Zweifacher Lichtspalt

Es gibt Bilder, die beim Betrachten einfach gut tun. Dieses Aquarell mit seinen lichtvollen Blautönen gehört meines Erachtens dazu. Nicht, weil es viel darstellen würde oder besonders virtuos gemalt wäre, nein, es sind seine Einfachheit, sein Licht und seine Blautöne, die faszinieren.

So sehr die einzelnen Farbquader passgenau ineinandergreifen, sind sie doch voller Leben. In jedem Feld gibt es hellere und dunklere Bereiche, an ihren Begrenzungen leuchtet da und dort ein heller Spalt und lässt Luft (zum Atmen) dazwischen ahnen.

Die Farbabstufungen führen wie über Treppenstufen von außen nach innen zum Licht. Das äußerste Blau bildet als größtes zusammenhängendes Feld ein Gefäß und den tragenden Rahmen. Da fallen vier große, dunkle und, bis auf einen, quadratische Würfel auf, die wie Kontrapunkte den zentralen Lichtspalt flankieren. Zwischen ihnen sind drei mittelblaue und zwei hellblaue Flächen angeordnet. Sie bilden gleichsam eine zweite oder dritte Ebene und lassen das Aquarell durch den Blick in die Tiefe dreidimensional erscheinen.

Es ist das zentrale Licht, das die einzelnen Farbkörper in Ihrer Farbigkeit aufleuchten lässt. Es ist der eine schmale Lichteinlass, der den zentralen Raum so hell macht, dass er als bergender Raum wahrgenommen werden kann, als Raum, der auch eine Öffnung zum Himmel hat. Und es ist dieses von hinten durchstrahlende eine Licht, welches mit Erstaunen die Zwei-, Drei- und Vierzahl der Farbflächen entdecken lässt. Es ist, als würde erst das ungeschaffene Licht unsere geschaffene Welt und ihre Möglichkeiten richtig erkennen lassen.

Der Lichtspalt vermittelt den Eindruck eines größeren, allerdings mehrfach verdeckten Durchgangs. Er kann als  Einladung gesehen werden, in diesen Farbraum einzutreten und darin zu verweilen. Die Farbe Blau verkörpert hier Sympathie und Harmonie, Vertrauen und Freundschaft. Blau steht auch für den Himmel und das Göttliche, das wir dort verorten. So vermag dieser Farbraum, so kerkerhaft und karg er wirken mag, einen Ort der Geborgenheit zu vermitteln. Einen Ort, an dem göttliches und menschliches Vertrauen zusammentreffen und im Hier und Jetzt schon himmlische Zustände schaffen.

Dennoch wird der Farbraum eine Zwischenstufe und der helle Lichtspalt Verheißung bleiben. Denn in uns lebt die Sehnsucht, eines Tages hinter das Geschaffene schauen zu dürfen und IHN, von seinem ewigen Licht erhellt, durchleuchtet und erleuchtet, von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Anbetendes Verweilen vor Gott

Diese Krippe umgibt weder das Licht noch der Glanz und erst recht nicht die Unruhe unseres heutigen Weihnachtsfestes. Aus der Schlichtheit der Darstellung geht vielmehr eine Armut und Ruhe hervor, die betroffen macht, eine Hingabe und Anbetung, die einen als Betrachter veranlasst, es gleich zu tun (vergrößertes Bild) .

Dabei ist kein Neugeborenes zu sehen und die beiden Gestalten haben wenig menschliche Individualität. Wie zwei eckige Klammern ein Wort, so umgeben sie die Krippe in ihrer Mitte, und geben ihr durch die eigene Stärke Schutz und Geborgenheit. Die beiden Großen, die sich klein gemacht haben vor dem Kleinen, lassen viel Spielraum zwischen sich. Dieses Knien und die gebeugte Haltung ihrer Köpfe bringt in hohem Maße Staunen und Zuneigung, Hingabe und Verehrung zum Ausdruck. Während der weiße Hintergrund auf ein ort- und zeitloses Geschehen hinweist, bringt die spontane und lebendige Pinselführung eine gegenwärtige Dimension in das Bild. So dunkel die Gestalten auch sein mögen, sie sind im Verharren vor dem Wunder in ihrer Mitte dennoch voller Leben und innerer Bewegung. Durch die frischen Farbspuren wird das Gefühl vermittelt, dass das auf dem Bild Dargestellte jetzt geschieht. Jetzt, während ich das Bild anschaue. Jetzt sind sie da, vor mir, ganz gegenwärtig.

In der feineren, helleren Gestalt links mag man Maria sehen, auf der anderen Seite, dunkler und maskuliner geprägt, Josef. Wie bereits festgestellt, ist das Kind in ihrer Mitte nicht zu sehen. Vor der hölzernen Futterkrippe, die auf beiden Seiten mit Steinen gefasst ist, fällt allerdings der aus drei feinen Linien gebildete rote Kreis auf, der mit den Köpfen von Maria und Josef korrespondiert, sich in der Farbe jedoch von ihnen unterscheidet. Zusammen ergeben sie ein nach unten weisendes Dreieck, dessen untersten Punkt eben dieser rote Kreis bildet: Die unendliche Liebe Gottes macht sich klein und gibt sich in Menschenhand.

Weihnachten – anbetendes Verweilen vor Gott, der sich in seinem Sohn klein und arm gemacht hat, um uns mit dem Reichtum seiner Liebe zu beschenken.

Aufschrei

Es gibt Kunstwerke, vor denen man einfach stehen bleiben muss. Sei es wegen ihrer Schönheit, ihrer Ausstrahlung oder ihrer Eigenartigkeit. Die vorliegende Arbeit gehört meines Erachtens zu den Letzteren. Ein Kleidungsstück, ein alter Unterrock wurde leicht nach links verschoben mittig auf das Papier gebracht und so ausgebreitet, dass ein dreifacher ovaler Kreis entstanden ist. Während der Stoff in der Mitte relativ flach aufliegt, sind die äußeren beiden Stoffkreise angekraust und durch weiße Bänder gehalten. Dadurch erhält das zentrale Geschehen eine Ausstrahlung.

Ein braunes Band hält die Mitte zusammen und bildet nun eine T-Form mit zwei fast unscheinbaren Öffnungen. Unter dem Stoff sind in der Mitte, dann unter dem inneren weißen Band, nach unten auslaufend und nach oben ein Medaillon bildend kreisförmige Zellen auf das Papier gemalt worden. Was sie wohl zu bedeuten haben? Ob sie in freier Form an die Zellteilung erinnern wollen, an die Entstehung eines neuen Lebewesens und seinen vorübergehenden Wohnsitz unter diesem Rock? Die kleine Öffnung in der Mitte und die Doppelschnur unten links mögen die Vermutung unterstützen, führt die Schnur doch wie eine abgetrennte Nabelschnur von der leicht eingeschobenen Ovalseite weg. Hier werden Mutter und Kind thematisiert, Geburt und Erscheinen in der Welt.

Die Doppelschnur bildet gleichzeitig den unteren Abschluss von drei mit Bleistift weit auseinander geschriebenen Worten: „Don’t swallow Me!“ Zu deutsch: „Verschluck mich nicht!“ Als müssten sie diese Worte dramatisch unterstützen, sind auf die andere Rockseite zwei geradezu unendlich lange Arme gemalt, die hilfesuchende Hände weit nach oben strecken, geradezu in den mit weißen Pinselstrichen angedeuteten Himmel hinein. In ihrer roten Einfärbung äußern sie einen langen und furchtbaren Hilfeschrei. In welcher Verlorenheit und Verdrängung muss sich dieser Mensch befinden, dass er sich an der Mutter vorbei derart nach Freiheit – die weiße Farbe deutet auch Reinheit und Unschuld an – sehnt? Was ist da an Unterdrückung geschehen, dass die Hände und Arme so blutig rot sind?

Der das Bild beherrschende Frauenrock schweigt in majestätischer Dominanz und Reinheit, verdeckt so gut wie möglich, was unter ihm geschehen ist. Aber das Vergangene kann nicht verborgen bleiben. Als reales Geschehen prägt es die Betroffenen und hat Auswirkung auf ihre Umwelt.

„Verschluck mich nicht!“ ist der bittende Protestschrei des Kleinen, die Auflehnung des Machtlosen gegen das vereinnahmende Handeln der Mächtigen. Hier lehnt sich die Künstlerin gegen ihre längst verstorbene Mutter auf, aber das Geschehen kann sich in gleicher Weise wiederholen in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es in der Partnerschaft, der Familie, in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft oder der Rechtsprechung. Die Arbeit erinnert letztlich, dass es viel, viel schwerer ist, den Mitmenschen als gleichberechtigtes Wesen zu achten und zu behandeln, als sich auf seine Kosten zu profilieren. Auch wenn dies unbewusst geschieht. Die Arbeit zeigt zudem, dass Gerechtigkeit nicht einfach so geschieht, sondern immer einer Anstrengung bedarf, eines Einsatzes für den Schwächeren, der auch Wiedergutmachung nach geschehenem Unrecht beinhalten muss.

Erholung

Große Einfachheit zeichnet dieses Bild aus. Abstraktion, denn die Farbfelder lassen die Erkennung eines konkreten Gegenstandes nicht zu. Ist es deswegen ein geistiges Bild? Seine Struktur ist uns nicht unbekannt. Nicht nur von Mark Rothko, der als erster in dieser Weise große Arbeiten malte. Im Bild können sich vielfache Erfahrungen aus unserem Leben spiegeln.

Da ist eine markante, waagrechte Trennung zwischen Unten und Oben, wie wir sie auch in der Natur in der Trennung von Erde und Himmel erfahren. Die Horizontale erinnert an flache Landschaften wie große Ebenen, Wüsten oder den Meeresstrand. Ihnen wohnt eine besondere Weite und Ruhe inne. Es sind für Körper und Seele erholsame Orte, weil wir an ihnen Freiheit erfahren und tief durchatmen können. Da ist von der kleingliedrigen und ermüdenden Alltagsstruktur nichts mehr zu spüren.

Die horizontale Linie, sie ist selbst dreigeteilt, lässt auch die Erfahrung des Liegens, des Entspannens und Ausruhens spüren, die wir täglich brauchen. Sie findet ursprünglich auf dem Horizont statt, an der Grenze zwischen Erde und Himmel. Aber im Schlaf geben wir uns ganz der Erdkraft hin, und öffnen uns doch der Unendlichkeit über uns. Im Urlaub suchen wir oft ähnliche Erfahrungen: Orte und Situationen, in denen wir dem Alltag entfliehen, dabei Körper und Seele hängen lassen und gleichzeitig auftanken können.

Die helle Linie spricht weiter eine Dualität an: eine Dies- und Jenseitigkeit, ein Hier und Dort, ein Jetzt und ein Danach. Beide sind voll und ganz gegenwärtig, gehören zusammen. Mal mag der eine Teil größer sein oder mehr Raum im Leben einnehmen, mal der andere. Aber so wie die Horizontale proportional im goldenen Schnitt des Bildes liegt, suchen wir bei der Erholung – egal, wie sie umgesetzt wird – das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Lebensbereichen zu stärken, ihre Harmonie wiederherzustellen.

Wie der obere Bereich mehr Platz im Bild einnimmt, gibt man bei der Erholung dem Ersehnten, dem Wohltuenden mehr Raum und Zeit. Seine goldene Farbe mag andeuten, dass Erholung in jeder Form (Urlaub, Auszeit, Feierabend, Pause) eine heilige Zeit ist. Sie ist kostbar und verlangt einen wertschätzenden Umgang. Ebenso ist das Geheimnis dieser ganz anderen Zeit- und Lebenserfahrung spürbar, das Göttliche in ihr.

Dieser obere, lichte Farbraum, in dessen Zeichnung man auch eine Kreuzform, ein Gesicht, ja göttliches Leben ahnen kann, lässt den unteren, sich vom Hintergrund nur schwach abhebenden roten Bereich, der für uns Menschen und unseren Lebensraum stehen mag, ganz anders wahrnehmen. Geerdet strahlt er eine wohltuende Ruhe aus. Nicht nur in der Vision des ganz anderen, sondern in seiner gegenwärtigen Erfahrung spricht lebendige Stärke aus ihm, Lebenskraft.

Gottes Geist als Beistand

Ein farbstarkes Bild, voller Bewegung und Lebendigkeit, dessen Inhalt sich wesentlich von der Beachtung der Farbgebung her erschließt. Dreiviertel des Bildraums sind von Farbspielen in feurigem Rot mit gelben und weißlichen Einschüben erfüllt. Ein Sturm wirbelt wie bei einer Feuersbrunst Gegenstände hoch in die sich herabstürzenden glühenden Luftmassen. Aber dieses Schauspiel wirkt nicht beängstigend und zerstörerisch, sondern im Gegenteil machtvoll, wie ein gewaltiger Impuls die Menschen erfassend und berührend, die im Blau des unteren Viertels nach vorne streben. Hier unten scheint die Bühne des Geschehens zu sein, hier unten scheint sich eine Veränderung zu vollziehen. Denn ähnlich wie bei einem Prisma teilt sich das Feuerrot, das von oben kommt, in mehrere Farben: leuchtendes Gelb, welches das Blau von unten stellenweise aufhellt oder sich mit ihm zu zartem Grün verbindet, das Rot, das mit dem Blau als kräftiges Violett erscheint. Jede der zwölf Personen erfährt eine Veränderung durch die Zugabe einer neuen Farbe zur bisherigen.

Es ist ein geistiges Schauspiel, bei dem sich Jenseits und Diesseits verbinden, das die Künstlerin überzeugend und respektvoll dargestellt hat. Sie folgt der Erzählung der Apostelgeschichte, dass die elf Apostel, zusammen mit Jesu Mutter von Gottes Geist erfüllt werden, wie er es ihnen versprochen hat. Sie wirken, als würden sie sich nun aufmachen, jeder auf seine Weise, nicht als wollten sie fliehen, eher als würden sie gesandt. Vor allem einer, der im violetten Gewand links neben Maria, ist wie zum Aufbruch gegürtet. Ihn scheint von oben ein besonderer Impuls direkt zu treffen. Petrus?

Aus der Beschäftigung mit dem Bild entstehen Fragen. War das Ereignis, das wir jedes Jahr an Pfingsten feiern, einmalig? Kann es heute noch lebendig wirken? Kann es sich wiederholen? Nur als kosmisches Ereignis oder auf verschiedene Weise? In seinen Abschiedsreden hat Jesus Gottes Geist für die Zukunft versprochen, um das jeweils Andere und Neue zu finden, das sie braucht …
Pfingsten kann demnach nicht nur ein Fest des Erinnerns sein. Es hat seine Aktualität, aber die muss sowohl entdeckt als auch angenommen werden.

 

Weitere Bildmotive von Christel Holl finden Sie und können Sie bestellen auf der Website des Beuroner Kunstverlages.

In der Mitte gegenwärtig

Fasziniert mag das Auge auf der hellen Gestalt in der vertikalen Mitte des Bildes verweilen. Wie eine Erscheinung tritt sie aus dem lichten Gelb hervor, ganz Geist und doch sich materialisierend unseren Blicken zu erkennen gebend. Die Arme kaum erahnbar am Körper angelegt, Oberkörper und Kopf leicht nach vorne geneigt, spricht äußerste Zurückhaltung genauso wie ein Auf-uns-Zukommen aus dieser Menschengestalt.

Ein Heiligenschein bezeichnet die Gestalt als eine mit Gott in enger Verbindung stehende Person. Kommt sie direkt von ihm? Wie aus einer Türöffnung scheint sie aus der rechteckigen Öffnung, die unsere Welt andeuten könnte, auf uns als Betrachter zuzukommen. Auch die beiden Flügel bezeichnen sie als Bote Gottes und als Lichtbringer in die dunklen Momente unserer Welt.

Doch kommt die engelsgleiche Erscheinung wirklich durch die rechteckige Öffnung auf unsere Seite? Die Öffnung könnte auch nur ein Fenster sein, ein Durchblick und Ausblick auf etwas Wunderbares. Der Engel wartet auf uns, will uns ermutigen, zeigt Zukünftiges, zu Erwartendes, weckt damit Sehnsucht nach Wärme, Heil und Geborgenheit. – Alles also nur Illusion, Vertröstung, bestenfalls Vision?

Nein! Die Flügel des Engels sprechen eine andere Sprache. Sie bilden in Form und Farbe ein großes Herz. So groß und warm könnte es Gottes Herz darstellen, denn aus seiner unendlichen Liebe zu uns schickt er uns Boten und Zeichen seiner liebenden Nähe. So wie das Herz für die glühende Liebe des Senders stehen mag, kann es auch als unser Herz gesehen werden, in das der Bote tritt. Es erhält durch die Lichtgestalt eine starke Mitte. Es wird zusammengehalten und zeigt zugleich Offenheit für die geheimnisvolle Präsenz eines Anderen.

Denn die Erscheinung muss kein Engel sein. Wir können auch am oberen Bildrand den Querbalken eines Kreuzes wahrnehmen und die Lichtgestalt als Jesus deuten, eingehüllt in glühende Liebe. Oder als den Auferstandenen, der durch die Liebe seines Vaters zum Leben erweckt worden ist und nun – nicht fern und undefinierbar im Irgendwo, sondern klar und deutlich – in unseren Herzen lebt und ihm göttliche Impulse gibt. Lässt das ihn umgebende wunderbare Rot nicht die kraftvolle Präsenz seines Heiligen Geistes spüren?

 

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Einer steht dahinter

Manchmal lohnt sich ein genauerer oder hinterfragender Blick. So wie bei dieser Knospe in einer Kreuzform. Das Bild ist mit drei Ebenen oder Formen sehr einfach aufgebaut: Hintergrund, Kreuzform, Knospe.

Der Hintergrund präsentiert sich in einem dunklen, aber transparenten Blau. Nacht könnte damit angedeutet sein, aber auch Geheimnis. Die Transparenz lässt auf ein lichtes Dahinter schließen – nur der nächste Tag oder gar etwas Größeres, welches hinter allem und damit auch hinter diesem Geschehen steht und es hält?

Die in Rottönen gemalte rechteckige Form hebt sich als etwas Geschaffenes vom eher endlosen Hintergrund ab. Wie eine Straße oder ein Weg mit einem großen Rastplatz durchquert sie das Bild in der Vertikalen. Es muss nicht ein Kreuz sein, aber es kann. Die Gestaltung der Kreuzform ist offen für weitere Interpretationen. Es ist nichts Dunkles mehr in diesem „Kreuz“ zu finden. Lichtdurchflutet und vom Rot der Liebe und des Lebens umgeben verkündet das ursprüngliche Symbol für einen grausamen Tod durch Jesu Auferstehung nun Hoffnung und neues Leben. Das Kreuz ist nicht mehr Endstation, sondern Durchgang zu Neuem.

Die große Knospe suggeriert, dass dieses Neue im Gegensatz zur Kreuzform eine ganz andere, bisher unbekannte Lebensform beinhaltet. Anstelle der harten und geraden Formen besteht sie aus weichen, geschwungenen Linien, das künstlich Geschaffene ist nun dem natürlich Gewachsenen gewichen. Eine silberne Aura umgibt diese Pflanze des neuen Lebens, in deren Knospe sich die Farben der „alten Welt“ von außen nach innen wiederholen. Damit wird angedeutet, dass dieses ganz Andere und Neue dennoch aus dem Bekannten und Vorhergehenden entsteht und damit seine Spuren trägt. Aber in seinem Innern, umrahmt von einer feinen Goldspur, leuchtet in reinem, hellem Gelb die Einzigartigkeit und Schönheit seiner treibenden Kraft auf – unscheinbar, bezaubernd, von der überwältigenden Zuneigung des hinter uns Stehenden erzählend.

Lebensträger

Sparsame Linien und Grautöne bringen die Oberfläche dieses Blattes leise zum Sprechen. Eine tiefe Ruhe liegt in zwei der angedeuteten Formen: dem menschlichen Kopf links und dem rechts neben, über und hinter ihm sich entfaltenden Rechteck, das durch die hauchzarte Lilatönung Weite andeutet und sich durch die auslaufende Farbe nach unten offen gibt. Seiner Darstellung nach ist der Kopf nach hinten geneigt. So ist er dem rechteckigen Feld zugewandt und erscheint in einem engen Austausch mit diesem Gegenüber, das durch seine Proportionen auch an ein Fenster oder eine Türe denken lässt, beides Raumöffnungen, durch die ein Austausch stattfindet zwischen Außen und Innen …

Kopf und Rechteck überlagernd und verbindend hat die Künstlerin als drittes Element langgezogene Kreise in die Komposition eingezeichnet. Ihre diagonale Anordnung auf Mundhöhe bringt Dynamik in die Komposition hinein. Damit wird eine intensive und lebendige Beziehung zwischen menschlichem Innen- und Außenraum suggeriert, wie sie etwa dem Atem zukommt. Aber auch dem Wort, dem Gedanken, der Empfindung …

Mit feinen Mitteln wird hier Existenzielles angesprochen. Der Mensch lebt nicht aus sich heraus, sondern im Austausch mit dem ihn umgebenden Licht, der Luft, der Wärme, dem Wasser, den Nahrungsmitteln, den umgebenden Menschen, ja der gesamten Natur. Diesbezüglich sind wir wie alle Geschöpfe abhängige Wesen, deren Leben sich auf einer sehr schmalen Basis bewegt. Wenn die Künstlerin der Arbeit den Titel “Das Wasser nimmt die Form des Wassers an“ gibt, schwingt etwas von dieser existenziellen Abhängigkeit mit. Im Gegensatz zum Aschekreuz am Aschermittwoch, das die Menschen zeichenhaft an ihre allzu gern verdrängte Vergänglichkeit erinnert, wird hier der Mensch als Lebensträger dargestellt, der zu dem wird, was er aus seiner Umgebung in sich aufnimmt. Beispielhaft wird durch die Künstlerin das Wasser angesprochen, das auch im Körper des Menschen seine Form beibehält. Und ebenso verändert und formt der Einzelne seine Umwelt, seine Mitmenschen.

Keine leichte Aufgabe. Die Unterscheidung zwischen dem, was gut tut, und dem, was uns schadet, ist beim undurchschaubaren Angebot schwer. Hat der angedeutete Mensch vielleicht deshalb den Kopf nach hinten geneigt, weil er sich erwartungs- und hoffnungsvoll Hilfe und Beistand erhofft?

Staunende

Etwas verloren steht das kleine Wesen in seiner dunklen Umgebung. Eine seltsame Erscheinung. Denn es sind fast nur Umrisse auszumachen, welche in weißer, blauer und gelber Farbe ein weibliches Wesen zeichnen, gewissermaßen aus dem Dunkel hervorheben.

In leicht gebückter Haltung steht sie da, dem Betrachter zugeneigt, wie um besser sehen zu können. Ihr Blick scheint regungslos, gebannt von etwas für uns Unsichtbarem. Sind es vielleicht wir selbst, die wir sie in Staunen versetzen? Genauso wie wir uns in diesem Augenblick vielleicht über ihre Erscheinung wundern und uns fragen, wie dieses Lichtspiel möglich ist?

Die kleine Gestalt, es mag aber auch einfach an der leicht von oben gewählten Ansicht liegen, erscheint wie ein Kind. Auch wenn sie es nicht sein muss. Aber so erinnert sie an das Staunen der Kinder. Sie erinnert uns an die Kraft, die im Staunen liegt, im kindlichen Entdecken der Welt. Erstarren und Verwunderung vermögen diese immer wieder neuen Entdeckungen begleiten, diese Begegnungen mit „unglaublichen Erscheinungen“, welche alles bisher Erfahrene übersteigen.

Genauso steht diese junge Dame in der Dunkelheit. Regungslos, gebannt, das Gesehene fixierend, betrachtend, zu begreifen suchend. Ihre Umrisse vibrieren, sind voller Leben, scheinen in der Begegnung mit dem geheimnisvoll Anderen zu leuchten. In der Wirklichkeit wäre eine solche Darstellung nicht möglich. So weder von vorne noch von hinten angestrahlt, außer den Umrisslinien im Dunklen verharrend. Kein Schatten ist möglich, keine Steh- oder Gehfläche sichtbar. Im unteren Teil der Bildfläche angeordnet, schwebt sie dennoch nicht im luftleeren Raum, sondern weckt den Eindruck, mit beiden Beinen fest auf einem Boden zu stehen. Zugleich wirkt sie aber auch wie „auf dem Sprung“ in ihrer Haltung, die Hände aus den Taschen nehmend, wie ein „guter Geist“, der da ist, wenn wir uns alleine schwer tun.

Eine staunende, geheimnisvolle Erscheinung, die ihrerseits Staunen hervorruft! Ein paar farbige Striche haben genügt, sie aus der Dunkelheit herauszuholen. Ebenso vermag vielleicht ein verlängerter Augenblick das zuvor verborgene „Wunderbare“ in der Natur, in einem Menschen, in einem Kunstwerk oder einem Gedanken aufleuchten lassen und in einer Innigkeit erfahren lassen, dass sich das Erfahrene fest und tief in die Seele einprägt – und immer mehr zu einem unsichtbaren Schatz wird, der einen nicht nur in dunklen Zeiten erbauen und stärken kann.

Darum möchte man seine Schönheit nicht mehr loslassen, sie vor dem Verwelken bewahren, das Faszinierende festhalten, es sehen, erfahren und in Ewigkeit kosten und genießen.

Lichter Raum

Linien ohne Ende, Linien in allen Farben bilden auf diesem Bild eine verwirrende Landschaft. Dabei scheinen die schwarzen Linien einen gitterartigen Vordergrund zu bilden, bei dem im Randbereich Blumenmotive und aus Quadraten und Dreiecken bestehende vereinfachte Häuser und Häuserzeilen erkennbar sind, die sich zu einer Stadt, zu einer Stadtlandschaft formieren.

Dahinter eine nahezu unfassbare Linienfülle. Die Farbspuren erinnern an die vielen Lichter einer Stadt, an ihre stark befahrenen Straßen, auf denen die Autos vergängliche Licht- und Farbspuren hinterlassen. Ein Feuerwerk an Lichtbewegungen, das in der Bildmitte die Nacht zum Tag werden lässt. Ein beeindruckender, lichter Kubus, fest auf dem Boden stehend, ein faszinierender Lichtraum, in dem die Linien und Bewegungen ganz anders wahrgenommen werden können. Dieser lichte Raum offenbart trotz aller Fülle Transparenz und lässt mit seinem geheimnisvollen Charakter Transzendenz zu.

Diesbezüglich könnte man auch an die Aufzeichnung eines Traumbildes denken, das unser Erleben und unsere Gefühle in allen Beziehungen darstellt, gleichzeitig unser Verhalten zu Dingen und Mitmenschen, schwer zu entschlüsseln, aber trotz aller Fülle nicht ohne Harmonie. Der helle Innenraum als Spiegelbild unseres Innersten – offen für das Transzendente?

So vermag die Arbeit zur Meditation einladen, zum Nachdenken über die Linien und Bewegungen in unserem Leben. Wo würden wir uns spontan einordnen? Mit welcher Farbe malen wir gerade unser Leben? Oder wird es gemalt? Sind wir allein unterwegs oder prägen wir gemeinsam das Dorf- oder Stadtbild? Mit diesen Fragen ist das Feld sicher nicht erschöpft.

Da ist auch das schwarze Gitter mit seinen unregelmäßigen Linien. Ob es eher ein Schutz vor diesen wirren Bewegungen ist, weil der Eintretende sonst in Gefahr schwebte, mitgerissen zu werden? Oder ist es ein Schutz für den hinter dem Gitter, auf dass er sich selbst nicht verliere? Oder bildet es eher ein Tor, das aufgestoßen werden möchte und zum Eintreten in diese furiose Lichtwelt einlädt? Denn trotz der beängstigend vielen Linien bietet das Gitter doch einen klaren Halt, der lichte Kubus einen geordneten Raum, der inmitten der Finsternis und der Verwirrung einen gewissen Schutz bietet, einen Ort der Einkehr, Besinnung und vielleicht auch der Orientierung. Das Leben mit seinen kreisenden Bewegungen wird in diesen zentralen Raum hineingetragen, da aber vom Licht verwandelt, neu erfahrbar gemacht. Ein Bild für transzendentale Erfahrung? Einer subjektiven Gottesbegegnung?

Ave Maria, virgo potens – ein Andachtsbild?

Anselm Kiefer liebt es, kurze, prägnante Worte in seine Arbeiten zu integrieren. Als Schrifthinweise deuten sie eine mögliche Interpretationsrichtung der verwendeten Materialien an, führen den Betrachter allerdings oft in ein Dilemma zwischen dem Bezeichneten und dem Dargestellten. Denn der Künstler spannt weite Bögen und verarbeitet existentielle Themen gerne in Verbindung mit gesellschaftspolitischen Ereignissen und unter Berücksichtigung ethischer Dimensionen. Insbesondere die Rückbesinnung auf die Vorgänge in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist ihm wichtig. So stellt sich auch hier die Frage, was Inhalt und Botschaft dieser Arbeit sein könnte.

Irdische Sehnsucht
Durch die Verwendung verschiedener, auch authentischer Materialien begegnet uns ein mehrschichtiges Bild, das allein durch seinen Aufbau Tiefe aufweist und den Betrachter einlädt, diese auszuloten. Wenngleich die graubraunen und rotfarbenen Farbtöne eine warme Atmosphäre schaffen, so ist das Bild doch von Durst und Sehnsucht nach Begegnung und Erfüllung geprägt.
Die Boden bildende Lehmschicht erzählt selbstredend davon. Einst war sie durch das verbindende Wasser geschmeidig und fruchtbar, nun ist sie ausgetrocknet und von Rissen durchzogen ein Bild des Elends und der Machtlosigkeit. Noch künden die Rosen von der einstigen Kraft, Nährboden zu sein, aber die Erde ist zum wackeligen Halt für die ebenso trockenen Blumen verkommen. Noch ist das aufstrebende Element und die einstige Schönheit der Rosen spürbar. Die Liebeserklärung steht noch. Das Verlangen nach Licht, Wasser und Wärme bleibt bestehen, die Sehnsucht nach neuem Leben.

Göttliche Antwort
Als ein Gegenüber hängen von oben herab weitere getrocknete Rosen ins Bild. Ein Spiegelbild? Oder steht hier etwas Kopf? Oder wird da eine Grenze angedeutet, die überwunden werden kann? Außer dem Bildrand haben diese Rosen keine wirkliche Basis. Allerdings bergen sie ein geheimnisvolles schwarzes Kreiselement mit einer dunklen Mitte. Im oberen Bereich des Bildes angeordnet, könnte es auf eine übergeordnete Unendlichkeit hinweisen. Gleichzeitig lässt es an ein Auge denken, das sich in der christlichen Bildtradition häufig als Symbol für Gott findet.
Durch die vertikale Gegenüberstellung stehen die beiden Rosengruppen in einem Dialog zueinander. Ein stummes Gespräch, bei dem die Bewegung der oberen Rosen auf die der unteren eine Antwort zu geben scheint. Eine Antwort, die direkt mit den von Hand in dieses Spannungsfeld geschriebenen Worten „Ave Maria, virgo potens“ zu tun haben muss.

Maria als Mittlerin
„Ave Maria“ – wer kennt nicht die lateinischen Anfangsworte des Engels bei der Ankündigung ihrer Erwählung zur Mutter Gottes und ihr schlichtes Ja auf das Unfassbare? Und da die Erde alles Leben hervorbringt, steht Maria als gesprungene Erde symbolisch für die Erwartung des Volkes Israels, dass ein starker Retter es von der römischen Besatzungsmacht befreien wird.
Unerwartet folgt nach dem „Ave Maria“ ein „virgo potens“ und nicht das „gratia plena“ aus dem „Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade“. Was wohl der Grund für diesen anderen Wortlaut sein mag und woher die Worte stammen mögen, die durchaus mit Maria und ihrem bedingungslosen Sich-zur-Verfügung-Stellen zu tun haben? Die Spur führt zur Lauretanischen Litanei mit dreiundfünfzig zum Teil sehr bildhaften und poetischen Anrufungen der Muttergottes, denen stets ein „bitte für uns!“ folgt. Dieses Gebet ist seit dem 16. Jahrhundert im Wallfahrtsort Loreto in Italien bezeugt und hat seither die Bitten vieler Menschen gebündelt. Unter den Anrufungen findet sich auch „virgo potens, ora pro nobis“ – „mächtige Jungfrau, bitte für uns!“ Maria und Macht? Geht das zusammen? Sie schreibt sich selbst keine Macht zu. Sie war gewissermaßen genauso ohnmächtig und kraftlos wie wir. Aber ihre Offenheit für den Anruf Gottes und ihr Einverständnis zu seinem Vorhaben müssen eine einzigartige Nähe geschaffen haben. Wer also Maria als „Virgo potens“ verehrt, der glaubt, dass seine Bitten durch ihre Mittlerschaft verstärkt an Jesus herangetragen und auf Grund ihrer Herzensnähe bevorzugt erhört werden. Die vielen Votivtafeln in den Wallfahrtsorten der Christenheit bezeugen dies.

Der leidtragende Mensch
Der Künstler zitiert mit diesen beiden Wortpaaren also den Anfang eines Gebetes. Da er weder ein „ora pro nobis“ noch eine Bitte hinzugefügt hat, muss das Bild selbst auf eine Bittstellung hin befragt werden. Hinter den Rosen zeichnet sich tatsächlich die halb verborgene Gestalt eines Mannes ab, von dem in der Bildmitte der nach links blickende Kopf, rechts davon sein angewinkelter rechter Arm und darunter ein nackter Oberschenkel erkennbar sind. Er mutet wie ein Riese an, von Gestalt her mächtig genug, um sich helfen zu können. Es sieht so aus, als würde er tief im Dreck stecken, beladen mit einer Last, die dunkelgrau aus der Erde aufsteigt und sich über ihn legt. Ist nicht ein Auge und ein schelmisches Grinsen in diesem Schatten zu entdecken, der wie eine Schuld in unentwegtem Dialog mit dem Gewissen des leidtragenden Menschen bleibt?
Nur eine machtvolle Hilfestellung kann seine Not wenden. Ob die mit Licht durchtränkten Grauschattierungen im Hintergrund dafür stehen könnten? Das rostbraune Dunkel verdrängend, kommen sie wie eine Wolke auf die menschliche Gestalt herunter und umgeben sie stärkend und erhellend. Als verbindendes Element könnte diese mächtige Helligkeit in aufsteigender Richtung als Maria gedeutet, herabkommend als göttliche Gnade oder Hilfe gesehen werden. Aber auch andere Deutungen des nicht unwesentlichen Geschehens im Hintergrund sind möglich.

In seiner Offenheit hat dieses Bild mit bekannten Andachtsbildern letztlich wenig zu tun. Dennoch greift es elementare menschliche Regungen auf, schafft Identifikationsmöglichkeiten und unaufdringliche Zugänge zu Gott. Anselm Kiefer hat mit dieser Arbeit bewusst oder unbewusst eine einladende Ermutigung geschaffen, dass im Gebet zu Maria und damit zu Gott eine gewaltige Kraft steckt. Also doch ein Andachtsbild?

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 4/2008 der Zeitschrift „das münster“, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Warten auf den Aufbruch

Ausnahmsweise finden wir keine mächtige Leuchtgestalt oder einen beschützenden Engel vor. Klein und beinahe verloren kauert er auf der Kante eines Bootes, das im Vergleich zu den anderen kleineren Booten wie ein Luftschiff in großer Höhe anmutet. So wie das Boot perspektivisch von oben gezeigt wird, müsste der Engel eigentlich seitlich herunterfallen. Doch er sitzt mit seinen angezogenen Beinen seelenruhig da und schaut von seinem „Adlerhorst“ auf das Wasser unter ihm.

Wartend, die ungewöhnlichen Zeichen beobachtend: den das Bild horizontal durchquerenden Fischzug, der in das weite Meer aufgebrochen ist, rechtwinklig dazu den mit Wassertropfen angedeuteten Regen, der aus einer prall gefüllten Wolke senkrecht durch das Bild ins Boot am unteren Bildrand fällt. „Tauet Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten“, kommt einem unwillkürlich in den Sinn. Gottes Verheißung, einen Retter zu senden, scheint nicht mehr weit von seiner Erfüllung entfernt zu sein. Es lohnt, sich vorzubereiten und sich Zeit zu nehmen, um das Kommen des Herrn nicht zu verpassen. Auch in der Nacht, denn man weiß nicht, zu welcher Uhrzeit er kommen wird.

Dem Engel gegenüber taucht das Segment eines großen Kreises auf mit labyrinthähnlichem Muster, das an eine Stadt erinnert, gleichzeitig den Verlötungen auf elektronischen Schalttafeln gleicht. Ob es als Symbol für den unermesslich großen Gott gedeutet werden darf, dessen Gedanken unserem Verständnis und unserer Einsicht verborgen sind? Der Ausschnitt dieses unerhört Anderen und Größeren strahlt ein Geheimnis aus, aber auch kommunikative Nähe. Dadurch geschieht etwas, scheint ein fruchtbarer Aufbruch stattzufinden, der das Eis teilt und schmelzen lässt. Der von diesem Aufbruch ausgehende Strom wird mit den vielen Fischen voller Leben gezeigt. Bereits erscheinen die Silhouetten von Häusern und Bäumen beidseits dieses Flusses, als wollten sie auf das paradiesische Bild anspielen, das dem Propheten Ezechiel (47,1-12) gezeigt wurde: auf den vom Tempel ausgehenden Strom, der immer mächtiger wurde. Und Gott erklärte ihm: „Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden (die Fluten) gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ (V 8) Das Wasser macht auch das salzige Wasser gesund, ebenso werden an seinen Ufern Bäume wachsen, die nie ohne Früchte sein werden und deren Blätter nicht verwelken, sondern als Heilmittel dienen.

Hier wird endzeitliches, göttliches Heil im Aufbruch gezeigt. Gott ist dabei, einzugreifen, sich den Menschen sehr nahe zu zeigen. Und überall Boote, auch auf den Flügeln des Engels. Ein augenzwinkerndes Wortspiel mit Bote und Booten? Die Boote sind leer, als wollten sie bestiegen werden. Sie verheißen keinen sicheren Untergrund, verlangen Geschicklichkeit und Vertrauen. Wer die Bootsfahrt wagt, wird sich auf die Strömung einlassen müssen, setzt sich dem Wind und dem Wetter aus. Die Boote sind nicht größer als Nussschalen. – Ob solch ein Wagnis nicht zu gefährlich ist? Kann ER genug Sicherheit geben? Noch ankern die Bootspaare allein auf dem Wasser. Die Flügel des Engels könnten aber andeuten, wie schnell die Wasseroberfläche mit Booten bedeckt sein könnte, wenn alle sich aufmachen würden auf das Wasser des Lebens.

Eine doppelte Erfahrung würde sie begleiten. Erstens, dass sie im Wagnis, Gott zu glauben, getragen werden. Getragen von Gott selbst, der sich als Quelle, ja als Strom des Lebens offenbart. Zweitens, dass solch ein Aufbruch nicht in die Einsamkeit, sondern in eine Gemeinschaft führt, in der sich die Menschen nahe stehen und auf dem unsicheren Untergrund des Lebens eine sichernde Solidargemeinschaft bilden.

Aus der Mitte heraus

Bekannte Elemente wie die sitzende Christusgestalt oder die altmeisterlich vollendete Malweise vermitteln den Eindruck, vor dem Werk eines alten Meisters zu stehen. Der fliegende Fischschwarm zur Linken oder die fallende Skulptur des Gekreuzigten zur Rechten verwirren jedoch und geben Rätsel auf. Auch die beiden Messer und die Lanze, die auf den Sitzenden zufliegen, sind ungewöhnlich und wecken die Sinne, sich intensiver mit diesem Bild auseinander zu setzen, um seiner Geschichte vielleicht etwas auf die Spur zu kommen.

In der Mitte meinen wir unserer Wahrnehmung noch trauen zu können. Der Thronende lässt sich aufgrund der Wundmale als der auferstandene Christus identifizieren. Als Salvator mundi, als Retter der Welt, segnet er die Schöpfung zu beiden Seiten. Dass er nicht wirklich sitzt, sondern vielmehr als Weltenrichter zwischen Tag und Nacht vor dieser mit geheimnisvollen Zeichen versehenen Rückwand und auf diesem erhebenden Sockel erscheint, stört noch nicht weiter. ER steht im Mittelpunkt – in der Mitte des Bildes und betont auf dem roten Kreis des Podests. Dass Christus allerdings die Gesichtszüge des Künstlers trägt, bringt einiges durcheinander. Die Gott zugesprochenen Attribute werden nun gewissermaßen vom Künstler vereinnahmt und machen deutlich, dass auch er die Macht hat, Welten zu erschaffen.

Dabei ist sein Schaffen kein Erschaffen aus dem Nichts. Das Zusammenfügen und Anordnen der verschiedenen Bildzitate stellt vielmehr eine Ordnung dar, die neuen, eigenen Gesetzen gehorcht. Der Bildtitel weist in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Eduard Mörike auf die schiedsrichterliche Funktion des Künstlers hin. Er steht immer zwischen zwei Zeiten und hat es in der Hand zu entscheiden, was er aus dem Fundus der Vergangenheit nehmen will, um die Zukunft zu gestalten. Was durch ihn geschieht, hat durchaus Auferstehungscharakter, wie die drei sich öffnenden, weißen Blüten der sogenannten Osterlilien in Anspielung auf die drei österlichen Tage andeuten. Nicht nur die Macht der Nacht wird gebrochen – links überflutet schon das Licht der Morgensonne die Berggipfel –, auch die Macht des Todes. Am Fuße des Baumstammes, der durch die herabfallende Figur des Gekreuzigten zum Kreuzesstamm wird, wächst wie in der Geborgenheit einer Bauchhöhle, dem Uterus, ein Kind heran – neues Leben. Die stürzende Jesusgestalt muss dabei nicht blasphemisch gemeint sein, sondern kann Zeichen sein, dass er nicht am Kreuz geblieben, sondern von seinen Freunden begraben worden ist. In diesem schwebenden Dazwischen ist er einerseits mit der Kopfneigung in einem eindrücklichen Dialog mit dem Embryo, über den er wie schützend den Arm auszubreiten und ihn zu umarmen scheint, andererseits steht er mit dem linken Arm und dem wehenden Lendentuch in direkter Verbindung zum Auferstandenen. Darauf, dass der Leib des irdischen Lebens der Vergänglichkeit anheimfällt und etwas Neues an seine Stelle getreten ist, können die wie abgehackt wirkenden Armstümpfe und der fehlende Unterleib hinweisen.

Auf der linken Bildseite schweift der Blick in die Weite, aber auch in die Tiefe auf einen Fluss mit starker Strömung, der durch das Tauwasser (gut über und unter der Speerspitze zu sehen) des ewigen Schnees gespeist wird. Was lange Zeit gefroren war, wird durch die Wärme des „neuen Tages“ lebendig und zu einem Quell des Lebens. Die Fleischmesser und die Lanze stehen dazu im Widerspruch. In ihrer Ausrichtung auf „Christus“ und die unmittelbare Nähe zu ihm fühlen sie sich eher bedrohlich an, tragen den Tod in sich. Indirekt haben aber auch sie mit der Auferstehung zu tun. So bat der Auferstandene den ungläubigen Thomas, seine Hand in die durch eine Lanze geöffnete Seite zu legen, um sich zu überzeugen und gläubig zu werden (Joh 19,34; 20,27). Die Bedeutung der Messer erschließt sich mir noch nicht wirklich, sie könnten aber ein Hinweis sein, dass Christus als Lamm Gottes sein Blut für die Vergebung der Sünden vieler vergossen hat.

Zuletzt bleibt uns noch die Deutung der wunderbar gemalten und ganz unterschiedlichen Fische. Dass sie nicht im Wasser schwimmen, stört uns in der neuen Ordnung des Künstlers nicht mehr. Auffallend ist ihre Christus-Orientierung, ihre Ausrichtung auf den Auferstandenen. Ob der Künstler hier die Erzählung vom wunderbaren Fischfang nach einer ergebnislosen Nacht neu ins Bild bringen wollte (Joh 21,1-14)? Die Hundertdreiundfünfzig Fische wurden in der Bibelauslegung immer wieder als Symbol für die gesamte Menschheit gedeutet. Sie könnten aber auch zeichenhaft für die an Christus Glaubenden stehen, diejenigen Menschen, die sich im Glauben Christus zugewandt, ihr Leben aus dem Glauben heraus auf ihn ausgerichtet haben.

Nun könnte die Frage auftauchen, ob der Künstler durch sein Bild vielleicht beabsichtigte, dass ihm eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteil würde wie dem Auferstandenen. Das wäre anmaßend. Aber seine Mittlerfunktion, auf die dieses Stilmittel hinweist, hat uns die Auferstehung Christi und ihre Bedeutung durch die verschiedenen Symbole hindurch neu erfahren lassen. Nach der anfänglichen Irritation ist der Künstler im Verlaufe der Betrachtung wieder hinter sein Vorbild zurückgetreten, damit Er aus der Mitte heraus für alle Menschen auch Quelle des Lebens sein kann.

 

Gelassen stieg die Nacht an Land,
lehnt träumend an der Berge Wand;
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied –
sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
der flücht’gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage, vom heute gewesenen Tage.
(Eduard Mörike)

Abraham

Einsam stünde dieser Mensch in der leeren Wüsten- oder Steppenlandschaft, wäre ihm am Himmel nicht der Mond zugewandt und ginge am Boden nicht ein Flammenteppich von ihm aus, würde er nicht links und rechts von Symbolen flankiert.

Geerdet ragt dieser Mensch mit seiner aufrechten Haltung in den Himmel hinein. Doch sein Geist scheint von den himmlischen Sphären derart berührt und inspiriert, dass er sich in der Weite der Landschaft nicht mehr allein erfährt. Da ist ein Du, das ihn wie der blau-rote Mantel umgibt und segnet. Ein personales Du, das zu ihm spricht und ihm das Potential eines Weizenkorns offenbart. Ein Du, das ihn mit Leben erfüllt und wie ein brennendes Feuer führt.

Er scheint in Gedanken versunken vorwärtszuschreiten. Was er in der Begegnung mit seinem Gott erfahren hat, bewegt ihn vom Kopf übers Herz bis zu den Füssen und weist ihm seinen Weg. Vielleicht denkt er gerade über die Verheißung nach, dass er, der Kinderlose, Vater einer unzählig großen Menschenmenge werden wird. Ob das Flammenmotiv zu seinen Füßen auf diese Vielzahl hinweisen will? Wie ein Feuer breitet es sich von ihm ausgehend, wegweisend vor ihm aus. Unwillkürlich mag der eine oder andere auch an den brennenden Dornbusch denken, in dem sich der gleiche Gott in einer anderen Zeit dem Moses in der Wüste offenbart und erfahrbar gemacht hat.

Abraham hat der Zusage Gottes Vertrauen geschenkt, trotz des Unfassbaren. Er hat das Gehörte als Wahrheit geglaubt und danach gehandelt. Das hat ihn zum Vater aller Glaubenden gemacht und lässt die Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen sich auf ihn berufen. Deshalb steht er im Bild in der Mitte von Menora, Halbmond und Kreuz, der Symbole für das Judentum, den Islam und die Christenheit. Er schreitet vor dem nächtlichen Himmel, der als Zeichen für Gott gedeutet werden darf, der ihn gesandt hat, im Vertrauen zu gehen.

Abraham schreitet auch vor unseren Augen – als Vorbild des Glaubens und als Gesegneter mit einer großen Ausstrahlung. Umgeben von den Symbolen der drei großen monotheistischen Weltreligionen, ihre Glaubensgemeinschaften und -traditionen gleichsam im Rücken habend, scheint er uns zu ermutigen, auch in der heutigen Zeit, ja heute – im Hören und Vertrauen auf Gottes Stimme in uns – aufzubrechen, uns von alten Bindungen zu lösen und unseren Weg in die Zukunft zu gehen. Um unsererseits zu einem Glaubenszeugen für Gott und einem Segen für eine Vielzahl von Menschen zu werden.

Aufnahme in den Himmel

In einer wunderbar starken Bewegung senkt sich der blaue Raum auf den dunkelgrauen Figurenkomplex nieder und berührt beinahe die stehende Gestalt. Sie trägt ein Kind auf ihren Armen und steht an einem Bett. Der Silhouette nach beugt sich links eine weitere Person über die im Bett Liegende. Ob sie schläft, krank oder gar gestorben ist, lässt sich aus den wenigen Hinweisen nicht ableiten.

Allerdings erscheint die Figurengruppe zwischen zwei Welten dargestellt. Bröckelt nicht die Erde unter dem Bett weg, verweigert sie nicht den nötigen Halt, um sicher darauf stehen und leben zu können? Durch diese feinen gestalterischen Veränderungen des Hintergrundes befindet sich die Figurengruppe in einer Übergangszone zwischen Erde und Himmel, die sich grau und gegenstandslos gibt. An seiner engsten Stelle scheint das Bett mit den Personen zu schweben und wenn sich der Himmel weiter herunterneigt, bald von ihm umgeben zu sein.

Diese Hinweise deuten darauf hin, dass die im Bett liegende Person gestorben sein muss. Die intensive blaue Farbe und die Herkunft der Figurengruppe aus dem Marientod von Giotto di Bondone (1310) verbinden das Bildgeschehen letztlich mit Maria und ihrer Himmelfahrt, wie in der Umgangssprache ihre Aufnahme in den Himmel bezeichnet wird.

In diesem Bild wird nicht mit Engelscharen, Pauken und Trompeten ihre glorreiche Himmelfahrt gefeiert. Still neigt sich der Himmel wie in einer großen ehrenden Verneigung über das Sterbebett Mariens, um ihr ewige Heimat bei Gott zu geben. In Christus ist Gott selbst an das Sterbebett Mariens herangetreten, um sie persönlich zu sich zu holen. Bildhaft ist dies bereits mit dem Kind auf seinen Armen geschehen, welches die Seele von Maria darstellt, die bereits bei Gott weilt.

Was für eine gewaltige Vision, dass Gott uns Menschen im Tod nahe ist und diejenigen zu sich holt, die während ihrer Erdenzeit mit ihm gelebt haben, ja ihn aufgenommen und ihm das Leben und ihre liebende Zuwendung geschenkt haben.

Die kraftvolle und blauschwere Weite des Himmels laden zum Meditieren dieses Glaubensgeheimnisses ein. Wenn die Erde uns ihren nährenden Boden entzieht, dann bietet die Weite des Himmels einen neuen Halt. Oder bildlich gesprochen, wenn die Kräfte der Erde schwinden und sie austrocknet, wird der Himmel sich öffnen und lebenspendende Wasser regnen lassen.

Diesbezüglich erinnert das Bild an das adventliche Kirchenlied „Tauet, Himmel, aus den Höhn, tauet den Gerechten, … Wolken regnet ihn herab!“ (GL 104; KG 313) Was verdorrt ist, soll unter seinem Segen aufblühen, heißt es da. Und in der dritten Strophe wird sehnsüchtig gerufen: „Komm, du Trost der ganzen Welt, rette uns vom Tode. Komm aus deiner Herrlichkeit, komm uns zu erlösen.“

An Maria hat sich die Verheißung Gottes, „den Mittler selbst zu sehen und zum Himmel einzugehen“ (KG 303,1) bereits erfüllt! Als Glaubende leben wir in der Hoffnung, dass Gottes Verheißung auch uns gilt und unser irdisches Leben durch sein Kommen vollendet.

Vom Geld schenken

In beschwingter Bewegung füllt der Dollar-Schein das Bildfeld. Von links nach rechts aufsteigend findet die horizontale Bewegung im farblich hervorgehobenen Bild eines Mannes ihren Höhepunkt, um dann in die Vertikale zu gehen und in der rechts unten angedeuteten Person ihren Abschluss zu finden. Mit wenigen Strichen lenkt der Künstler damit unsere Aufmerksamkeit auf den „am Boden“ liegenden, durch seine violette Farbe auch als leidend charakterisierten Menschen. Er scheint unter dem Geldschein Schutz gefunden zu haben und von der Person über ihm begünstigt zu werden.

Mit seiner runden Brille, den kurzen Haaren und dem gepflegten Aussehen ist letzterer unschwer als Bill Gates zu identifizieren, der Gründer von Microsoft. Mit Computersoftware wurde er zu einem der reichsten Männer der Welt. Die schwungvolle Bewegung der Banknote unterstreicht seinen wirtschaftlichen Aufstieg, seine Positionierung neben George Washington stellt ihn als einen für Amerika und damit für die ganze Welt äußerst einflussreichen Mann dar. Dies geschieht einerseits durch die von ihm vertriebene Software, die unsichtbar weite Bereiche unserer Gesellschaft steuert, andererseits durch das Geld.

Die raumfüllende Banknote lässt die Dominanz des Geldes spüren. Ihre schwebende Darstellung suggeriert, dass es leicht verdient werden kann. Der Umstand, dass die Farbe des „Greenback“, wie der Geldschein aufgrund seiner Farbe genannt wird, zur Hintergrundfarbe geworden ist und das ganze Bild beherrscht, visualisiert zudem die Macht und den Einfluss des Geldes: So transparent und leicht die Banknote erscheint, so bedeutungsschwer durchdringt und beherrscht das Geld das Denken und Tun vieler Menschen – im Guten wie im Schlechten.

Dieser Gedankenansatz ist weiterzuverfolgen. Die rote, herunterhängende Krawatte von Bill Gates legt eine Verbindung zu der Person unter ihm nahe, die im Gegensatz zu ihm „gesichtslos“ und haltlos dargestellt ist. Der rote Schlips weist mit seiner Form zudem auf das Solidarisierungssymbol der Anti-Aids-Kampagne hin, so dass der Liegende als Aidskranker interpretiert werden darf. In seiner für viele stehenden Person schließt sich der Kreis. 1999 haben Bill und Melinda Gates die weltweit größte Privatstiftung gegründet, die heute mit den Zinsen des über 37 Milliarden US-Dollar großen Grundkapitals so umfassend wie keine andere Institution infektiöse Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und vor allem auch Aids bekämpfen kann. Darauf weist die Dollar-Note hin. Sie ist die Grundlage dieser einzigartigen Initiative und all des Guten, was damit gemacht wird.

Dass der Künstler sein Bild allerdings in den Zusammenhang mit dem Almosen-Geben und Jesu Bergpredigt (Mt 5-7) bringt, muss uns stutzig machen. Almosen ist ein altertümliches Wort, das an kleine Geldbeträge erinnert, an die Münzen, die wir verschämt in den Hut eines am Straßenrand Sitzenden oder in den Klingelbeutel der Kirche werfen, aber nicht an Bill Gates und seine Riesenstiftung. Auch die Überlieferung der Worte Jesu aus der Bergpredigt – der Zusammenfassung der Maximen christlichen Verhaltens im Leben – will nicht zur Stiftung von Bill Gates und den Aids-Kranken passen. Sind das nicht heutige Probleme?

Jesus sagt: „Hütet Euch, Eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen, sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir her posaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ (Mt 6,1-4)

Was für Gegensätze in der Zeit, in der Sprache und sicher auch in der Geldmenge! Kann denn eine Milliardenstiftung verborgen bleiben, so dass nur Gott davon weiß? Geht es nach Jesu Aussage wirklich darum, dass Geldspenden nur im Verborgenen gemacht werden dürfen? Jesus lebte und lehrte in einem sozialen Umfeld, in dem die Bedürfnisse der Hungernden und Dürstenden, der Obdachlosen und Kranken vom „Nächsten“, das heißt von der Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft abgedeckt wurden. Da lag es nahe, in den kleinen Gemeinschaften mit seinen Guttaten zu prahlen, um Anerkennung und Lob zu erhalten und sich gegenseitig zu übertreffen.

War das nur damals? Sind uns diese menschlichen Verhaltensweisen nicht auch bekannt? Vor aller Augen Gutes zu tun, um mit seinem Vermögen zu imponieren, Wählerstimmen zu gewinnen, den Steuerfreibetrag zu erhöhen usw.? Dieses Verhalten prangert Jesus an. Ihm geht es um die Transparenz des Einsatzes. Wer etwas Gutes tun will, der muss es uneigennützig machen, voll und ganz für den Bedürftigen. Alles andere ist unehrlich und ungerecht. Diesbezüglich gilt das Wort Jesu für seine Zeitgenossen wie für moderne Wohltäter, für kleine wie unermesslich große Almosen. Bill Gates steht stellvertretend für jeden von uns, der mit einem Teil seines Vermögens Gutes tut, der Dollar-Schein für jeden Geldbetrag und Zeitwert, den wir teilend einsetzen, um die vielgestaltigen Nöte anderer Menschen zu lindern und ihr Leben lebenswerter zu gestalten.

Gerade wer viel Geld spendet, wer viel Gutes tut, kann dem Medieninteresse und -rummel schwer entgehen. Das Verbreiten eines guten Werkes kann ja auch Gutes bewirken und z.B. andere Menschen anregen, auf ihre Weise Ähnliches zu tun. Entscheidend wird die Herzensbewegung des Gebers sein. Diesen in der Tiefe des Herzens verborgenen Grund wird nur Gott einsehen und bewerten können … Aber ist das überhaupt nötig, wenn man mit einem reinen Herz schenkt?

 

Diese Arbeit stammt aus dem sehr schönen und mit 34 anregenden Bildern gestalteten Buch „Die Bergpredigt. Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5-7″. Weitere Informationen sowie eine Bestellmöglichkeit finden Sie auf der Website des Fütterer-Verlags.

Wahr-Nehmung

Ein sanftes Farbenspiel bewegt dieses Bild. In feinen Pinselstrichen sind Farbpigmente aufgetragen worden, die sich in den Linien kreuzen, überlagern und dadurch Dichte vermitteln, Vernetztheit, Zusammengehörigkeit. Die Farben sind hier nicht Attribute von irgendetwas, sondern haben ihren Sinn in sich selbst: Sie wollen aus sich heraus die Fantasie anregen, Stimmungen und Gefühle hervorrufen.

Als Ganzes, als Farbkanon nehmen sie das sich tief in sie hineinsenkende Licht auf und reflektieren es mit jeder „Faser“, mit jedem Strich. Durchdrungen, ja geradezu trunken von diesem Licht in ihrer Mitte, entfalten die Farben ihre feine Leuchtkraft.

Im Vergleich zu den Darstellungen der anderen Jahreszeiten (Frühling, Herbst, Winter) vermitteln die Farben Kraft- und Lebensfülle. Weder ein Sehnen und Werden ist herauszuspüren, noch ein Vergehen oder Entschwinden. Es herrscht Ruhe in diesem Sein, starke Gegenwart.

Assoziativ mögen die Farben an Eindrücke aus der Natur denken lassen. An das Lichtspiel im Wald zum Beispiel, wenn die Sonne zwischen den Bäumen hindurchscheint und eine versteckte Blumenwiese zum Leuchten und Funkeln bringt. Oder umgekehrt an die gleißende Hitze, welche die Farben zum Flimmern bringt und ihnen ihre Intensität zu entziehen scheint. Die Farben erinnern auch an Früchte des Sommers und lassen deren Aroma und Süße ahnen.

Weitergehend können die Farben und Schwingungen als physikalischer Ausdruck unserer Körperenergie oder Geisteskraft gesehen werden. So wie wir umgangssprachlich sagen: „Ich fühle mich beschwingt, es geht mir gut“, „ich spüre eine große Ruhe in mir“ oder „ich bin voller Energie …“ Wer sich also in das Bild „hineinsieht“, vermag sich unter Umständen wie in einem Spiegel selbst zu entdecken und in einer neuen Art und Weise wahrzunehmen.

Dabei kann das sanft bewegte Farbenspiel auch als Bild der Seele empfunden werden. Voll von den unterschiedlichsten Gefühlen und Eindrücken, die sich im Laufe der Zeit überlagern und immer mehr verdichten, sehnt sich unser Innerstes nicht nur nach Sonne und Licht, welche sie bis in die Tiefen ihres Wesens hell und warm macht, sie ist darüber hinaus auch auf das alles durchdringende und verwandelnde Licht aus einer anderen Welt ausgerichtet, das sie mit allen Fasern ihres Seins erwartet. Denn erst dieses Licht macht die Farben – stellvertretend für die ganze Welt – wahrnehmbar und lässt sie unser Ich erreichen, unsere geistige Mitte und Seele. Das gibt zu Denken und lässt die intensiven Farben des Sommers in einem anderen Licht sehen.

Schrift-Bild

Auseinandersetzung
Schriftzeichen begegnen uns im Alltag überall: meist schwarz auf weiß transportieren sie in den Printmedien, der Werbung, dem Straßenverkehr und an anderen Orten Informationen. Kontrastreich und linear geordnet dienen sie der guten Lesbarkeit. Der Sinn der Buchstaben und Worte soll schnellstmöglich erfasst werden können. Wenn ein Künstler die Schrift selbst gestaltet, lässt er sie zu einem Bild, zu einem Schriftbild werden. Diese Schriftbilder wollen keine Illustration, sondern ein Durchdringen und Vertiefen des Wortsinns zum Ausdruck bringen. Durch die Gestaltung der Buchstaben und Worte sowie des Hintergrunds wird der Wortsinn verstärkt, die Schrift selbst zu einem sprechenden Bild.

Worte aus dem Buch Jeremia (1,17-19) haben Samuel Buri zu einem farbenfrohen, geradezu kunterbunten Bild inspiriert. Die gleichmäßig großen, handgeschriebenen Buchstaben füllen das ganze Bildfeld aus. Auf dem vielfarbigen Hintergrund heben sie sich durch ihre eigene Farbigkeit mehr oder weniger kontrastreich ab. Manchmal wechselt die Farbgebung der Buchstaben mitten in einem Wort. Durch diese plötzlichen Wechsel entstehen Irritationen. Ein äußerst lebendiges Geschehen voller Veränderungen wird deutlich. Intensive Farben und klare Abgrenzung zwischen Schrift und Hintergrund vermitteln im oberen Teil ebenso gegensätzliche Positionen wie Nachdruck im Gesagten. In der unteren Bildhälfte werden die Farben sanfter und die beiden Ebenen gleichen sich einander an. Doch die Auseinandersetzung bleibt spürbar.

Einzelne Worte springen dem Betrachter wie Schlagworte in die Augen und vermitteln das Wichtigste in Kürze: „Du aber gürte … sage ihnen alles, was ich dir gebiete. Erschrick nicht … Schrecken … sieh, ich … Könige … Priester … bekämpfen werden … Herrn, um dich zu retten. Jeremias“.

Da erhält ein „Du“ den Auftrag aufzustehen und entschlossen ein vielsagendes („alles“) Wort furchterregenden Menschen zu verkünden („erschrick nicht vor ihnen“). Die Aufzählung lässt ahnen, dass er mit seiner Botschaft allein gegen ein ganzes Land stehen wird, angefangen von den Machthabern über die Priester bis hin zum einfachen Volk. Aus dem Wortlaut geht hervor, dass er eine unbequeme Botschaft verkünden muss, eine Botschaft, die niemand hören will. Deswegen werden sie ihn bekämpfen und versuchen ihn mundtot zu machen. Doch der Beauftragte soll nicht erschrecken, wenn sie ihn angreifen, denn sein Auftraggeber hat ihn mit einer Widerstandskraft ausgestattet, die einer befestigten Stadt gleicht. Denn Gott selbst, der Herr, wird mit ihm sein. Wie eine beglaubigende Unterschrift steht am Ende des Textes der Name Jeremias.

Jeremias
Die Worte richten sich an den jungen Jeremias auf der Suche nach seiner Aufgabe im Leben. Er war Sohn eines Priesters aus dem heutigen Anata und muss um 650-625 v. Chr. geboren sein. Seine Zeit war von politischen Machtkämpfen im ganzen vorderasiatischen Raum geprägt. Das assyrische Reich beherrschte damals das Gebiet zwischen Nil und Tigris. Die judäischen Könige waren Vasallen von Assur und mussten Tribut zahlen. Babylon, Medien und Ägypten erhoben sich gegen die assyrische Herrschaft, wodurch Judäa immer wieder zum Kriegsschauplatz wurde. Dementsprechend schlecht war der sittlich-religiöse Zustand in Judäa. Öffentlichem Götzendienst standen die Priester meist hilflos gegenüber, ebenso der Verrohung und dem Verfall der Sitten im privaten und öffentlichen Leben.

In diesem Milieu hatte Jeremias ein starkes inneres Erlebnis. Er spürte deutlich den Auftrag Jahwes, sein Volk wachzurütteln und zur Umkehr zu bewegen. Und er solle dies nicht in den Fußstapfen seines Vaters inmitten der versagenden Priesterschaft tun, sondern als Wanderprediger und Weissager. Damit war er mit der Weisung, dem Auftrag Jahwes zu folgen, und dem Versprechen, dessen Schutz und Beistandes sicher sein zu können, ganz auf sich allein gestellt. Dieses innere Erlebnis stellt das Buch Jeremias mit dem zu dieser Zeit üblichen Stilmittel der wörtlichen Rede in Dialogform lebensecht dar. Im Schriftbild von Samuel Buri wird der Höhepunkt dieser Auseinandersetzung zwischen Jahwe und Jeremias, der sich der ihm zugedachten Aufgabe entziehen will, weil er sich ihr in seinen jungen Jahren nicht gewachsen fühlt, miterlebbar veranschaulicht.

Auftrag und Entscheidung
Geradezu unheilvoll haben sich im oberen Bildteil die Farben zu einem dunklen Gewitterhimmel zusammengebraut. Ungewissheit, ratloses Hinundhergerissensein sind herauszuspüren. Die wechselnden Farben geben alle Phasen eines inneren Kampfes wieder: soll ich, soll ich nicht; kann ich, kann ich nicht; will ich, will ich nicht; muss ich dem Ruf folgen oder kann ich mein Leben so gestalten wie ich will? Warum verspüre ich ein so starkes Gefühl der Sicherheit von Jahwes Auftrag und seinem Schutz und andererseits Angst und Unsicherheit? So geht der Auftrag, der eigentlich in klaren weißen Buchstaben dasteht, durch die emotionale Einfärbung an manchen Stellen beinahe in den brodelnden Gefühlen und widerstreitenden Gedanken unter, die er auslöst. Erst im unteren Viertel des Bildes ist mehr Gleichmaß, mehr Ruhe, als habe sich der Entschluss gefestigt, den Auftrag in der Hoffnung auf Jahwes Beistand anzunehmen.

Eine Widmung am rechten Bildrand stellt eine Brücke zur Gegenwart dar: „für FB von SB“. Der Künstler hat das Bild seinem Vater, dem evangelischen Theologen Fritz Buri gewidmet. Im Entstehungsjahr des Bildes wäre er hundert Jahre alt geworden. In jungen Jahren hat er diesen Text von seinem Professor als „Weisung“ auf den Weg als Theologe und Pfarrer erhalten. Gott beruft zu jeder Zeit Menschen in ihre je eigenen Lebensaufgaben, im weitesten Sinn also in Seinen Dienst. Jeder steht einmal oder wiederholt in diesem vom Künstler so anschaulich dargestellten Entscheidungsfeld und muss sich entscheiden. Insofern sind und bleiben das anfängliche „Du“ Anspruch und Auftrag an jeden Menschen, die weiteren Worte Gottes Ermutigung.

 

Dieses Bild entstammt der Zürcher Bibel – Kunstbibel 2007. Einspaltige Ausgabe mit 25 Schriftbildern von Samuel Buri 2007, ca. 2000 Seiten, 14,2 x 22 cm, Hardcover, ISBN 978-3-85995-243-0, CHF 60,00 / EUR 38,00

Prospekt zur Zürcher Bibel 2007 mit allen Aquarellen von Samuel Buri

Dieser Bild-Impuls wurde in der Ausgabe 1/2008 der Zeitschrift „das münster“, Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft erstveröffentlicht.

Bedeutungsschwerer Dialog

Sie sind unschwer zu erkennen, die beiden menschlichen Gestalten. Auch wenn von ihnen nur die Umrisse und Flächen von Brust und Kopf gezeigt werden. Hell zeichnet sich ihre Silhouette vor dem dunklen Hintergrund mit einem flächen- und raumfüllenden Gewirr an Linien ab.

Begegnung. Nebeneinander abgebildet scheinen sich die beiden Personen doch zugewandt. Denn während bei der rechten Gestalt ganz schwach in grün-schwarzer Farbe Gesichtszüge wahrzunehmen sind, erweckt die linke Gestalt den Eindruck, von hinten bzw. von der Seite dargestellt zu sein und sich zur rechten Person hin zu drehen. Da ihre Körper nur mit wenig Farbe betont sind, erschiene ihre Begegnung farblos und leer, wenn sie nicht durch die vielen weißen Linien wie mit Kabeln verbunden wären.

Kommunikation wird sichtbar. Austausch in der ihren Körpern eigenen Farbe und Sprache. Wie eine Aura umgeben diese unzähligen „Sprachrohre“ ihre Gestalten, vernetzen die beiden und füllen den dunklen Freiraum mit der den Körpern eigenen Art der Äußerung. Der Dialog verbindet und bildet ein sich stets verdichtendes Netz, das Halt und Sicherheit schenkt und den einen oder anderen im Fallen aufzufangen vermag.

Die Bedeutung des persönlichen Gesprächs wird in diesem Bild auf sehr schöne Weise sichtbar. Viele Worte können Verstrickungen sein, manchmal sind es der Worte zu viele, so dass man zu ersticken droht. Doch die liebevolle Zuwendung und Aufmerksamkeit ist allenthalben etwas Wunderbares und Stärkendes, das uns nicht in ein dunkles Loch gleiten lässt, weil ein anderer da ist, der im dialogischen Ausloten die Veränderungen spürt und dadurch reagieren und aufzufangen vermag. Noch stehen beide Personen, noch sind sie im Lot. Aber einst wird ihnen das Gesprochene und miteinander Erlebte inneren Halt geben müssen, werden sie von den wertvollen Stunden der Vergangenheit zehren und ihren geistigen Lebensunterhalt damit bestreiten. – Vorsorge in den erfüllten Augenblicken begegnenden Seins, damit es in einsamen Stunden nicht farblos und leer ist.

umsichtige Präsenz

Hart und scheinbar zusammenhanglos begegnen uns die drei hochformatigen Teile dieses Triptychons. Mit einer expressiven Farbgestaltung zieht vor allem die mittlere Paneele den Blick auf sich. Warme Braun- und Rottöne deuten den Leib einer menschlichen Gestalt an, von der nur der Kopf deutlich erkennbar ist. Strahlenförmig scheinen sie von einer dunkleren Mitte nach oben und nach unten zu gehen. Dabei bilden sie so etwas wie einen Schild und erwecken den Eindruck, als schaue der Kopf aus dem einzigen freien Winkel über diese „Farbwand“ hinaus in eine undefinierte Weite.

Die beiden Seitenteile sind als gegenstandslose, graublau-weißsilbrig schimmernde Flächen gestaltet. In der pastos aufgetragenen Farbe sind Kerbspuren feststellbar, oben mehr diagonal auslaufend, in der unteren Hälfte in Form von Augen.

Eine Verbindung zwischen Mittel- und Seitentafel ist auf den ersten Blick kaum wahrnehmbar. Doch über das Ganze gesehen lässt sich durch die Schattierungen eine leichte, diagonal nach rechts aufstrebende Struktur erkennen. Dadurch werden der nach links schauenden Gestalt gewissermaßen Flügel verliehen. Ob sie einen Engel darstellt? Einen Cherub wie in Ezechiel 1,4-21 oder aufgrund der roten Gestalt gar einen Seraphen, jenes himmlische Wesen, das von seiner brennenden oder entzündenden Eigenschaft geprägt ist und oft mit vielen Augen am Leib dargestellt wird?

Wie dem auch sei, es geht etwas Behütendes und Beschützendes von dieser Gestalt aus. Zwischen kühlen Farben der beiden Seitentafeln vermittelt sie erdige Wärme und angenehme Gegenwart. Als farbiger Lichtblick taucht sie wie eine sinnlich wahrnehmbare Erscheinung aus einer anderen Welt vor unseren Augen auf, unnahbar entrückt und doch Zuversicht ausstrahlend. Aus der Mitte lebend verändert und integriert sie die Umwelt, lässt sie zu Flügeln werden, die ihr die Schönheit eines Pfaus verleihen, der gerade sein Rad schlägt.

Von diesen Augen hat man nichts zu befürchten. Sie verweisen nicht auf die allgegenwärtigen Kameralinsen von „Big Brother“, sondern lassen vielmehr umsichtige Wachsamkeit des Dargestellten spüren, seine „gemittete“ Präsenz. Ob Bote des Himmels oder Sinnbild für uns – wer er auch sein mag – er ist ganz da, erfüllt von einer warmen, guten Kraft, die wohl tut und von der man sich gerne anstecken lässt. Mit seinen inneren und äußeren, sichtbaren und unsichtbaren Augen nimmt er seine Umgebung wahr und kann so umsichtig handeln, Gefahren ausweichen und zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tun.