, der da ist und keine leeren Worte macht, sondern hält, was er verspricht? Brauche ich diesen: „Wir sind da“?

Gottesmutter – Menschensohn

Abstrakt und mit einfachen Formen und Farben erzählt dieses Bild dem interessierten Betrachter seine Geschichte. Eine Geschichte, die von der Spannung der beiden Bildhälften und dem Geschehen in ihrer Mitte lebt. Die blaue Farbe steht im Gegensatz zum feurigen Rot über ihr. Und beide scheinen sich seitlich und nach oben oder unten endlos auszubreiten. Doch in der Bildsituation begegnen sie sich als stille Förderer und Zeugen einer einzigartigen Begegnung, die sich zwischen der tiefen weißen Schale und dem goldenen Quadrat ereignet. Von der waagrechten weißen Trennlinie unsichtbar gehalten, scheint es in der bewegten Offenheit des Halbkreises zu schweben und gleichzeitig in seiner Mitte zu ruhen: Von oben geschenkt, von unten empfangen, von beiden gehalten.

Doch von wem oder was ist hier die Rede? Was haben die Symbole und Farben zu bedeuten? Die horizontale Zweiteilung weist auf Himmel und Erde hin, das satte Rot auf die leidenschaftliche Liebe Gottes, die sich im Lichtstrahl kraft des Geistes offenbart und nach unten in die weiße Schale ergießt. Im tiefen Blau kommt unsere Erde als blauer Planet zur Sprache. Die Farbe kann aber genauso als Symbol für das Wasser als schöpferischer Ursprung allen Lebens gedeutet werden wie für den unergründlichen Glauben. In dieser Schöpfung nimmt der nach oben offene Halbkreis eine Sonderstellung ein. Durch die weiße Farbe wird Reinheit angedeutet. An der Oberfläche getragen und sich ausbreitend, kommt immerwährende Offenheit und Bereitschaft zum Ausdruck, das Göttliche in sich zu empfangen, aufzunehmen und zu bewahren.

So wird die vorbildliche Haltung Mariens dargestellt, ihr JA auf Gottes An-Spruch in die Zeit, dass sein ewiges WORT in ihr Menschengestalt annehmen solle. Für IHN steht das goldene Quadrat in der optischen Mitte des Bildes. Gold steht dabei für das Göttliche, Unvergängliche, Höchste, die Quadratform für seine irdische Gestalt. Ganz Gott und ganz Mensch vereint er Himmel und Erde, bringt er allen Orientierung und Frieden, die ihn wie Maria in sich aufnehmen und ihm Wohnung geben. In ihnen erfüllt sich, was Jesus zu Beginn der Bergpredigt verkünden sollte: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,3.8)

Einfach
und voll Spannung
unten und oben
nicht einerlei.
Die Erde
Werk des Schöpfers
unten elementar ausgestreckt.
Feuer der Liebe
Fülle des Geistes von oben
darin verborgen-offenbar
ein Strahl von Licht
aus der Höhe nach unten.
Die Schale,
offen und horizont-weit
eingesenkt in die Welt
erhoben darüber hinaus für das Licht
reine, lichte Offenheit
„immerwährende Empfängnis“.
Das Ewige WORT
empfangen
von Maria, der Jungfrau:
Ja.
Maria, Gabe an die Welt
Zuwendung Gottes
An-spruch in die Zeit
reine Empfängnis
Geschenk zur Freiheit
WORT von oben:
„Gott-mit-uns“
Ant-wort von unten:
„Mir geschehe nach deinem Wort“
für die Welt.

(Lyrik von P. Meinulf Blechschmidt in Sehen – Glauben – Leben. Gedanken zum Glaubensbekenntnis, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2007, S. 19, ISBN 978-3-87071-166-5)

Das Wort

Es ist als solches nicht zu erkennen, das gezeigte Wort. Doch im Focus des Betrachters steht, den Horizont schneidend, ein weißer Kreis. Und hinter ihm erhebt sich eine Diagonale, die knapp vor dem oberen Bildrand aufhört, um in einer weiteren Schrägen rechts unten mit einem roten Sechseck zu enden. Das sind Zeichen, aber sind es auch Schriftzeichen? Ergeben sie ein Wort, ja das Wort?

Am Anfang war das Wort, schreibt der Evangelist Johannes in seinem Prolog. Es ist vom Himmel gekommen, die Wesensmerkmale des „Himmels“ in sich tragend: göttliche Vollkommenheit, ewiges Licht, ohne Anfang und ohne Ende zu sein wie ein Kreis. Doch gleichzeitig ist es zur Erde gekommen, eingetaucht in unser Dunkel, Mensch geworden mit Anfang und Ende, allen Charakteristika der Vergänglichkeit.

Das Licht vom Himmel leuchtet in eine graue Welt, Freiraum schaffend, ja einen Durchgang. Das lichte Wort, Jesus, ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, er ist die enge Tür, die in die Weite führt.

Sein Wort ist Orientierung und Maßstab, scheidet in gut und verwerflich, bewirkt Leben. Er schafft die vor und nach ihm gesprochenen Worte nicht ab, er erfüllt sie und die daraus neu entstandenen Gesetze. Er ist das Alpha und das Omega, der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Aus seinem Mund kam das erste, die Welt erschaffende Wort, ihm wird das letzte, die Welt richtende Wort zugesprochen. Sein Wort ist vollkommen. Groß und mächtig steht es zwischen Himmel und Erde. Es ist ein menschliches Wort, ein für uns verständlich gesprochenes Wort, das deshalb seine Fundamente tief in die Erde gerammt hat. Und da haben es auch die Verwundungen der Welt erfasst. Wie ein vom Druck der Erde gehärteter Edelstein leuchtet im roten Sechseck die einzige Farbe im Bild. Es erinnert an das Leiden Jesu: seine Verurteilung durch die vielen menschlichen Worte, das blutige und tödliche Festnageln am Kreuz, seine Grablegung, aber auch seine Auferstehung von den Toten sind herauszuspüren aus dieser klar umrissenen Form.

Gottes Wort hat durch Jesus eine feste Verankerung auf der Erde, die symbolisch für die Erde unserer Herzen steht. Ihm bietet es Perspektive und Orientierung, die über den Horizont hinausgehen, ja den Blick für das Überirdische, Metaphysische und Göttliche öffnen.

Buchstäbliche Auflösung

Unzählbar viele Buchstaben türmten sich im November 2007 in der evangelisch-reformierten Kirche in Zürich-Witikon vor dem Besucher auf einer großen schwarzen Metallplatte auf. Die Buchstaben waren als Suppeneinlagen allen bekannt, vom Aussehen her sogar vertraut.

Aber das Auftauchen der Suppenbuchstaben in der Kirche war doch verwirrend. Wieso Suppenbuchstaben? Warum diese Anhäufung? Lose liegen die einzelnen Buchstaben unter-, über- und nebeneinander. Der Zufall hat kein Wort ergeben. Ohne menschliches Zutun haben diese Buchstaben ebenso wenig eine geistige Bedeutung wie die Buchstaben in einer Suppe.

Da die Suppenbuchstaben in einer Kirche – und erst recht einer Kirche der Reformation – angehäuft wurden, drängt sich die Vermutung auf, dass sie etwas mit DEM Wort zu tun haben: dem Wort Gottes. Tatsächlich wurden alle Buchstaben in der neuen Zürcher Bibel gezählt und durch die entsprechende Anzahl eines jeden Buchstabens als Suppenbuchstaben auf der Metallplatte, auf der jedes Jahr das Osterfeuer brennt, sichtbar gemacht. Am meisten kommen die Buchstaben E und G vor (571.347 x), am seltensten das X (144 x).

3.402.248 Buchstaben sind eine beeindruckende Anzahl. Doch das kann nicht alles sein. Ohne den ordnenden und sinngebenden Rahmen der biblischen Bücher wären sie bedeutungslos. Es muss also einen weiteren Grund geben, dass der Künstler die Aktion in einer Kirche durchgeführt hat. Noch haben wir nicht hinterfragt, warum der Künstler Suppenbuchstaben verwendet hat. Um die Anzahl zu visualisieren, hätte er die Buchstaben der Bibel auch ausstanzen oder in einem anderen Material sichtbar machen können.

Suppenbuchstaben sind zum Essen vorgesehen. Sie wollen verzehrt werden. Und darum ging es auch Hans Thomann. Er wollte die Gemeinde darauf aufmerksam machen, dass die Texte der Bibel nicht nur gelesen, sondern verinnerlicht, angeeignet werden, immer mehr wesentlicher Bestandteil von uns werden. Interessanterweise entspricht das Gewicht der 3,4 Millionen (Suppen)Buchstaben der Zürcher Bibel mit 74,875 kg ungefähr demjenigen eines „durchschnittlichen“ Menschen. Wie DAS Wort in Jesus Christus Mensch geworden ist, soll auch Gottes Wort in der Heiligen Schrift in uns Gestalt annehmen, uns immer mehr zu seinen Menschen gestalten.

Der Anspruch geht damit weit über den Brauch der sogenannten Fresszettel hinaus, bei dem kleine Stücke aus den Seiten der Bibel herausgerissen und gegessen wurden, um die Genesung der Patienten zu fördern. Im Rahmen des Martinimahls und dreier Suppentage im Januar wurde die Gemeinde eingeladen, sich die Bibel einzuverleiben.

Ein schönes Symbol, das viele Parallelen zur Bibelmeditation aufweist. Die Buchstaben müssen eingeweicht, essbar gemacht werden, so wie die Bibeltexte gelesen werden und ihnen ein Sinn abgerungen wird. Oft ist dabei ein wiederholtes Lesen notwendig, ähnlich dem (Wieder)Kauen im Geiste, dem Hin- und Herbewegen, um seine Bedeutung für mich zu verstehen. Dabei werden die Worte und einzelnen Buchstaben aufgelöst und erhalten – ihrem Ziel zugeführt – in Leib und Seele eine ganz neue, individuelle Bedeutung, die durchaus stärkend und heilsam sein soll.

Vertrauen – Verwandlung

Die Thematik dieses Bildes ist mit den römischen Schriftzeichen LK XXIII, XLVI und den großen Buchstaben PATER, IN MANUS TUAS eigentlich klar auf die Leinwand geschrieben. Sie verweisen auf die letzten Worte Jesu im Lukasevangelium: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23, 46).

Doch weder ein Kreuz noch ein Gekreuzigter sind zu sehen. Stattdessen eine lichtvolle Erscheinung, die aus einer rechteckigen Form in einen wie von Flammen erfüllten Himmel aufzusteigen scheint. Ebenso erregen eine gelbe Senkrechte im unteren Bereich, ein roter Balken am oberen Bildrand, zwei gemalte Nägel, zwei spiegelverkehrt geschriebene Worte sowie zwei am rechten Bildrand gezeichnete Kreuze die Aufmerksamkeit. Die verschiedenen Zeichen sind in eine fast rechteckige Form eingebettet, deren Seiten im oberen Teil leicht hervorstehen und dadurch ein T-förmiges Kreuz andeuten. Es geht also wohl um die Kreuzigung.

Erinnert die fleischfarbene pastose Form rechts unten nicht an einen menschlichen Körper, der durch einen roten Punkt als Verwundeter gekennzeichnet ist? Die violette Farbe lässt noch das Leiden spüren, dem er ausgesetzt ist. Aber seine Form lässt an einen Baumstumpf denken, dem Zeugen und Überbleibsel eines einst mächtigen Baumes. Alles Leben ist aus ihm gewichen, so scheint es. Doch in Anlehnung an das Heilswort von Jesaja 11,1 wächst zärtlich etwas Neues, etwas wie ein Trieb oder auch ein Gebäude aus diesem Baumstumpf hervor. Dieses nur bei genauem Hinschauen Sichtbare ist von einer wunderbaren Lichterscheinung umgeben und in eine nochmals neue Gestalt überführt. Eine Andeutung auf die Kirche, die aus ihm entstanden ist?

Es ist, als würde der Körper den Worten folgen, die Jesus voll Vertrauen am Kreuz gebetet hat und die sich bereits im feurigen Rot des Himmels verlieren. Die väterliche Liebe ist der Halt, an dem sich Jesus festhält. Dafür könnte der rote Balken stehen, der das Bild am oberen Bildrand horizontal durchquert. Unmittelbar darunter steht mit PATER, IN MANUS TUAS der Anfang der letzten Worte, die Jesus aus der größten menschlichen Tiefe gleich einem Rettungsanker betend zu seinem Vater im Himmel hinaufgeworfen hat: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

Das Vertrauen erschließt sich aus dem zweiten Teil dieses Psalmverses (31,6), in dem es heißt: „… du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.“ Der lanzenförmige Lichtstrahl, der nach unten immer stärker wird, mag die erlösende Gnade Gottes darstellen, assoziiert aber auch einen leuchtenden Hirtenstab, der dem gegeben wird, der durch die dunkle und verlassene Schlucht gehen muss: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ (Ps 23,4) Oder leuchtet in dieser gelben Linie gar als Zeichen des Sieges das verherrlichte Kreuz auf, dessen Querbalken mehr erahnbar als sichtbar ist?

Auch die zwei rostigen Nägel, die zur Hälfte über einem Kreis liegen und sich durch ihren Schatten geheimnisvoll von der Leinwand abheben, scheinen über die Kreuzigung hinausweisen zu wollen. Ihre leichte Krümmung lässt ein J und ein C in ihnen erkennen, die Anfangsbuchstaben von Jesus Christus. Oberhalb und unterhalb von ihnen sind ebenso mysteriös „tse“ und „mudrev“ der Leinwand eingeschrieben, was spiegelverkehrt als EST VERBUM lesbar ist. Diese Botschaft ist uns von der „anderen Seite“ gegeben und sichtbar gemacht worden. Jesus IST das WORT, das von Anfang an bei Gott war und in die Welt gekommen war, um allen Menschen Licht zu sein (Joh 1,2-3.9).

Auch wenn Jesus nach den letzten Worten den Geist ausgehaucht hatte, der ihm von Beginn seiner Menschwerdung und explizit bei seiner Taufe gegeben war (Lk 3,22), bleibt sein Wort bestehen. So luftig und transparent die Farben aufgetragen sind, so lebendig und feurig werden sie – wie er selbst gesagt hat – weiterwirken: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“ (Joh 5,24)

> weitere Informationen zum Zyklus “Sieben Kreuze zu den letzten Worten”