überschattet

Eine horizontale und eine vertikale Bewegungen kreuzen sich. Es ist ein Aufeinandertreffen einer fließenden Landschaft und einer menschlichen Erscheinung. Nicht neben- oder hintereinander, sondern einander durchdringend, quasi durch das andere Element hindurchgehend ohne sich – wie bei der Durchdringung von Wasserwellen – gegenseitig im jeweiligen Fluss aufzuhalten oder zu behindern.

Die horizontale Bewegung ist durch ihre farbliche Intensität stärker als die lineare Erscheinung in der Mitte. Die leuchtenden Farben und die leichte Schwingung haben etwas Warmes, Energetisches und Beschützendes an sich. Das dunkelgrüne Band wird oben und unten von dunklem Blau begleitet, während darunter Magenta und Rot wie Magma unter einem Vulkan glühen.

Die vertikale Bewegung erhebt sich breit abgestützt aus diesem glühenden Bereich, wobei eine Diagonale von rechts unten nach links oben für zusätzliche Dynamik sorgt. Zunächst wirken die in einer bestimmten 2021_Bernd_Nestler_Licht_Art_FIN_1 geschaffenen Linien abstrakt bewegt, dann ergeben sich allerhand konkrete Assoziationen bis plötzlich der schräg geneigte, aufmerksam blickende Kopf sichtbar wird, der auf breiten Schultern ruht. Es scheint ein inneres Schauen zu sein. Wie bei einem Vexierbild erscheint rechts oben ein kleinerer Kopf, der nach rechts blickt. Somit wird auch hier ein weiteres Durchdringen angezeigt.

Der Bildtitel “Die Sehnsucht des Geistes”  verrät einen Bezug zur Verkündigung an Maria. Auf die Ankündigung des Engels, dass sie schwanger werden und einen Sohn gebären werde, fragt Maria zurück: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ (Lk 1,34f) Was bedeutet „die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“? In diesem Glaskunstwerk kommt der Heilige Geist nicht im traditionellen Symbol einer Taube zu Maria, sondern senkt sich wie ein engergiegeladener Nebel vorübergehend über und auf Maria.

Obwohl der Schatten nichts Wesenhaftes ist, gehört er biblisch gesehen zu den großen Wundern Gottes. Er bietet Kühlung und Schutz (vgl. Ps 36,8; 63,8) und ist als Abbild eng mit dem Wesen des Schattenspenders verbunden. Im der hebräischen Sprache lautet das Wort für Schatten – tsêl ähnlich wie das Wort für Bild – tselem. Die Überschattung Mariens steht dadurch in direktem Bezug zur Erschaffung des ersten Menschen, den Gott „als sein Bild“ – tselem erschaffen hat (Gen 1,27). Jesus ist der neue Adam, Gottes Neubeginn mit den Menschen. In Jesus offenbart Gott bis zum Tod am Kreuz (vgl. Hebr. 5,19) seine glühende Liebe zu uns Menschen, sein wahres Wesen. Moses hatte das Verlangen, Gott zu schauen, doch Gott verhüllte sein Angesicht. Gott hat Maria seinen Sohn als seinen Schatten geschenkt und sich damit gleichzeitig uns allen in ganzer Herrlichkeit offenbart.

Im Bild von Bernd Nestler legen sich die einzelnen Schichten wie ein sanfter Schleier auf und um die Schultern Mariens. Sie erfährt nicht nur das Vorrecht, sich im Schatten Gottes aufhalten zu dürfen, sondern auch von ihm nach und nach so durchdrungen zu werden, bis Sein Bild in ihr Menschengestalt angenommen hat: Die Liebe und das Leben selbst.

Der Schrei

Auf einer kleinen Anhöhe streckt sich in weißes Licht getaucht der gekreuzigte Schmerzensmann nach oben zum Schrei. Man meint die Worte aus dem Psalm 130 (1-2,5) zu hören: „Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir: Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade. … Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“

Der expressive Bildaufbau führt zu diesem Schrei in der oberen Bildmitte und konzentriert sich in ihm. Von rechts unten führen – die Oberkanten der blauen und grünen Elemente verlängernd und verbindend – Linien im Zickzack treppenartig nach oben. Ähnlich laufen die Verlängerungen der Seitenkanten der blauen und grünen Elemente von unten kommend im Kopfbereich zusammen und kreuzen sich dort.  Auf diese Weise erreicht die ganze Schöpfung mit allem Leben, Leid und allen Schmerzen in diesem gewaltigen Schrei einen einzigartigen Höhepunkt. Die flammend rote Farbe intensiviert den Schrei zum gequälten Aufschrei eines Gefolterten, eines ungerechterweise Höllenqualen Erleidenden, der die Schuld der ganzen Welt auf sich nimmt.

Als Antwort auf diese himmelschreiende Ungeheuerlichkeit finden sich im Bild drei Reaktionen: Rechts oben zeigt sich der Kopf einer Person, die schweigend im Beobachterstatus verharrt. Das rundliche Gesicht könnte auch der verdunkelten Sonne oder Gott Vater gehören, der in sich gekehrt seinem Sohn beisteht, aber nicht in das Leiden eingreift. Im gleichen Weiß wie bei der gezackten zentralen Form schreit links ein Pfau mit dem Gekreuzigten und verstärkt den Schrei von Seiten der Tierwelt. Unter dem Kreuz, es gleichsam mit ihrem Leib umfassend – denn Knie und Ellbogen berühren sich fast – findet sich kniend eine junge Frau, die in ihren Händen ein Tuch mit dem Abdruck eines traurig blickenden Gesichtes hält. Dem Tuch nach wäre die Frau Veronika, in der Tradition wird aber Maria Magdalena weinend unter dem Kreuz dargestellt. Wie auch immer verkörpert die Frau die zutiefst Betroffene, Trauernde, Mitleidende.

Mehrere Bildelemente weisen symbolhaft über den Schrei der Verlassenheit und die letzte Verlautbarung (vgl. Mk 15,34.37) des Gekreuzigten hinaus: Das maskenhaft wiedergegebene Gesicht auf dem Tuch verweist auf die Doppelnatur der Person Jesu („Person” stammt vom lateinischen „personare“, dem „Hindurchtönen“ der Schauspielerstimme durch die Maske, die seine Rolle charakterisiert). In der menschlichen Gestalt Jesu leidet der Sohn Gottes und in diesem Leiden und Sterben leiden und sterben auch die anderen beiden Personen der Dreifaltigkeit, die untrennbar mit ihm verbunden sind. So kann am linken oberen Bildrand in der verkrampften Hand auch ein zur Mitte gewandtes gefiedertes Wesen – eine Taube –  als Symbol für den Heiligen Geist und auf der anderen Seite das Sonnengesicht als Symbol für Gott-Vater gesehen werden. Jesus leidet in dieser Sichtweise inmitten der Dreifaltigkeit und sein Schrei ertönt im Anblick und Angesicht seines Vaters. Die Palmen und Pflanzenelemente erinnern nicht nur an den Einzug in Jerusalem, sondern deuten auch den bevorstehenden Einzug in das himmlische Paradies, ins himmlische  Jerusalem an (vgl. Lk 23,43). Erich Schickling hat die Kreuzigung zudem in eine Mandelform gemalt (zu sehen sind die „Klammern“ der Mandorla), um die Bedeutung des Kreuzestodes als Übergang und „Geburt“ in diese neue, göttliche Welt zu offenbaren, in der Gott „alle Tränen von ihren Augen abwischen wird: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,4)

So trägt der stumme Schrei Jesu stellvertretend das Leid der Welt weiter durch das Bild und über das Bild hinaus in die Ohren Gottes: im Rot die hilflose Wut, all das vergossene Blut, das verlorene Leben, die geopferte Liebe. Im Grün die fragmentierte, zerbrochene Hoffnung, die gegen alle Hoffnung hofft. Im Dunkelblau am Fuße des Kreuzes die Treue der Liebenden, der Glaube, dass nichts verloren geht und die Liebe über den Tod hinaus Früchte trägt (vgl. 1Kor 13,13). Und im Weiß des Gekreuzigten und des Pfaus als Sinnbild des Himmels darf bereits das Licht der Auferstehung aufleuchten. Denn kein Schrei verhallt unerhört in Gottes Ohren, denn „beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle“. (Ps 130,7)

 

Im Pfarrhof Gempfing sind in Verbindung mit der Stadtpfarrkirche St. Johannes Rain am Lech anlässlich des 10. Todestages des Künstlers Hinterglasbilder, Temperabilder, Kreuzwege, Entwürfe zu Glasfenstern ausgestellt. Vernissage ist am Sonntag, 13. März 2022 um 16 Uhr. Anmeldung bitte unter 09090-1346. Danach jeden Sonntag bis Ostermontag (außer Ostersonntag) von 14-17 Uhr geöffnet.

Begnadeter Ein-Klang

Gott zu loben und zu preisen muss König Davids zweite Natur gewesen sein. Von den gut 150 biblischen Psalmen werden knapp die Hälfte ihm zugeschrieben. In einem einfachen roten Gewand und einer Krone auf dem Kopf spielt er mit erhobenen Händen auf der geschulterten Harfe. Barfuß steht er im nächtlichen Mondschein vor Gott, demütig alles von Ihm erwartend. Er weiß als Geliebter Gottes (David bedeutet im Hebräischen: Geliebter), dass sein Königtum unverdient, reine Gnade, Geschenk ist.

Erich Schickling hat David als einen von Gott Ergriffenen, mit seinem Geist Beseelten, Beschenkten und Gesalbten dargestellt, der als Auserwählter nicht anders kann als in Seinem Auftrag zu handeln und Ihn zu verkünden.

Feuerszungen fallen hinter David vom Himmel, die Linien bis in die Beine fortführend, die Arme emporhebend, das Instrument ins Licht haltend, damit das Licht selbst die Saiten zum Klingen bringe im Einklang mit dem menschlichen Handeln. Der Mensch im Einklang mit Gott wird ganz durchsichtig auf Ihn und Er wiederum für uns Menschen. So geht ein sonnengleiches Leuchten von diesem Harfenspiel aus, eine Ausstrahlung mit großer Verwandlungskraft. David selbst ist das beste Beispiel dafür: sein rotes Kleid ist Ausdruck der Kraft Gottes, in der er selbst Feuer und Flamme für Gott ist.

„David weiß sich von der Melodie des Lebens, von Freude und Leid gleichermaßen geführt und getragen. Und er muß singen und danken und musizieren! Selbst als er in Sünde fällt, tief bereut und seinen ersten Sohn verliert, weil er sich die Bathscheba (hebräisch: „Tochter der Sieben“, d.h. Tochter der Schöpfung) genommen und deren Mann Uriach in den Tod geschickt hat, hört er nicht auf, Gott zu preisen. Und Gott schenkt ihm den Sohn Salomo, dessen Name heißt: der Vollkommene, der Friedensbringer.“ (Erich Schickling)

So wie der Anblick der „sehr schönen“ Batseba  (vgl. 2 Sam 11; 12,24) das Leben von David tiefgreifend verändert hat, geschah es auch mit der unerwarteten Salbung durch den Propheten Samuel. Schickling hat das Ereignis als drittes wichtiges Momentum im Leben Davids neben ihm im Hintergrund dargestellt. „Da sagte der Herr: Auf, salbe ihn! Denn er ist es. Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David …“ (1 Sam 16,12f) Der von Gott geführte und deshalb rot gekleidete Samuel gießt das Öl über dem knienden und mit gekreuzten Armen seine Demut zeigenden David aus. Schafe deuten an, dass er von der Herde weg zu einer größeren Hirtentätigkeit berufen wurde. Schickling hat die Szene unter einen Baum wie in einer Grotte verortet, dessen Krone wie die Finger einer schützenden Hand über dem Geschehen wirkt: „Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.“ (1 Sam 16,13)

Erich Schickling hat die herausragende Gestalt nicht nur in bildfüllender Größe dargestellt, sondern auch als Menschen, der in der Gnade Gottes über sich hinauswachsen durfte zu einem ganz besonderen Menschen auf dieser Erde. So fließt der gelbe Lichtstrom der Gnade von Gott-Sonne-Mond aus über die „Segenshand“, das Horn und das Öl durch den knienden David und entfaltet als Spur seiner Schritte links unten auf dem Erdenrund, auf dem er steht, als auch im Handeln im Einklang mit Gott seine Wirkung. Die Gnade gemäß Gottes Wort „kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.“ (Jes 55,11)

Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von all seinen Wundern und singen seinen Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in dir. Halleluja!
(GL 400, EG 272)

 

In der Zusammenschau dieses Hinterglasbildes mit Texten von und über Erich Schickling lässt sich erahnen, wie sehr sich auch der Künstler als Berufener, im Auftrag Gottes Stehender verstand. Deshalb gleich einem Nachklang folgende Zitate:

„Denn trotz seines Brennens für die Malerei in ihrer ganzen Sinneshaftigkeit und seines immensen Fleißes war eine „L‘art pour l‘art“ Erich Schicklings Sache nicht. Ihm ging es um den Inhalt, er hatte eine Botschaft. Und die wollte, ja musste er mit anderen teilen. Der hat er sich selbst unterstellt. Und dafür wollte er sich von den größten Geistern seiner Zeit wachrütteln lassen, diesen Hunger nach Erkenntnis zu nähren, nach oben zu blicken, sich am Wahrhaften und Göttlichen abzuarbeiten, dies war sein immerwährender Antrieb: im Malen, im Pflanzen, im Bauen, im Sprechen.“ (Ulrike Meyer, Katalog 5, S. 5)

„Wer immer ES begegnet, wird auf einen Menschen treffen, der in ungewöhnlicher Weise erfüllt ist vom Mysterium des Glaubens, dem Wunder der Schöpfung, dessen Herz davon voll ist und dessen Mund davon überfließt.“ (Lydia Maidl, Katalog 5, S. 8)

Seine Bilder seien „nicht ersonnen, nicht geschaffen, nicht komponiert, vielmehr ihm geschenkt worden“, pflegte Erich Schickling zu sagen. (Katalog 5, S. 32)

Link zur Erich-Schickling-Stiftung bei Ottobeuren im Allgäu

ER!

Eine halbgeöffnete Hand und wenige Worte bilden im Zentrum des Glasfensters von Angelika Weingardt – über dem Taufstein in der evangelischen Ulrichskirche von Weissach – den geheimnisvollen Hinweis auf einen unsichtbaren Dritten. Von oben nach unten führt die Bewegung des zweigeteilten Textes „es kommt einer nach mir“ – „der vor mir war“ (Joh 1,30) zwischen den beiden Hauptdarstellern hindurch. Die fotografische Wiedergabe von Menschen in einfacher Kleidung unserer Zeit weist auf eine Vergegenwärtigung des Geschehens zur Zeit Jesu hin. Trotz ihrer realistischen Präsenz entziehen sich die beiden Personen einer eindeutigen Identifikation durch die vom Bildrand verdeckte Hälfte. Dennoch kann über die geöffnete, „sprechende“ Hand und die räumliche Nähe der Worte zur größeren, bärtigen und älteren Person diese als Johannes der Täufer gesehen werden. Durch seine hinweisende Hand ist er als der Handelnde ausgewiesen. Seine rötliche Aura könnte auf den roten Sand der Wüste oder vielmehr auf seine Be-Geist-erung für die Sache Jesu deuten. Sein Gegenüber hingegen wird durch die schwarzgraue Kleidung und die in sich gekehrte Haltung als Empfangender und durch die blaue Aura vorrangig auch als ein durch die Taufe neu in die Glaubensgemeinschaft Eintretender dargestellt.

Die Worte des Täufers rufen also die Taufsituation in Erinnerung und man ist versucht, Jesus personifiziert in der Gestalt des jungen Mannes zu sehen. Doch die Worte des Täufers stellen Jesus als den Größeren und Wichtigeren unsichtbar und unmittelbar an die Seite des Täuflings. Dieser wird auf den Namen des Gottessohnes getauft werden, „der ist, der war und der kommt“ (Offb 1,8). Somit verweist der zweite Teil der Johanneischen Worte, dass der Nachfolgende schon vorher existent war, auf das nicht mit dem Verstand zu entschlüsselnde Geheimnis der überzeitlichen Omnipräsenz Jesu, an dem der Getaufte teilhaben wird.

Die diffus und mit niedrigem Horizont angedeutete Landschaft zwischen den beiden Männern lässt einen Baum erkennen und dahinter einen See. Das lässt die beiden Männer schwerelos erscheinen und erhebt sie in eine überirdische Sphäre. Ihre Köpfe ragen denn auch in das klare Weiß des Himmels, als wolle damit ihre geistige Verwurzelung in Gott als Quelle ihres neuen Lebens betont werden. In der pfeilförmigen weißen Erscheinung im Rundbogen des Fensters ist man versucht eine unauffällige Taube als Symbol für den Heiligen Geist zu sehen. Stärker jedoch verbindet ein gelber Bogen ihre Köpfe. Er wirkt als Licht- und Kraftbogen einer geistigen Verbundenheit, der im Dreiklang mit den geheimnisvollen farblichen Auren gleichzeitig die göttliche Dreifaltigkeit anklingen lässt: Rot: Vater/Liebe. Blau: Sohn/Glaube und Treue. Gelb: Heiliger Geist/Hoffnung und Erleuchtung. Denn Getauft-Werden bedeutet: Aufnahme in die ganze dreifaltige Wirklichkeit.

Die beiden ausgestreckten Finger des Täufers bleiben bei all diesen Gedanken präsent. Der Daumen weist auf den Täufling und alle Getauften, der Zeigefinger auf die Worte „der vor mir war“ am unteren Rand des Fensters, um allen in Erinnerung zu rufen, dass die Taufe ein Geschenk, der Glaube an Gott eine Gnade ist und wir wie Johannes nicht würdig sind, die Riemen seiner Sandalen zu lösen (vgl. Joh 1,27). Die zeigende Hand ist der Hinweis, wachsam zu sein auf sein Kommen. Denn: „Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt“ (Joh 1,26b). Doch Johannes der Täufer hat den Gottessohn erkannt und ihn uns gezeigt, damit ER durch seinen Heiligen Geist in unserem Leben für alle Menschen sichtbar offenbar wird.

Himmlische Aussichten?

Rote, blaue und gelbe Farbmuster ziehen sich über die drei Chorfenster der Kirche der Benediktinerabtei St. Mauritius in Tholey. Jedes Fenster ist vertikal mit zwei nahezu identischen Fensterspalten gestaltet. Gleichwohl bilden sie ein Spiel von warmen Farben und durch horizontale und vertikale Spiegelungen sich wiederholende Motive. Ohne etwas Konkretes darzustellen entstehen kaleidoskopartige Muster. Wie farbige Röntgenbilder unbekannter Welten gliedern sie die hohen Fensterflächen in klar erkennbare und doch auch unscharfe Formen. Durch das Teilen, Spiegeln und Wiederholen werden die einzelnen Motive aufgeklappt, vervielfältigt und offenbaren so in einem fantasievollen Form- und Farbenspiel neue Strukturwelten und Ornamente.

Die Glasfenster sind der Abschluss und Höhepunkt einer langjährigen intensiven Beschäftigung Gerhard Richters mit seinem abstrakten Gemälde, das die Werkverzeichnisnummer 724-4 trägt. Bei der digitalen Bearbeitung wurde das Bild systematisch geteilt, gespiegelt und vervielfältigt, was letztlich zu seinen bekannten Streifenbildern führte. Die Entwürfe der Fenster gehen auf fünfzehn Motive eines Zwischenschrittes in diesem Entfremdungsprozess zurück (16mal geteilte Serie), die für die Chorfenster wiederum vertikal als auch horizontal gespiegelt wurden. Durch diesen Prozess sind aus einem Bild mit komplexen Zufälligkeiten wieder geordnete, „sinnhafte“, ornamentale Muster entstanden.

Ein ähnlich kompliziertes und innovatives Verfahren wurde auch bei der Umsetzung in Glas angewendet. Dabei unterstützte die digitale Bildbearbeitung das tradierte kunsthandwerkliche Können, um durch drei übereinander liegende, in unterschiedlichen Techniken kleinteilig bearbeitete Glasschichten den Entwurf Richters adäquat in die Fenster übertragen zu können. Nun fällt das Licht durch die von zahlreichen kreativen Schaffensprozessen geprägten „Schöpfungsfenster“ in den Chorraum, kleidet ihn in farbiges Licht und taucht den Altarbereich in eine mystische Atmosphäre.

In der Zusammenschau bilden die beiden seitlichen Fenster eine das Mittelfenster umrahmende und hervorhebende Einheit. Durch die helleren Farben und die zentrale Anordnung erzeugt das mittlere Fenster eine besondere Tiefe und Faszination. Die warmen Rot- und Goldtöne und die um ein Feld erhöht platzierte Mitte der Motive verleihen ihm eine herrschaftliche oder gar königliche Ausstrahlung. Im Gegensatz zum fließenden Verlauf der Seitenfenster strukturieren das Mittelfenster vier dichte Motivgruppen, die Brennpunkte mit dazwischenliegenden Übergängen schaffen. Dadurch wirkt das Mittelfenster wie eine Aussicht in himmlische Sphären und suggeriert eine goldene Treppe oder Leiter, die symbolisch auf das Herabsteigen Gottes in unsere Welt und gleichzeitig auf sein erhebendes Heilswirken hinzuweisen vermag.

Die Glasfenster von Gerhard Richter vermitteln keine eindeutig religiöse Botschaft. Sie sind offene Andeutungen, die dem Betrachter Anknüpfungspunkte in seinem Suchen nach dem transzendent Erhabenen, dem ganz Anderen, nach dem verborgenen und doch stets gegenwärtigen Gott vermitteln. So können sie Anlass sein, über das geheimnisvolle Du, das uns ins Leben gerufen hat, das diskret unser Leben begleitet und zu sich in die Ewigkeit führt, zu meditieren. Auf ihre Weise erzählen sie im Kirchenraum der Benediktiner von Tholey durch ihre außergewöhnliche Schönheit, die malerischen Unschärfen und durch die sich herauskristallisierenden Räume und Zwischenräume, die zu Freiräumen für neues Leben werden, von einem Schöpfergott, der selbst Leben ist und uns dieses Leben in seiner ganzen schöpferischen Fülle unaufhörlich schenkt.

Weitere Bilder und Texte auf der Website der Glaswerkstätten Gustav van Treeck

Website der Abtei Tholey

Ankündigung und Programm

Im Basler Münster befinden sich in der Nikolauskapelle drei Glasfenster, die mit dem Ornament der Schriftzeichen gestaltet worden sind. Sie stehen konsequent in der Tradition der Schweizer Reformation, die Gläubigen durch das Wort zu stärken und nicht durch Bilder vom Wesentlichen abzulenken. Die „Wortfenster“ des Basler Künstlers Samuel Buri sind alle mit den gleichen Worten aus dem Buch Jesaja 9,6 (Lutherbibel; 9,5 Einheitsübersetzung) gestaltet. Im Chorfenster in Deutsch, in den beiden seitlichen Fenstern in Englisch und Französisch.

WUNDERBAR, RAT, KRAFT, HELD, EWIG VATER, FRIEDE FÜRST

Wonderful Counselor, Mighty God, Ever Lasting Father, Prince of Peace

Admirable Conseiller, Dieu puissant, Père éternel, Prince de la Paix

Die farbliche Gestaltung beschränkt sich auf die drei Grundfarben rot, gelb und blau, die im Giebelmaßwerk der Fenster in Dreieckformen die Positionen wechseln. In jedem der Fenster „fließt“ eine der drei Farben nach unten in den Text hinein und bildet zwischen den weißen Buchstaben und insbesondere im seitlichen und unteren Randbereich feine farbliche Akzente.

Die drei sich in der Mitte berührenden Farbsegmente lassen an ein Symbol für die Dreifaltigkeit denken, die sich in einem Menschenkind entäußert und ihre dreifaltige Größe in eben diesen fünf Namen offenbart. Jedes einzelne Wort ist Programm und geistige Nahrung für jeden, der die Worte liest. Wie die drei Grundfarben die Basis für alle weiteren Farben sind, so sind die Namen des verheißenen Kindes – das dem „Volk, das in der Finsternis ging“ verkündet wurde (vgl. Jes 9,1) – über seine Geburt hinaus eine lichtvolle Basis für die Gestaltung eines Lebens aus dem Glauben. Die kraftvollen Worte können nicht oft genug gelesen und meditiert werden. Sie führen zur Anbetung des Gottessohnes, sie führen zur lebendigen Gemeinschaft mit Jesus und aus dieser Gemeinschaft heraus „zu einer intensiveren Lebensfülle“. Denn für den Künstler „führt ein Fenster zur Fülle des Lebens“. (Beat Rink)

Alle Menschen sollen Zugang zu dieser intensiveren Lebensfülle erhalten. Deshalb war es nur konsequent, Gottes Botschaft zum einen in Deutsch und Französisch abzubilden, den beiden Sprachen, die im Länderdreieck „Schweiz – Deutschland – Frankreich“ gesprochen werden, zum anderen aber in Englisch, der Welt- und Touristensprache des 20. Jahrhunderts.

So können auch wir heute die Namen Gottes mit auf den Weg zur Krippe nehmen und sie Ihm – Ehre erweisend und Ihn anbetend – darbringen: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens! Wir können mit Seinen Namen an der Krippe verweilen und aus der gestärkten Gemeinschaft mit Ihm seine Namen als Halt und Wegweiser in den Alltag mitnehmen – einem nun mit Gott erfüllten Leben.

zu Gott führen

Das Gesicht eines alten Mannes begegnet uns in der Mitte des Bildes. Hell tauchen von unten nach oben immer breiter werdend sein Kinn, seine Nase, seine Augen, seine Stirn und vor allem sein Turban aus dem blauen Farbenspiel auf. Übergroß erscheint das Gesicht inmitten der vielen Menschen, die von unten her aus dem Dunkel zum Licht aufzusteigen scheinen. Ob dieser Mann für sie eine zentrale Bedeutung einnimmt?

Der Turban lässt vermuten, dass der Mann aus dem Mittleren Osten stammt oder wegen der Herkunft der Künstlerin sogar aus Afghanistan. Mit großen Augen blickt er aus dem Bild heraus, fragend, durchdringend, Zeit und Raum überwindend. Wer ist der Mann mit diesem geheimnisvollen Blick? Er mutet wie eine charismatische Führerpersönlichkeit an, inmitten der vielen Leute wie ein Menschensammler oder -fischer.

Da Blau die dominierende Farbe der Menschenmenge zwischen Schwarz und Weiß ist, könnte sie symbolisch für den Glauben und die Treue stehen. Die von unten nach oben aufsteigenden Menschen würden also Menschen darstellen, die zum Glauben kommen und ihm bis ans Lebensende treu bleiben. Davon ausgehend lässt sich in dem Männergesicht Abraham sehen, dem Gott eine Nachkommenschaft so zahlreich wie die Sterne am Himmel verheißen hat (Gen 15,5). Weil er geglaubt hat, sind viele durch ihn zum Glauben gelangt und wird er „Vater des Glaubens“ genannt (Mt 3,9). Denn „Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Erkennt also: Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams.“ (Gal 4,6-7)

Das Gesicht könnte aber auch dasjenige von Moses sein, der sein Volk durch das Rote Meer aus der Gefangenschaft bei den Ägyptern in die Freiheit geführt hat. Die blaue Farbe stünde dann für das Meer zu beiden Seiten des durchziehenden Volkes.

Nochmals einige Generationen später könnte das Gesicht auch Jesus gehören. Auch er vermochte aus seiner innigen Verbindung mit dem Vater heraus zu seiner Zeit und bis heute unzählige Menschen für den Glauben an Gott zu begeistern und ihnen einen Weg zu weisen in eine lebendige Gemeinschaft mit ihm. In Bezug auf Jesus könnte die blaue Farbe auch für die Taufe stehen, für das Mit-Jesus-Sterben und -Auferstehen zum neuen ewigen Leben.

Wem auch immer dieses Gesicht gehört, es mag uns Betrachtern Ansporn sein, transparent auf Gott hin zu sein, eben ein Mann oder eine Frau Gottes. Dies ist eine Art und Weise, in der sich Gott in unserer Zeit offenbart und Menschen Gott in ihrer Nähe erleben können, in ihrem Leben, hier und jetzt.

Mutterliebe – Nächstenliebe

Eine junge Frau mit einem Knaben steht im Blickpunkt dieser Arbeit. Es sind nur die Köpfe und je ein Arm von ihnen zu sehen. Ihr Haupt ist mit einem Schleier bedeckt, ihre Augen blicken fragend in die Weite. So eng wie sie ihn an sich drückt, muss es ihr Sohn sein. Mit ihrer linken Hand drückt sie gerade eine der großen Kapseln zur Seite, so als suchte sie einen Weg oder gar einen Ausweg aus dem Feld mit den übergroßen Mohnkapseln. Der Junge hält in seiner Hand eine geschlossene Mohnblüte, sein Blick geht in die Richtung dieser Knospe in das Feld hinein. So kreuzen sich ihre Blicke.

Mit den vielen unterschiedlichen Blautönen vermittelt das Bild eine düstere Stimmung. Mutter und Sohn sind teilweise in dunkle Schatten gehüllt. Nur Teile ihrer Gesichter leuchten in der Dunkelheit dieser Nacht auf, die mehr als nur die äußere Nacht andeutet. Angst spricht aus den Augen der Frau, Betroffenheit und gleichzeitig Sehnsucht nach Licht und Freiheit. Angsteinflößend groß hat die Künstlerin die Mohnkapseln dargestellt, gleichsam als Konkurrenz zu den Köpfen von Mutter und Sohn. Sie muten wie Leuchten an, welche die beiden auf dem Weg begleiten. Sie gaukeln vor Lichtträger zu sein und in die Freiheit zu führen.

Und doch ist der Schlafmohn der Feind der Freiheit. Er führt in die Verwirrung und Abhängigkeit durch das Opium, das der Rohstoff für das Rauschgift Heroin ist. „Gefangen in Rot“ erinnert an das Schicksal von Frauen und Kindern in Afghanistan, dem Herkunftsland der Künstlerin und dem weltweit größten Produzenten von Opium. Denn der Vormarsch der Taliban fördert bei den Bauern den Anbau von Schlafmohn, weil dieser in einer kriegsbedingten Hochrisikolandschaft wenige Risiken birgt. Die innige Darstellung von Mutter und Sohn steht für die vielen Mütter, die trotz der widrigen Umstände ihre Kinder bedingungslos lieben. Sie gehen in ihrer Liebe zu den Kindern innerlich durch die Nacht, getragen von der Hoffnung, dass es zumindest für die Kinder einen Weg aus dieser „Gefangenschaft“ gibt. Steht für diesen Gedanken vielleicht der Mann in der Haltung eines Sämanns an der Stirn der Frau? Vermag er einen Samen zu säen, der nicht mit Unterdrückung und Not, Ungerechtigkeit und Leid verbunden ist?

In der gleichen Größe wie der Sämann finden sich überall auf dem Bild verstreut weitere Menschengestalten. Auch in den Mohnkapseln. Damit weitet die Künstlerin den Blick auf alle Menschen und das, was sie tun. Ob es ihnen um ihre Macht und ihren Reichtum geht oder um das Wohl aller, gerade auch der Schwächsten? Indirekt wird damit die Sehnsucht nach einer besseren Zeit angedeutet, die Parallelen mit dem Reich Gottes hat. Auch hier ist entscheidend, ob der Samen des Sämanns – als Symbol für die Kraft von Gottes Wort – auf guten Boden fällt und reiche Frucht und Wirkung entfalten kann oder nicht (vgl. Mk 4,1-23).

Die Darstellung von Mutter und Sohn soll ganz bewusst auch Maria mit dem Jesuskind sichtbar machen. Durch ihre Präsenz lässt die Künstlerin ein himmlisches Licht in der Nacht der Bedrängnis und Bedrohung aufleuchten. Mit Marias Liebe ermutigt sie nicht nur Eltern, sondern alle, die Verantwortung für andere tragen, für sie den Weg aus vielerlei Abhängigkeiten und Gefangenschaften zu suchen und zu wagen, damit diese eines Tages in Freiheit ihren eigenen Weg gehen können, mag er wie bei Jesus noch so schwer und schmerzhaft sein.

Diese Arbeit war zu Mariä Himmelfahrt im Rahmen der Ausstellung “Maria ImPuls der Zeit” am 19. und 20. August 2017 in Warendorf ausgestellt. Hier finden Sie ausführliche weitere Informationen.

Psalm 139

In drei Fenstern entfaltet die Künstlerin das Hauptthema des 139. Psalms, das Leben in Gottes Allgegenwart. Gehalten werden die drei Fenster durch das intensive Rot in der Mitte, das sein Echo in den äußeren Rändern der seitlichen Fenster findet. Diese bilden mit den blauen Kreissegmenten eine zusammenhaltende Klammer und formen eine Art Antwort auf die starke Mitte.

Mittleres Fenster
Drei Hände halten einen leuchtend roten Mantel hoch, der fast das ganze Fenster füllt. Damit kommt die Erfahrung des Beter zum Ausdruck: „Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, … (V. 5) Manfred Sauer schreibt sehr schön zu diesem Mantel: „Ein Mantel in der Farbe der Liebe, aber auch in der Farbe des Heiligens Geistes, in der Farbe der Begeisterung, der Inspiration. Ein Urvertrauen und eine tiefe Zuversicht sind für mich angesprochen. Gottes Gegenwart, Gottes heilender und inspirierender Geist umhüllt uns, wie dieser Mantel. Er umweht uns. Er kleidet uns in Würde. Er schont und schützt uns. Ein Mantel, der nicht nur vor Kälte und der Hitze schützt, sondern ein Mantel, der auch vor Argwohn und Aggression schützt. Ein Mantel, der uns Kraft gibt, wenn wir müde geworden sind. Jede und jeder kennt die Erfahrung des Schüttelfrosts. Wenn wir plötzlich am ganzen Leib zu zittern beginnen, weil wir Angst haben, weil wir überfordert sind, weil wir aus dem Gleichgewicht geraten sind. In solchen Momenten tut es gut, wenn uns jemand umarmt, einen Mantel, eine Decke oder seine Arme um uns legt, uns an sich drückt und wärmt.“ (Lisa Huber, Eins vom Andern, Klagenfurt und Graz, 2015, S. 11f).

Auf der dem Betrachter zugewandten Innenseite des Mantels sind in acht Bildfeldern je zwei Hände miteinander im Dialog. Sie bringen Zärtlichkeit, Berührung und Nähe, abstoßendes Fernhalten als auch einladende Offenheit, Bitten und Beschützen zum Ausdruck. In den acht Händepaaren ist viel Bewegung und Gefühl eingeschrieben, vor allem aber Nähe und Berührung. „Hier wird dem Schauenden vor Augen gemalt, auf welch vielfältige Weise Gottes Hände um uns bemüht sind. Auffallend für mich ist, dass die Hände sehr behutsam und zart miteinander umgehen. Sie gebärden sich vorsichtig tastend, antippend, ja manchmal wirken die Berührungen nahezu spielerisch werbend. Selbst die bildhafte Übersetzung von Martin Bubers Formulierung „du legst auf mich deine Faust“ wirkt nicht bedrohlich, sondern wie ein Anpochen, ein Anklopfen, mit dem Gott auf sein Wirken aufmerksam machen will. Das Händepaar darunter zeigt uns den Lebensbeginn, der einem Garn gleicht, das von den schützenden Händen ganz sanft umwoben scheint: „Mein Kern war dir nicht verhohlen, als ich wurde gemacht im Verborgenen“ (übersetzt M. Buber). (Manfred Sauer, ebd. S.14)

Rechtes Fenster
Den Worten des Psalms folgend muss die Betrachtung mit dem rechten Fenster weitergehen. Über dem blauen Halbkreis, der für das Meer als auch für den „blauen Planeten“ Erde Symbol sein kann, schwebt ein gehender Mensch. Das Kreuz, die am unteren Bildrand züngelnden Flammen als auch der dunkle Hintergrund deuten an, dass er ein Pilgerer durch die Zeit ist und hier mit Grenzerfahrungen wie Dunkelheit, Schmerz, Leid, Sterben und Tod konfrontiert wird. Tröstend strecken sich ihm, der haltlos an irdischen Abgründen steht, zwei schützende Hände entgegen. Hier wird klar: Wohin der Mensch auch geht, Gott ist gegenwärtig: „Wenn ich mich lagerte in der Unterwelt – siehe, da bist du“, sagt der Psalmist (V. 8b). Die Darstellung erinnert an Petrus, der auf den Zuruf Jesu mutig über das Wasser ging, dann aber zweifelte, worauf Jesus die Hände ausstreckte und ihn rettete. (vgl. Mt 14,26-32) Die Darstellung macht so die Kraft des Glaubens sichtbar, dass Gott stärker ist als das Leid und der Tod, dass er den, der an ihn glaubt, dem Tod zu entreißen vermag (vgl. Joh 11,25f).

Linkes Fenster
Nach dem „Abstieg“ in die dunklen Bereiche des Lebens zeigt das linke Fenster den „Aufstieg“ ins Licht und ins Leben. Es orientiert sich an den Psalmversen: „Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen.“ (V. 2f) Und: „Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen.“( V. 9f) Die Allgegenwart Gottes ist hier mit der Sonne und dem das Fenster vertikal querenden breiten Lichtstrahl symbolisiert. Der Mensch ist wie in den Psalmworten zweifach dargestellt. Ob er sich ganz nah bei Gott sitzend ausruht oder sich mutig beflügelt – aber auch geistig umnachtet – auf die Erkundung der am weitesten von Gott entfernten Gegenden macht (nicht nur geografisch ;-), Gott weiß darum und ist auch hier dem Menschen nahe.

Wer will, kann in der gelb gekleideten Gestalt auch Gott sehen, der gelassen dasitzt und sich finden lässt. Schaut sich nicht die beflügelte Person wissend oder suchend zu ihm um? Ebenso lässt sich in der stehenden Gestalt auch ein Engel sehen, ein (den hier nicht sichtbaren Menschen) überall hin begleitender Bote Gottes. Egal wie die Personen auch gedeutet werden, so strahlen die hellen Farben, das leuchtende Gelb der Sonne und ihres Lichts zusammen mit dem Glitzern des Meeres Hoffnung und Zuversicht aus. Die Flammen des ewigen Feuers haben sich in ewiges Licht verwandelt, die Dunkelheit wird vom Licht an den Rand gedrängt. „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin, leite mich auf den Weg der Ewigkeit! (V. 23f)

Auferstehen in die Herrlichkeit Gottes

Aufstrebende Dynamik und kraftvolles Licht prägen diese Arbeit aus farbigem Glas. Weite goldgelbe Flächen, versetzt mit braunen Nuancen, bestimmen den Grundton des Bildes und vermitteln Freude und ein wunderbares, unfassbar kostbares Geschehen voller Leben.

Es scheint seinen Ursprung im schwarzen, höhlenartigen Bereich am unteren Bildrand zu haben, in dem vor unförmigem Gestein auch zwölf kleinere, rundliche Bälle zu sehen sind. Sie leuchten wie kostbarstes Gold und muten wie Samenkörner an, die tief unter dem Boden darauf warten, zum Leben auferweckt zu werden und ihr verborgenes Potential entfalten zu können. Die Zahl Zwölf symbolisiert dabei Vollkommenheit und Vollständigkeit alles Geschaffenen, das zum Leben erweckt wird, hier aber noch im Machtbereich des Todes ruht.

Als starkes Gegenüber zum geschlossenen Raum des Todes hat die Künstlerin einen offenen Himmel gestaltet. Kräftiges, blau-weißes Wehen erfüllt den oberen Bereich des nahezu quadratischen Bildes und zeugt von Bewegung und Leben. Durch das Symbol des Auges wird dieses Leben Gott zugeordnet, dem Lebendigen, der Quelle des Lebens par excellence, dem Dreifaltigen, wie es das rötliche Dreieck anzudeuten vermag.

Direkt unter dem Auge ragt eine „Himmels-Zunge“ tief in den Bildraum hinein. Aus ihr scheint kostbares Wasser des Lebens zu fließen, zuerst ein Strom (vgl. Ez 47,9a: „Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können …“), der dann wie feiner Regen in der Tiefe die einzelnen Samen berührt (vgl. Jes 45,8: „Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen. Ich, der Herr, will es vollbringen.“). Der offene Himmel streckt sich einem aufsteigenden Menschenwesen wie eine einladende Hand entgegen, auf dass der der Mensch sie annehme und ins Reich Gottes eintrete.

Die Auferstehung oder Auferweckung von den Toten wird hier eindeutig als ein Werk Gottes beschrieben, als ein Wirken voller Gnade und wunderbarer Herrlichkeit. Und es macht auch deutlich, dass Auferweckung von den Toten gleichzeitig Himmelfahrt und Heimkehr zum Vater bedeuten, ganz wie Jesus zu Maria nach seiner Auferstehung gesagt hat: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ (Joh 20,17)

In der Bewegung des Bildes, seiner Dynamik, Kraft und seinen Farben darf jede Auferstehung zudem als ein ausgesprochen pfingstliches Geschehen verstanden werden. Das Wehen des Geistes ist allgegenwärtig spürbar. Er erfüllt mit neuem Atem, neuer Kraft und führt in die unfassbare Weite des von Gott erneuerten, ewigen Lebens. – Uns allen ist der Heilige Geist zugesagt, versprochen! Wir brauchen uns seinem Wirken nur zu öffnen, seine Auferweckung zum Leben nur zuzulassen!

> Video in einer Präsentation der Arbeit von Gabi Weiss in der Schwäbischen Zeitung 2017

Kreative Vollendung der Schöpfung

Ein Spritzer Wassertropfen durchzieht und prägt dieses Glasfenster in warmem Goldgelb. Beschwingt fallen sie in einem sanften Doppelbogen aus dem weißen oberen Bereich auf die aufragende weiße Figur in der Mitte des Fensters. Flächenmäßig sind beide etwa gleich groß. Von der Form her unterscheiden sie sich jedoch deutlich. So sind der oberen Fläche weiche, runde Formen eigen, während bei der Unteren gerade und eckige Umrisslinien vorherrschen. Die obere Fläche hat durch ihre wolkenartige Erscheinung zudem einen schwebenden Charakter, während die untere wie eine Skulptur auf einem rot-braun marmorierten Sockel geerdet ist.

Dazwischen oder dahinter das Goldgelb, das einen warmen, wohltuenden Hintergrund bildet. Die Farbe und ihre Transparenz, die verschiedenen Schattierungen und Einschlüsse erinnern an Bernstein und strahlen etwas Kostbares, Erhabenes aus. Durch die weiße Ecke rechts unten und die Verbindung zur weißen Mitte hin entwickelt das Gelb jedoch eine eigenständige Aktivität. Die Ausformung zu einem kopfähnlichen Gebilde, das sich von oben her wie ein Torbogen über die weiße Mitte beugt, verbindet sich rechts, ja verzahnt sich hier geradezu mit der konturierten Silhouette der weißen Figur. Der Eindruck einer intimen Berührung entsteht, die von einer Umarmung über einen Kuss bis zur belebenden “Beatmung” gehen kann. Genau lässt es sich nicht sagen, da die Ausformung bei der zentralen Figur zu vage oder unvollendet ist.

Diese weiße aufragende Figur steht also im Mittelpunkt des Geschehens. Auf einem Sockel exponiert, wird sie gleichzeitig von einem goldgelben Lebensraum umgeben und von Wassertropfen beregnet. Letztere sind als einzige Elemente nicht flächig dargestellt, sondern haben einen grünen Inhalt, der Leben signalisiert. Sie sind genauso weich ausgeformt wie der „Himmel“, aus dem sie kommen. Die Tropfen sind so als Lebensträger wahrnehmbar, als Übermittler eines belebenden Inhaltes aus der Höhe, eines Inhaltes, der „weich“ macht, beweglich, empfänglich, eben menschlich. Noch ist keine Reaktion bei der zentralen Figur auszumachen. Weder durch die Umarmung, die „Beatmung“ noch durch die Ausgießung des kostbaren Nasses. Der Pfingstgeist ist spürbar, auch wenn kein pfingstliches Rot im Fenster einen Akzent in diese Richtung setzt. Die Figur zeigt sich noch unmenschlich hart und starr.

Doch die sie umgebenden und auf sie herabkommenden Kräfte sind gegenwärtig und spürbar am wirken. Jeden Moment muss das Wunder der Verwandlung geschehen. Das Wunder, dass die bildlich zu Stein erstarrten Jünger aus ihrer Lähmung erlöst wieder zu freien Menschen werden. Das Wunder, dass ihr geistloses Entsetzen von allen Seiten mit Heiligem Geist erfüllt wird und sie Einsicht erhalten in den göttlichen Plan, Verständnis für alles, was Jesus gesagt hatte und was mit ihm in den turbulenten letzten Tagen geschehen war. Das Wunder, dass sie aus ihrer enttäuschten Zurückgezogenheit heraustreten und von ihrer Begeisterung Zeugnis ablegen.

Das Fenster lässt vermuten, dass, wenn es einmal passiert ist, ein stetiger Kontakt, eine bleibende Verbindung bestehen bleibt. Die zu erwartende Begeisterung wird einen anhaltenden Charakter haben, wird nicht aufhören. Die Begabung wird eine Verbindung erstellen, die von Lebensmitte zu Lebensmitte geht. Sie wird eine Kommunikation in beide Richtungen sicherstellen, so dass das Gesagte gehört, das Gefühlte wahrgenommen, das Gezeigte gesehen und danach gehandelt wird.

Noch zeigt das Fenster in der Mitte einen entstellten Menschenkopf. Niemand möchte so dastehen, so aussehen. Insofern vermag das Glasfenster den Wunsch im Betrachter zu wecken, dass Gottes Geist doch alle übergießen, umarmen und bleibend beatmen möge, damit niemand eine solch unmenschliche Entstellung erleiden muss, sondern sich eines mit Heiligem Geist erfüllten Lebens erfreuen kann.

Ansicht im Kirchenraum

Weitere Bilder zu den Kirchenfenstern auf der Website der Künstlerin

Unfassbar

In diesem non-figurativen Glasfenster scheint alles in Bewegung zu sein, sich alles um das dunkelrote Zentrum in zweidrittel Höhe zu drehen. Während sich die eine Kreisbewegung von unten rechts her zum Kreis hin fokussiert, geht die Bewegung im obersten Drittel eher von diesem dunkelroten Blickfang aus nach links oben. Spiralförmig verschleudert dieses rote Kraftzentrum seine Energie, scheint sie in den unzähligen goldgelben Teilen in die unendliche Weite des Universums hinauszuschleudern. Verschwenderische Fülle wird spürbar.

Neben der eindrücklichen Drehbewegung prägen ein helles Rot und goldenes Gelb dieses Glasfenster. Das helle Rot mag an helles Blut erinnern, das vom Herzen aus durch die Arterien sauerstoffreich den menschlichen Körper mit Lebenskraft versorgt. Christologisch gesehen kann es auch als das Blut Christi gesehen werden. Weil er uns Menschen unendlich liebte, konnte er sein Leben für unseres hingeben, konnte er uns mit dem Preis seines göttlichen Lebens von freiheitsberaubenden Gebundenheiten freikaufen. In jeder Eucharistiefeier wird dieses Ereignis neu Gegenwart, soll die Liebe Gottes spürbar und wirksam wie aufstrahlendes Licht in der Dunkelheit unser Leben existentiell verändern. Dies kommt auch in der das helle Rot begleitenden goldgelben Farbe zum Ausdruck, die mit ihrer Symbolik „für das allumfassende Göttliche, für Geborgenheit und Wärme“ (Nestler) steht. Wie ein segensreicher Blätterregen schweben die goldfarbenen Elemente in das Kirchenschiff hinein und über die Gläubigen. Sie mit göttlichem Licht segnend, von innen her stärkend, erfüllend und miteinander durch seine Präsenz verbindend (Ansicht von unten mit gleichen Farben).

Dieses Licht- und Farbenspiel wird von weißen Lichtfeldern durchsetzt, die im untersten Bereich auch strahlenförmig wahrnehmbar sind. Wie Wolkenfetzen überlagern sie die göttliche Schau und verdecken sie teilweise. So wird wohl viel vom ewigen Licht und dem, was es beinhaltet, sichtbar, aber die ganze Fülle kann noch nicht gesehen oder sinnlich erfahren werden. Ein Wehmutstropfen bleibt. Noch leben wir hier auf Erden in materieller Umgebung und vergänglichem Körper. Was bleibt, ist die Sehnsucht und Hoffnung nach der immateriellen, seelischen Heimat bei dem Dem, der das Leben selbst ist.

Dieser mehrschichtigen Botschaft wird auch durch den außerordentlichen Aufbau des Glasfensters Gestalt verliehen. In vier Schichten und unterschiedlichen Techniken sind die Farben und Formen kunstreich auf das Glas gebracht worden. Um ihre Schönheit und Farben in ihrer Fülle zu erfassen, muss sich der Betrachter selbst in Bewegung setzen. Erst durch die verschiedenen Blickwinkel werden sich die gesehenen Fragmente vor dem geistigen Auge zu einem immer wirklichkeitsnäheren Bild zusammenfügen. Auch ist das Glas nicht in das bestehende Maßwerk eingesetzt (Außenansicht), sondern als eigenständige Fläche etwa 30 cm vor das Fenster in den Kirchenraum gehängt. Dadurch verliert das in der Fachsprache sogenannte „Lichtmaß“ als Ausschnitt der Architektur an Bedeutung. Während oben das auf dem Glas wiederholte Maßwerk noch dominierend ist, löst sich im und durch das Fenster die filigrane gotische Architektur nach unten immer mehr auf und ist letztlich nur noch als Schatten wahrnehmbar. So „weitet sich das durch die Architektur begrenzte Licht zu einem neuen grenzenlosen Raum“ (Nestler), setzt sich das sinnlich wahrnehmbare Licht als unfassbares göttliches Licht in den Gläubigen fort.

 

Bernd Nestler hat mit diesem Fenster Anfang 2011 unter 285 Mitbewerbern einen international ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen, bei dem es darum ging, zum 450-jährigen Bistumsjubiläum ein Fenster zu schaffen, das die Möglichkeiten der heutigen Glasmalerei nutzt, um der Glaskunst im 21. Jahrhundert neue Impulse zu geben. Herzliche Gratulation!

Licht im Leiden

Welches Wort Ihnen wohl als erstes „ins Auge gesprungen“ ist? Das in breiten, schweren Buchstaben geschriebene „Leid“ oder das in dünnen, leichten Buchstaben geschriebene „Light“?

Spannungsvoll stehen die beiden Wörter zueinander. Je mehr man die Augen zusammenkneift, umso mehr verschwinden die blutroten Buchstaben im Hintergrund und treten die hellen, klaren Buchstaben hervor. Doch übermächtig steht das „Leid“ hinter dem „Light“ und scheint sogar an dessen sieghaft strahlendem Gelb zu partizipieren.

Leid und Leiden sind nichts Schönes oder Angenehmes. Im Gegenteil, sie belasten Leib und Seele. Das Leid des anderen kann mich berühren und zu Mitleid bewegen. Wer etwas falsch gemacht hat, so dass es ihn belastet und er sich entschuldigen möchte, sagt oft: Es tut mir leid. Das Leid trifft einzelne wie ganze Völker. Es gehört zentral zu uns Menschen, wenn auch zu den düsteren Seiten unseres Wesens und unserer Geschichte. Verursachen wir doch oft bewusst oder unbewusst auch anderen Lebewesen schweres Leid. Der dunkle, blutrot wabernde Hintergrund mit den dazugehörigen, leicht helleren Buchstaben drückt dies aus.

Wie ein Zeichen von Woanders her hat der Künstler das aus der „Fremde“ stammende Wort „Light“ symmetrisch und auf die gleiche Grundlinie wie das „Leid“ gelegt. Kennen wir das nicht? „Wie durch ein Wunder … blieb er unversehrt … überstand sie die schwere Krankheit … oder bekamen wir Recht in der Verhandlung …“

Im Prolog seines Evangeliums schreibt Johannes von diesem Wunder. Nicht erst moderne Künstler greifen zu abstrakten Begriffen, um das unvorstellbar Andere darzustellen. Den, der in unsere Realität kam, benennt er abstrakt mit „Wort“ und mit „Licht“. Das wahre „Licht“ kam in die Welt und erleuchtet jeden Menschen – was sicherlich nicht nur erkenntnismäßig zu verstehen ist – aber die Welt hat ihn nicht erkannt, nicht verstanden, ihm nicht vertraut und sich ihm nicht anvertraut.

All das führt dazu, dass das englische Light durch die Überlagerung der beiden Wörter und ihre akustische Nähe jedem Leid ein stiller Beistand und eine Ermutigung zu sein vermag, auch in der dunkelsten Erfahrung das Licht zu suchen. Die Anordnung deutet darauf hin, dass dieser Lichtschimmer wohl von außen angeregt werden kann – also durch uns, unsere Worte und Gesten –, letztlich aber im Leidtragenden selbst aufleuchten und Gestalt annehmen muss. Doch wenn dieser Spalt Licht im Herzen des Leidenden angekommen ist, dann kann es eine Heilkraft entfalten, die alles zu verändern vermag. Weit über den starren und begrenzenden Rahmen hinaus.

Anna Selbdritt

In warmen Farben offenbart sich dem Betrachter dieses Fensters eine geistige Schau. Von goldgelbem, geradezu göttlichem Licht umgeben und durchdrungen, lebt das Glasfenster von dem großen, ruhig bewegten und fließenden Element, welches in seinem Inneren eine statische Personengruppe beherbergt.

Der Darstellung liegt ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Andachtsbild zu Grunde – Anna selbstdritt (Anna zu dritt) –, das die heilige Anna als Mutter Marias und Großmutter Jesu zeigt. Stets hält sie als Erwachsene das Jesuskind und eine kindlich dargestellte Maria in ihren Armen und bietet ihnen mütterlichen Schutz. Frontal und sitzend dargestellt, kommen bei ihr herrschaftlich bzw. „frauschaftlich“ gütige Fürsorge und Beständigkeit zum Ausdruck. Mutter bzw. Großmutter wird und bleibt man (bzw. frau) für alle Zeiten.

Den Jüngeren wird die Darstellung der Anna Selbdritt nicht mehr so bekannt sein. Meist trat sie als geschnitzte Skulptur oder als Andachtsbild mit einer neutralen Landschaft im Hintergrund in Erscheinung. Im Glasfenster von Christina Simon werden die drei Personen jedoch in einen Kontext gestellt, aus dem das göttliche Wirken stärker zur Geltung kommt. So sind die drei Personen in einem erdigen Braun dargestellt, während sie von gelb-weißem Licht umflutet werden, das seine höchste Konzentration in der weißen Aussparung oberhalb der drei Köpfe erreicht.

Breit und unerschütterlich nimmt die heilige Anna den Platz in der Mitte ein. Ihre Grundform bildet ein Dreieck. Auf ihren Knien sitzen rechts ein Mädchen – Maria –, links ein nackter Knabe – Jesus. Beide sind im Seitenprofil dargestellt, sich gegenübersitzend, einander anschauend und die Hände reichend. Dabei ist Maria nur minimal größer dargestellt. Das scheint von Bedeutung zu und zum Nachdenken anregen zu wollen, denn auf vielen alten Darstellungen ist der Größenunterschied zwischen Mutter und Kind dadurch ausgeglichen, dass der kleine Jesus auf Annas Schoß steht.

Die Künstlerin schreibt dazu: „Das Physiognomie und Gestik beschreibende Linienspiel innerhalb der Figuren verweist auf das familiäre Geflecht und gleichzeitig in seiner Dreiheit auf das zentrale Mysterium des Christentums, die Dreieinigkeit. Drei Generationen stehen auf unterschiedliche Art und Weise zueinander in Beziehung. Der Enkel im kindlichen Spiel mit seiner mädchenhaft wirkenden jungen Mutter, die wie eine Schwester erscheint. Die alte Großmutter mit ihrem wachen und behütenden Auge und ihrer Verantwortung den Kindern gegenüber. Familiäre Bindung wird durch das vom Himmel herabfließende Tuch, das die Figurengruppe umhüllt und diese wie in einer Gondel über die irdischen Zeiten hinaus trägt, in die geistliche Sphäre gehoben. Hier verweist das Tuch als ein Medium zwischen Himmel und Erde auf die Verbindung von Geist und Fleisch.“

Es ist, als würde sich der Himmel öffnen, um Geschenke in das (Welt)Bild einströmen zu lassen. Mit fließenden Bewegungen öffnet sich das Tuch nach den zopfartigen Windungen, um in seiner höhlenartigen Mitte ein Geheimnis freizugeben: die unveränderlich gültige Grundstruktur für gelingendes menschliches Zusammenleben: der Zusammenhalt zwischen den Generationen in Liebe und gegenseitigem Respekt.

Bei weiterem Nachdenken kann man über die Darstellung der Anna selbdritt hinausgehend einen Bogen durch die Heilsgeschichte schlagen. Dann steht Anna sinnverwandt für das Prinzip des Lebens, für die Liebe, ja für Gott selbst. Dann kann die ikonenhafte Darstellung auch den Erschaffungsmythos der ersten Menschen mit dem schöpferischen Ursprung des neuen Adams und der neuen Eva verbinden – Ehrentitel, welche die mittelalterlichen Theologen für Jesus und Maria verwendeten. Und auch in diesem Zusammenhang wurde Anna angerufen als Hüterin und Fürsprecherin für Familie, Volk und Kirche.

Flyer mit den Abbildungen aller drei Fenster in der St. Anna-Kirche in Pettstätt und Beschreibungen der Künstlerin

Bild des Lebens

Kirchenfenster aus geschnittenen Achatsteinen bilden einen Teil der Neuverglasung von Sigmar Polke im Grossmünster in Zürich. Unter ihnen lockt ein halbrundes Oberlichtfenster zur näheren Betrachtung. Die Querschnitte sind hier kleiner und wirken deshalb bunter und voller als bei den Längsfenstern, aber genauso rätselhaft.

Der Achat spielt kultur- und religionsgeschichtlich eine uralte Rolle. Er ist einer der zwölf Edelsteine auf dem Brustschild der israelitischen Hohenpriester (Ex 28,19). Jeder der 12 Steine war Symbol für einen der Stämme Israels. Seine vielfarbigen Streifen in der Schnittfläche wurden mit dem Regenbogen und damit dem Bund Gottes mit den Menschen, dass kein Wassergericht (Sintflut) mehr über die Erde kommen werde, in Verbindung gebracht. Darum genoss der Achat hohe Wertschätzung, auch als Amulett gegen Blitz, Sturm und Durst. Heute gilt er wegen seiner frühen Entstehungszeit als Symbol für ein reiches und langes Leben, für Mut und Freude, Kraft und Gesundheit, ein ruhiges Herz und einen festen Blick.

Entstanden ist er in Hohlräumen oder Blasen von vulkanischem Gestein. Daraus muss er befreit, dann gereinigt, geschnitten und schließlich geschliffen werden, um seine je eigene Ausbildungsform zu zeigen, die durch die Kristallisation entstandenen Streifen, Bänder, Schichten, Farben und Formen. In unserem Fenster sind viele Querschnitte dieser Achatsteine zu einem bunten Mosaik zusammengefügt worden. Die leuchtenden Farben erzählen von der Schönheit der Natur. Einst verborgen in den Tiefen der Erde und im Innern der Steine, offenbaren sie nun – angeordnet in einer vagen Symmetrie – im hellen Licht ihre Pracht. Die vielen Farben und Formen vermitteln den Eindruck, als wäre mit ihnen ein Querschnitt durch eine unbekannte, fremde Welt gezogen worden.

Dieser Eindruck ist sicher nicht falsch. Das Innere der Schöpfung und alles Geschaffenen bleibt uns in den meisten Fällen verborgen und damit unbekannt. Die geschnittenen Achatsteine könnten deshalb auch als Symbolbilder für unser Inneres gesehen werden. Für das, was uns bewegt, was wir denken und empfinden und trotz allem Austausch oft ein Geheimnis bleibt. Dann würde das Fenster eine kunterbunte und lebendige Gemeinschaft zeigen, in der die Einzelnen ohne Kontaktscheu eng zusammenstehen und zusammenarbeiten. Achatsteine werden geteilt, damit sie im Tageslicht leuchten können. Wir hingegen müssen das Licht, das von außerhalb unserer Welt zu uns kommen will, bewusst annehmen und in unser Innerstes einlassen, damit seine geheimnisvolle Schönheit für alle sichtbar zum Leuchten und Strahlen kommt.

Entscheidung gefragt

Am 18. Oktober 2009 wurden im Grossmünster von Zürich neue Fenster geweiht. Der Künstler Sigmar Polke hat sie gestaltet. Zwischen sieben in gedämpfter Buntheit leuchtenden Fenstern aus geschnittenen Achatsteinen und fünf Gestalten aus dem Alten Testament fällt eines, das der Künstler „Der Menschensohn“ benennt, aus dem Rahmen. Nicht nur, weil es keine bekannte Figur darstellt, ungewöhnlich ist auch die weiß-schwarze Farbgebung und die Gestaltung als oszillierendes Wechselbild.

Seit vielen Jahren arbeitet Sigmar Polke jahrhundertealte, meist bekannte Bilder auf dem Computer so um, dass sie zu modernen Schöpfungen werden. Hier veränderte und vervielfachte er das Wechselbild von menschlichen Profilen und Kelchen und brachte es in einen neuen Kontext ein.

So zeigen sich in dem Rundbogenfenster nun auf vier Ebenen scherenschnittähnliche schwarze menschliche Profile, die sich gegenseitig anschauen. In der vertikalen Mitte fügen sie sich zu Janusköpfen, dem Symbol der Zwiespältigkeit. Zwischen den Gesichtern flutet mal schmaler, mal breiter, weißes Licht, das über den Rand des obersten Gefäßes, einem geheimnisvollen Kelch mit weit ausladender dunkler Schale, nach unten zu strömen scheint.

Und plötzlich eine Veränderung: wo eben noch schwarze Gesichter im Profil waren, sind nun weiße Kelche zu sehen, Kelche in verschiedenen Größen und Formen. Und so wechselt das Bild zwischen Kelchen und Menschen in einer geheimnisvollen Interaktion. Erstaunlicherweise wird der singuläre Kelch im Rundbogen kaum von dieser Oszillation berührt.

Was kann der Künstler mit seiner Darstellung für eine Botschaft vermitteln wollen? Und warum der Titel Menschensohn?

In der Frühzeit der hebräischen Bibel war der Menschensohn einfach Einer oder Jemand unter den vielen Menschen. Später wurde das Wort für den ersehnten transzendenten Heilbringer gebraucht, bis sich im neuen Testament Jesus an mehreren Stellen mit diesem Begriff identifizierte. Im gleichen Sinn gebraucht Sigmar Polke das Wort Menschensohn und symbolisiert den Heilbringer oder das Heil mit dem Kelch (Jesus wird in der katholischen Messfeier „Kelch des Heiles“ genannt). Das Wort Heil hat aber durch seinen Missbrauch im Nationalsozialismus an Bedeutung und Überzeugungskraft verloren. Es ist beschädigt worden. Weisheit, Wahrheit, Liebe bieten sich an für das, was vom Kelch ausgehend, wie reines Licht zwischen den Menschenköpfen fließt. Wir sprechen auch von der Schale der Weisheit. Es lohnt sich, im Zusammenhang mit dem Fenster im biblischen Buch der Weisheit den überwältigenden Hymnus auf die Weisheit (7,22 – 8,1) zu lesen: ein Text voller poetischer Schönheit und Wahrheit. Auch als Wahrheit und als Liebe lässt sich das Licht deuten, das zwischen den Menschen fließt und ihr Leben hell machen kann. Sie geben dem menschlichen Geist einen weisen und gütigen Charakter. Der Künstler bringt dies mit den im Profil dargestellten Köpfen zum Ausdruck. Durch das göttliche Licht erhalten wir die Möglichkeit, es aufzunehmen und unserer Seele und unserem Geist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Profil zu geben, welches insbesondere in der Begegnung mit dem Nächsten heilsam zum Tragen kommt.

Majestätisch steht der von Licht umflutete und in erhabenes Grau getauchte Kelch über den Menschenköpfen. Als Heilbringer steht er fest und unveränderlich. Aber sein Angebot verursacht im Menschen ein Schwingen und Pendeln zwischen Annahme und Verwerfung, zwischen Hosiannah und „Kreuzige ihn“, zwischen Dunkel und Licht, weil es die Wahrheit ans Licht bringt. – Damit ist Gottes Heil in unsere Zwiespältigkeit, aber auch in unsere Freiheit hinein gegeben. An ihm scheiden sich nicht nur die Geister, auch wir Menschen. Entweder wird sein Wort und seine Herkunft geglaubt, oder sie werden abgelehnt.

Sehnsucht nach Befreiung

Neun Fensterteile bilden zusammen eine Art Triptychon. Fünf schlangenförmige Elemente umgeben eine zentrale Figur, deren Oberteil von einem ähnlichen Element eng umklammert ist. Gleichzeitig erscheint die menschliche Person erhöht, ja schwebend und dennoch gehalten in einen gelben Bereich mit T-Form.

Gebundenheit spricht aus der schmalen Silhouette dieser Gestalt, deren Beine eng nebeneinander liegen und die Arme auf den Rücken gedreht sind. Wie Fesseln überziehen kreuz und quer Linien den Körper. Auch die Körperhaltung vermittelt Gefangenschaft, Unfreiheit, Leiden und Erdulden einer unfreiwilligen Situation. Fuß- und Kopfhaltung dieses Menschen mögen an Darstellungen des Gekreuzigten erinnern, aber hier wird eine menschliche Grundexistenz dargestellt.

Mit unserem Denken und Tun verstricken wir uns immer wieder in unfreiwillige Gebundenheiten, welche unser Leben Stück für Stück bis zur Unbeweglichkeit einschränken. Oft merken wir gar nicht, wie unsere Freiheit zu Denken und zu Handeln geschwunden ist und nehmen den beschränkten Lebensraum als die größtmögliche Fülle an. Wie ein starrer Panzer können aber auch Krankheiten, Unfälle und andere Lebensumstände unseren Körper und Geist umgeben und zur Bewegungslosigkeit zwingen.

Gott sei Dank muss es nicht so bleiben und gibt es die sehnsüchtige Hoffnung auf eine Macht, die stark genug ist, diese einer massiven Befestigung gleichende Umgebung aufzubrechen. Umgeben und neu gehalten vom goldgelben Licht, das symbolisch für Gott steht, sind bereits Teile weggesprengt worden, die nun haltlos im Luftraum schweben. Ihre Formen lassen noch den Körper ahnen, den sie bedrängt haben. Die Befreiung ist im Gange, die Erlösung nicht mehr fern.

Aus der Zusammenschau von dem Fenster zur Linken und dem zur Rechten wird dieser zum Altar hin orientierte Prozess auf dreifache Weise verdeutlicht.


Zum einen ist die Befreiung am Menschen selbst festzustellen, der im linken Fenster noch vollständig von den starren Elementen eingemauert ist, auf der anderen Seite aber frei im von unten auftauchenden (auf der anderen Kirchenseite im von oben hereinbrechenden) goldenen Licht badet. Dieses Licht bezeugt die befreiende und belebende Kraft, wie wir sie in der Natur von der Sonne kennen und nach einem langen Winter ersehnen. Seine Kreuzform verbindet sich mit der Erlösung und Auferstehung Jesu, die durch seine Hingabe möglich geworden war und das Heil für alle Menschen gebracht hat. Die dritte Form der Befreiung kommt in der von sechs auf vier abnehmenden Anzahl der umgebenden Elemente zum Ausdruck.

Diese Hoffnung soll allen Gläubigen zur Glaubensgewissheit werden: in dem im Kirchenraum intensiv erlebten und gefeierten Gottesdienst, damit auch im Alltag Gottes begleitende und befreiende – und dadurch österliche – Gegenwart spürbar erfahren wird.

Link zur Darstellung aller 6 Fenster

Metaphern Licht und Farbe

Was für ein Glasfenster! Kein figürliches Motiv ist wahrnehmbar, nur Tausende schillernder Farbquadrate, die so gleichmäßig über die ganze Fläche verstreut sind, dass kaum eine Ansammlung ähnlicher Farben auszumachen ist. Auf 19 m Höhe und 9 m Breite verteilen sich 11500 Glasquadrate mit einer Seitenlänge von 9,6 x 9,6 cm, eingepasst in 460 kleinere und größere Flächen des dunklen gotischen Maßwerks. Jeder Teil des Fensters erscheint so gleichbedeutend wie der andere, es gibt keine wichtigen oder unwichtigen Bereiche. Licht und die Farben können wie in einem Duett ihre volle Kraft entfalten und den Betrachter weit unter sich beeindrucken.

Was für ein Gegensatz zu den anderen großen und bunt bemalten Fenstern im ehrwürdigen Dom zu Köln – den erzählenden von biblischen Begebenheiten, denen mit Personendarstellungen oder mit ornamentalem Schmuck. Was für ein Unterschied zum vorhergehenden Fenster, durch das viel zu helles, blasses Licht in den Dom eingeströmt war. Das Provisorium war entstanden, weil im 2. Weltkrieg die Gläser wie die Pläne zerstört wurden und das Südquerhaus-Fenster deshalb nicht rekonstruiert werden konnte.

Und nun überwältigt die Farbenfülle: rot, blau, grün, gelb, schwarz, weiß … Je nach Sonneneinfall strahlt und leuchtet das Glasfenster, spielen die Farben miteinander, bei verhangenem Himmel wirkt es verhalten, und die einzelnen Farbquadrate sind auf sich allein gestellt. Ein Bild des Lebens? Das Leben ist doch bunt und zufällig – bei oberflächlicher Betrachtung nur dies.

Aber woher kommt dieser Eindruck von Harmonie, der das Fenster in der Tiefe eint? Kann es daher kommen, dass der Künstler nicht etwas grundsätzlich Neues schuf, sondern alle in den vielen Fenstern des Doms vorkommenden Farben sammelte, daraus 72 verschiedene Farbtöne auswählte und sie durch ein Computerprogramm zusammenfügen ließ? Anschließend korrigierte er an manchen Stellen die Zusammenstellung von Hand. So ergab sich eine Mischung aus dem vom Computer vorgegebenen „Zufall“ und dem Gestaltungswillen des Künstlers. So hat er althergebrachte und vorhandene Elemente aus dem unmittelbaren Umfeld in die Gestaltung des neuen Fensters einfließen lassen. Rührt das nicht an unser aller Lebensstruktur? Vieles ist vorgegeben durch Gene, Herkunft, Umfeld, Zeitumstände und vieles mehr. Aber die Freiheit ermöglicht auch Korrekturen, Eigenes einzubringen, sich zu entscheiden und etwas Vorgegebenes zu verändern.

Eine weitere dem Glasfenster zugrundeliegende Idee sorgt für Ruhe in der Vielfalt: Gerhard Richter gestaltete zuerst die eine Hälfte der Fläche und übertrug sie dann auf die andere Seite. Hier und dort schimmert diese grundlegende Symmetrie erkennbar durch. Ergänzende Ähnlichkeit und dennoch unverwechselbare Eigenständigkeit. Ob darin ein Hinweis auf die harmonische paarweise Existenzform gesehen werden kann, die das Leben erhält und trägt?

Als Drittes spielt das von außen eindringenden Licht eine maßgebliche Rolle in dem Kunstwerk, von dem Gerhard Richter sagt, er sei nicht sein „Schöpfer“, sondern nur „an seiner Schöpfung beteiligt … weil es eine Wirklichkeit veranschaulicht, die wir weder sehen noch beschreiben können“. Bewusst oder unbewusst nahm der Künstler dabei die mittelalterliche Vorstellung auf, das Licht sei Abbild – nicht nur Symbol – der göttlichen Allmacht. Damit öffnet das Fenster die Richtung zu einer in die Transzendenz führenden Lebensperspektive, die undogmatisch von Gottes vielgestaltiger und -farbiger Gegenwart in den Menschen unserer Zeit verkündet. Jeder Mensch, der das ihm innewohnende Licht auf seine Weise lebt und es für die anderen sichtbar bezeugt, gleicht einem unverwechsel- und unverzichtbaren Glasquadrat in diesem umfassenden und integrativen Fenster.

Das Bild vom Triforium bei vollem Lichteinfall
veranschaulicht dies auf faszinierende Weise und hierbei ist der Künstler selbst nur mittelbar der Verursacher. Die Farben und die Formen haben ihren Rahmen verlassen und sich “auf den Weg gemacht“: Dunkles zu erhellen, farblos Graues zu beleben und fröhlich zu machen, einen neuen Raum zu erfüllen, – auch wenn sich dabei ihre ursprüngliche Form verändert. Erfüllen sie nicht – mit heutigen Stilmitteln ausgedrückt – genau das, was Jesus in Gleichnissen gefordert hat: dass der Sauerteig nicht in der Schüssel bleiben, sondern hinaus quellen soll in die Weite; dass das Licht nicht unter dem Scheffel der Sicherheit und Geborgenheit an seinem Platz bleiben, sondern ebenfalls in die Weite hinaus leuchten soll.

Mögen viele den von diesem Fenster ausgehenden Impulsen nachspüren, um vielleicht Hinweise auf den eigenen Platz im Leben und die eigenen Aufgaben zu erkennen. Möge es zum Nachdenken einladen, mit welcher Farbe ich in diesem großen Gesamt, das durchaus auch Bild der Kirche zu sein vermag, Seine Liebe und Sein Licht in diese Welt hineinstrahlen kann.

So verbindet das Glasfenster von Gerhard Richter, das 20 m über dem Boden „schwebt“, sowohl Vergangenheit und Gegenwart, Zufall und bewusstes Tun, als materielle Wirklichkeit und geistige Transzendenz. Unorthodox erfrischend präsentiert es sich als Zeichen der Hoffnung und als meditative Wegweisung in unserer Zeit. Seit langem seien sich Kirche und Kunst nicht mehr so nahe gekommen, meint ein Betrachter.

Beim Verlag Kölner Dom sind vom Glasfenster drei Postkarten und ein Buch erhältlich: Gerhard Richter – Zufall. Das Kölner DOMFENSTER und 4900 FARBEN. Mit Beiträgen von Stephan Diederich, Barbara Schock-Werner, Hubertus Butin, Birgit Pelzer. Text deutsch und englisch,144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, fadengeheftet. Verlag Kölner Dom / Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2007, ISBN 978-3-86560-298-5, Preis 34,00 €.

Verlassen?

Ein ungewöhnlicher Kreuzweg: Nur aus sieben Stationen bestehend, zeigt er nicht Jesus auf seinem Leidensweg, sondern einen einzelnen Menschen zwischen geometrischen schwarzen und roten Farbfeldern. Die Bedeutung der einzelnen Elemente ergibt sich durch ihre Veränderung von Tafel zu Tafel, der Sinn dieses besonderen Kreuzwegs aus der Gesamtschau.

Da ist der Mensch. Seine Darstellung mit wenigen flüchtigen Strichen erinnert an seine Vergänglichkeit. Am Anfang hat er noch den Arm erhoben, die Worte andeutend, die neben ihm zu sehen sind: „Mein Gott, mein Gott …“. Er lebt noch unbeschwert – seine Füße haben keine Bodenhaftung –, unbedrängt und mit freier Sicht. Sein Scheitel überragt gerade noch die Wand in seinem Rücken und vor ihm bleibt genügend Abstand zur erst hüfthohen schwarzen Wand.

Und nun beginnt der Weg der Veränderung. Die Gestalt wird von Bild zu Bild kleiner, als wüchse sie in den Boden hinein. Die rechte Wand wird höher und höher, bis sie die linke überragt. Beide Wände rücken immer näher zusammen, bedrohlich den Lebensraum einengend, kein Entkommen mehr ermöglichend, die Luft zum Atmen abschnürend.

Im ersten Bild kann man den dünnen Kontraststreifen am rechten Bildrand leicht übersehen. Er ist ebenso rot wie das kleine Quadrat auf dem Brust- oder besser Herzbereich der menschlichen Gestalt. Beide roten Flächen verändern sich: Der anfangs rote Strich wird immer breiter und dient als Grundlage für sechs weitere Elemente, mit denen er Schicht für Schicht aufgestockt wird. Ebenso wenig wie der Mensch anfangs Bodenhaftung hatte, berühren sich die einzelnen Schichten nicht, sondern scheinen im Reich des Möglichen zu schweben. Das Rote im Menschen verändert sich anders: Je mehr ihn die Wände bedrohen und einengen, erfüllt es den noch verbleibenden Lebensraum zuerst nach unten und wächst dann nach oben weit über die Gestalt hinaus.

Wofür stehen die Farben? Das tiefe Schwarz wohl für Bedrohung, Bedrängnis, Not, Leid und Verlassenheit – darum die Frage der Verzweiflung, die sich handschriftliche über der rechten Wand durch die ersten vier Bilder zieht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2; Text unter den Bildern ist Anm. d. Autors). Die Gegenfrage im fünften Bild: Ist sie in dieser Situation nicht eine maßlose Provokation? Sicherlich für den Betroffenen. Aber für uns „Außenstehende“ erklärt sie den Sinn der roten Kontrastfarbe, die offenbar für Gottes oft so verborgene und dennoch existierende Anwesenheit in unserem Leben steht: Für seinen Beistand, seine Hilfe und Rettung, vor allem aber für Vertrauen und Liebe. Damit wird seine Frage eine trostvolle Frage.

Aus der sechsten, unbeschrifteten Tafel spricht großes Schweigen. Die Bedrängnis ist am größten. Man spürt die Stille des Todes, aber gleichzeitig deutet sich kaum wahrnehmbar eine Wende an: Die bis dahin sich nach rechts neigende Silhouette steigt zum ersten Mal wieder an.

Und auf der siebten Glasscheibe dann die Befreiung, die ultimative Antwort Gottes auf Leid und Verzweiflung, auf Hoffnung und Vertrauen. Die roten Farbschichten füllen nun die Hälfte der Bildfläche. Aufgetürmt auf dem Grundstock des Vertrauens sind sie nun zwar auch nicht miteinander verbunden, aber gehalten von dem alles umfassenden orangefarbenen Licht, das den Hintergrund der Bildfläche erfüllt. Eingebunden in dieses warme Licht steht der Mensch größer und fester als je zuvor da, „gekleidet“ in die Wesentlichkeit seines Vertrauens: Gott. Frei von Bedrängnis schaut er – wahrscheinlich voller Verwunderung – auf die sieben roten Balken, die für ihn zuvor verdeckt waren. Als neue Wirklichkeit stehen sie kraftvoll der an den Rand gerückten dunklen Vergangenheit gegenüber und bieten dem Auferstandenen ungekannte Perspektiven …

… und auch uns. Denn dieser auf Glas gemalte Kreuzweg will Durchblicke in existenziellen Fragen geben, Zuversicht und Hoffnung bezüglich des Lebens danach. Vielleicht hat die Künstlerin ihn deshalb auf transparenten Glasscheiben mitten in den Raum gestellt. – Er soll nicht an den Rand gedrängt oder an die Wand gehängt werden, sondern zentral in unserem Leben stehen – wegen seiner Bedeutung für das ewige Leben. Deshalb sollte jeder für sich, für sein Leben und in seiner Situation diese Botschaft vom Kreuzweg zu entziffern und zu begreifen versuchen …

amo ergo sum

Amo – ergo – sum steht von oben nach unten gelesen unter den drei Bildtafeln, die gegen unten immer ausladender und deren beide Hauptdarsteller immer formatfüllender werden. Ihre geschwungene Form ist nicht nur außen bewegt, sondern lebt auch im Innern durch das Spiel der Farbnuancen. Die beiden Formen mögen an Wellen erinnern, aber auch Assoziationen an stilisierte Vogelköpfe oder erotisches Spiel auslösen. Letztlich zeichnen sie auf abstrakte Weise den Weg der Liebe: Ihre Existenz und ihre Bewegung, die mittels Annäherung, Berührung und Gemeinschaft bildende Verbundenheit in ihrer Mitte Neues entstehen lässt.

Im Gegensatz zum “Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich” des Philosophen Descartes steht bei Sr. Claudia Krämer das christliche “amo ergo sum – ich liebe, also bin ich.” Mit diesen drei Worten hat sie das zentrale Anliegen Jesu meditativ ins Bild gebracht: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst! Daraus resultiert, wie Jesus es gegenüber dem Gesetzeslehrer formuliert hat, das Leben (vgl. Lk 10,25-28).

Wie die Schrift ist auch das Spiel der beiden Formen aus der Hand der Künstlerin „geboren“. In der obersten Bildtafel thematisieren sie die Begegnung. In der Annäherung ist die gegenseitige Anziehungskraft zu spüren, aus der eine herzliche Zuneigung hervorgeht. Das eine Element kommt von oben, vom Himmel, das andere von unten, von der Erde her. Das eine ist schon groß im Bild, während das andere erst am Kommen ist.

In der Mitte sind die beiden Formen schon stärker im Bild. Der weiße Freiraum ist weniger geworden. Die untere „Welle“ ist aufgestiegen, die obere „Welle“ hat sich auf die untere herabgesenkt, ohne dass eine der beiden dominieren würde. Durch die Berührung und die stellenweise Überlagerung hat die Begegnung an Intimität gewonnen. Sie lassen sich aufeinander ein und binden sich aneinander.

In der untersten Bildtafel wird die Einheit zum Ausdruck gebracht, die aus dieser liebenden Verbundenheit entstanden ist. Beide Elemente nehmen gleich viel Platz ein. Sie sind beide im „Kopf- und Bauchbereich“ auf den anderen eingegangen und geben durch die Überlagerung (gemeinsame Interessen?) der Beziehung Halt und Beständigkeit, gleichsam die Worte aufgreifend: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken.“ (Lk 10,27)

In der Mitte dieser beiden „Liebenden“ offenbart sich als „Frucht“ das neue Leben: Ein Menschenkopf. Aus dem Zentrum der liebenden Vereinigung heraus wird der Mensch geboren und erhält darin seine Geborgenheit. Auch als Erwachsener. Hat die Künstlerin ihn deshalb so nachdenklich dargestellt? Weil wir unser ganzes Leben lang Werdende sind? Gerade durch die Liebe? Die Spitze der roten, ihn umgebenden Form weist auf seinen Kopf, sein Denken hin, die Spitze der rosafarbenen Form auf seine Brust und seine Liebe , als wollten sie sagen: Liebe! – und du wirst das Leben in Fülle erfahren.